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Full text of "Versuch einer wissenschaftlichen Begründung der Psychologie"

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VERSUCH 


EINER 


WISSENSCHAFTLICHEN BEGRÜNDUNG 


DER 


PSYCHOLOGIE 



VON 

PROF, m P. JESSEN. 



BERLIN, 

VERLAG VON VEIT & COMP. 
1855 . 


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Seinem Freunde 


• dem 

Geh. Medicinalrathe Dr. C. Flenuning 

in Schwerin 


gewidmet 


von 


dem Verfasser. 


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VERSUCH 

EINER 

WISSENSCHAFTLICHEN BEGRÜNDUNG 


DER 


PSYCHOLOGIE. 


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An Flemming, 


Als ich mir die Erlaubnis erbat, mein verehrtester Freund, 
Ihnen das vorliegende Werk widmen zu dürfen, hegte ich 
die Hoffnung, dass es verdienen werde, unter Ilu-en Auspicien 
zu erscheinen. Jetzt, da es vollendet vor mir liegt, bin ich 
zweifelhaft geworden, ob ich nicht besser gethan hätte, es 
ungedruckt zu lassen. Abgesehen von manchen Einzelheiten, 
welche ohne gehörige Ueberlegung der flüchtigen Feder ent- 
flossen sind, befriedigt mich weder die Form, noch der 
Inhalt des Ganzen; in ersterer vermisse ich die strenge wis- 
senschaftliche Ordnung, in letzterem mehr oder weniger die 
Gründlichkeit des Nachdenkens. Ich muss mich dabei be- 
ruhigen, dass ich es nicht für eine wissenschaftliche Bear- 
beitung der Psychologie ausgebe, sondern nur für einen 
Versuch einer Begründung derselben, und dass erste Ver- 
suche gewöhnlich mangelhaft und unvollkommen ausfallen. 
Dass ich bei abermaliger Durcharbeitung des Werkes dem- 
selben eine vollendetere Gestalt zu geben vermöchte, erkenne 
ich deutlich; ob ich aber den betretenen Weg weiter ver- 
folgen, oder Zeit und Kräfte lieber anderen Zweigen unserer 
Wissenschaft zuwenden soll, wird von der Aufnahme abhän- 
gen, welche diesem Versuche zu Theil wird. Möge er denn 


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hinaustreten in die Welt, Beifall oder Missfallen, Anerken- 
nung oder Tadel finden, wie er es verdient. Bei Ihnen darf 
er jedenfalls auf eine freundliche Aufnahme rechnen, und es 
gereicht mir zur besonderen Freude, dass ich diese Gelegen- 
heit dazu benutzen kann, die Liebe und Hochachtung öffent- 
lich auszusprechen, welche ich für Sie empfinde. 

Hornheim bei Kiel, den 5. Mai 1855. 


Dr. P. Jessen. 


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Inhalt, 


Brite 

Einleitung 1 

Erster Theil. Von dem Seelenleben im Allgemeinen. 

Erstes Kapitel. Begriff des Seelenlebens 46 

Zweites Kapitel. Wesen und Entwicklungsstufen des 

Seelenlebens 63 

Drittes Kapitel. Von den Seelenkräften im Allgemeinen 112 

Zweiter Tbeil. Von dem menschlichen Seelenleben 142 

Erster Abschnitt. Von dem Seelenleben des Menschen 

im wachenden Zustande 166 

Erstes Kapitel. Von den Unterschieden des See- 
lenlebens oder den verschiedenen Seelenkräften . 177 

I. Von den Functionen des Geistes oder der In- 
telligenz 177 

1) Sinnestliätigkeit 246 

2) Verstandesthätigkeit 242 

3) Vernunftthätigkeit 252 

II. Von den Functionen des Gemüths .... 2C4 

1) Gemeingefühl 286 

2) Selbstgefühl 289 

3) Moralisches Gefühl oder Gewissen . . . 310 

HI. Von den Functionen des Willens 330 

1) Instinct 354 

2) Willkühr 357 

3) Freier Wille 362 

Zweites Kapitel. Von den Verhältnissen der See- 
lenkräfte zu einander. 

I. Entgegensetzung von Geist und Gemüth . . 366 

II. Identität von Geist und Gemüth 371 

DI. Wechselwirkung von Geist und GemütE . . 374 


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Seile 

Drittes Kapitel. Von dem Zusammenhänge der 
Seelenkräfte. 

I. Von dem Kreisläufe der Ideen und der Ner- 

venthätigkeit 394 

II. Von dem Selbstbewusstsein und Gedächtniss . 471 

III. Von der Selbtthätigkeit oder Spontaneität der 

Seele 497 

Zweiter Abschnitt. Von dem Seelenleben des Men- 
schen im träumenden Zustande . ' 504 

Erstes Kapitel. Vom Traume 509 

Zweites Kapitel. Vom Delirium 554 

Drittes Kapitel. Vom Nachtwandeln und Schlaf- 
reden 570 

Viertes Kapitel. Von der Ecstase 633 

Fünftes Kapitel. Von dem Traumwachen oder 

magnetischen Somnambulismus 691 


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Einleitung. 


Qic Psychologie kann gegenwärtig kaum auf den Namen 
einer Wissenschaft Anspruch machen, wenn wir nur ein auf 
festem Grunde ruhendes und zu einem systematisch geord- 
neten Ganzen entwickeltes Wissen eine Wissenschaft nennen. 
Sie entbehrt jeder sicheren Begründung, und wir suchen ver- 
gebens in ihr solche Grundlagen, wie sie die Mathematik in 
ihren unbestrittenen Principien, die Naturwissenschaften in 
ihren durch Beobachtung festgestellten Thatsachen besitzen. 

Die Unvollkommenheit unserer psychologischen Erkenntniss 
hat gewiss ihren Hauptgrund in der Schwierigkeit der Sache 
selber, mehr oder weniger aber auch in der verkehrten Art 
und Weise, in welcher man das Seelenleben bisher zu erfor- 
schen versucht hat. Die Psychologie ist von Alters her als 
ein Theil der Philosophie betrachtet und fast nur von Philo- 
sophen bearbeitet worden; aber nicht als eine auf festen 
Grundlagen ruhende und durch den Einzelnen weiter zu ent- 
wickelnde Wissenschaft, sondern als eine von jedem Einzelnen 
neu zu begründende und von Grund aus aufzubauende. Sie 
konnte daher nicht fortschreiten, wie die Naturwissenschaften, 
durch gemeinsame Bemühungen vieler; jeder musste viel- 

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mehr von vorne wieder anfangen, und wäre man in anderen 
Wissenschaften nicht anders verfahren, so würden sie eben- 
falls stehen geblieben sein, ohne die Stufe ihrer gegenwär- 
tigen Entwicklung zu erreichen. Bei vollkommener Aner- 
kennung des mächtigen Einflusses, welchen die Philosophie 
auf die allgemeine geistige Ausbildung der Menschheit ge- 
habt hat, kann man zugleich mit Hegel behaupten, dass die 
Psychologie durch alle Bemühungen der Philosophen seit 
Aristoteles wenig gefordert worden sei. 

Es ist überhaupt nicht Sache der Philosophen, eine spe- 
cielle Wissenschaft zu begründen; ihre eigentliche Aufgabe 
besteht vielmehr darin, den allgemeinen Inhalt aller besonde- 
ren Wissenschaften in ihrem Zusammenhänge darzustellen. 
Sie hat nicht die Einzelheiten zu beobachten und zu erfor- 
schen, sondern das Allgemeine und Nothwendige darin auf- 
zuweisen. Es giebt eine Philosophie der Mathematik, der 
Naturwissenschaften, der Geschichte, der Jurisprudenz: diese 
Wissenschaften selbst mussten aber da sein, ehe eine Philo- 
sophie derselben möglich war. In der Psychologie dagegen 
hat man den vergeblichen Versuch gemacht, die noch nicht 
existirende Wissenschaft philosophisch zu begründen und auf 
dem Wege philosophischer Deductionen zu entwickeln. 

Der Grund, weshalb die Erforschung des Geistes oder 
der Seele so lange den Philosophen allein überlassen blieb, 
ist ohne Zweifel darin zu suchen, dass man Geist und Natur 
als einander entgegengesetzt zu betrachten gewohnt war. 
Der Geist existirt aber nicht ausserhalb der Natur, sondern 
in ihr, und die Psychologie kann naturgemäss nur als ein 
Zweig der Naturwissenschaft betrachtet werden. Wirkliche 
und bleibende Fortschritte sind in ihr nur dann zu erwarten, 
wenn man sie in ähnlicher Weise bearbeitet, wie es in allen 
anderen Zweigen der Naturwissenschaft geschieht: erst That- 
sachen, dann Raisonncment, niejit umgekehrt. Erst in der 
neuesten Zeit hat man angefangen, dies zu thun, und es ist 
vorher auch kaum möglich gewesen, auf diesem Wege viel 
zu erreichen, weil man von der Physiologie des Gehirns und 
Nervcnsystemes, den Trägern und Organen des Seelenlebeus, 


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zu wenig wusste, um daraus Aufschlüsse über das Leben und 
Wirken der Seele herleiten zu können. Der Eifer, womit 
dieser Zweig der Physiologie gegenwärtig bearbeitet wird, 
und die bereits gewonnenen Resultate eröffnen sehr erfreuliche 
Aussichten für die Zukunft, und vielleicht wird die Psycho- 
logie schon im Laufe des gegenwärtigen Jahrhunderts auf 
diesem Wege eine ganz andere Gestalt gewinnen. Jedenfalls 
sind von dieser Seite her die bedeutendsten und wichtigsten 
Fortschritte zu erwarten, von der Philosophie dagegen ist 
wenig zu hoffen. 

In jeder Wissenschaft muss man ausgehen von demjenigen, 
was man weiss, und von da aus weiter zu kommen suchen, die 
Kenntniss muss der Erkenntniss vorangehen. Ueber ganz un- 
bekannte Gegenstände kann man weder nachdenken, noch Un- 
tersuchungen anstellen. Was man aber in der Psychologie, 
wie in allen Naturwissenschaften zuerst kennen lernt, was in 
unserem Wissen jeder weiteren Erkenntniss vorausgeht, das 
sind die Erscheinungen: ihre Beobachtung allein giebt das 
sichere Fundament der Wissenschaft, die Theorie bedingt das 
Fortschreiten derselben. Sie fordert auf zu neuen und weite- 
ren Beobachtungen, um ihre Bestätigung oder Widerlegung zu 
finden, und die als Resultate dieser Beobachtungen sich erge- 
benden Thatsachen erfordern ihrerseits immer eine Vervoll- 
kommnung der Theorie. Auf einer solchen stetigen Wechsel- 
wirkung von Theorie und Beobachtung beruht die fortschrei- 
tende Entwickelung aller Naturwissenschaften, und die Annä- 
herung an das höchste und letzte Ziel derselben: vollständige 
Erkenntniss der Naturkräfte. 

In neuerer Zeit ist, namentlich von der Hegelschen Schule, 
der Begriff und das Wort Kraft verdächtiget worden, als be- 
deute es gar nichts, als sei gar nichts dadurch erklärt, dass 
man gewisse Kräfte als Grund oder Ursache gewisser Erschei- 
nungen darstelle: daher bedarf die Behauptung, dass die Er- 
forschung der Naturkräfte das höchste Ziel der Naturforschung 
sei, einer näheren Rechtfertigung; um so mehr, da auch in der 
Psychologie alle Forschungen auf die Erkenntniss der Seelen- 
kräfte gerichtet werden müssen. 

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In der ganzen Natur und fast bei jeder wissenschaftlichen 
Forschung tritt uns der Gegensatz von Kraft und Materie ent- 
gegen, und macht sich als ein wichtiges und unabweisliches 
Problem für unser Nachdenken geltend. Wir mögen uns dre- 
hen und wenden, wie wir wollen, die Frage nach dem Ver- 
hältnisse, dem Unterschiede imd Zusammenhänge von Kraft 
und Materie tritt immer wieder hervor. Sie wiederholt sich 
in anderen Beziehungen in dem Gegensätze von Inhalt und 
Form, Wesen und Erscheinung, Ursache und Wirkung, Seele 
und Leib, Geist und Körper, Gott und Welt. Im Allgemeinen 
lässt sich dies Verhältniss auf eine dreifache Weise auffassen, 
und hieraus gehen drei verschiedene Ansichten hervor, welche 
sich sowohl in der Physik, als in der Philosophie und Theo- 
logie geltend gemacht haben. 

Eine Ansicht ist die dualistische, welche Kraft und 
Materie als selbständig betrachtet, so dass Beide für sich be- 
stehen, und in steter Wechselwirkung einander entgegen- 
wirken und bekämpfen, ohne dass eine die andere völlig zu 
beherrschen vermöchte. Aus einem solchen Kampfe der Ein- 
tracht und Zwietracht und püxog) versuchte schon 

Empedokles das Leben und alle lebendige Thätigkeit in 
der Natur, sogar das Entstehen und Vergehen von Welten 
herzuleiten. Dieselbe Ansicht wiederholt sich in der Behaup- 
tung der Selbständigkeit des guten und bösen Principe, der 
zufolge Gott und der Teufel als selbständige Wesen einan- 
der gegenüber gestellt werden, welche einander unaufhörlich 
bekämpfen, ohne dass der Eine den Anderen jemals völlig 
zu besiegen vermöchte. 

Eine zweite Ansicht ist die pantheistische, in neuerer 
Zeit besonders durch Schelling und die naturphilosophische 
Schule verbreitet. Gott und die Welt, Seele und Leib, Kraft 
und Materie sind Eins und Dasselbe, nur scheinbar verschie- 
den, wenn man sie von verschiedenen Gesichtspuncten be- 
trachtet. Weil Beide Eins sind, soll kein Unterschied zwi- 
schen ihnen existiren, und es wäre demnach vergeblich und 
thöricht, ein Verhältniss zwischen Zweien erforschen zu wol- 
len, welche Eins und Dasselbe sind. Mit dieser behaupteten 


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Einheit und Identität gewinnt inan aber wenig, weil die Ver- 
schiedenheit und Entgegensetzung von Beiden sich immer 
wieder aufdrängt. Ueberdies liegt hier augenscheinlich ein 
unklarer Begriff des Wortes Einheit zu Grunde: Gott und 
die Welt, Kraft und Materie sind unstreitig Eins, insofeme 
sie unzertrennlich mit einander verbunden und vereinigt sind ; 
sie sind aber deshalb nicht identisch. Der Begriff der Ein- 
heit schliesst den Unterschied und die Verschiedenheit nicht 
aus, sondern enthält sie in sich: es existirt keine Einheit, in 
welcher nicht Verschiedenes mit einander verbunden wäre. 
Die Zahl Eins, der Repräsentant des Begriffes Einheit, schliesst 
eine unendliche Vielheit von Bruehtheilen in sich, und jeder 
Zehner, Hunderter u. s. w. , lässt sich als eine Einheit be- 
trachten und behandeln. Ein Baum, ein Mensch, eine Stadt, 
ein Staat, eine W T elt bestehen aus einer Menge von verschie- 
denen Theilen, ihrer Einheit unbeschadet. Nur der innere 
Zusammenhang, die .Vereinigung des Vielen zu einem für 
sich bestehendem Ganzen macht den Begriff der Einheit aus: 
jedes für sich bestehende Ganze ist Eins, und jede Einheit 
besteht aus Theilen, welche unendlich zahlreich und verschie- 
denartig sein können. 

Die dritte Ansicht, welche ich die rationelle oder ver- 
nünftige nennen möchte, betrachtet Kraft und Materie als zu- 
gleich Eins und einander entgegengesetzt, analog dem Posi- 
tiven und Negativen im Polaritäts- Verhältniss. Die Einheit 
von Beiden beruht auf ihrer unzertrennlichen Verbindung:: 
die Entgegensetzung lässt die Kraft als das Positive, Le- 
bendige und Active, die Materie als das Negative, Todte 
und Passive erscheinen; jene als das absolut Selbständige, 
Unveränderliche, Herrschende und Schöpferische, diese als 
das Abhängige, Veränderliche, Beherrschte und Erschaffene. 
Wir können uns wohl eine durch sich selber und für sich, 
ohne Materie, bestehende Kraft denken (den Geist); aber 
keine durch sich selber und ohne inwohnende Kräfte existi- 
rende Materie. Diese Ansicht stimmt überein mit den christ- 
lichen und philosophischen Begriffen von Gott, als dem 
Schöpfer und Erhalter des Weltalls: der göttliche Gedanke 


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ist das Alles Durchdringende und in Allem Gegenwärtige; 
er ist die lebendige und belebende Kraft in der von ihm er- 
schaffenen Materie. 

Weiter lässt sich das Verhältniss von Kraft und Materie 
schwerlich erforschen; die tiefere Erkenntniss scheint uns ver- 
sagt zu sein, und es lässt sich mit Recht behaupten, dass 
wir nicht im Stande sind, das eigentliche Wesen der in der 
Natur wirkenden Kräfte zu ergründen und zu begreifen. 
Dies ist aber auch nicht die Aufgabe der Naturforschung; 
ihr Ziel ist vielmehr die Erforschung und Erkenntniss der 
Gesetze, nach welchen die Kräfte wirken. Wenn sie diese 
vollständig kennt, so ist ihre Theorie vollendet, und sie ist 
alsdann im Stande, jede Naturerscheinung befriedigend zu 
erklären, obgleich sie dabei unerklärt lässt, was der mensch- 
liche Geist nicht zu fassen im Stande ist. Die Erscheinung 
ist befriedigend erklärt, sobald nachgewiesen wird, dass sie 
unter den vorhandenen Umständen, doti Gesetzen bekannter 
Kräfte zufolge, so und nicht anders erfolgen konnte, wie sie 
in der Wirklichkeit eingetreten ist; und eine bisher unbe- 
kannte Erscheinung wird erklärt, wenn man sie aus den 
Wirkungen einer bekannten Kraft herzuleiten vermag. 

Die Kraft ist für uns zunäclist die unbekannte Ursache 
einer Erscheinung und da wir genöthigt sind, alle Erschei- 
nungen und Bewegungen, das Entstehen und die Verände- 
rungen aller Dinge, als Wirkungen einer Ursache zu betrach- 
ten: so führt uns die beobachtete Verschiedenheit der Er- 
scheinungen zu der Voraussetzung einer gleichen Anzahl ver- 
schiedener Kräfte. Wir lernen aber allmählig zufällige Ver- 
schiedenheiten der Erscheinungen von wesentlichen unter- 
scheiden; wir erkennen in einer gewissen Menge anscheinend 
verschiedener Erscheinungen den gleichen Ursprung, und 
indem wir alle verwandten und nicht wesentlich verschiedenen 
Erscheinungen zusammenstellen, gilt uns eine und dieselbe 
Kraft als die wirkende Ursache einer grösseren oder klei- 
neren Gruppe von Erscheinungen. Auf diesem Wege gelan- 
gen wir allmählig zu einer vorläufigen Kenntniss der in der 
Natur wirksamen Kräfte. Bleiben wir aber dabei stehen, so 


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sind diese Kräfte allerdings fast inhaltsleere Worte, die nur 
zur Bezeichnung des unbekannten Grundes gewisser Grup- 
pen von Erscheinungen dienen können. Die täuschende Vor- 
aussetzung eines bestimmten Inhaltes führt alsdann sehr leicht 
zu leeren und nichtssagenden Worterklärungen, wovon sich 
in der Physiologie und in den medicinischen Wissenschaften 
zahlreiche Beispiele finden. Aus .einer gesteigerten oder ver- 
minderten Reizbarkeit, Erregbarkeit, Lebenskraft, Expansiv- 
kraft, Contractilität u. s. w. hat man Vieles zu erklären ge- 
glaubt, ohne zu bemerken, dass man nur mit Worten spielte. 

Sorgfältige Beobachtung und Vergleichung verschiedener 
Beobachtungen lässt aber bald eine gewisse Regelmässigkeit 
in dem Auftreten, der Wiederkehr und Aufeinanderfolge ge- 
wisser Erscheinungen wahrnehmen; fortgesetzte Prüfung und 
Experimente belehren über die Umstände, wodurch bestimmte 
Veränderungen in der Aufeinanderfolge der Erscheinungen 
bedingt werden, und indem man auf diesem Wege erfahrt, 
was unter allen Umständen mit Nothwendigkeit geschieht, 
lernt man die Gesetzmässigkeit der Naturerscheinungen ken- 
nen, die Regeln, nach denen sie geschehen, und die Bedin- 
gungen der Ausnahmen. In dem weiteren Verlaufe dieser 
Forschungen gelangt man endlich zur Erkenntniss der Ge- 
setze, welchen die Naturkräfte in ihrer Thätigkeit unterwor- 
fen sind, und man ist alsdann im Stande, einerseits die von 
ihnen abhängigen Erscheinungen genügend zu erklären, an- 
drerseits die Wirkungen im voraus zu berechnen und zu be- 
stimmen. Von welcher Bedeutung es für die wissenschaft- 
liche Erkenntniss ist, wenn eine Reihe von Erscheinungen 
aus einer schon bekannten Naturkraft abgeleitet werden kann, 
davon giebt die durch Oerstedt entdeckte Identität des 
Magnetismus und der Eleetricität ein Beispiel. 

Die fortschreitende Entwicklung der Naturwissenschaften 
ist also an drei auf einander folgende und in dem innigsten 
Zusammenhänge mit einander stehende Momente geknüpft: 

1) Richtiges AufFassen und Unterscheiden der Erschei- 
nungen, Feststellen der beobachteten Thatsachen, und Ord- 


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nen derselben nach Maassgabe ihrer Uebereinstimmung und 
Verschiedenheit. 

2) Erforschung der Regelmässigkeit und Gesetzmässigkeit 
in denselben. 

3) Zurückführung der Erscheinungen auf bestimmte Ur- 
sachen, Erkenntniss der Naturkräfte und der Gesetze ihres 
Wirkens. 

Kraft ist also jede nach bestimmten Gesetzen wirkende 
Ursache. So lange die Gesetze ihres Wirkens unbekannt 
sind, ist sie ein leeres Wort, wie der Name einer unbekann- 
ten Person, dessen man sich zu bequemer Bezeichnung der 
Ursache einer gewissen Reihe oder Gruppe von Erscheinun- 
gen bedient. Erst mit der Erkenntniss der Gesetze ihres 
Wirkens erhält das Wort einen bestimmten Inhalt, und erst 
durch diese Erkenntniss wird die Wissenschaft begründet 
und vollendet. 

Kein Zweig der Naturwissenschaft steht gegenwärtig auf 
einer höheren Stufe der Vollendung, als die Astronomie, 
welche zwiefach den Namen Königin der Wissenschaften ver- 
dient, einmal durch die Erhabenheit ihres Gegenstandes und 
Inhaltes , zugleich aber als ein lebendiges Zeugniss für die 
Macht und Grösse des menschlichen Geistes. Sie verdankt 
die hohe Stufe ihrer Ausbildung der sicheren Feststellung der 
beobachteten Thatsachen, dem steten Ineinandergreifen von 
Theorie und Erfahrung, und dem naturgemässen Entwick- 
lungsgänge, welcher in ihr vorherrschend geworden ist. Na- 
mentlich finden wir in ihr in den letzten drei Jahrhunderten 
die oben erwähnten drei Hanptmomente der Entwicklung der 
Naturwissenschaften auf eine merkwürdige Weise an drei 
Epochen und an drei Männer geknüpft, welchen die Astro- 
nomie in nahe auf einander folgenden Zeitperioden ihre Be- 
gründung, Entwicklung und Vollendung verdankt: Nie. Ko- 
pernikus (1472 — 1543), Job. Keppler (1571 — 1630) und 
Isaac Newton (1642 — 1729). 

Vor Kopernikus herrschte eine falsche Auffassung der 
Erscheinungen, indem man in Folge der vorausgesetzten Un- 
beweglichkeit der Erde die scheinbaren Bewegungen von 


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Sonne, Mond und Sternen für wirkliche hielt. Die Behaup- 
tung Aristarehs von Samos (264 v. Chr.), dass die Erde 
sich um ihre Axe und zugleich in einem schiefen Kreise um 
die Sonne bewege, war unbeachtet geblieben und in Ver- 
gessenheit gerathen, und man war bei der von Claudius 
Ptolomäus (130 v. Chr.) aufgestellten irrthümlichen und 
verwickelten Theorie stehen geblieben, um die scheinbaren 
Bewegungen der Gestirne zu erklären. Nachdem Koperni- 
kus durch richtige Darstellung der wirklichen Bewegungen 
die Thatsachen gehörig festgestellt hatte, gelang es Keppler 
durch sorgfältige Vergleichung aller vorhandenen Beobach- 
tungen, besonders der genauen Beobachtungen von Tycho 
Brahe (1546 — 1601), die Regelmässigkeit und Gesetzmässig- 
keit der Planetenbewegungen zu entdecken. Seine berühm- 
ten drei Gesetze, dass alle Planeten sich in elliptischen Bah- 
nen um die im Brennpuncte stellende Sonne bewegen, dass 
der radius vector in gleichen Zeiten gleiche Flächenräume 
beschreibe, und dass die Quadrate der Umlaufszeiten sich 
verhalten, wie die Cuben der Entfernungen von der Sonne, 
begründeten eine neue Epoche der Astronomie. Aber diese 
Gesetze, unmittelbar aus der Erfahrung abgeleitet, blieben 
ohne inneren Zusammenhang, und gestatteten keine weiteren 
Folgerungen, bis Newton in der Gravitationskraft oder der 
allgemeinen Anziehungskraft der Materie nicht nur ihre ge- 
meinsame Ursache nachwies, sondern zugleich das Gesetz des 
Wirkens dieser Kraft in dem Satze aussprach, dass die wech- 
selseitige Anziehung aller Materie geschehe in directem Ver- 
hältnisse der Massen, und in dem umgekehrten Verhältnisse 
des Quadrates der Entfernungen. 

Sehr auffallend sind die Aeusserungen Hegel ’s über die- 
sen Gegenstand in seiner Encyclopädie. „Die Gesetze der ab- 
solut freien Bewegung, sagt er, sind bekanntlich von Keppler 
entdeckt worden — eine Entdeckung von unsterblichem Ruhme. 
Bewiesen hat Keppler dieselben in dem Sinne, dass er für 
die empirischen Data ihren allgemeinen Ausdruck gefunden 
hat. Es ist seitdem zu einer allgemeinen Redensart gewor- 
den, dass Newton erst die Beweise jener Gesetze gefunden 


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habe. Nicht leicht ist eiu Ruhm ungerechter von einem er- 
sten Entdecker auf einen andern übergegangen. Bei näherer 
Betrachtung zeigt sich, dass das, was Keppler auf eine ein- 
fache und erhabene Weise, in der Form von Gesetzen der 
himmlischen Bewegung ausgesprochen, Newton in die 
begriffslose Reflexionsform von Kraft der Schwere 
umgewandelt hat.“ 

Die Bedeutung und Wichtigkeit der Entdeckung New- 
tons, von Hegel unbegreiflicher Weise so ganz verkannt, 
besteht nicht bloss darin, dass die Nothwendigkeit der Kepp- 
ler’schen Gesetze aus der Wirkung der Gravitationskraft ab- 
geleitet werden konnte; sie hat vielmehr eine unermessliche 
Tragweite, und hat erstaunenswerthe Fortschritte in der 
Astronomie her vor gebracht. Die Erklärung des Vorrückens 
der Tag- und Nachtgleichen und der Nutation, die Theorie 
von Ebbe und Fluth, die Berechnung der Störungen der 
Kometenbahnen, der Massen und Dichtigkeiten der Planeten 
und der Sonne u. s. w. sind nur durch sie möglich gewor- 
den, und ihr verdankt die Astronomie in der neuesten Zeit 
ihren grössten Triumph, die theoretische Entdeckung des 
Neptun von Leverrier, durch Berechnung des störenden 
Einflusses, welchen ein bis dahin unbekannter Planet jenseits 
des Uranus auf die Bewegungen desselben ausiiben müsse. 

Wenn so Grosses und Erhabenes geleistet worden ist in 
einem Zweige der Naturwissenschaft durch das Betreten und 
beharrliche Verfolgen eines naturgeinässen Weges der For- 
schung: so darf man auch in anderen Zweigen derselben ein 
ähnliches Resultat erwarten von einem gleichen Verfahren. 
Die Psychologie hat bis jetzt keinen Keppler und Newton 
gefunden; ja sie erwartet noch erst ihren Kopernikus, der 
uns die wirklichen Bahnen der Gedanken und Gefühle ken- 
nen lehre, und durch sichere Feststellung der psychologi- 
schen Thatsachen die Wissenschaft begründe. Es ist freilich 
leichter, die Bahnen der himmlischen Körper zu verfolgen, 
als die Bewegungen in der menschlichen Seele; allein so 
lange wir dies nicht erreicht haben, wird die Psychologie ein 
Aggregat vereinzelter Beobachtungen und eines subjectiven 


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Raisonnements darüber bleiben, ohne auf Namen und Rang 
einer eigentlichen Wissenschaft Anspruch machen zu dürfen. 

Wenn man die Psychologie nicht zu den Naturwissen- 
schaften zählen, sondern als einen integrirenden Theil der 
Philosophie betrachten wollte, so würde dessenungeachtet 
Beobachtung und Erfahrung ihre Grundlage bleiben, weil es 
überhaupt kein anderes ursprüngliches Fundament des mensch- 
lichen Wissens giebt. So wie das Kind zuerst sieht und 
hört, und dann erst denkt, wenn es schon viel gehört und 
gesehen hat: eben so muss auch der Philosoph erst erfahren, 
ehe er im Stande ist, über das Erfahrene nachzudenken. 

Erforschung der W T ahrheit ist das Bestreben der Philo- 
sophie, absolute Gewissheit des Wissens ihr Ziel. In ihrem 
Bemühen, das Wahre und Gewisse systematisch zu ordnen 
und im Zusammenhänge darzustellen, muss sie von Funda- 
mentalsätzen ausgehen, und aus diesen ihr ganzes System 
entwickeln. Die Wahrheit und Gewissheit der Fundamental- 
sätze muss vor Allem festgestellt sein; ja sie muss, wie bei 
den Fundamentalsätzen der Mathematik, von selbst einleuch- 
ten, und keines Beweises bedürfen. Wenn man nun in den 
verschiedenen philosophischen Systemen die Ausgangspuncte 
oder Fundamentalsätze aufsucht, wodurch die Urheber ihr 
System zu begründen, und von welchen aus sie dasselbe zu 
entwickeln versucht haben : so lassen sich darnach alle philo- 
sophischen Systeme auf vier Hauptclassen oder Schulen 
zurückfuhren. 

1. Empirismus. Er beruht auf der vorherrschenden 
Ueberzeugung, dass die Erfahrung und insbesondere die durch 
die Sinne erworbene Kenntniss der Dinge, die einzige sichere 
und untrügliche Quelle des menschlichen Wissens sei, und 
dass jedes andere Wissen aus der Erfahrung hergeleitet wer- 
den könne und müsse. Repräsentanten der empirischen Schule 
sind unter den Alten insbesondere der grösste Denker des 
Alterthums, Aristoteles (384 — 322 v. Chr.), unter den 
Neueren der englische Arzt John Locke (1632 — 1704). 

2. Rationalismus. Die Rationalisten halten die sinn- 
liche Erfahrung für trügerisch und unzuverlässig, und halten 


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dagegen den Grundsatz fest, dass der Mensch auf dem Wege 
des reinen Denkens zu einem untrüglichen Wissen gelangen 
könne. Sie geben zu, dass der Mensch zu seiner geistigen 
Entwicklung der sinnlichen Wahrnehmung und Erfahrung be- 
dürfe; sobald aber der Geist hinreichend ausgebildet sei, um 
selbständig und philosophisch denken zu können, müsse er 
von aller Erfahrung abstrahiren, um durch sein eigenes Den- 
ken die Wahrheit zu erkennen. Der Ratibnalismus , in dem 
angegebenen Sinne des Wortes, findet sich zuerst in der Elea- 
tischen Schule, bei Xenophanes (540 v. Chr.), Parmeni«- 
des (500 v..Chr.) und Zenon aus Elea (460 v. Chr.); am 
meisten entwickelt und ausgebildet im Alterthume bei Platon 
(429 — 348 v. Chr.). Unter den Philosophen der neueren Zeit 
gehören dahin Cartesius (1596 — 1650), Spinoza (1632 bis 
1677) und die meisten deutschen Philosophen von Kant bis 
auf Schelling und Hegel. Ungeachtet aller Verschieden- 
heit ihrer Systeme stimmen sie in dem Grundprincip überein, 
dass die Wahrheit und Gewissheit durch das Denken, aber 
auch nur durch dieses, nicht auf dem Wege der Erfahrung 
erkannt werden könne. 

3. Pietismus. Er bezweifelt sowohl die Zuverlässig- 
keit des menschlichen Denkens, als die Gewissheit der Er- 
fahrung, stellt den Glauben über das Wissen, und behauptet: 
alle Wahrheit und Gewissheit beruhe auf dem Glauben des 
Gewissens an Gott, auf dem Annehmen im religiösen und 
sittlichen Gefühle. Der Mensch gelange dadurch unmittelbar 
d. h. ohne dass er des Nachdenkens bedürfe, zur Wahrheit, 
und jede andere Gewissheit des Wissens müsse aus dieser 
Quelle hergeleitet werden. Der Repräsentant dieser Schule 
ist Fr. Jacob Jacobi (1743 — 1819). Dasselbe Grundprin- 
cip findet sich, wenn auch nicht klar und bestimmt ausge- 
sprochen, bei vielen Philosophen des Mittelalters, namentlich 
in der Neuplatonischen Schule unter ihrem Stifter Plotinus 
(203 — 270 n. Chr.), welcher in Rom lehrte, und von seinen 
Schülern als heilig und göttlich verehrt wurde. 

4. Skepticismus. Er beruht auf der Ueberzeugung, 
dass der Mensch nicht im Stande sei, die objective Wahr- 


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heit und Gewissheit seines Wissens zu erweisen; dass er sich 
also begnügen müsse mit einer subjectiven Ueberzeugung oder 
einem blos wahrscheinlichen Wissen. Zu den älteren Skepti- 
kern gehören namentlich Pyrrhon aus Elis (340 v. Chr.), 
Arkesilaos (316 — 241 v. Chr.), Karneades (214 — 129 
v. Chr.) und Sextus Empirikus (im Anfänge des 3ten 
Jahrhunderts n. Chr.). Der Repräsentant des neueren Skep- 
ticismus ist David Ilume (1711 — 1776). Als ein Versuch, 
den Skepticismus mit dem Rationalismus zu vereinigen, lässt 
sich die kritische Philosophie oder der Kriticismus von Kant 
bezeichnen. 

Die angegebene Verschiedenheit der Fundamente und 
Ausgangspunete ist in allen philosophischen Systemen leicht 
zu erkennen, und man gewinnt dadurch eine deutliche Ue- 
bersicht ihrer wesentlichen Unterschiede. Man findet je- 
doch diese Principien nicht immer deutlich ausgesprochen, 
oder consequent verfolgt. Viele Philosophen haben sich gar 
keine Rechenschaft davon gegeben, auf welchen Fundamenten 
ihr System ruhe, manche haben sich die Frage gar nicht 
vorgelegt, auf welchem Wege sie zu den von ihnen ange- 
nommenen Resultaten gekommen seien. Ausserdem finden 
sich in manchen Systemen mehrere der angedeuteten Rich- 
tungen mit einander verbunden und verschmolzen, da sie sich 
nicht unbedingt gegenseitig ausschliessen. Der Empirismus 
kann mit dem Rationalismus und mit dem Pietismus verei- 
nigt werden: man kann eben so gut die Ueberzeugung ha- 
ben, dass der Mensch auf allen drei Wegen zur Wahrheit 
gelangen könne, als dass es nur auf einem Wege ausschliess- 
lich möglich sei. Auch der Skepticismus ist nicht nothwen- 
dig ein ganz allgemeiner; es kann sich z. B. wie bei Ilume 
der Glaube an die Zuverlässigkeit der sinnlichen Wahrneh- 
mung mit der Ueberzeugung verbinden, dass über die Gren- 
zen der sinnlichen Erfahrung hinaus keine Gewissheit zu er- 
langen sei. Jede ausschliesslich empirische, rationelle oder 
pietistische Philosophie ist zugleich skeptisch in Beziehung 
auf die anderen Richtungen. 

In den von denselben Grundprincipien ausgehenden Sys- 


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temen finden sich ebenfalls bedeutende und wesentliche Ver- 
schiedenheiten z. B. in dem Rationalismus der Unterschied 
des Dogmatismus und des Idealismus oder der spe- 
culativen Philosophie. Die Dogmatiker, z. B. Descar- 
tes und Spinoza setzen gewisse Lehrsätze oder Dogmen 
als unzweifelhafte Wahrheit voraus, während die speculative 
Philosophie, deren Repräsentant Hegel ist, jede Vorausset- 
zung verwirft, und den Anfang selbst, oder das reine Sein, 
ehe es noch Etwas geworden ist, zum Anfaugspuncte des spe- 
culativen Denkens macht. Dieses Verwerfen jeder Voraus- 
setzung ist aber nur scheinbar, indem in der That die Schel- 
lingsche Identität des Ideellen und Reellen, oder die Identi- 
tät des Denkens und Seins vorausgesetzt wird. Zu der 
Ueberzeugung von der Wahrheit dieses Dogmas muss man 
nach Hegel gekommen sein, ehe man mit dem reinen oder 
speculativen Denken beginnen kann. Ueberdies wird dieses 
Dogma in einer einseitigen Form vorausgesetzt, indem dabei 
vergessen wird, dass die Identität, wie sonst von Hegel aus- 
drücklich behauptet wird, nothwendig den Unterschied in sich 
schliesst. Die Nichtberücksichtigung dieses Unterschiedes er- 
scheint als Einer der wesentlichsten Mängel der speculativen 
Philosophie, indem er zur Vermengung des menschlichen und 
göttlichen Denkens geführt und bewirkt hat, dass Hegel 
nicht aus dem Pantheismus der Naturphilosophie herausge- 
kommen ist. 

Diese Betrachtungen führen zu einem interessanten psy- 
chologischen Resultate, in sofern sie die verschiedenen Wege 
zeigen , auf welchen überhaupt ein Wissen entstehen kann, 
Vorstellungen und Gedanken im Bewusstsein hervortreten. 
Jede positive Philosophie (im Unterschiede von dem blos 
verneinenden Skepticismus) muss desshalb entweder empirisch, 
oder rationalistisch oder pietistisch sein, weil es nur drei, 
den Unterschieden jener Systeme entsprechende Quellen des 
menschlichen Wissens giebt: die unmittelbare sinnliche (äus- 
sere und innere) Wahrnehmung, das Denken und die Gefühle 
oder das Gemüth. Wenn wir Alles, was in unserem Bewusst- 
sein zum Vorschein kommt, einer genauen Prüfung unter - 


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werfen, (alles Wissen und alle Gedanken), so können wir es 
stets auf eine oder die andere dieser Quellen zurückfükren, 
und ausser ihnen keine finden. Die Verschiedenheit der phi- 
losophischen Systeme erscheint demnach nicht als eine zu- 
fällige, sondern als nothwendig, in der Natur und der mensch- 
lichen Seele tief begründet. So wie der Trieb und die Be- 
fähigung zum philosophischen Denken angeboren sind, eben 
so wird auch die Richtung desselben in dem Philosophen vor- 
zugsweise bestimmt durch seine individuelle Natur, und was 
er mit Freiheit gewählt zu haben meint, dazu hat ihn oft nur 
seine persönliche Eigenthümlichkeit getrieben. Mit der na- 
türlichen Neigung zur Religiosität und vorherrschender Ge- 
wissenhaftigkeit wird sich in der Philosophie stets, wie bei 
Jacobi, eine Hinneigung zum Pietismus verbinden. Vor- 
herrschendes Auffassungsvermögen und Schärfe der Sinne 
fuhren zum Empirismus, und je mehr der Philosoph mit Kraft 
und Energie des Denkens begabt ist, desto mehr wird er, 
wie Spinoza und Hegel, dem Rationalismus huldigen. 
Nicht minder verdankt der Skepticismus seinen Ursprung einer 
angebornen Neigung zur Kritik und vorherrschendem Scharf- 
sinn. Aus demselben Grunde findet sich die pietistische Rich- 
tung so häufig bei denjenigen Philosophen, welche zugleich 
Theologen sind, und die grössten Empiriker waren oft, wie 
Locke und Aristoteles, zugleich Aerzte oder Natur- 
forscher. 

Eine Vereinigung der verschiedenen Ansichten ist nur 
möglich durch die Erkenntniss der Wahrheit, dass der Mensch 
auf verschiedenen Wegen zur Wahrheit gelangen kann, wenn 
er sich in den Schranken hält, welche Gott dem menschlichen 
Erkennen gesetzt hat. Jenseits derselben ist keine Gewissheit 
des Wissens möglich, wohl aber ist innerhalb dieser Schran- 
ken völlige Befriedigung für den menschlichen Geist zu fin- 
den, ja sogar ein unbegränztes Fortschreiten innerhalb der- 
selben möglich, indem keine feste Grenze existirt, worüber 
das menschliche Wissen und Erkennen nicht hinausgehen 
könnte. Aber so wie die Grenze überschritten ist, findet sich 
eine neue, liir den Augenblick nicht zu übersteigende Schranke; 


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welche anerkannt werden muss, wenn nicht auf alle Gewiss- 
heit des Wissens verzichtet werden, und das leere Wort, 
den täuschenden Schein des Wissens erheuchelnd, an die 
Stelle desselben treten soll. 

Das Denken oder Nachdenken muss stets auf einen Ge- 
genstand gerichtet sein, es kann nur über Etwas nachgedacht 
werden, und wenn wir über Nichts zu denken versuchen, so 
verwandelt sich daher das Nichts in Etwas, d. h. in ein Wort, 
dessen Sinn und Inhalt wir zu erforschen uns bemühen. Den- 
ken ist nur eine besondere Form des Anschauens; es besteht, 
wie das Sehen, in dem Hinwenden der geistigen Aufmerk- 
samkeit auf ein bestimmtes Object, nur mit dem Unterschiede, 
dass dies Object beim Sehen sich ausser uns befindet, beim 
Denken in dem eigenen Bewusstsein. Beim Sehen betrach- 
ten wir einen äusseren Gegenstand in allen seinen Theilen 
und von allen Seiten, um ein vollständiges Bild (Idee) oder 
eine deutliche Vorstellung von demselben zu erlangen; beim 
Denken betrachten wir eine in unserm Bewusstsein hervor- 
tretende Idee, eine meistens in Worten oder Sätzen ausge- 
drückte Vorstellung von allen Seiten, um ihren Inhalt, ihre 
Beziehungen, ihren Zusammenhang mit anderen Vorstellungen 
und Gedanken zu erfahren. Wir haben dabei eine fast un- 
beschränkte Macht, früher aufgenommene Ideen und Vorstel- 
lungen in unserem Bewusstsein wieder hervorzurufen (Erin- 
nerungsvermögen); aber wir sind nicht im Stande, auch nur 
eine einzige zu produciren, ohne sie aus früher aufgenomme- 
nen Ideen und Vorstellungen abzuleiten. Wir können eben- 
so wenig einen Gedanken ursprünglich erschaffen, als einen 
materiellen Gegenstand ; wir können nur nachdenken über 
einen gegebenen und vorhandenen Stoff, und durch Nachden- 
ken den Inhalt und die Bedeutung desselben erkennen. 

Das Wissen beginnt beim Erwachen der Seelenthätigkeit 
in dem Kinde mit dem Empfinden innerer Vorgänge und 
entwickelt sich allmählig zum Wahrnehmen äusserer Ge- 
genstände. Empfindung und Wahrnehmung sind aber nicht 
blos bei dem Kinde die einzigen ursprünglichen Quellen des 
Wissens, sie bleiben es auch für den Erwachsenen. Die Wahr- 


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nelimung bezieht sieh tlieils auf äussere Gegenstände, theils 
auf innere Vorgänge, und hiernach unterscheiden wir eine 
äussere und eine innere. Durch die äusseren Sinne neh- 
men wir wahr, was ausser uns ist, durch den sogenannten 
inneren Sinn, was in uns geistig und leiblich vorgeht, na- 
mentlich alle inneren Bewegungen, sowohl die leiblichen Be- 
wegungen der Glieder, den Herzschlag, das Athmen u. s. w., 
als die Bewegungen und Aufeinanderfolge der in uns entste- 
henden Vorstellungen und Gedanken. Durch unsere Empfin- 
dungen oder Gefühle erfahren wir zunächst, wie unsere Seele 
von äusseren Dingen und von inneren leiblichen oder geisti- 
gen Vorgängen afficirt wird; sie müssen aber ebenfalls inner- 
lich wahrgenommen werden, oder, wie man zu sagen pflegt, 
zum Bewusstsein gelangen, wenn wir von ihnen oder durch 
sie etwas wissen oder erfahren sollen. 

Was auf diesen verschiedenen Wegen dem Bewusstsein 
zugeführt und wahrgenommen wird, kann nun Gegenstand des 
Nachdenkens werden, und bei den durch Wahrnehmung an- 
geeigneten Ideen und Vorstellungen ihrem Inhalte nach ge- 
prüft, zergliedert, mit einander verglichen und verbunden 
werden, so dass sich die einzelne Vorstellung in zusammen- 
hängende Gedanken, die durch ursprüngliche Wahrnehmung 
erworbene Kenntniss der Dinge in eine Erkenntniss 
derselben umwandelt. Die als Resultate des Nachdenkens 
hervortretenden Gedanken müssen aber einerseits wiederum 
innerlich wahrgenommen werden, wenn von ihnen gewusst 
werden soll, andererseits müssen sie in dem Gegenstände des 
Nachdenkens schon enthalten sein, wenn sie aus demselben 
hervorgehen sollen. In der That kann das Nachdenken über 
irgend eine Sache nichts herausbringen, was nicht darin steckte, 
es ist nur ein Expliciren des in der Sache implicite vorhan- 
denen Inhaltes. Was in der Wahrnehmung, in der Idee oder 
Vorstellung zusammengefasst und zusammengedrängt ist, wird 
durch Nachdenken entwickelt und auseinandergelegt, und wenn 
etwas Anderes scheinbar zum Vorschein kommt, so hat das 
Nachdenken eine falsche Spur verfolgt, irrthiimlieh etwas in 
die Sache hineingelegt, was nicht darin enthalten war, nicht 

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(las Wahre, sondern ein Unwahres aus der Wahrnehmung 
hergeleitet. 

Alles menschliche Wissen wird also ursprünglich begrün- 
det oder vermittelt durch ein Wahrnehmen, und von allem 
Wahrgenommenen sagen wir: es ist. Das Wort Sein ge- 
brauchen wir, um den Inbegriff von allem Wahrgenommenen 
oder für uns Wahrnehmbaren zu bezeichnen. Sein und Wis- 
sen sind identisch, insofern sie gleichen Inhalt haben, und der 
Inhalt des Seienden gewusst werden kann. Sie stehen aber 
zugleich in dem Gegensätze von Objectivem und Sub- 
jeetivem, insofern das Seiende ausser uns, das Gewusste 
in uns ist. Wir können in derselben Weise auch objec- 
tive und subjective Wahrnelmiungen unterscheiden, indem 
das Wahrgenommene theils ausser uns ist, theils in uns sel- 
ber, und zwar entweder in unserem Körper, oder in dem 
Gemüthe oder im Bewusstsein. Alle diese subjcctiven Wahr- 
nehmungen sind aber zugleich für uns objectiv, indem sie 
unserem eigentlichen Ich als ein ausser ihm Seiendes ent- 
gegentreten. Umgekehrt sind aber auch alle objectiven Wahr- 
nehmungen zugleich subjectiv, insofern sie in unser eigenes 
Ich, in unser geistiges Bewusstsein übergehen, und zu einem 
Wissen werden, welches wir selber haben. Auf diesem Ver- 
hältniss beruht die sogenannte Subj ect - Obj ectivität der 
Seele oder des menschlichen Geistes, welche nur in seinem^ 
durch den Körper vermittelten Zusammenhang mit der Aus- 
senwelt eine genügende Erklärung findet. 

Alle Aeusserungen des Seelenlebens werden durch die 
lebendige Thätigkeit des Gehirns und Nervensystemes ver- 
mittelt. Die sowohl von der Aussen weit, als von dem eige- 
nen Körper aus in den Nervenenden erzeugten Eindrücke 
verwandeln sich in ihrer Fortpflanzung zum Rückenmarke 
in Empfindungen und Wahrnehmungen und bewirken dadurch 
ein unmittelbares Wissen; in ihrer weiteren Fortleitung zum 
Gehirn gelangen sie in der Form von Vorstellungen zum Be- 
wusstsein, und von da aus werden sie sarnmt den durch das 
eigene Denken im Gehirn hervorgerufenen Vorstellungen in 
das Selbstbewusstsein aufgenommen. Auf diese W eise ge- 


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langt die Kenntniss der Aussenwelt gleichsam in drei ver- 
schiedenen Abstufungen zu dem eigentlichen Ich, und erklärt 
es sich, wie nicht nur die äusseren Dinge und der eigene 
Leib, sondern auch die eigenen Vorstellungen und Gedanken 
demselben als ein ausser ihm Seiendes erscheinen müssen. 
Auf entgegengesetztem Wege erzeugt die von dem Ich aus- 
gehende denkende Thätigkeit entweder nur Vorstellungen und 
Gedanken im Gehirne, oder pflanzt sich weiter fort zum Rü- 
ckenmarke und zu den Muskelnerven, indem sie die Gedanken 
in Worten ausspricht, oder in Handlungen ausfuhrt, welchen 
dabei stets ein im Bewusstsein erzeugter Gedanke (ein ge- 
dachter Vorsatz) als Vorbild zum Grunde hegt. Die mensch- 
liche Seele hat überhaupt ihr eigenes Bestehen nur in ihrem 
Zusammenhänge und ihrer Wechselwirkung mit dem Leibe 
und der umgebenden Aussenwelt. Ihre lebendige Thätigkeit 
ist entweder ein Aufnehmen eines Aeusseren, oder ein Aus- 
führen eines Inneren. Wissen und Thun sind die Resultate 
dieser entgegengesetzten Bewegungen, wodurch einerseits das 
ausser uns Seiende dem Ich zugefuhrt, Daseiendes und Kör- 
perliches vergeistigt wird; andrerseits in der Realisirung von 
Ideen durch Worte und Handlungen Geistiges zur Erschei- 
nung kommt und sich gleichsam verkörpert. 

Insofern nun alles menschliche Wissen nur durch ein 
geistiges Aufhehmen eines ausser uns oder in uns Seienden 
zu Stande kommen kann, erscheint uns dasselbe stets als aus 
einem W T ahrnehmen hervorgegangen, und dieses als die Grund- 
lage oder nothwendige Bedingung von jedem Wissen. In der 
That wird auch das Wort Wahrnehmen nicht selten in dieser 
weiteren Bedeutung gebraucht. Wir sind aber genöthigt, 
das durch die Thätigkeit der Sinne (sowohl der äusseren 
Sinne als des inneren Siimes) unserem Bewusstsein zuge- 
führte Wissen von demjenigen z.u unterscheiden, welches durch 
unser eigenes Nachdenken in dem Bewusstsein hervorgerufen 
wird. Bei ersterem verhält sich unser Ich passiv, bei letz- 
terem activ. Jenes ist ein unmittelbares, dieses ein durch 
unser eigenes Denken vermitteltes Wissen, jenes besteht 

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aus Wahrnehmungen im engeren und eigentlicheren Sinne 
des Wortes, dieses aus Gedanken. 

Wenn wir auf diese Weise die Wahrnehmungen, als durch 
Nerventhätigkeit im Bewusstsein entstanden, von den durch 
denkende Selbstthätigkeit erzeugten Gedanken unterscheiden, 
so entsteht die Frage, ob wir die Wahrheit und Gewissheit 
des Wissens in unseren Wahrnehmungen oder in den Ge- 
danken zu suchen haben, und hierauf beruht der Unterschied 
zwischen dem Empirismus und Rationalismus. Unsere Sprache 
deutet schon darauf hin, wo die Wahrheit zu finden ist, in- 
dem sie nichts Anderes ist, als der Inhalt der Wahrnehmung. 
Erwägen wir, dass man nur über Etwas naehdenken kann, 
dass der Stoff oder das Object des Nachdenkens gegeben 
sein muss, ehe die Selbstthätigkeit des Denkens beginnen 
kann, so werden wir auf die Wahrnehmungen als die ur- 
sprüngliche Quelle alles Wissens und aller Gedanken zurüek- 
gefuhrt. Wäre die Wahrheit nicht in den Wahrnehmungen 
enthalten, so würde das Denken nimmermehr dazu gelangen ; 
um sie zu finden, kommt es nur darauf an, den wirklichen 
Inhalt der Wahrnehmungen richtig zu erkennen. Dies kann 
allerdings nur geschehen durch Mitwirkung des Denkens, 
weil nur dadurch der Inhalt der Wahrnehmung entwickelt 
und deutlich zum Bewusstsein gebracht werden kann. Ohne 
Wahrnehmung wäre kein Denken, ohne Denken kein be- 
stimmtes Wissen von dem Inhalte und der Bedeutung des 
Wahr genommenen möglich. Weil aber das Denken, wenn es 
bei der Wahrheit bleiben will, nicht über den Inhalt der 
Wahrnehmung hinausgehen oder davon abschweifen darf: ist 
Uebereinstimmung des Wissens mit der Wirklichkeit für das 
sicherste Kriterium der Wahrheit zu halten. 

Die Wahrnehmung ist also das alleinige sichere Funda- 
ment des Wissens und der Wahrheit, und da sie nur ver- 
mittelst des Gehirns und Nervensystemes zu S<fende kommt, so 
kann man behaupten, unser Wissen und die Wahrheit desselben 
sei leiblichen Ursprunges. In der That verdanken wir Beides 
dem von den Philosophen oft so sehr gering geschätzten und 
verachteten Leibe, und es möchte schlecht bestellt sein mit 


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unserem Wissen, wenn es kein zuverlässigeres Fundament 
hätte, als das Denken, dessen Zuverlässigkeit jeder unbefangene 
Blick auf die daraus hervorgehenden Resultate bezweifeln 
lehrt. Die Wahrheit ist, dass durch das Denken die Wahr- 
heit erkannt werden kann ; wir erfahren aber tagtäglich, dass 
sie nicht immer dadurch erkannt wird. Die Nothwendigkeit 
und Allgemeinheit, welche als ein Kriterium von der Wahr- 
heit der Gedanken betrachtet zu werden pflegt, suchen wir 
vergebens in dem Gebiete und den Resultaten des reinen 
Denkens. Jeder meint vielleicht, dass alle Anderen eben so 
denken müssten, aber Keiner erkennt die Nothwendigkeit an. 
Dagegen finden wir die geforderte Allgemeinheit und Noth- 
wendigkeit, mit verhältnissmässig sehr wenigen, auf Krank- 
heit der Sinne oder zu flüchtiger Betrachtung der Dinge be- 
ruhenden Ausnahmen, in dem ganzen Gebiete der Wahrneh- 
mung und Erfahrung. Jeder nimmt die Dinge ebenso wahr 
wie der Andere, und Jeder muss sie so wahrnehmen, wie er 
es thut. Die gleiche Organisation des Nervensystems be- 
gründet die allgemeine Uebereinstimmung Aller in dem gan- 
zen Gebiete der Erfahrung; sie begründet das sichere Fort- 
schreiten aller Erfahrungswissenschaften ; sie macht es möglich, 
etwanige Irrthümer augenscheinlich und handgreiflich zu wi- 
derlegen, und eine behauptete Wahrheit so, dass sie Jedem 
einleuchtet, zu demonstriren. 

Es wäre daher gut, wenn die neuere Philosophie, anstatt 
das Zeugniss der Sinne zu verachten, und dem eigenen Den- 
ken unbedingt zu vertrauen, die Lehren des alten Ileraklit 
von Ephesus (500 v. Chi\ ) beherzigte, welcher behauptete: 
der Mensch nehme im wachenden Zustande durch seine Sinne 
an der allgemeinen Intelligenz Theil, und erkenne, insofern 
er dies thue, die Wahrheit. Daher, sagt er, thut sich allen 
Wachenden dieselbe Welt kund, und nicht dasjenige, was 
der Einzelne für sich allein denkt, sondern das, worin alle 
Menschen Übereinkommen, und worin sie nach der Natur ihres 
Denkvermögens Übereinkommen müssen, hat objective Wahr- 
heit und Gewissheit. (Rein hold, Geschichte der Philosophie. 
1. Theil, Seite 39). 


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Die Einwendungen, welche man gegen den empirischen 
Standpunct in der Philosophie, und gegen die Wahrheit und 
Gewissheit der sinnlichen Wahrnehmung gemacht hat, lassen 
sich auf fünf Hauptpuncte zurückfuhren. 

1. Die Sinne sollen zu oft täuschen und irre leiten, als dass 
man ihrem Zeugniss vertrauen dürfte. Schon die alten Phi- 
losophen haben das Gegentheil richtig erkannt und ausge- 
sprochen. Ari stotel es unterscheidet die unmittelbaren sinn- 
lichen Wahrnehmungen von den mittelbaren, die nur durch 
das Zusammenwirken mehrerer Sinne oder mit Hülfe des Ver- 
standes entstehen. In ihrer eigenthümlichen Sphäre, sagt er, 
täuschen die Sinne fast gar nicht: das Auge nimmt die Far- 
ben, das Ohr den Klang u. s. w. mit einer Sicherheit wahr, 
die nur etwa bei zu geringer Affection des Sinnesorganes, 
z. B. bei zu grosser Entfernung, einen imbedeutenden Irrthum 
zulässt. Dagegen entstehen dadurch häufige Täuschungen, 
dass wir beziehungsweise wahrzunehmen glauben, was un- 
mittelbar einem Sinne sich nicht darstellt (Reinhold, Ge- 
schichte der Philosophie. 1. Theil, Seite 258). 

Noch klarer und bestimmter hat sich Epikur hierüber ’ 
ausgesprochen, wie Diogenes Laertius berichtet. Wahr 
ist nach ihm eine Vorstellung, wenn sie in uns durch Ein- 
wirkung eines wirklichen Gegenstandes entsteht und demsel- 
ben völlig entspricht. Der Character dieser Wahrheit kommt 
schlechthin immer der blossen Sinnesanschauung zu, welche 
daher auch die Erscheinung («/ qavTaoia) des reellen Objec- 
tes oder die sinnliche Gewissheit der Gegenwart desselben 
(tj IvaQytKt) genannt werden kann. Die Sinne urtheilen nicht 
über die Beschaffenheiten und Verhältnisse der Dinge; sie 
fassen lediglich auf, was vermittelst der natürlichen und noth- 
wendigen Functionen ihrer Organe der Seele sich darbietet: 
der Sinn vernimmt nur, was gegenwärtig ist und ihn anregt. 

Die Sinneswahrnehmung ist für das Subject ein leidender Zu- 
stand, der durch etwas wirkendes Objectives hervorgebracht 
und demselben entsprechend sein muss. Wie die beiden 
Grundaffecte, die in allen übrigen Affecten wieder erschei- 
nen, die Gefühle von Lust und Unlust, aus wirkenden Ur- 


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Sachen entspringen und denselben angemessen Statt finden, 
und wie es unmöglich ist, dass dasjenige, was uns entwe- 
der Lust oder Unlust bringt, nicht entweder ein Angenehmes 
oder Unangenehmes sei, so rühren die Wahrnehmungen der 
Aussenwelt gleichfalls von verschiedenen Gegenständen her, 
welche unmöglich etwas Anderes sein können, als was in den 
Wahrnehmungen sinh kundgiebt. Was gesehen wird ist wirk- 
lich ein Sichtbares und scheint es nicht blos zu sein, was 
betastet wird, ist ein Undurchdringliches u. s. w. Jede Sin- 
nesempfindung ist vernunftlos d. h. sie ist vor aller vernünf- 
tigen Ueberlegung und ganz unabhängig von einer solchen 
in uns vorhanden; mithin ist die Gewissheit, die ihr zukommt, 
eine unmittelbare. Sie ist durchaus zuverlässig und unfähig, 
verfälscht zu werden. Denn so wenig sie durch sich selbst 
entstehen und durch sich selbst Veränderungen erleiden kann, 
eben so wenig kann sie durch etwas Anderes verändert wer- 
den. Zu ihrer Eigenthümlichkeit lässt sich nichts hinzusetzen 
und von derselben nichts abnehmen. Nichts vermag die 
Sinneswahrnehmungen in ihrer reinen Sphäre zu berichtigen 
oder zu widerlegen, weder eine andere sinnliche Wahrneh- 
mung, noch die denkende Ueberlegung, die vielmehr selbst 
von den Anschauungen in letzter Instanz abhängt. Die Mei- 
nung, dass die Sinne mitunter irren, beruht auf einer falschen 
Annahme. Sie fassen jeden Gegenstand genau so auf, wie 
er sich ihnen, den Naturgesetzen gemäss, von dem genomme- 
nen Gesichtspuncte aus darstellen muss z. B. einen Ton in 
der Entfernung schwächer, einen Thurm vielleicht von weitem 
klein und rund, näher dagegen gross und viereckig. Unser 
Urtheil, dass es derselbe Thurm sei, ist nicht Sache des Sin- 
nes. Der Sinn thut seine Schuldigkeit, indem er jedes Ob- 
ject treu so ergreift, wie es ihm zugefuhrt wird. Auch 
die Richtungen der Einbildungskraft, die Träume und die 
Phantasmen der Wahnsinnigen sind in so fern wahr, als in 
ihnen Bilder auf die Seele einwirken, die sich ihr nothwen- 
dig vergegenwärtigen müssen. Bios das Urtheil, dass ihnen 
wirkliche Aussendinge entsprechen, würde hier ein falsches 
sein. Ueberhaupt können nicht die Empfindungen und An- 


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Behauungen selbst, sondern nur unsere Meinungen oder Ur- 
theilc über die Dinge dem Irrthum unterliegen, und entweder 
falsch oder wahr sein (Reinhold 1. c. S. 573.). 

Aristoteles und Epikur suchen mit Recht die Ursache 
des Irrthums nicht in der sinnlichen Wahrnehmung, sondern 
in der Deutung derselben , in einem Missverstehen oder einem 
falschen Urtheile des Verstandes über das Wahrgenommene. 
Eine wirkliche Täuschung der Sinne, namentlich des Tast- 
sinnes, des Auges und Ohres, ist in der That ausserordent- 
lich selten in Vergleich mit der unendlichen Menge richtiger 
Wahrnehmungen, welche wir den Sinnen verdanken. Die 
meisten anscheinenden Täuschungen der Sinne entstehen durch 
zu flüchtiges oder einseitiges Betrachten der Dinge, und lassen 
sich durch grössere Aufmerksamkeit leicht berichtigen. Wenn 
man einen Knaben in der Ferne für einen Erwachsenen hält, 
oder das Rollen eines Wagens für ein fernes Donnern u. dgl., 
so beruht die Täuschung offenbar auf einer falschen Beur- 
theilung des Gesehenen und Gehörten. Wenn die umgeben- 
den Gegenstände vor dem Auge vorüber eilen, so entsteht 
sehr leicht eine Täuschung doppelter Art: entweder scheinen 
uns die ruhenden Gegenstände sich zu bewegen, während 
wir unbemerkt fortbewegt werden ; oder die wirklich bewegten 
Gegenstände scheinen uns still zu stehen, und wir glauben 
selbst fortbewegt zu werden, während wir uns in Ruhe be- 
finden. Ersteres geschieht, wenn wir auf einem Schiffe einem 
Ufer schnell vorbeisegeln, letzteres in einer sehr auffallen- 
den Weise, wenn wir uns auf der Eisenbahn in einem stillste- 
henden Zuge befinden, und ein anderer Zug ganz nahe vor- 
beifährt. Das Auge erblickt alsdann keine festen, ruhenden 
Punete, und kann deshalb die Richtung der Bewegung oder 
Ortsveränderung nicht erkennen. In beiden Fällen wird das 
Vorübereilen der Gegenstände von dem Auge richtig aufge- 
fasst, aber missverstanden, weil die Bedingungen zur richti- 
gen Beurtheilung fehlen. Noch häufiger entstehen solche Täu- 
schungen ohne Schuld der Sinne in Folge einer Verblendung 
durch vorgefasste Meinungen, Vorurtheile, Gemiithsaffecte und 
Leidenschaften, die uns allenthalben begegnet, und deren Wir- 


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kungen wir an uns selbst zu erfahren nur zu oft Gelegenheit 
haben. Auf diese Weise siebt der Furchtsame im Dunkeln 
Gespenster oder hört Diebe einbrechen; und wenn wir mit 
Sehnsucht zu einer bestimmten Zeit Jemand erwarten, erscheint 
uns sehr leicht irgend ein Geräusch als das Schlagen einer 
Uhr, der Tritt eines Menschen oder das Rollen eines nahen- 
den Wagens. 

Wirkliche Sinnestäuschungen finden nur Statt bei krank- 
haften Aftectionen der Sinnesorgane, und bestehen darin, dass 
entweder vorhandene Dinge anders erscheinen, wie sie sind, 
oder nicht vorhandene Dinge sich dem Sinne als gegenwärtig 
darstellen. Ersteres kommt fast immer vor bei jeder bedeu- 
tenden Verstimmung des Gemüthes, welche sich mehr oder 
weniger auf das ganze Nervensystem, also auch auf die Sin- 
nesorgane reflectirt. Der Zornige, der in Angst Versetzte, 
der Hypochondrist, der Melancholische sieht und hört anders, 
wie der Leidenschaftslose und Gesunde. Die Wahrnehmun- 
gen, sowohl durch die äusseren Sinne, als durch den inneren 
Sinn, werden in Folge der Gemüthsbewegung , je nachdem 
ein exaltirter oder deprimirter Zustand Statt findet, schärfer 
oder stumpfer, deutlicher oder undeutlicher. Zugleich wird 
die Aufmerksamkeit theils im Allgemeinen grösser oder ge- 
ringer, lebhafter oder träger, theils in ihrer Richtung und 
Dauer verändert: manches wird gar nicht beachtet und 
übersehen, anderes einseitig und zu anhaltend betrachtet, so 
dass es sich als allein und ausschliesslich vorhanden darstellt. 
Auch das Denken bleibt nicht ungestört und unbefangen, die 
veränderte Empfindung wird auf die einwirkenden Gegen- 
stände übertragen, so dass sie in Folge eines falschen Ur- 
theiles verändert erscheinen. Die wahrgenommenen Dinge 
erscheinen daher grösser oder kleiner, besser oder schlechter, 
schöner oder hässlicher, bedeutender oder unbedeutender, als 
sie sich zu anderen Zeiten darstellen und in der Wirklich- 
keit sind. Eine plötzlich entstehende Melancholie fängt bis- 
weilen damit an, dass dem Kranken alles, was er sieht und 
hört imd was ihn umgiebt, ganz verändert erscheint, ohne 
dass er sich Rechenschaft davon geben kann, worin die Ver- 


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änderung besteht. In allen solchen Fällen werden aber zu 
gleicher Zeit alle Gegenstände, alle Formen, Farben u. s. w. 
richtig erkannt, weder Personen noch Sachen mit anderen 
verwechselt. Der Baum bleibt für die Wahrnehmung ein 
Baum, das Eckige bleibt eckig, das Harte hart, das Grüne 
grün u. s. w., und wenn ein Kranker sich über die schein- 
bare Veränderung aller Dinge beklagt, so zeigt er dadurch, 
dass er dessenungeachtet vermittelst seiner Sinne richtig 
wahrzunehmen und das Wahre von dem Falschen zu unter- 
scheiden im Stande ist. 

In allen diesen Fällen findet also ebenfalls keine eigentliche 
Täuschung der Sinne Statt, und die wirklichen Sinnestäu- 
schungen würden sich demnach beschränken auf solche Krank- 
heitszustände, bei denen nicht Vorhandenes sich den Sinnen 
als vorhanden darstellt. Dies geschieht dadurch, dass diesel- 
ben Eindrücke, welche sonst durch Einwirkung äusserer Dinge 
in den Sinnesorganen entstehen, hier durch innere Ursachen 
bewirkt werden, durch krankhafte Affectionen der Sinnesor- 
gane selbst, durch Blutandrang, Gehimafiection u. s. w. Selir 
oft wird aber dabei der Unterschied solcher scheinbarer Wahr- 
nehmungen von wirklichen deutlich bemerkt. Dies findet nicht 
nur Statt bei dem sogenannten Mückensehen, dem Erschei- 
nen von Funken, Nebeln oder farbigen, glänzenden Kreisen 
vor dem Auge und dem Sausen, Klingen und Läuten vor 
dem Ohre; sondern auch bei dem Erscheinen von Gestalten 
aller Art und dem Vernehmen von bestimmten Tönen und 
Worten. Es zeigt sich auch hier, wie selir die Sinne jeder 
Täuschung widerstehen, indem diese erst dann eintritt, wenn 
zugleich eine Störung der Verstandesthätigkeit entsteht. Allein 
selbst in den Illusionen und Hallucinationen des Wahnsinns, 
wobei theils wirkliche Wahrnehmungen, Personen und Sachen, 
Worte und Töne für andere gehalten werden, theils ohne alle 
äussere Einwirkung nicht Vorhandenes gesehen und gehört 
wird; selbst da bleiben die der Täuschung unterworfenen 
Sinne in der Regel zu richtiger Wahrnehmung vollkommen 
befähigt: der an Gesichtstäuschungen leidende Kranke sieht 
und erkennt zugleich die wirklichen Gegenstände, wie ein 


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27 


Gesunder, und der an Gehörtäusehungen Leidende hört und 
versteht jedes gesprochene Wort. 

Das Vorkommen von Sinnestäuschungen in krankhaften 
Zuständen und im Wahnsinn kann um so weniger gegen die 
Zuverlässigkeit und Gewissheit der Resultate des Wahrnehmens, 
geltend gemacht werden, da das Denken noch viel häufiger 
krankhaft gestört wird, viel zahlreichere Täuschungen daraus 
hervorgehen, und selbst die Sinnestäuschungen oft nur als 
Folge einer vorhergehenden Störung des Denkens auftreten. 
Im gesunden Zustande erfahren wir dagegen an uns selbst 
und Anderen tagtäglich, wie leicht und wie häufig das Den- 
ken uns durch einseitige und falsche Resultate täuscht. Wenn 
wir über eine Sache nachdenken, so kann uns am Abend 
falsch erscheinen, was wir am Morgen für richtig und gewiss 
hielten, und vielleicht am folgenden Tage wieder dafür zu 
halten geneigt sind. Die Sinne geben kein so schwankendes 
Zeugniss, sie sehen denselben Gegenstand heute eben so, 
wie gestern, und morgen wie heute, und Alle sehen ihn eben 
so, wie jeder Einzelne. Wer aufmerksam beobachtet, sich 
von dem Beobachteten genaue Rechenschaft giebt, und bei 
entstehenden Zweifeln das Zeugniss anderer Sinne und an- 
derer Personen gehörig berücksichtigt: der kann eine lange 
Reihe von Jahren durchleben, ohne jemals durch seine Sinne 
getäuscht zu werden. 

2. Die Sinne sollen nur Subjectives wahrnehmen, nichts 
Objectives; sie sollen deshalb nur zu einem subjectiven Wis- 
sen führen, dessen objective Gewissheit zweifelhaft bleibt, nur 
zur Wahrscheinlichkeit, nicht zu absoluter Wahrheit. 

Diese bereits von den alten Skeptikern aufgestellte Mei- 
nung ist in neuerer Zeit durch die Kantische Philosophie in 
Deutschland sehr verbreitet worden, welche behauptet, dass 
der Mensch die Dinge nur so erkennen könne, wie sie ihm 
erschienen, nicht wie sie an sich seien. Konsequente Verfolgung 
dieses Princips würde dahin führen, dass man, wenn man, 
z. B. einen Stein in der Hand hält, wenn man ihn handgreif- 
lich und augenscheinlich dafür erkennt, wenn jeder Andere 
dasselbe thut, dass man dennoch nicht sagen dürfe, dies ist 


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ein Stein, sondern nur, dies scheint mir ein Stein zu sein: 
ob es wirklich ein Stein sei oder nicht, wäre gar nicht zu 
ermitteln. Uebersehen wird dabei, wie mir scheint, dass 
unsre Sprache, wenn überhaupt nur Subjectives wahrgenom- 
men und erkannt wird, auch nur Subjectives bezeichnen kann. 
Wenn wir einen Stein an seiner Undurchdringlichkeit, Schwere, 
Härte, Festigkeit und Zusammenfiigung erkennen, so bildet 
der Inbegriff dieser Merkmale unseren Begriff von einem Stein, 
und das Wort bedeutet nichts Anderes, es ist ein Zeichen 
des Begriffes, und hat keinen anderen Inhalt, als diesen. 
Giebt man auch zu, dass der Stein manche Eigenschaften be- 
sitzen könne, welche wir nicht zu erkennen vermögen, so ist 
und bleibt es dennoch absolut gewiss, dass der Stein ein 
Stein sei: ob, was wir an ihm wahrnehmen, subjectiv oder 
objectiv sei, ist für die Wahrheit und Gewissheit dieser Be- 
hauptung gleichgültig. 

Die Meinung, dass nur Subjectives von den Sinnen wahr- 
genommen werden könne, ist namentlich in die Physiologie 
eingedrungen, und findet sich in den ausgezeichnetsten Lehr- 
büchern derselben z. B. bei Joh. Müller. Zur Erklärung 
der Sinneswahrnehmungen wird angenommen, dass die Sin- 
nesnerven von den äusseren Dingen Eindrücke empfangen, 
und dass diese Eindrücke durch die ganze Länge der Nerven 
sich fortpfianzen bis zum Gehirn, in welchem die Wahrneh- 
mung geschieht. Also, heisst es, kommt bei der Wahrneh- 
mung von aussen gar nichts in den Menschen hinein; es wird 
nur ein Eindruck auf die Nerven gemacht, es ist folglich nur 
dieser Eindruck , welcher wahrgenommen wird , und die ganze 
Wahrnehmung ausmacht. Man geht hierin so weit, dass so- 
gar ausdrücklich behauptet wird, es würde bei dem Anschauen 
eines Gegenstandes nicht der vor dem Auge befindliche Ge- 
genstand gesehen, sondern das durch dessen Einwirkung auf 
der Netzhaut des Auges erzeugte Bild desselben. Diese Be- 
hauptung zeigt in einem schlagenden Beispiele, wie wenig 
der Mensch sich auf die Resultate seines Nachdenkens ver- 
lassen könne, sobald er den Boden der Erfahrung verlässt. 
Von den Eindrücken, welche in dem Acte des Sehens auf 


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den Sehnerven gemacht werden, von dem Bilde, welches auf 
die Netzhaut projicirt wird, nimmt kein Mensch auch nur 
das Mindeste wahr, wir haben nur eine theoretische Kennt- 
niss von der Existenz desselben und dennoch wird behauptet, 
dass wir dies für uns durchaus unsichtbare Bild sehen, und 
die wirklich sichtbaren Gegenstände nicht sehen. 

Diesem augenscheinlichen Irrthume liegt die falsche Vor- 
stellung zum Grunde, dass in dem Acte des Sehens der Ge- 
genstand sich auf der Netzhaut gleichsam abspiegele, und dass 
der menschliche Geist dies Spiegelbild betrachte. Er ist aber 
vielmehr selbst der Spiegel, welcher das Bild empfangt, sein 
Wahrnehmen ist nur ein Aufnehmen dieses Bildes in sich 
selbst, ein Entstehen desselben in dem eigenen Bewusstsein, 
und eben deshalb, weil der Gegenstand selbst (in ähnlicher 
Weise, wie bei dem Daguerrotypiren) , sein Bild in uns er- 
zeugt, müssen die innerlichen Bilder oder Ideen mit ihren 
Gegenständen ganz übereinstimmen, und können wir selbst 
nichts daran verändern. Indem wir aber diese Bilder ohne 
alles subjective Zuthun und Wissen in uns aufnehmen, erhal- 
ten wir dadurch eine objective Kenntniss der Gegenstände, 
welche von allem subjectiven Wissen befreit ist. Was in 
dem Acte des Wahrnehmens in uns selber vorgeht, ist un- 
serer Wahrnehmung gänzlich entzogen, und würde, wenn es 
zu gleicher Zeit wahrgenoinmen würde, nur einen störenden 
Einfluss ausüben können. 

Durch unsere Sinne werden uns also vollkommen natur- 
getreue und wahre Bilder oder Ideen von den uns umgeben- 
den Objecten ohne alle subjective Beimischung zugeführt. 
Wie wenig Subjectives wir durch die Sinne erfahren, erhellt 
auch daraus, dass wir gar nicht wissen, ob verschiedene Men- 
schen subjectiv dasselbe Ding gleich oder verschieden auf- 
fassen, wohl aber, dass sie objectiv dieselben Dinge wahr- 
nehmen und mit demselben Namen benennen. Was für den 
Einen ein Stein, ein Haus, ein Baum ist, ist es auch für den 
Andern, was dem Einen rotli, grün oder blau erscheint, hält 
auch der Andere dafür. Ob aber derselbe Gegenstand, die- 
selbe Farbe das Auge des Einen eben so afficirt, wie das 


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Auge de* Anderen, das wissen wir nicht mit Gewissheit, und 
setzen es nur voraus, weil wir keine wesentliche Verschie- 
denheit in der Organisation der Nerven bemerken. Möglicher 
Weise könnte das Auge des Einen von dem Rothen eben so 
afficirt werden, wie das Auge des Andern von dem Blauen; 
es würden dennoch beide dieselbe Farbe mit demselben Na- 
men benennen, und der Eine die Farben objectiv eben so 
unterscheiden, wie der Andere. Für die objective sinnliche 
Erkenntniss genügt es, dass dasselbe Object immer denselben 
bestimmten Eindruck auf die Sinnesnerven des Individuums 
macht; wie der subjective Eindruck beschaffen sei, darauf 
kommt gar nichts an. 

Mit unserem Nachdenken verhält es sich grade umge- 
kehrt, das Object desselben ist niemals unmittelbar ein äusserer 
Gegenstand, sondern stets eine in uns vorhandene Idee oder 
Vorstellung. Unser Bewusstsein ist in der That einem Spie- 
gel zu vergleichen, in den der denkende Geist hineinschaut, 
um die in demselben vorhandenen Bilder zu betrachten. Ver- 
suchen wir es, unmittelbar über einen ausser uns befindlichen 
Gegenstand, einen Baum, ein Haus, eine Blume u. s. w. nach- 
zudenken, so findet sich, dass darüber gar nichts zu denken 
ist, dass diese Dinge vielmehr gar keine Objecte für unser 
Denken sind. Nur über unsere Ideen, über die Vorstellun- 
gen, die wir von den Dingen haben, können wir denken; 
wir können untersuchen, wie sie beschaffen sind, welchen In- 
halt sie haben; wir können sie unter einander vergleichen, 
ihre Unterschiede, ihre Beziehungen, ihren Zusammenhang 
prüfen u. s. w.; aber unmöglich ist es, über etwas zu denken, 
was nicht in unserem Bewusstsein vorhanden ist. Die Siu- 
nesthätigkeit ist ein Betrachten dessen, was ausser uns ist, 
das Denken ein Betrachten dessen, was in uns ist, der ganze 
Prozess des Denkens ist ein innerlicher und subjectiver, und 
seine Resultate sind zunächst immer nur ein subjectives Wis- 
sen, dessen objective Gewissheit erst anderweitige Bestätigung 
fordert. Die Resultate des Denkens weichen eben deshalb 
sehr von einander ab nach Maassgabe der individuellen Ver- 
schiedenheit der Menschen, noch mehr aber nach Maassgabe 


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der Klarheit und Deutlichkeit der individuellen Vorstellungen, 
worüber nachgedacht wird. Was nicht in der Vorstellung 
enthalten ist, bringt kein Nachdenken heraus, und aus unkla- 
ren und verworrenen Vorstellungen lassen sich keine klaren 
und richtigen Gedanken entwickeln. Nur die Allgemeinheit 
und Nothwendigkeit, oder die Uebereinstimmung mit der 
Wirklichkeit kann den subjectiven Gedanken des Menschen 
den Character objectiver Wahrheit und Gewissheit geben, wel- 
chen die Sinneswahrnehmungen stets an sich tragen. 

3. Die Sinne, heisst es ferner, nehmen nur Veränderliches 
und Vergängliches wahr, was sich ihnen darbietet, ist einem 
steten Wechsel unterworfen; das Wahre ist aber das Unver- 
änderliche, Ewige, wechsellos Beharrende, und dies können 
die Sinne nicht wahrnehmen. 

Diese Behauptung enthält den zwiefachen Irrthum, dass 
die Sinne nur Veränderliches wahrnehmen, und dass nur das 
Unveränderliche Wahrheit enthalte. Von den Sinnen werden 
die Gegenstände so wahrgenommen, wie sie sind, und in dem 
Zustande, in welchem sie sich zur Zeit der Wahrnehmung 
befinden. Verändern sie sich während der Betrachtung, so 
wird diese Veränderung wahrgenommen, und eben so, ob sie 
im Zustande der Ruhe oder der Bewegung sich befinden. 
Der ganze Inhalt der Wahrnehmung begründet das unmittel- 
bare Wissen von dem Gegenstände oder die Kenntniss des- 
selben, und dieses Wissen prägt sich der Seele mehr oder 
weniger ein, es bleibt, wie wir sagen, im Gedächtniss. Ver- 
möge dieses Gedächtnisses weiss die Seele, wenn sie densel- 
ben Gegenstand wieder erblickt, auf der Stelle, dass es der- 
selbe Gegenstand ist, den sie früher betrachtet hat. Das 
Wiedererkennen geschieht ohne Mitwirkung des Verstandes 
oder der Vernunft, die Thiere thun es eben so gut, wie der 
Mensch, und es ist kein Ueberlegen oder Nachdenken dazu 
erforderlich. Die Sinne selbst besitzen Vernunft genug, um 
früher Wahrgenommenes wieder zu erkennen. Wenn wir 
aber z. B. durch unsere Sinne einen in vielen Jahren nicht 
gesehenen in der äusseren Erscheinung sehr veränderten 
Freund auf den ersten Blick wieder erkennen, und dann erst 


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die mit ihm vorgegangene Veränderung bemerken, so zeigt 
sich, dass die Sinne das Unveränderte früher gewahr werden, 
als die Veränderung, und dasselbe Hesse sich durch unzäh- 
lige Beispiele darthun. Der entblätterte Baum, den wir vor- 
her mit Blüthen und Blättern bedeckt gesehen haben, er- 
scheint uns als derselbe Baum u. s. w. So viel wir wissen 
von den sinnlichen Erfahrungen unserer Vorfahren, ist ihnen 
seit Jahrhunderten die Welt eben so erschienen, wie uns. 
Die Sonne, der Mond imd die meisten Gestirne sind noch 
heute eben so, wie Hippareh und die alten Chaldäer sie 
gesehen haben, und wir können nicht nachweisen, dass sie 
jemals anders sein werden, vielmehr lassen alle astronomi- 
schen Beobachtungen auf eine ewige Fortdauer schliessen. 
Die tägliche Bewegung des Firmamentes bleibt unwandelbar 
dieselbe, und unendlich Vieles, was wir sinnlich wahrnehmen, 
erscheint uns durchaus unverändert. Wären überhaupt die 
sinnenfälligen Objecte nur etwas stets Wechselndes und in 
jedem Augenblicke ein Anderes, so wäre ein Wissen von 
ihnen, d. h. eine bleibende Kenntniss unmöglich; wir wären 
nicht einmal im Stande, einen Gegenstand zu benennen, und 
kein Ding, keinen Stein, keine Pflanze, keinen Menschen wür- 
den wir wiederzuerkennen vermögen. Es würde dann so 
sein, wie Kratylus, ein Schüler Her aklit’s, gelehrt haben 
soll, dass sich von allen Dingen, weil sie sich stets verwan- 
delten, nichts Wahres behaupten Hesse. Man dürfe daher 
eigentlich gar nichts aussagen, weil die Sache sich ändere in 
dem AugenbHcke, in welchem man das Urtheil ausspreche: 
man müsse blos mit dem Finger auf den Gegenstand hin- 
weisen, worüber man etwas sagen woUe. 

In wie ferne ein früher gesehener Gegenstand sich verän- 
dert hat und worin diese Veränderung bestehe, wird, wenn 
wir die Veränderung selbst nicht gesehen haben, nicht un- 
mittelbar von den Sinnen erkannt, sondern nur unter Mitwir- 
kung des Verstandes, durch ein verständiges Vergleichen, 
Ueberlegen und Urtheilen. Ob diejenigen Dinge, an denen 
keine Veränderung wahrgenommen wird, veränderlich oder 
unveränderlich sind, davon können die Sinne nichts wissen 


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und nichts aussagen, ein solches Urtheil ist der Sphäre ihrer 
Thätigkeit durchaus fremd. Sie nehmen die Dinge einfach 
wahr, wie sie sie vorfinden, und überlassen jedes Urtheil über 
das Wesen der Dinge, über ihre Veränderlichkeit oder Un- 
veränderlichkeit dem Verstände. 

Geben wir aber auch zu, dass alle sinnlich wahrnehmba- 
ren Dinge veränderlich sind, so folgt daraus nichts weniger, 
als ihre Unwahrheit, indem die Unveränderlichkeit gar kein 
Kriterium der Wahrheit oder Unwahrheit ist. Wahrheit ist 
nur für den denkenden Geist, dessen Vorstellungen und Ge- 
danken wahr sind, wenn sie mit den Gegenständen überein- 
stimmen, wenn das Object sich im Bewusstsein eben so dar- 
stellt, wie es in der Wirklichkeit existirt. In der Wirklich- 
keit ist Veränderliches mit Unveränderlichem, Wechselndes 
mit Beharrendem, Vergängliches mit Ewigem unzertrennlich 
verbunden, und unsere Gedanken sind in dieser Beziehung 
wahr, wenn wir uns das Veränderliche als veränderlich, das 
Unveränderliche als unveränderlich vorstellen; sie sind falsch, 
wenn wir umgekehrt das Unveränderliche als Veränderliches, 
und dieses als unveränderlich betrachten. Wie man ein Ver- 
änderliches seiner Veränderlichkeit halber für ein Unwahres 
erklären kann, ist fast unbegreiflich, und nur aus der unge- 
meinen Schwierigkeit des klaren und deutlichen Denkens zu 
erklären. Wäre alles Veränderliche unwahr, so enthielte offen- 
bar alles Leben keine Wahrheit; denn das Leben ist mit 
einer continuirlichen Selbstveränderung des Lebendigen ver- 
bunden. Alle Menschen, alle Tliiere, alle Pflanzen wären 
nur Erscheinungen ohne Wirklichkeit, und nur in dem Leb- 
losen und Todten, in der starren und unveränderlichen Ma- 
terie wäre Wahrheit zu finden. 

Hegel sagt in seiner Encyclopädie (Hegels Werke Bd. 6. 
S. 144.): was das unmittelbare Bewusstsein von der Existenz 
äusserer Dinge betrifft, so heisst dasselbe nichts Anderes, 
als das sinnliche Bewusstsein. Dass wir ein solches haben, 
ist die geringste der Erkenntnisse; es hat allein Interesse zu 
wissen, dass dies unmittelbare Wissen von dem Sein der äus- 
serlichen Dinge vielmehr ein zufälliges, vorübergehendes, ein 

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Schein ist — dass sie wesentlich dies sind, nur eine Existenz 
zu haben, die von ihrem Begriff, Wesen, trennbar ist. — 
Kein Mensch wird aber ein zufälliges Ereigniss, das ihn trifft, 
oder wovon er Augenzeuge ist, für unwahr und für blossen 
Schein halten. Die Philosophie pflegt freilich solche triviale 
Einwendungen mit Geringschätzung abzuweisen; sie hätte 
sich aber vielmehr davor zu hüten, nicht mit dem allgemeinen 
Sprachgebrauch in Widerspruch zu treten, und ist, wenn sie 
dies thut, gewiss in einem Irrthume befangen. 

4. Durch die Sinne, wird ferner behauptet, können wir 
nicht zu Begriffen gelangen, sondern nur zu einzelnen An- 
schauungen. Sie sollen nichts Allgemeines wahrnebmen, son- 
dern nur Einzelheiten, nicht einmal ein Ganzes, sondern nur 
einzelne Theile desselben, das Auge z. B. nur verschiedene 
Beleuchtung, Färbung und Schattirung. Aus diesen Einzel- 
heiten müsse erst der Verstand durch Abstraction und Com- 
bination den Begriff bilden. Ueberdies sollen die sinnenfälli- 
gen Objecte den» Wesen ihres Seins oder ihrem Begriff (der 
Idee ihrer Gattung und Art) nie vollkommen entsprechen, so 
dass die Sinne uns auch deshalb nur eine unvollkommene 
Kenntniss der Dinge verschaffen könnten. Die Natur ist, 
sagt Hegel, mit liecht als ein Abfall der Idee von sich 
selbst bestimmt worden, und weil der Begriff im Thiere nicht 
in seiner selbstständigen Freiheit existirt, soll das Leben des 
Thieres ein krankes, sein Gefühl ein unsicheres, angstvolles 
und unglückliches sein. 

Das Wort Begriff ist, wie ich von meinem ehrwürdigen 
Lehrer, dem längst verstorbenen Carl Leonhard Reinhold 
gelernt habe, von dem betastenden Begreifen mit der Hand 
herzuleiten. Dadurch, dass wir eine Sache von allen Seiten, 
nicht bloss mit der Hand, sondern auch mit dem Auge und 
den übrigen Sinnen sorgfältig betasten und begreifen, erhal- 
ten wir einen Begriff derselben, welcher nichts Anderes ist, 
als der zusammengefasste und zu einem Ganzen vereinigte 
Inhalt alles dessen, was an und in der Sache wahrnehmbar 
ist, und je vollständiger wir die Sache von allen Seiten be- 
griffen haben, desto vollständiger ist der erlangte Begriff. 


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Der neueren Philosophie zufolge enthält der Begriff die Mo- 
mente der Allgemeinheit, Besonderheit und Einzelheit in sich 
aufgehoben und unzertrennlich verbunden, d. li. er ist eine 
allgemeine Idee (die Gattung), welche sich in besonderer 
Form (der Art) im Einzelnen (den Individuen) darstellt oder 
realisirt. Jedes Einzelne ist also die sichtbare Darstellung 
oder Verkörperung einer allgemeinen Idee in einer besonderen 
Gestalt, es enthält das Allgemeine in sich, und kann getrennt 
von demselben weder existiren, noch gedacht werden. Man 
kann sich keine einzelne Pflanze, kein einzelnes Thier, keinen 
einzelnen Stein denken, die nicht zugleich eine Pflanze, ein 
Thier oder ein Stein wären, und zwar sind sie dies vollkom- 
men, wenn sie auch in anderen Beziehungen noch so unvoll- 
kommen sein mögen. Jedes einzelne Dreieck oder Viereck 
entspricht vollkommen dem Begriff eines Dreiecks oder Vierecks ; 
das Kind ist eben so vollkommen ein Mensch, wie der Mann 
oder der Greis. 

Es ist offenbar ein Irrthum, wenn man meint, dass das 
Einzelne, um seinem Begriff vollkommen zu entsprechen, in 
jeder Hinsicht vollkommen sein müsse. Indem man dies be- 
hauptet, verwandelt man, ohne es gewahr zu werden, den 
wirklichen concreten Begriff in eine leere Abstraction des 
Verstandes. Anstatt ihn so aufzufassen, wie er in der Wirk- 
lichkeit lebendig existirt, fasst man ihn auf als ein selbstge- 
schaffenes Ideal von Vollkommenheit, was in der Wirklichkeit 
der erschaffenen Welt nicht vorkommt und nicht Vorkommen 
soll. Gott hat keine Welt erschaffen wollen, die nur erfüllt 
wäre mit lauter vollkommenen, einander völlig gleichen Ein- 
zelwesen: eine solche Welt würde weder schön, noch voll- 
kommen sein; sie würde aller Mannichfaltigkeit entbehren; ja 
sie würde gar nicht existiren können; denn absolut vollkom- 
men ist nur Gott, und sollte nur absolut Vollkommenes existi- 
ren, so könnte nichts existiren ausser ihm. Dem Naturfor- 
forscher erscheint die Darstellung der grössten Mannichfaltig- 
keit eben sowohl als Ziel und Endzweck der Natur, wie die 
Erhaltung der grössten Regelmässigkeit, Gesetzmässigkeit und 
Ordnung. Daher schliesst auch der Begriff eine unendliche 

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Manniclifaltigkeit von Besonderheiten in sich, und die Ein- 
zelheiten sind in ihrer Besonderheit vollkommen, was sie 
ihrem Begriffe nach sein sollen. Sie sind von dem Allge- 
meinen unzertrennlich, sie sind dessen Träger und Repräsen- 
tanten, unter einander nicht qualitativ, sondern nur durch 
verschiedene quantitative Entwicklung der einzelnen Theile 
oder Glieder verschieden. 

Wenn hiernach die Möglichkeit erwiesen sein dürfte, durch 
die Kenutniss des Einzelnen zur vollständigen Erkenntniss 
des Allgemeinen oder zum Begriff gelangen zu können: so 
fragt es sich nur, ob die Sinne zur Wahrnehmung des Allge- 
meinen befähigt sind. Den Unterschied zwischen dem Ein- 
zelnen und dem Allgemeinen macht aber erst der Verstand, 
die Sinne können Beides nicht unterscheiden.* Sie sind um 
so weniger im Stande, von einander zu trennen, was in der 
Wirklichkeit unzertrennlich vereinigt ist; sie müssen Alles 
so aufnehmen, wie es sich ihnen darbietet, mit und in dem 
Einzelnen müssen sie das in ihm enthaltene Allgemeine auf- 
nehmen. Die geistige Natur der Sinne und die ihnen inwoh- 
nende Vernunft wird ganz und gar verkannt, wenn man 
glaubt, dass bloss Materielles und Körperliches von ihnen 
wahrgenommen werde; sie nehmen vielmehr von dem Gegen- 
stände auf, was geistig an und in ihm ist, seine Form und 
das darin ausgesprochene Ideelle, das Materielle und Körper- 
liche lassen sie draussen. 

Ganz falsch ist die Vorstellung, dass die Sinne nur Ein- 
zelheiten oder einzelne Theile des Ganzen neben oder nach 
einander gewahr würden, und dass erst der Verstand dies 
von den Sinnen aufgenommene Detail zu einem Ganzen com- 
binire. Die Thätigkeit des Verstandes ist überhaupt weit 
mehr eine kritische und analytische, als eine synthetische: die 
Sinne fiir sich allein analysiren nicht, sie nehmen Alles, was 
sich ihnen darbietet, in seinem natürlichen Zusammenhänge 
auf. Wenn wir einen Baum, eine Blume, einen Menschen, 
eine Landschaft sehen, so erhalten wir auf den ersten Blick 
eine Vorstellung von dem Ganzen, so weit es mit einem Blick 
übersehen werden kann. Begegnen wir einem Menschen, so 


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sehen wir zuerst, dass es ein Mensch ist, wie seine Nase, 
seine Haare, seine Augen, seine Kleidungsstücke beschaffen 
sind, sehen wir erst später, wenn wir zu einer speciellen Be- 
trachtung veranlasst werden. Ist der Gegenstand zu gross, 
um mit einem Blicke übersehen zu werden, etwa eine Kirche 
oder eine Landschaft, so bewegt sich unser Auge unwillkühr- 
lich und ohne dass wir daran denken über die ganze Ober- 
fläche desselben, bis wir eine Vorstellung von dem Ganzen 
erhalten haben. Der instinctartige Trieb, sie zu erlangen, ist 
in dem Auge so mächtig, dass es uns kaum möglich ist, vor 
der Befriedigung desselben unser Auge auf einen einzelnen 
Punkt zu fixiren: das Auge hat keine Ruhe, bis es das Ganze 
wahrgenommen hat, und lässt sich überhaupt nur für kurze 
Zeitmomente in seinen Bewegungen hemmen, und unverrückt 
in einer bestimmten Richtung festhalten. Hören wir zusam- 
menhängende Worte z. B. eine Rede, so fassen wir den Inhalt 
ganzer Sätze und Perioden auf, und erinnern uns nicht immer 
der einzelnen Wörter, wenn wir nicht durch irgend Etwas zu 
ihrer besonderen Beachtung veranlasst werden. Verschiedene 
Zuhörer glauben deshalb oft, verschiedene Worte gehört zu 
haben, und nicht selten entstehen Streitigkeiten darüber unter 
ihnen, welches Ausdrucks der Redner sich bedient habe. Woh- 
nen wir einem Concerte bei, so fassen wir ebenfalls die Me- 
lodien und Harmonien im Ganzen auf, ohne die einzelnen 
Töne und Instrumente zu unterscheiden. Letzteres geschieht 
nur dann, wenn wir absichtlich unsere Aufmerksamkeit darauf 
richten, und alsdann ist die Thätigkeit des Sinnes nicht sich 
selbst überlassen, sondern bestimmt und geleitet durch eine 
Reflexion des Verstandes. Mit der Thatsache , dass die Sinne 
immer zunächst das Ganze auffassen, stimmt auch überein, 
dass in der Erinnerung und in der sogenannten Ideen-Asso- 
ciation vorzugsweise dasjenige sich mit einander verbindet, 
was früher zusammen wahrgenommen wurde. 

Die Sinne nehmen aber nicht blos die sich ihnen dar- 
bietenden Objecte als ein Ganzes wahr, sondern auch das 
Einzelne als ein Allgemeines. Sobald das Kind einen ein- 
zelnen Gegenstand gesehen und dessen Namen gehört hat, 


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in der Periode des Sprechenlernens, hat es zugleich den Be- 
griff der Gattung und Art; es braucht nur einen einzigen 
Hund, einen Vogel, eine Blume gesehen zu haben, um jeden 
Hund, jeden Vogel, jede Blume auf der Stelle zu erkennen. 
Es kann vielleicht ein anderes vierfüssiges Thier für einen 
Hund, einen Schmetterling für einen Vogel halten, weil es 
den Begriff in noch allgemeineren Beziehungen aufgefasst hat; 
dass es aber in jeder einzelnen Wahrnehmung einen allge- 
meinen Begriff auffasst, ist unverkennbar. Eben so erkennt 
der Naturforscher in jeder einzelnen Pflanze und in jedem ein- 
zelnen Thier- stets zugleich die Art und Gattung. Geschähe 
dies überhaupt nicht, so würden wir gar nicht im Stande 
sein, den Gegenstand zu benennen, denn jedes Wort hat eine 
allgemeine Bedeutung und enthält einen Begriff. Die Bedeu- 
tung der Wörter seiner Muttersprache erlernt das Kind durch 
sein Ohr spielend und unbewusst, in einer Zeit, wo es zu 
selbstständigem Denken noch nicht befähigt ist, wo ein ver- 
ständiges Ueberlegen und ein vernünftiges Nackdenken noch 
nicht Statt finden; die den Sinnen inwohnende vernünftige 
Thätigkeit reicht hin, die Bedeutung der Wörter richtig auf- 
zufassen, und ihren richtigen Gebrauch zu erlernen. 

Man muss eine Sprache erst ganz inne haben, ehe man 
über die Bedeutung ihrer einzelnen Theile naehdenken, ihre 
Etymologie und Grammatik studiren kann. Was man aber 
dabei zum Bewusstsein bringt, hat man schon lange vorher 
gewusst, ohne selbst zu wissen, dass man es wusste: das 
richtige Sprechen und Schreiben der Sprache, und der rich- 
tige Gebrauch der einzelnen Wörter beweisen das frühere 
Vorhandensein dieses bewusstlosen Wissens. Dasselbe findet 
bei jedem Nachdenken Statt; das bewusstlose Wissen geht 
vorher, und das Nachdenken thut nichts Anderes, als dass 
es dieses Wissen in allen Beziehungen entwickelt, und den 
Inhalt desselben mehr oder weniger klar, deutlich und voll- 
ständig zum Bewusstsein bringt, die unbestimmte Vorstellung 
in einen bestimmten Begriff, die vorläufige Kenntniss in Er- 
kenntniss umwandelt. Je sorgfältiger wir beobachtet haben, 
je reicher und umfassender die sinnliche Erfahrung ist; desto 


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vollständiger werden bei gleicher Energie des Denkens die 
daraus hergeleiteten Begriffe, flüchtige und oberflächliche 
Beobachtung führt nur zu unvollkommenen Begriffen. Das 
Nachdenken darüber veranlasst uns aber stets zu wiederholter 
und aufmerksamer Betrachtung und Untersuchung des Ge- 
genstandes, wodurch zunächst ein immer klareres und deut- 
licheres Bild desselben in uns entsteht, dann aber auch unser 
Begriff sich immer mehr erweitert und vervollkommt. Was 
wir aber nicht schon vorher unbewusst begriffen haben, kann 
das Nachdenken niemals zum Bewusstsein bringen, und in 
diesem Sinne ist auch jener alte, dem Aristoteles zuge- 
schriebene Satz zu verstehen: nihil est in intellectu, quod 
non fuerit in sensu. 

Für jeden Begriff dient ein Wort als Zeichen, und der 
Begriff ist der Sinn und Inhalt desselben. Unser Denken ist 
ein innerliches Selbstgespräch; wir können nur in Worten 
denken, und bedürfen dieser Zeichen, um die Gegenstände 
geistig aufzufassen und festzuhalten. Da in dem Worte gleich- 
sam Alles niedergelegt ist, was wir von der dadurch bezeich- 
neten Sache wissen, so brauchen wir nur über die Bedeu- 
tung des Wortes nachzudenken, um zur Erkenntniss der 
Sache selber zu gelangen, und in der That sind auch stets 
Worte oder Sätze das unmittelbare Object unseres Nachden- 
kens. Dasselbe Wort hat für verschiedene Individuen oft 
einen verschiedenen, engeren oder weiteren Sinn, wenn auch 
Alle es richtig zu gebrauchen wissen. Der bewustlose, damit 
verbundene Begrifl ist nach Maassgabe der individuellen Er- 
fahrung vollständiger oder unvollständiger, und der daraus 
abgeleitete oder entwickelte bestimmte Begriff ist ausserdem 
noch verschieden nach Maassgabe der Schärfe und Energie 
des individuellen Denkens. Der ältere Reinhold machte in 
seiner Synonymik einen Versuch, durch Ermittelung des in 
jedem Worte enthaltenen Begriffes eine sichere und feste 
Grundlage für die Philosophie zu gewinnen, indem er glaubte, 
dass die Verschiedenheit der Ansichten hauptsächlich beruhe 
auf der Vieldeutigkeit und Doppelsinnigkeit der Worte, und 
dass aller Streit ein Ende nehmen würde, sobald der in jedem 


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Worte enthaltene Begriff bestimmt erkannt und festgesetzt 
worden sei. Hegel behauptet dagegen, dass jeder Begriff 
über den aus dem Worte entwickelten Sinn oder Inhalt hin- ■ 
ausgehe und in sein Gegentheil Umschläge z. B. Sein in 
Nichts. 

In der That finden wir immer, so oft wir ernsthaft und 
wiederholt über die Bedeutung von Worten naclidenken, dass 
sie einen viel tieferen und reicheren Sinn und Inhalt haben, 
wie wir anfänglich glaubten. Wir können auf diesem Wege 
aus uns selber eine unendliche Fülle des Wissens schöpfen, 
welches enthalten ist in den uns geläufigen Worten, und un- 
bewusst aufgenommen durch sinnliche Wahrnehmung und Er- 
fahrung. Wir haben dabei oft genug Gelegenheit, zu erstau- 
nen und uns zu verwundern über den Reichthum des Wis- 
sens, den wir in uns tragen, ohne es selber zu wissen. Das 
sogenannte reine oder spekulative Denken besteht nur in dem 
Bestreben, diesen reichen Schatz des durch Erfahrung unbe- 
wusst erworbenen Wissens auszubeuten und zu Tage zu för- 
dern. Wir haben auch sonst vielfach Gelegenheit, zu be- 
merken, dass wir Vieles wahrnehmen, ohne uns dessen be- 
wusst zu sein. Wir nehmen die uns umgebenden Dinge 
wahr, ohne es zu wissen, wenn wir an Anderes denken; Ge- 
sehenes, Gehörtes, Gelesenes] tritt bei besonderen Veranlas- 
sungen in unserem Bewusstsein hervor, wenn wir es längst 
vergessen wähnten, oder gar nicht wussten, dass wir es wahr- 
genommen hatten. In manchen {krankhaften Zuständen, im 
Delirium, der Extase, dem Somnambulismus, kommt manch- 
mal ein Wissen zum Vorschein, welches bei demselben Indi- 
viduum nicht vorhanden zu sein schien, und nichts Anderes 
ist, als ein solches bewustloses , im Gedächtnisse ruhendes 
und gleichsam in der Seele schlummerndes Wissen. Wohl 
dürfen wir daher die sinnliche Wahrnehmung und Erfahrung 
als die eigentliche Quelle unseres Wissens betrachten, und 
müssen dem alten Heraklit beistimmen, wenn er von der 
menschlichen Seele sagt, dass sie durch die Sinne zur Intel- 
ligenz gelange: dt« tmp alaO-ijTixwv nÖQCov l.oyixijp evdverai 
dvyafuv. 


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5. Endlich wird behauptet, dass die Sinne nur Sinnen- 
fälliges wahrnehmen, und dass wir deshalb durch sinnliche 
Wahrnehmung und Erfahrung zu keinem Wissen von über- 
sinnlichen Dingen gelangen können. Das Uebersinnliche 
könne nur durch das reine Denken erkannt werden, und 
grade diese Erkenntniss sei es, welche von der Philosophie 
gesucht werde, weil nur in dem Uebersinnlichen , nicht in 
dem Sinnenfalligen, Wahrheit enthalten sei. 

In neuerer Zeit ist besonders von Hu me die Ansicht 
geltend gemacht worden, dass die Erfahrung zwar innerhalb 
der Sphäre der Sinnlichkeit eine zuverlässige Führerin sei, 
dass aber über die Grenzen dieser Sphäre hinaus keine Ge- 
wissheit des Wissens erreicht werden könne. Auch Kant, 
auf dessen philosophisches System die Ansichten seines Vor- 
gängers Hu me den grössten Einfluss hatten, war der Mei- 
nung, dass dieErfahrung nicht über die Erkenntniss der Erschei- 
nungen hinauskommen, und das Ding-an-sich nicht erkennen 
könne. Dieses Ding-an-sich ist Dasjenige, was übrig 
bleibt, wenn man von allem bestimmten Inhalte abstrahirt, es 
wird von Hegel als das caput mortuum des zur reinen Ab- 
straction fortgegangenen Denkens bezeichnet; aber sein rei- 
nes Sein, womit die Philosophie beginnt, ist nur dasselbe 
caput mortuum, und es ist daher nicht zu verwundern, wenn 
es bei unserer Betrachtung alsbald in ein Nichts umschlägt. 

Sehr weit verbreitet ist, namentlich in Deutschland durch 
Kant und Hegel die Meinung, dass man den Boden der 
Erfahrung völlig verlassen und sich über die Sinnlichkeit ganz 
und gar erheben müsse, um zur Erkenntniss des Uebersinn- 
lichen und Wahren zu gelangen. Ein solches Erheben mit 
gänzlichem Verlassen der Erfahrung ist aber nur eine Selbst- 
täuschung; wir können nicht in solcher Weise von allem 
durch Erfahrung erworbenen Wissen . abstrahiren und wenn 
wir uns dem Scheine nach über das Sinnenfällige erheben, 
vertiefen wir uns erst recht darin. Wir sollen uns allerdings 
über das unmittelbare sinnliche Wissen erheben, und durch 
unser Nachdenken eine höhere Stufe des Wissens zu erreichen 
suchen ; aber wir müssen jenes Wissen als die feste Grundlage 


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anerkennen, als die erste Stufe einer Leiter, worauf der eine 
Fuss gestützt bleiben muss, während der andere die höhere 
Stufe betreten soll. Thun wir dies nicht, so machen wir es 
wie derjenige thun würde, der den einen Fuss vor den 
ersten erhöbe, während der andere noch in der Luft schwebte: 
wir verlieren den Grund und Boden alsdann unter unsern 
Füssen, und müssen entweder niederstürzen oder Luftsprünge 
machen und Luftschlösser bauen aus luftigen und leeren Ge- 
danken. Könnten wir in der That nach Belieben von aller 
Erfahrung und allem unmittelbaren Wissen abstrahiren, so 
würden seltsame philosophische Gebäude construirt werden. 
Zu unserem Glücke sind wir aber so daran gefesselt, dass 
unser Wille nicht die Macht besitzt, diese Fesseln zu zer- 
reissen. Wenn wir z. B. über die Bedeutung des Wortes 
oder des Begriffes Sein nachdenken wollen, so können wir 
dies nicht, ehe wir das Seiende in seiner unendlichen Man- 
nichfaltigkeit vielfach betrachtet, und das Wort imendlich oft 
gebraucht haben. Wir wissen alsdann sehr gut, was das 
Sein sei, und von dieser erworbenen Kenntniss können wir 
uns nicht losmachen. Versuchen wir es dennoch, so bringen 
wir nichts heraus, als das Unding eines Dinges-an-sich oder 
eines reinen Seins, welches ein leeres Nichts ist, während 
das wirkliche Sein einen unendlich mannichfaltigen Inhalt hat, 
und Alles umfasst. Wir wissen wie gesagt sehr wohl, was 
es ist; die Schwierigkeit liegt nur darin, für dieses Wissen 
den angemessenen Ausdruck zu finden, den Inhalt desselben 
in klaren und deutlichen Worten auszusprechen. Diese Schwie- 
rigkeit ist aber hier eben so wenig, wie sonst irgendwo, 
durch ein Aufgeben oder Nichtswissen-wollen des in uns vor- 
handenen Wissens zu beseitigen. 

Die Sinne sind nicht im Stande, Sinnenfälliges und Ueber- 
sinnliches von einander zu unterscheiden: der menschliche 
Verstand findet beim Analysiren der sinnlichen Wahrnehmung 
den Unterschied, und stellt Beides einander entgegen. Was 
aber der Verstand trennt und aus einander zu halten sucht, 
das vereinigt die Vernunft wieder bei weiterem Nachdenken, 
indem sie erkennt, dass Sinnliches und Uebersinnliches in 


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der Wirklichkeit nicht getrennt von einander existirt, sondern 
unzertrennlich mit einander verbunden ist. Es scheint über- 
haupt der Prozess des menschlichen Erkennens in solcher 
Weise zu geschehen, dass im Anfänge die Objecte von den 
Sinnen als ein Ganzes geistig aufgenommen werden, dass im 
Fortgange der Verstand dieses Ganze in Unterschiede und 
Gegensätze spaltet, und dass am Ende die Vernunft die ge- 
trennten Theile wieder verbindet, indem sie durch Erkennt- 
niss des Zusammenhanges die Gegensätze aufhebt, und die 
Einheit wieder herstellt. Dieser natürliche Prozess des Er- 
kennens dürfte auch der von Hegel aufgestellten Methode 
des philosophischen Denkens zum Grunde liegen, so dass die- 
selbe vielleicht nur einer anscheinend kleinen, in ihren Fol- 
gen aber sehr bedeutenden Berichtigung bedürfte, um voll- 
kommen naturgemäss zu sein. 

Die 6peculative Philosophie behauptet am Bestimmtesten 
die Einheit und Unzertrennlichkeit des Sinnlichen und Ueber- 
sinnlichen, indem sie lehrt, dass alle sinnenfälligen Dinge nur 
durch den ihnen inwohnenden göttlichen Gedanken ihr Be- 
stehen haben und dass dieser Gedanke allein das wahrhaft Le- 
bendige und Existirende sei. Sie vermg in ihrem reinen 
Denken nicht, das Sinnenfällige zu trennen von dem in ihm 
enthaltenen und ausgedrückten, oder mit ihm identischen 
Uebersinnlichen ; woher sollten denn die so sehr verachteten 
Sinne die Macht haben, zu trennen, was sie nicht einmal zu 
unterscheiden vermögen? Wie sollten sie es anfangen, nur 
das Sinnliche aufzunehmen und dem Bewusstsein zuzuführen, 
das Uebersinnliche aber draussen zu lassen? Sollten sie, die 
Organe des geistigen Lebens, das Materielle und Körperliche 
aufnehmen, und seinen geistigen Inhalt nicht aufzufassen 
vermögen? Denn würde alles Uebersinnliche von dem Sin- 
nenfälligen abgetrennt, so bliebe offenbar nichts Anderes übrig, 
als die Materie. Man kann in der That dergleichen nicht 
behaupten, ohne die eigenthümliche Natur und das geistige 
Leben der Sinne ganz und gar zu verkennen, ohne sie gleich- 
sam geistig todt zu schlagen. Wenn überhaupt alles Existi- 
rende nur durch den immanenten Gedanken besteht, wenn 


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jede lebendige Thätigkeit eine denkende oder geistige ist: 
wie kann man da den Sinnen die geistige Thätigkeit abspre- 
chen, oder sich vorstellen, dass sie nicht denkend thätig seien? 
Jede sinnliche und instinktartige Thätigkeit der Seele ist viel- 
mehr eine vernünftige, nur eine andere Form des vernünfti- 
gen Denkens, und zwar so, dass sie gar nicht unvernünftig 
sein kann, sondern nothwendig vernünftig sein muss, was wir 
von der menschlichen Vernunft nicht behaupten können. 

Es folgt hieraus, dass die Sinne Sinnliches und Ueber- 
sinnliches zugleich dem Bewusstsein Zufuhren müssen, und 
weil sie dies thun, sind wir im Stande, in unserem Wis- 
sen durch Ueberlegen und Nachdenken den Unterschied und 
Zusammenhang von Beiden zu erkennen. Selbst zu sol- 
chen Begriffen, welche anscheinend von dem Sinnenfälligen 
ganz verschieden sind, gelangen wir auf demselben Wege 
z. B. zu den Begriffen von Ursache und Wirkung, von Gott, 
von Tugend, Schönheit, Unsterblichkeit, Ewigkeit u. s. w. 
Wenn diese Begriffe nicht in der uns umgebenden Wirklich- 
keit lebendig existirten und in ihr wahrgenommen würden, 
so würden wir auch nichts von ihnen erfahren und wissen. 
Wir erkennen sie zum Theil aus den Wahrnehmungen des 
inneren Sinnes, zum Theil aus dem moralischen und religiö- 
sen Gefühle, zum Theil aber auch an der Regelmässigkeit, 
Gesetzmässigkeit und Zweckmässigkeit der Erscheinungen, 
welche wir mit den äusseren Sinnen auffassen. 

Der Begriff von Gott lässt sich am leichtesten herleiten 
aus dem Causalitätsverhältnisse. Wenn alles Erscheinende 
in der uns umgebenden Wirklichkeit eine Ursache haben 
muss, so muss man im Fortgange der denkenden Betrachtung 
endlich auf eine letzte und absolute Ursache von Allem kom- 
men, auf eine causa sui, oder den Begriff von Gott als dem 
durch sich selbst bestehenden Schöpfer der Welt. Man hat 
sich daher besonders bemüht, nachzuweisen, wie wir zu dem 
Begriff von Ursache und Wirkung kämen. H u m e nahm an, 
dass der menschliche Verstand bloss aus Gewohnheit das 
Causalitätsverhältniss anerkenne; Kant meinte ebenfalls, dass 
eine auch noch so oft beobachtete Aufeinanderfolge zweier 


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Erscheinungen nicht zur Erkenntniss der Nothwendigkeit 
dieser Aufeinanderfolge oder zu dem Begriffe von Ursache 
und Wirkung führen könne. Von Andern ist mit Recht 
daran erinnert worden, dass sich die Erkenntniss des Causa- 
litätsverhältnisses aus den Wahrnehmungen des inneren Sinnes 
ableiten Hesse. Wir wissen unmittelbar aus inneren Erfahrun- 
gen, dass unser Sprechen, alle willkührlichen Bewegungen 
der Glieder und alle Handlungen durch ein innerliches Wollen 
erzeugt werden, so dass unser Wille die Ursache der Bewegun- 
gen ist, und damit ist der Begriff von Ursache und Wirkung 
vollständig gegeben. Wir bedürften aber wohl kaum dieser 
inneren Erfahrung, um das Causalitätsverliältniss zu erkennen ; 
wir erkennen es, weil es in der Wirklichkeit existirt und 
weil das Wirkliche so, wie es ist, von unseren Sinnen auf- 
gefasst wird, und weil wir in der Wahrnehmung selbst ihren 
Ursprung aus einer äusseren Einwirkung wahrnehmen. 

In derselben Weise erkennen wir das Gute und Schöne 
und Göttliche in der Wirklichkeit, weil es in ihr wirklich ist 
und auf uns einwükt und wir nehmen es ebenfalls unmittelbar 
wahr in unserem religiösen und sittlichen Gefühle. Indem 
wir das Schöne empfinden, erkennen wir die Schönheit, in 
dem Gefühle der Ehrfurcht vor dem Heiligen und Erhabenen 
verkündet sich uns die Göttlichkeit des Herrn, in der Stimme 
des Gewissens, welche leitend und richtend unsre Handlungen 
begleitet, erkennen wir seinen Willen und seine Gebote. Allent- 
halben zeigt sich die Erfahrung, die Summe des durch die 
äusseren Sinne, den inneren Sinn und die Gefühle uns zu- 
geführten Wissens als das Fundament der Erkenntniss, und nur 
durch Nachdenken über dieses Wissen tritt sein Inhalt im 
Bewusstsein klar und deutlich und in seinem Zusammenhänge 
hervor, und wird das unmittelbare sinnliche Wissen zur Wis- 
senschaft erhoben. 


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Erster Theil. 

Von dem Seelenleben im Allgemeinen. 

Erstes Kapitel. 

Begriff des Seelenlebens. 

Die Methode der psychologischen Forschung enthält drei 
Momente. Das Erste ist, dass man sich eine vollständige 
und geordnete Uebersicht der Erscheinungen des Seelenle- 
bens zu verschaffen und eine sinnliche Erkenntniss zu er- 
werben sucht. Das Zweite ist das Bestreben, eine verstän- 
dige Einsicht in die Causalverhältnisse zu gewinnen, wobei 
man für jede besondere, als von den anderen verschieden an- 
erkannte Reihe von Erscheinungen eine besondere Ursache 
voraussetzt, und diese als eine besondere Kraft der Seele be- 
zeichnet. Man muss sich hierbei sehr davor hüten, nicht 
mehr Seelenkräfte anzunehmen, als in der Wirklichkeit exis- 
tiren, und sich nicht durch geringfügige und zufällige Un- 
terschiede irreleiten zu lassen, sondern nur da eine besondere 
Seelenkraft als wirklich existirend voraussetzen, wo man durch 
wesentliche Verschiedenheit der Erscheinungen dazu genö- 
thigt wird. Das Dritte ist die Erforschung der Gesetze, 
nach welchen die Seelenkräfte wirken. Man gelangt dadurch 
zu einer vernünftigen Erkenntniss des Seelenlebens, und wird, 
wenn dies Ziel erreicht ist, in den Stand gesetzt, alle Er- 
scheinungen des Seelenlebens in ihrem natürlichen und noth- 
wendigen Zusammenhänge darzustelleu und sie befriedigend 


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zu erklären, indem man sie ableitet aus einem und demsel- 
ben, nach bestimmten Gesetzen wirkenden und in verschie- 
denen Richtungen thätigen Grundprineipe. Erst wenn dies 
Ziel erreicht worden ist, wird es möglich sein, die Psycho- 
logie als eine systematische Wissenschaft darzustellen. 

Dieselbe Methode ist für alle Naturwissenschaften gültig; 
sie entspricht der Natur des menschlichen Geistes und den 
drei Entwickelungsstufen seiner Thiitigkeit als Sinn, Verstand 
und Vernunft. Die unmittelbare sinnliche Kenntniss macht 
überall den Anfang, der Fortgang wird vermittelt durch ver- 
ständiges Ueberlegen und Urtheilen, das Ende oder die voll- 
endete Erkenntniss wird herbeigeführt durch vernünftiges 
Nachdenken und Schliessen. Sie entspricht ebenfalls den 
von der speculativen Philosophie festgestellten drei Momenten 
des Begriffs, dem Einzelnen, Besonderen und Allgemeinen, 
welches das Einzelne und Besondere zu einer Totalität zu- 
sammenschliesst. Die werdende Wissenschaft geht immer 
von dem Sinnlichen zum Verständigen und Vernünftigen, von 
der Kenntniss zur Einsicht und von dieser zur Erkenntniss, 
von dem Einzelnen zum Besonderen und von diesem zum 
Allgemeinen. Die gewordene, vollendete Wissenschaft ver- 
folgt in ihrer systematischen Darstellung oft den umgekehrten 
Weg, indem sie das Allgemeine voranstellt und aus ihm das 
Besondere und Einzelne ableitet. Die werdende Wissenschaft 
verfährt synthetisch, die vollendete analytisch, jene verfolgt 
den empirischen Weg, diese, den rationalistischen. Auf bei- 
den Wegen ist eine befriedigende systematische Darstellung 
der Wissenschaft möglich. Hat man eine vollendete Erkennt- 
niss errungen, so verdient unstreitig die analytische oder ra- 
tionalistische Methode den Vorzug, weil dadurch die Wissen- 
schaft sich in ihrem ganzen Zusammenhänge am Einfachsten, 
Klarsten und Deutlichsten darstellen lässt. Je weiter man 
aber noch entfernt ist von jenem Ziele, desto bedenklicher 
und gefährlicher ist sie, weil man alsdann von allgemeinen 
Sätzen und Voraussetzungen ausgehen muss, deren Wahrheit 
nicht hinreichend constatirt ist, und dadurch sehr leicht zu 
falschen Folgerungen und Schlüssen verleitet wird. Für eine 


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Wissenschaft, die so weit von ihrem Ziele entfernt ist, wie 
die Psychologie, ist daher der empirische Weg der einzige, 
welcher mit Sicherheit verfolgt werden kann und auf welchem 
man desto gewisser sich dem Ziele nähern wird, je strenger 
man den Grundsatz befolgt, dass man nur durch ein stufen- 
weises Fortschreiten von demjenigen, was man mit Gewiss- 
heit weiss, allmälig zu einer immer vollständigeren Erkenntniss 
gelangen könne. 

Zunächst muss also das Object der psychologischen For- 
schung fixirt werden; man muss die Erscheinungen des See- 
lebens kennen lernen und sie von anderen Wahrnehmungen 
unterscheiden. Dies scheint auf den ersten Anblick sehr leicht 
zu sein, hat aber doch seine Schwierigkeiten. Es wird nicht 
blos dem Menschen, sondern auch den Thieren eine Seele 
zugeschrieben; es wird darüber gestritten, ob die Pflanzen 
eine Seele haben oder nicht; ja die ganze Natur wird ins- 
gemein für beseelt gehalten und alle Naturerscheinungen 
werden betrachtet als Wirkungen einer in allem Erschaffenen 
thätigen Weltseele. Soll nun die Psychologie, wie es zu 
geschehen pflegt, sich auf die Erscheinungen des menschli- 
chen oder des tliierisehen Seelenlebens beschränken, so kann 
man sie von anderen nicht unterscheiden, ohne die allgemei- 
nen Unterschiede aller Naturerscheinungen festzustellen. 

Wir stellen uns die Natur oder das Weltall vor als eine 
Schöpfung Gottes und wenn von einer Weltseele die Rede 
ist, so wird Gott nicht blos als Schöpfer, sondern zugleich 
als der durch seine lebendige Gegenwart Alles erhaltende Ur- 
quell des Lebens darunter verstanden. In der That können 
wir das Verhältnis zwischen Gott und der Welt unter kei- 
nem anderen Bilde deutlicher auffassen, als indem wir sagen: 
Gott ist die Seele der Welt, und die Welt ist der Leib 
Gottes. So wie die menschliche Seele ihren Leib bildet und 
gestaltet, wie sie in ihm allgegenwärtig ist und ihn erhält, 
wie sie ihn lenkt und regiert in seinen Bewegungen, und 
Alles weiss, was in ihm vorgeht: eben so hat Gott die Welt 
gestaltet und erhält alles Gestaltete durch die lebendige Ge- 
genwart seiner Gedanken, eben so regiert er die Welt und 


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weiss, was in ihr geschieht. Wir finden in allen diesen Be- 
ziehungen ein analoges Verhältnis, wie unendlich weit auch 
die Macht und das Wissen der menschlichen Seele ahstehen 
möge von der Allmacht und Allwissenheit Gottes. Wir dür- 
fen Gott und die Welt weder dualistisch trennen, noch pan- 
theistisch identificiren, sondern kommen gewiss der Wahrheit 
am nächsten, wenn wir Beide uns vorstellen als zugleich Eins 
und einander entgegengesetzt, wie Seele und Leib. Ein we- 
sentlicher Unterschied ist freilich darin begründet, dass Gott 
die Welt nicht bloss gestaltet, sondern auch den Stoff oder 
die Materie erschaffen hat, woraus sie besteht, während die 
menschliche Seele nur aus gegebenem und zugefiihrtem Stoff 
ihren Leib zu gestalten vermag. Die Entwickelungsgeschichte 
der Pflanzen, der Thiere und des Menschen lehrt aber unwi- 
dersprechlich , dass die Gestaltung jedes Individuums nur 
durch die inwohnende göttliche Idee oder Seele geschehen 
und aus blossen physikalischen Kräften unmöglich hergeleitet 
werden kann. 

Der durch die Macht der Seele gestaltete Leib des Men- 
schen ist ein gegliedertes Ganzes, ein aus vielen besonderen 
Organen zusammengesetzter Organismus. Jedes Organ ist 
dem Ganzen untergeordnet und dienstbar, hat aber zugleich 
ein relativ selbständiges Leben und besondere Functionen 
mit relativer Selbständigkeit zu vollziehen. Nach Maassgabe 
dieser Functionen haben die einzelnen Organe eine sehr ver- 
schiedene Bedeutung für das Ganze und erscheinen uns dem- 
nach als melir oder weniger vollkommen oder unvollkommen 
organisirt. Wir betrachten sie deshalb als auf verschie- 
denen Stufen des Lebens stehend, von den auf der untersten 
Stufe stehenden, nur vegetirenden Haaren und Nägeln an bis 
hinauf zu den am vollkommensten belebten unmittelbaren 
Trägern des Seelenlebens, den Nerven, den Sinnesorganen 
und dem Gehirn. 

Die Analogie des menschlichen Leibes in Beziehung zu 
der Seele mit der Welt in Beziehung auf Gott lässt uns den 
menschlichen oder thierischen Leib als eine kleine Welt, als 
Mikrokosmus, und das Weltall als einen Organismus betrachten. 

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Von dem Weltall überschauen wir freilich nur, was unsere 
Erde darbietet; allein die Erde ist als ein individueller Welt- 
körper ein für sich bestehender Organismus, vielgliedrig und 
vielgestaltig, bestehend aus einer grossen Mannigfaltigkeit ver- 
schiedener Theile oder Organe, welche uns ebenso, wie die 
Theile des menschlichen Körpers, auf sehr verschiedenen Ent- 
wickelungsstufen zu stehen scheinen. Der Naturforscher be- 
trachtet alle Naturkörper und Naturkräfte in dieser Weise, 
und fast in allen Classificationen der Pflanzen und Thiere 
zeigt sich ein bewusstes oder bewusstloses Bestreben, die Gat- 
tungen und Arten in einer Stufenleiter an einander zu rei- 
hen, und sie gleichsam als verschiedene Entwicklungsstufen 
einer idealen Pflanze und eines idealen Thieres darzustellen. 
Auf der niedrigsten Stufe steht auf unserem Weltkörper die 
unorganische und formlose Erde, auf der höchsten Stufe der 
Mensch, in welchem der göttliche Gedanke zur grössten re- 
lativen Selbständigkeit gelangt ist. Ob auf anderen Welt- 
körpern vollkommener organisirte Wesen existiren, müssen 
wir dahin gestellt sein lassen, weil wir sie nicht wahrnehmen, 
und folglich auch nichts davon wissen können. 

Das Seelenleben des Menschen, das eigentliche Object der 
Psychologie, ist also nur insofern verschieden von dem in der 
ganzen uns bekannten Schöpfung herrschenden Leben, als es 
die höchste Entwicklungsstufe desselben ist. Wir müssen 
daher, um das Object der psychologischen Forschung zu fixi- 
ren, die Erscheinungen des Seelenlebens von allen übrigen 
Naturerscheinungen unterscheiden ; denn nur durch Absondern 
dessen, was sich auf niedrigeren Stufen vorfindet, können wir 
bestimmen, was den höheren Stufen ausschliesslich eigenthüm- 
lich ist. Vermöge dieses Zusammenhanges setzt die Psycho- 
logie eine Kenntniss aller Naturerscheinungen voraus, und 
werden ihre Fortschritte mehr oder weniger bedingt durch 
die allgemeinen Fortschritte der Naturwissenschaft. 

Das Wort Sein bezeichnet den Inbegriff alles Wahrnehm- 
baren und umfasst sogar das Nichts, insofern es ein Gegen- 
stand uuseres Nachdenkens werden kann. Wir nehmen aber 


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das Seiende in zwiefacher Weise wahr und unterscheiden 
darnach : 

1) ein Sein ausser uns — das objective Sein oder 
Dasein. 

2) ein Sein in uns — das subjective Sein oder den 
Gedanken (Wissen). 

Diese Verschiedenheit der Wahrnehmung liegt auch dem 
von Cartesius hervorgehobenen Unterschiede der Ausdeh- 
nung und des Denkens zum Grunde. Aus Gott, der ab- 
solut selbständigen Substanz, geht eine körperliche und eine 
geschaffene denkende Substanz hervor, und alle Erscheinungen 
sind Attribute dieser beiden ursprünglichen Substanzen. Die 
Ausdehnung ist die Natur der körperlichen, das Denken die 
Natur der geistigen Substanz. 

Es ist wichtig, diesen Unterschied des Seins festzuhalten, 
um unklare Vorstellungen und Missverständnisse zu vermei- 
den. Namentlich ist das der Fall in Beziehung auf die so 
häufig gebrauchten Ausdrücke: objective Realität und Wirk- 
lichkeit. Alles subjectiv Seiende, jeder Gedanke ist zugleich 
objectiv, in so ferne er als ein Object des Denkens in un- 
serem Bewusstsein ist ; er hat aber deshalb kein Dasein ausser 
uns und ist kein Object für die sinnliche Anschauung. Jedes 
daseiende Object ist ein solches nur in seiner Beziehung auf 
ein Subject, für welches es ein Gegenstand der Wahrneh- 
mung sein kann. Das Subjective und Objective, obgleich 
einander entgegengesetzt, lässt sich doch nicht von einander 
trennen , und das Wort objectiv ist mit dem Doppelsinn be- 
haftet, dass sowohl in uns, als ausser uns Seiendes dadurch 
bezeichnet werden kann. Wirklichkeit hat für uns alles 
Seiende, insoferne es auf uns einwirkt oder einwirken kann. 
Objective Realität im eigentlichen Sinne des Wortes hat nur 
das ausser uns seiende Wirkliche; subjective Realität haben 
auch die in uns vorhandenen Gedanken und Gefühle, in so 
ferne sie auf unsere Seele einwirken und von ihr wahrgenom- 
men werden. Objective Realität dürfen wir unseren Gedan- 
ken aber nur zuschreiben, wenn sie eben sowohl ausser uns 

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existiren, als in uns, d. h. wenn sie mit der daseienden 'Wirk- 
lichkeit übereinstimmen. 

Alles Seiende und Wirkliche erscheint uns als geistig 
oder körperlich, als Kraft oder Materie, und wir sind dazu 
genöthiget, es aus diesen beiden Gesichtspunkten zu betrach- 
ten. . Beides erscheint uns zugleich als entgegengesetzt und 
untrennbar vereinigt, wie Seele und Leib. Wir können uns 
keinen Körper denken ohne eine ihm inwohnende geistige 
Kraft z. B. ohne Schwere: es ist an ihm nur das Körper- 
liche oder Materielle gleichsam das in der Erscheinung be- 
sonders Hervortretende, das Geistige oder die Kraft mehr im 
Innern verborgen. Umgekehrt ist in dem Gedanken der gei- 
stige Inhalt das Ilervortretende und Ueberwiegende, obgleich 
er zu seinem wirklichen Erscheinen der materiellen Form 
nicht ganz entbehren kann. Es ist schon öfter und mit Recht 
gesagt worden, dass das menschliche Denken sich nicht ganz 
befreien könne von sinnlichem Stoffe. Wir können nur in 
Bildern oder Worten denken, und wir finden unsere Vorstel- 
lungen von sinnenfälligen Dingen stets verbunden mit zwar 
unsichtbaren, aber doch deutlichen Umrissen von der ganzen 
Form und Gestalt der Dinge, wie wenn sie in unserem Ge- 
hirn abgezeichnet wären. Wenn wir es wollen, können wir 
diese unsichtbaren Bilder oft sichtbar vor unser Auge treten 
lassen. Wir können an keine sinnenfälligen Dinge denken, ohne 
dass Bilder derselben in mehr oder minder deutlichen Um- 
rissen uns vorschweben. Selbst das, Nachdenken über ganz 
übersinnliche Gegenstände können wir nicht lange fortsetzen, 
ohne dass sich jeden Augenblick sinnliche Bilder einmischen. 
Vorzugsweise denken wir in Worten, und wenn ein Gedanke 
in uns zum Vorschein kommen soll, so muss er in Worte ge- 
kleidet werden; er kann diesen sinnlichen Stoff nicht entbeh- 
ren, er ist gleichsam der in einer sinnlichen Ilülle eingeschlos- 
sene Kern. Denken wir, ohne zu sprechcu, so erscheinen 
uns die Gedanken stets innerlich in Worten, welche wir nicht 
hören oder sehen, aber dennoch in derselben Form und Ge- 
stalt wahrnehmen, in welcher sie als ausgesprochene Worte 
hörbar erscheinen. Sie sind gleichsam Schattenbilder, geistige 


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Umrisse und innerliche Vorbilder der ausgesprochenen Worte, 
und es bedarf nur unseres Wollens, um sie in hörbare Worte 
umzuwandeln; ja bei stärkeren Gemüthsbewegungen gehen 
sie oft ohne und wider unseren Willen in laute, hörbare 
Worte über. 

Körperlich nennen wir vorzugsweise, was sich dem 
Tastsinn als schwer und undurchdringlich darstellt; materiell 
nicht bloss dieses, sondern überhaupt Alles, was von den 
äusseren Sinnen als daseiend wahrgenommen wird. Wir un- 
terscheiden hiernach zwei Hauptformen der Materie: 

, 1) Die ponderable Materie, welcher die Eigenschaf- 
ten der Undurchdringlichkeit, der Schwere und der Ausdeh- 
nung in den drei Dimensionen der Länge, Breite und Tiefe 
zukommen, die wir durch den Tastsinn erkennen. Die Ma- 
terie erscheint uns in den drei verschiedenen Formen des 
Festen, Flüssigen und Luftförmigen oder als Erde, W'asser 
und Luft, welche von den Alten als drei Elemente der Natur 
betrachtet wurden. Diese drei Formen der ponderablen Ma- 
terie stehen zu einander in dem Verhältnisse verschiedener 
Entwicklungsstufen, und man könnte, wenn man es wollte, 
eine Parallele ziehen zwischen ihnen und den drei Momenten 
des Begriffs, dem Einzelnen, Besonderen und Allgemeinen, 
oder den drei Stufen der Geistesthätigkeit , Sinn, Verstand 
und Vernunft. Sie gehen in einander über und in diesen 
Uebergängen ist die flüssige Form das Vermittelnde, wie 
der Verstand das Vermittelnde ist zwischen den Sinnen und 
der Vernunft: das Feste wird erst flüssig, daim luftförmig, 
das Luftförmige erst flüssig, dann fest. Die Uebergänge ge- 
schehen durch Verdünnung und Verdichtung, und werden 
hauptsächlich bedingt durch Wärme und Compression; so 
dass jede Form nur unter bestimmten Verhältnissen der Tem- 
peratur und des Druckes sich erhält und bleibt, wie sie ist. 
In der Bildungsperiode der Erde hat, wie die Geologen 
aus triftigen Gründen vermuthen, eine so enorme Hitze ge- 
herrscht, dass auch die festesten Körper, Steine und Metalle, 
nur in Dunstform existirt haben. 

2) Die imponderable Materie, deren Eigenschaften 


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uns eigentlich ganz unbekannt sind, und deren Dasein nicht 
durch den Tastsinn, sondern nur durch die übrigen Sinne, 
besonders durch das Auge und durch das Gefühl wahrge- 
nominen wird. Sie offenbart ihre Gegenwart insbesondre 
durch feurige Erscheinungen: Licht, Wärme, Funken, Blitze. 
Von den Alten wurde sie daher unter dem Namen des Feuevs 
oder Aethers als das vierte Element der Natur aufgeführt 
und mehrere alte Philosophen, namentlich Heraklit setzten 
es, als das belebende, bildende und beseelende Princip der 
Natur, den anderen drei Elementen entgegen. Die neueren 
Physiker sprechen weniger von einer imponderablen Materie 
als von verschiedenen Imponderabilien, Wärme, Licht und 
Electricität , und es ist viel darüber gestritten worden, ob 
man diese Imponderabilien als Materien oder Stoffe zu be- 
trachten habe, oder als immateriell, was nur davon abhängt, 
ob man alles sinnlich Wahrnehmbare, oder nur das durch 
den Tastsinn Wahrnehmbare Materie nennen will. Das Princip 
des Galvanismus und Magnetismus galt ebenfalls längere Zeit 
als eine besondere imponderable Materie. Die Identität des 
Galvanismus xftid der Electricität wurde jedoch bald aner- 
kannt, und nachdem Oerstedt die Identität des Magnetis- 
mus und der Electricität entdeckt hat, neigen die Phy- 
siker, besonders nach den Untersuchungen von Faraday 
mehr imd mehr dahin, auch Licht und Wärme für iden- 
tisch mit der Electricität zu halten. Der Aether der 
Alten ist dadurch wieder zu Ehren gekommen, zunächst als 
Substrat des Lichtes, dann aber auch als das wahrscheinlich 
alle ponderable Materie durchdringende Substrat der Wärme 
und Electricität. Enke hat aus der regelmässigen Verkür- 
zung der etwa dreijährigen Umlaufszeit des von ihm ent- 
deckten und nach ihm benannten Kometen mit Wahrschein- 
lichkeit gefolgert, dass ein Widerstand leistender Aether den 
Weltenraum erfülle. Die Erscheinungen der Wärme, 7 der 
Electricität und des Lichtes sucht man aus verschiedenarti- 
gen Undidationen (Wellenbewegungen) oder Vibrationen des 
Aethers herzuleiten und diese verschiedenen Bewegungen 
Hessen sich vielleicht in einem analogen Verhältnisse auffas- 


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sen, wie Erde, Wasser und Luft, oder Sinn, Verstand und 
Vernunft. 

Die Kräfte, welche in der Natur wirken, zeigen einen 
ähnlichen Unterschied und zerfallen darnach ebenfalls in zwei 
Hauptklassen : 

1) Physikalische oder unorganische Naturkräfte. 
Sie sind an die Materie gebunden, aller Selbständigkeit und 
freien Selbstthätigkeit beraubt. Sie sind ihrer Natur nach träge, 
wie die Materie und erscheinen ganz und gar abhängig von 
der Beschaffenheit der Materie, der sie inwohnen. Sie cha~ 
racterisiren sich besonders dadurch, dass sie sich nie von selbst 
und aus eigenem Antriebe thätig zeigen, sondern immer eines 
Anstosses von aussen bedürfen, und nur durch äussere Anre- 
gung in Thätigkeit kommen. Sie erscheinen ebenfalls in drei 
verschiedenen Formen, als mechanische, chemische und dyna- 
mische Kräfte, und lassen sieh als stufenweise Entwicklungen 
einer und derselben Kraft betrachten. Vielleicht Hessen sie 
sich alle zurüekfiihren auf Anziehung und Abstossung, welche 

bei unmittelbarem Contact mechanisch, in sehr kleinen Ent- 
• ... 

fernungen chemisch, in weiteren Entfernungen dynamisch 
wirkten. Alle dynamisch wirkenden Naturkräfte gehorchen 
dem Newton’schen Gesetze. 

2) Geistige oder organische Naturkräfte. Sie 
sind nicht von der Materie abhängig, sondern beherrschen 
diese, so dass sie dieselbe zu ihren Zwecken benutzen und 
gestalten. Sie charakterisiren sich besonders durch Selbstän- 
digkeit und Selbstthätigkeit. Sie bedürfen keines Anstosses 
von aussen, um t in Thätigkeit versetzt zu werden, sondern 
tragen in sich selber den Trieb zu rastloser Thätigkeit. Durch 
die Macht der ihnen inwohnenden göttlichen Idee bilden sie 
sich einen Organismus, in welchem sie ihre eigene Idee rea- 
lisiren und ihr gemäss leben und wirken. Sie erhalten durch 
ihre lebendige Gegenwart ihren Organismus kürzere oder 
längere Zeit und vervielfältigen sich während ihres indivi- 
duellen Lebens durch Fortpflanzung, so dass sich dieselbe 
göttliche Idee von einer Generation zur anderen erhält bis 
in eine unbestimmte Zukunft, ohne dass im Allgemeinen eine 


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Abnahme der zeugenden und erhaltenden Kräfte sich bemerk- 
lieh machte. In allem Lebendigen und Organischen treten 
uns nun wieder drei Hauptformen entgegen, welche sich am 
deutlichsten als verschiedene Entwicklungsstufen einer und 
derselben geistigen Kraft darstellen: die Pflanzen, die Thiere 
und der Mensch. 

Man kann nun willkührlich den Begriff des Seelenlebens 
in weiterem oder engerem Sinne auffassen, so dass entweder 
alle lebendigen Organismen, oder, wie es häufiger geschieht, 
nur die Thiere und Menschen als beseelt betrachtet werden. 
Um die Erscheinungen des Seelenlebens zu fixiren, muss im 
ersteren Falle Alles ausgeschlossen werden, was an und in 
den Organismen aus physikalischen Kräften hergeleitet wer- 
den kann, im letzteren Falle zugleich Alles, was die Thiere 
und der Mensch mit der Pflanze gemein haben: die Erschei- 
nungen der Bildung, des Wachsthums, der Ernährung, Er- 
haltung und Fortpflanzung, des ganzen sogenannten vegeta- 
tiven Lebens. Wollte man die Psychologie auf die Lehre 

von der menschlichen Seele beschränken, so dürfte man sich 

. • 

nur an die Erscheinungen halten, welche ausschliesslich bei 
dem Menschen zum Vorschein kommen. Naturgemässer dürfte 
es jedoch sein, auch den Pflanzen eine Seele zuzuschreiben, 
weil Pflanzen und Thiere keinen so wesentlichen Unterschied 
zeigen, wie das Organische und Unorganische. Deshalb 
nennen wir auch alles Organische lebendig, das Unorganische 
leblos oder todt, und fallen dem Spracligebrauche nach die 
Begriffe des Lebendigen und des Beseelten zusammen. 

Das Beseelte oder Organische unterscheidet sich von dem 
Unbeseelten oder Unorganischen wesentlich durch Selbstthä- 
tigkeit und durch die Selbständigkeit, mit welcher es äusse- 
ren Einwirkungen widersteht, und sich auf eine von allen 
physikalischen Vorgängen verschiedene Weise dagegen be- 
hauptet. Diese wesentliche Verschiedenheit nöthigt zu der 
Voraussetzung einer von allen physikalischen Kräften ver- 
schiedenen Kraft, welche dem Leben zum Grunde liegt, und 
mit dem Namen der Lebenskraft bezeichnet zu werden 
pflegt. Vermöge dieser Kraft bringt das Beseelte lortwäh- 


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rend, so lange es lebendig ist, Bewegungen und Veränderun- 
gen in sieh selber selbsttbätig hervor, ohne dass es einer 
äusseren Anregung dazu bedürfte. Es wird dabei geleitet 
durch innere, in ihm selber liegende Zwecke, und übt eine 
solche Herrschaft über die Materie aus, dass sie ihm zur Er- 
füllung dieser Zwecke dienen muss. Es kann zerstört und 
seines Lebens beraubt werden durch übermächtige äussere 
Einwirkungen oder durch Entziehung dessen, was es zur Er- 
haltung seines Lebens bedarf; allein auch ohne gewaltsame 
Eingriffe und ohne Entziehung der nothwendigen Lebensbe- 
dürfnisse stirbt es ab, wenn seine Zeit gekommen ist und 
die Zwecke seines Daseins erfüllt sind: es ist selbst die Ur- 
sache seines Todes. Wird es aber nicht durch äussere Um- 
stände verhindert an der vollständigen Entwicklung seines 
Daseins, so stirbt es nicht, ehe es sich fortgepflanzt hat. 

Für eine Menge von Pflanzen und niederen Thieren, z. B. 
den meisten Insekten, ist die einmalige Erzeugung von Sa- 
men und Eiern das Ziel des Lebens, und auch in den höhe- 
ren Thieren erscheint der Geschlechtstrieb als der mächtigste 
von allen Trieben, die Fortpflanzung' und Erhaltung der Art 
als der höchste und letzte Zweck des Daseins. So ist es 
aber auch bei dem Menschen. In dem einfachen Naturleben 
des Menschen erscheint ihm selber das Ziel seines Lebens 
erreicht, sobald seine Kinder erwachsen und selbständig ge- 
worden sind : der Bauer übergiebt dem Solme seinen Besitz , 
bezieht das Altentheil, und wartet ruhig, bis die Zeit und 
Stunde des Todes kommt, der Zweck seines Lebens ist für 
ihn erfüllt. Ist der Mensch aus dem einfachen Naturleben 
hinausgetreten und zu einem vorzugsweise geistigen Leben 
ausgebildet, so verfolgt er zugleich und vielleicht ausschliess- 
lich geistige Zwecke. Er will etwas bewirken und hervor- 
bringen, was nach seinem Tode fortbesteht; er will seine 
eigenen Ideen fortpflanzen auf kommende Geschlechter, er 
will in der Geschichte, in einer Wissenschaft oder Kunst 
einen unsterblichen Namen erwerben; und ist es ihm gelun- 
gen, dies Ziel zu erreichen, so scheidet er ebenfalls gern und 
freudig aus dem Leben, in dem erhebenden Bewusstsein, 


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dass die Zwecke seines Daseins in Erfüllung gegangen sind. 
Darum hört man auch von Einzelnen so oft die Aeusserung, 
dass sie gerne sterben würden, wenn sie dies oder jenes noch 
erst erleben, erreichen oder vollenden könnten, und eben dar- 
um sollte der Mensch sich immer bei Zeiten eine bestimmte 
Lebensaufgabe stellen, weil er dem Tode mit desto grösserer 
Ruhe entgegensehen wird, je mehr er sich selbst sageti kann, 
dass er den Zweck seines Lebens erfüllt, oder wenigstens 
redlich dahin gestrebt habe, ihn zu erfüllen. 

Wir lernen hieraus, dass das Lebendige als solches immer 
nach Zwecken thätig ist, dass also der Grund des Lebens 
ideeller und geistiger Natur sein müsse, wir lernen die Selbst- 
erhaltung und Fortpflanzung des inwohnenden Ideellen als 
den Hauptzweck des Lebens kennen; wir lernen endlich da- 
durch die Allmacht des dem Lebendigen inwohnenden gött- 
lichen Gedankens bewundern, indem sie gross genug ist, um 
sich selber zu erhalten, sich fortzupflanzen und zu vervielfäl- 
tigen bis ins Unendliche. Die Zeugungskraft eines Indivi- 
duums reicht hin für eine unermessliche Zeit zur Erzeugung 
einer unendlichen Menge von Individuen derselben Art. Wie 
man solchen Thatsachen gegenüber dem Materialismus huldi- 
gen, und alle lebendigen Erscheinungen aus physikalischen 
Kräften oder aus Veränderungen in der Mischung und Form 
der Materie herleiten wollen kann, ist schwer zu begreifen. 
Aus keiner Combination unorganischer Stoffe und aus keiner 
Vereinigung mechanischer, chemischer und dynamischer Natur- 
kräfte ist jemals eine wahrhaft lebendige Erscheinung hervor- 
gegangen; die träge Materie ist, wie es scheint, durchaus un- 
fähig, die angeborene Trägheit durch eigene Kraft zu über- 
winden und sie in lebendige Selbstthätigkeit umzuwandeln. 
Wollte man aber auch zugeben, dass aus einer Mischung un- 
organischer Substanzen, etwa unter Mitwirkung von Licht, 
Wärme, Electricität und Feuchtigkeit, einfache organische Bil- 
dungen hervorgehen köunten: so würde damit noch nicht dem 
Materialismus das Wort geredet. Das Zustandebringen sol- 
cher Bildungen wäre eine äusserst interessante Entdeckung, 
würde aber höchstens beweisen, dass aus physikalischen Kräf- 


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ten sich eine organische Kraft entwickeln könne, der Unter- 
schied von Beiden würde dadurch nicht aufgehoben und 
grade dieser ist es , den die Materialisten verkennen und ver- 
läugnen. Wer an die Allgegenwart Gottes glaubt, der wird 
die physikalischen Kräfte eben so wohl, wie die Lebenskraft, 
für Ausflüsse des göttlichen Denkens halten, und eine Ent- 
wicklung von dieser aus jenen wäre an sich nicht befremd- 
licher, als die Verwandlung von Wasser in Eis oder Dampf; 
aber eine etwa aus Electrieität entwickelte Lebenskraft würde 
aufgehört haben, eine electrische Kraft zu sein, und in ihrer 
Thätigkeit anderen Gesetzen gehorchen. Dass die unorga- 
nische Erde in früheren Perioden ihrer Entwicklung die Macht 
besessen habe, organische Wesen, Pflanzen und Thiere zu er- 
zeugen, hat keine innere Unwahrscheinlichkeit, obgleich sie 
jetzt diese Macht nicht mehr zu besitzen scheint. Das Le- 
ben der Pflanzen und Thiere beruht aber deshalb nicht min- 
der von Anfang an auf einem anderen Grunde, als auf phy- 
sikalischen Kräften. 

In dem Unterschiede des Beseelten oder Organischen von 
dem Leblosen oder Unorganischen sind besonders 3 Momente 
hervorzuheben: 

1) Die Bildung und Selbstgestaltung zu einem Or- 
ganismus. Das Unorganische ist entweder nur ein formloses 
Aggregat theils homogener, theils heterogener Materie, oder 
es ist höchstens, wenn es als Krystall in seiner regelmässig- 
sten und vollkommensten Form erscheint, ein aus homogenen 
Theilen bestehendes Ganzes ohne Spur von Gliederung. 

Das Organische besteht immer aus Theilen oder Organen, 
welche eine verschiedene Function und Bedeutung für das 
Ganze haben. Vegetabilische Gebilde, welche, wie der Pro- 
tococcus oder die Gährungspilze, nur aus einer einzigen Zelle 
bestehen, zeigen schon die Verschiedenheit des Zellenkernes, 
der ihn umgebenden Flüssigkeit und der umschliessenden Hülle 
und mit der höheren Stufe der Organisation wächst die An- 
zahl und die Mannichfaltigkeit, so wie die Verschiedenheit der 
Functionen und die relative Selbständigkeit der den Organis- 
mus zusammensetzenden Organe. Das Organische entwickelt 


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sich allmählig durch fortwährende Bildung und ein continuir- 
liehes Wachsthum von innen heraus; das Unorganische ist 
auf einmal fertig und keines eigentlichen Wachsthums fähig, 
sondern nur einer Vergrösserung durch äusseres Anlagern 
gleichartiger Massen. Von den innerlichen Zwecken, welche 
aller organischen Bildung und Entwicklung zu Grunde lie- 
gen, ist bei der Gestaltung unorganischer Körper keine Spur 
zu entdecken. 

2) Die Selbste rh alt ung (Selbständigkeit) und Selbst- 
veränderung. Das Unorganische, einmal fertig geworden, 
verräth kein Bestreben, sich zu erhalten, sondern verhält sich 
durchaus gleichgültig gegen die Aussenwelt und seine eigene 
Existenz. Es verändert sich nicht aus eigener Macht, son- 
dern wird nur durch äussere Einwirkungen verändert, welche 
zu allen Zeiten denselben Einfluss ausüben. Nicht den klein- 
sten Theil, dessen es durch äusseren Angriff beraubt worden 
ist, vermag es aus sich selber zu reproduciren. Das Orga- 
nische und Lebendige hingegen widersteht den äusseren Ein- 
wirkungen auf eigenthümliclie Weise: es wird zu verschie- 
denen Zeiten von denselben Einwirkungen verschieden afficirt 
z. B. in der Jugend anders, als im Alter, in der Periode des 
Keimens anders, als zur Zeit der Blüthe, im Wachen anders, 
als im Schlafen; es ersetzt verloren gegangene Theile aus 
sich selber und heilt geschlagene Wunden aus eigner Macht. 
Es zeigt stets ein selbstthätiges Bestreben, sich gegen die 
Aussenwelt in seiner Integrität zu behaupten. Um dies unter 
den verschiedensten Umständen thun zu können, muss es sich 
stets den Umständen gemäss verändern, und seine stetige 
Selbstveränderung steht in dem auffallendsten Contraste zu 
der starren Unveränderlichkeit des Leblosen. Der Selbster- 
haltungstrieb bewirkt in den Thieren und im Menschen eine 
zahllose Menge instinctartiger Bewegungen, wodurch das 
Nützliche und Zweckmässige gesucht, das Schädliche und 
Gefährliche vermieden wird, und die stetige Selbstverände- 
rung zeigt sich ausserdem in der continuirlichen Erneuerung 
der organischen Substanz, in den Erscheinungen des Athmens, 
der Blut- oder Saftbewegung, in den verschiedenen Abson- 


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derungen und in allen den Processen, welche sich auf Wachs- 
thum und Ernährung beziehen. 

3) Die SelbstvollendungundFortpflanzung (Selbst- 
erzeugung). Das Unorganische, durch physikalische Natur- 
kräfte gebildet und gestaltet, bleibt wie es ist, so lange es 
besteht, und besteht so lange, bis äussere Einwirkungen es 
zerstören. Ein Granitblock, der unter der Einwirkung der 
Luft, der Feuchtigkeit und des Temperaturwechsels allmählig 
verwittert, würde wie jeder andere unorganische Körper ohne 
diese Einwirkungen nach Jahrtausenden und bis in eine un- 
begrenzte Zukunft keine Veränderungen erleiden. Durch 
äussere Einwirkungen in seine Elemente aufgelöst, verschwin- 
det das Unorganische endlich, ohne eine Spur seines Daseins 
zu hinterlassen, ohne seines Gleichen zu erzeugen. Einer 
weiteren Entwicklung und Vollendung unfähig, ist es weder 
sterblich noch unsterblich; es trägt den Keim des Todes nicht 
in sich und seinem Dasein ist kein innerliches Ziel gesetzt. 
Das Lebendige hingegen vollendet sich selber in seiner Ent- 
wicklung, und stirbt plötzlich oder allmählig, wenn es das 
innerliche Ziel seines Daseins erreicht und seine Zwecke er- 
füllt hat. Es trägt den Keim des Todes in sich bei seiner 
Geburt, und setzt seinem Leben selbst ein Ziel, unabhängig 
von äusseren Einflüssen. Es ist aber in seiner Sterblichkeit 
unsterblich, indem es sich fortpflanzt und sich selber wieder 
erzeugt in einem Anderen. Viele Pflanzen und Thiere ster- 
ben gleich nach der Bildung von reifem Samen oder Eiern; 
ein an seiner Spitze blühender Zweig wächst nicht fort nach 
einmaligem Blühen, während ein Zweig, der nur seitliche Blü- 
then treibt, eines unbegrenzten Wachsthums fähig ist. Un- 
fruchtbarkeit verlängert das Leben der Pflanzen; man kann 
einjährige Pflanzen in mehrjährige und ausdauernde, z. B. die 
gewöhnliche Reseda in einen Strauch umwandeln, wenn man 
sie am Blühen verhindert. Der Same vieler Pflanzen lässt 
sich ausserordentlich lange lebensfähig erhalten, wenn er ge- 
gen solche Einflüsse geschützt wird, welche sein Keimen be- 
fördern, namentlich Wärme und Feuchtigkeit. Das merk- 
würdigste Beispiel dieser Art sind die in den Pyramiden ge- 


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fundenen Weizenkörner, welche sich nach Jahrtausenden voll- 
kommen keimfähig gezeigt haben. 

Die Seele im weiteren Sinne des Wortes ist das Princip 
des Lebens, die Kraft, welche allen lebendigen Erscheinun- 
gen zum Grunde liegt, und deren Gesetze die Psychologie zu 
erforschen hat. Sie cliaracterisirt sich hauptsächlich durch 
Selbstthätigkeit (Spontaneität, Autonomie, Wille), welche 
durch innerlich vorausgesetzte Zwecke geleitet wird, und wäh- 
rend des ganzen Lebens ununterbrochen fortdauert. Diese 
Zwecke sind insbesondre Bildung, Erhaltung und Fortpflan- 
zung und sie werden erfüllt durch continuirliche Selbstverän- 
derung. Sie beherrscht, soweit es zur Erfüllung ihrer Zwecke 
erforderlich ist, die Materie und ist in demselben Maasse un- 
abhängig von allen physikalischen Kräften und von dem Che- 
mismus der unorganischen Natur. In einem unaufhörlichen 
Wechsel und eontinuirlichen Veränderungen, in unerschöpf- 
licher Thätigkeit und unendlicher Manniehfaltigkeit offenbart 
sich das Leben der Seele, und die durch beharrende Selbst- 
thätigkeit bewirkte Veränderlichkeit ist seine Wahrheit, der 
Inbegriff dessen, was an dem Seelenleben zur Erscheinung 
kommt und wahrzunehmen ist. Fast unbegreiflich ist es, dass 
man in der Physiologie und Pathologie eine geraume Zeit 
hindurch die Lebenskraft als eine blos passive Erregbarkeit 
(Incitabilität) hat betrachten können. Auch in psychologischen 
Schriften der damaligen Zeit findet sich diese Ansicht, zu 
deren vollständiger Widerlegung die oberflächlichste Beobach- 
tung der Erscheinungen des Lebens hinreichen sollte. 

Das Leblose hat eigentlich nur ein räumliches Dasein, 
keine Dauer in der Zeit. Das Lebendige hat eine Existenz 
in der Zeit, und die wesentlichen Momente seiner Selbst- 
thätigkeit, Bildung, Erhaltung und Fortpflanzung, fliessen eben 
so in einander, und entwickeln sich aus einander, wie in dem 
unendlichen Strome der Zeit die Momente der Vergangen- 
heit, Gegenwart und Zukunft. Auch in unserer Sprache sind 
die Zeitwörter das eigentlich Lebendige und gleichsam die 
Seele derselben, in ihrer ideellen Entwicklung die Momente 
des Lebens darstellend, Gegenwart, Vergangenheit und Zu- 


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kunft: ein Sein, ein Gewesensein (Wesen) und ein Werden. 
Diese Momente verhalten sieh, wie Anfang, Mitte und Ende 
und fliessen eben so in sich zusammen, wie sie in einander 
übergehen und aus einander sich entwickeln. 


Zweites Kapitel. 

Wesen und Entwlekliinsaatufen des Seelenlebens. 

Die Seele erscheint uns zunächst als ein Ideelles in 
Folge der Zweckmässigkeit, welche wir in allen Aeusserun- 
gen ihrer Thätigkeit erkennen. Jede zweckmässige Handlung 
setzt in dem Handelnden eine bewusste oder bewusstlos vor- 
handene Idee voraus, welche die Handlung veranlasst und 
leitet. In allem thierischen und menschlichen Thun und Trei- 
ben sind die zum Grunde liegenden inneren Absichten und 
Zwecke nicht zu verkennen, und wenn die Pflanze ihre Blü- 
tlien und Befruchtungsorgane, Staubgefässe und Stempel 
bildet, so wird sie in diesem Thun ebenfalls bestimmt und 
geleitet durch den ihr inwohnenden Zweck der Fortpflanzung. 
Die physikalischen Naturkräfte zeigen niemals solche, ihnen 
selber inwohnende und sie bestimmende Zwecke, so sehr ihre 
Wirkungen auch das Gepräge äusserer Zweckmässigkeit an 
sich tragen mögen. Durch Strömungen des Wassers und 
der Luft, durch Stürme und Gewitter werden mannichfache 
Naturzwecke erreicht z. B. gleichmäßigere Vertheilung der 
Wärme und Feuchtigkeit auf der Oberfläche der Erde und 
allgemeinere Fruchtbarkeit derselben; allein die dabei wir- 
kenden Kräfte haben selbst solche Zwecke nicht; sie wirken 
mit blinder Naturnothwendigkeit, und ob sie durch ihre Thä- 
tigkeit etwas erhalten oder erreichen, oder blos zerstören 
und vernichten, ist ihnen durchaus gleichgültig. 

Eine genauere Betrachtung der Erscheinungen des Seelen- 
lebens, und eine Vergleichung derselben mit den Aeusserun- 
gen der menschlichen Geistcsthätigkeit lässt uns das Wesen 


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der Seele nicht bloss als ein Ideelles, sondern als ein Gei- 
stiges und Denkendes erkennen. Die Sprache ist gleich- 
sam der Leib des denkenden Menschengeistes, und jedes ein- 
zelne Wort ein verkörperter Gedanke. Jedes Wort schliesst 
aber schon bei seinem Ursprung den Keim zu bestimmter 
Gedankenbildung in analoger Weise in sich, wie das Samen- 
korn die Idee der künftigen Pflanze. Aus ihm entwickelt sich 
der Gedanke beim Nachdenken allmiihlig immer weiter durch 
Theilung in Glieder (Urtheilen) und erhält seine völlige Aus- 
bildung durch Vereinigung der ursprünglich in ihm enthalte- 
nen Theile (der Ur-theilc) zu einem in sich zusammenhän- 
genden und abgeschlossenen Ganzen, in der Form eines 
Schlusses. Jeder in bestimmter Weise entwickelte Gedanke 
zeigt ein Bestreben nach Selbsterhaltung; er widersteht stö- 
renden Angriffen von aussen ; er modificirt und verändert sich 
in mannichfacher Weise, um seine Existenz zu behaupten. 
Nach seiner Vollendung und nachdem er die Zwecke seines 
Daseins erfüllt hat, stirbt er ab und vergeht, hinterlässt aber 
fruchtbare Keime verwandter Gedanken und reprodycirt sich 
selber in verjüngter Gestalt bei jeder erneuerten Richtung 
des Nachdenkens auf denselben Gegenstand. Wird die freie 
Entwicklung des Gedankens nicht gestört und gehemmt von 
aussen, und sind zugleich die Bedingungen derselben gege- 
ben, Energie des Denkens und Sachkenntniss: so vollendet 
sich der Gedanke in uns zu einem lebendigen Organismus, 
einer gegliederten Kette von Schlüssen oder einem Systeme, 
worin jedes Glied ein untergeordneter Theil des Ganzen von 
besonderer Bedeutung ist. Jeder Gedanke, z. B. Gott, Natur, 
Stern, Thier, Stein, Wasser u. s. w. schliesst als der Inbe- 
griff des an seinem Gegenstände Denkbaren ein System von 
untergeordneten Gedanken in engerer oder weiterer Sphäre 
in sich, und die geordnete Darstellung derselben ist die Wis- 
senschaft. 

Nach Hegel ist der Gedanke oder der Begriff selbst das 
Lebendige, und entwickelt sich beim Nachdenken eben so in 
uns, wie in der Wirklichkeit ausser uns, so dass wir, um die 
Wahrheit zu erkennen, nur als unbefangene Zuschauer dieser 


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Selbstentwicklung des Begriffes in uns zuzusehen und uns 
jedes störenden Eingriffes in dieselbe zu enthalten haben. In 
der That ist es schwer zu sagen, ob wir die Gedanken ent- 
wickeln durch unser Nachdenken, oder vielmehr dadurch nur 
den Impuls geben zu ihrer Selbstentwicklung in unserem Be- 
wusstsein. Das Nachdenken ist unser eigenes Thun, die Rich- 
tung desselben auf ein bestimmtes Object hängt von unserem 
Willen ab; aber die in Folge dessen in unserem Bewusstsein 
hervortretenden Gedanken entstehen unabhängig von unserem 
Wollen ; wir wissen nicht, woher und wie sie kommen; wir 
müssen sie nehmen, wie sie sich uns darbieten, und erst nach- 
dem sie entstanden sind, können wir sie annehmen oder ver- 
werfen. Allein wenn sie uns nicht befriedigen, so können 
wir nichts weiter thun, als dass wir fortfahren, über die Sache 
nachzudenken, und zu versuchen, ob nicht bessere, richtigere 
und befriedigendere Gedanken zum Vorschein kommen wollen. 
Gar oft misslingt dies Ijotz aller Anstrengung des Denkens 
imd Wollens. 

Fassen wir den Process des Denkens genauer ins Auge, 
so ist die Analogie der Gedankenentwicklung mit der orga- 
nischen Bildung in den Hauptmomenten unverkennbar. 

1) Der Anfang des Denkens wird damit gemacht, dass 
der menschliche Geist einen Gegenstand wählt für seine eigene 
Thätigkeit. Dieser Gegenstand ist immer ein Begriff oder 
Gedanke, vorgestellt im Bewusstsein in der Form eines Wortes, 
eines Satzes, oder mehrerer mit einander verbundener Sätze. 
Dem denkenden Geiste schwebt dabei der Zweck vor, den 
Inhalt und die Bedeutung dieses Begriffes entweder überhaupt, 
oder in irgend einer besonderen Richtung und Beziehung zu 
entwickeln und sich selber klar zu machen. Zu diesem 
Zwecke versenkt und vertieft er sich in seinen eigenen Ge- 
danken, durchdringt ihn, und bringt ihn durch seine belebende 
Kraft zur Selbstentwicklung. Sein Verhalten ist dabei ganz 
analog dem Verhalten der Seele bei der Entwickluug ihres 
Organismus aus dem Ei, und der ursprüngliche Gedanke 
worüber nachgedacht wird, gleicht dem Ei oder Samenkorn. 
Alles, was sich daraus entwickeln lässt, hält er in sich ver- 

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schlossen und verborgen ; aber zum Dasein und zur Entwick- 
lung kommt es erst dann, wenn es durch die Macht des Gei- 
stes ins wirkliche Leben gerufen wird. In analoger Weise 
wird der Keim des Eies oder Samenkornes nur durch die 
Selbstthätigkeit der in seine Substanz Versenkten Seele zu 
einem lebendigen Organismus gestaltet. In beiden Fällen ist 
weder die Seele, noch der Geist schöpferisch thätig, Beide 
können nur aus gegebenem und zugefuhrtem Stoffe ihre Ge- 
staltungen produciren. 

2) Im Fortgange des Denkens wird der sich entwickelnde 
Gedanke zugleich erhalten und so lange verändert, bis er 
dem Zwecke angemessen zu sein scheint. Dies geschieht 
durch die lebendige Gegenwart des Geistes, der bei dem 
Gegenstände verweilt, alle von anderen Seiten sich etwa auf- 
drängenden fremdartigen und störenden Gedanken abwehrt, 
und nur diejenigen, welche zur Sache gehören, im Bewusst- 
sein und in der Erinnerung festhält. Der Gedanke verschwin- 
det dagegen auf der Stelle, sobald clie denkende Thätigkeit 
ihn verlässt und ihre Aufmerksamkeit auf etwas Anderes richtet. 
Eben so erstirbt, verwelkt, und verweset jeder Organismus 
und jedes Glied desselben, sobald die Seele nicht mehr in 
ihm gegenwärtig ist, auf ihrer Thätigkeit allein beruht die 
Selbsterhaltung und Selbstveränderung alles Lebendigen. 

3) Am Schlüsse unsere Nachdenkens, wenn wir gefunden 
haben, was wir suchten, wenn der Gedanke in einer für un- 
seren Geist befriedigenden Gestalt im Bewusstsein hervorge- 
treten ist, erfolgt eine momentane Ruhe, und der Gedanke 
vergeht, indem die denkende Thätigkeit sich anderen Gegen- 
ständen zuwendet. Das durch das Nachdenken gewonnene 
Resultat bleibt aber, wie ein fruchtbares Samenkorn, in dem 
menschlichen Geiste aufbewahrt und harrt seiner Auferstehung. 
Wird es von neuem ins Leben gerufen durch die belebende 
Einwirkung des Denkens, so entspriessen ihm fruchtbare 
Keime einer neuen, verwandten Gedankenbildung. Der wie- 
der belebte Gedanke ist zu einer weiteren Entwicklung be- 
fähigt worden, und gleichsam in verjüngter Gestalt, in einem 
neuen Gewände kehrt er ins Leben zurück. Vermöge dieses 


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lebendigen Processes steht nicht nur das Maass der indivi- 
duellen Erkenntniss, sondern auch der Grad eigener Geistes- 
bildung in directem Verhältnisse zu der Häufigkeit, dem Ernst 
und der Tiefe des eigenen Nachdenkens, und aus demselben 
Grunde erwächst die immer zunehmende Ausbildung des 
Menschengeschlechtes im Allgemeinen, die von einer Genera- 
tion zur anderen fortschreitende Ausbreitung und Vervoll- 
kommnung aller Wissenschaft. Die durch das Denken ge- 
wonnenen Resultate gehen in die Sprache über, sie pflanzen 
sieh imvermerkt in den Worten fort, imd indem das Kind 
die gebildetere Sprache der Eltern hört, nimmt es unbewusst 
die darin niedergelegten ausgebildeteren Begriffe in sich auf, 
und wird dadurch befähigt, eine höhere Stufe geistiger Aus- 
bildung zu erreichen. 

Das als Resultat unseres Nachdenkens zum Vorschein 
kommende Wissen ist aber in der That ein schon im Anfänge 
des Denkens vorausgesetztes, in analoger Weise, wie in dem 
Keime des Eies oder Samenkornes der künftige Organismus 
ideell vorausgesetzt sein muss, um sich der Idee gemäss (nach 
dem Typus der Gattung und Art) entwickeln zu können. 
Was wir durch unser Nachdenken erreichen wollen, wissen 
wir immer vorher, und wenn wir nicht wüssten, was wir 
suchen, so würden wir nichts finden; ein Nachdenken ohne 
Maass und Ziel kann zu keinem Resultate führen, und ist 
überhaupt nicht möglich. Nur durch Voraussetzen des Zweckes 
und ein bewusstloses Vorauswissen des Resultates vermögen 
wir zu beurtheilen, in wie fern das Resultat seinen Zwecken 
entspricht, genügend oder ungenügend ist; ob wir gefunden 
haben, was wir suchten, oder ob wir unser Nachdenken noch 
weiter fortsetzen sollen. Je geringer unsere geistige Ausbil- 
dung und erworbene Erkenntniss sind, desto leichter werden 
wir durch das Resultat befriedigt, je grösser sie sind, desto 
schwerer, indem das vorausgesetzte Ziel für unser Nachden- 
ken über eine Sache nach Maassgabe der grösseren Geistes- 
bildung und Erkenntniss immer weiter hinausgerückt wird. 

Wir sehen also, dass der denkende menschliche Geist in 
dem Acte der Gedankenbildung und Gedankenentwickluug 

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sich eben so verhalt, wie die Seele bei der Bildung des leib- 
lichen Organismus ; nur mit dem Unterschiede, dass dort nur 
ideelle, hier materielle Gestalten zum Vorschein kommen und 
dass die organische Seelenthätigkeit sich ganz und gar ver- 
senkt in die organisirte Substanz, untrennbar mit ihr ver- 
schmelzend, während der denkende Geist, so sehr er sich 
auch in seinen Gegenstand versenkt und vertieft, doch nie 
ganz in ihn übergeht, vielmehr sich gleichsam frei schwebend 
über ihm erhält, nicht notliwendig an ihn gebunden, sondern 
in jedem Augenblick ihn wieder zu verlassen befähigt. Er- 
wägen wir nun noch, dass es die menschliche Seele selber 
ist, welche sich zur Freiheit des Geistes erhebt und ent- 
wickelt, und dass dieselbe Seele sich eben so verhält, wenn 
sie geistig denkt, und wenn sie ihren Organismus bildet; so 
kann uns das geistige Leben nur als eine höhere Entwick- 
lungsstufe des allgemeinen Seelenlebens erscheinen, und wir 
müssen die Identität der Seele und des Geistes anerkennen. 
Das wahrhafte Wesen der Seele ist ein denkendes: Leben 
ist Denken, oder, wie Hegel sich ausdrückt, der Gedanke 
allein ist das wahrhaft Lebendige in allen Dingen. 

Indem wir diese Identität des Lebens und Denkens aner- 
kennen, dürfen wir nicht vergessen, dass dabei ein wesent- 
licher Unterschied zwischen Beiden existirt. Das denkende 
Leben des menschlichen Geistes ist eine höhere Entwicklung 
des leiblichen Seelenlebens. Die Seele ist ursprünglich ganz 
in die organische Substanz versenkt; aber indem sie den leib- 
lichen Organismus des Menschen bildet, setzt sie zugleich in 
sich selber (durch ein ursprüngliches Urtheil) den Unterschied 
von Seele und Leib, und sobald die Ausbildung des Orga- 
nismus einen gewissen Grad erreicht hat, setzt sie abermals 
in sich den Unterschied von Seele und Geist. Man kann 
daher den ausgebildeten Menschen als eine Dreieinigkeit von 
Leib, Seele und Geist betrachten, und diese Drei verhalten 
sich zu einander, wie verschiedene Entwicklungsstufen eines 
und desselben Wesens, dessen geistige Natur sich überall als 
eine denkende manifestirt.. 

Nachdem wir das Wesen der Seele als ein Ideelles, Gei- 


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stiges und Denkendes erkannt und bezeichnet haben, können 
wir noch einen Schritt weiter gehen in der Erforschung des- 
selben, indem wir das Seelenleben vergleichen mit dem gött- 
lichen Walten und Wirken, so weit wir dieses zu erkennen 
vermögen. Vernünftiges Nachdenken über die Natur, Philo- 
sophie und Christenthum lehren uns auf übereinstimmende, 
dem christlichen Begriffe der Dreieinigkeit entsprechende Weise 
Gott erkennen: 

1. Als den Allmächtigen, den Urquell alles Lebens, 
den denkenden Urheber alles Daseins, den Schöpfer des 
Himmels und der Erde oder die Substanz d. h. die durch 
sich selber bestehende Ursache der Welt. 

2. Als den Allgegenwärtigen, den alles Erschaffene 
geistig durchdringenden und durch seine lebendige Gegen- 
wart beseelenden Erhalter des Weltalls, als das Wesen aller 
Dinge oder Weltseele. 

3. Als den Allwissenden, den das Vergangene, Gegen- 
wärtige und Zukünftige in einem Bewustsein vereinigenden, 
alle Zwecke in seiner Weisheit voraussetzenden und erfüllen- 
den Regierer der Welt, als Weltgeist. 

In den philosophischen Ansichten finden wir von diesen 
drei Momenten bald das eine, bald das andere besonders her- 
vorgehoben, oder ausschliesslich entwickelt. Spinoza be- 
trachtet Gott vorzugsweise als die Substanz der Welt, Schel- 
ling und Hegel stellen ihn besonders dar als Weltseele, und 
ihre philosophischen Systeme erhalten dadurch, wenigstens 
scheinbar, das Gepräge des Pantheismus. Das Christenthum 
enthält die vollkommenste Vorstellung von Gott, und ihm 
allein haben wir es zu verdanken, dass wir im Stande sind, 
Gott als den Weltgeist klar und deutlich zu erkennen. Wir 
können uns Gott nur im Zusammenhänge mit der Welt den- 
ken, und in diesem Zusammenhänge finden wir dasselbe Ver- 
hältniss wieder, welches sich in dem Verhältniss der Seele 
und des Leibes, oder des denkenden Geistes und des ge- 
dachten Wortes uns darbietet. Gott gestaltet, erhält und 
regiert die Welt in ganz analoger Weise, wie die Seele den 
Leib, und wie der menschliche Geist die Sprache. Unsre 


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Erkenntniss Gottes lässt sich deshalb auch herleiten aus der 
inneren Erfahrung über die Thätigkeit unserer eigenen Seele 
und das lebendige Wirken unseres eigenen Geistes; nur in 
Anerkennung dieser Uebereinstimmung können wir von dem 
lebendigen Worte Gottes sprechen, und die Welt den aus- 
gesprochenen Gedanken Gottes nennen. 

Diese Uebereinstimmung berechtigt und nöthigt uns dazu, 
das Wesen der Seele nicht blos als ein Geistiges imd Den- 
kendes, sondern als ein Göttliches, von Gott Geschaffenes, 
aber ihm selber Verwandtes zu betrachten. 

Indem wir aber die göttliche Natur der Seele und die 
Identität des menschlichen und göttlichen Denkens anerken- 
nen, dürfen wir den wesentlichen Unterschied von Beiden 
nicht vergessen, wie die speculative Philosophie es mehr oder 
weniger thut. Der Mensch verhält sich, als ein Erschaffenes, 
zu Gott, als seinem Schöpfer, wie Negatives zu Positivem, 
wie Passives zu Activem, wie reflectirtes Licht zu ursprüng- 
lich Leuchtendem; in ihm, als dem denkenden Ebenbilde 
Gottes, hat sich das göttliche Denken zu freier Existenz, 
aber nicht zu eigener schöpferischer Thätigkeit entwickelt. 
Vermöge der ihm verliehenen Macht des Denkens ist der 
Mensch nur befähigt, die in dem Weltall ausgesprochenen 
göttlichen Gedanken in sich zu wiederholen, nachzubilden 
und zu erkennen ; ursprünglich erschaffen kann er nichts, kein 
Sonnenstäubchen, keine Anschauung, keinen Gedanken. Seine 
Ideen sind nur, was das Wort ausdrückt, Bilder, ein Wie- 
derschein oder eine Abspiegelung der Welt in seinem Bewusst- 
sein. Sein Denken ist kein Erschaffendes, sondern nur ein 
dem göttlichen schöpferischen Denken Nachfolgendes — 
ein Nachdenken über die in der Schöpfung offenbarten, 
dem menschlichen Auge sichtbaren, und in dem menschlichen 
Gehirne sich abspiegelnden göttlichen Gedanken. Es ergiebt 
sich hieraus, dass die Erfahrung allein die ursprüngliche 
Quelle alles menschlichen Wissens sein kann, dass sie aber 
auch eine reiche, unversiegbare und unerschöpfliche Quelle 
desselben sein muss, weil alle Gedanken Gottes in ihr nie- 
dergelegt sind. Ungeachtet dieses Gegensatzes menschlicher 


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und göttlicher Gedanken sind beide, gleich dem Spiegelbilde 
und dem abgespiegelten Gegenstände, ihrem Inhalte nach 
identisch, und vermöge dieser Identität ist der Mensch im 
Stande, aus seinen Ideen die göttlichen Gedanken zu erken- 
nen und durch Selbsterkenntnis zur Erkenntnis Gottes zu 
gelangen. Aus diesem Grunde, und vielleicht auch in einem 
ähnlichen Sinne, haben die alten Philosophen mit Recht die 
Selbsterkenntnis nicht bloss als das schwierigste, sondern 
auch als das erhabenste Problem für den menschlichen Geist 
und als die Grundlage aller Erkenntnis betrachtet. 

Weiter können wir, wie es scheint, in der Erforschung 
des Wesens der Seele nicht kommen, als dass wir, ihre gött- 
liche Natur anerkennend, sie als eine bestimmte Entwicklungs- 
stufe der göttlichen Gedanken hetrachten, deren Totalität in 
dem Weltall ausgesprochen ist. Die Welt ist der organisirte 
Leib Gottes, und in der uns bekannten Welt ist der mensch- 
liche Geist das auf der höchsten Entwicklungsstufe stehende 
Organ dieses Leibes. Hegel betrachtet die ganze Natur, 
wie auch andre Philosophen vor ihm in etwas andrer Weise 
es gethan haben, als ein lebendiges Ausströmen des göttlichen 
Denkens aus seiner nie versiegenden Quelle. In seinem un- 
endlichen Fortströmen setzt sich aber das göttliche Denken 
in jedem Momente Grenzen; es hemmt gleichsam seinen Lauf, 
um zu sich selber zurückzukehren und sich durch einen neuen 
Impuls in weiterem Kreise zu verbreiten; der Wellenbewe- 
gung vergleichbar, welche von einem Centrum ausgehend, in 
wechselnden Erhebungen und Senkungen zu immer weiteren 
Kreisen fortschreitet; oder einer Pendelschwingung mit einer 
bei jeder Rückkehr verstärkten und beschleunigten Bewegung. 
An jedem Puncto, wo das göttliche Denken gleichsam an- 
hält und verweilt, sich in seinem Fortgange zugleich in sich 
selber reflectirt, entsteht durch Begrenzung oder Hemmung 
(Negation) eine Bestimmtheit der Idee, welche in ihrer imma- 
nenten Fortbewegung erhalten wird, und zur bleibenden Existenz 
kommend, als eine bestimmte Entwicklungsstufe des göttlichen 
Denkens sich gleichsam krystallisirt und verkörpert. Die 
ganze Schöpfung ist demnach eine stufenweise Entwicklung 


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und Darstellung einer und derselben göttlichen Idee (der Idee 
in ihrem Anderssein, wie Hegel sich ausdrückt); jedes Ge- 
schöpf (jede Species) der Ausdruck einer besonderen Begren- 
zung derselben; jede niedrigere Bildung die Hemmung einer 
höheren Entwicklung, die Pflanze z. B. ein auf niedrigerer 
Entwicklungsstufe stehen gebliebenes Thier, und dieses die 
niedrigere Entwicklungsstufe des Menschen. 

Verständige Naturbeobachtung hat schon lange zur An- 
erkennung dieses Verhältnisses der lebendigen Geschöpfe zu 
einander gefulirt. Wir finden in der Pflanze und in dem 
Thiere dasselbe vegetative Leben, aber in dem Thiere ist 
etwas hinzugekommen, was der Pflanze fehlt. Der Mensch 
hat dieselbe Organisation und dieselben Kräfte, wie das Thier, 
aber ausserdem noch etwas, wodurch er sich von dem Thier 
unterscheidet. Der menschliche Embryo durchläuft von sei- 
nem ersten Entstehen an bis zu seiner völligen Ausbildung 
verschiedene Stufen thierischer Entwicklung: Manches, was 
bei Fischen, Amphibien und Vögeln bleibend ist, kommt bei 
dem Menschen nur in den frühesten Bildungsperioden vor- 
übergehend vor. Wir wissen durch Göthe, dass Kelch und 
Blumenblätter, Staubgefüsse und Fruchtblätter der Pflanze 
nur Metamorphosen der Blattbildung sind, und eine grosse 
Anzahl von Monstrositäten, z. B. die Hasenscharte, die Lage 
der Eingeweide oder des Herzens ausserhalb der Bauch- und 
Brusthöhle, hat Meckel als Hemmungsbildungen, oder als ein 
Stehenbleiben auf früheren Bildungsstufen befriedigend erklärt. 
Der erwachsene Mensch ist die höhere Entwickelung des 
Kindes; tritt eine Hemmung derselben ein z. B. im Gehirn, 
so bleibt der Erwachsene lebenslänglich stehen auf der Stufe 
der Kindheit (angeborener Blödsinn). Instinctartige Erkennt- 
nis dieser Wahrheit hat auch die Botaniker und Zoologen 
zu dem Bestreben veranlasst, alle Pflanzen und Thiere als 
verschiedene Entwicklungen einer Pflanze und eines Thieres 
zu betrachten, und kein natürliches System wird ganz befrie- 
digen, so lange diese Aufgabe nicht gelöst ist. Für die 
Psychologie ist es besonders wichtig, das Seelenleben in seinen 
verschiedenen Entwicklungsstufen zu erkennen und zu begreifen. 


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Schon Aristoteles erkannte die Pflanze, das Thier und 
den Menschen als drei Entwicklungsstufen eines und dessel- 
ben Lebens. Er unterschied in der Natur zunächst Leben- 
diges und Lebloses (efiipvxov und äipvxov ), und in dem 
Lebendigen drei Stufen, von denen die untere immer die 
Grundlage und Bedingung der höheren sei. Die unterste 
Stufe ist das vegetative Leben (rö &Qt7mxdv, das Ernäh- 
rende), welches in der Pflanze für sich allein besteht. Seine 
Grundlage ist der organische Körper, seine beiden wesentlichen 
Functionen sind Ernährung und Fortpflanzung. Die mittlere 
Stufe ist das sinnliche Leben (rö dtathjitxov, das Wahr- 
nehmende), welches die Tliiere und der Mensch (£»«) mit 
einander gemein haben. Sein Grundvermögen ist die Em- 
pfindung durch den Gefühlssinn (»? dcpij ) , womit stets Em- 
pfänglichkeit für Lust und Unlust, und damit auch Begeh- 
rungsvermögen (rö oqtxztxdv) verbunden ist. Nicht alle Sin- 
neswesen, aber die meisten, besitzen die Fähigkeit willkühr- 
licher Bewegung (rö xivijnxöv'). Die meisten empfindenden 
Wesen haben ausser dem Wahrnehmungsvermögen auch Ein- 
bildungskraft (f paymaia), welche nur einigen Thieren, als 
Ameisen, Bienen, Würmern zu fehlen scheint, und absichtliche 
Erinnerung oder Gedächtniss (rö (xvrnioveveiv ) : die absicht- 
liche Wiedererinnerung («f ava'javijois) gehört ausschliesslich 
dem Menschen an. Die oberste Lebensstufe ist das geistige 
Leben des Menschen (rö öwvotjTixdvj 6 vor?), dasjenige, 
wodurch unsere Seele denkt und erkennt, Verstand oder Ver- 
nunft (Reinhold, Geschichte der Philosophie Th. I. S. 255). 

Diese Aristotelischen Grundsätze, aus einer tiefen und 
wahren Naturanschauung hergeleitet, sind allgemein von den 
Naturforschern angenommen worden, und haben sich bis auf 
die gegenwärtige Zeit erhalten. Manche Aristotelische Aus- 
drücke, z. B. Phantasie und Psyche, sind ganz in die neue- 
ren Sprachen übergegangen. Wir sind von Jugend auf daran 
gewöhnt, mit Aristoteles die Pflanze, das Thier und den 
Menschen als verschiedene Stufen des Lebens zu betrachten, 
so dass allen ein gemeinsames psychisches oder Seelenleben 
zukommt, den Thieren und dem Menschen ausserdem noch 


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gemeinschaftlich ein animalisches, dem Menschen noch aus- 
schliesslich ein eigentümliches humanes Seelenleben. Die 
Pflanze hat nur ein vegetatives Leben, bestehend in Bildung, 
Wachsthum, Ernährung und Fortpflanzung; das Thier ver- 
bindet mit dem auch in ihm vorhandenen vegetativen Leben 
das animalische, bestehend in Wahrnehmung, Empfindung und 
willkührlicher Bewegung; der Mensch vereinigt in sich mit 
dem vegetativen und animalischen Leben noch ein höheres, 
ausschliesslich humanes, bestehend in Selbstbewusstsein, Den- 
ken und Sprechen. 

Dieser, im Allgemeinen unstreitig naturgemässen, Auffas- 
sung des Lebendigen zufolge, kann man sich das Stufenver- 
hältniss so vorstellen, dass man sagt: in der Pflanze ist das 
Seelenleben noch ganz und gar versenkt in die Materie, so 
dass es sich blos äussert in organischer Bildung, und nur 
als ein leibliches Seelenleben existirt; in dem tierischen 
Seelenleben tritt der Gegensatz von Seele und Leib hervor, 
so dass in der organischen Bildung des Thieres das leibliche 
Leben, in der Empfindung und Bewegung das eigentliche 
Seelenleben des Thieres zum Vorschein kommt. Beides ist 
aber in dem Thiere noch so verbunden und von einander ab- 
hängig, dass ein für sich bestehendes Seelenleben auch in dem 
Thiere noch nicht existirt. In dem Menschen entwickelt sich 
nun ausser jenem Gegensätze von Seele und Leib noch der 
Gegensatz von Seele und Geist, und das auch in dem Men- 
schen vorhandene thierische Seelenleben ist die Grundlage für 
seine geistige Thätigkeit. So wie in dem Thiere das Seelen- 
leben von dem leiblichen Leben abhängig und an dasselbe ge- 
bunden ist: eben so ist das geistige Leben des Menschen 
gebunden an das in ihm vorhandene thierische Seelenleben; 
aber es ist nicht unmittelbar geknüpft an das leibliche Leben, 
und nicht unmittelbar abhängig von diesem. Das vegetative 
Leben ist die unmittelbare Basis des thierischen Seelenlebens 
und dieses die unmittelbare Basis für das geistige Leben des 
Menschen. Daher ist der menschliche Geist mehr oder we- 
niger frei geworden von den Banden und Fesseln des Leibes ; 
seine Thätigkeit steht nicht, wie die Seelenthätigkcit des 


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Thieres, in unmittelbarer und nothwendiger Abhängigkeit von 
den leiblichen Organen. Das geistige Leben ist in ihm zu 
einer relativ selbständigen Existenz gekommen, so dass der 
Mensch ein doppeltes Leben führt, ein innerliches geistiges, 
und ein äusserliches leibliches, welche Beide nicht unmittelbar 
von einander abhängig sind, sondern nur in einem durch das 
thierische Seelenleben des Menschen und durch dessen Or- 
gane, Gehirn und Nervensystem, vermittelten Zusammenhänge 
mit einander stehen. 

Die Aristotelische Lehre von der Identität des vegetativen 
Lebens in der Pflanze, dem Thiere und dem Menschen hat 
in neuerer Zeit ihre Bestätigung gefunden durch die von 
Schwann, Schleiden u. a. Physiologen und Botanikern 
festgestellte Thatsache, dass eine und dieselbe Zellenbildung 
die elementare Grundlage aller organischen Gebilde ist, so- 
wohl in der Pflanze, als in dem Thiere und dem Menschen. 
Alle Verschiedenheit der Organe scheint, diesen Untersuchun- 
gen zufolge, nur zu beruhen auf einer verschiedenen Ent- 
wicklung ursprünglich gleicher Zellen, und ihrer allmähligen 
Umwandlung in Membranen, Fasern, Gefässe u. s. w. Das 
vegetative Leben ist also gerade so, wie Aristoteles es 
erkannt und ausgesprochen hat, die unmittelbare Grundlage 
des thierischen, und die mittelbare Grundlage des aus- 
schliesslich menschlichen Seelenlebens. Es ist aber, was 
Aristoteles übersehen zu haben scheint, in derselben Weise 
die Grundlage des thierischen Lebens, wie das unorganische 
Leben der Erde die Grundlage ist für das vegetative Leben. 
Aus dem Boden, in dem sie wurzelt, aus der Luft, die sie 
umgiebt, zieht die Pflanze den Stoff, dessen sie zur Bildung 
und Erhaltung ihres Organismus bedarf ; sie kann nicht wach- 
sen, wenn nicht ein geeigneter Boden für sie bereitet ist; sie 
kann nicht leben, wenn sie losgerissen wird von der mütter- 
lichen Erde, der sie entspriesst. Die Thiere dagegen bezie- 
hen, wie es scheint, ursprünglich allen Stoff, dessen sie zur 
Erhaltung und Entwicklung ihres Lebens bedürfen, aus der 
Pflanzenwelt. Möglich ist es vielleicht, dass es niedrige Be- 
wohner des Wassers giebt, welche blos von Wasser und der 


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darin enthaltenen atmosphärischen Luft leben können ; so weit 
uns aber die Nahrung der Thiere bekannt ist, leben sie alle von 
thierischen und vegetabilischen Substanzen, und soviel wir 
wissen, kann kein Thier unorganische Substanzen verdauen und 
durch Verdauung in Fleisch und Blut verwandeln. Die Existenz 
der ganzen Thierwelt ist also begründet auf dem Dasein der 
Pflanzenwelt, und ebenso, wie die Erde der mütterliche Bo- 
den ist für die Pflanze, sind die Pflanzen der Grund und 
Boden, in welchem die ganze Thierwelt wurzelt, und aus 
dem sie hervorspriesst. Wie das geistige Leben des Men- 
schen deshalb befreit ist von den Banden des leiblichen Le- 
bens, weil es nicht mit diesem, sondern mit dem daraus her- 
vorgegangenen thierischen Leben umnittelbar zusammenhängt: 
ebenso ist das thierische Leben nicht an die Erde gefesselt, 
weil es nicht in ihr, sondern in der Pflanzenwelt unmittelbar 
wurzelt. Eben deshalb ist auch willkührliehe Bewegung der 
allgemeinste und wesentlichste Character der Thierwelt. Ob 
und wie ein Thier empfindet oder wahrnimmt, vermögen wir 
oft nicht zu erkennen, wenn wir aber sehen, dass es sich 
willkührlich bewegt, so sind wir gewiss, dass wir ein Thier 
vor uns haben. Nur in denjenigen Fällen bleibt es zweifel- 
haft, ob der Gegenstand unserer Beobachtung thierischer oder 
vegetabilischer Natur sei, wo wir nicht mit Sicherheit unter- 
scheiden können, ob die wahrgenommene Bewegung eine will- 
kührliche ist, oder eine Wirkung physikalischer Kräfte, der 
Molecularanziehung , Flüssigkeitsbewegung, electrischer Strö- 
mung oder physikalischer Contractilität vorhandener Wimper. 

Wenn wir die ganze Natur, und insbesondere alle leben- 
digen Geschöpfe als Offenbarung des göttlichen Denkens auf 
verschiedenen Stufen der Entwickelung betrachten: so ist es 
im Grunde gleichgültig, ob wir den Menschen allein, oder 
Menschen und Thiere, oder auch die Pflanzen beseelt nennen 
wollen. Die Sache bleibt dieselbe, nur das Wort Seele wird 
bald in engerem, bald in weiterem Sinne genommen. Die 
Sprache gestattet dies, weil Pflanze, Thier und Mensch in 
einer Beziehung identisch, in anderer Beziehung wesentlich 
von einander verschieden sind. Wir können mit Aristote- 


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les alle Naturkörper eintkeilen in Organische und Anorga- 
nische, alles Organische als beseelt betrachten und Pflanze, 
Thier und Mensch als drei Stufen des Seelenlebens. Wir 
können aber auch nach herkömmlicher und ebenfalls natur- 
gemässer Weise alle Naturkörper eintheilen in ein Mineral- 
reich, Pflanzenreich und Thierreich, und das erstere als leblos 
oder unorganisch betrachten, die Pflanzen als lebendig oder 
organisch, und nur die Thiere als beseelt. Thun wir dies, 
so steht es uns wieder frei, den Menschen als ein höher be- 
seeltes Wesen mit den Thieren zusammen zu stellen, oder 
ihn als ein geistiges Wesen von dem Thierreich auszuschlies- 
sen. Die Sache selber und die natürlichen Verhältnisse blei- 
ben dieselben, wir mögen die Grenzen so oder anders setzen. 

Das Seelenleben der Pflanze äussert sich nur durch 
organische Bildung, W T achsthum, Ernährung und Fortpflan- 
zung. Die Pflanze wächst und entwickelt sich durch Triebe, 
und diese Triebe gestatten einen Vergleich mit den thieri- 
schen Trieben z. B. dem Nahrungstriebe oder dem Geschlechts- 
triebe; denn der inwohnende Trieb der Selbsterhaltung treibt 
die Pflanze zu stets erneuerter Bildung von Blattknospen 
und Wurzelfasern, und der ihr inwohnende Fortpflanzungs- 
trieb treibt sie zur Entwicklung ihrer Blüthenknospen. Allein 
die Triebe der Pflanze äussern sich fast nur in dem Hervor- 
treiben organischer Gebilde, nicht wie bei dem Thiere, durch 
freie Bewegungen, welche durch die Thätigkeit besonderer 
zu diesen Zwecken bestimmter Organe veranlasst werden. 
Andeutungen eines höheren thierischen Lebens finden* sich 
jedoch bei der Pflanze in dem Wechsel des Schlafens und 
Wachens der Blumen und Blätter, in dem Auf- und Abstei- 
gen der Säfte und ihren kreisförmigen Bewegungen in den 
Zellen, und in manchen an thierische Willkühr erinnernden 
freieren Bewegungen z. B. dem Winden von Ranken und 
kletternden Pflanzen, den Blattbewegungen der Mimosa pu- 
dica und des Hedysarum gyrans. Bei vielen Pflanzen kom- 
men Bewegungen der Staubgefässe zur Zeit der Befruchtung 
vor. Die in den Gewässern des südlichen Europa wachsende 
Vallisneria bietet in dieser Beziehung besonders interessante 


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Erscheinungen dar. Die weiblichen Pflanzen haben Blüthen- 
stiele, die anfangs schraubenförmig gewunden sind, sich dann 
aufrollen und die Oberfläche des Wassers erreichen. Die 
männlichen Blumen haben sehr kurze Blüthenstiele, die sich von 
ihrem Stiele losreissen und um die weiblichen Blumen herum- 
schwimmen ; dann offnen sie sich, verstreuen ihren Pollen und 
sterben. Indess Hessen sich vielleicht alle diese Bewegungser- 
scheinungen aus der Structur der Theile und einer physikali- 
schen Contractilität herleiten, in Verbindung mit der Einwir- 
kung vonDruck, Wärme, Licht, Electricität, Feuchtigkeit u.s. w. 

Wir sehen, dass jede Pflanze sich bildet nach dem be- 
stimmten Typus ihrer Art, und müssen dabei in dem Keime 
die Präexistenz eines innerlichen Vorbildes oder einer Idee 
der künftigen Pflanze voraussetzen ; allein diese Idee entfaltet 
und reaUsirt sich nur in der organischen Bildung, ohne an- 
dere Erscheinungen hervorzubringen. Die Pflanze sucht ihre 
Wurzeln in einen fruchtbaren Boden zu bringen, und wendet 
ihren Stengel, ihre Blätter und Blumen dem Lichte zu. Man 
kann daher von ihr sagen, sie wisse Licht und Nahrung zu 
suchen, obgleich sie selbst nicht weiss, was sie weiss und 
thut. Das, was sie in sich aufnimmt, erinnert sie, indem 
sie es in ihr InnerUches, in ihre eigne Substanz umwandelt. 
Sie entwickelt ihre einzelnen Theile regelmässig, zu rechter 
Zeit und am rechten Orte; nicht zu früh und nicht zu spät 
verwandelt sie ihr Blatt in einen Kelch, eine Blume und Be- 
fruchtungsorgane. Sie hat also bei ihren Bildungen künftige 
Zweeke vor Augen, und was sie thut, ist berechnet auf ihre 
Bestimmung, sich fortzupflanzen, Blüthen und Früchte zu 
tragen. Es muss daher ein Vorauswissen und Voraussetzen 
dieser Zwecke bei der Pflanze Statt finden; ja sie muss zu 
jeder Zeit wissen und erinnern, was sie schon gethan hat, 
und wie weit sie in ihrer Entwicklung fortgeschritten ist, 
weil sie ohne dies zu wissen in ihrer Thätigkeit nicht mit der 
gehörigen Regelmässigkeit und Ordnung verfahren könnte. 
Hegel nennt sogar nicht ganz mit Unrecht das Verzweigen 
der Pflanzen ein Urtheilen derselben. 

Durch Erhaltung aller Theile auf eine den Zwecken des 


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Ganzen entsprechende Weise und so lange, als diese es er- 
fordern, sowie durch Veränderungen der Bildung nach Maass- 
gabe der äusseren Umstände beurkundet der die Pflanze be- 
seelende Gedanke seine Allgegenwart und vernünftige Thä- 
tigkeit. Alle Theile der Pflanze, Blätter, Blüthen, Staubge- 
fässe u. s. w. fallen ab und verwelken, weil sie nicht mehr 
ernährt werden, sobald sie der Pflanze von keinem Nutzen 
mehr sind. Kommt eine Pflanze, zu deren gehöriger Ent- 
wicklung ein fruchtbarer Boden nöthig ist, in ein dürres und 
unfruchtbares Erdreich, so passt sie ihren ganzen Organismus 
dem vorhandenen Nalirungsstofle an: alle Theile werden re- 
gelmässig und proportionirt, aber nach einem kleineren Maass- 
stabe gebildet; es entstehen Zwergpflanzen, welche man bei 
dem ersten Anblicke kaum für dieselbe Species hält, die man 
sonst gesehen, welche aber bei näherer Betrachtung dieselben 
Formen des Ganzen und der einzelnen Theile in regelmässi- 
gen Proportionen zeigen. Bei vielen unsrer gewöhnlichsten 
Pflanzen hat man häufige Gelegenheit, dies zu beobachten 
z. B. bei Alsine media, Plantago major, Bromus mollis. 

Wir erkennen demnach in der Pflanze ein vernünftiges 
Handeln nach vorausgesetzten Ideen und Zwecken, wir finden 
in ihr lebendige Triebe, wir müssen ihr ein Wissen und ein 
Erinnern zuschreiben von Allem, was sie thut und gethan 
hat. Allein von ihrem Wissen und Thun weiss sie selber 
nichts, das innerliche Leben ist bei ihr nicht geschieden von 
dem äusserlichen Dasein und zu keiner gesonderten Existenz 
gekommen. Die Pflanzenseele ist ganz und gar versenkt in 
die Materie. Sie existirt nur als eine beseelte, wissende und 
nach Zwecken thätigc Substanz. Die Pflanze denkt, erinnert 
weiss nur in Beziehung auf ihre eigene materielle Bildung, 
sie ist nur organisch thätig, und ihre lebendige Selbstthätig- 
keit äussert sich nur in der Bildung, Erhaltung und Fort- 
pflanzung eines bestimmten Organismus. 

. Erst in dem Thiere kommt ein eigentliches, von dem 
organischen Leben gesondertes Seelenleben zum Vorschein 
und äussert sich durch ihm eigenthiimliche Erscheinungen, 
durch freie, willkührliche Bewegungen, Wahrnehmungen und 


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Empfindung. Das einfache substantielle Leben der Pflanze 
hat sich nach polarisch divergirenden Richtungen entfaltet zu 
dem Gegensätze von Seele und Leib, so dass ein innerliches 
und äusserliches Leben in ununterbrochener Wechselwirkung 
einander parallel laufen, wie Positives und Negatives zu ein- 
ander sich verhaltend, einander gegenseitig bedingend und 
nur durch einander bestehend. Das Seelenleben des Thieres 
ist wesentlich ein Inneres; das Thier verwandelt nicht blos 
den aufgenommenen Stoff in seine eigene Substanz, sondern 
sein Erinnern ist ein Wahrnehmen, ein Empfinden, ein Wis- 
sen, und die Bewegungen des Körpers werden grösstentheils 
von innen heraus bestimmt durch ein innerliches Wollen. 

Diese Duplicität des Seelenlebens macht eine andere Or- 
ganisation des ( Thieres nothwendig. Es müssen besondere 
Organe da sein für das Leben der Seele und des Leibes, ein 
Nervensystem und Sinnesorgane als Träger des Empfindens, 
Wahrnehmens, Wissens und Wollens, bewegliche Glieder, 
Muskeln, Knochen oder hornartige Gebilde (bei den Insekten) 
zur Vollziehung der Bewegungen. Da diese Organe ernährt 
und erhalten werden müssen, so werden andere Organe nöthig 
zur Aufnahme und Assimilation der Nahrung, ein Magen, 
Darmkanal und andere Verdauungswerkzeuge; und die noth- 
wendige Zuführung dps bereiteten Nahrungsstofles zu allen 
Theilen des Leibes macht ein besonderes, vielfach verzweig- 
tes Gefass-System erforderlich. Dazu kommt noch, dass sich 
das Seelenleben in den Thieren nach den verschiedensten 
Richtungen zur Besonderheit entwickelt, und jede besondere 
Richtung desselben eine besondere und eigentümliche Organi- 
sation des Leibes erforderlich macht. Bei den einzelnen Arten 
der Thiere prägt sich diese Besonderheit in jedem Organe so 
bestimmt aus, dass Cu vier aus einzelnen fossilen Knochen die 
ganze Organisation eines urweltlichen Thieres ableiten konnte. 

Jede Thierspecies führt ein eigentümliches , ihrer beson- 
deren Organisation entsprechendes Leben, weil jede besondere 
Thierseele ihren Organismus den künftigen Zwecken ihres 
Lebens gemäss bildet und entwickelt. Die Pflanzen erschei- 
nen weit mehr in gleicher Weise beseelt, nur die äussere 


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Form und Gestalt ist bei den verschiedenen Gattungen und 
Arten sehr verschieden, die innere Organisation und das ganze 
Leben bei weitem einförmiger. Auch zeigt der pflanzliche 
Organismus nur eine anfangende Gliederung und verhält sich 
mehr wie ein aus gleichartigen Theilen gebildetes Ganzes. 
In derselben Pflanze ist ein Zweig, ein Blatt, eine Blüthe wie 
die andern; man kann sie eines beträchtlichen Theiles berau- 
ben ohne wesentliche Beeinträchtigung des Ganzen ; man kann, 
wie Schulz, Schleiden u. a. Botaniker es thun, jede Knospe 
als eine ganze Pflanze betrachten, und jeden Baum als ein 
Aggregat einer zahlreichen Menge von einzelnen Pflanzen. 
Man kann eine Pflanze durch Propfen und Oculiren in eine 
andere verwandeln; ja sogar durch Umkehrung der Pflanze 
die Zweige in Wurzeln und diese in blühende Zweige. In 
dem thierischen Organismus hingegen hat jedes Glied seine 
besondere Bestimmung und Bedeutung, Eins kann nicht das 
Andere ersetzen und der Verlust jedes Gliedes z. B. eines 
Fusses oder Auges hat für das Gesammtleben eigenthümliche 
Folgen. Vermöge dieser besonderen Organisation und Be- 
deutung jedes Gliedes ist der thierische Organismus ein Un- 
theilbares, ein Individuum. 

Obgleich wir nun in der Thierreihe von den niedrigsten 
Thieren an bis zu den vollkommensten eine unendliche Man- 
niclifaltigkeit und eine fast unübersehbare Reihe von Entwick- 
lungsstufen des Lebens antreflen: so findet sich doch inner- 
halb derselben eine besonders wichtige Grenze, ein wesent- 
licher Unterschied, welchen die neueren Naturforscher, von 
Cüvier an, sehr wohl erkannt haben, dessen tiefe und wich- 
tige psychologische Bedeutung aber, so viel ich weiss, noch 
nirgends ausgesprochen, anerkannt und gewürdigt worden 
ist. Es ist dies der Unterschied zwischen rückgratlichen 
oder wirbellosen Thieren, und den mit einem Rückgrat 
versehenen Wirbelthieren — Animalia evertebrata und 
vertebrata. Von allen Naturforschern werden die Thiere jetzt 
nach diesem Unterschiede in zwei Hauptklassen getheilt; allein 
dass diese anatomische Verschiedenheit mit einer ebenso we- 
sentlichen Verschiedenheit des Seelenlebens verbunden ist, 

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dass das Seelenleben in den Wirbelthieren auf einer höheren 
Entwicklungsstufe steht, als in den Wirbellosen, scheint bis- 
her noch gar nicht berücksichtigt zu sein. Und doch ist 
z. B. der Streit darüber, ob die Thiere Verstand haben oder 
nicht, ohne Berücksichtigung dieses Unterschiedes gar nicht 
zu entscheiden; denn nur die Wirbelthiere haben Verstand, 
den Wirbellosen fehlt das Organ des Verstandes, das Gehirn, 
und es ist bei ihnen noch zu keiner Entwicklung des Ver- 
standes gekommen. Interessant ist es, dass dieser wesent- 
liche Unterschied dem scharfsinnigen Aristoteles nicht ent- 
gangen war; denn er sagt: die meisten empfindenden Wesen 
oder Thiere besitzen ausser dem Wahrnehmungsvermögen auch 
Einbildungskraft (<puvx:a<sia ) ; nur einigen Thieren, als 
Bienen, Ameisen, Würmern scheint sie zu mangeln. Er er- 
klärt die Phantasie näher als die Fähigkeit, sinnliche Vorstel- 
lungen festzuhalten und willkührlich, verändert oder unverän- 
dert, wieder hervorzurufen. Was Aristoteles an Ameisen, 
Bienen, und Würmern beobachtet, gilt von allen wirbellosen 
Thieren, und was er einen Mangel an Phantasie nennt, wird 
richtiger als ein Mangel des Verstandes bezeichnet. 

Zu den wirbellosen Thieren gehören, wenn man von den 
unvollkommensten anfängt: die Infusorien, die Polypen, die 
Acalephen (Quallen), die Echinodermen (Stachelhäuter oder 
Strahlthiere), die Mollusken oder Weichthiere mit ihren drei 
Hauptabtheilungen , den Acephalen (Kopflosen, Muscheln), 
Gasteropoden (Bauchfüsslern oder Schnecken) und Cephalo- 
poden (Kopffüsslern oder Dintenfischen) ; die Würmer, die 
Crustaceen (Krustenthiere, Krebse), die Arachniden (Spinnen) 
und die Insekten. Zu den Wirbelthieren gehören die be- 
kannten vier Ordnungen der höheren Thiere: Fische, Amphi- 
bien, Vögel und Säugethiere. 

Das thierische Leben charakterisirt sich im Allgemeinen 
durch Wahrnehmen äusserer Gegenstände, wodurch ein 
Wissen von ihnen gegeben wird, durch Empfinden oder 
Wahrnehmen (In-sich-finden) innerer Zustände und durch von 
innen her bestimmte, sogenannte willkübrliche Bewegun- 
gen des ganzen Körpers oder wenigstens einzelner Theile 


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desselben. Die hierher gehörigen Erscheinungen werden 
wahrscheinlich immer durch besondere Organe oder Nerven 
vermittelt, obgleich diese bei den Infusorien und Polypen noch 
nicht mit Bestimmtheit nachgewiesen worden sind. 

Das Nervensystem der Wirbelthiere besteht aus dem gros- 
sen und kleinen Gehirn, dem aus nebeneinander gelagerten 
empfindenden und bewegenden Nervensträngen zusammenge- 
setzten Rückenmark ; einer grossen Menge verschiedener, mit 
dem Rückenmarke verbundener und durch den ganzen Kör- 
per verbreiteter Nerven, und dem Syinpathicus oder Gang- 
liennervensystem. Letzteres besteht aus zahlreichen, beson- 
ders im Unterleibe angehäuften, durch Nervenfaden mit ein- 
ander verbundenen Anschwellungen oder Ganglien, von denen 
peripherische Nervenfaden ausgehen, um sich theils in den 
Eingeweiden zu verbreiten, theils die Blutgefässe zu beglei- 
ten, theils mit dem Rückenmarke und den Rückenmarksnerven 
zu verbinden. Man unterscheidet in dem Nervensystem eine 
graue und eine weisse Substanz, wovon die Erstere vorzugs- 
weise aus eigenthümlichen Neivenzellen, die Letztere aus 
Nervenröhren oder Nervenfasern besteht. Im Gehirne, im 
Rückenmarke und in den Ganglien findet sich die graue 
Substanz, mehr oder weniger von Nervenfasern durchzogen 
theils äusserlich, theils im Innern auf sehr verschiedene Weise 
angehäuft, während die Nerven fast ausschliesslich aus weisser 
Substanz oder Nervenfasern bestehen. Die Nervenfasern die- 
nen wahrscheinlich nur zur Fortleitung, die Nervenzellen zur 
Erregung der Nerventhätigkeit. 

Das Nervensystem der wirbellosen Thiere besteht im All- 
gemeinen aus gangliösen Anschwellungen, welche durch Ner- 
venfäden mit einander in Verbindung stehen, und wovon an- 
dere Nervenfasern ausgehen, um sich in dem ganzen Körper 
zu vertheilen. Als Centralorgane betrachtet man zwei ober- 
halb und unterhalb des Oesophagus liegende grössere Gang- 
lien, die sogenannten Schlundganglien, welche durch 
Nervenfasern mit einander verbunden sind, und ringförmig, 
als sogenannter Schlundring, den Oesophagus umgeben. 
Von dem unteren Schlundganglion aus verläuft, wo das Ner- 

6 * 


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vensystem am meisten entwickelt ist, ein durch Nervenfäden 
verbundener doppelter Ganglienstrang, der Stammnerv, 
an der Bauchseite des Thieres bis zum hinteren Ende, und 
aus den Ganglien desselben entspringen die zu den einzelnen 
Organen und Gliedern gehenden Nervenfäden. Bei den In- 
sekten entspricht die Anzahl der Ganglien den frei beweg- 
lichen Leibesringen, und die Bewegungen jedes Gliederpaarea 
scheinen durch ein besonderes Ganglion regulirt zu werden. 

In früheren Zeiten, wo man dem sympathischen Nerven- 
systeme des Menschen und der höheren Thiere eine viel zu 
bedeutende Rolle zuschrieb, betrachtete man die Stammnerven 
der Ganglienstränge der wirbellosen Thiere als das Analogon 
des Sympathicus, und wurde dadurch zum Theil durch die 
Lage desselben an der Bauchseite des Thieres verleitet, welche 
aber nur in einer allgemeinen Umkehrung der Verhältnisse 
des Körpers ihren Grund hat. Seitdem bei vielen wirbello- 
sen Thieren ausser jenem Ganglienstrange ein besonderes sym- 
pathisches Nervensystem entdeckt worden ist, hat man diese 
Ansicht aufgegeben und betrachtet allgemein den Stammner- 
ven als ein Analogon des Rückenmarks. Die Richtigkeit der 
letzteren Ansicht wird bestätigt durch neuere Untersuchun- 
gen von Ne wport, Grant, Valentin undLonget, denen 
zufolge der Stammnerv der Krebse, wie das Rückenmark der 
höheren Thiere, aus motorischen und sensiblen Strängen zu- 
sammengesetzt zu sein scheint. Newport hat zuerst gefun- 
den (Philosoph. Transact. 1834), dass jede seitliche Hälfte 
des Stammnerven aus zwei über einander liegenden Strängen 
bestehe, und dass nur die unteren Stränge in Ganglien an- 
schwellen, die oberen Stränge über die Ganglien hinwegstrei- 
chen; eben so, wie bei dem Menschen und bei den höheren 
Thieren, z. B. den Spinalganglien und den Ganglien des 
5. Paares, die sensiblen Nerven zu Ganglien anschwellen, über 
welche die motorischen Nervenfäden hinwegstreichen. Longet 
glaubt sogar, durch Experimente an lebendigen Krebsen (Pa- 
linurus quadricornis) die Vermuthung über die verschiedenen 
Funktionen beider Stränge bestätigt gefunden zu haben. 

Nachdem man den Stammnerven der wirbellosen Thiere 


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als ein dem liückeuinarke der höheren Thiere entsprechendes 
Organ anerkannt hatte, glaubte man in den Schlundganglieu 
ein Analogon des Gehirns zu erblicken , ' und dieser Irrthum 
ist noch jetzt unter den Zootomen und Physiologen weit ver- 
breitet. Der Irrthum ist besonders dadurch entstanden, dass 
man die Sinnesnerven, namentlich den Sehnerven, aus den 
Sehlundganglien entspringen sah, während man bei den hö- 
heren Thieren ihren Ursprung aus dem Gehirn als eine aus- 
gemachte Thatsache voraussetzte. Diese Voraussetzung be- 
ruht darauf, dass man die sogenannten grossen Hirnganglien, 
corpus Striatum und thalamus, für integrirende Theile des 
Gehirnes hielt, obgleich sic nach allen anatomischen und 
Structurverhältnissen ganz entschieden nichts Anderes sind, 
als gangliöse Anschwellungen, in welche das Rückenmark 
nach oben endigt, und durch welche es sich mit dem grossen 
Gehirn verbindet. Die grossen Hirnganglien gehören anato- 
misch und physiologisch unzweifelhaft dem Rückenmark und 
nicht dem Gehirne an, und eben so unzweifelhaft sind sie 
das Analogon der Schlundganglien der wirbellosen Thiere. 
Sie sind der Centraltheil des Rückenmarkes, und so lange 
man sie als einen Theil des Gehirns betrachtet, ist es unmög- 
lich, die Functionen des Gehirns und des Rückenmarks richtig 
zu erkennen. 

Die wirbellosen Thiere haben also kein Gehirn, wohl 
aber haben sie Sinnes-, Empfindungs- und Bewegungsnerven 
und ein Rückenmark, d. h. ein Centralorgan für jene Nerven, 
in welchem alle von ihnen aufgenommenen Eindrücke sich 
vereinigen, und von welchem alle Bewegungen ausgehen. Sie 
haben dadurch das unmittelbare Wissen, welches mit der 
Wahrnehmung und Empfindung verknüpft ist, und ein solches 
Wollen, wie ,es unmittelbar aus der Thätigkeit des Rücken- 
markes hervorgehen kann, d. h. ein instinctartiges. In 
Ermangelung des Gehirns besitzen sie aber kein Organ, ver- 
möge dessen sie sich ihre eigenen Wahrnehmungen vorstellen 
könnten, und es sind auch keine Erscheinungen an ihnen zu 
bemerken , welche darauf hindeuteten , dass sie sich V orstel- 
lungen von irgend einer Sache machten. Die Wahrnehmung 


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setzt den Gegensatz und die Verbindung eines Wahrgenom- 
menen und eines Wahrnehmenden voraus; sie werden ver- 
mittelt durch den Gegensatz und Zusammenhang der periphe- 
rischen Nervenenden und ihres Centrums, des Kückenmarks. 
Ohne ein wahrnehmendes Centrum ist eben so wenig eine 
Wahrnehmung des Eindruckes möglich, als sie cs ohne Auf- 
nahme des Eindruckes durch die Nervenenden sein würde. 
Dasselbe ist aber erforderlich, wenn etwas vorgestellt werden 
soll. Ausserhalb des Ortes, in welchem wahrgenommen wird, 
muss ein anderer Ort da sein, in welchem vorgestellt wird, 
und eine Verbindung zwischen beiden, damit das Vorzustel- 
lende dahin gelange, wo es vorgestellt wird. Dies geschieht 
in dem Menschen und in den höheren Thieren durch den 
Gegensatz und Zusammenhang des Rückenmarks und des 
grossen Gehirns, und wo kein Gehirn vorhanden ist, können 
auch keine Vorstellungen existiren. 

Mit Recht hat daher Aristoteles behauptet, dass die 
wirbellosen Thiere keine Einbildungskraft besitzen; denn wer 
sich nichts vorstellen kann, der kann sich auch nichts ein- 
bilden. Wo das Vorstellungsvermögen fehlt, kann auch das 
eigene Wissen nicht vorgestellt werden, folglich kein Bewusst- 
sein existiren; denn dieses ist nichts Anderes, als ein in sich 
reflectirtes Wissen, oder ein innerliches Vorstellen desselben. 
Es fehlt damit ferner auch das Vermögen des verständigen 
Ueberlegens d. h. des Vergleichens verschiedener Vorstellun- 
gen, so wie des Urtheilens, welches als Resultat aus vorher- 
gegangener Vergleichung hervorgeht. Es fehlt endlich zu- 
gleich die eigentliche Willkühr, d. h. ein durch vorhergehendes 
Ueberlegen geleitetes und durch ein eigenes Urtheil bestimm- 
tes Wählen unter mehreren Handlungsweisen. Bei den wir- 
bellosen Thieren kommen keine Erscheinungen vor, welche 
auf ein solches Wählen, oder auf ein innerliches Ueberlegen 
und Urtheilen hindeuteten ; vielmehr weisen alle Beobachtun- 
gen darauf hin, dass sie mit Naturnothwendigkeit thun, was 
sie müssen; dass ihnen keine Wahl gestattet ist, sondern dass 
sie aus einem unwiderstehlichen Antriebe handeln, d. h. aus 
Ins ti net. Wenn wir dennoch ihre Bewegungen willkühr- 

o o 


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liehe oder freie nennen, so thun wir dies theils in Vergleich 
mit physikalischen, durch äussere Ursachen, Druck, Stoss 
u. s. w. hervorgebrachten Bewegungen, theils deshalb, weil 
der Instinct zwar die niedrigste Entwicklungsstufe des Wil- 
lens ist, aber doch derselbe Wille, der in höherer Entwick- 
lung als W T illkühr und als freies Wollen und Entschliessen 
auftritt. Wir sagen sogar von einem Stein, den wir verge- 
bens fortzuschieben suchen, dass er nicht weichen will: der 
Sprachgebrauch gestattet hier, wie überall, den Gebrauch 
desselben Wortes in verschiedenem Sinne, weil das Verschie- 
dene nur durch verschiedene Entwicklung von' Identischem 
sich unterscheidet. 

Die Gefühle der wirbellosen Thiere müssen sich ebenfalls 
beschränken auf diejenigen Empfindungen, welche unmittel- 
bar durch die Nerven hervorgerufen werden, d. h. auf leib- 
liche Empfindungen, Lust und Schmerz, und alles Dasjenige, 
was sich auf leibliche Zustände bezieht oder dem Gemein- 
gefühle angehört. Sie empfinden Wärme imd Kälte, Hunger 
und Durst, Wohlsein und Krankheit u. s. w. Alle Gefühle 
hingegen, welche auf einer innerlichen Affection oder Erre- 
gung des Gemüths beruhen, bleiben ihnen fremd, weil sie 
kein Organ besitzen, in dem solche innerliche Gefühle ent- 
stehen könnten. Sie besitzen kein Selbstgefühl, welches ge- 
steigert oder vermindert werden könnte; ihr Muth bleibt 
unter allen Umständen derselbe. Sie sind ebenfalls keinen 
innerlichen Gemüthsbewegungen, kernen Affecten und Leiden- 
schaften unterworfen. Ein Insect, eine Spinne, ein Krebs 
kann wohl Lust und Schmerz empfinden, aber weder Freude 
noch Leid, weder fröhlich noch traurig oder mit irgend einer 
andern Gemüthsstimmung behaftet sein. Eine zaghafte Fliege, 
eine melancholische Mücke, ein lustiger Krebs oder ein ver- 
driesslicher Käfer wird uns niemals begegnen. 

Es hat allerdings den Anschein, als könnten einige wir- 
bellose Thiere, z. B. Bienen und Wespen, in Zorn gerathen, 
wenn ein feindlicher Angriff auf ihre Nester gemacht wird. 
Sie können, um ihre Brut zu verthei digen , zu gewaltsamen 
und stürmischen Bewegungen und Handlungen veranlasst 


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werden, und sogar den fliehenden Feind mit Ungestüm ver- 
folgen. Dies beweist aber nicht, dass in ihnen das Gefühl 
des Zornes erregt worden sei, und dadurch ein ungestümes 
Thun veranlasst werde. Auch bei den höheren Thieren ge- 
hen die ungestümen Bewegungen des Zornigen zunächst her- 
vor aus einer gesteigerten Thätigkeit des Rückenmarkes; ob 
diese aber erregt werde durch ein vorhergehendes Gefühl des 
Zornes, oder unmittelbar durch die Wahrnehmung einer Ge- 
fahr, können wir aus den Bewegungen und Handlungen nicht 
direct erkennen. Wir erkennen den Zorn bei den höheren 
Thieren und beim Menschen an den, dem Ausbruche dessel- 
ben vorhergehenden und ihn begleitenden Veränderungen des 
Blickes, der Mienen und Geberden, der Stellung und Haltung 
des Körpers und des ganzen Benehmens, an den fast krampf- 
haften Zusammenziehungen der Muskeln, dem Sträuben der 
Haare oder Federn, dem Fletschen und Knirschen der Zähne, 
dem hastigeu und schweren Athrnen und Schnauben, dem 
Ausstossen von Tönen u. dgl. Von alle Dem finden wir bei 
den niedrigen Thieren keine Spur, und nichts berechtigt uns, 
ein innerliches Gefühl des Zornes bei ihnen vorauszusetzen: 
eine anscheinend zornige Biene oder Wespe, welche einen 
Feind mit Ungestüm verfolgt, sieht eben so aus, wie jede 
andre, der Ausdruck ihrer Gesichtszüge bleibt unverändert. 
Jede Gemüthsbewegung , jeder Afl'ect oder leidenschaftliche 
Zustand manifestirt sich bei dem Menschen und bei den hö- 
heren Thieren stets durch ein entsprechendes Mienen- und 
Geberdenspiel, und wo dieses gänzlich fehlt, ist die Voraus- 
setzung von jenen eine unberechtigte. Ueberdies bemerken 
wir an den Individuen der wirbellosen Thiere keine solche 
Veränderungen des Benehmens, wie sie bei den höheren Thie- 
ren in Folge des Wechsels von Affecten und Leidenschaften 
beobachtet werden. Ihr Verhalten ist immer dasselbe, und 
während z. B. alle höheren Thiere mehr oder weniger leicht 
in Furcht versetzt werden können, bemühen wir uns verge- 
bens einer unverschämten Fliege oder Mücke Furcht einzu- 
flössen und sie dadurch von uns abzuhalten. 

Individuelle Verschiedenheiten in dem Benehmen und in 


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den Handlungen der wirbellosen Tliiere kommen fast gar 
nicht zum Vorschein; jedes Thier derselben Art und dessel- 
ben Geschlechtes, jede Biene, jede Ameise, jede Fliege, jeder 
Regenwurm verhält sich in jeder Beziehung eben so, wie alle 
anderen; ihr ganzes Thun und Treiben geschieht mit einer 
eisernen Nothwendigkeit, in welcher keine Spur von Willkühr 
zu entdecken ist. Selbst wenn sie in der Ausführung ihrer 
Kunsttriebe z. B. in dem Bau ihrer Nester, durch äussere 
Umstände zu Abweichungen von der gewöhnlichen Norm und 
Regel genöthigt werden, tragen diese Abweichungen das Ge- 
präge der Nothwendigkeit, nicht der eigenen Wahl. Sie 
machen keine Lebenserfahrungen, sind im Alter nicht klüger 
und vorsichtiger-, als in der Jugend, und werden durch Ge- 
fahren so wenig gewitzigt, dass z. B. eine Mücke das bren- 
nende Licht nicht vermeiden lernt, an welchem sie eben be- 
reits ihre Fiisse verbrannt hat. In einem eingeschlossenen 
Raume kann ein Insect Tage lang umherlaufen, ohne die vor- 
handene Oeflhung zum Durchschlüpfen zu finden, es kann 
hundert Mal nach demselben Puncte hinlaufen, ohne zu er- 
fahren, dass keine Oeflhung da ist; jedes höhere Thier z. B. 
eine Maus, findet sehr bald, wenn es nicht etwa durch Furcht 
und Angst verwirrt ist, die Oeflhung, durch welche es ent- 
schlüpfen kann. 

Der Mangel an Bewusstsein, an Verstand und Ueberle- 
gung scheint auch eine Zähmung und Abrichtung der wirbel- 
losen Thiere unmöglich zu machen. Es wird freilich oft er- 
zählt, dass der Graf Lauzun in seinem Kerker eine Spinne 
durch fortgesetztes Füttern gezähmt und der Kerkermeister 
sie grausamer Weise getödtet haben soll, allein die ganze 
Erzählung ist nicht gehörig beglaubigt und in neuerer Zeit für 
eine Erdichtung erklärt worden; und was die abgerichteten 
Flöhe betrifft, welche zuweilen öffentlich vorgezeigt werden, 
so findet bei ihnen keine Abrichtung oder Zähmung Statt, 
indem sie nur durch Anlegung feiner Ketten und andere 
mechanische Vorrichtungen gezwungen werden, kleine Wagen 
zu ziehen, Lasten zu tragen u. dgl. Mir ist kein Beispiel 
wirklicher Zähmung eines wirbellosen Thieres bekannt, und 


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wenn man sich auch noch so sehr bemühen wollte, eine Biene, 
einen Krebs, einen Maikäfer, einen Schmetterling zu zälimen, 
so dürfte es schwerlich gelingen. Ein Thier, was gezähmt 
werden soll, muss verstehen, d. h. die Bedeutung dessen ein- 
sehen können, was man mit ihm vorhat; es muss im Stande 
sein, in der Aufeinanderfolge von Ereignissen das Verhält- 
niss von Ursache und Wirkung vorzustellen; es muss em- 
pfänglich sein für Lohn und Strafe. Die höheren Thiere 
verstehen, was wir beabsichtigen, wenn wir sie z. B. jedes 
Mal füttern, so oft sie etwas Bestimmtes thun; sie verstehen 
es, wenn wir ihnen unseren Beifall oder unser Missfallen zu 
erkennen geben; sie verstehen, weshalb sie gestraft werden 
und können oft sogar einsehen, dass sie Strafe verdienen. 
Bei den wirbellosen Thieren wird man vergebens ein Gefühl 
von Anhänglichkeit oder Abhängigkeit zu erwecken suchen, 
imd weder durch Fütterung, noch durch Hunger oder andere 
Strafen sie zu einem bestimmten Thun veranlassen können; 
sie werden nicht kommen, wenn man sie ruft, weil sie in 
Ermangelung des Verstandes unfähig sind, die Bedeutung 
eines Zeichens zu verstehen, oder das Zeichen auf das Be- 
zeichnte zu beziehen. 

Noch weniger finden wir in dem Leben der wirbellosen 
Thiere Erscheinungen, welche auf ein Vorhandensein von 
moralischen Gefühlen, von Gewissenhaftigkeit und vernünfti- 
gem Nachdenken hindeuteten. So bewunderswerth auch der 
Instinct bei Vielen ist, besonders bei Denjenigen, welche wie 
die Bienen und Ameisen in Gesellschaften und in einer be- 
stimmten Staat8verfässung leben: so wenig kann man ihre 
Handlungen und Einrichtungen einem verständigen Nachden- 
ken zuschreibcn. Wohl aher kann man daraus lernen und 
erkennen, dass das göttliche Denken eben so sein- dem Iu- 
stincte der niederen Thiere zum Grunde liegt, als der mensch- 
lichen Vernunft; und sind wir auf der einen Seite berechtigt, 
uns als höher entwickelte geistige Wesen zu betrachten, so 
dürfen wir auf der anderen Seite nicht verkennen, dass auch 
in dem niedrigsten Thiere dieselbe göttliche Vernunft wirkt 
und waltet. Auch in dem menschlichen Thun und Treiben 


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spielt der thierische Instinct eine weit bedeutendere Rolle, 
wie man ihm gewöhnlich zuzusclueiben pflegt. Namentlich 
dürften die gesellschaftlichen Verhältnisse und die Staatsein- 
richtungen der Menschen mehr dem Instincte, als der hoch- 
gepriesenen menschlichen Vernunft ihren Ursprung und ihr 
Bestehen verdanken. 

Das Seelenleben der wirbellosen Thiere unterscheidet sich 
also von dem der Wirbelthiere durch den Mangel des Be- 
wusstseins, des Verstandes, des Selbstgefühles und der eigent- 
lichem Willkühr, und characterisirt sich durch das Dasein 
eines unmittelbaren Wissens, der Sinnesthätigkeit, des Ge- 
meingefühles und Instinctes. Es ist, wenn wir nur Thiere 
und Menschen als beseelt betrachten, die unterste Stufe des 
Seelenlebens, und kann, da sie ganz und gar an die leben- 
dige Thätigkeit des Nervensystems gebunden ist, zum Unter- 
schiede von den höheren Stufen als ein leibliches Seelenleben 
oder Nervenleben bezeichnet werden. 

Die Wirbelthiere Fische, Amphibien, Vögel und Säuge- 
thiere besitzen ausser einem, von einer knöchernen Wirbelsäule 
umschlossenen Rückenmarke auch ein in einem knöchernen 
Schädelgewölbe liegendes Gehirn, welches in den verschie- 
denen Klassen dieser Thiere mehr oder weniger ausgebildet 
ist. Durch die relative Selbständigkeit des Gehirns und des 
Rückenmarkes und ihrem innigen Zusammenhang erhält das 
Seelenleben der Wirbelthiere einen anderen Character; es ist 
nicht mehr so einfach, wie bei den wirbellosen Thieren, son- 
dern in der Einheit kommt eine Duplicität zum Vorschein, 
weil die Erscheinungen des Seelenlebens einen doppelten 
Ursprung haben, und aus einem zwiefachen Centralorgan 
herstammen. 

Die Thätigkeit des Gehirns erscheint als eine mehr inner- 
liche in Verhältnis zu der Thätigkeit des Rückenmarkes und 
der von ihm ausgehenden Nerven, und man kann daher in 
den Wirbelthieren ein inneres und ein äusseres Seelenleben 
unterscheiden, obgleich die Erscheinungen von Beiden stets 
in einander flicssen, und zu keiner freien, für sich bestehen- 
den, von einander unabhängigen Existenz gelangen. Durch 


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Fortleitung der in dem Rückenmarke entstehenden Wahr- 
nehmungen zum Gehirn wird das äusserlich Wahrgenommene 
Gegenstand einer innerlichen Wahrnehmung d. h. die Wahr- 
nehmung wird in eine Vorstellung umgewandelt, und neben 
dem unmittelbaren Wissen tritt ein innerliches Wissen dieses 
Wissens auf, d. h. ein Bewusstsein. Die geistige Aufmerk- 
samkeit des Thieres ist nicht ausschliesslich auf äussere Ge- 
genstände beschränkt, sondern kann sich auch den eigenen 
Wahrnehmungen zuweudeu, so dass neben dem sinnlichen 
Anschauen ein innerliches Ueberlegen und ein verständiges 
Urtheilen zum Vorschein kommt. Die von dem Rückenmarke 
zum Gehirn fortgeleiteten äusserlichen Empfindungen werden 
ebenfalls in innerliche Empfindungen und Affecte umgewan- 
delt, und neben dem Gemeingefühle erscheint in den Wirbel- 
thieren ein Selbstgefühl, ein Wechsel des Muthes und der 
Gemüthsstimmung. Eben so erscheinen die Bewegungen und 
Handlungen der Wirbelthiere, ihrem doppelten Ursprünge ge- 
mäss, theils instinctartig, theils willkührlich , in so fern das 
verständige Ueberlegen des Gehirns ein eignes Wählen und 
ein Handeln nach eigenem Vorsatze möglich macht. Alle 
Erscheinungen, welche bei den wirbellosen Thieren in Bezie- 
hung auf den eigenen Leib innerliche Vorgänge sind, d. h. 
Alles, was die lebendige Thätigkeit des Rückenmarks und 
der Nerven producirt, wird für das höhere Seelenleben des 
Gehirns ein Aeusserliches, indem dieses sich eben so verhält 
gegen das Rückenmark, wie das Rückenmark gegen den eige- 
nen Leib und gegen die äusseren Dinge. 

An den Erscheinungen des Seelenlebens der höheren 
Thiere erkennen wir sehr leicht, dass sie nicht blos Lust und 
Schmerz empfinden, sondern auch Freude und Leid, dass sie 
in Affect gerathen, und in sehr verschiedener Gemüthsstim- 
mung sich befinden können. Sie können sich freuen und be- 
trüben, sie erscheinen zu einer Zeit fröhlich, zu einer andern 
traurig, sie sind bald freundlich, bald verdriesslich. Sie kön- 
nen in Zorn und Wuth, und in Furcht und Angst versetzt 
werden, und dieselben Individuen verhalten sich zu einer Zeit 
dreist und muthvoll, zu einer andern verzagt und muthlos. 


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Ihr jedesmaliges Selbstgefühl, ihre Gemüthsstimmung, ihre 
Affecte und Leidenschaften sprechen sich aus durch einen 
bestimmten Ausdruck des Gesichtes, durch bestimmte Geber- 
den und ein dem vorherrschenden inneren Gefühle entspre- 
chendes Benehmen. Wie tiefe und innige Gefühle bei ihnen 
vorhanden sein können, sieht man an der Anhänglichkeit der 
Hunde an den Menschen, an der Anhänglichkeit verschiede- 
ner Thiere an ihre Gefährten, die z. B. bei den sogenannten 
Sympathievögeln, bei Pferden, Löwen und Katzen beobachtet 
worden ist, und in der Liebe der Mütter für ihre Jungen, 
deren Verlust die tiefste und anhaltendste Betrübniss, Ver- 
weigerung der Nahrung, sogar den Tod aus Gram zur Folge 
haben kann. Dagegen fehlen ihnen die höheren moralischen 
Gefühle des Menschen; sie sind der Rührung, des Mitleids 
und der Mitfreude unfähig, sie besitzen keine Gewissenhaf- 
tigkeit, und von Religiosität und Frömmigkeit ist keine Spur 
bei ihnen zu entdecken. Gezähmte Thiere, namentlich Hunde, 
scheinen allerdings manchmal zu wissen, dass sie eine ver- 
botene Handlung begangen haben, und sich sogar derselben 
zu schämen, indess dürfte dies anscheinende Erkennen des 
Unrechts und das anscheinende Schämen nicht aus angebore- 
ner Gewissenhaftigkeit hervorgehen, sondern aus anerzogener 
Besorgniss einer Wiederholung früher erlittener Bestrafung. 
Andeutungen moralischer Gefühle könnten jedoch auch bei 
Thieren wohl Vorkommen, da dieselben mit allen andern Ge- 
fühlen identisch und nur als höhere Entwicklungsstufen von 
ihnen verschieden sind. 

Eben so leicht überzeugt man sich davon, dass die höhe- 
ren Thiere überlegen, urtheilen und willkührlich handeln, wenn 
man ihr Thun und Treiben beobachtet. Man sieht, wie sie 
jeden Augenblick sich Umsehen und die umgebenden Gegen- 
stände von allen Seiten betrachten, wie sie stille stehen und 
durch Hin- und Herbewegen der Augen und des Kopfes deut- 
lich ein innerliches Ueberlegen verrathen; wie sie erst nach 
getroffener Wahl den gefassten Vorsatz ausführen, und will- 
kührlich thun, was ihnen nach vorher gegangenem Ueberlegen 
und Urtheilen am angemessensten zu sein scheint. Bei den 


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Wahl ihrer Zufluchtsörter, der Einrichtung ihrer Lagerstätten 
oder Nester, bei dem Einsamnieln und Auf bewahren von Win- 
tcrvorräthen, in der List, womit sie sich ihrer Beute bemäch- 
tigen u. s. w., gehen sie zwar in der Hauptsache instinctartig 
zu Werke; allein in vielen Fällen sieht man augenscheinlich, 
dass sie dabei den Umständen gemäss und in Folge eigenen 
Urtheils so oder anders verfahren. 

Allgemein bekannt ist es, wie sehr der Verstand bei man- 
chen höheren Thieren, namentlich bei gezähmten Säugethie- 
ren, bei Hunden, Katzen, Pferden, Elephanten, Affen u. s. w. 
entwickelt sein kaun. Man hat in verschiedenen Werken 
ausserordentliche Beispiele von Klugheit der Thiere gesam- 
melt; es bedarf deren aber nicht, um zu beweisen, was von 
Manchen bezweifelt wird, dass die höheren Thiere Verstand 
besitzen. Man braucht z. B. nur zu beobachten, wie vor- 
sichtig eine Katze auf einem schmutzigen Wege die reinsten 
Stellen auswählt, um sich von ihrem Verstände zu überzeu- 
gen; sie vergleicht, sie überlegt und wählt, und ohne Ver- 
stand würde sie dies nicht vermögen. 

Verstand hat, wer verstehen kann, und verstehen thue 
ich, was deutlich vor mir steht, was ich mir so deutlich vor- 
stelle, dass ich seine Bedeutung auffasse. Die Anschauungen 
der Sinne sind klar oder unklar, die Vorstellungen des Ver- 
standes deutlich oder undeutlich, je nachdem ihre Bedeutung 
eingesehen wird oder nicht. Die Einsicht in die Bedeutung 
des Wahrgenommenen wird durch die dem Verstände eigen- 
thümliche überlegende oder vergleichende Thätigkeit gewon- 
nen, wodurch die Beziehungen und Verhältnisse der Dinge 
zu einander ermittelt werden und im Bewusstsein hervortre- 
ten. Wo innere Vorstellungen existiren, da ist auch Ver- 
stand, und die Gegenwart innerlicher Vorstellungen ist bei den 
höheren Thieren schon darin zu erkennen, dass ihnen Traum- 
bilder vorschweben, dass z. B. die Hunde im Schlafe bellen 
und die Pferde wiehern. Der Verstand der höheren Thiere 
zeigt sich auch darin deutlich, dass sie Zeichen und Worte 
verstehen, dass sie in der Aufeinanderfolge von Ereignissen 
Ursache und Wirkung erkennen, Belohnungen und Strafen 


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zu unterscheiden wissen. Auf dem Verstehen der Absichten 
des Menschen beruht die Möglichkeit des Zähmens und Ab- 
richtens der Thiere, und gezähmte Thiere verstehen nicht nur 
den Gesiebtsausdruck des Menschen und den Ton seiner 
Stimme, sondern sie können sogar, namentlich z. B. Pudel, 
den Sinn und die Bedeutung vieler Worte verstehen lernen. 

Vermöge ihres Verstandes und des damit verbundenen 
Erinnerungsvermögens sind die höheren Thiere auch im Stande, 
Lebenserfahrungen zu machen , und zeigen in reiferem Alter 
eine grössere Klugheit, als in der J ugend ; namentlich lernen 
sie durch Erfahrung kennen und vermeiden, was ihnen schäd- 
lich oder gefährlich ist. Sie sind daher in verschiedenem 
Grade bildungsfähig, und zeigen überhaupt eine bei weitem 
grössere individuelle Verschiedenheit, wie die wirbellosen 
Thiere. Namentlich unter den gezähmten Hausthieren ist die 
individuelle Verschiedenheit, sowohl der Klugheit, als der 
Gemüthsart, sehr bedeutend. Noch bedeutender erscheint der 
Unterschied in der Entwicklung des Verstandes und der Ge- 
fühle bei den verschiedenen Classen der Wirbelthiere. Alle 
warmblütigen Wirbelthiere, Säugethiere und Vögel, scheinen 
auf einer höheren geistigen Entwicklungsstufe zu stehen, als 
die kaltblütigen Amphibien und Fische, und lassen sich viel 
mehr zähmen und abriehten , als diese. Schlangen werden 
jedoch im Orient häufig gezähmt, und Fische lassen sich 
wenigstens so weit abriehten , dass sie auf einen Ruf oder 
den Ton einer Glocke herbeikommen, um sich füttern zu 
lassen. Bei den Säugethieren und Vögeln erscheint auch 
das Gehirn vollkommener ausgebildet, als bei den Amphibien 
und Fischen: es ist hier aber noch unendlich Vieles zu unter- 
suchen und zu erforschen, ehe man die psychologische Be- 
deutung dieser Verschiedenheit der Organe ermitteln wild. 
Manche Verschiedenheiten können auch auf der verschiedenen 
Entwicklung der Sinne und des ganzen Nervensystems beru- 
hen, wie z. B. bei den Vögeln Gesicht und Gehör, bei den 
Säugethieren Geruch imd Geschmack vorzugsweise entwickelt 
erscheinen. 

Von dem Menschen unterscheiden sich die höheren Thiere 


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durch den Mangel der Sprache und den gleichzeitigen Man- 
gel de3 Selbstbewusstseins, des vernünftigen Nachdenkens, 
der moralischen Gefühle und des freien Willens und Ent- 
schliessens. Ein eigentliches Nachdenken geschieht stets in 
Worten, alle Vernunftschlüsse und Entschlüsse kommen nur 
als in Worte gefasste Gedanken zum Vorschein, und wer 
nicht zu sich selber sagen kann: Ich bin, der hat auch kein 
Selbstbewusstsein. Sinne, Gemeingefühl und Instinct haben 
die Wirbelthiere mit den wirbellosen Thieren gemein; ihr 
Seelenleben characterisirt sich aber durch das in ihnen vor- 
handene Bewusstsein, durch Verstand, Selbstgefühl und Will- 
kühr, und es lässt sich im Unterschiede von dem Seelenleben 
der niederen Thiere als ein psychiehes Seelenleben oder Ge- 
hirnleben bezeichnen. 

In dem Menschen finden wir Kückenmark und Gehirn 
dem der Säugethiere sehr ähnlich, nur letzteres beträchtlich 
grösser im Verhältniss zur Körpermasse, und in manchen 
Beziehungen augenscheinlich vollkommener ausgebildet. Ganz 
neue Organe, welche im Thierreiche gar nicht Vorkommen, 
hat man jedoch im menschlichen Gehirne nicht entdeckt. Der 
Mensch hat die niederen Stufen des Seelenlebens mit den 
Thieren gemein; er hat unmittelbares Wissen und Bewusst- 
sein, sinnliche Wahrnehmungen und Vorstellungen, Sinn und 
Verstand, Gemeingefühl und Selbstgefühl, Instinct und Will- 
külir; er hat aber ausserdem noch etwas, was die Thiere 
nicht haben, und was in der Erscheinung sich insbesondere 
durch die Sprache kund thut. Kein Thier kann sprechen 
d. h. so, dass es mit den Worten einen Sinn verbände; 
Worte nachsprechen können bekanntlich manche Thiere ler- 
nen. Es ist also zunächst die Sprache, wodurch sich der 
Mensch von dem Thiere unterscheidet. Andre sagen, es sei 
die Vernunft, und man kann ihnen darin nicht Unrecht geben, 
wenn gleich, wer paradoxe Sätze liebt, wohl behaupten könnte, 
dass der Mensch sich von den Thieren nicht sowohl durch seine 
Vernunft unterscheide, als durch das Vermögen, unvernünftig 
zu handeln; denn wollen wir aufrichtig sein, so müssen wir 
eingestehen, dass das menschliche Thun uns viel öfter unver- 


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nünftig erscheint, als das der Thiere, und dass es sehr zwei- 
felhaft sei, ob mehr Vernünftiges oder Unvernünftiges durch 
die Menschen vollbracht werde. 

Betrachten wir die Elemente der Sprache näher, so finden 
wir, dass jedes Wort einen Sinn oder einen Gedanken ent- 
hält, den wir in dieser Form als ein Erzeugniss des mensch- 
lichen Denkens anzuerkennen uns genöthigt finden. Wir 
wissen aber nicht, wie die Sprache entstanden sei, und selbst 
die allmählige Veränderung, Erweiterung und Bereicherung 
unserer Muttersprache geschieht unmerklich. Sie ist das 
Resultat eines allgemeinen und bewusstlosen menschlichen 
Denkens, wozu der Einzelne nur durch Veränderung und 
Hinzufügung einzelner Wörter einen Beitrag liefern kann. 
Ausgezeichnete Schriftsteller, Philosophen und Dichter haben 
zur Entwicklung der Sprache viel beigetragen, ohne es selbst 
zu wissen oder zu wollen. Wir finden jedoch, dass mit jedem 
Fortschreiten des Denkens auch die Ausbildung der Sprache 
gefordert wird, dass mit der zunehmenden Erkenntniss auch 
die Sprache sich verändert und dass die einzelnen Wörter 
unvermerkt in einem andern Sinne gebraucht werden. Wir 
sehen ferner, dass es für einen neuen Gedanken niemals an 
entsprechenden Worten fehlt, dass jede neue Wahrnehmung 
oder Erfindung durch ein neues Wort bezeichnet wird, dass 
das Kind manche Gegenstände, deren bezeichnende Worte 
cs noch nicht gelernt hat, durch selbstgewählte Laute be- 
zeichnet, und dass der Taubstumme sich bestimmter Geber- 
den als stellvertretender Zeichen anstatt der Worte bedient. 
Wir finden endlich, dass wir nur in Worten und über Worte 
nachdenken können, dass die Sprache erlernt sein muss, ehe 
das eigentliche Nachdenken beginnen kann, und dass jede 
Sache, worüber nachgedacht werden soll, in der Form von 
Worten und Sätzen ini Bewusstsein vorgestellt werden muss. 
Die Sprache ist also die unentbehrliche Grundlage des Nach- 
denkens, und wenn sie zugleich als ein Resultat des mensch- 
lichen Denkens erscheint, so muss dies sie erzeugende Den- 
ken von dem sie voraussetzenden Nachdenken verschieden 
sein. Es wiederholt sich hier derselbe Process, den wir bei 

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der Bildung der Organismen beobachten. So wie die Seele 
zunächst ihren Leib gestaltet, um vermittelst desselben zum 
eigenen Dasein und Wirken zu gelangen, eben so muss der 
denkende menschliche Geist sich zuerst eine Sprache schaffen, 
um seine eigenen Zwecke erfüllen und ein selbständiges Le- 
ben fuhren zu können. Wer ein Haus bewohnen will, muss 
es erst aufbauen, und wer ein Werk vollenden will, zunächst 
das erforderliche Material imd Werkzeug herstellen. 

Wenn wir aber erkennen, dass die Sprache gegeben und 
erlernt sein muss, ehe die eigentliche geistige Selbstthätigkeit 
des einzelnen Menschen beginnen kann, und wenn wir zu- 
gleich erwägen, dass das Kind durch Ohr und Auge die 
Sprache erlernt, und die Worte versteht, ehe es über die 
Bedeutung derselben nachzudenken befähigt ist: so müssen 
wir daraus folgern, dass nicht sowohl der denkende mensch- 
liche Geist als solcher, sondern vielmehr die lebendige Thä- 
thigkeit des menschlichen Gehirns die Spracht; erzeugt und 
verstehen lehrt. Ist die Voraussetzung richtig, dass der auf 
die peripherischen Enden der Sinnesnerven gemachte Eindruck 
durch seine Fortleitung zum ßückenmarke zur Wahrnehmung 
wird, und dass die Wahrnehmung durch weitere Fortleitung 
zum Gehirn sich in eine Vorstellung unwandelt: so müssen 
wir eine Reflexion oder eine weitere Fortleitung innerhalb des 
Gehirns annehmen, wodurch die Vorstellung die ö<Ätalt eines 
Wortes erhält, und als solches zu dem eigentlichen denken- 
ken Ich des Menschen oder zum Selbstbewusstsein gelangt. 
Diese Hypothese steht mit der Structur des menschlichen 
grossen Gehirns wenigstens nicht im Widerspruch, wenn auch 
der Ort, wo die Umwandlung der Vorstellungen in Worte und 
die Erzeugung von Worten geschehen mag, gegenwärtig nicht 
bezeichnet werden kann. Dass die Worte stets im Gehirn, 
und unmittelbar nur durch die Thätigkeit des Gehirns ent- 
stehen, ist aus vielen Erscheinungen mit Sicherheit herzulei- 
ten und keinem Zweifel unterworfen. 

Den Inhalt des Wortes nennen wir einen Begriff, d. h. 
es ist alles darin enthalten und zusammengefasst, was an der 
Sache, welche es bezeichnet, wahrgenommen ist oder wahr- 


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genommen werden kann. Der Begriff kann, wenn er der 
Wahrheit gemäss ist, nichts von der Wahrnehmung Verschie- 
denes enthalten; Begriff und Wort sind unzertrennlich ver- 
bunden, wie Seele und Leib, und nur vermittelst der Worte 
können wir Begriffe geistig auffassen, festhalten und mitthei- 
len. Wahrnehmungen, Vorstellungen und Begriffe haben, 
wenn sie sich auf dieselbe Sache beziehen, denselben Inhalt, 
und sind mehr nur der Form nach verschieden. In der Wahr- 
nehmung ist dieser Inhalt an die unmittelbare Gegenwart des 
Objectes geknüpft, in der Vorstellung an die Gegenwart der 
innerlich entstandenen und zurückgebliebenen Idee, im Be- 
griff an die Gegenwart des die Idee enthaltenen Wortes. 
Der gleiche Inhalt und das Ineinanderfliessen der Formen 
machen es schwierig, den Unterschied der Letzteren festzu- 
halten und gestatten einen beliebigen Gebrauch der sie be- 
zeichnenden Wörter, bald in diesem, bald in jenem Sinne. 
Die Wahrnehmungen gehen bei dem Menschen, wenn er sie 
beachtet, sogleich in Vorstellungen und Begriffe über und er- 
scheinen in der Form von Worten im Selbstbewusstsein. Die 
Begriffe werden dabei dem Ich vorgestellt und von ihm wahr- 
genommen; sie sind also zugleich auch Vorstellungen und 
Wahrnehmungen und können mit Recht als solche bezeichnet 
werden. Begriff und Worte kommen nur in dem Menschen 
vor; die höheren Thiere bleiben bei der Vorstellung stehen, 
und können nur in Bildern denken, wie es bei den Menschen 
wohl in Träumen vorzukommen pflegt; die niederen Thiere 
gehen nicht über die Wahrnehmung hinaus, sie denken nur 
das Gegenwärtige und leben nur für die Gegenwart. Die 
höheren Thiere leben zugleich in der Vergangenheit, und 
können, weil diese in Erinnerung bleibt, Erfahrungen machen 
und abgerichtet werden ; der Mensch allein hat eine Zukunft. 

Durch die in ihm entstehenden Begriffe und Worte zu 
einem höheren geistigen Leben erwachend, wird der Mensch 
in den Stand gesetzt, die Vorstellungen und Urtheile des 
eigenen Verstandes einer weiteren Betrachtung zu unterwer- 
fen, ihren Inhalt in Gedanken und Worten zu entwickeln und 
zu prüfen, und ihren Zusammenhang zu erkennen. Dies ge- 

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schiebt durch die dem Menschen ausschliesslich eigenthüm- 
liche Thätigkeit der Vernunft, durch vernünftiges Nachden- 
ken, Begreifen, Folgern und Schliessen, und so wie alles 
Wahrgenommene und Vorgestellte durch vernünftiges Begrei- 
fen in Begriffen und Worten zusammengefasst wird, eben so 
wird auch der ganze, für den menschlichen Geist äusserlich 
gewordene Inhalt des Bewusstseins zusammengefasst in einem 
Selbstbewusstsein. Das Selbstbewusstsein kann als ein 
in sich reflectirtes Bewusstsein bezeichnet werden, als ein 
Wissen von dem ganzen Inhalte des Bewusstseins und eine 
Vereinigung desselben in dem geistigen Ich, welches gleich- 
sam als das pulsirende Herz des geistigen Lebens betrachtet 
werden kann, von welchem die lebendigen Strömungen der 
Gedanken ausgehen, und in welches sie alle in ihrem Kreis- 
läufe neu belebt und verjüngt wieder zurückkehren. Nur der 
Mensch besitzt ein Selbstbewusstsein; für ihn allein sind die 
eigenen Gefühle und Gedanken ein ihm selbst äusserlieher 
Gegenstand des eigenen Denkens; er allein ist im Stande, 
zu sich selbst zu sagen: Ich bin, Ich denke, Ich will; 
er allein unter allen uns bekannten Geschöpfen besitzt eine 
Persönlichkeit oder ein Ich im eigentlichen Sinne des Wor- 
tes. Wenn das Kind aufhört, sich selber durch einen eigenen 
Namen zu bezeichnen, wenn es anfangt, zu sagen: Ich will 
dies haben oder thun, so ist dies ein Zeichen des in ihm er- 
wachenden Selbstbewusstseins und der beginnenden Selbst- 
tliätigkeit des vernünftigen Nachdenkens. 

Li übereinstimmender Weise zeigen sich iii dem mensch- 
lichen Gemiithe Gefühle, die wir bei den höheren Thieren 
vergebens suchen, Gefühle, die sich aus den thierischen Ge- 
fühlen entwickeln, aber augenscheinlich höherer Natur sind. 
Wir finden in dem Menschen alle leiblichen Empfindungen 
und Gemiithsbewegungen , alle Affecte und Leidenschaften, 
die bei den höheren Thieren Vorkommen; aber wir finden 
ausserdem ein Gewissen, ein moralisches Gefühl, welches über 
dem Selbstgefühle steht, und nicht nur die eigenen Handlun- 
gen, sondern auch den eigenen Muth, die Gemüthsstimmung, 
die eigenen Affecte und Leidenschaften leitet und richtet. 


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Mitleid und Rührung, Zufriedenheit oder Unzufriedenheit mit 
sich selbst, Ehrfurcht vor dem Erhabenen und Heiligen, Fröm- 
migkeit und Religiosität, Liebe zur Wahrheit, Schönheit und 
Tugend kann nur der Mensch empfinden, und in allen diesen 
Gefühlen erscheint er eben so sehr auf eine höhere, wesent- 
lich andere Entwicklungsstufe erhoben, wie in seiner Vernunft 
und in seinem Selbstbewusstsein. 

Durch die dem Menschen in wohnende Vernunft und Ge- 
wissenhaftigkeit erhalten endlich auch seine Handlungen einen 
von dem Handeln der Thiere verschiedenen Character. Zu 
dem instinctartigen Müssen der niederen Thiere und dem 
willkührlichen Können der Wirbelthiere gesellt sich das freie 
Sollen, welches den Menschen zur Vollziehung dessen auf- 
fordert, was Vernunft und Gewissen gebieten. Der Mensch 
allein kann gute und schlechte Thaten thun; er allein ist 
des freien Entschlusses fähig, weil in ihm allein das Seelen- 
leben zu einem freien geistigen Dasein sich erhoben hat, und 
unabhängig von dem eigenen Leibe durch seine eigenen Ge- 
danken sich selbst und das eigene Thun bestimmen kann. 

Wissen, Sinn,' Gemeingefühl und Instinct stellen in den 
höheren Thieren ein äusserliches Seelenleben dar, im Verhält- 
nis zu der Innerlichkeit des Bewusstseins, Verstandes, Selbst- 
gefühls und der Willkühr. Was aber bei den höheren Thie- 
ren ein Innerliches ist, wird bei dem Menschen durch eine 
abermalige Scheidung zu einem Aeusserlichen , welchem in 
dem Selbsbewusstsöin, der Vernunft, dem Gewissen und dem 
freien Willen ein neues und höheres innerliches Seelenleben 
entgegentritt. So wie das innerliche Seelenleben der höheren 
Thiere nicht mehr unmittelbar abhängig ist von dem leiblichen 
Leben, eben so ist das höhere menschliche Seelenleben nicht 
mehr von der Sinnlichkeit, dem Gemeingefühle und Instincte un- 
mittelbar abhängig, indem es nicht mit dieser niedem Sphäre des 
Seelenlebens, sondern nur mit demVerstande, dem Selbstgefühle 
und der Willkühr in unmittelbarem und nothwendigem Zusam- 
menhänge steht. Seine ganze Thätigkeit wurzelt im Gehirn und 
steht in keiner unmittelbaren Verbindung mit dem Rücken- 
marke. Auf diese Weise kommt es in dem Menschen zu einer 


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vollständigen Duplicität des Seelenlebens, zu einem höheren 
und niederen, einem ganz innerlichen und einem ganz äusser- 
lichen Seelenleben, welche relativ selbständig neben einander 
verlaufen, aber 6tets in einander greifen und in dem Gehirn 
ihren gemeinschaftlichen Mittelpunct haben. Auf der Wech- 
selwirkung zwischen Rückenmark und Nerven beruht das 
sinnliche, auf der Wechselwirkung zwischen Gehirn und 
Rückenmark das verständige, auf der Wechselwirkung zwi- 
schen dem denkenden Geiste und dem Gehirn das vernünf- 
tige Seelenleben des Menschen. Von dem Leibe, von den 
Nerven und von dem Rückenmarke aus wird die höhere, gei- 
stige Seelenthätigkeit nur in so fern afficirt, als das Gehirn 
davon afficirt wird, und die Selbständigkeit des menschlichen 
Gehirnes ist so gross, dass sie durch solche Einwirkungen 
nicht leicht überwältigt wird. Diese relative Unabhängigkeit 
des innerlichen Seelenlebens von dem leiblichen und sinnlichen 
Leben begründet die menschliche Freiheit und das Erheben 
der thierischen Willkiihr zu der Möglichkeit des freien Wil- 
lens und Entschliessens. 

In den höheren Thieren kommt es zu keiner Selbständig- 
keit des innerlichen und äusserlichen Seelenlebens, weil ihr 
Unterschied nur darauf beruht, dass das Rückenmark einer- 
seits mit dem Gehirn, andrerseits mit den Nerven in Wech- 
selwirkung steht, und daher Beide ganz und gar von einander 
abhängig bleiben. Das Thier kann, indem die Sinneseindrücke 
sich zum Rückenmark fortpflanzen, durch die sinnlichen Wahr- 
nehmungen unmittelbar zu instinctartigem Thun veranlasst 
werden; es kann auch, indem die Wahrnehmungen vom 
Rückenmark zum Gehirn fortgeleitet werden, vorher über- 
legen, urtheilen, und in Gemässheit seines Urtheils willkülir- 
lich handeln; allein das Urtheil kann nicht vorher einer Prü- 
fung unterworfen werden, es kann keine weitere Erwägung 
der Folgen Statt finden , und eben deshalb kann das Urtheil 
nicht innerlich bleiben, sondern muss in der entsprechenden 
Handlung äusserlich hervortreten. Das Thier kann willkühr- 
lich handeln, insofern es seine Handlungen durch sein eigenes 
Urtheil bestimmen kann, aber es hat keine Freiheit, weil es 


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seinem Urtheile gemäss handeln muss, ohne die Folgen seiner 
Handlungen erwägen zu können. Es können daher keine 
Gedanken und Gefühle blos innerlich in dem Thiere existiren, 
vielmehr muss Alles, was innerlich entsteht, auch äusserlich 
zum Vorschein kommen. Das Thier kann nicht Lust äussern, 
wenn es Schmerz empfindet, nicht fröhlich erscheinen und 
innerlich traurig sein ; sein Auge kann auf keinen Gegenstand 
gerichtet sein, ohne dass es ihn erblickte, sein Ohr trifft kein 
Ton, den es nicht hörte, jedes leibliche Bedürfniss gelangt in 
ihm auf der Stelle zum Bewusstsein, und veranlasst sofort 
ein Bestreben, es zu befriedigen. Es trägt Alles zur Schau, 
was in ihm ist, und kann es nicht in sich verbergen; seine 
Verstellung ist eine leicht zu durchschauende, bei jedem Thiere 
nur in einer bestimmten Weise vorkommende, an seine Or- 
ganisation und Lebensweise gebundene List seines Verstandes. 
Es hat keine Gedanken und Empfindungen, mit welchen seine 
Seele für sich beschäftigt sein, und darüber die äusseren leib- 
lichen Eindrücke vergessen könnte. Es hat daher auch keine 
Gedanken und Wünsche, welche über sein leibliches Dasein 
hinausgingen, und dieses steht mit dem Seelenleben in solcher 
Harmonie, dass die Organisation in jeder Gattung und Alt 
demselben vollkommen entspricht. Kein Thier ist einer ho- 
hem Entwicklung und Ausbildung fähig, als seine Organisa- 
tion es mit sich bringt; es wird in seinem Leben stets das, 
was es werden kann und soll, und es ist deshalb kein Grund 
dazu vorhanden, die Unsterblichkeit der thierischen Seele vor- 
auszusetzen; vielmehr deutet Alles darauf hin, dass sie ebenso 
mit dem Leibe vergeht, wie sie im Leben nur durch ihn und 
in ihm ihr Bestehen hat. 

In dem Menschen hingegen kommt die Duplicität eines 
innerlichen und äusserlichen Seelenlebens zwar zu keiner ab- 
soluten, wohl aber zu einem bedeutenden Grade relativer 
Selbständigkeit und Unabhängigkeit von einander. Zu der 
Wechselwirkung zwischen Nerven und Rückenmark, und 
zwischen Rückenmark und Gehirn kommt die Wechselwirkung 
zwischen diesem und dem denkenden Geiste hinzu, und da- 
durch, dass zwischen den Erstem und Letzterem gleichsam ein 


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Mittelglied eingeschoben ist, wird eine gesonderte Thätigkeit 
von Beiden möglich. Der Mensch kann daher zu einer und 
derselben Zeit sich innerlich mit den eigenen Gedanken imd 
Gefühlen beschäftigen, und äusserlich mit der ihn umgebenden 
Aussenwelt, so dass diese beiden Acte des Seelenlebens gleich- 
zeitig neben einander vollzogen werden, und ungeachtet 
momentaner Uebergänge in einander gesondert und relativ 
selbständig vor sich gehen. Wir können bei gleichzeitigem 
innerlichen Nachdenken über bestimmte Gegenstände, oder bei 
innerlichem Vorherrschen bestimmter Gefühle sehen und hören, 
was um uns ist und geschieht; wir können uns an- und aus- 
kleiden, essen und trinken, arisgehen, den Begegnenden aus- 
weichen und sie begrüssen, wir können Gefahren vermeiden, 
unangenehme Berührungen abwehren, wir können mancherlei 
Arbeiten fortsetzen, sogar musiciren, lesen, vorlesen und ab- » 
schreiben bei ungestörtem Fortgange des gleichzeitigen inner- 
lichen Denkens. Bei sehr tiefem und ernstem Nachdenken, 
wenn wir, wie man zu sagen pflegt, in uns selbst vertieft 
sind, und bei starken innerlichen Gemüthsbewegungen gelan- 
gen die Sinneseindrücke oft gar nicht zum Bewusstsein ; was 
vor den Augen steht, wird nicht gesehen, starkes Geräusch 
nicht gehört, ein schmerzhafter Eindruck, bisweilen sogar eine 
beträchtliche Verwundung während eines heftigen Kampfes 
nicht gefühlt. Diese Unempfindlichkeit des Gehirns für sinn- 
liche Wahrnehmungen und Empfindungen zeigt sich in ver- 
schiedenen ungewöhnlichen und krankhaften Seelenzuständen 
in noch viel höherem Grade. Dass in solchen Fällen das 
den Sinnen sich Darbietende wahrgenomrnen wird, obgleich 
wir uns dessen in dem Augenblicke des Wahrnehmens nicht 
bewusst werden, ergiebt sich theils aus einem der Wahrneh- 
mung angemessenen Verhalten, theils aus der nachfolgenden 
Erinnerung derselben. Wir können z. B. auf einem Spazier- 
gange, wenn wir in unsre eigenen Gedankeu vertieft sind, 
allen im Wege liegenden Gegenständen ausweichen, ohne zu 
wissen, dass wir sie sehen, und wir können uns nachher er- 
innern, einem Bekannten vorbeigegangen zu sein, obgleich 
wir ihn während des Vorbeigehens nicht bemerkten. Die 


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durch das Rückenmark vermittelte Wahrnehmung wird als- 
dann vom Gehirn erst aufgenommen , wenn dasselbe nicht 
mehr in so hohem Grade von dem Denken in Anspruch ge- 
nommen wird. In manchen Fällen scheint allerdings die See- 
lenthätigkcit sich in solchem Maasse innerlich zu eoncentriren, 
dass zu derselben Zeit gar keine Sinneswahrnehmungen Statt 
finden. 

Vermöge dieser Duplieität des Seelenlebens geht unend- 
lich Vieles in dem Innern des Menschen vor, ohne sich äusser- 
lich darzustcllen; es steht in seiner Macht, die Aeusserungen 
geschehen zu lassen, oder sie zu unterdrücken, und das Er- 
scheinende kann ganz verschieden sein von dem inneren Wesen, 
ja demselben entgegengesetzt und widersprechend. Mitleid 
und Schwäche können sich z. B. verstecken hinter dem Scheine 
von rauher Härte, Gleichgültigkeit hinter scheinbarem Inter- 
esse, Unwissenheit hinter einem angenommenen Scheine von 
Wissen, Schwäche und Feigheit hinter erheucheltem Muth, 
Bosheit und Tücke hinter anscheinendem Wohlwollen u. s. w. 
Der Mensch ist in sehr hohem' Grade im Stande, sich zu 
verstellen, und durch die, nur ihm allein eigentümliche Ver- 
stellungskunst zu erkünstelten und künstlerischen Darstellun- 
gen befähigt. 

Die grössere Unabhängigkeit des geistigen und körper- 
lichen Lebens zeigt sich bei dem Menschen ferner durch die 
Verschiedenheit der geistigen Entwickelung bei gleichförmiger 
körperlicher Organisation. Im Thierreichc finden wir eine 
unendliche Menge von Formen und Arten, beim Menschen 
ist es streitig, ob die verschiedenen Racen als Arten, oder 
nur als Varietäten einer Art anzuschen sind. Bei dem Thiere 
ist die Schärfe und Bestimmtheit der sinnlichen Wahrnehmung 
ganz und gar von der Ausbildung der Sinnesorgane abhän- 
gig, bei dem Menschen von dem Gebrauche, welchen er davon 
macht. Dieselbe Sache wird bei gleichem Auge von anderen 
Personen ganz anders angeschaut; das blöde Auge fasst die 
sichtbaren Gegenstände oft am schärfsten und bestimmtesten 
auf, und dringt am tiefsten ein; dieselben leiblichen Gefühle 
werden bei gleich intensiver Stärke des Eindrucks auf ganz 


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andere Weise von dem Einen geistig empfunden, wie von 
dem Andern, ganz verschieden von demselben Individuum zu 
verschiedenen Zeiten; und bei gleicher Fähigkeit zu empfin- 
den kann sich das Gemüth in einer höchst verschiedenen 
Weise entwickeln. Die geistige Entwicklung ist so sehr von 
der leiblichen Organisation unabhängig, dass verschiedene 
Menschen bei vollkommen gleicher Organisation sich vielleicht 
eben so verschieden entwickeln könnten, wie ein und derselbe 
Mensch einer ausserordentlich verschiedenen geistigen Aus- 
bildung in den mannichfachsten Richtungen fähig ist, und es 
oft nur von ihm selbst oder von äusseren Umständen und 
Verhältnissen abhängt, ob er in dieser oder jener Richtung 
auf einer niedrigen Entwicklungsstufe stehen bleibt, oder zu 
einem hohen Grade von Ausbildung gelangt. 

Endlich entspricht auch bei dem Menschen die leibliche 
Organisation nicht immer dem höheren Geistesleben, das leib- 
liche Auge nicht dem geistigen, die Kraft des Körpers nicht 
dem geistigen Wollen. Vielmehr setzt der leibliche Orga- 
nismus und das an ihn gebundene Maass der psychischen 
Kräfte (die fleischliche Natur des Menschen) der freien Ent- 
wicklung des Menschengeistes eine Schranke, die zu über- 
winden sein unablässiges Bestreben ist — ein Streben, dessen 
Ziel unerreichbar bleibt, so lange der Geist die Fesseln des 
Körpers an sich trägt. Die relative Selbständigkeit des 
äusserlichen Seelenlebens macht, dass wir es stets bekämpfen 
müssen, dass es uns nie gelingt, unsere inneren Vorsätze 
vollständig auszufuhren, und eine völlige Uebereinstimmung 
des äusserlichen Seins mit unserem inneren Wesen zu be- 
wirken. Eben deshalb entsteht in dem vernünftigen imd ge- 
wissenhaften Menschen so oft der Wunsch und die Sehnsucht 
nach dem Tode; nicht aus Lebensüberdruss, sondern aus dem 
Bedürfniss einer endlichen Erlösung von den Hindernissen 
freier Geistesentwicklung, aus dem Bewusstsein einer höheren 
Bestimmung und der Ahnung einer reineren Innerlichkeit des 
von den leiblichen Banden befreiten Seelenlebens, der Ahnung 
bevorstehender Seligkeit des ewigen Lebens. Je mehr der 
Mensch zur Vernunft und Gewissenhaftigkeit erwacht ist, 


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desto mehr ist in der Regel der Glaube an persönliche Un- 
sterblichkeit und geistige Wiedergeburt nach dem leiblichen 
Tode in ihm begründet. 

Auf der relativen Selbständigkeit des innerlichen Seelen- 
lebens beruht die Freiheit des menschlichen Geistes, bei deren 
Anerkennung man sich jedoch davor hüten muss, dass man 
nicht mit manchen Philosophen und Theologen in den Fehler 
verfalle, für eine unbedingte und absolute Freiheit zu halten, 
was nur eine bedingte und beschränkte ist. Dem Menschen 
ist das Vermögen verliehen, nach Freiheit zu streben, errei- 
chen kann er aber dies Ziel seines Bestrebens nicht, wenn 
er demselben auch mehr oder weniger sich nähern kann. Der 
menschliche Geist kann sich von den Fesseln des Leibes und 
der Sinnlichkeit einigermaassen befreien, weil seine Thätigkeit 
nicht unmittelbar abhängig ist von den Organen des vegeta- 
tiven Lebens, von den Sinnesorganen und dem Rückenmarke; 
er ist aber unfrei, insofern seine Thätigkeit in dem Gehirne 
wurzelt. Er ist deshalb immittelbar von den Zuständen des 
Gehirnes abhängig, und dadurch indirect auch von dem 
Rückenmarke, den Nerven und allen übrigen Organen des 
Körpers, insoweit diese das Gehirn zu afficiren und in einen 
anderen Zustand zu versetzen vermögen. Jede bedeutende 
körperliche Krankheit, jede Verstimmung der Nerven, ja so- 
gar jede Indigestion oder Störung des Schlafes beeinträchtigt 
die Freiheit des Geistes, und so lange der Mensch auf Erden 
lebt, ist ein steter Kampf mit Sinnlichkeit und Leidenschaften 
sein Loos, in welchem er nur zu oft ohne eigenes Verschul- 
den erliegt. 

Durch die ihm verliehene Freiheit wird der Mensch in 
den Stand gesetzt, über sich selbst und seine eigene Bestim- 
mung nachzudenken, sich selbst zu erkennen und sich von 
äusserem Zwange unabhängig selbst zu bestimmen. In seiner 
relativen geistigen Selbständigkeit von sich ausgehend und 
zu sich selbst zurückkehrend, ist das selbstbewusste Seelen- 
leben des Menschen ein für sich bestehendes, in sich abge- 
schlossenes und vollendetes, und trägt wie alles Vollendete, 
gleich einer reifen Frucht am Lebensbaume, den Keim zu 


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einer neuen und höheren Entwicklung in sich. Das geistige 
Leben des Menschen ist wesentlich der Zukunft zugewandt; 
in seinen Gedanken beschäftigt er sich vorzugsweise mit Hoff- 
nungen und Plänen für eine künftige Zeit, und weder Ver- 
gangenheit noch Gegenwart können ihm genügen. Je mehr 
er sich selbst erkennt und seiner selbst bewusst wird, desto 
mehr erkennt er geistige Entwicklung und Vervollkommnung 
als das eigentliche Ziel seiner Wünsche und Bestrebungen, 
und der von dem Menschen freilich oft missverstandene Trieb 
nach Vollkommenheit imd vollkommener Freiheit ist der höchste 
und mächtigste in der menschlichen Seele. Die Pflanze er- 
reicht vollkommen das Ziel ihres Daseins, wenn keine äusse- 
ren Störungen es verhindern ; das Thier erfüllt ebenfalls seine 
Lebenszwecke ganz, es kann nicht mehr werden, als es wird 
und ist; der Mensch allein wird auf Erden niemals, was er 
werden kann: nur dem menschlichen Geiste schwebt ein hö- 
heres Ziel stets vor Augen, ein auf Erden unerreichbares und 
eben darum auf ein höheres Leben hindeutendes, den Glau- 
ben an persönliche Unsterblichkeit fordernd und begründend. 
Sein leiblicher Organismus bildet sich, wie die Pflanze, auf' 
eine bestimmte Weise aus, und ist alsdann einer weiteren 
Ausbildung unfähig; die Entwicklung des Verstandes hat 
ebenfalls bei jedem Menschen ihre bestimmte, durch keine 
Anstrengung zu übersteigende Grenze; allein vernünftiger, 
gewissenhafter, freier kann Jeder werden zu jeder Zeit; für 
diese Vervollkommnung existirt weder im Allgemeinen, noch 
im Einzelnen eine feste und unüberwindliche Schranke. Der 
dem ganzen Menschengeschlechte von der Natur cingepflanzte 
Glaube an persönliche Unsterblichkeit findet sich durch diese 
Betrachtungen gerechtfertigt und bestätigt, und auch von dem 
physiologischen Standpunete aus stellt ihm nichts entgegen. 
Der menschliche Geist wurzelt zwar im Gehirn, wie der Baum 
in der Erde, und zieht aus ihm seinen Nahrungsstoff; aber 
wie der in der Erde wurzelnde Baum nicht in ihr sein eigenes 
Leben fuhrt, sondern in dem freien Elemente der Luft, in 
welchem er seinen Stamm und seine Krone bildet, Blätter 
und Blüthen treibt: ebenso fuhrt auch der menschliche Geist, 


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obgleich im Gehirne wurzelnd , doch nicht in diesem sein 
eigentliches Leben; sondern er erhebt sich aus ihm in das 
freie Element der Gedanken, in das freie Reich des göttlichen 
Denkens. Er fühlt und weiss sich selber als einen Bürger 
dieses Reichs, und sich loszureissen von allem Irdischen, um 
ganz einzugehen in jenes Reich Gottes, ist das höchste und 
letzte Ziel seines Strebens. 

Wenn wir, wie es am naturgemässesten zu sein scheint, 
nur die Thiere und Menschen beseelt nennen, so erscheint 
also das Seelenleben in drei verschiedenen Stufen entwickelt 
bei den wirbellosen Thieren, den Wirbelthieren und dem 
Menschen, so dass jede höhere Stufe die niedrigere in sich 
schliesst. In der Pflanze ist der lebendige göttliche Gedanke 
ganz und gar in die Substanz versenkt, und existirt nur in 
ungeschiedener Einheit mit der Materie. In den wirbellosen 
Thieren tritt zuerst ein Unterschied von Seele und Leib her- 
vor; in den Wirbelthieren in der Seele selber, gleichsam durch 
innerliche Reflexion, der Unterschied eines innerlichen und 
äusserlichen Seelenlebens, ohne Selbständigkeit von Beiden. 
In dem Menschen tritt durch abermalige Reflexion in dem 
innerlichen thierischen Seelenleben der Unterschied des See- 
lenlebens und des geistigen Lebens hervor, in welchem Letz - 
teren das Seelenleben gleichsam zu sich selber kommt, sieh 
von der Materie losgerissen hat, und in selbstbewusster Thä- 
tigkeit so frei und selbständig fiir sich existirt, wie es bei 
einem erschaffenen und daseienden Wesen, wenigstens auf 
unserer Erde, möglich zu sein scheint. 

Wir müssen daher in dem menschlichen Seelenleben drei 
verschiedene Sphären oder Entwicklungsstufen unterscheiden: 

1) Ein äusserliches oder leibliches Seelenleben (Nerven- 
leben), welches auf der Wechselwirkung zwischen den 
Nerven und dem Rückenmarke beruht, und zum Vor- 
schein kommt in unmittelbarem Wissen, Sinnesthätigkeit, 
Gemeingefuhl und Instinct. 

2) Ein innerliches oder psychisches Seelenleben (Gehirn- 
leben), welches auf der Wechselwirkung zwischen dem 
Gehirn und Rückenmark beruht, und sich manifestirt 


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durch ein in sich reflectirtes Wissen oder Bewusstsein, 
durch Verstandcsthätigkeit, Selbstgefühl und Willkühr. 

3) Ein eigentlich humanes oder geistiges Seelenleben, wel- 
ches auf der Wechselwirkung zwischen dem Gehirne 
und dem denkenden Geiste beruht, und sich offenbart 
durch ein in sich reflectirtes Bewusstsein oder Selbst- 
bewusstsein, durch Vernunft, Gewissen und freie Wil- 
lensthätigkeit. 

Indem wir neben der Verschiedenheit dieser in dem Men- 
schen vereinten Sphären des Seelenlebens zugleich ihre Iden- 
tität anerkennen, können wir, wenn wir die Terminologie der 
speculativen Philosophie anwenden wollen, von dem mensch- 
lichen Seelenleben sagen, dass es den vollendeten Begriff des 
Seelenlebens in den Momenten der Allgemeinheit, der Beson- 
derheit und Einzelheit darstellc. Wir können auch sagen, 
es existire als die Einheit eines vorstehenden und vorgestell- 
ten Seelenlebess , als Subject- Objectivität, als Ich oder als 
Person, während das Thier zu keiner Persönlichkeit komme, 
sondern nur ein Individuum bleibe. In der That ist auch 
jeder Mensch vermöge seiner Persönlichkeit ein vollendetes 
Einzelwesen und auf eine ihm ausschliesslich eigentümliche 
Weise entwickelt. Pflanzen derselben Art zeigen keine er- 
hebliche und wesentliche Verschiedenheit ihrer Entwicklung, 
wirbellose Thiere thun es ebenfalls nicht, und selbst bei den 
höheren Thieren finden sich bedeutende Verschiedenheiten der 
Individuen vorzugsweise nur bei den gezähmten Haustieren; 
aber unter allen Millionen von Menschen, welche leben oder 
gelebt haben, war und ist jeder Einzelne ein ganz Anderer, 
als alle Uebrigen. Es ist nicht die leibliche Organisation, 
wodurch sich jeder Einzelne so unterscheidet, vielmehr ist 
diese, wie bei den Pflanzen und Thieren, ziemlich gleichför- 
mig; es ist auch nicht der tierische Verstand, obgleich in 
dessen Entwicklung bedeutende Unterschiede Vorkommen; 
sondern es ist vorzugsweise das höhere geistige Leben, das 
Maass der Vernünftigkeit, Gewissenhaftigkeit und Freiheit, 
was jedem Menschen sein eigentümliches Gepräge giebt, und 
seine Persönlichkeit characterisirt. 


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Wenn wir die untergeordneten Stufen des Seelenlebens 
bei dem Menschen und den Thieren mit einander vergleichen, 
so müssen wir dabei besonders berücksichtigen, dass durch 
den Einfluss einer höheren Seelenthätigkeit auf die zunächst 
untergeordnete die letztere ein anderes Gepräge und eine 
andere Bedeutung erhält. So hat die sinnliche Wahrnehmung 
einen anderen Character bei den höheren Thieren, wo sie von 
dem Verstände influirt und geleitet wird, als bei den niederen 
Thieren, wo sie einer solchen Leitung entbehrt. So erhält 
der menschliche Verstand, durch die Vernunft geleitet und 
gleichsam für ihre Zwecke herangebildet und erzogen, einen 
ganz anderen Character, als bei den höheren Thieren, wo er 
sich selbst überlassen ist. Das Uebersehen dieses Zusammen- 
hanges ist wohl hauptsächlich die Veranlassung, dass den 
höheren Thieren so oft der Verstand ganz abgesprochen wird. 
Für sich allein würde der menschliche Verstand schwerlich 
Worte bilden, aber die von dem vernünftigen Geiste gebil- 
deten Worte werden auf ihn übertragen, wie sie sich weiter 
fortpflanzen vom Gehirn zum Rückenmark und zu den mo- 
torischen Nerven der Sprachwerkzeuge. Der Mensch denkt 
daher nicht blos in Worten nach, sondern er benutzt die 
Worte auch bei verständigem Ueberlegen und Urtheilen; das 
Thier kann nur Bilder und Vorstellungen vergleichen, und 
nur in Bildern und Vorstellungen urtheilen. Der zu selb- 
ständigem Leben erwachte Geist des Menschen durchdringt 
und erfüllt alle Sphären des Seelenlebens, und zieht sie zu 
sich herauf, so dass sie ganz Anderes zu leisten im Stande 
sind, wie sic ohne seinen Einfluss zu vollbringen vermöchten. 

Aus demselben Grunde ist es in der Psychologie so schwer, 
die Wörter, deren man sich bedienen muss, bestimmt zu un- 
terscheiden und stets nur in demselben bestimmten Sinne zu 
gebrauchen. Weil die correspondirenden Thätigkeiten der 
verschiedenen Entwicklungsstufen nur verschiedene Formen 
oder Entwicklungen einer und derselben Thätigkeit sind, ge- 
stattet die Sprache einen willkührlichen und beliebigen Ge- 
brauch der zur Unterscheidung und Bezeichnung dienenden 
Wörter. So fliessen die Begriffe von Wahrnehmen, Vorstel- 


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len und Begreifen, von Aufmerken, Ueberlegen und Nach- 
denken in einander, Gefühle und Empfindungen sind nicht 
auseinander zu halten, und sogar das Wahrnehmen und Em- 
pfinden ist einander so nahe verwandt, dass man das Wahr- 
nehmen ein Empfinden und das Empfinden ein Wahrnehmen 
nennen kann. Sinn, Verstand und Vernunft sind von einan- 
der verschieden, aber wenn wir von einem Menschen sagen, 
er habe mit Besonnenheit, mit Klugheit oder mit Weisheit 
gehandelt, so meinen wir damit oft ganz dasselbe und geben 
nur zufällig diesem oder jenem Ausdrucke den Vorzug. Im 
Grunde ist auch jede Handlung, wenn sie wahrhaft das Eine 
ist, zugleich das Andere; denn, wenn auch die Besonnenheit 
sich zunächst bezieht auf die Sinne, die Klugheit auf den 
Verstand, die Weisheit auf die Vernunft, so ist doch die 
wahre Klugheit nicht von der Weisheit verschieden, und bei 
einer klugen und weisen Handlung wird auch die nöthige 
Besonnenheit nicht fehlen. Bei dem innigen Zusammenhänge 
aller Seelenthätigkeit in allen Richtungen und in allen Sphä- 
ren ist überhaupt eine isolirte Thätigkeit in einer Sphäre nur 
innerhalb gewisser Grenzen möglich. In krankhaften Zustän- 
gen treten solche Isolirungen öfter und stärker hervor; im 
gesunden Seelenleben geht die lebendige Bewegung ununter- 
brochen aus einer Sphäre in die andere über, so dass nur 
eine gemeinsame Wirkung derselben Thätigkeit auf allen drei 
Stufen zugleich zum Vorschein kommt, und nur bis zu einem 
gewissen Grade die Thätigkeit der einen oder der anderen 
Sphäre vorherrschend sein kann. 


Drittes Kapitel. 

Von <len Seelenkräften im Allgemeinen. 

Aus den Erscheinungen des Seelenlebens die wirkenden 
Kräfte und die Gesetze ihres Wirkens zu erkennen ist die 
eigentliche Aufgabe der Psychologie. Zu den Erscheinungen 
des Seelenlebens gehört zunächst Alles, was sich an Thieren 


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und Menschen unmittelbar der Beobachtung darbietet; dann 
aber auch Alles, was durch menschliche Geistesthätigkeit her- 
vorgebracht wird und ist. Alle Sprachen, jedes geschriebene 
Buch, alle Kunstwerke, jede Wissenschaft, die ganze Welt- 
geschichte, die Lebensweise, Sitten und Gebräuche der Völ- 
ker u. s. w. sind Offenbarungen oder Erzeugnisse menschlicher 
Seelenthätigkeit, und können zu psychologischen Forschungen 
benutzt werden, insofern wir in der Art und Weise ihres Entste- 
hens die Gesetze der Seelenthätigkeit zu erkennen vermögen. 

Die Hauptquelle psychologischer Erkenntniss sind aber 
die in unserem eigenen Bewusstsein hervortretenden Erschei- 
nungen. Wir nehmen nicht nur in uns wahr, was in un- 
serer Seele vorgeht, sondern wir können auch durch diese 
Wahrnehmung wenigstens zum Theil erkennen, wie die 
verschiedenen Erscheinungen des Seelenlebens aus einander 
hervorgehen. Durch sorgfältige Selbstbeobachtung und be 
harrliches Nachdenken über das Beobachtete kann Jeder die 
ganze Psychologie und sich selber herleiten. Ja, wir wissen 
und erkennen von dem Seelenleben eigentlich nur so viel, 
als davon in unserem eigenen Bewusstsein zum Vorschein 
kommt. Wir verstehen das Denken, Fühlen und Wollen An- 
derer nur insoweit, als es sich auch in uns wiederholt; wir 
verstehen Andere um so mehr, je ähnlicher sie uns sind; 
Gefühle oder Gedanken, die uns selber ganz fremd sind, er- 
scheinen uns auch an Anderen unbegreiflich. Unser eigenes 
Ich ist oft, ohne dass wir es bemerken, der eigentliche Maass- 
stab, nach welchem wir die Gedanken, Gefühle und Hand- 
lungen Anderer beurtheilen, und unsere Urtheile sind eben 
deshalb oft in so hohem Grade hart, lieblos und ungerecht, 
weil wir keinen andern Maassstab an wenden. Die Verschie- 
denheit der menschlichen Natur nicht berücksichtigend, beur- 
theilen wir den Anderen nicht nach seiner Persönlichkeit, 
sondern nach unserer eigenen. Wir fordern von ihm, dass 
er ebenso denken und empfinden solle, wie wir es thun, und 
wir verachten ihn vielleicht wegen einer bei ihm vorherr- 
schenden Schwäche oder Leidenschaft, wozu wir vermöge 
unserer Natur gar nicht geneigt sind, während er seiner Na- 

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tur zufolge sie gar nicht überwinden und beherrschen kann. 
Thäten wir dies nicht, und wären wir stets gerecht und un- 
parteiisch in unseren Urtheilen über Andere, so würde viel 
Unglück aus der Welt verschwinden; denn die meisten un- 
glücklichen häuslichen, ehelichen und geschwisterlichen Ver- 
hältnisse haben hierin ihren Ursprung. Nur insofern die 
geistige Natur des Menschen in jedem Menschen dieselbe ist, 
sind wir im Stande, den Menschen überhaupt ans uns selber 
zu erkennen. Wenn wir also unsere psychologische Erkennt- 
nis aus der Selbstbeobachtung schöpfen wollen, so müssen 
wir das in uns erscheinende Besondere von dem Allgemei- 
nen unterscheiden, und dürfen unsere eigenen Gedanken und 
Gefühle nur dann für allgemein menschliche halten, wenn 
sic sich auch in Anderen wiederfinden. Nur das in Allen 
Gleiche ist das wahrhaft Allgemeine und dieses muss zuerst 
erforscht werden, ehe man die besonderen Richtungen und 
Modifikationen verfolgen und erkennen kann, in welchen es 
in den einzelnen Individuen zum Vorschein kommt. 

Wäre die Physiologie des Gehirns und des Nervensystems 
eine nur einigermaassen vollendete Wissenschaft, so möchte 
eie vielleicht das sicherste Fundament der Psychologie sein; 
sie dürfte aber doch wohl nicht, wie in neuester Zeit Viele 
anzunehmen geneigt sind, mit jener Wissenschaft ganz zusam- 
menfallen. Das geistige Leben des Menschen ist doch wohl 
noch etwas anderes, als eine Function des Gehirns oder ein 
chemischer Process der dasselbe zusammensetzenden Bestand- 
teile. Die lebendige Thätigkeit des Gehirns könnte man 
vielleicht mit grösserem liechte eine Function des Geistes 
nennen, als die geistige Thätigkeit eine Function des Gehirns: 
Blüthen und Früchte sind keine Functionen der Wurzel, und 
bestimmen deren Thätigkeit vielmehr, als sie von ihr bestimmt 
werden. Die lebendige Thätigkeit des Gehirns ist viel mehr 
von der Einwirkung des Geistes abhängig, wie die geistige 
Thätigkeit von dem Gehirne. Wäre es möglich, dass das 
thierische Gehirn ohne Veränderung seiner Structur und 
Mischung mit einem höheren geistigen Leben in Verbindung 
treten könnte, so würde dasselbe Gehirn ganz andere Er- 


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scheinungen hervorbringen. Bekanntlich besitzen Papageien 
und Raben die Fähigkeit, gehörte Worte nachzubilden, und 
sprechen, wenn sie dazu abgerichtet sind, die Worte so be- 
stimmt und deutlich aus, als ob sie von einem Menschen aus- 
gesprochen würden. Ihre Stimmorgane, ihr Rückenmark und 
Gehirn sind also ohne Zweifel so organisirt, wie es zum 
Sprechen erforderlich ist, und wenn sie dies nicht thun, so 
liegt der Grund nur darin, dass sie nichts zu sagen haben, 
weil sie nicht denken. Würde ihr Gehirn durch eine höhere 
Geistesthätigkeit belebt, so würden sie eben so gut sprechen, 
wie der Mensch, ohne dass eine Veränderung in der Mischung 
und Form des Gehirns vorherzugehen brauchte. Auf der 
einen Seite ist allerdings die Geistesthätigkeit, wenigstens in 
ihrem Erscheinen, von dem Gehirne abhängig; auf der andern 
Seite beherrscht sie dasselbe aber so, dass es ihrem Willen 
gehorchen muss. Das Gehirn muss die Worte und Gedan- 
danken hergeben, welche der Geist haben will; es muss die 
Ausführung aller Bewegungen und Handlungen vermitteln, 
deren Vollziehung der Geist verlangt, und wenn es auch noch 
so gerne, durch längere Thätigkeit ermüdet, ausruhen möchte, 
so hat der Geist dennoch die Macht, es zu fortgesetzter und 
angestrengter Thätigkeit zu zwingen. Wäre nur ein chemi- 
scher oder physikalischer Process im Gehirn die Ursache der 
Geistesthätigkeit, so würde ein solcher Vorgang unmöglich 
sein; das in Folge solcher Processe ermüdete Gehirn würde 
zu erneuerter Thätigkeit erst nach vorgängiger Restauration 
der früheren Mischung und Form wieder befähigt werden 
können, und mit der Ermüdung würde nothwendig auch die 
Willensthätigkeit erschlaffen, wenn sie nichts Anderes wäre, 
als ein Product chemischer und physikalischer Gehirnthätig- 
keit. Kein Mensch würde alsdann im Stande sein, einer ein- 
tretenden Neigung zum Schlafen auch nur einen Augenblick 
zu widerstehen; die Kraft des Widerstandes müsste noth- 
wendig eben so schläfrig und verdrossen werden, wie jede 
andere geistige Thätigkeit, und überhaupt würden innerliche 
Kämpfe, wie sie in unserem ganzen Leben fortwährend Statt 
finden, gar nicht existiren können. 

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Nur die untergeordneten Sphären der Seelenthätigkeit z. B. 
Sinn und Verstand, können als Functionen des Gehirns und 
Rückenmarkes betrachtet werden, weil sie auch bei den Thie- 
ren vorhanden sind, bei denen wir keine Erscheinungen be- 
obachten, welche auf einen inneren Kampf des Seelenlebens 
und auf eine höhere, von den leiblichen Organen unabhängige 
und ihrem Wirken widerstehende Geistesthätigkeit hindeute- 
ten. Ausserordentlich wichtig wäre es unstreitig für die 
Psychologie, wenn uns die speciellen Functionen der einzel- 
nen Theile oder Organe des Nervensystems, des Rückenmar- 
kes und Gehirnes durch die ganze Thierreihe hindurch be- 
kannt wären. Die ganze Gliederung des Seelenlebens würde 
alsdann gleichsam ausgebreitet vor unseren Blicken liegen; 
alle Unterschiede und Stufen desselben könnten wir mit einem 
Male übersehen, und die Kenntniss der Functionen des Ge- 
hirns würde die Erkenntniss des geistigen Lebens sehr er- 
leichtern. Die Physiologie des Nervensystems hat nun aller- 
dings in neuerer Zeit sehr bedeutende, auch für die Psycho- 
logie wichtige Fortschritte gemacht; allein von den Functio- 
tionen des Rückenmarkes wissen wir noch sehr wenig, und 
die Functionen des Gehirnes sind uns so unbekannt, dass 
wir nicht einmal die physiologische Bedeutung des grossen 
und kleinen Gehirns mit Sicherheit angeben können. Die 
Physiologie des Gehirns und Nervensystems kann deshalb 
jetzt noch nicht zur Begründung der Psychologie gebraucht 
werden, wohl aber kann sie zur Prüfung, Bestätigung oder 
Widerlegung psychologischer Ansichten und Hypothesen die- 
nen. Was psychologisch für wahr gehalten werden soll, darf 
mit den uns bekannten Thatsachcn der Anatomie und Phy- 
siologie des Gehirns und Nervensystems nicht in Widerspruch 
stehen, und je mehr eine Hypothese damit übereiustimmt, 
desto mehr gewinnt sie an Wahrscheinlichkeit. Die soge- 
nannte Phrenologie z. B. erscheint schon deshalb als unhalt- 
bar und unwissenschaftlich , weil sie mit der uns bekannten 
Structur des Gehirns in Widerspruch steht, und hätte Gail 
selbst, der sich um die Erforschung der Structur des Gehirns 
so verdient gemacht hat, seine Theorie durch sorgfältige Ver- 


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gleichung mit ilen Resultaten seiner eigenen anatomischen 
Untersuchungen geprüft, so würde er vielleicht selbst seine 
Schädellehre als eine unwahrscheinliche Hypothese erkannt 
und verworfen haben. 

Wir müssen uns also bei unseren psychologischen For- 
schungen an die Erscheinungen des Seelenlebens halten, welche 
wir an Menschen und Thiercn und in unserem eigenen Be- 
wusstsein beobachten können. Was uns dabei zuerst auflallen 
muss, ist der regelmässige Wechsel des Wachens und Schla- 
fens, welcher bei dem Menschen und bei allen Thieren, ja 
sogar bei den Pflanzen Statt findet. Die Verschiedenheit der 
Erscheinungen, welche das Seelenleben in diesen beiden Zu- 
ständen darbietet, ist so gross, dass wir genöthigt werden, 
die Psychologie in zwei Hauptabschnitte zu theilen, in die 
Erkenntniss des wachenden und des schlafenden Seelenlebens. 
Von dem, was die Seele während eines festen gesunden Schla- 
fes vornehmen mag, wissen wir allerdings nicht viel; allein 
sehr oft schläft sie nicht so fest, und was alsdann in ihr vor- 
geht, erfahren wir durch Träume. An die Träume reihen sich 
wieder andere, verwandte, mehr oder minder krankhafte Zu- 
stände an, welche mit dem Traumzustande darin übereinstim- 
men, dass die in ihnen verkommenden Aeusserungen des 
Seelenlebens unwillkührlich oder instinctartig entstehen, und 
von gar keinem, oder höchstens von einem imdeutlichen Selbst- 
bewusstsein begleitet werden. Es sind die Zustände des 
Schlafredens, des Nachtwandeins, des Deliriums, der Ecstase, 
des natürlich oder künstlich erzeugten Somnambulismus. In 
diesen Zuständen schläft die höhere Geistesthätigkeit, die 
eigentliche denkende Selbstthätigkeit des Ichs oder das ver- 
nünftige Nachdenken und das Selbstbewusstsein vollständig, 
auch die Sinne befinden sich grösstentheils in einem schla- 
fenden Zustande; allein das Gemüth, die Verstandesthätigkeit 
und das Bewusstsein sind mehr oder weniger wach, oft in 
krankhaft erhöhter Thätigkeit, an welcher auch die Sinnes- und 
andere Nerven mehr oder weniger Theil nehmen können. Die 
Untersuchung dieser Zustände ist besonders darum von so ho- 
hem Interesse, weil wir in ihnen Seelenkräfte isolirt thätig 


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sehen, welche im gesunden Seelenleben nur in Verbindung mit 
anderen wirken. 

Die Ursachen des Wechsels von Schlaf und Wachen sind 
uns völlig unbekannt, und wenn wir sagen, dass Gehirn und 
Rückenmark von Zeit zu Zeit der Ruhe bedürften, um zu er- 
neuter Thätigkeit befähigt zu werden, so ist dadurch augen- 
scheinlieh nichts erklärt. Das Eigentümliche der Erschei- 
nungen, welche in den verschiedenen Traumzuständen Vor- 
kommen, können wir nur durch Vergleichung mit den Er- 
scheinungen des wachenden Seelenlebens erkennen, und müssen 
deshalb unsere Untersuchungen mit Letzterem beginnen. Die 
Traumzustände können aber zur Prüfung, zur Berichtigung 
oder Bestätigung unserer psychologischen Ansichten dienen. 
Die wirkenden Seelenkräfte und die Gesetze ihres Wirkens 
werden in beiden Fällen dieselben sein, und ist unsere Theo- 
rie über das wachende Seelenleben richtig, so müssen sich 
auch alle jene Traumerscheinungen daraus herleiten lassen. 

Der allgemeinste Unterschied, welchen wir in allen Er- 
scheinungen des wachenden Seelenlebens wahrnehmen, ist die 
zwiefache Richtung, in welcher die Seele in jedem ihrer be- 
sonderen Acte thätig ist. Eine geht von innen nach aussen, 
die Andere von aussen nach innen; durch jene wird etwas, 
was in der Seele ist, eine Idee oder ein Zweck, ansgeführt, 
dnrch diese wird etwas Aeusseres in die Seele hineingefuhrt, 
und man kann sagen, jene Bewegung bewirke den Ausdruck 
eines Inneren, diese den Eindruck eines Aeusseren. Wenn 
wir mit unserem Auge einen Gegenstand betrachten, so richten 
wir unsere Aufmerksamkeit auf denselben, d. h. ein von dem 
Gehirn oder den grossen Hirnganglien ausgehender Impuls 
pflanzt sich von innen nach aussen durch die motorischen 
Nerven der Augenmuskeln fort, und bringt das Auge in die 
zum deutlichen Sehen erforderliche Stellung. Ob, wie es 
wahrscheinlich ist, gleichzeitig in dem Sehnerven selbst eine 
Bewegung von innen nach aussen vor sich geht, kann hier 
dahingestellt bleiben. Zu gleicher Zeit geht aber ein von dem 
Gegenstände auf die Netzhaut gemachter Eindruck in dem 
Sehnerven von aussen nach innen zu den Ilirnganglien fort, und 


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es entsteht dadurch eine Wahrnehmung des Gegenstandes. 
Zur deutlichen Anschauung ist bei dem Auge und ebenso bei 
allen übrigen Sinnen die Vereinigung dieser beiden entgegen- 
gesetzten Bewegungen erforderlich, und die Anschauung be- 
steht aus den beiden Momenten des Aufmerkens und des 
Bemerkens oder Wahrnelunens. Wenn wir einem Anderen 
eine einfache Frage vorlegen, oder selbst gefragt werden, so 
gelangt die Frage, indem sie vom Ohre zum Gehirn sich 
fortpflanzt, zum Bewusstsein und auf umgekehrtem Wege er- 
folgt auf der Stelle die Antwort. Wenn wir überlegen, so 
richten wir von innen heraus unsere geistige Aufmerksamkeit 
auf eine Vorstellung, oder nach einander auf mehrere, welche 
wir vergleichen, das Resultat gelangt auf umgekehrtem Wege 
als unser Urtheil zum Bewusstsein, und das Urtheil verbin- 
det, wie die Anschauung, die entgegengesetzten Bewegungen 
des Ueberlegens und Vorstellens mit einander. Denken wir 
über etwas nach, so ist eine noch innerlichere Aufmerksam- 
keit, d. h. eine von dem denkenden Ich ausgehende Thiitig- 
keit auf den in der Form von Worten oder Sätzen in unserem 
Bewusstsein hervortretenden Gedanken gerichtet, welcher der 
Gegenstand unseres Nachdenkens ist. In dem Acte des Nach- 
denkens entwickelt sich in uns eine Reihenfolge von Gedan- 
ken, welche, so wie sie entstehen, durch eine umgekehrte 
Bewegung als Folgerungen und Schlüsse in dem Selbstbe- 
wusstsein aufgenommen werden. Eine schmerzhafte Berüh- 
rung, von den Empfindungsnerven zum Rückenmark fortge- 
leitet, erweckt in uns ein schmerzliches Gefühl, welchem auf 
der Stelle durch eine entgegengesetzte Richtung der Seelen- 
thätigkeit eine instinctartige Muskelbewegung nachfolgt, um 
fernere schmerzhafte Berührungen abzuwehren. Auf das Em- 
pfinden einer unbequemen Lage folgt sogleich eine von innen 
heraus bewirkte Veränderung derselben; und auf jede von 
innen heraus bewirkte Bewegung eines Gliedes folgt unmit- 
telbar die innere Wahrnehmung der vollzogenen Bewegung. 
Jede stärkere Gemiithsbewegung erzeugt augenblicklich einen 
entsprechenden Trieb zu verstärkter Thätigkeit, die Furcht 
treibt zur Flucht, der Zorn zum thätliehen Angrift’. 


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Wohin wir auch unseren Blick wenden mögen, überall 
sehen wir die Resultate unserer Seelenthätigkeit zu Stande 
kommen durch Vereinigung zweier entgegengesetzter Bewe- 
gungen von innen nach aussen und von aussen nach innen, 
die sich gegenseitig bedingen und hervorrufen. Es konnte 
auch nicht wohl anders sein, wenn der Mensch sein sollte, 
was er ist: ein geistig selbständiges Glied der menschlichen 
Gesellschaft und der ganzen Natur. Was ein besonderes 
Glied ist in Beziehung auf den ganzen Organismus, das ist 
der Mensch in Beziehung auf die Totalität der Geschöpfe, 
er ist ein einzelnes Glied in dem grossen Organismus der 
Welt, und in Beziehung auf die irdischen Geschöpfe unstrei- 
tig das Haupt derselben. Er ist zwar ein relativ selbständi- 
ges Glied der Schöpfung, aber zugleich ein dem Ganzen un- 
tergeordnetes, so dass er die Zwecke seines eigenen Daseins 
erfüllt, wenn er für das Ganze lebt; dass er nicht seinem 
eigenen Willen folgen soll, sondern den Geboten Gottes ; dass 
er nicht seine eigenen Gedanken für unbedingt wahr halten 
soll, sondern nur die in der Schöpfung ausgesprochenen und 
von Allen als wahr anerkannten göttlichen Gedanken. Soll 
ein solches Verhältniss des Menschen zur Welt existiren, soll 
er als relativ selbständiges Ich in Wechselwirkung stehen 
mit einer ihm gegenüber stehenden Aussenwelt, so ist eine 
solche zwiefache Bewegung von dem Ich zur Aussenwelt, 
und von der Aussenwelt zu dem Ich nothwendig, um eine 
Einwirkung und Gegenwirkung von beiden Seiten möglich 
zu machen. 

Hiernach scheint es ein allgemeines Gesetz der Seelen- 
thätigkeit zu sein, dass sie durch eine Vereinigung zweier 
entgegengesetzter Bewegungen zu Stande komme, und da 
die Vereinigung an beiden Endpuncten geschieht, so muss 
die Bewegung selbst eine kreisförmige oder in sich zurück- 
kehrende sein. Wenn auf jeden Eindruck eine Reaction un- 
mittelbar folgt, auf jede Empfindung eine Bewegung, auf jedes 
Gewahrwerden ein Aufmerken, auf jede Frage eine Antwort: 
so müssen, damit eine Bewegung in die andere übergehen 
könne, beide in einem Centralpuncte mit einander verbunden 


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/ 

sein; und wenn die vom Gehirn aus durch den Willen her- 
vorgebrachte Muskelbewegung auf umgekehrtem Wege von 
den Muskeln aus zum Gehirn zurüekkehren muss, um zum 
Bewusstsein zu kommen, so findet dabei ein peripherischer 
Uebergang Statt. 

Diese aus der Beobachtung hergeleiteten Resultate wer- 
den durch das physiologisch constatirte Verhalten der Nerven 
und des Rückenmarks bestätigt. Wir wissen durch die vor 
30 — 40 Jahren von C. Bell gemachte, von Joh. Müller, 
Valentin, Longet und vielen anderen Physiologen bestä- 
tigte Entdeckung, dass alle Rückenmarksnerven (zu denen 
die sogenannten Gehirnnerven ebenfalls gehören) ihrem dop- 
pelten Ursprünge aus dem vorderen oder hinteren Theile des 
Rückenmarks gemäss, entweder bewegend oder empfindend, 
motorisch oder sensibel sind. Vorher glaubte man, dass die 
Nerven, mit Ausnahme der höheren Sinnesnerven, alle em- 
pfangenen Eindrücke in beiden Richtungen, sowohl von dem 
Centrum zur Peripherie, als von der Peripherie zu den Cen- 
tralorganen fortleiten könnten. Nachher ist die Ansicht all- 
gemein herrschend geworden, dass jede Nerven-Primitivfaser 
die empfangenen Eindrücke isolirt fortleite, und zwar nur in 
einer Richtung, von innen nach aussen, oder von aussen nach 
innen, centrifugal oder centripetal; und wenn man an 
einem Nerven eine Fortleitung in beiden Richtungen beobach- 
tete, wurde vorausgesetzt, dass er aus Primitivfasern beiderlei 
Art, aus centrifugalen und centripetalen Fasern zusammenge- 
setzt sei. In der neuesten Zeit ist es durch die verdienst- 
lichen Untersuchungen von Du Bois-Reymond wahrschein- 
lich geworden, dass die Fortpflanzung von Eindrücken in den 
Nerven durch electrische Molekularbewegungen zu Stande 
kommen, und dass diese Bewegungen sich in abgeschnittenen 
Nervenstücken, sowohl von motorischen, als von sensiblen 
Nerven, mit gleicher Leichtigkeit nach beiden Richtungen 
fortpflanzen. Der thatsächlieh festgestellte Unterschied der 
motorischen und sensiblen Nerven und der Verschiedenheit 
ihrer Functionen im lebenden Organismus wird aber dadurch 
nicht aufgehoben, und auch in Beziehung auf das Riicken- 


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mark ist cs festgestellt, dass die hinteren Stränge desselben 
ausschliesslich sensibel, die vorderen und seitlichen Strüuge 
motorisch sind. Longet ist es gelungen, diese Verschieden- 
heit in den Functionen der Rückenmarksstränge bis in (die 
grossen Hirnganglien zu verfolgen. Im Gehirn selbst ist sie 
noch nicht nachgewiesen ; hier liegen aber auch vielleicht Fa- 
sern beiderlei Art in dünnen Schichten an einander, und durch- 
kreuzen sich so, dass es ausserordentlich schwer ist, einen 
bestimmten Faserstrang vom Rückenmark aus weiter zu ver- 
folgen, und seine Verbreitung oder seinen Verlauf im Gehirn 
nachzuweisen. 

Der centrale Uebergang der Empfindung in Bewegung 
ist vollkommen constatirt durch die nach dem Vorgänge von 
Marshai Hall und Joh. Müller in neuerer Zeit so viel- 
fach untersuchten Reflexbewegungen. Man versteht darunter 
combinirte Muskelbewegungen, welche ohne Bewusstsein und 
Willkühr in Folge äusserer Reizungen entstehen, und hat sie 
besonders an geköpften und narkotisirten Thieren beobachtet. 
Die Bewegungen, welche alsdann durch das Rückenmark ver- 
mittelt werden, sind mehr oder weniger denjenigen ähnlich, 
welche sonst mit Bewusstsein und willkührlich vollzogen wer- 
den. Sie beweisen nicht blos den centralen Uebergang von 
Empfindungen in Bewegungen, sondern auch die Selbständig- 
keit des Rückenmarks, welche so lange verkannt worden ist, 
weil man sich daran gewöhnt hatte, dasselbe nur als ein von 
und zu dem Gehirn leitendes Organ anzusehen. Hätte man 
nicht den anatomischen Fehler gemacht, die Hirnschenkel und 
Hirnganglien als Theile des Gehirns zu betrachten, so würde 
man wahrscheinlich viel früher erkannt haben, dass das Rücken- 
mark alle bewusstlosen Wahrnehmungen und Empfindungen 
und alle instinctartigen Bewegungen selbständig vermittelt. 
Jede bewustlose Wahrnehmung oder Empfindung kann in 
dem lebendigen Organismus Reflexbewegungen erzeugen, und 
solche Bewegungen kommen im Leben der Thicre und Men- 
schen in unzähliger Menge tagtäglich vor. Wenn das Auge 
nach dem ersten Gewahrwerden eines Gegenstandes sogleich 
auf denselben hingerichtet wird, wenn der Kopf sich unwill- 


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kiihrlich dreht nach einem gehörten Tone, wenn die Nasen- 
löcher sich zur deutlicheren Wahrnehmung eines Geruches 
unwillkührlich erweitern, oder die Zunge, ohne dass wir 
daran denken, sich züngelnd hin und her bewegt, um eine 
in den Mund gebrachte Speise zu schmecken: so sind dies 
einfache, durch die grossen Himganglien und das obere Ende 
des Rückenmarks vermittelte Reflexbewegungen, obgleich die- 
selben Bewegungen eben sowohl absichtlich und willkührlich 
durch den Einfluss des Gehirns hervorgerufen werden können. 
Wenn wir, ohne daran zu denken, uns räuspern, ausspucken, 
husten, blinzeln, eine unbequeme Körperstellung verändern, 
einem in unserem Wege stehenden Gegenstände answeichen, 
die Hand bei einer unvermutheten Berührung zurückziehen, 
wie die Schnecke ihre Fühlhörner; wenn wir vor Schaam 
erröthen, vor Schmerz aufschreien, auf eine einfache Frage 
ohne vorhergehendes Besinnen antworten u. s. w., so sind dies 
alles Reflexbewegungen, welche in den zuletzt genannten Fäl- 
len auf dieselbe Weise vom Gehirn ausgehen, wie in den an- 
dern Fällen vom Rückenmark. 

Der peripherische Uebergang der Bewegung in Empfin- 
dung ist bis jetzt durch die experimentale Physiologie nicht 
nachgewiesen, und die neuesten Untersuchungen über die pe- 
ripherischen Endungen der Nerven scheinen ihre Voraussetzung 
nicht zu begünstigen. Es wird sich weiterhin die Gelegen- 
heit finden, auf diesen Gegenstand näher einzugehen; hier 
möge es genügen, daran zu erinnern, dass dieser Uebergang 
wenigstens in Beziehung auf die Muskelnerven dadurch con- 
statirt wird, dass jede veränderte Stellung und jede Bewegung 
der Glieder sogleich zum Bewusstsein gelangt. C. Bell hat 
schon in einer eigenen kleinen Abhandlung daraus die rich- 
tige Folgerung gezogen, dass die Muskeln durch eine Art 
von Nervencirkel mit dem Gehirn verbunden seien, und von 
der Wahrheit dieser Thatsache kann sich Jeder in jedem 
Augenblicke leicht überzeugen. Andere psychologisch gewisse 
Thatsaehen beweisen ebenfalls diesen Uebergang z. B. die 
Schärfung der sinnlichen Wahrnehmungen und Empfindungen 
in Folge der darauf gerichteten Aufmerksamkeit, und der 


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eontinuirliehe Wechsel beider entgegengesetzten Bewegungen 
beim Nachdenken. 

Die Art und Weise, in welcher die centralen und peri- 
pherischen Uebergänge der centripetalen und centrifugalen 
Bewegungen zu Stande kommen, ist noch nicht nachgewiesen, 
wenn wir auch mit Wahrscheinlichkeit annehmen dürfen, dass 
die centralen Uebergänge durch die graue Substanz vermit- 
telt werden. Aus ihrem thatsächlichen Vorhandensein folgt 
aber, dass die Thätigkeit der Seele sich im Allgemeinen durch 
entgegengesetzte, in sich selbst zurückkehrende oder kreis- 
förmige Bewegungen äussert, und hierin zeigt sie einerseits 
eine Verwandschaft mit physikalischen Naturkräften, anderer- 
seits einen wesentlichen Unterschied von denselben. Alles, 
was existirt, bedingt sich gegenseitig, und steht mit einander 
in Wechselwirkung: das Eine empfangt einen Eindruck von 
dem Andern und macht einen Eindruck auf das Andere, Je- 
des verhält sich zugleich aufnekmend und wirkend, leidend 
und thätig, passiv und activ. In dieser Beziehung könnte 
man die centrifugale und centripetale Thätigkeit der Seele 
als eine höhere Form der in der ganzen Natur herrschenden 
Anziehung und Abstossung betrachten. Eine noch grössere 
Verwandtschaft zeigt die Seelenthätigkeit mit den polarisch 
divergirenden Wirkungen der Electricität, insofern centripe- 
tale und centrifugale Bewegungen nur neben und mit einan- 
der auftreten, und sich wie Positives und Negatives zu ein- 
ander verhalten. Sogar das Newtonsche Gravitationsgesetz 
könnte vielleicht in manchen Beziehungen auch für die See- 
lenthätigkeit gültig sein. Der unangenehme Eindruck, wel- 
chen der starre auf uns gerichtete Blick eines Anderen her- 
vorruft, steigert sich bei grösserer Annäherung in solchem 
Grade, dass die Wirkung wohl in einem umgekehrten Ver- 
hältnisse zu dem Quadrat der Entfernung stehen möchte, und 
dasselbe gilt für die schnelle Abnahme eines plötzlich hervor- 
gerufenen Schmerzes im Verhältniss zur Dauer der Zeit, für 
das Erlöschen einer plötzlich erweckten Begeisterung und für 
manche andere Erscheinungen des Seelenlebens. Einen we- 
sentlichen Unterschied von den physikalischen Naturkräften 


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zeigt dagegen die Thätigkeit der Seele durch die selbständige 
Erzeugung innerlicher, in eich selbst zurückkehrender kreis- 
förmiger Bewegungen, welche in dieser Weise nur in leben- 
digen Organismen Vorkommen. 

Der allgemeine Unterschied in den entgegengesetzten Rich- 
tungen der Seelenthätigkeit ist so in die Augen fallend, dass 
er auch den Philosophen nicht verborgen bleiben konnte, und 
er ist schon von den Alten bezeichnet worden in dem Ge- 
gensätze von Wahrnehmen und Denken (atodytog und vovg). 
Nach Cartesius sind die Seelenthätigkeiten theils Hand- 
lungen (ein Wollen), theils leidende Zustände (Vorstel- 
len und Erkennen). Malebranche unterscheidet eben so 
zwei Hauptvermögen des menschlichen Geistes, Erkennen 
und Wollen, welche den beiden Grund eigenschaften der 
Materie entsprechen, der Fähigkeit, verschiedene Gestalten 
anzunehmen, und der Beweglichkeit; die Intelligenz verhält 
sich nach ihm nur leidend. Kant unterschied in ähnlicher 
Weise die theoretische und praktische Vernunft, und in der 
neueren Psychologie betrachtet man oft Erkennen und Wol- 
len als die beiden Grundvermögen oder Grundkräfte der 
Seele. Achten wir aber genauer darauf, was in unserer Seele 
vorgeht, so finden wir, dass das Wollen, insofern wir darun- 
ter die innere Ursache unserer bewussten Handlungen ver- 
stehen, durch das Erkennen erzeugt und bestimmt wird. Ehe 
wir etwas wollen können, müssen wir wissen, was wir wol- 
len, und durch dies Wissen oder Erkennen wird unser Wol- 
len bestimmt. Auf der anderen Seite müssen wir erkennen 
wollen, ehe wir erkennen können, und wenn wir unsere Auf- 
merksamkeit auf ein zu erkennendes Object richten, so ist 
dies ein Act unserer geistigen Willensthätigheit. Erkennen 
und Wollen (in dem angegebenen Sinne des Wortes) sind 
Resultate unserer Geistesthätigkeit, und keine wirkenden Kräfte 
oder Grundvermögen der Seele. Eben so wenig sind die 
centripetalen und centrifugalen Bewegungen der Seelenthätig- 
keit besondere Kräfte der Seele, indem dadurch, ohne Be- 
rüeksiclitigimg der zum Grunde liegenden Kräfte, nur die 
besonderen Richtungen der Seelenthätigkeit bezeichnet wer- 


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den. Sie lehren uns als ein allgemeines Gesetz der Seelen- 
thätigkeit erkennen, dass sie stets in. einer Erzeugung und 
kreisförmigen Verbindung entgegengesetzter Bewegungen be- 
steht; sie können zu einer weiteren Erkenntniss der Seelen- 
thätigkeit im Allgemeinen führen; allein über die besonderen 
Kräfte, welche in der Seele relativ selbständig wirken, geben 
sie uns keinen Aufschluss. 

Ausser dieser entgegengesetzten Richtung der Seelenthä- 
tigkeit beobachten wir im wachenden Seelenleben sowohl der 
Thiere als des Menschen noch einen anderen allgemeinen Ge- 
gensatz, indem die Seele stets entweder anregend oder 
hemmend thätig ist. Die Anregung besteht entweder in 
der Erregung einer vorher ruhenden, oder in der Verstärkung 
einer bereits Statt findenden Thätigkeit, die Hemmung entweder 
in einer Verminderung oder in völliger Sistirung derselben. 
Wir finden dieses verschiedene Wirken der Seele schon bei 
den niederen Thieren, zu der grössten Mannichfaltigkeit ent- 
wickelt in den Erscheinungen des menschlichen Lebens, in 
welchem die verschiedenartigsten Anregungen und Hemmung 
gen unaufhörlich mit einander wechseln. Die Seele scheint 
die wunderbare Macht zu besitzen, ihre Gesammtthätigkeit 
innerhalb gewisser Gränzen zu verstärken oder zu vermindern ; 
insbesondere hat sie aber diese Macht in Beziehung auf die 
verschiedenen Richtungen, in welchen sich ihre Thätigkeit im 
Besonderen und Einzelnen äussert.. Sie hat eine grosse, je- 
doch nicht unbedingte und unbeschränkte Freiheit der Bewe- 
gung innerhalb ihres eigenen Gebiets; sie kann ihre eigene 
Thätigkeit bald hierhin, bald dorthin wenden, bald diese, bald 
jene besondere Thätigkeit anregen oder hemmen, steigern oder 
vermindern. Sie übt diese Macht aber in Beziehung auf die 
verschiedenen Aeusserungen ihrer Thätigkeit in sehr ver- 
schiedener Weise, theils direct, theils indireet, und wenn ihre 
Macht in mancher Beziehung fast unbeschränkt erscheint, so 
ist sie in anderen nur in sehr geringem Maasse vorhanden. 
Direct und mehr oder weniger unbeschränkt beherrscht sie 
die centrifugalen Bewegungen, die Aufmerksamkeit, das Ueber- 
legen und Nachdenken, die willkührliclien Bewegungen der 


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Glieder, die Sprache und die Gedanken; auf die centripetalen 
Bewegungen kann sie nur indirect einwirken, indem sie die 
centrifugalen Bewegungen verändert, wodurch jene bedingt 
werden. Sie kann die Wahrnehmungen deutlicher machen 
durch Verstärkung der Aufmerksamkeit; sie kann die Em- 
pfindung eines Schmerzes schwächen durch Hervorrufen an- 
derer Bewegungen, aber direct kann sie weder eine Wahr- 
nehmung, noch eine schmerzhafte Empfindung hemmen oder 
verändern. 

Die Muskeln sind in sehr verschiedener Weise der Herr- 
schaft der Seele unterworfen. Die denkende und wollende 
Geistesthätigkeit beherrscht alle willkührliehen Muskeln fast 
unbeschränkt, die Bewegungen des Athmens nur innerhalb 
gewisser Gränzen, und die Bewegungen des Herzens und der 
Eingeweide, sind ihrem directen Einflüsse ganz entzogen. 
Auf diese Letzteren hat dagegen das Gemüth eine sehr be- 
deutende Einwirkung, namentlich auf die Bewegungen des 
Herzens, welche durch heftige Schmerzen und Gemüthsbewe- 
gungen einerseits aufs Aeusserste gesteigert, andrerseits bis 
zu völligem Stillstände gehemmt werden können. Aus diesen 
und anderen Erscheinimgen ersehen wir, dass die Anregun- 
gen und Hemmungen der einzelnen Thätigkeitsäussernngen 
auf complicirten Verhältnissen beruhen, dass verschiedene 
Seelenkräfte in dieser Beziehung verschieden wirken, und 
dass ihre nähere Untersuchung die Kenntniss der inneren 
Organisation der Seele und der besonderen Seelenkräfte vor- 
aussetzt. Eine besondere erregende oder hemmende Kraft 
der Seele existirt eben so wenig, als eine centrifugale oder 
centripetale ; durch jene Ausdrücke wird ebenfalls nur ein 
Unterschied in den Wirkungen der Seelentbätigkeit bezeich- 
net, ohne Hindeutung auf ihre Ursache. Wenn man die An- 
regungen als ein positives, die Hemmungen als ein negatives 
Wirken der Seele betrachten will, so geschieht dies in einem 
anderen Sinne, als bei den centrifugalen und centripetalen 
Bewegungen, indem hier kein polares Divergiren und gleich- 
zeitiges Ilervortreten entgegengesetzter Bewegungen Statt 
findet; sondern nur, eben wie in dem Gegensätze von Wärme 


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und Kälte, oder Licht und Finsterniss, ein Hervortreten und 
Zurückziehen oder Verschwinden einer und derselben Be- 
wegung. 

Wir erhalten also durch die Beobachtung der allgemeinen 
Unterschiede in den Richtungen der Seelenthätigkeit keinen 
Aufschluss über die besonderen, mit relativer Selbständigkeit 
wirkenden Seelenkräfte, und können diese überhaupt nur ken- 
nen lernen aus den besonderen Erscheinungen des Seelen- 
lebens, welche sich als eigentümliche und wesentlich ver- 
schiedene darstellen. Wir sind dabei genöthigt, uns zunächst 
an diejenigen Erscheinungen zu halten, welche vorzugsweise 
an und in dem Menschen zum Vorschein kommen, weil wir 
die Bedeutung der Erscheinungen des tierischen Seelenlebens 
nur durch Vergleichung mit den Erscheinungen des mensch- 
lichen Seelenlebens zu erkennen im Stande sind. 

In den Erscheinungen des Seelenlebens, welche wir sowohl 
an Anderen, als an uns selber zu beobachten Gelegenheit ha- 
ben, fallt uns sogleich ein dreifacher Unterschied in die Augen: 
die Sprache, die Geberden und die Handlungen. Diese 
drei Gruppen von Erscheinungen umfassen alle Aeusserungen 
des Seelenlebens, welche wir an anderen Menschen unmittel- 
bar wahrnehmen können, und wir finden uns genöthigt, sie 
als drei verschiedene Arten oder Gattungen zu betrachten, 
welche durch verschiedene Kräfte hervorgebracht werden 
müssen, indem ihre Verschiedenheit uns als zu bedeutend er- 
scheint, um sie aus einer und derselben Ursache herleiten zu 
können. Das Aussprechen hörbarer Worte erscheint uns als 
ganz und gar verschieden von allen übrigen Erscheinungen; 
Geberden und Handlungen scheinen einander näher verwandt 
durch die Aehnlichkeit der combinirten Muskelbewegungen, 
wodurch beide zu Stande kommen. Allein in den Handlun- 
gen erkennen wir ein zweckmässiges Thun, in den Geberden 
werden wir in der Regel keinen Zweck gewahr; durch die 
Handlungen wird etwas bewirkt, eine Veränderung in den 
uns umgebenden Dingen hervorgebracht; die Geberden be- 
wirken nichts und wollen nichts bewirken. Die Geberden 
beschränken sich auf anscheinend zwecklose Veränderungen 


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des Blickes und der Mienen, der Stellung und Haltung des 
Körpers und seiner Glieder, auf eine verschiedene Betonung 
der Stimme, Ausstossen unarticulirter Laute, Lachen, Wei- 
nen, Seufzen, Stöhnen, Schreien, auf ein verschiedenes, freund- 
liches oder unfreundliches, verdriessliches, mürrisches, hefti- 
ges, ängstliches, muthiges oder furchtsames Benehmen u.s. w. 
In allen Geberden geht die Thätigkeit der Seele nicht über die 
Grenzen des eigenen Organismus hinaus ; in den Handlungen 
hingegen ist ihr Bestreben direct darauf gerichtet, in der 
Aussenwelt etwas hervorzubringen oder zu verändern. 

Fragen wir nun uns selbst oder Andre nach Demjenigen, 
was bei dem äusserlichen Hervortreten jener Erscheinungen 
gleichzeitig in dem Bewusstsein des Sprechenden, des sich Ge- 
berdenden oder Handelnden zum Vorschein kommt: so erfahren 
wir, dass zu derselben Zeit und schon vorher ein Gedanke, 
ein Gefühl oder ein Wollen in uns hervortritt, und dass diese 
innerlichen Vorgänge in einem Causalverhältnisse stehen zu 
den äusserlich erscheinenden Worten, Geberden und Hand- 
lungen. In den hörbaren Worten erkennen wir demnach aus- 
gesprochene Gedanken, in den Geberdeu ausgedrückte Ge- 
fühle, in den Handlungen ein ausgeführtes Wollen, und indem 
wir die Ursachen der verschiedenen Erscheinungen als ver- 
schiedene Seelenkräfte bezeichnen, nehmen wir drei verschie- 
dene Seelenthätigkeiten an, ein Denken, ein Fühlen und ein 
Wollen, und drei verschiedene, relativ selbständig wirkende 
Seelenkräfte, Geist (Intelligenz), Gemüth und Willen. 
Die Unterscheidung dieser drei Seelenkräfte stammt schon 
aus den ältesten Zeiten her, und ist so einfach, dass sie sich 
trotz mancher Versuche anderer Bestimmungen immer erhal- 
ten und von Neuem geltend gemacht hat. 

So naturgemäss hiernach die Voraussetzung jener drei 
Seelenkräfte auch erscheinen mag, so wenig wird sie durch 
nähere Prüfling bestätigt. Weder die Geberden und Hand- 
lungen, noch das Sprechen und Handeln lassen sich immer 
von einander unterscheiden. Dieselbe Geberde und dasselbe 
Benehmen, welche das eine Mal als einfache und zwecklose 
Aeusserungen eines innerlichen Gefühls erscheinen, sind ein 

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anderes Mal ein durch ein bestimmtes Wollen veranlasstes 
und auf' die Erfüllung eines bestimmten Zweckes gerichtetes 
Thun oder Handeln. Man kann z. B. zornig aussehen, weil 
man zornig ist und weil man zornig aussehen will, man kann 
durch ein innerliches Gefühl des Bedauerns zum Achselzucken 
veranlasst werden, und man kann die Achseln zucken, weil 
man es für angemessen hält, ein Bedauern auszudrücken, ob- 
gleich man es nicht empfindet. Dieselben Worte, welche man 
in unmittelbarer Folge innerlicher Gedanken absichtslos aus- 
spricht, können eben sowohl durch ein bestimmtes Wollen 
hervorgebracht werden; dieselben innerlichen, in Worte ein- 
gekleideten Gedanken können mit oder ohne unseren Willen 
in uns entstehen, und die bedeutendsten Handlungen, welche 
ein Mensch vollzieht, bestehen oft nur in ausgesprochenen 
Worten. Wenn also bald der Wille, bald das Denken die 
Ursache des Sprechens sein kann, und bald der Wille, bald 
ein Gefühl die Ursache der Geberden, so wird dadurch jener 
dreifache Unterschied der Sprache, Geberden und Handlun- 
gen zum Theil aufgehoben, und der Wille kann keine dem 
Denken und Fühlen coordinirte Seelenkraft sein, sondern muss 
zu beiden in einem andern Yerhältniss stehen. Der Unter- 
schied zwischen der Sprache und den Geberden verschwindet 
aber bei näherer Prüfung nicht, und wenn wir auch unsere 
Gedanken manchmal durch Geberden ausdrücken können, so 
werden wir doch niemals eine Geberde für ein ausgesproche- 
nes Wort halten, oder einen ausgesprochenen Gedanken für 
eine Geberde. 

Zu demselben Resultate führt eine genauere Prüfung des 
Inhaltes unseres Bewusstseins. Wir können denselben im 
Allgemeinen als in Vorstellungen bestehend bezeichnen, indem 
Alles, was in dem Bewusstsein hervortritt, gleichsam vor die 
Seele hingestellt wird, so dass sie es geistig anschauen und 
in sich aufnehmen kann. Die Vorstellungen sind theils Bil- 
der oder Ideen sinnlich wahrgenommener Objecte, theils Worte, 
theils Gefühle, und ausser diesen drei Elementen, in welche 
alle Vorstellungen sich auflösen lassen, sind keine anderen 
Elemente zu entdecken. Alle von aussen aufgenommenen 


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Bilder oder Ideen werden aber sogleich durch Worte bezeich- 
net, grossentheils schon vermittelst gehörter oder gelesener 
Worte in uns aufgenommen, so dass der Unterschied von 
beiden verschwindet, und beide als der Ausdruck von Ge- 
danken erscheinen. In so weit also unsere Vorstellungen aus 
Bildern, Ideen oder Worten bestehen, sind sie Gedanken, 
gleichviel, ob es nur einzelne Wörter sind, oder, wie es ge- 
wöhnlich der Fall ist, mehrere, zu Sätzen mit einander ver- 
bundene Worte. Die Gefühle dagegen werden zwar ebenfalls 
in Worten ausgedrückt und vorgestellt, aber in den Vorstel- 
lungen derselben wird ausserdem noch etwas der Seele ver- 
gegenwärtigt, was sich nicht beschreiben und nicht in Worten 
ausdrücken lässt. Wir können wohl sagen, dass wir das 
Gefühl des Schmerzes, der Freude, des Zornes, der Liebe, 
des Hasses u. s. w. in uns finden (empfinden), aber wir kön- 
nen nicht sagen, worin das Gefühl besteht. Wir können un- 
sere Gefühle überhaupt durch die sie bezeichnenden Worte 
nur denjenigen verständlich machen, welche sie aus eigener 
Erfahrung kennen, und ein Gefühl, was wir haben, können 
wir einem Anderen, der es nie gehabt hat, auf keine Weise 
deutlich und begreiflich machen. Wer sich z. B. nie gebrannt 
hat, der kann sich einen brennenden Schmerz nicht vorstel- 
len; wer niemals einen Menschen gehasst hat, dem werden 
wir das Gefühl des Hasses nicht verständlich machen können, 
und wer in seinem Leben niemals eine Anwandlung von Hy- 
pochondrie gehabt hat, dem ist es nicht deutlich zu machen, 
wie einem Hypochondristen zu Muthe ist. Es scheint uns 
gewöhnlich, als ob die Gefühle in den Organen unsres Kör- 
pers ihren Ursprung nähmen, namentlich in dem Herzen ; aber 
was wir in dem Herzen eigentlich fühlen, können wir nicht 
sagen; was wir dabei deutlich wahrnehmen, ist höchstens eine 
veränderte Bewegung des Herzens; diese Wahrnehmung ist 
aber etwas von dem eigentlichen Gefühle ganz und gar 
Verschiedenes. 

Wäre das Wollen ein Erzeugniss einer besonderen selbst- 
ständigen Seelenkraft, so würde es auch im Bewusstsein als 
ein von den Gedanken und Gefühlen Verschiedenes sich zei- 

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gen. Es erscheint aber stets entweder als ein auf einen 
bestimmten Zweck sich beziehender Gedanke, eine Absicht, 
ein Vorsatz, ein Entschluss; oder als ein blinder Trieb, der 
sich ebenfalls bezieht auf eine auszuführendc That, aber offen- 
bar aus dem Gemüthe herstammt und in unserem Bewusst- 
sein nur existirt als ein Gefühl, dessen Inhalt und Bedeutung 
uns erst deutlich wird, wenn wir darüber nachdenken. Wenn 
ich den Trieb oder das Verlangen habe auszugehen, zu essen, 
zu trinken, zu. schlafen, so empfinde ich diesen Trieb und 
fühle mich getrieben, ihm zu folgen, ohne dabei zu denken, 
dass ich es thun wolle. Habe ich dagegen die Absicht oder 
den Vorsatz, dasselbe zu thun, so fühle ich dabei vielleicht 
gar nichts, aber ich habe gedacht, dass ich es thun will, und 
dies Wollen existirt in meinem Bewusstsein nur in dem Satze : 
ich will Dies oder Jenes thun. Jeder Trieb erscheint in dem 
Bewusstsein als ein bestimmtes und bestimmendes Gefühl; 
jedes gedachte Wollen als ein bestimmter und bestimmender 
Vorsatz, d. h. als eine in Worte gefasste Voraussetzung einer 
zu realisirenden Idee. Der Vorsatz ist in derselben Weise 
ein innerlich entstehendes geistiges Vorbild des auszuführen- 
den Zweckes oder der Handlung, wie das innerlich entste- 
hende Wort ein geistiges Vorbild des auszusprechenden Ge- 
dankens. 

Aus diesen Verhältnissen ergiebt sich die Noth wendigkeit, 
den Gedanken und Gefühlen einen verschiedenen Ursprung 
zuzuschreiben, und sie aus verschiedenen Ursachen oder Kräf- 
ten herzuleiten. Wir müssen daher zwei besondere, relativ 
selbständig wirkende Seelenkräfte voraussetzen, einen den- 
kenden Geist als die Ursache der Gedanken und der 
Sprache, und ein fühlendes Gemüth als die Ursache der 
Gefühle und Geberden. Das Wollen hingegen geht aus der 
Macht des Denkens und Fühlens hervor; es ist, je nachdem 
es durch einen gedachten Zweck oder einen empfundenen 
Trieb bestimmt wird, ein Product der Geistesthätigkeit oder 
der Gemüthsthätigkeit, in der Regel, wie sich weiterhin er- 
geben wird, das Resultat der Wechselwirkung von beiden. 

In dem Seelenleben der Thiere sind wir ebenfalls genö- 


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thigt, Gedanken und Gefühle, Wahrnehmen und Empfinden 
zu unterscheiden, und erkennen das Letztere aus den Geber- 
den. Die Handlungen der Thiere nehmen ebenso, wie die 
des Menschen, ihren Ursprung aus dem Denken oder aus dem 
Fühlen; der Instinct der Thiere wird ebenfalls theils durch 
gedachte Zwecke, theils durch empfundene Triebe und in der 
Regel durch die Vereinigung von beiden geleitet. Es kom- 
men überhaupt in dem Seelenleben keine Erscheinungen vor, 
welche dazu nöthigten, den Willen als eine besondere, neben 
dem Geiste und Gemüthe existirende Kraft anzuerkennen. 
Diese Ansicht wird überdies dadurch bestätigt, dass das Ge- 
hirn des Menschen und der höheren Thiere nicht aus drei, 
sondern nur aus zwei verschiedenen und gesonderten Orga- 
nen zusammengesetzt ist, dem grosseu und kleinen Gehirn, 
und da es physiologisch constatirt ist, dass alle Gedanken 
in dem grossen Gehirn entstehen, so müssen wir das kleine 
Gehirn als die Quelle der Gefühle betrachten, weil wir durch 
die Art und Weise, wie sie in dem Bewusstsein hervortreten, 
dazu genöthigt werden, ihren Ursprung aus einem anderen 
Organe, als dem Sitze des Bewusstseins selbst, herzuleiten. 

Die Strnctur des grossen und kleinen Gehirns, namentlich 
ihre Verbindungen, sowohl mit einander, als mit dem Rücken- 
marke, scheinen diese Voraussetzung zu bestätigen. Auch in 
dem Rückenmarke sind nur die vorderen motorischen und 
die hinteren sensiblen Stränge völlig von einander gesondert, 
aber beide Stränge sowohl mit dem grossen, als mit dem 
kleinen Gehirn verbunden. 

Alles, was in unserem Bewusstsein erscheint, tritt in der 
Form von Vorstellungen, in Gedanken und Worten in dem- 
selben hervor, und auch die von den Sinnen uns zugeführten 
Ideen, so wie die aus dem Gemüthe herstammenden Gefühle 
werden in Gedanken umgewandelt, und durch Worte bezeich- 
net, sobald sie zum Bewusstsein gelangen. Das Bewusstsein 
gehört also ganz und gar der denkenden Geistesthätigkeit 
an, und es tritt auch nichts deutlich in demselben hervor, 
wenn wir nicht daran denken. Wir finden, dass von der un- 
endlichen Menge der in unserem Bewusstsein enthaltenen 


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Ideen zu jeder Zeit nur eine gewisse Anzahl mit ziemlicher 
Deutlichkeit vorgestellt und geistig vergegenwärtigt werden 
kann, dass aber jede einzelne Idee deutlich hervortritt, so wie 
wir unsere geistige Aufmerksamkeit darauf richten. Geschieht 
dies ohne besondere geistige Anstrengung, so wird die eine 
deutliche Vorstellung von einer grösseren oder geringeren 
Anzahl dunkler Vorstellungen begleitet. Richten wir aber 
unsere Aufmerksamkeit ganz und gar und mit Anstrengung 
unserer geistigen Kraft auf eine einzige Idee, so verschwin- 
den in demselben Augenblicke alle jene dunklen Vorstellun- 
gen, und nur diese eine Idee tritt als eine besonders klare 
und deutliche Vorstellung im Bewusstsein hervor. Ganz das- 
selbe geschieht, wenn wir mit unserem Auge die uns umge- 
benden Gegenstände betrachten. Wir überschauen, ohne unser 
Auge zu bewegen, nach Maasgabe der Grösse des Gesichts- 
feldes, eine gewisse Anzahl von Gegenständen auf einmal, 
und sehen sie alle ziemlich deutlich in einem Blick. Richten 
wir unsere Aufmerksamkeit vorzugsweise auf einen Gegen- 
stand, so sehen wir diesen deutlich, und erhalten von den 
übrigen gleichzeitig wahrgenommenen Gegenständen nur dunkle 
Bilder. Wollen wir aber einen Gegenstand recht deutlich 
sehen, so müssen wir unsere Aufmerksamkeit auf einen Punct 
concentriren, und je mehr wir das thun, desto deutlicher er- 
scheint uns das Bild dieses Gegenstandes, während alle übri- 
gen gleichzeitig vorhandenen desto mehr verschwinden. 

Die denkende Geistesthätigkeit oder das reine Denken er- 
scheint uns also als identisch mit dem sinnlichen Anschauen, 
und besteht in nichts Anderem, als in einem successiven in- 
neren Anschauen oder Betrachten dessen, was sich in dem 
eigenen Bewusstsein darbietet. Wie die Netzhaut des Auges 
so gebildet ist, dass sich die Bilder aller sichtbaren Dinge 
in ihr abspiegeln, so ist auch unser Gehirn so organisirt, dass 
sich in einem gewissen Theile Alles abspiegelt, was in der 
Ausseuwelt existirt oder in uns selber vorgeht, so dass wir 
es mit unserem geistigen Auge auscliauen und wahrnehmen 
können. Es erscheint in unserem Bewusstsein in der Form 
von Gedanken oder Gefühlen, welche den Bildern wirklicher 


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Dinge zu vergleichen sind, und eben deshalb von unserer 
Sprache mit dem gemeinschaftlichen Namen von Bildern oder 
Ideen bezeichnet werden. Was in unserem Bewusstsein ist, 
ist als Idee oder ideell in uns, und in solchen Bildern oder 
Ideen erscheint uns das Wirkliche, weshalb denn auch die 
Wahrheit unseres Wissens wesentlich darauf beruht, dass 
unsere Ideen getreue Abbildungen der Wirklichkeit sind und 
mit derselben vollkommen übereinstimmen. 

Unser Denken ist also nichts Anderes, als ein geistiges 
Anschauen dessen, was in unserem Bewusstsein enthalten ist; 
es kann eben deshalb nichts erschaffen, sondern nur er- 
kennen, d. h. durch ein successives aufmerksames Betrach- 
ten aller einzelnen Theile eines Gedankens oder Begriffs sich 
eine klare und deutliche Vorstellung von allen einzelnen Mo- 
menten und von ihrem Zusammenhänge erwerben ; in dersel- 
ben Weise, wie das Auge durch successives aufmerksames 
Betrachten aller einzelnen Puncte ein klares und deutliches 
Bild von allen einzelnen Theilen eines Gegenstandes und ihrem 
Zusammenhänge erhält. Solche klare und deutliche Vorstel- 
lungen zu erwerben, ist der Zweck und das Ziel unseres 
Nachdenkens, und eben deshalb haben auch Descartes und 
Spinoza mit Hecht die Klarheit und Deutlichkeit der Vor- 
stellungen als ein Kriterium ihrer Wahrheit bezeichnet; je 
klarer und deutlicher unsere Vorstellungen sind, desto gewisser 
sind wir, dass wir das Ziel unseres Nachdenkens erreicht 
haben. 

Die Resultate unseres Nachdenkens werden also einerseits 
bedingt durch die im Bewusstsein vorhandenen Ideen oder 
das schon anerkannte Wissen, andererseits durch die Schärfe 
unseres geistigen Auges und den Umfang seines Gesichtsfel- 
des. In diesen Beziehungen zeigt sich eine bedeutende Ver- 
schiedenheit bei verschiedenen Individuen, nicht nur in der 
Schärfe des Blickes, sondern auch in der Grösse des geisti- 
gen Gesichtsfeldes: der Eine kann Vieles überschauen mit 
einem Blick, der Andre nur wenig. Es giebt z. B. Lidividuen, 
welche zwei und drei Schreibern zugleich Briefe ganz ver- 
schiedenen Inhalts dictiren, oder zwei bis drei Schachpartien 


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auf einmal spielen können, was die Meisten nicht vermögen. 
Der Eine sieht und hört während einer geistigen Arbeit Alles, 
was um ihn vorgeht, der Andre wird nichts davon gewahr, 
so lange er arbeitet. Unsere Sprache bezeichnet deshalb den 
Mangel an gehöriger geistiger Entwicklung treffend als Be- 
schränktheit des Geistes, und Hoffbauer unterscheidet 
mit Recht die Dummheit und Einfalt als einen Mangel an Aus- 
breitung oder an Intensität der Aufmerksamkeit. Das geistige 
Auge des Dummen hat ein so beschränktes Gesichtsfeld, dass 
er nur einen Punct zur Zeit betrachten kann, alles Andere 
sieht er nicht, wenn es auch noch so nahe liegt. Der Ein- 
fältige übersieht genug mit einem Blick, aber es fehlt an der 
nöthigen Schärfe desselben, und deshalb kann er es nicht zu 
einer deutlichen Vorstellung bringen. 

Da das Bewusstsein unmittelbar an die denkende Geistes- 
thätigkeit geknüpft ist, so wird in demselben nur das Ge- 
dachte direct und unmittelbar dargestellt und vorgestellt, wäh- 
rend Alles, was in dem Gemüthe vor sich geht, nur mittel- 
bar und indirect, in einer durch die Geistesthätigkeit verän- 
derten Form zum Bewusstsein gelangt. Deshalb haben wir 
von Allem, was in unserem Geiste vorgeht, klare und deut- 
liche Vorstellungen, von Allem, was in dem Gemüthe vorgeht, 
nur unklare und undeutliche. Es erklärt sich hieraus, warum 
wir so wenig wissen von dem inneren Leben unseres Ge- 
müths, warum so Vieles, was in demselben vorgeht, uns ver- 
borgen bleibt, und warum es so viel leichter ist, eine Psycho- 
logie des Geistes auszuarbeiten, als eine Psychologie des 
Gemütlies. Auf jene leichtere Arbeit haben sich die Philoso- 
phen in ihren psychologischen Untersuchungen grossentheils 
beschränkt, unter den Wenigen, welche sich mit der Unter- 
suchung des Gemüthes besonders beschäftiget haben, verdient 
besonders Spinoza eine ehrende Anerkennung. Hegel ist 
zum Theil durch seine polemische Stellung gegen die vor 
ihm ziemlich verbreitete pietistische Philosophie Jacobi’s zu 
einer ungebührlichen Geringschätzung des Gemüthes verleitet 
worden. Das Gemüth ist ihm nur die niedrigste Stufe des 
Seelenlebens, ein dumpfes, innerliches Weben des Geistes in 


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sich selber u. s. w., so dass es mir eine sehr untergeordnete 
Bedeutung haben soll. In der Wirklichkeit des Seelenlebens 
ist aber das Gemüth dem Geiste mehr gleichzustellen, als 
unterzuordnen; Beide verhalten sich zu einander, wie polare 
Gegensätze von Positivem und Negativem; ja es ist sehr die 
Frage, ob dem Gemütke nicht eine grössere Macht inwohnt, 
als dem Geiste. 

In unserem Bewusstsein kann Vieles zu derselben Zeit 
mehr oder weniger deutlich vorgestellt werden. Wenn ich 
z. B. über etwas spreche oder einen Vortrag halte, so kann 
ich zugleich sehen und hören, was um mich ist oder vorgeht, 
ich erkenne zugleich die berührten Gegenstände durch den 
Tastsinn, rieche und schmecke, wenn sich Riechbares und 
Schmeckbares diesen Sinnen darbietet; ich empfinde ferner 
die Wärme oder Kälte der umgebenden Luft, ich habe an- 
genehme und unangenehme Empfindungen, ich fühle Druck 
oder Schmerz, Wohlbefinden oder Unwohlsein^ ich werde ge- 
nau unterrichtet von der Stellung und Haltung meines Kör- 
pers und von den Bewegungen meiner Glieder. Zu gleicher 
Zeit geht die innere Gedankenentwicklung fort, ich nehme 
die innerlich erzeugten Gedanken wahr, und indem ich sie 
ausspreche, kann ich zugleich ihre Richtigkeit oder Ange- 
messenheit prüfen und erkennen, und hiermit verbinden sich 
Gefühle von Zufriedenheit oder Unzufriedenheit mit dem Ge- 
sagten, der W unsch oder das Verlangen, sich deutlich aus- 
zudrücken. Endlich können noch viele andere Gedanken und 
Gefühle dem Geiste undeutlich vorschweben; Bilder und Er- 
innerungen verschiedener Art tauchen empor, und durchkreu- 
zen die absichtlich hervorgerufenen Gedanken, ohne in ihrem 
flüchtigen Vorübereilen den Fortgang derselben zu stören, 
was sie nur dann thun, wenn sie durch ein starkes und 
lebhaftes Hervortreten den denkenden Geist von dem selbst- 
gewählten Objecte seines Denkens abzielien, und seine Auf- 
merksamkeit auf sich hinlenken. 

Viele von diesen gleichzeitig entstehenden Vorstellungen 
erscheinen allerdings nicht in demselben Augenblicke im Be- 
wusstsein, sondern in einem raschen Wechsel und so schneller 


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Aufeinanderfolge, dass wir die Zeitmomentc ihres Entstehens 
nicht unterscheiden können; allein eine gewisse Zahl dersel- 
ben kann unstreitig in demselben Zeitmomente im Bewusst- 
sein coexistiren. Die von den Sinnen und von dem Gemüthe 
zugeführten Ideen vermischen sich mit den im Bewusstsein 
durch das Denken erzeugten, und werden neben und mit ein- 
ander vorgestellt. In Folge des verschiedenen Ursprungs 
unserer Ideen können nicht nur mehrere zugleich in uns ent- 
stehen, sondern wir können auch den verschiedenen Ursprung 
erkennen, und werden dadurch in den Stand gesetzt, in uns 
selber ein Wissen, ein Bewusstsein und ein Selbstbe- 
wusstsein zu unterscheiden. Das Wissen besteht in einem 
unmittelbaren Vergegenwärtigen sinnlicher Wahrnehmungen 
und Empfindungen, das Bewusstsein ist ein innerliches Wis- 
sen von dem Inhalte dieses Wissens, das Selbstbewusstsein 
ein noch innerlicheres Wissen von dem Inhalte des Bewusst- 
seins als einem, in dem eigenen Ich vorhandenen. Ich kann 
z. B. wissen, dass ich einen Baum sehe, ohne dass ich dessen 
bewusst werde, wenn ich etwa, in einem Gespräch begriffen, 
an ihm vorübergehe; ich kann dessen bewusst sein, ohne zu 
wissen oder daran zu denken, dass ich es bin, der dieses 
weiss; ich kann aber auch zugleich wissen, dass Ich dies Be- 
wusstsein habe. Es ist weder für das blosse Wissen noth- 
wendig, dass man sich dessen bewusst sei, noch für das 
Bewusstsein, dass es ein Selbstbewusstsein sei; allein es kann 
nicht umgekehrt etwas in meinem Bewusstsein vorhanden sein, 
was ich nicht wüsste, oder in meinem Selbstbewusstsein etwas, 
dessen ich nicht bewusst wäre. Ein Haus kann kein drittes 
Stockwerk haben, ohne ein zweites und erstes; wohl aber ein 
erstes ohne ein zweites und drittes, und ein erstes und zwei- 
tes, ohne ein drittes. Der Inhalt, oder das, was gewusst 
wird, kann derselbe bleiben, nur die Form oder der Ort sei- 
nes Erscheinens ist ein anderer. Tritt eine Idee hervor in 
dem Rückenmarke oder den grossen Hirnganglien, so er- 
scheint sie als ein unmittelbares Wissen, tritt sie hervor im 
Gehirn, so erscheint sie im Bewusstsein, tritt sie hervor in 


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139 


dem denkenden Geiste selber, so erscheint sie im Selbst- 
bewusstsein. 

In diesem vereinigt und concentrirt sich schliesslich der 
ganze Inhalt des Wissens und des Bewusstseins und wird 
das freie Eigenthum des denkenden Geistes oder des persön- 
lichen Ichs, welches dadurch den Besitz aller in der Natur 
vorhandenen allgemeinen und göttlichen Gedanken sich an- 
eignen kann. 

In übereinstimmender Weise erscheinen, wie früher bereits 
auseinandergesetzt worden ist, die Gedanken und Gefühle in 
drei verschiedenen Formen oder Entwicklungsstufen in uns. 
Unsere Gedanken sind entweder unmittelbare Anschauungen, 
oder verständige Urtheile, oder vernünftige Folgerungen und 
Schlüsse, wodurch wir zu sinnlicher Kenntniss der Dinge, zu 
verständiger Einsicht und vernünftiger Erkenntniss gelangen. 
Wir unterscheiden demnach Sinn, Verstand und Vernunft als 
drei verschiedene Sphären der Geistesthätigkeit. Unsere Ge- 
fühle erscheinen in uns als leibliche Empfindungen, als innere 
Erregungen des Gemüths (Gemiithsbewegungen, Affecte und 
Leidenschaften), oder als höhere, übersinnliche, religiöse und . 
moralische Gefühle, und wir unterscheiden demnach auch in 
der Gemüthsthätigkeit drei verschiedene Sphären oder Ent- 
wicklungsstufen, Gemeingefühl, Selbstgefühl und Gewissen. 
In der Willensthätigkeit müssen sich dieselben Unterschiede 
wiederholen, weil der Wille keine selbständige Kraft der Seele 
ist, sondern aus der Macht des Geistes und des Gemüths 
hervorgehend durch Gedanken und Gefühle und durch die 
Wechselwirkung von beiden bestimmt wird. Er erscheint als 
unwillkührlich, willkührlich oder frei, als ein Müssen, Können 
oder Sollen, und hiernach unterscheiden wir ebenfalls in der 
Willensthätigkeit drei verschiedene Sphären oder Entwick- 
lungsstufen, Instinct, Willkühr und freies Wollen, welche in- 
nerlich als Absichten, Vorsätze und Entschlüsse in uns her- 
vortreten. 

Die allgemeinen Resultate der vorstehenden Untersuchun- 
gen lassen sich im Wesentlichen in folgende Sätze zusam- 
menfassen : 


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1) Die Seelenthätigkeit äussert sich im Allgemeinen durch 
centrifugale und centripetale Bewegungen, welche in polarem 
Verhältnisse zu einander zu stehen scheinen, sowohl im Cen- 
trum, als in der Peripherie in einander übergehen, und sich 
kreisförmig verbinden. 

2) Die Seele kann auf alle ihrem Gebiete angehören- 
den und ihr untergeordneten Thätigkeiten in verschiedenem 
Maasse, direct oder indirect, sowohl anregend als hemmend 
wirken. 

3) Es existiren nur zwei relativ selbständige besondere 
Seelenkräfte, Geist und Gemüth, durch deren Thätigkeit, 
Denken und Fühlen, Gedanken und Gefühle innerlich er- 
zeugt und äusserlich in Worten und Geberden dargestellt 
werden. 

4) Der Wille ist keine besondere, für sich bestehende, 
dem Geiste und Gemüthe coordinirte Seelenkraft, sondern 
geht aus der Thätigkeit des Geistes und Gemüthes und. der 
Wechselwirkung von beiden hervor. 

5) Die Seele erscheint im Allgemeinen auf drei verschie- 
denen Stufen oder in drei verschiedenen Sphären thätig, und 
die auf dieser verschiedenen Thätigkeit beruhenden Unter- 
schiede kommen zum Vorschein: 

a) In der Geistesthätigkeit als Sinn, Verstand und Ver- 
nunft, durch Anschauungen, Urtheile imd Schlüsse. 

b) In der Gemüthsthätigkeit als Gemeingefühl, Selbst- 
gefühl und Gewissen, durch leibliche Empfindungen, 
Gemüthsbewegungen und moralische Gefühle. 

c) In der Willensthätigkeit als Instinct, Willkühr und 
freier Wille, durch Absichten, Vorsätze und Ent- 
schlüsse. 

d) In dem Erinnern oder Erkennen als Wissen, Be- 
wusstsein und Selbstbewusstsein, durch Kenntniss, 
Einsicht und Erkenntniss. 

6) In allen Beziehungen steht das Seelenleben der wir- 
bellosen Thiere auf der niedrigsten, das der Wirbelthiere auf 
der mittleren, das menscbliche auf der höchsten Stufe, und 
wir finden demgemäss: 


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a) Bei den wirbellosen Thieren nur ein unmittelbares 
Wissen, Sinn, Gemeingefühl und Instinct. 

b) Bei den Wirbelthieren ausserdem noch Bewusstsein, 
Verstand, Selbstgefühl und Willkühr. 

c) Bei dem Menschen ausser allen Erscheinungen des 
thierischen Seelenlebens noch ausschliesslich Selbst- 
bewusstsein, Vernunft, Gewissen und freien Willen. 


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Zweiter Theil. 

Ton dem menschlichen Seelenleben. 


J)ie menschliche Seele ist eben sowohl, wie der menschliche 
Leib, ein gegliederter Organismus, und seine Glieder sind 
die besonderen Seelenkräfte auf den verschiedenen Stufen 
ihrer Thätigkeit. Jedes Glied hat seine besonderen Functio- 
nen und seine besonderen Zwecke mit relativer Selbständig- 
keit zu erfüllen, ist aber dem Ganzen untergeordnet und dienst- 
bar, so dass es nur dann seine Zwecke gehörig erfüllt und 
normal thätig ist, wenn es dadurch zur Erhaltung und Ent- 
wicklung des Ganzen oder zur Erfüllung der allgemeinen 
Zwecke beiträgt. Jede diesen Zwecken widerstrebende, über- 
mässige oder zu geringe partielle Thätigkeit ist eine abnorme, 
und begründet einen krankhaften Zustand der Seele. 

Wenn wir die lebendige Thätigkeit des menschlichen Lei- 
bes physiologisch erforschen wollen, so suchen wir uns zuerst 
eine genaue anatomische Kenntniss der verschiedenen Organe 
zu verschaffen, alsdann die besonderen Functionen derselben 
zu ermitteln und endlich ihre Wechselwirkung und ihren Zu- 
sammenhang zu ergründen. Eben so sollten wir auch ver- 
fahren in der Psychologie, wir sollten zuerst gleichsam ana- 
tomisch die verschiedenen Organe der Seele zu ermitteln und 
ihre Functionen festzustellen suchen, um zuletzt zu einer 
gründlichen Erkenntniss ihrer Wechselwirkung und ihres Zu- 
sammenhanges zu gelangen. Die Physiologie ist auf diesem 


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143 


Wege in stetigem Fortschreiten begriffen, und jeder Einzelne 
kann sie fordern, indem das, was er entdeckt, allgemeines 
Eigenthum der Wissenschaft wird. Die Psychologie ist bis 
jetzt keine solche fortschreitende Wissenschaft geworden, und 
fast alle einzelnen Betrebungen bleiben vereinzelte und ver- 
gebliche Versuche, weiter zu kommen. So lange es an einem 
sicheren Fundamente fehlt, ist ein gemeinsames Fortbauen 
unmöglich. Jeder fängt den Bau von Neuem an und sucht 
ihn auf seine Weise zu vollenden. Kein Nachfolger kann 
fortfahren, wo der Vorgänger aufgehört hatte; wenn auch 
dessen Ansichten und Meinungen mit oder ohne sein Wissen 
einen Einfluss auf ihn ausüben, so ist er doch genöthigt, den 
ganzen Bau von der Legung des Grundsteines an aufs Neue 
zu beginnen. In den Lehrbüchern der Psychologie finden wir 
daher viele und verschiedene theoretische Ansichten, viel Rai- 
sonnement, viele scharfsinnige Untersuchungen und im Ein- 
zelnen manche anziehende Darstellungen, aber wenig Wissen- 
schaft. Jeder Philosoph kann eine neue Psychologie ausar- 
beiten, ohne dass er genöthigt wäre, sich viel um seine 
Vorgänger zu kümmern: so wenig ist die Psychologie bis 
jetzt eine zusammenhängende, in stetiger Entwicklung begrif- 
fene Wissenschaft. 

Die Philosophen sind grossentheils in den Fehler verfal- , 
len, dass sie zu einseitig nur die denkende Thätigkeit der 
Seele zum Gegenstand ihrer Untersuchungen gemacht haben, 
als ob die Seele gar nichts anderes thäte, als denken, und 
die Gefühle eine Nebensache seien. Sie halten oft zu fest 
an der Einheit und Identität der Seelenthätigkeit, wollen Alles 
aus einem Princip herleiten und auf ein Princip zurückführen, 
und vernachlässigen dabei das Aufsuchen und Feststellen der 
Unterschiede; die Seele ist für sie nur der denkende Geist, 
ohne wesentliche Unterschiede seiner Thätigkeit. Es fehlt 
ihnen die Anatomie der Seele und damit das Fundament der 
psychologischen Erkenntniss. 

In den entgegengesetzten Fehler sind andere Psychologen 
und namentlich Aerzte verfallen. Sie betrachten alle verschie- 
denen Aeusserungen der Seelenthätigkeit als Wirkungen ver- 


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sehiedener Seelenkräfte, welche ohne weitere Untersuchung 
vorausgesetzt werden, deren Zusammenhang aber ganz uner- 
forscht bleibt. Anschauungsvermögen, Erinnerungsvermögen, 
Gedächtnis, Urtheilskraft, Einbildungskraft, Denkvermögen, 
Eingfindungsvermögen, Begehrungsvermögen, Wille, Verstand, 
Vernunft u. s. w. bilden ein Aggregat besonderer Seelenkräfte, 
welche jede für sich neben und durch einander wirken, ohne 
dass darnach gefragt wird, inwieferne sie von einander ab- 
hängen und in welchem Zusammenhänge sie stehen. 

Nirgends findet sich ein solches Auseinanderfallen der 
Seele in höherem Grade und in unwissenschaftlicherer Weise, 
als in der sogenannten Phrenologie, welche man in Deutsch- 
land, wo sie bereits ganz veraltet zu sein schien, gegenwärtig 
von Neuem ins Leben zu rufen sucht. Die Phrenologie ist 
ungefähr im Anfänge dieses Jahrhunderts von dem deutschen 
Arzte Gail erfunden worden, und führte anfangs den Namen 
der Gall’schen Schädellehre oder Kranioskopie. Gail reiste 
mit seinem Schüler und Gehülfen Spurzheim in ganz 
Deutschland umher, um überall Schädel zu untersuchen und 
über seine Erfindung Vorträge zu halten. Seine Lehre wurde 
dadurch sehr verbreitet, viel besprochen und bestritten, ge- 
rieth aber in Deutschland bald in Vergessenheit. Später 
wurde sie durch Spurzheim nach England verpflanzt, wo 
sie viele Anhänger fand, so dass in Edinburgh eine eigene 
phrenologische Gesellschaft gestiftet wurde. Gail lebte in 
den späteren Jahren seines Lebens in Paris, und seine Vor- 
träge fanden daselbst so vielen Auklang, dass sich ein leb- 
hafter Streit für und wider die Phrenologie erhob, als deren 
bedeutendste Gegner namentlich Louret und Feville auf- 
traten. Gegenwärtig scheint die Phrenologie in Frankreich 
im Absterben begriffen zu sein, und auch in Deutschland 
scheinen die neueren Wiederbelebungsversuche keinen bedeu- 
tenden und dauernden Erfolg zu versprechen. 

Gail behauptet auf dem Wege der Beobachtung und Er- 
fahrung entdeckt zu haben, dass jede besondere Eigenschaft 
oder Fähigkeit des Geistes und des Gemiithes an einer be- 
sonderen Protuberanz oder Hervorragung des Schädels zu 


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erkennen sei. Seiner Theorie zufolge sollen die einzelnen 
Theile des Gehirns oder der Windungen desselben besondere k 
Organe für gewisse Fähigkeiten der Seele sein, deren Anzahl 
und Verschiedenheit aus dem Bau des Schädels zu erkennen 
sei, wenn man die besonderen Ilervorraguugen und Vertie- 
fungen desselben mit den eigenthümlichen Fähigkeiten der 
einzelnen Individuen vergliche. Die Form des Schädels würde 
t nicht nur im Ganzen, sondern auch im Einzelnen bedingt 
durch die Entwicklung des Gehirns und nach Maassgabe der 
verschiedenen angeborenen Anlagen bilde die Seele diesen 
oder jenen Theil des Gehirns stärker aus, um vermittelst die- 
ser Organe die ihr inwohnenden besonderen Eigenschaften 
oder Fähigkeiten zu realisiren. Auf rein empirischen Wege 
glaubte Gail folgende besondere Seelenorganc entdeckt und 
aufgefunden zu haben (Gail sur les fonctions du cerveau et 
de 8es parties. VI. Tom. Paris 1822 — 1825.): 

1) Geschlechtstrieb. 2) Kindesliebe. 3) Freundschaft. 

4) Math, Raufsinn. 5) Würgsinn, Mordlust. 6) List, Klug- 
heit. 7) Eigenthumssinn, Stehltrieb, Geiz. 8) Stolz, Herrsch- 
sucht, Höhesinn. 9) Eitelkeit, Ehrgeiz. 10) Vorsicht, Behut- 
samkeit. 11) Sachgedächtniss, Erziehungsfähigkeit. 12) Orts- 
sinn, Raumsinn. 13) Personensinn. 14) Wortgedächtniss. 

15) Sprachsinn. 16) Farbensinn. 17) Tonsinn. 18) Zahlen- 
sinn. 19) Bausinn, Mechanik, Constructionssinn , Kunstsinn. 

20) Vergleichender Scharfsinn. 21) Metaphysischer Tiefsinn. 

22) Witz, Folgerungsvermögen. 23) Poetisches Talent, Dich- 
tergeist. 24) Gutmüthigkeit, Wohlwollen, Gewissenhaftigkeit. 

25) Mimisches Talent, Nachahmungstrieb. 26) Frömmigkeit. 

27) Festigkeit, Standhaftigkeit, Eigensinn. 

Spätere Phrenologen haben die Zahl der Organe vermehrt, 
die davon vermeintlich abhängigen Fähigkeiten zum Theil an- 
ders benannt und geordnet. So findet sich z. B. bei George 
Combe (das Wesen des Menschen, aus dem Englischen von 
Hirschfeld. Bremen. 1838.) folgendes Verzeichniss: 

Erste Klasse. Empfindungen. 

Erste Ordnung. Triebe, die der Mensch mit dem Thiere 
gemein hat. 

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Ausser dem Lebenstriebe und Nahrungstriebe : 1) Ge- 
schlechtstrieb. 2) Trieb der Kinderliebe. 3) Eiuheitstrieb. 

4) Anhänglichkeitstrieb. 5) Bekämpfungstrieb. 6) Zerstö- 
zungstrieb. 7) Verlieimlichungstrieb. 8) Erwerbtrieb. 9) 
Bautrieb. 

Zweite Ordnung. Gefühle. 

a) Gefühle, die der Mensch mit den Thieren gemein hat: 

10) Selbstachtung. 11) Beifallsliebe. 12) Vorsicht. 13) t 

Wohlwollen. 

b) Gefühle, die dem Menschen .allein zukommen: 

14) Ehrfurcht. 15) Festigkeit. 16) Gewissen. 17) Iloff- 
■* nung. 18) Gefühl für das Wunderbare. 19) Idealität 20) 
Witz. 21) Nachahmung. 

Zweite Klasse. Verstandesvermögen. 

Erste Ordnung. Aeussere Sinne. 

Zweite Ordnung. Erkenntnisvermögen, welche das Da- 
sein und die Eigenschaften äusserer Gegenstände wahrnehinen : 

22) Gegenstandsinn. 23) Gestaltsinn. 24) Grössensinn. 

25) Gewichtsinn. 26) Farbensinn. 

Dritte Ordnung. Erkenntnis vermögen, welche die Be- 
ziehungen äusserer Gegenstände wahrnehmen: 

27) Ortssinn. 28) Zahlensinn. 29) Ordnungssinn. 30) 
Thatsachensinn. 31) Zeitsinn. 32) Tonsinn. 33) Sprechsinn. 

Vierte Ordnung. Denkvermögen. 

34) Vergleichungsvermögen. 35) Schlussvermögen. 

Dieser Versuch, die angeblichen Organe in eine wissen- 
schaftlichere Ordnung zu bringen, als Gail es gethan hatte, 
ist nicht sehr gelungen und Manches darin auffallend, z. B. 
dass der Witz ein Gefühl sein soll, und die Nachahmung 
ebenfalls ein Gefühl und kein Trieb, dass der Mensch allein 
Nachahmung besitzen, Selbstachtung und Wohlwollen aber 
mit den Thieren gemein haben soll u. s. w. Wenn die Seele 
aber in der That aus einer solchen Menge für sich existiren- 
der und wirkender Organe oder Fähigkeiten componirt wäre, 
ohne allen inneren Zusammenhang, so würde das Seelenleben 
jedes Individuum nur ein wundersames Chaos von sich durch- 
kreuzenden Erscheinungen darbieten können. Setzen dagegen 


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die Phrenologen einen inneren Zusammenhang voraus, so wäre 
dieser unstreitig die Hauptsache, und vor allen Dingen das 
Organ nachzuweisen, welches die Thätigkeit aller übrigen 
Organe ordnete, leitete und zügelte. Ohne eine solche ord- 
nende und leitende Macht wäre die Thätigkeit der Organe 
eine ganz zufällige, eben so, wie die Voraussetzung der ver- 
schiedenen Organe eine ganz zufällige ist, und nur auf ver- 
,i einzelten und unsicheren Wahrnehmungen beruht. Wenn nur 
mehr Raum an dem Umfange des Schädels vorhanden wäre, 
so würden ohne Zweifel noch mehr Organe sich entdecken 
lassen, indem der phrenologischen Theorie zufolge für jede 
besondere Neigung, für jeden Trieb und jede Leidenschaft 
ein besonderes Organ und ein besonderer Sinn vorhanden 
sein müsste, z. B. ein Spielsinn, ein Jagdsinn, ein Tanzsinn, 
ein Spottsinn, ein Verläiundungssinn, ein Veränderlichkeits- 
sinn, ein Müssiggangssinn u. s. w. 

Gail hat auch die Vergleichung des menschlichen Schä- 
dels mit Thierschädeln vielfach benutzt, um aus besonderen 
Eigenschaften des Thieres und der Form seines Schädels die 
Stelle des Organs für die entsprechende Fähigkeit am mensch- 
lichen Schädel abzuleiten. So soll z. B. die Gemse, weil sie 
auf hohen Bergen wohnt, einen vorherrschenden Höhesinn 
besitzen und das Organ desselben an derselben Stelle des 
Schädels sich vorfinden, wo bei dem Menschen das Organ 
des Stolzes residirt. Leuret hat nachgewiesen, dass diese 
Vergleichungen durchgehends falsch sind, weil Gail die Stel- 
lung des Schädels und die Art seiner Verbindung mit den 
Halswirbeln bei den verschiedenen Thieren zu wenig berück- 
sichtigt hatte, und die correspondirenden Puncte der mensch- 
lichen und thierischen Schädel nicht da liegen, wo Gail sie 
suchte. Nach einer richtigen Vergleichung würde, wie be- 
hauptet worden ist, das Schaaf sich durch poetisches Talent, 
und der Ochse durch metaphysischen Tiefsinn auszeichnen. 

Der bedeutendste Vorwurf, welcher der Phrenologie ge- 
macht werden kann und muss, ist der gänzliche Mangel an 
Uebereinstimmnng mit der Organisation des Gehirns. Es 
ist kaum zu begreifen, wie Gail und S pur z heim dies so 

lü* 


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wenig berücksichtigt haben, da sie sich docli so viel und so 
erfolgreich mit der Anatomie des Gehirns beschäftigt haben. 
Gail behauptet freilich, und andere Phrenologen nach ihm, 
dass die einzelnen Organe am Schädel mit den verschiedenen 
Windungen des Gehirns zusammenfallen, ein vergleichender 
Blick auf den Schädel und das Gehirn lehrt aber das Gegen- 
theil. Dieser Widerspruch ist besonders von Foville her- 
vorgehoben worden, dem wir überhaupt die naturgemässesten 
Ansichten über den Bau der Gehirnwindungen verdanken. 
(Foville, Traite de l’Anatomie du Systeme nerveux cerebro- 
spinal. Paris 1844.) Der äusserlichen Begrenzung der am 
Schädel entdeckten Organe entspricht nirgends eine innere 
Begrenzung der Hirnwindungen. Ueberdies sind die Schä- 
delknochen selbst von verschiedener Dicke, und das Gehirn 
füllt die Schädelhöhle nicht so aus , dass jeder etwas stärke- 
ren Wölbung des Schädels eine gleiche Wölbung des Gehirns 
entsprechen müsste. Schädelknochen und Gehirn sind durch 
die Hirnhäute und wässerige Feuchtigkeit von einander ge- 
trennt, und am Stirnbein liegen hinter der vorderen Knochen- 
platte, deren Hervortreten die dort zu treffenden Organe bil- 
det, die Stirnhöhlen, deren Grösse sehr variirt, die aber bei 
bedeutender Ausdehnung, z. B. einen grossen Ortssinn an- 
deuten könnten , wenn auch die dahinter liegende Partie des 
Gehirns gar nicht bedeutend entwickelt wäre. Sehr imgün- 
stig ist es ausserdem für die Phrenologie, dass eine grosse 
Anzahl von Windungen des Gehirns an der Basis desselben 
und an der inneren Seitenfläche jeder Hemisphäre liegen, und 
sich daher äusserlich am Schädel gar nicht kund thun kön- 
nen. Auch im glücklichsten Falle würden also die Phreuo- 
logen eine beträchtliche Zahl von Seelenorganen gar nicht zu 
entdecken vermögen. 

Die Phrenologen können sich nur auf die Erfahrung be- 
rufen, und beziehen sich dabei gerne auf die Schädel solcher 
Individuen, welche sich im Leben durch eine hervorragende 
Fähigkeit besonders ausgezeichnet haben. Mit Raphaels 
Schädel ist es ihnen dabei unglücklich gegangen, indem sich 
ergeben hat, dass man nicht den wirklichen Schädel Raphaels 


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in Händen gehabt hatte, sondern einen anderen. Es ist auch 
darauf Gewicht gelegt worden,* dass man bei Cüvier nach 
seinem Tode ein ungewöhnlich grosses Gehirn gefunden habe, 
und es ist wohl nicht zu bezweifeln, dass im Allgemeinen 
ein gewisses Verhältniss Statt finden werde zwischen der 
geistigen Entwicklung und der Grösse des Gehirns. Allein 
auf der anderen Seite giebt es auch geistig ausgezeichnete 
Männer mit auffallend kleinen Köpfen und Schädeln, und die 
Dickköpfe sind gewiss nicht immer die Klügsten. Die Aus- 
bildung und Wirksamkeit aller Organe steht mehr in directein 
Verhältniss zu der Qualität, als zur Quantität, und es wäre 
sehr auffallend, wenn dies bei dem Gehirn anders sein sollte. 
Von den Phrenologen wird aber die qualitative Entwicklung 
der vermeintlichen Organe gar nicht berücksichtigt, Masse 
und geistige Kraft ist für sie gleichbedeutend. 

Anfangs wurde von den Phrenologen angenommen, dass 
bei vorherrschender Ausbildung eines besonderen Organes 
die davon abhängige Eigenschaft oder der damit verbundene 
Trieb nothwendig in dem Leben des Individuums hervortre- 
ten müsse. Es fand sich aber bald, dass dies in der Wirk- 
lichkeit nicht immer der Fall sei und die Phrenologen sahen 
sich selbst dazu genöthigt, diese Thatsache anzuerkennen. 
Sie nahmen deshalb ihre Zuflucht zu der Behauptung, dass 
man sich nie auf die Untersuchung einzelner Organe beschrän- 
ken dürfe, sondern alle an dem ganzen Schädel befindlichen 
Organe aufsuchen und vergleichen müsse, um ein Urtheil über 
die individuelle Persönlichkeit fällen zu können. Wäre z. B. 
das Organ des Zerstörungstriebes oder Mordsinnes stark ent- 
wickelt, so brauche darum der Trieb zum Zerstören und 
Morden in dem Leben des Individuums noch nicht hervorzu- 
treten, weil die Wirksamkeit jenes Organes vielleicht durch 
eine gleich starke oder noch stärkere Entwicklung des Orga- 
nes der Gutmüthigkeit unterdrückt werde. Dass durch die- 
sen Grundsatz ihre ganze Lehre theoretisch und practisch 
vernichtet wird, scheinen die Phrenologen gar nicht zu be- 
merken. Es ist aber um so gewisser der Fall, da alle an der 
Basis und an den inneren Seitenflächen des Gehirns belege- 


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neu Organe sieh der Beobachtung ganz entziehen, mithin in 
keinem einzigen Falle die individuelle Persönlichkeit eines 
Menschen aus den an der Oberfläche des Schädels beobach- 
teten Organen mit irgend einer Sicherheit oder nur mit Wahr- 
scheinlichkeit sich beurtheilen liesse. 

Die Wahrscheinlichkeit, dass besondere Geistesfähigkeiten 
mit einer stärkeren Ausbildung besonderer Partien des Ge- 
hirns Zusammenhängen, ist nicht in Abrede zu stellen; auf 
dem von den Phrenologen eingeschlagenen Wege wird dieser 
Zusammenhang aber schwerlich zu entdecken sein, ein ober- 
flächliches Betasten des Schädels und ein eben so oberfläch- 
liches Betrachten der Eigenschaften des Menschen kann dazu 
nicht hinreichen. So lange von keinem einzigen Theile des 
Gehirns die Functionen mit Sicherheit erkannt sind, so lange 
wir nicht wissen, wo die Worte in demselben entstehen, so 
lange nicht einmal die Function des kleinen Gehirns consta- 
tirt ist, und so lange die verschiedenen Kräfte der Seele nicht 
einmal im Allgemeinen mit Bestimmtheit unterschieden und 
festgestellt worden sind : ist gewiss keine Aussicht vorhanden, 
die psychologische Bedeutung einzelner Gehirntheile zu er- 
mitteln. Das Einzige, was in dieser Beziehung ermittelt zu 
sein scheint, besteht in der Voraussetzung, dass das eigent- 
liche Nachdenken, das innerliche Sprechen der Seele in der 
vorderen Hälfte des grossen Gehirns vor sich geht. Dies 
sagt uns die eigene Wahrnehmung, indem wir uns deutlich 
bewusst sind, dass wir mit dem vorderen Theile des Kopfes 
und nicht mit dem Hinterkopfe denken, und die Schädelbil- 
dung des Menschen und der Thiere bestätigt es. Eine er- 
habene Stirn deutet immer auf tiefe Gedanken, und in dieser 
Beziehung dürften auch die Phrenologen Recht haben, wenn 
sie die Organe des Denkvermögens, metaphysischen Tiefsinn, 
Witz und Scharfsinn in die Gegend des Stirnbeines verlegen. 

Die Structur des Gehirns und namentlich der Gehirnwin- 
dungen macht es nicht wahrscheinlich, dass besondere Talente 
oder Eigenschaften des Menschen an besondere Windungen 
oder gar an einzelne Theile von Windungen gebunden seien. 
Alles scheint vielmehr darauf hinzudeuten , dass die Gedan- 


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151 


kenbildung durch die Windungen des grossen Gehirnes in 
analoger Weise vermittelt werde, wie die Umwandlung des 
Blutes in den Lungen, und dass das grosse Gehirn denkt, 
wie die Lunge atlunet. Auf analoge Weise, wie in der Lunge, 
und zwar in der ganzen Peripherie ihrer Zellen das venöse 
Blut in arterielles umgewandelt wird, scheinen die dem gros- 
sen Gehirne zugeführten sinnlichen Bilder und Empfindungen 
in Worte umgewandelt zu werden, und diese Umwandlung 
scheint in der Peripherie der Windungen, durch Wechsel- 
wirkung der weissen und grauen Substanz, bewerkstelligt zu 
werden. So wie beträchtliche Theile der Lungen, sogar eine 
ganze Hälfte derselben, zerstört werden können ohne wesent- 
liche Beeinträchtigung des Athmens, eben so können durch 
Verwundung und Eiterung beträchtliche Partien des grossen 
Gehirns zerstört werden ohne wesentliche Beeinträchtigung 
des Denkens. 

Der ausserordentliche Grad, bis zu welchem einzelne Ta- 
lente und Fähigkeiten in einzelnen Individuen sich entwickeln 
können, ist allerdings sehr merkwürdig, dürfte aber schwer- 
lich in der Voraussetzung eines besonders entwickelten Orga- 
nes eine genügende Erklärung finden. Man kennt namentlich 
berühmte Rechner, Sprachforscher, Musiker, Maler, Bildhauer, 
Dichter, Redner und Philosophen, bei denen sich das hervor- 
ragende besondere Talent zum Theil schon in früher Jugend 
gezeigt und anscheinend nur in Folge einer angeborenen Na- 
turanlage entwickelt hat. Zu dieser Entwicklung ist aber 
meistens ein Zusammenwirken mehrerer Fähigkeiten erforder- 
lich. Durch einen grossen Farbensinn allein wird kein Mensch 
ein Raphael oder Albrecht Dürer werden, bei berühmten Ton- 
künstlern, wie Liszt und Paganini, verbindet sich ein sehr 
ausgebildeter Tonsinn mit eben so grosser technischer Vir- 
tuosität; aber wer Beides auch im höchsten Grade besitzt, 
der wird dadurch noch kein Haydn, Mozart oder Beethoven. 
Wer einen ausgebildeten Sinn für Rhythmus und Reime be- 
sitzt, der mag dadurch wohl ein guter Versmaeher werden 
können, aber sicherlich niemals ein grosser Dichter. Zum 
Dichten, zum Componiren und zu allen ausserordentlichen 


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152 


I 


Leistungen gehört insbesondere ein grosses productives Talent, 
welches sich mit jenen anderen untergeordneten Fähigkeiten 
vereinigen muss. Ohne Phantasie, ohne die Fähigkeit der 
Begeisterung, ohne productives Talent wird Keiner ein grosser 
Dichter oder Künstler werden, und wer dazu befähigt ist, 
bei dem ist es vielleicht oft nur von zufälligen Umständen 
und Lebensverhältnissen abhängig, in welcher besonderen Rich- 
tung diese Fähigkeit sich vorzugsweise entwickelt. Leonardo 
da Vinci hätte vielleicht ein eben so berühmter Philosoph und 
Dichter werden können, wie er es als Maler geworden ist, 
und Göthe würde ohne Zweifel als Naturforscher nicht min- 
der berühmt geworden sein, wie er es als Dichter geworden 
ist, wenn der Zufall ihn auf einen anderen Lebensweg ge- 
führt hätte. 

Ganz vernachlässigt werden von der Phrenologie die 
Sinnesorgane, deren psychologische Bedeutung überhaupt und 
ganz allgemein viel zu wenig gewürdigt wird. Der soge- 
nannte Ortssinn und Personensinn z. B. beruhen vielleicht 
weit mehr auf der eigenthümlichen Beschaffenheit des Auges, 
als irgend eines Gehirntheiles. Jedenfalls kommen dabei nur 
diejenigen Theile des grossen Gehirns in Betracht, welche 
mit den Sehnerven in unmittelbarer Verbindung stehen, in 
welchen die inneren Bilder der sichtbaren Gegenstände ent- 
stehen und bei der Erinnerung reproducirt werden. Diese 
Theile liegen aber höchst wahrscheinlich nicht an der Ober- 
fläche des Gehirns, sondern in den grossen Hirnganglien. 
Wer keinen Personensinn hat, d. h. öfter gesehene Personen 
nicht wieder erkennen kann, ist in der Regel auch nicht im 
Stande, sich ein deutliches Bild von irgend einem Abwesen- 
den zu machen , selbst nicht von den nächsten Angehörigen 
und Familienmitgliedern. Wer hingegen fast jeden einmal 
gesehenen Menschen gleich wieder erkennt, kann sich auch 
Abwesende deutlich vorstellen, manchmal so deutlich, als ob 
sie vor ihm ständen. Diese Verschiedenheit beruht wohl 
hauptsächlich auf einem verschiedenen Gedächtniss des Auges, 
vielleicht auch auf einem verschiedenen Auffassungsvermögen 
desselben, indem der Eine alle Gegenstände unbestimmter und 


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153 


mehr nur ihr Ganzes, der Andre zugleich das Detail erblickt. 
Man sucht mit Unrecht den Sitz des Gedächtnisses ausschliess- 
lich im Gehirn, weil man in Folge eines verjährten Vorur- 
theils nur dem Gehirn ein selbständiges Leben zuschrieb. 
Das Rückenmark und alle Nerven haben ohne Zweifel eben- 
falls ein Gedächtniss, wie z. B. jede durch Uebung zu erlan- 
gende Fertigkeit, und die Erinnerungen der Schenkelnerven 
an ein amputirtes Bein darthun. Das Vermögen, die Bilder 
abwesender Personen und Dinge willkührlich auf der Netz- 
haut des Auges zu reproduciren , dürfte dagegen im Gehirn 
zu suchen sein, welches überhaupt der Sitz des eigentlichen 
Erinnerungsvermögen zu sein scheint. Ich habe einen Mann 
gekannt, der im Alter von 56 — 60 Jahren bei ungeschwäch- 
tem Auge in Folge einer krankhaften Affection des Gehirns 
das Vermögen verloren hatte, gesehene Dinge innerlich zu 
reproduciren. Er war Rector einer Schule, ein guter Mathe- 
matbiker, hatte sich stets für Maschinen interessirt, und war 
sonst im Stande gewesen, die ganze Zusammensetzung com- 
plicirter Maschinen mit Leichtigkeit in einem deutlichen Bilde 
zy reproduciren. Dies Vermögen hatte er so sehr verloren, 
dass er nicht im Stande war, die Zusammensetzung einer 
ganz einfachen Maschine zu erinnern, obgleich sie ihm voll- 
kommen klar und deutlich war, so lange er den Blick darauf 
richtete. Sobald er das Auge abwandte, war es ihm unmög- 
lich, sich von dem Bau der Maschine eine deutliche Vorstel- 
lung zu machen. 

Zu den merkwürdigsten Fällen von anscheinend angebor- 
nen ausserordentlichen besonderen Geistesfähigkeiten gehören 
die berühmten Rechner, wovon ich einige Beispiele anführen 
will, da ich selbst Gelegenheit hatte, den Berühmtesten der- 
selben näher kennen zu lernen. Das erste Beispiel findet sich 
bei Gail, nach einem Berichte des Amerikaners Mac-Neven, 
(Med. and. Philosoph. Journ. and Review. New-York 1811. 
Gail, sur les fonctions du cerveau. Tom. V, pag. 136). 
Zerah Colborn, im Jahre 1804 in den vereinigten Staaten 
von Nordamerika geboren, war in seinem Benehmen und sei- 
nen kindischen Spielen wie andere Kinder, zeigte aber, so- 


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bald seine Aufmerksamkeit ganz auf irgend eine Sache ge- 
richtet war, über sein Alter hinausgehende Fähigkeiten, und 
ganz besonders war dies der Fall in Beziehung auf Rechnun- 
gen. Sein wunderbares Talent zum Rechnen wurde dadurch 
entdeckt, dass sein Vater, als er 6 Jahre alt war, bemerkte, 
wie er zu seinem Vergnügen einige Zahlen halblaut multiplicirte, 
und die durch diese Entdeckung veranlasste Uebung führte 
in einigen Monaten zu einer ausserordentlichen Entwicklung 
dieses Talentes. Er war noch nicht 7 Jahre alt, als Mac- 
Neven ihn folgende Fragen beantworten hörte. Fr. Was 
machen 1347, 1953 und 2091? A. 5391. Fr. Welche Zah- 
lengeben, mit einander multiplicirt, 1242? A. So schnell, wie 
die Sprache es gestattete, 54 mal 23, 9 mal 138, 27 mal 46, 
3 mal 414, 6 mal 207, 2 mal 621. Fr. Welche Zahl giebt, 
mit sich selbst multiplicirt, 1369? A. 37. Fr. Welche Zahl 
giebt, mit sich selbst multiplicirt, 2401? A. 49, und 7 mal 
343 giebt dieselbe Zahl. Wenn man die Zahlen durch Tau- 
sende und Hunderte bezeichnete, so rief er ungeduldig : stellt 
sie in Hunderten, d. h. für 2401 sollte man sagen: 24 Hun- 
derte und 1. Fr. Was macht 6, 6mal mit sich selbst multi- 
plicirt? Er rechnete hierauf ganz laut, und so schnell, wie 
die Worte gesprochen werden können: 6 mal 6 sind 36, 6 
mal 36 sind 216, 6 mal 216 sind 1296, 6 mal 1296 sind 
7776, 6 mal 7776 sind 46656 und 6 mal 46656 sind 279936. 
Fr. Wie viele Stunden enthalten 25 Jahre 11 Monate und 
3 Tage? A. 226992. Der Fragsteller hielt diese Zahl für 
unrichtig; Zer ah versicherte nach einem augenblicklichen 
Nachdenken, dass sie richtig sei, und es fand sich, dass er 
Recht hätte. Der Fragsteller hatte vergessen, die Schaltjahre 
zu berücksichtigen, und die letzten 11 Monate zu 30 Tagen 
angenommen. (Diese Angaben sind fehlerhaft und vielleicht 
ist das Umgekehrte der Fall gewesen; 226992 Stunden sind 
9458 Tage, also grade 25 Jahre zu 365 Tagen, 11 Monate 
zu 30 Tagen und 3 Tage. Aus der Frage selbst ist die Anzahl 
der Schaltjahre und der Monatstage nicht genau zu wissen; 
in 25 Jahren können 6 und 7 Schaltjahre Vorkommen.) 

Zuletzt multiplicirte er noch sehr schnell 123 mit 237, 


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und 1234 mit 1234. Man bemerkte, dass schwierige Aufga- 
ben ihn ermüdeten, und er bat selbst, ihm nicht zu compli- 
cirte Aufgaben zu geben. Er schien auch in anderen Bezie- 
hungen sehr begabt zu sein, war aber niemals in der Schule 
gewesen und konnte weder lesen noch schreiben. Einige 
Tage vor dem Besuche von Mac-Neven hatte eine Dame 
ihn gefragt, wie viel 3 Nullen mit 3 Nullen multiplicirt mach- 
ten; die Antwort war: grade das, was Ihr seid, gar nichts. 
Auf die Frage, wie er seine Berechnungen mache, erwiederte 
er, dass er sie deutlich vor sich sähe. Von Brüchen hatte 
er noch keine Idee, und konnte nur mit ganzen Zahlen rech- 
nen. Bei etwas complicirten Rechnungen hörte man ihn oft 
laut multipliciren, addiren oder subtrahiren, und zwar mit einer 
unglaublichen Schnelligkeit. Mac-Neven erwähnt noch, 
dass ein Mann in Utica im Alter von 6 Jahren sich durch 
eine besondere Fertigkeit im Kopfrechnen ausgezeichnet, diese 
Fähigkeit aber, ohne zu wissen wie, im 8ten Lebensjahre 
verloren habe. 

Ein zweites Beispiel findet sich in Moritz Magazin für 
Erfahrungsseelenkunde (Bd. 5. St. 2. S. 105. Berlin 1787. 
Aus Gentlem. Magaz. Febr. 1751). Jedediah Buxton, 
ein armer Tagelöhner, welcher 1751 in Clinton nahe bei 
Chesterfield in Derbyshire lebte und damals etwa 50 Jahre 
alt war, hatte in seiner Jugend nur das Einmaleins gelernt, 
und konnte nicht einmal seinen Namen schreiben. Dessen 
ungeachtet hatte er es durch seinen Fleiss und mit Hülfe 
seines Gedächtnisses dahin gebracht, dass er mit bewunderns- 
würdiger Leichtigkeit 5 bis 6 Ziffern durch eben so viele 
andere multipliciren und dividiren konnte. Er beantwortete 
u. a. folgende Fragen. Fr. Wie gross ist die Quadratfläche 
eines 423 Ellen langen und 383 Ellen breiten Feldes? A. 
Nach 2 Minuten 162009 Ellen. Fr. Wie viele Gerstenkörner 
können in einer Länge von 8 Meilen liegen? A. Nach 1£ Mi- 
nuten, 1520640. Fr. Wie viele Male dreht sich ein Kntschen- 
rad von 6 Ellen Umfang auf einem Wege von 204 Meilen? 
A. Nach 13 Minuten, 59840 mal. Fr. Wie viel Cubikzoll 
hat ein Körper, dessen eine Seite 23145789, die andere 5642732, 


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die dritte 54965 Ellen enthielte? Der Fragsteller sagte ihm 
die Zahlen ein einziges Mal deutlich nach einander vor, und 
Buxton fing in seinem Kopfe mitten unter seiner Arbeit und 
unter dem Geräusche von mehr als 100 Mitarbeitern zu rech- 
nen an. Der Fragsteller entfernte sich, um die Aufgabe mit 
der Feder auszurechnen. Als er nach 5 Stunden zurückkehrte, 
fragte Buxton, von welchem Ende er die einzelnen Ziffern 
seiner Summe ansagen solle, und sagte darauf die im Kopfe 
berechnete Summe von 28 Ziffern ohne den geringsten Feh- 
ler her. Millionen und Millionen von Millionen, welche er 
tribes und cramps nannte, waren ihm eben so geläufig, als 
Pfunde, Schillinge und Pence. Er erzählte, dass er im Jahre 
1725 ungefähr einen Monat lang von seinen Gedächtnissrech- 
nungen ganz verwirrt gewesen wäre, und zuletzt 7 Stun- 
den in einem tiefen Schlafe gelegen habe. Damals habe er 
ausgerechnet, wie viel Gerste, Wicken, Erbsen, Weizen, Hafer, 
Roggen, Bohnen, Linsen und Haare (jedes 1 Zoll lang), einen 
Raum von 202680000360 Cubikmeilen fassen könne, wobei 
für die Länge, Breite und Dicke dieser Dinge ein bestimm- 
tes Maass angenommen wurde. 

Die schwierigste Aufgabe, welche Buxton löste, bestand 
darin, die Zahl 725958238096074007868531656993638851106, 
eine Zahl von 39 Ziffern mit sich selbst zu multipliciren. 
Nachdem er 2i Monate daran gerechnet, gab er folgende 
78zifl5"ige Quadratzahl an: 

52701536345955738567373354263859172121 
3298966079307524904381389499251 637423236. 

(Von diesen Zahlen sind jedoch, wie Dase mir gezeigt hat, 
nur die 14 ersten, und die letzten 21 richtig, die mittleren 
43 falsch; das richtige Facit ist folgendes: 

527015363459556078948904969704567557856 

316377529375534105381389499251637423236). 

Buxton Hess sich in seinen Rechnungen durch nichts irre 
machen und setzte sie während des Sprechens und unter allerlei 
Geräusch fort. Er fing, ohne sich zu irren, am anderen 
Tage da wieder an, wo er am vorhergehenden aufgehört hatte, 
und fuhr auf diese Weise bei grossen Rechnungen Wochen 


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157 


und Monate fort, bis er damit fertig war. Wenn er sie auch 
lange liegen liess, so standen sie doch immer mit der grössten 
Lebhaftigkeit vor seinen Augen , und er fuhr nach Monaten 
da fort, wo er aufgehört hatte. Er konnte die längsten Zif- 
ferreihen, wie man es wollte, vor und rückwärts hersagen. 
Er liess sich von zwei Personen ganz verschiedene Aufgaben 
unmittelbar hinter einander vorsagen, und gab nachher Jedem 
die gehörige Antwort. Fand sich darin ja einmal ein Fehler, 
so wiederholte er die ganze Rechnung und änderte den Feh- 
ler ab. Sein Gedächtniss war ihm so treu, dass er eine ein- 
mal ausgerechnete Summe nach zwei Monaten noch völlig 
und ohne Anstoss wieder hersagen konnte. Mac-Neven 
erzählt noch von ihm, dass die Musik ihm nur als eine Con- 
fusion von Tönen erschienen sei, und dass er, ins Theater 
geführt, als Garrick in einem Stück von Shakespeare auftrat, 
sich nur damit beschäftigte, die Anzahl der Wörter zu zäh- 
len, welche dieser grosse Schauspieler aussprach. 

Alles, was Colborn, Buxton u. a. ausserordentliche 
Rechner gcleisset haben, erscheint unbedeutend in Vergleich 
mit den bewundernswerthen Leistungen unseres Zeitgenossen 
Zacharias Dase aus Hamburg, zu deren genauer Beobach- 
tung und Prüfung ich die dargebotene Gelegenheit möglichst 
benutzt habe. Ich will zuerst berichten, was er in drei auf 
einander folgenden öffentlichen Vorstellungen, am 12ten, loten 
und 19ten Januar 1852 producirte, und dann hinzufügen, was 
ich während derselben Zeit bei täglichem Verkehr theils an 
ihm beobachtet, theils von ihm selbst erfahren habe. 

Dase begann damit, dass er eine Zahl von 12 Ziffern an 
eine Tafel schreiben liess, einen flüchtigen Blick darauf warf, 
und die Ziffern vor- und rückwärts hersagte. Dann liess er 
die Zahl mit einer beliebigen einzifirigen Zahl multipliciren 
und nannte den Multiplicator , sobald man ihm das darunter 
geschriebene Facit vorsagte. Die erste Zahl wurde hierauf 
zu diesem Facit addirt und nachher von ihr subtrahirt, und 
Dase gab die Summe an, sobald sie berechnet und darunter 
geschrieben waren. Alsdann wurden alle vier Zahlenreihen 
addirt, und die von Dase ebenfalls angegebene Summe wie- 


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der darunter geschrieben. Auf diese Weise entstanden in der 
ersten Vorstellung nachstehende fünf Zahlenreihen: 

463902786549 

3247319505843 

3711222292392 

2783416719294 

10205861304078 

Diese Zahlenreihen wurden von den Zuhörern abgeschrie- 
ben, ausgelöscht, am Schlüsse der Vorstellung wieder auf die 
Tafel geschrieben, und von Dase, ohne dass er einen Blick 
darauf warf, der Reihe nach aus dem Gedächtniss vorwärts 
und rückwärts hergesagt. In den folgenden Vorstellungen 
wurde eben so verfahren , aber die in den vorhergehenden 
gebildeten Zahlenreihen mit dazu genommen, so dass am 
Schlüsse der dritten Vorstellung folgende Zahlenreihe auf die 
Tafel geschrieben und von Dase aus dem Gedächtniss her- 
gesagt wurde: 

46390278654932473 1 9505843371 122229239227834167 1 9294 

SS so 8 5 7 0 7 S 80 85 90 95 100 

102058613040781234791526049878332208321111312373436 

105 1IO 115 12 0 125 13 0 135 1 4 0 145 UO 

864354068228308697881510013485967206053943868824067 

155 180 185 170 175 180 185188 

42983603004045790161801753175736780. 

Diese ganze Reihe von 188 Ziffern sagte Dase nicht nur 
vorwärts und rückwärts her, sondern gab auch jede beliebige 
Zahl in der auf die angedeutete Weise bezifferten Reihe an, 
z. B. die 25ste, die 137ste u. s. w. , und eben so gab er an, 
wie oft und an welchen Stellen jede beliebige Ziffer, 7, 9, 3 
u. s. w. vorkäme. Er irrte sich dabei nie, musste sich aber 
oft besinnen, um einen Irrthum zu vermeiden. Das Hersagen 
der langen Zahlenreihe vor- und rückwärts machte auf die 
Anwesenden einen solchen Eindruck, dass Manche es nicht 
aushalten konnten und Weggehen mussten, weil ihnen die dazu 
erforderliche Geistesanstrengung erdrückend zu sein schien. 
Dase versicherte mir aber lächelnd, dass gar keine besondere 
geistige Anstrengung damit verbunden sei. 

Hierauf wurden 5 Reihen von 19 Ziffern unter einander 


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geschrieben und in einem Nu im Kopfe addirt; dasselbe ge- 
schah bei mehreren Subtraetionsexempeln , und dann folgten 
Multiplication, Division, Ausziehen von Wurzeln, Berechnung 
von Factoren und Aufgaben aus der Regeldetri. Von den 
verschiedenen gegebenen Aufgaben lasse ich einige nachfolgen. 

Fr. Was machen 354783293 multiplicirt mit 5423957? 
A. Nach etwa 1J Minuten 19243293^5550401. Fr. Was machen 
97486125 multiplicirt mit 59857143?? A. fcach ungefähr dersel- 
ben Zeit, 5835240924640875. Fr. Was machen 6529710840352 
dividirt durch 98? A. Fast auf dj;r Stelle, 66629702452^. 
Fr. Was machen 684028396281753 dividirt durch 6541325? 
A. Nach etwa 2£ Minuten, 10457031 . Fr. Was 
machen 423339075240048565 dividirt durch 708346795? A. 
Nach etwa 5 Minuten, 597643807. Nach Beantwortung einer 
Aufgabe wies Dase jedes Mal die Richtigkeit seiner Angabe 
durch eine mit ausserordentlicher Schnelligkeit auf der Tafel 
ausgefuhrte Berechnung nach, wobei er Millionen mit dersel- 
ben Geläufigkeit behandelte, wie wir das Einmaleins, indem 
er z. B. vorrechncte: 708346795 fünfmal genommen sind so 
viel, abgezogen von der und der Zahl bleibt so viel, neun 
mal genommen giebt so viel u. s. w., mit einer solchen Schnel- 
ligkeit, wie Zahlen ausgesprochen werden können. 

Fr. Welche Zahl ist die Quadratwurzel aus 582169? A. 
Auf der Stelle, 763. Fr. Welche Zahl ist die Cubikwurzel 
aus 318611987? A. Ebenfalls fast auf der Stelle, 683. Fr. 
Welche Zahl ist die neunzehnte Wurzel aus 7093585369945 
932256195429028464404423? A. Nach etwa 3 Minuten, 87. 
Fr. Welches sind die Factoren von 5719? A. 7, 19 und 43. 
Fr. Von 5191? A. 29 und 179. Fr. Von 4669? A. 7, 23 
und 29. Fr. Von 4433? A. 11, 13 und 31. Fr. Von 8911? 
A. 7, 19 und 67. Fr. Von 10123? A. 53 und 191. Alle 
diese Antworten wurden auf der Stelle oder nach wenigen 
Augenblicken gegeben. Fr. Wie heissen die Factoren von 
3204841? A. Nach mehr als 5 Minuten 137, 149 und 157. 
Dase fand die Factoren, indem er die Division der Reihe 
nach mit allen Primzahlen versuchte ; bei der letzten Aufgabe 


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musste er also mit allen Primzahlen zwischen 1 und 137 di- 
vidiren, ehe der erste Factor gefunden wurde. 

Fr. Wenn ein Pfund 9 Mark 8-? Schill, kostet, wie viel 
kosten dann Schiffpfund ? A. Nach etwa 1 Minute, 611 
Mark ly Schill. Fr. Wenn Jemand in jeder Secnnde } Pfen- 
nige einnimmt, wie viel erhält er dann in 79 Jahren? A. Nach 
etwa 2 Minuten, 2504092 Tlilr. 5 Schill. -}} Pfennige. Fr. 
Wenn der Nicolai-Kirckthurm in Kiel 180 Fuss hoch ist, wie 
viele solcher Thürme müssten auf einander gesetzt werden, 
wenn die Spitze den Mond erreichen sollte, die Entfernung 
zu 50000 Meilen angenommen? A. Auf der Stelle, 6666666^. 
Fr. In wie langer Zeit würde eine Schnecke diesen Weg zu- 
rücklegen, wenn sie in jeder Minute 2} Zoll fortkröche? A. 
Nach einigen Minuten, in 5929411764}} Minuten, 98823529xV 
Stunden, 4117647 T ' r Tagen oder 11281 Jahren und 82 f ' T Tagen. 
Jahre und Jahrhunderte in Tage, Stunden, Minuten und Se- 
cunden aufzulösen war für Dase überhaupt nur Sache eines 
Augenblicks, und Brüche berechnete er mit derselben Leich- 
tigkeit, wie ganze Zahlen. 

Am Schlüsse seiner Vorstellungen gab Dase noch einige 
Proben des von ihm sogenannten Ueberblickes, indem er die 
auf einer beliebigen Auzahl ausgelegter Dominosteine befind- 
lichen Augen angab, nachdem er einen flüchtigen Blick darauf 
geworfen. Von diesem merkwürdigen Ueberblick habe ich 
ausserdem zahlreiche Proben gesehen. Dase zählte auf diese 
Weise eine Handvoll Erbsen oder Bohnen, welche man auf 
einen Teller schüttete, eine Reihe von Büchern auf einem Repo- 
sitorium, aufgeschichtete Stücke Brennholz, die Augen auf einer 
grossen Anzahl ausgebreiteter Spielkarten u. a. m., ohne das 
Auge länger als 1 — 2 Secunden darauf zu richten und ohne 
jemals zu irren. Kam eine Irrung vor, so gab er sie selbst 
vorher an; er schätzte z. B. die Anzahl einer Handvoll Erb- 
sen auf 242, zeigte aber dabei sogleich auf zwei Erbsen, die 
er vielleicht doppelt gezählt habe. Wenn er eine Zahl mit 
Bestimmtheit als richtig angab, so fand sie sich auch immer 
richtig. 

Dieselbe Sicherheit bewies er auch bei den Rechnungs- 


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aufgaben. So oft er ein Facit bestimmt angab, zeigte es sich 
auch als richtig, und wenn er einen Rechnungsfehler began- 
gen hatte, so wusste er es jedes Mal selbst, wiederholte die 
Rechnung (gewöhnlich mit grösserem Zeitaufwand) und be- 
richtigte den Fehler, ehe er das Facit angab. Wie er solche 
Fehler entdeckte, und wodurch er die Gewissheit erlangte, 
dass seine Rechnung richtig sei, darüber konnte ich keine 
genügende Auskunft erhalten. Er schien mir dabei, so wie 
ebenfalls bei dem Behalten von Zahlenreihen, einige selbster- 
fundene Hülfsinittel anzuwenden, worüber er sich aber nicht 
näher erklären wollte. 

Einmal hat Dase in meinem Beisein 2 Zahlen, jede von 
20 Ziffern, im Kopfe mit einander multiplicirt, wozu er keine 
10 Minuten gebrauchte. Die bedeutendsten Aufgaben, welche 
er überhaupt gelöst hat, sind das Ausziehen der 52sten Wur- 
zel aus einer 97 ziflrigen Zahl, und die Multiplication von 
2 Zahlen, jede aus 100 Ziffern bestehend, welche er in Mün- 
chen in einem Zeitraum von 8® Stunden vollendet hat. Diese 
ganze Zeit hindurch hatte er ununterbrochen gerechnet, ohne 
dadurch angegriffen zu werden. Er versicherte , dass wäh- 
rend dieser grossen Rechnung die Gespräche der anwesenden 
Personen ihm zur Unterhaltung gedient hätten, und dass ihn 
überhaupt ein Geräusch oder Gespräch nicht leicht störe, ob- 
gleich er es während des Rechnens zugleich hören und ver- 
stehen könne. 

Auf meine Frage, wie weit er wohl in der Multiplication 
zon Ziffern würde gehen können, erwiderte er, dass er dies 
selbst nicht wisse, aber kein Bedenken tragen würde, die 
Multiplication von zwei 300ziffrigen Zahlen zu übernehmen, 
und etwa 100 Stunden dazu gebrauchen werde, um diese 
Rechnung im Kopfe auszuführen. Nach gemachten Erfahrun- 
gen könne er zwei 8ziffrige Zahlen in etwa ® Minuten mit 
einander multipliciren, 12ziffrige Zahlen in 2 — 2 j- Minuten, 
20ziffrige in 6 — 8 Minuten, 40ziffrige in 40 Minuten, 60zif- 
frige in 3 Stunden, lOOziffrige in 8® Stunden. Die Zeit, 
welche er zur Multiplication grösserer Zahlen brauchen würde, 
berechnete er nach der höchsten Summe der zu addirenden 

11 


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Ziffern, welche dabei Vorkommen könne. Diese Summe wäre 
bei 8X8=72, bei 12x12 = 156, bei 20X20=420, bei 
40X40 = 1640, bei 60x60=3660, bei 100X 100=10100. 
Daraus ergäben sich Verhältnisse wie 6 : 13, wie 13: 35, wie 
21:82, wie 82:183 und wie 183:505. Diese Verhältnisse 
berechnete er in einem Nu, und bemerkte schliesslich: wenn 
er 300ziffrige Zahlen multipliciren solle, so würde er sich 
lieber 316ziffrige geben lassen, weil er alsdann über 100000 
Ziffern zu behandeln haben würde. 

Dase ist im Jahre 1824 in Hamburg geboren, und ein 
Sohn unvermögender Eltern. Er ist von Kindheit an epilep- 
tischen Anfällen unterworfen gewesen, welche jedoch in spä- 
teren Jahren nur selten eingetreten sind. Um sie zu verhü- 
ten, lebt er sehr einfach und regelmässig, und vermeidet 
namentlich sorgfältig alle reizenden und erhitzenden Getränke. 
Eine angeborene Neigung zum Rechnen hat sich bei ihm gar 
nicht gezeigt; vielmehr ist ihm, wie er versicherte, das Rech- 
nen anfangs so schwer geworden und so zuwider gewesen, 
dass er deshalb mehrmals hinter die Schule gelaufen und da- 
für bestraft worden sei. Darauf habe er sich besondere Mühe 
damit gegeben, und seine Neigung dazu sei in demselben 
Maasse gewachsen, in welchem er bemerkte, dass es ihm 
leichter würde. Bald sei er seinen Mitschülern im Rechnen vor- 
ausgekommen, und habe in der Schule alle möglichen Rechen- 
bücher durchgerechnet. Mit der Fertigkeit im Tafelrechnen, 
habe sich auch das Zahlengedächtniss bei ihm entwickelt, und 
erst später habe er angefangen, im Kopfe zu rechnen. Die 
ausserordentliche Fertigkeit im Rechnen und das enorme Zah- 
lengedächtniss glaubt er selbst durch Uebung erworben zu 
haben, indem er in einer langen Reihe von Jahren sich fast 
ausschliesslich damit beschäftigt hat. 

Seine geistigen Fähigkeiten sind in anderen Beziehungen 
sehr beschränkt. Er klagte selbst darüber, dass er in der 
Mathematik keine weiteren Fortschritte machen könne: er habe 
namentlich kein Gedächtniss für Figuren und sei nicht im 
Stande, die Formenverhältnisse aufzufassen, so dass er die 
Geometrie nicht begreifen könne. Auch die höhere Arithme- 


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163 


tik schien ihm fremd zu sein, und seine. Fertigkeit beschränkte 
sich auf die gewöhnlichen Rechnungsarten, das Erheben zu 
Potenzen, das Ausziehen von Wurzeln, die Berechnung von 
Faetoren und Logarithmen. Er sprach sehr gerne von seinem 
Talente und von seinen Leistungen, und mochte gerne die 
für ihn ausgestellten Zeugnisse berühmter Männer, und die 
in seinem Stammbuche enthaltenen Gedichte vorlesen. Für 
andere Dinge zeigte er wenig Interesse, dagegen war er stets 
bereit, Rechenaufgaben zu lösen und war darin unermüdlich. 
Sobald er dazu aufgefordert wurde, ward sein Gesicht belebt 
und ausdrucksvoll, und wenn er auch Stunden lang gerech- 
net hatte, forderte er immer dazu auf, ihm noch mehr Fragen 
zu stellen. Er spielte auch gerne Domino, und konnte dabei 
seinem Gegner mitten im Spiele Voraussagen, welchen Stein 
er zuletzt in der Hand behalten solle. Sein grösster Wunsch 
war damals, dass er so viel Vermögen besitzen möge, um 
sein ganzes Leben einer von Gauss ihm empfohlenen Auf- 
gabe widmen zu können, der Ausarbeitung von Faetorentafeln 
bis 10 Millionen, wozu er etwa 20 Jahre gebrauchen werde. 
Wie ich gehört habe, soll er später in Wien eine schon frü- 
her begonnene Berechnung der natürlichen Logarithmen w'ei- 
ter fortgesetzt und neuerdings eine Anstellung in Preussen 
erhalten haben. 

Ausser der Fertigkeit im Rechnen ist auch der Ortssinn 
bei ihm sehr entwickelt, und beim Gehen pflegt er, wie er 
mir sagte, gewöhnlich die Schritte zu zählen, ohne daran zu 
denken. Selbst bei den schwierigsten Rechnungen hört und 
versteht er, was um ihn gesprochen wird, ohne dadurch ge- 
stört zu werden. Die Art und Weise, wie er seine Rech- 
nungen ausfuhrt, hat er selbst nicht näher untersucht und 
konnte davon keine genaue Rechenschaft geben. Er scheint 
dabei jedoch eben so zu verfahren, als ob er auf der Tafel 
rechnete. Beim Multipliciren stehen alle Zahlenreihen ihm 
deutlich vor Augen, er multiplicirt den Multiplieandus succes- 
sive mit den Ziffern des Multiplicators, stellt die Zahlenreihen 
in Gedanken unter einander, addirt während des Fortrechnens 
und schreibt die addirten Summen hin, so wie sie entstehen, 

11 * 


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die ersten und letzten Zahlen mit grosser Schnelligkeit, die 
mittleren nach um so längerem Besinnen, je grösser die zu 
addirende Zahlenreihe ist. Bei gewöhnlichem Addiren sum- 
mirt er Dutzende von Ziffern auf einmal und eben so schnell, 
wie ein gewöhnlicher Rechner zwei Ziffern, Sein Zahlenge- 
dächtniss ist so entwickelt, dass grosse Zahlenreihen ihm Mo- 
nate lang gegenwärtig bleiben. Seiner Aussage nach ist sein 
Schädel mehrmals von Phrenologen untersucht worden, welche 
den Zahlensinn, Ortssinn und Ordnungssinn sehr ausgebildet, 
dagegen die Organe des Muthes und des Scharfsinnes sehr 
wenig entwickelt gefunden hätten. 

Gail ist der Meinung (1. c. p. 142), dass alle Schwierig- 
keiten, sich die frühzeitige Entwicklung des Rechnens bei 
Kindern zu erklären, augenblicklich verschwänden, sobald man 
ein besonderes Organ für dieses Talent voraussetze, welches 
sich eben sowohl frühzeitig entwickeln könne, wie der Ge- 
schlechtstrieb, der Sinn für Musik u. s. w. Ich kann nicht 
einsehen, wie die Erklärung der Sache dadurch erleichtert 
wird, mir scheinen vielmehr die Schwierigkeiten des Erklä- 
rens nur gehäuft zu werden. Aus der ganzen Art und Weise, 
wie die Fähigkeit und Fertigkeit des Rechnens sich bei D a s e 
entwickelt hat, scheint mir hervorzugehen, dass diese bei ihm 
nicht entstanden sind durch einen angeborenen Zahlensinn, 
sondern erworben durch beharrliche, mit eisernem Fleisse fort- 
gesetzte Uebung, in einer ähnlichen Weise, wie sie bei Equi- 
libristen und Virtuosen zu einem ähnlichen Ziele führt. Ein 
berühmter Fortepianospieler äusserte einmal in meiner Gegen- 
wart, Jeder könne dieselben Virtuosität erreichen, wenn er 
mit dem 7ten Jahre anfinge, zu spielen, und 7 Stunden täg- 
lich übe. Ebenso möchte ich behaupten, dass fast jeder 
Mensch ein Virtuose im Rechnen werden könne, wenn er mit 
dem 7ten Jahre anfinge zu rechnen, und 10 — 20 Jahre lang 
täglich 7 Stunden rechnete. Weil mich die Sache sehr inter- 
essirte, habe ich selbst, nachdem ich Dase kennen gelernt, 
in meinem 60sten Lebensjahre einen kleinen Versuch gemacht, 
wie weit ich es wohl durch Uebung im Rechnen noch brin- 
gen könne. Ich bin stets ein ziemlich fertiger, aber doch 


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kein besonders ausgezeichneter Rechner gewesen, und hatte 
mich mit Kopfrechnen selten beschäftigt. Als ich meine Ver- 
suche begann, konnte ich nur mit Mühe grössere 2ziflrige 
Zahlen im Kopfe mit einander multipliciren. Nachdem ich 
einige Monate lang auf Spaziergängen und vor dem Einschla- 
fen, etwa 2 Stunden täglich, im Kopfe gerechnet hatte, konnte 
ich nicht nur alle 2ziffrige Zahlen mit Leichtigkeit, son- 
dern auch 3zift‘rige, mit vieler Mühe und Anstrengung sogar 
4ziffrige Zahlen mit einander multipliciren, und es gelang mir, 
die Ziffern 2 bis 5 auf die 20ste, die Ziffern 6 bis 9 auf die 
lOte Potenz zu erheben. Nach diesen Versuchen bin ich da- 
von überzeugt, dass ich es noch jetzt zu einer gewissen Vir- 
tuosität im Rechnen bringen könnte, wenn ich die erforder- 
liche Zeit darauf verwendete. Der Einfluss, welchen beharr- 
liche Uebung und fast ausschliessliche Beschäftigung mit einer 
Sache auf die Ausbildung einer besondern Geistesfahigkeit 
haben, wird sehr oft, und namentlich von den Phrenologen, 
viel zu gering angeschlagen, und von nicht minderer Bedeu- 
tung ist der Einfluss der Gewöhnung auf die Entwicklung 
des Gemüthes in dieser oder jener Richtung. 

So interessant die Untersuchungen über den Ursprung 
und die Entwicklung besonderer Eigenthümlichkeiten der ein- 
zelnen Menschen auch sein mögen, für die wissenschaftliche 
Psychologie haben sie nur einen untergeordneten Werth. Sie 
fuhren eher zu einer Verwunderung über die mannichfaltigen 
ausserordentlichen Erscheinungen, welche das menschliche 
Seelenleben darbietet, als zu einer wissenschaftlichen Erklä- 
rung ihres Entstehens. Wären uns die Kräfte der Seele und 
die Gesetze ihres Wirkens bekannt, so könnten sie als Bei- 
spiele dienen, um das allgemeine Wirken der Seele in seinen 
verschiedenen Richtungen und Formen dadurch zu erläutern. 
Es ist nicht meine Absicht, auf solche Einzelheiten des 
menschlichen Seelenlebens weiter einzugehen, vielmehr mich 
zu beschränken auf eine Untersuchung der allgemeinen und 
wesentlichen Unterschiede desselben, um wo möglich die be- 
sonderen Seelenkräfte in ihrer eigenthümlichen Thätigkeit, 
ihrer Wechselwirkung und ihrem Zusammenhänge zu erkennen. 


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Hiezu ist es nöthig, die Erscheinungen des wachenden und 
des träumenden Seelenlebens von einander zu sondern und 
beide für sich näher zu betrachten. Die Erscheinungen des 
Traumlebens der Seele sind nur aus den Gesetzen des wachen- 
den Seelenlebens zu erklären, und können ihrerseits in man- 
cher Beziehung dazu dienen, die Erscheinungen des wachen- 
den Seelenlebens bestimmter und deutlicher erkennen zu lassen. 
Die Untersuchungen über das menschliche Seelenleben zer- 
fallen daher in die beiden Hauptabschnitte von dem wachen- 
den und träumenden Seelenleben. 


Erster Abschnitt. 

Von dem Seelenleben des Menschen im wachenden Zustande. 


Es giebt nicht leicht einen schlagenderen Beweis von der 
Mangelhaftigkeit unseres physiologischen und psychologischen 
Wissens, als den, dass alle Menschen ungelähr ein Drittel 
ihres Lebens schlafend zubringen, und noch Keiner ergrün- 
det hat, warum er schlafen muss. Ueber die Nothwendigkeit 
der periodischen Wiederkehr des Schlafes und die Ursachen 
desselben können wir nicht einmal eine nur irgend genügende 
Hypothese aufstellen, und was in dieser Beziehung gesagt zu 
werden pflegt, sind fast nur Worte, welche gar keine Erklä- 
rung der Sache enthalten. 

Seit dem Zeitalter des Galen (von 131 bis etwa 200 n. 
Chr.) pflegte man die Erscheinungen des Seelenlebens den 
Wirkungen eines Pneuma zuzuschreiben (Beseelung des 
Blutes durch das Athmen), welches mit dem Blute circulire 
und als Lebensgeist aus demselben ausgeschieden werde, na- 
mentlich auch in den Hirnhöhlen sich ansammle. Diese An- 
sicht modificirte sich allmählig mit den Fortschritten der 


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Anatomie und Physiologie, und wurde in der ersten Hälfte 
des 17ten Jahrhunderss , besonders durch Cartesius (geh. 
1596, gest. 1650) und Thom. Willis (geh. 1622, gest. 1673) 
zu der Theorie von den Lebensgeistern ausgebildet, aus 
deren Dasein oder Abwesenheit man auch den Wechsel des 
Wachens und Schlafens herleitete. Man nahm an, dass die 
Functionen der Seele vollzogen würden durch besondere, in 
den Nerven sich frei bewegende Lebensgeister von unbekann- 
ter Natur, aber ausgerüstet mit der Fähigkeit, sowohl die 
Empfindungen zum Bewusstsein zu bringen, als den Willen 
der Seele fortzupflanzen und zu vollziehen. Durch die Fort- 
bewegung dieser Lebensgeister in den Nerven enständen die 
willkührlichen Bewegungen, durch ihre Bewegungen im Ge- 
hirn die Gedanken. Auf den von ihnen durchlaufenen Wegen 
hinterliessen sie Spuren, so dass die nachfolgenden sich leich- 
ter und ungehinderter auf demselben Wege fortbewegen könn- 
ten. Daher liebten und suchten sie diese schon vorher betre- 
tenen Pfade, und wenn sich durch öfteres Betreten desselben 
Weges gleichsam eine Heerstrasse gebildet hätte, so geriethen 
sic leicht unwillkührlich in diese und würden genöthigt, ihr 
zu folgen. Auf diese Weise erklärte man sich die Macht 
der Gewohnheit, die leichte Rückkehr früher da gewesener 
Gedanken imd Ideenverbindungen und die durch Uebung er- 
worbene Fertigkeit combinirter Muskelbewegungen. 

Die Empfindungen oder Wahrnehmungen pflanzten sich 
nach Descar tes durch die Sinnesnerven und das Gehirn 
fort bis zu der Zirbeldrüse oder glandula pinealis, welche 
er, als das einzige unpaare und einfache, durch seine Stiele 
mit den beiden Hemisphären des Gehirns verbundene Hirn- 
organ für den eigentlichen Sitz der Seele hielt. Seiner sinn- 
reichen Hypothese von den im Weltall herrschenden Wirbel- 
bewegungen zufolge würde auch die Zirbeldrüse durch die 
Seele in unendlich mannichfaltige Schwingungen versetzt, diese 
Schwingungen theilten sich den in den Hirnhöhlen angehäuf- 
ten Lebensgeistern mit, und veranlassten ihre Bewegungen. 
Willis theilte die Meinung des Cartesius von der Zirbel- 
drüse nicht, nahm aber ebenfalls an, dass alle Erscheinungen 


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des Seelenlebens durch Bewegungen von Lebensgeistern ver- 
mittelt würden, welehe, im Gehirn aus dem Blute abgeson- 
dert, sich von dort aus nach allen Richtungen in den Nerven 
verbreiteten. Während des Wachens würden nun durch die 
Thätigkeit der Seele die Lebensgeister consumirt, indem sie 
entweder ganz ausgeschieden würden in den Secretionen, oder 
in die Materie des Körpers übergingen. Mit der Erschöpfung 
des Yorrathes von Lebensgeistern trete eine Unfähigkeit zu 
fernerer Seelenthätigkeit ein, das Bedürfniss des Schlafes und 
der Schlaf selber. So lange der Mensch schliefe, ginge die 
Absonderung der Lebensgeister im Gehirn ungestört von 
Statten, sie häuften sich im Gehirne mehr und mehr an, und 
sobald ein hinreichendes Quantum sich angesaramelt habe, 
entstehe der Trieb zu erneuerter Seelenthätigkeit und das 
Erwachen aus dem Schlafe. 

Diese Theorie finden wir bis gegen das Ende des vorigen 
Jahrhunderts vorherrschend. Sie wurde durch Hai ler ’s Phy- 
siologie allmählig verdrängt; die Reizbarkeit und Irritabilität 
der Nerven und Muskeln trat an die Stelle der Lebensgei- 
ster, die Lebenskraft an die Stelle des Alles beseelenden 
Pneuma’s. Zu gleicher Zeit machte sich auch die Humoral- 
pathologie geltend, und sowie man alle Krankheiten von ver- 
dorbenen Säften herleitete, die Niemand gesehen hatte, eben 
so betrachtete man einen von Niemand gesehenen Nervensaft, 
den man in den Nerven circuliren Hess, als den Träger der 
lebendigen Erscheinungen. Vermöge der ihm inwohnenden 
Lebenskraft hatte der Mensch und jeder lebendige Organis- 
mus die Macht, bis zu einem gewissen Grade den Einwir- 
kungen der Aussenwelt zu widerstehen, und er wurde durch 
diese Theorie selbständiger gedacht, denn nach der Theorie 
der Alten bedurfte er einer fortwährenden Beseelung (gleich- 
sam durch den lebendigen Odem Gottes) durch ein Einströ- 
men der Weltseele, vermittelst des lebendigen und Alles be- 
seelenden Pneuma’s, welches in der Luft verbreitet, durch den 
Process des Athmens in das Blut überging. Welche von die- 
sen beiden Theorien der Wahrheit am nächsten kommt, dürfte 
wohl noch nicht ausgemacht sein, obgleich wir von Jugend 


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auf daran gewöhnt sind, der neueren den Vorzug zu geben. 
Jedenfalls enthält die ältere Theorie einen tieferen Gedanken, 
imd die neuere wurde noch oberflächlicher dadurch, dass inan 
die Lebenskraft nur als eine passive Erregbarbeit betrach- 
tete, so dass das Leben nur durch fortwährende Reizungen 
bestände, gegen welche die Lebenskraft reagire. Diese Theo- 
rie war indess sehr bequem für eine scheinbare Erklärung 
des Wechsels von Wachen und Schlaf. Es galt als ein all- 
gemeines Gesetz der Erregbarkeit, dass sie durch Reizung 
abgestumpft werde, und nach längerer Reizung der Ruhe be- 
dürfe, um sich zu erholen und zu neuen Reactionen wieder 
befähigt zu werden. Wenn nun während des Wachens Ge- 
hirn und Nerven vom Morgen bis zum Abend fast ununter- 
brochen gereizt werden, so müssten sie natürlicher Weise, 
wie man meinte, am Ende die Reizempfanglichkcit verlieren, 
träge, verdrossen und schläfrig werden, und es bedürfe einer 
längeren und vollständigen Ruhe, um die Empfänglichkeit für 
Reize und die normale Erregbarkeit wieder herzustellen. 

Im Anfänge dieses Jahrhunderts war eine geraume Zeit 
hindurch eine andere Theorie über den Wechsel des Wachens 
und Schlafens in Deutschland ziemlich weit verbreitet. Sie 
stützte sich auf die durch Bichat und Reil begründete An- 
sicht von der Wichtigkeit und Bedeutung des sympathischen 
Nervensystems, welche von der damals herrschenden Natur- 
philosophie begierig angenommen wurde. Gehirn und Gan- 
gliensystem, Kopf und Bauch, die Repräsentanten des den- 
kenden und vegetativen Lebens, sollten in einem polaren 
Gegensätze zu einander stehen und indem man sie mit dem 
Lichte und der Finsterniss verglich, wurden sie als Tag- und 
Nachtseite des Lebens bezeichnet. Beide sollten alternirend 
prädominiren, das Gehirn im Wachen, das Gangliensystem 
während des Schlafes, und die Träume sollten, wie Nees von 
Esenbeck sich ausdrückte, die Weltanschauungen des Bau- 
ches sein, die sich auf dem dunklen Hintergründe des Gehirns 
abspiegelten. Das vorausgesetzte Alterniren der Thätigkeit 
des Gehirns und des Gangliensystems hielt man für völlig 
hinreichend zur Erklärung des Wechsels von Wachen und 


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Schlaf, lind den Antagonismus von beiden erklärte man aus 
dem polaren Verhältnisse, ohne zu bedenken, dass dabei wohl 
ein Prädominiren des positiven oder negativen Poles, niemals 
aber ein alternirendes Ilervortreten des Einen oder des An- 
deren beobachtet wird. 

Von den poetischen Phantasien der Naturphilosophen ging 
man allmählig über zu einer nüchternen Prosa des Lebens; 
der Chemismus wurde in der Physiologie immer mehr gel- 
tend gemacht und in unseren Tagen sind einige Aerzte und 
Physiologen so weit gegangen, dass sie das Leben und Den- 
ken nur für einen todten chemischen und physikalischen Pro- 
cess halten. Von der hypothetischen Voraussetzung, dass 
jede Lebensäusserung von Veränderungen der Mischung und 
Form begleitet werden, ist man zum Theil zu der ganz un- 
begründeten Behauptung übergegangen, dass jene Verände- 
rungen der Mischung und Form die Ursachen aller Lebens- 
äusserungen seien. Es verhält sich aber mit dieser Theorie 
nicht viel anders, wie mit den schadhaften Säften der Humo- 
ralpathologen, Niemand hat die Veränderungen der Mischung 
und Form gesehen, welche im Leben eine so grosse Rolle 
spielen sollten, und Niemand kann sie nachweisen. Einen 
Unterschied in der chemischen Zusammensetzung eines leben- 
digen und todten, thätigen oder ruhenden Nerven oder Mus- 
kels hat noch kein Chemiker dargethan, imd es ist auch keine 
Aussicht vorhanden, dass dies sobald geschehen werde. 

Wenngleich wenige Physiologen bis jetzt so weit gehen, 
dass sie die Veränderungen der Mischung und Form als die 
Grundursachen der lebendigen Erscheinungen betrachten, so 
hat man doch den Wechsel des Wachens und Schlafes daraus 
herzulciten versucht. So heisst es z. B. in dem ausgezeich- 
neten und mit Recht so berühmten Handbuche der Physio- 
logie des Menschen von Joh. Müller (Bd. 2. 1840. S. 579): 
„Jene Art von Erregung der organischen Zustände des Ge- 
„hirns, welche bei der Geistesthätigkeit Statt findet, macht 
„allmählig das Gehirn zur Fortsetzung dieser Action unfähig 
„und erzeugt dadurch Schlaf, der hier dasselbe ist, was die 
„Ermüdung in jedem anderen Thcile des Nervensystems. Das 


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„Aufhören oder die Remission der geistigen Thätigkeit im 
„Schlafe macht aber auch eine Integration der organischen 
„Zustände, wodurch sie wieder erregbar werden, möglich. 
„Das Gehirn, dessen Wirkungen bei dem geistigen Leben 
„nöthig sind, gehorcht dem allgemeinen Gesetz für alle or- 
ganischen Erscheinungen, dass die Lebenserscheinungen als 
„Zustände der organischen Theile mit Veränderung ihrer Ma- 
„terie erfolgen. Je länger daher die Thätigkeit der Seele 
„dauert, um» so unfähiger wird das Gehirn, diese Thätigkeit 
„zu unterstützen, und um so stärker wird die Hemmung der 
„Seele, bis zuletzt die Empfindungen aufhören, obgleich die 
„Reize zu den Empfindungen fortdaucrn. “ 

Chemische Veränderungen in der Substanz des Gehirns, 
welche mit der Thätigkeit desselben verbunden sind, sollen 
also nach dieser Theorie während des Wachens am Ende das 
Gehirn zur Vollziehung seiner Functionen unfähig machen, 
und die dazu erforderliche Mischung der chemischen Stoffe 
soll sich während des Schlafes wieder herstellen. Dabei wird 
nicht berücksichtigt, dass andere Ccntraltheile des Nerven- 
systems ununterbrochen thätig sein können, ohne einer Wie- 
derherstellung der normalen Mischung durch längere Ruhe 
zu bedürfen. Das Herz des Menschen schlägt ununterbrochen, 
so lange er lebt, und bedarf weder der Ruhe noch des Schla- 
fes. Das Athmen geht ebenso regelmässig und ununterbro- 
chen fort, die Eingeweide, die Secretionsorgane, alle vegeta- 
tiven Processe bedürfen keiner Ruhe und keiner Erholung. 
Auch die Nervensubstanz bedarf ihrer nicht allgemein. Die 
meisten Physiologen nehmen an, dass die lebendige Thätig- 
keit des Herzens nicht durch eine ihm inwohnende Kraft, 
sondern durch den Einfluss der medulla oblongata oder eines 
Theiles derselben vermittelt wird. Die medulla oblongata gilt 
allgemein als das Centralorgan, welches die Bewegungen des 
Herzens und des Athmens selbständig unterhält. Warum 
muss denn das Gehirn ruhen und schlafen, und die medulla 
oblongata nicht, da doch jener Theorie zufolge ihre ununter- 
brochene Thätigkeit eben so wohl von chemischen Verände- 
rungen der Materie begleitet werden muss ? Man könnte viel- 


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leicht sagen: bei einer so regelmässigen und gleichförmigen 
Thätigkeit, wie der Herzschlag und das Athmen, sei eine 
continuirliche Veränderung und Wiederherstellung der Mi- 
schung der Materie wohl möglich; im Gehirn könne dies aber 
während des Wachens nicht geschehen, weil die Thätigkeit der 
Seele zu unregelmässig, zu stark, zu lebhaft, zu lange ohne 
Nachlass andauernd sei. Alsdann wäre aber nicht einzuse- 
hen, warum nach einer Stunden lang fortgesetzten angestreng- 
ten Gehirnthätigkeit dass Bedürfhiss des Schlafes sich nicht 
auf der Stelle einfindet, sondern erst am Abend. Andauernde 
und angestrengte Thätigkeit der Seele macht auch nicht immer 
schläfrig, vielmehr haben übermässige, körperliche und gei- 
stige Anstrengungen nicht selten Schlaflosigkeit zur Folge: 
in dem nach jener Theorie erschöpften und in Folge mate- 
rieller Veränderungen zu fernerer Thätigkeit unfähig gewor- 
denen Gehirne entstehen unwillkührlich so viele und so leb- 
hafte Bilder und Gedanken, dass das Einschlafen dadurch 
verhindert wird. Wäre jene Theorie richtig, so wäre es un- 
möglich, dass der Mensch sich auch nur eine einzige Nacht 
wach erhalten könnte. 

Ueberdies scheint mir die fragliche Theorie der Natur des 
chemischen Processes ganz zu widersprechen. Die chemische 
Wirkung muss auf der Stelle eintreten, sobald die in Wech- 
selwirkung tretenden Stoffe sich berühren. Hier soll die Ner- 
vensubstanz verändert werden durch die lebendige Thätigkeit, 
und die normale Mischung wieder hergestellt werden durch 
die Wechselwirkung zwischen der Nervensubstanz und dem 
Blute, welche im Wachen eben so gut vor sich gehen muss, 
als im Schlafe. Hätten die Nerven nicht die Fähigkeit, die 
durch chemische Zersetzung während ihrer Thätigkeit etwa 
verlorenen Stoffe auf der Stelle aus dem sie umgebenden 
Blute wieder anzuziehen, so würden sie dies während des 
Schlafes eben so wenig vermögen. Soll diese chemische 
Theorie gerechtfertigt erscheinen, so muss angenommen wer- 
den, dass gewisse, in dem Blute enthaltene Stoffe während 
des Wachens in zu grosser Menge consumirt würden, und dass 
das in seiner Mischung veränderte Blut nicht mehr im Stande 


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sei, die zur Unterhaltung der lebendigen Thätigkeit des Ge- 
hirnes erforderlichen Stoffe herzugeben. Man würde alsdann 
wieder zurückkommen auf das alte, durch das Athmen dem 
Blute ununterbrochen zugeführte Pneuma, wovon im Wachen 
so viel verbraucht würde, dass eine Wiederherstellung des 
Gleichgewichtes durch den Schlaf erforderlich werde. Man 
braucht nur statt des Pneiuuas den Sauerstoff zu setzen, um 
diese Theorie der heutigen Chemie anzupassen, und es wäre 
in der That wohl möglich, wie von manchen Seiten bereits 
behauptet worden ist, dass ein relatives Uebergewicht des 
Sauerstoffes im Blute das Wachen, ein relatives Uebergewicht 
des Kohlenstoffes das Schlafen bedingen könnte. 

Man könnte vielleicht den Wechsel des Wachens und 
Schlafens auch herleiten aus einer zu grossen Trockenheit 
oder Feuchtigkeit des Gehirnes, und einem in dieser Bezie- 
hung wechselnden Zustande desselben. Ein gewisser Grad 
von Feuchtigkeit ist ohne Zweifel eine nothwendige Bedingung 
für die normale Gehirnthätigkeit, und da fast alle organisch- 
chemische Processe mit Wasserbildung und Wasserzersetzung 
verbunden sind, so wäre es wohl möglich, dass während des 
Wachens im Gehirn zu viel Wasser entweder gebildet oder zer- 
setzt würde, und dass ein entstehender Ueberfluss oder Man- 
gel an wässrigen Feuchtigkeiten an dem Entstehen der Schläf- 
rigkeit und des Schlafes wesentlichen Antheil hätten. Ma- 
gendie hat in neuerer Zeit nachgewiesen, dass Gehirn und 
Bückenmark des Menschen und der Thierc, sowohl in den 
Hirnhöhlen als an der äusseren Oberfläche zwischen pia ma- 
ter und arachnoidea stets von einem gewissen Quantum wäss- 
riger Feuchtigkeit umgeben sind, deren Anwesenheit man 
vorher für ein krankhaftes Product oder eine während des 
Todeskampfes entstandene Absonderung hielt; in der falschen 
Voraussetzung, dass im gesunden Zustande nur ein wässri- 
ger Dunst die freien Räume der Schädelhöhle erfülle. Ma- 
gen die glaubte nach angestellten Experimenten, dass die 
Thiere nach Entleerung dieser wässerigen Feuchtigkeit in 
grosse Unruhe und Agitation geriethen, und die Fähigkeit 
verlören, sich regelmässig zu bewegen, auf die Seite fielen 


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u. dgl. Longet hat aber nachgewiesen, dass diese Erschei- 
nungen lediglich in Folge der bei jenen Experimenten gesche- 
henen Durchschneidung der Weichtheile des Rückens eintre- 
ten, auch ohne Entleerung der wässrigen Feuchtigkeit, dass 
sie dagegen ausbleiben, wenn die Entleerung ohne solche ge- 
waltsame Verletzungen bewerkstelligt wird (Longet traite de 
Physiologie. Tom 2. Paris 1850. pag. 156). Das Quan- 
tum der in dem Schädel enthaltenen wässrigen Feuchtigkeit 
scheint einem steten Wechsel unterworfen zu sein, und ein 
zu viel oder zu wenig wird wohl nicht ohne Einfluss auf die 
Gehirnthätigkeit sein. Zu grosse Anhäufung desselben könnte 
möglicher Weise durch relativen Druck oder verhinderte Aus- 
dehnung schläfrig machen, wie sie in andern Fällen betäu- 
ben kann , und ein zu geringes Quantum könnte vielleicht 
den Schlaf stören und verhindern. 

Im Allgemeinen ist das Erscheineu des Wechsels von 
Wachen und Schlaf den chemischen Theorien über dessen 
Ursprung nicht günstig. Unstreitig steht er im Zusammen- 
hang mit dem Wechsel von Tag und Nacht, und da dieser 
wahrscheinlich von Veränderungen in den electrisehen Ver- 
hältnissen der Erdoberfläche und der Atmosphäre begleitet 
wird, so könnte man vielleicht hierin die Ursache desselben 
suchen. Die bedeutende Rolle, welche wir nach Du Bois- 
Reymond’s Entdeckungen der Electricität in Beziehung auf 
das Nervenbeben zuschreiben müssen, scheint darauf hinzu- 
weisen, dass W'ir die Ursachen des Schlafes zunächst in Ab- 
änderungen der electrisehen Verhältnisse oder Spannungen 
zu suchen haben. Der Schlaf ist aber nicht an die Nacht 
gebunden, und sein Eintreten wie seine Dauer bei dem 
Menschen mehr oder weniger von Willkühr und Gewohnheit 
abhängig; in der Kindheit und Jugend ist das Bedürfniss 
des Schlafes viel grösser, als im reiferen und höheren Alter, 
und kleine Kinder schlafen gleich gut zu jeder Tageszeit. 
Viele nächtliche Thiere schlafen vorzugsweise am Tage; viele 
Insekten, z. B. Käfer, Schmetterlinge, Mücken, fliegen nur 
zu bestimmten Stunden des Tages, namentlich des Abends, 
umher, und scheinen die übrige Zeit grösstentheils schlafend 


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zuzubringen; in analoger Weise, wie viele Blumen nur zu 
bestimmten Stunden sich öffnen. Manche Thiere, namentlich 
unsere ITausthiere, scheinen ganz unregelmässig und zu un- 
bestimmten Zeiten zu schlafen, und eine grosse Anzahl von 
Thieren aus verschiedenen Classen verlebt in der Winterkälte 
oder in der Sonnenhitze Monate in einem erstarrten, schlaf- 
ähnlichen Zustande. Erwägen wir alle diese Umstände, so 
müssen wir, wie es scheint, für jetzt darauf verzichten, den 
Wechsel des Schlafens und Wachens zu erklären, und lieber 
unsre Unwissenheit bekennen, als zu leeren und nichtigen 
Hypothesen unsere Zuflucht nehmen. 

Wir wollen daher diese Sache auf sich beruhen lassen, 
und uns einer näheren Betrachtung der Erscheinungen zu- 
wenden, welche das wachende Seelenleben darbietet. Wir 
wollen uns dabei bemühen, zunächst aus den Unterschieden 
der Erscheinungen die besonderen Wirkungen der verschie- 
denen Seelenkräfte kennen zu lernen, dann ihr Verhältniss 
zii einander und ihre Wechselwirkung zu erforschen, und 
endlich ihren Zusammenhang sowohl unter sich als mit dem 
leiblichen Organismus zu erkennen. Demgemäss werden die 
nachfolgenden Untersuchungen in drei verschiedene Abthei- 
lungen zerfallen. 

Aus den allgemeinen Untersuchungen über die Seelenthä- 
tigkeit hat sich uns das Resultat ergeben, dass wir nur zwei 
relativ selbständige Grundkräfte der Seele annehmen dürfen, 
Geist und Gemüth. Jede von ihnen vereinigt in sich eine 
zwiefache, von innen nach aussen und von aussen nach innen 
gerichtete, centrifugale und centripetale , active und passive 
Thätigkeit, welche in jedem Acte des Seelenlebens sich mit 
einander verbinden und kreisförmig zusammenschiessen. Aus 
dieser zwiefachen Thätigkeit entsteht, von den Anfangs- und 
Endpuneten der Bewegung aus, ein zwiefaches, den Bewe- 
gungsrichtungen entsprechendes Resultat, ein nach innen und 
ein nach aussen wirkendes Product der Seelenthätigkeit. Im 
Allgemeinen nennen wir die Thätigkeit des Geistes Den- 
ken und das dadurch Erzeugte Gedanken, die nach innen 
wirkenden Gedanken ein Wissen oder Erkennen, die nach 


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aussen wirkenden ein Bezwecken oder Wollen (im engeren 
Sinne des Wortes). Die Thätigkeit des Gemüths nennen wir 
im Allgemeinen Fühlen und das dadurch Erzeugte Gefühle; 
die nach innen wirkenden Gefühle Empfindungen, die nach 
aussen wirkenden Triebe. Die nach innen wirkenden Pro- 
ducte des Denkens und Fuhlens vereinigen sich innerlich mit 
einander in dem Wissen, dem Bewusstsein und dem Selbst- 
bewusstsein, und auf der anderen Seite vereinigen sich auch 
die nach aussen wirkenden Producte von Beiden in dem Wol- 
len, insofern wir darunter, in dem weiteren und gewöhnlichen 
Sinne des Wortes, den inneren Grund des Handelns verste- 
hen. In unseren Absichten, Bestrebungen und Entschlüssen 
vereinigen sich stets die Zwecke des Geistes mit den Trie- 
ben des Gemüths, so dass sie gleichsam die active und pas- 
sive Seite der Willensthätigkeit ausmachen. 

Diese Verhältnisse der Seelenthätigkeit sind sehr einfach, 
aber dennoch ausserordentlich schwer zu begreifen und dar- 
zustellen. Die Schwierigkeit des Begreifens entsteht beson- 
ders dadurch, dass derselbe Process der Geistes- und Ge- 
müthsthätigkeit sich auf drei verschiedenen Stufen in ver- 
schiedenen Formen wiederholt, und dass diese verschiedenen 
Sphären der Thätigkeit unaufhörlich ineinander greifen und 
ineinander übergehen, so dass man sie kaum so auseinander 
halten kann, wie es zu einem deutlichen Begreifen erforder- 
lich ist. Eine klare und deutliche Darstellung ist noch schwe- 
rer , hauptsächlich deshalb weil unsere Sprache , so sehr sie 
auch zu wissenschaftlichen und philosophischen Untersuchun- 
gen geeignet ist, uns doch für die im Begriffe gefundenen 
Unterschiede keine scharf begrenzten Wörter darbietet. In 
den verschiedenen uns zu Gebote stehenden Wörtern sind 
die Unterschiede wohl angedeutet, aber der Sprachgebrauch 
gestattet, wie ich schon früher bemerkt habe, die Unterschiede 
zu vernachlässigen, verschiedene Wörter in demselben Sinne, 
und dasselbe Wort in verschiedenem, bald engeren, bald wei- 
teren Sinne zu gebrauchen. Es ist ausserordentlich schwer, 
in psychologischen Erörterungen die Vieldeutigkeit und Dop- 
pelsinnigkeit der Wörter zu überwinden, ihre ursprüngliche 


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und eigentliche Bedeutung zu ermitteln, sie gehörig zu defi- 
niren und die eigene Definition festzuhalten. Nur wer dies 
selbst versucht, kann diese Schwierigkeiten in ihrer ganzen 
Bedeutung anerkennen, und wird jeden Augenblick bemer- 
ken, dass ihm der Sinn eines vermeintlich scharf und fest 
begrenzten Wortes fast unter den Händen entschlüpft. Na- 
mentlich ist die Vieldeutigkeit des Wortes Wille einer deut- 
lichen Darstellung psychologischer Verhältnisse oft sehr hin- 
derlich; aber auch andre Wörter, z. B. Empfinden, Wahr- 
nehmen, Vorstellen, Anschauen, Denken sind es ebenfalls mein* 
oder weniger. 


Erstes Kapitel. 

Von den Unterschieden des Seelenlebens oder den 
verschiedenen Seelenkrftften. 


I. Von den Functionen des Geistes oder der 
Intelligenz. 

Wir haben den Geist als diejenige Kraft der Seele be- 
zeichnet, welche die Gedanken und die Sprache erzeugt, und 
deren Thätigkeit im Denken besteht; wir müssen also den 
Process des Denkens näher untersuchen, um zur Erkenntniss 
des Geistes zu gelangen. Denken, sagt Plato, ist ein in- 
nerliches Sprechen der Seele mit sich selber ohne Stimme; 
es ist ein Beantworten der, sich selber vorgelegten Fragen, 
was ein Gegenstand sei, und wie er sich verhalte. Für das 
Denken im engeren Sinne des Wortes können wir diese De- 
finition gelten lassen; untersuchen wir aber näher, was dabei 
in uns vorgeht, so können wir den Vorgang in drei Mo- 
mente zerlegen, die Richtung der geistigen Aufmerksamkeit 
auf ein Object, die Erzeugung von Gedanken, und die eigene 
Wahrnehmung der erzeugten Gedanken. Der Process des 

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innerlichen Denkens erscheint uns also als eine Vereinigung 
einer centrifugalen und centripetalen Bewegung, deren peri- 
pherischer Uebergang mit Gedankenerzeugung verbunden ist, 
und deren centrale Verbindung (die Rückkehr zu dem Aus- 
gangspuncte) ein Wissen zur Folge hat. 

Vergleichen wir diesen innerlichen Process mit der Sin- 
nesthätigkeit , so finden wir bei jedem Sinnesacte dieselben 
Vorgänge, ein Hinwenden der Aufmerksamkeit auf ein Ob- 
ject, die Erzeugung eines Bildes und das eigene Wahrneh- 
men desselben; also ebenfalls eine Vereinigung einer centri- 
fugalen und centripetalen Bewegung, deren peripherischer 
Uebergang mit der Erzeugung eines geistigen Bildes (einer 
Idee) verbunden ist, und deren centrale Verbindung ein Wis- 
sen zur Folge hat. Ueberdies erscheint uns die Aufmerk- 
samkeit, sie möge auf ein innerliches oder ein äusserliches 
Object gerichtet sein, als dieselbe Thätigkeit, und eben so 
wenig können wir in der Form des Wissens in beiden Fäl- 
len einen Unterschied entdecken. Man hat daher auch oft 
und mit Recht jenes Denken im engeren und Platonischen 
Sinne des Wortes ein inneres Anschauen genannt, und cs 
unterliegt keinem Zweifel, dass die Sinnesthätigkeit mit dem 
Denken identisch und eine Function der Geistesthätigkeit ist. 

Denken im weiteren Sinne des Wortes ist ein geistiges 
Betrachten ausser uns befindlicher Objecte, mit dem Zwecke, 
sie zu erkennen. Das sinnliche Anschauen ist ein Betrach- 
ten des ausser uns Seienden, das Denken im engeren Sinne 
ein Betrachten des in uns Seienden, aber nichts desto weni- 
ger ausserhalb des denkenden Ichs sich Befindenden. Nur 
in diesem engeren Sinne ist das Denken ein Selbstgespräch, 
oder richtiger eine in Worten geführte Unterhaltung des den- 
kenden Ichs mit dem eigenen Gehirne, wobei das Ich der 
Fragende ist, das Gehirn das Antwortende. Im weiteren 
Sinne des Wortes ist das Denken gleichsam eine Unterhal- 
tung des Ichs mit der ganzen Aussenwelt ; ^ts Ich ist der 
Fragende, der Lernbegierige, die Aussenwelt das Beantwor- 
tende und Belehrende. Sie giebt ihre Antworten in Bildern, 
welche aber für das Ich gleichsam unverständliche Ilierogly- 


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phen sind, die vermittelst des Gehirnes erst in die eigent- 
liche Sprache des Geistes d. h. in Worte übersetzt und so 
dem Ich zugefuhrt werden müssen. Die Worte gehen in die 
eigene Substanz des denkenden Ichs über, und indem dieses 
durch das lebendige Wort die Welt erkennt, ist sie in ihm 
selber, in seinem Selbstbewusstsein geistig vorhanden. Dies 
Aufnehmen der Aussenwelt in sich selber (Erinnern des Aeus- 
seren) oder das Erkennen derselben in ihrem ganzen Um- 
fange und Zusammenhänge, das Verwandeln der äusserlichen 
Wirklichkeit in eine innerliche ist der unmittelbare Zweck 
und das nächste Ziel der menschlichen Geistesthätigkeit. 

Gedanke ist Alles, was das Denken producirt, und die 
Gedanken bestehen im weiteren Sinne in Bildern und Wor- 
ten, im engeren Sinne nur in Worten. Die Thiere denken 
nur in Bildern, und auch bei dem Menschen vermischen sich 
die Worte, in denen er vorzugsweise denkt, sehr oft mit 
sinnlichen Bildern. Unsere Traumgedanken bestehen in der 
Regel hauptsächlich in Traumbildern, aber auch im Wachen 
wird das in Worten Gedachte häufig von Bildern begleitet. 
Man kann z. B. im Kopfe rechnen, ohne dass man die Zah- 
len vor sich sicht, aber man kann es auch so thun, dass man 
die Zahlen wie auf eine Tafel geschrieben vor seinen Augen 
erblickt. Man kann in Worten denken, ohne Spur eines be- 
gleitenden Bildes; es können aber die Worte zugleich dem 
Auge wie geschrieben oder gedruckt vorschweben. Haben 
die Worte eines Andern einen tiefen Eindruck auf uns ge- 
macht, so reproducirt sich in uns, wenn wir wieder daran 
denken, mit dem Inhalte der Worte zugleich der Ton der 
Stimme, womit sie gesprochen wurden. Beziehen sich un- 
sere Gedanken auf sinnenfällige Gegenstände, z. B. Personen, 
Figuren, Zahlen, so präsentiren sich uns neben den Worten 
zugleich sinnliche Bilder derselben mehr oder weniger deut- 
lich, und sogar an übersinnliche Dinge können wir nicht an- 
haltend denken, ohne dass sich mancherlei sinnliche Bilder 
einmischen, den übersinnlichen Gedanken begleiten oder mo- 
mentan unterbrechen. 

Das gleichzeitige Erscheinen und Alterniren von Bildern 

12 * 


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und Worten im Bewusstsein deutet auf einen verschiedenen 
Ursprung derselben. Bilder entstehen durch die Wechsel- 
wirkung der Nerven und des Rückenmarkes in den Central- 
theilen des Letzteren, Worte vermittelst der Thätigkcit des 
grossen Gehirnes und der Wechselwirkung desselben mit dem 
Rückenmarke, und die in und von dem Gehirne gebildeten 
Worte werden Objecte fiir das Denken im engeren Sinne, 
welches durch eine Wechselwirkung zwischen dem denken- 
den Ich und dem Gehirn zu Stande kommt. Hierauf beruht, 
wie ich glaube, das gleichzeitige Erscheinen von Bildern und 
Worten und der Unterschied des sinnlichen, verständigen und 
vernünftigen Denkens, oder der drei verschiedenen Sphären 
der Geistesthätigkeit, Sinn, Verstand und Vernunft. Bei 
einem tiefen und ernsten Nachdenken, wo nur die Wechsel- 
wirkung zwischen dem Ich und dem Gehirne Statt findet, 
werden wir uns kaum der dabei entstehenden Worte be- 
wusst, und nur das Resultat tritt im Selbstbewusstsein deut- 
lich hervor. Bei dem gewöhnlichen Denken nehmen auch 
die untergeordneten Sphären an der Thätigkeit Antheil, und 
die entstehenden Worte erscheinen im Bewusstsein in zwie- 
facher Gestalt, bald so, als ob sie innerlich ausgesprochen 
würden, bald so, als ob sie ohne eigentliches innerliches 
Sprechen entständen. Wir können die von den Sinnen auf- 
genommenen Bilder der Aussenwelt gleichsam als den rohen 
geistigen Nahrungsstoff betrachten, welchen der Verstand oder 
das Gehirn erst verdauen, d. h. in Worte umwandeln muss, 
ehe das denkende Ich sie assimiliren und in seine eigne Sub- 
stanz verwandeln kann. Selbst gehörte Worte müssen erst 
verstanden werden, ehe sie ein Gegenstand des Nachdenkens 
werden können; es genügt nicht, dass sie unverändert zum 
Gehirn und Bewusstsein kommen, sie müssen erst von dem 
Gehirn oder dem Verstände bearbeitet werden, so, dass ihr 
Sinn und ihre Bedeutung hervortritt, und so lange dies nicht 
geschieht, ist ein weiteres Nachdenken darüber unmöglich. 

Ehe ich weiter gehe, will ich durch einige Beispiele dar- 
thun, dass Sinn, Verstand und Vernunft, ungeachtet ihrer 
innigen Verbindung, dennoch relativ selbständig thätig sind, 


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und dass eine bestimmte Sonderung dieser drei verschiede- 
nen Sphären der menschlichen Geistesthätigkeit in manchen 
ungewöhnlichen und krankhaften Seelenzuständen deutlich 
und unverkennbar zum Vorschein kommt. 

Der berühmte Spalding machte im Jahre 1772 eine Be- 
obachtung an sich selber, welche er am Nachmittage dessel- 
ben Tages niederschrieb und seinem Freunde Sulz er brief- 
lich mittheilte. Der Brief lautet folgendermaassen (Moritz 
Magazin lur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 1. St. 2. S. 38): 
Ich hatte heute Vormittag in geschwinder abwechselnder Folge 
viele Leute sprechen, vielerlei Kleinigkeiten schreiben müs- 
sen, wobei die Gegenstände fast durchgehends von sehr un- 
ähnlicher Art waren, und also die Aufmerksamkeit ohne Un- 
terlass auf etwas ganz anderes gestossen ward. Zuletzt war 
eine Quittung wegen Zinsen für Kirchenarme zu schreiben. 
Ich setzte mich nieder, schrieb die beiden ersten dazu erfor- 
derlichen Wörter, aber in dem Augenblicke war ich nicht 
weiter vermögend, weder die übrigen Wörter in meiner Vor- 
stellungskraft zu finden, noch die dazu gehörigen Züge zu 
treffen. Ich strengte aufs Aeusserste meine Aufmerksamkeit 
an, suchte langsam einen Buchstaben nach dem andern hin- 
zumalen, mit beständigem Rückblick auf den vorhergehenden, 
um sicher zu sein, ob er auch zu demselben passe, merkte 
aber doch und 6agte mir selbst, dass es nicht diejenigen 
Züge wurden, die ich haben wollte, ohne mir indessen im 
geringsten vorstellen zu können, was ihnen fehlte. Ich brach 
also ab, hiess den Mann, der darauf wartete, theils einsylbig, 
theils durch Winken, Weggehen, und überliess mich unthätig 
dem Zustande, in welchen ich mich gesetzt fand. Es war 
eine gute halbe Stunde hindurch eine tiunultuarischc Stim- 
mung in einem Theile meiner Vorstellungen, in welchen ich 
nichts zu unterscheiden vermochte; nur dass ich sie ganz 
zuverlässig für solche Vorstellungen erkannte, die sich mir 
ohne und wider mein Zuthun aufdrängten, deren Unrichtig- 
keit ich einsah, auf deren Wegschaffung ich arbeitete, um 
den eigenen und besseren Ideen, deren ich mir im Grunde 
meiner Denkkraft bewusst war, mehr Luft und Raum zu 


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* 


schaffen. Ich warf mich nämlich, so viel ich unter dem 
Schwarm der andringenden verwirrten Bilder konnte, auf die 
mir geläufigen Grundsätze von Religion, Gewissen und künf- 
tiger Erwartung zurück; ich erkannte sie für gleich richtig 
und fest; ich sagte mir selber mit der grössten Leichtigkeit 
und Gewissheit: wenn ich, das eigentlich denkende Wesen, 
jetzt gleich, etwa durch eine Art von Tod, aus diesem in 
dem Gehirn erregten Getümmel, welches mir, nach meiner 
innersten Empfindung, immer etwas fremdes, ausser mir selbst 
vorgehendes blieb, herausgesetzt würde, so würde ich in 
der besten, glücklichsten Ordnung und Ruhe fortdauern und 
fortdenken. 

Bei dem Allen war nicht die mindeste Täuschung der 
äusserlichen Sinnlichkeit; ich sah und kannte Alles um mich 
herum in seiner wahren Gestalt; nur des fremden Andranges 
und Gewirres im Kopfe konnte ich nicht los werden. Ich 
versuchte zu reden, gleichsam zur Uebung, ob ich etwas 
Zusammenhängendes hervorzubringen im Stande wäre; aber 
so sehr ich auch Aufmerksamkeit und Gedanken mit Gewalt 
zusammenzwang, und mit der äussersten Langsamkeit dabei 
verfuhr, so merkte ich doch bald, dass unförmliche und ganz 
andre Wörter erfolgten, als ich wollte; meine Seele war jetzt 
eben so wenig Herr über die innerlichen Werkzeuge des 
Sprechens, als vorhin des Schreibens. Ich gab mich also 
zufrieden, in der, freilich an sich nicht erfreuenden Erwar- 
tung, dass, wenn dieser Zustand beständig so fortdauern 
sollte, ich auf meine Lebenszeit weder würde reden, noch 
schreiben können, dass aber meine eignen mir bewussten 
Grundsätze und Gesinnungen immer dieselben, und also auch, 
bis zu der völligen Absonderung von diesem ungestümen 
Spiele des Gehirns, mir noch stets eine einheimische Quelle 
der Beruhigung und der Hoffnung des Besseren bleiben 
würden. Ich bedauerte nur meine Angehörigen und Freunde, 
dass sie mich auf solchen Fall für Pflichten und Geschäfte, 
selbst für allen eigentlichen Umgang mit ihnen, verlieren und 
als eine Last der Erde sehen müssten. Aber, Gottlob! diese 
traurige Besorgniss währte nicht mehr lange. Nach der vol- 


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len halben Stunde fing nach und nach mein Kopf an, heller 
und ruhiger zu werden; die fremden, mir so überlästigen 
Vorstellungen wurden weniger lebhaft und brausend; und ich 
konnte das, was ich ans meinem eignen Grunde denken 
wollte, schon mit schwächerer Unterbrechung von jenen, mit 
etwas mehr Klarheit und Ordnung durchsetzen. Ich wollte 
nun dem Bedienten klingeln, damit er meiner Frau sagen 
möchte, zu mir herauf zu kommen; allein ich hatte doch noch 
einige Zeit nöthig, um mich zu oft wiederholten Malen im 
richtigen Aussprechen der hierzu erforderlichen wenigen Worte 
zu üben ; und die ersten nachherigen Unterredungen mit den 
Meinigen, geschahen noch von meiner Seite, eine andere halbe 
Stunde hindurch, mit einer langsamen, gewissermaassen ängst- 
lichen Bedächtlichkeit , bis ich mich endlich wieder eben so 
frei und heiter, als am Anfänge des Tages fand, und nur 
einen sehr gelinden Kopfschmerz fühlte. Hier dachte ich an 
meine angefangene, aber für irrig erkannte Quittung, und 
sah, dass anstatt: „Fünfzig Thaler halbjährige Zinsen“, wie 
es heissen sollte, mit so freien und graden Zügen, als ich je in 
meinem Leben mochte gemacht haben, geschrieben da stand: 
„Fünfzig Thaler durch Heiligung des Bra-“, mit einem Ab- 
brechungszeichen, weil die Zeile zu Ende war. Es war mir 
nicht möglich, mich auf etwas in meiner vorhergehenden Vor- 
stellungen oder Geschäften zu besinnen, welches durch einen 
dunklen mechanischen Einfluss zu diesen unverständlichen 
Worten hätte Anlass geben können. 

S pal ding fügt hinzu: wenn die ganze Denkkraft von 
dem jedesmaligen Zustande des Gehirnes abhängt, so muss 
in meinem Fall der eine Theil meines Gehirns gesund, in ge- 
höriger Lage und Ordnung, der andere in unordentlicher, 
verwirrter Bewegung gewesen sein. Und welcher von beiden 
sagte denn: ich? unterschied die durch einander kreuzenden 
Vorstellungen von sich selber? urtheilte von der Unrichtig- 
keit derselben? fühlte so innig sich selbst, als etwas ganz 
anderes und abgesondertes von jenen? Wie viel oder wie 
wenig daraus zu folgern sei, überlasse ich gerne der Ent- 
scheidung der Sachverständigeren. 


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Eine ähnliche an sich selbst gemachte Beobachtung er- 
zählt Gädicke (Moritz Magazin Bd. 4. St. 3. S. 23) mit 
folgenden Worten. Als ich vor 18 Jahren auf meinem Land- 
gute B. wohnte, und im August die Gerstenernte besorgte, 
ging ich, da ich denselben Morgen meine Dienstleute zum 
Binden hinausgeschickt hatte, eine Stunde hernach zu ihnen, 
um nachzusehen, ob alles befohlenermaassen befolgt würde. 
Ich war bei diesem guten Wetter ganz heiter und vergnügt, 
hatte keine anderen Gechäfte weiter gehabt, und spazierte um 
benannte Stunde ganz gemächlich nach, und dieser Spazier- 
gang vom Hause aus zu meinen Leuten bei der Gerste war 
nur ungefähr an die 500 Schritte. 

Vergnügt kam ich auch bei ihnen an, fand, dass meinem 
Aufträge völlig nachgelebt war; folglich wurde auch meine 
Heiterkeit gar nicht unterbrochen. Aber nach einer Viertel- 
stunde, da ich Einem und dem Andern etwas zur Arbeit ge- 
höriges, wie gewöhnlich, gelassen in Erinnerung bringen und 
sagen wollte, fand ich mich unfähig, meine Gedanken durch 
die gehörige Zusammenfügung der Worte, nach der wahren 
Folge, ordentlich vorzubringen: vielmehr kam das hinterste 
Wort bald vorne, das mittelste bald hinten, das vorderste 
bald in die Mitte, und auch umgekehrt. Es war eine solche 
unordentliche Mischung dieser Worte, dass keiner meiner 
Leute, die es zwar hörten, dass ich laut sprach, weder etwas 
davon verstehen noch enträthseln konnte. Daher glaubten 
wohl Einige, wie ich aus ihrem Aussehen und Mienen schloss, 
ich müsste wider alle meine Gewohnheit entweder betrunken 
oder wohl gar verwirrt im Kopfe sein. Aller meiner Ver- 
nunft war ich indessen ganz gewiss vollkommen mächtig; ich 
dachte ganz richtig, sah das Auffallende nebst den Beurthei- 
lungen von meinen Leuten ein: ich liess mir aber doch nichts 
von meiner Verlegenheit, dass ich jetzt nicht ordentlich reden 
konnte, merken, vielmehr ging ich allmählich, dem Scheine 
nach, mit guter Ueberlegung freimiithig zurück nach Hause, 
um mich nicht zum Gelächter zu machen. 

Unterwegs wurde mir diese meine Sprach- und unver- 
muthete Wortverwirrung doch sehr bedenklich. Es fiel mir 


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ein, wie vielleicht eine Art Lähmung meine Zunge befallen 
hätte, und dieser Zufall gar leicht endlich in eine völlige Ver- 
gessenheit der Sprache und eine wahre Stummheit übergehen 
könne. Doch aber erwog ich ganz reiflich, dass ich ja noch 
alle Wörter sprechen könnte, die ich wollte, aber nur nicht 
in gehöriger Ordnung, sondern nur dem Sprachgebrauch zu- 
wider, nicht in gehöriger Reihe, vielmehr ganz verwirrt durch 
einander, folglich könne es wohl nicht so sehr an meiner 
Zunge selbst, als an meinem Gedächtniss fehlen. Um aber 
auch hiervon die Probe ferner zu sehen, suchte ich diesen 
Gedanken nochmals vor mich laut herzusagen; allein alle diese 
Worte konnte ich zwar deutlich Vorbringen, aber doch nur 
unordentlich unter einander wie vorher, ohne ausser dem Ge- 
danken selber, den ich im Sinne hatte, aus den Worten klug 
zu werden. Ich dachte also weiter, dass ein Aderlass oder 
eine Laxanz, schleunig gebraucht, nur noch allein in der Ge- 
schwindigkeit mir helfen könnten. Den Aderlass wählte ich. 

Zu Ende dieses Schlusses kam ich in mein Haus , gab 
so viel mir möglich, meinen Leuten theils durch confuse 
Worte, theils richtige Zeichen zu verstehen, dass sie Wasser 
zur Aderöffnung am Fuss hereinbringen müssten. Diese ver- 
standen endlich meinen Sinn, besonders als ich den Schnep- 
per und Fuss zeigte und mich setzte. Zufällig bekam ich 
ohne Aufschub warmes Wasser, setzte den Fuss hinein, und 
liess mich selbst recht gut am Fuss zur Ader. Mein Blut 
war eben nicht in Wallung; dennoch aber liess ich wohl bjü 
10 Unzen, welches etwas dick war. Noch während dieser 
Aderöflhung war ich schon im Stande, wieder ordentlich zu 
sprechen, und scherzte beim Zubinden der Ader mit meinem 
Gärtner, welcher vor Bestürzung mir nicht recht helfen konnte. 
Seit dieser Zeit habe ich dergleichen Zufälle nicht wieder 
gehabt. 

Diese beiden Fälle stimmen darin überein, dass in beiden 
sowohl das vernünftige Nachdenken und das Selbstbewusst- 
sein, als die Sinnesthätigkeit ungestört blieben, ungeachtet 
der abnormen Gehirnthätigkeit , welche Sinn und Vernunft 
mit einander verbindet. Sie sind aber darin von einander 


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verschieden, dass bei Spalding die Geistesthätigkeit gestört 
wurde durch ein unwillkürliches und lebhaftes Hervortreten 
einer Menge verworrener Gedanken im Gehirne, während bei 
Gädicke nur ein Unvermögen dagewesen zu sein scheint, 
die Worte, welche er aussprechen wollte, in gehöriger Ord- 
nung und Aufeinanderfolge zu produciren. Beides kommt 
häufiger, in verschiedenem Grade, vorübergehend und an- 
dauernd vor, und beruht auf einer verschiedenen Affection 
des grossen Gehirns. Zu vorübergehenden Erscheinungen 
dieser Art dürfte ein augenblicklicher verstärkter Blutandrang 
zu gewissen Theilen des Gehirnes eine hinreichende Veran- 
lassung geben. 

Bei einem jungen Manne, welcher vor einigen Jahren mei- 
nen ärztlichen Rath in Anspruch nahm, fanden ganz in der- 
selben Weise, wie bei Spalding, vorübergehende Anfälle 
von Verwirrung der Gedanken Statt, bei ungestörter Sinnes- 
thätigkeit und völlig klarem Selbstbewusstsein. Sie traten 
auf als Begleiter von heftigen Kopfschmerzen, woran der 
Kranke öfter zu leiden pflegte, dauerten etwa eine Viertel- 
stunde und hatten den Kranken selbst sehr erschreckt. Sei- 
ner Aussage nach entstanden in seinem Kopfe eine Menge 
von ganz verworrenen und wechselnden Gedanken, welche 
er vergebens zu ordnen oder zu unterdrücken sich bemühte, 
obgleich er die Verwirrung derselben vollkommen und deut- 
lich erkannte. Diese Zufälle wiederholten sich einige Male 
und verschwanden alsdann, ohne nachtheilige Folgen zu hin-' 
terlassen. 

Bei einem anderen, gegen 60 Jahre alten Manne, welchen 
ich öfter zu sehen Gelegenheit hatte, waren die Erscheinun- 
gen mehr denen ähnlich, welche Gädicke an sich selbst be- 
obachtete, und sie enstanden wahrscheinlich in Folge einer 
beginnenden Gehirnerweichung, an welcher der Kranke später 
gestorben ist. Er hatte die Fähigkeit verloren, mit Andern 
ein zusammenhängendes Gespräch zu fuhren, weil er jeden 
Augenblick ganz andere Worte sagte, als er sagen wollte; 
nicht blos einzelne Worte, sondern ganze Sätze, so dass man 
den Sinn und die Bedeutung des Gesagten oft gar nicht er- 


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rathen konnte. Die innerliche Wort- und Gedankenbildun" 

O 

erschien dabei ungestört: er wusste vollkommen, was er sagen 
wollte, aber wenn er das innerlich Gedachte aussprechen 
wollte, kamen ganz andere Worte zum Vorschein, oft so 
heterogene und widersinnige, dass gar kein Zusammenhang 
zwischen den gedachten und gesprochenen Worten zu ent- 
decken war. Er bemerkte die Verkehrtheit der Letzteren auf 
der Stelle, fand es bald lächerlich, bald ärgerlich, dass er so 
unsinnig spräche, und bemühte sich wiederholt, die rechten 
Worte zu finden. Zuweilen gelang es ihm nach wiederholten 
misslungenen Versuchen, in der Regel waren alle Bemühun- 
gen vergebens, und es kamen stets nur andere unpassende 
und widersinnige Worte zum Vorschein. Bemerkte man, was 
er sagen wollte, und half ihm ein, so erkannte er dies auf 
der Stelle als richtig an. Bisweilen konnte er mehrere Sätze 
nach einander ganz richtig sprechen, bis mit einem Male ein 
ganz widersinniger Satz dazwischen trat. Die Sprache selbst 
war nicht behindert; die Sinnesthätigkeit eben so wenig ge- 
stört, wie das vernünftige Nachdenken, und das Selbstbe- 
wusstsein vollkommen klar und frei. 

Dass viele und bedeutende Störungen der Sinnesthätigkeit 
Vorkommen, ohne Verstand und Vernunft zu afficiren, ist eine 
allgemein bekannte Sache. In reiferem Alter entstehende 
Blindheit oder Taubheit hat in der Regel keinen Einfluss auf 
die Intelligenz des Menschen. Sinnestäuschungen ziehen aller- 
dings sehr oft, wenn sie stark und anhaltend sind, bedeutende 
Störungen des Verstandes, der Vernunft und des Selbstbe- 
wusstseins nach sich; sie können aber bisweilen längere Zeit 
fortdauern, ohne einen nachtheiligen Einfluss auf die höhere 
Geistesthätigkeit auszuüben. Fälle dieser Art werden wohl 
jedem beschäftigten Arzte Vorkommen, und manche sind öffent- 
lich bekannt gemacht worden. Ein junger Mann, der wegen 
Gehörtäuschungen meinen ärztlichen Beistand in Anspruch 
nahm, klagte insbesondere darüber, dass er weder lesen noch 
schreiben könne, ohne dass es ihm so vorkäme, als ob Je- 
mand hinter ihm stehe, welcher das Gelesene oder Geschrie- 
bene mit lauter Stimme hersage. Diese Täuschungen dauer- 


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tcn Monate lang fort, ohne weitere Störungen der geistigen 
Thätigkeit zu veranlassen, und verschwanden allmählig, ohne 
nachtheilige Folgen zu hinterlassen. In zwei von mir behan- 
delten Fällen von Geisteskrankheit, bei einem Kaufmann und 
einem Arzt, hatten Gehörtäuschungen zum Entstehen und zur 
Unterhaltung derselben wesentlich beigetragen. Dessen unge- 
achtet dauerten in beiden Fällen die Gehörtäuschungen noch fort 
nach völliger Beseitigung der Geisteskrankheit. Beide erkann- 
ten nach erfolgter Genesung die Täuschung des Sinnes voll- 
kommen an, und Beide konnten zu ihren gewohnten Geschäf- 
ten zurückkehren, ohne in der Ausübung derselben durch das 
Hören von Stimmen und Tönen gehindert zu werden, welches 
noch geraume Zeit fortdauerte. 

Krankhafte Störungen der Verstandesthätigkeit , wobei 
Vernunft und Sinnesthätigkeit ungestört bleiben, kommen sehr 
häufig vor, werden aber oft nicht bekannt, weil der Kranke 
im Stande ist, die sich unwillkübrlieh aufdrängenden, von ihm 
selbst als verkehrt und krankhaft anerkannten Gedanken vor 
den Augen der Welt, und sogar vor seinen unmittelbaren 
Umgebungen zu verbergen. Jeder Ilypochondrist hat ver- 
kehrte Ideen zu bekämpfen, welche in Folge gestörter Ver- 
standesthätigkeit sich ihm aufdringen und welche er nicht zu 
unterdrücken und zu beseitigen im Stande ist, wenn er auch 
ihre Verkehrtheit vollkommen anerkennt. Die seltsamsten 
fixen Ideen können in dem Bewusstsein hervortreten, und 
trotz aller Anstrengung eines ungestörten vernünftigen Den- 
kens und Wollene in demselben beharren, oder jeden Augen- 
blick wiederkehren. Von einer ganzen Reihe von Beispieleu 
dieser Art, welche ich aus eigener Erfahrung anfiihren könnte, 
will ich nur eines einzigen Falles erwähnen, wo ein hochge- 
stellter Beamter, ein sehr gebildeter und in jeder Hinsicht 
ausgezeichneter Mann, meinen Rath in Anspruch nahm, weil 
er von dem Gedanken gequält wurde, dass er seinen eigenen 
Kindern ein Leid zulugen werde. Diese fixe Idee stammte 
aus einer hypochondrischen Grundlage; allein in jeder ande- 
ren Beziehung war sein Geist durchaus frei und klar; er 
erkannte vollkommen die krankhafte Natur der ihn quälenden 


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Idee, aber es war ihm unmöglich sich davon zu befreien, 
jeden Augenblick kehrte sie zurück und zuweilen beängstigte 
sie ihn in sehr hohem Grade. Es verging eine sehr lange 
Zeit, ehe er von diesem furchtbaren Gedanken wieder ganz 
frei wurde. Andere Kranke fanden die beständige Furcht 
vor Nadeln, Glassplittern, Verunreinigungen u. dgl. in wel- 
cher sie lebten, thöricht und lächerlich, waren aber ebenso 
wenig im Stande, sich davon los zu machen. Man sieht an 
solchen Beispielen deutlich, dass diejenige Geistesthätigkeit, 
welche das Verkehrte und Krankhafte der Idee erkennt, nicht 
dieselbe sein kann, welche sie producirt. 

Momentane Verwirrung der Gedanken in Folge heftiger 
Gemüthsbewegungen kann bisweilen ebenfalls von dem davon 
Betroffenen anerkannt werden, wenn gleich in der Regel das 
Selbstbewusstsein dabei getrübt ist, und das eigene Erkennen 
der vorhandenen Ideenverwirrung dadurch verhindert wird. 
In seltenen Fällen können sogar Geisteskranke , welche an 
V erstandesverwirrung (Incohärenz der Ideen) leiden, die krank- 
hafte Entwicklung ihrer Gedanken erkennen, obgleich sie 
ausser Stande sind, sie zu beherrschen, zu ordnen oder zu 
zügeln. Ein junger Mann, der sehr geschwätzig war, und 
im Sprechen immer von einer Idee zur andern übersprang, 
klagte selbst zu wiederholten Malen, dass er keinen Gedan- 
ken gehörig festhalten und verfolgen könne, und eben so 
wenig im Stande sei, das viele und unzeitige Sprechen zu 
unterlassen. Ein mir befreundeter Beamter, von einigen 50 
Jahren, bei dem nach Unterdrückung eines Wechselfiebers 
eine sehr grosse geistige Aufregung (Manie) eintrat, w r elche 
sieh durch Projectmacherei und unaufhörliches Sprechen cha- 
racterisirte, verlangte mehrmals von mir Aufschluss über sei- 
nen, ihm selbst unbegreiflichen Geisteszustand. Er nahm 
deutlich eine zwiefache Geistesthätigkeit in sich selber wahr, 
die er, wie er sagte, als Rector und Conreetor bezeichnen 
wolle. Der Rector erkenne vollkommen klar und deutlich, 
was sich gezieme, was er denken und sagen solle; aber er 
könne den Conreetor nicht im Zaume halten, und dieser er- 
zeuge nicht nur eine Menge ungehöriger Gedanken, sondern 


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nöthige ihn auch, sie auszusprechen , obgleich er das Unan- 
gemessene seines unaufhörlichen Sprechens vollkommen ein- 
sähe. Er konnte Stunden lang ununterbrochen fortsprechen, 
und bei einer eintretenden Pause bat er bisweilen den Zuhö- 
rer, sich zu entfernen, damit er ihn nicht noch länger mit 
seinem Geschwätz belästige. 

In manchen krankhaften Zuständen, z. B. in Delirien und 
im Somnambulismus, können Sinne und Verstand mehr oder 
weniger normal fungiren bei völliger Aufhebung des Selbst- 
bewustseins und des vernünftigen Nachdenkens: der Kranke 
kann sinnenfällige Dinge richtig erkennen und über Manches 
richtig urtheilen, ohne von sich selber etwas zu wissen, oder 
nachher von dem Geschehenen etwas zu erinnern. In anderen 
Fällen, z. B. bei Betäubung durch Kopfverletzung, kann die 
Thätigkeit des Verstandes und der Vernunft, Bewusstsein und 
Selbstbewusstsein völlig aufgehoben werden, und dennoch die 
Thätigkeit der Sinne und das damit verbundene unmittelbare 
Wissen fortbestehen: der Kranke kann z. B. eine ihm vorge- 
haltene Tasse ergreifen und zum Munde führen, um daraus zu 
trinken, er kann eine schmerzhafte Berührung abweliren u. dergl. 

Erwägen wir die Bedeutung aller dieser Erscheinungen, 
so finden wir, dass sie der Einheit der Geistesthätigkeit nicht 
widersprechen, wohl aber ihrer Einfachheit. Sie nöthigen zu 
der Voraussetzung, dass in dem Menschen verschiedene Sphä- 
ren der Geistesthätigkeit existiren, deren jede mehr oder we- 
niger isolirt und fiir sich, also relativ selbständig auftreten 
kann. Haben wir diese Tliatsaehe einmal erkannt, so ent- 
decken wir bei aufmerksamer Selbstbeobachtung leicht, dass 
diese verschiedenen Sphären auch im gesunden Seelenleben 
existiren, dass unsere Geistesthätigkeit unaufhörlich aus einer 
Sphäre in die andere übergeht; dass aber auch eine isolirte 
Thätigkeit in einer oder der andern Sphäre Statt finden kann, 
und dass bald die Thätigkeit der Sinne, bald das verstän- 
dige Ueberlegen, bald das vernünftige Nachdenken vorherr- 
schend ist. 

Nachdem wir die relative Selbständigkeit der Sinnesthä- 
tigkeit, des Verstandes und der Vernunft dargethan haben, 


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wollen wir den Ursprung und Fortgang der Gedanken einer 
näheren Prüfung unterwerfen. Wir haben bereits gesehen, 
dass die Gedanken innerlich in Bildern oder in Worten, äusser- 
lich in der Sprache und in Handlungen erscheinen. Auf 
welche Weise der menschliche Geist Gedanken erzeugt und 
Worte bildet, ist uns bis jetzt gänzlich unbekannt und dem 
Anscheine nach unerforschlich. Wir wissen nur, dass die 
Worte im Gehirn entstehen, und dass die von aussen aufge- 
nommenen Eindrücke oder Bilder in unserem Bewusstsein in 
Worte umgewandelt werden, ohne dass wir sagen können, 
wie dies geschehe. So wie überhaupt das menschliche Den- 
ken im engeren Sinne ein dem göttlichen Denken nachfol- 
gendes, oder ein Nachdenken über das von Gott Geschaf- 
fene ist: so sind auch die menschlichen Gedanken Nachbil- 
dungen des in der Wirklichkeit Existirenden, und werden 
daher auch mit Recht im Allgemeinen Bilder oder Ideen 
(von sicfoc) genannt. Auch die Worte sind solche geistige 
Bilder, in welchen ein besonderer Inhalt gleichsam abgezeich- 
net ist, so dass in und mit dem Worte dieser Inhalt, als der 
Sinn des Wortes im Bewusstsein sich darstellt. Die Worte 
sind aber auch Vorbilder des Auszuführenden. Die inner- 
lich gedachten Worte erzeugen, indem sie auf die Bewegungs- 
nerven der Sprachwerkzeuge übertragen werden, successive 
alle Muskelbewegungen, welche zur Hervorbringung der ent- 
sprechenden articulirten Laute erforderlich sind. Eben so er- 
zeugt der innerlich gedachte Vorsatz, vermittelst des Rücken- 
marks auf die verschiedenen Bewegungsnerven des Körpers 
übertragen, die mannichfachsten Muskelbewegungen in einer 
solchen Ordnung und Aufeinanderfolge, wie es die Vollzie- 
hung der entsprechenden Handlung erfordert, d. h. die Aus- 
führung des in Worten innerlich vergegenwärtigten Vorbildes 
oder Vorsatzes. Der Vorsatz ist stets ein in Worte gefasster 
Gedanke, und seine Ausführung eine Uebersetzung oder Ueber- 
tragung der Worte in eine ihrem Inhalte entsprechende Tliat. 
Unsre denkende Thätigkeit ist also einerseits einUebersetzen der 
Wirklichkeit in die Sprache des Geistes, andrerseits ein Uebcr- 
setzen aus dieser in jene. Unsere Gedanken sind immer Bilder 




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oder Ideen, entweder V or Stellungen von Dingen, die wir er- 
innern (in uns aufnelnnen), oder Vorsätze, die wir ausführen; 
entweder Nachbilder der Wirklichkeit, oder Vorbilder 
auszuführender Handlungen. Auch was in unserem Gemüthe 
vor sich geht, unsere Gefühle, Neigungen, Triebe u. s. w. kön- 
nen wir Ideen nennen, insoferne sie ebenfalls auf der einen 
Seite als solche im Bewusstsein hervortreten und durch Worte 
bezeichnet werden, andererseits, auf die Bewegungsnerven 
übertragen, die entsprechenden Geberden und Handlungen 
veranlassen. Im Allgemeinen werden also Ideen einerseits 
von den Sinnes- und Empfindungsnerven aufgenommen, und 
dem Rückenmarke und Gehirne zugeführt, andererseits wer- 
den Ideen vom Gehirn aus zu den verschiedenen Bewegungs- 
nerven ausgeführt. Andere Ideen entstehen im Gehirne selbst, 
und bewegen 6ich theils nach innen zum Selbstbewusstsein, 
theils nach aussen zu dem Rückenmark und den Bewegungs- 
nerven. Es findet also in dem Seelenleben des Menschen 
ein stetes Einströmen von Ideen von aussen , und ein stetes 
Zurückströmen derselben von innen her Statt, und da, wie 
wir früher gesehen haben, diese beiden entgegengesetzten Be- 
wegungen sich stets mit einander verbinden, so können wir 
die ganze menschliche Seelenthätigkeit als einen Ideenkreis- 
lauf bezeichnen. Die Eigenthiimlichkeiten dieses Kreislaufes 
werden weiterhin genauer zu untersuchen sein. 

Denken im engeren Sinne des Wortes kann der Mensch 
nur in Worten, und die Resultate seines Denkens erscheinen 
stets in Worten in seinem Bewusstsein. Der Gedanke muss 
sich gleichsam verkörpern und sinnlich darstellen, um für das 
Auge des Geistes sichthar zu werden. Das Thier denkt nur 
in Bildern, und das Kind thut dies ebenfalls, so lange es 
noch nicht sprechen gelernt hat. Je mehr der Mensch her- 
anwächst, desto mehr tritt die ursprüngliche Bildersprache 
zurück hinter der Wort- und Schriftsprache, und nur in Träu- 
men wird bei dem Erwachsenen das Denken in Bildern wie- 
der vorherrschend. Je jünger der Mensch ist, desto mehr 
ist sein Denken mit sinnlichen Bildern vergesellschaftet; je 
älter er wird, desto mehr erscheinen seine Gedanken nur in 


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Worten ohne Beimischung von Bildern. Immer aber bedarf 
das Denken der Zeichen zur Erzeugung und zum Festhalten 
der Gedanken. Wo dem Individuum die natürliche Entwick- 
lung der Sprache versagt ist, wie bei den taubstumm Gebo- 
renen oder in frühem Lebensalter taubstumm Gewordenen, 
da bedarf es, wenn es zu einer irgend erheblichen geistigen 
Ausbildung kommen soll, einer stellvertretenden Finger- oder 
Geberdensprache. Der Taubstumme bedient sich derselben 
nicht blos zur Mittheilung, sondern auch zur Entwicklung 
seiner eigenen Gedanken ; er bedarf solcher Zeichen, um sich 
seiner eigenen Gedanken bewusst zu werden: wenn er nach- 
denkt, so treten bei ihm unmerkliche oder sichtbare Bewe- 
gungen der Glieder an die Stelle unserer leisen oder lauten 
Selbstgespräche. 

In den Taubstummen-Instituten bedient man sich für den 
Unterricht sehr ausgebildeter Geberdensprachen, welche von 
den taubstummen Kindern leicht und schnell erlernt werden. 
Mit Hülfe derselben ist jedoch nur eine unvollkommene Aus- 
bildung des Geistes zu erreichen, und sie dient daher nur zur 
Unterstützung und Vorbereitung des Erlernens der Schrift- 
sprache. Taubstumme, welche weder lesen noch schreiben 
lernen, bleiben in ihrer geistigen Entwicklung sehr zurück, 
und dies ist noch mehr der Fall, wenn ihnen auch keine an- 
dere Zeichensprache gegeben wird. Bleiben sie sich selbst 
überlassen, so bilden sie sich freilich nach Maassgabe ihrer 
Geistesfähigkeiten ihre eigene Gebärdensprache : allein diese 
bleibt stets sehr dürftig und unvollkommen. Taubstumme, 
die ohne besonderen Unterricht aufwachsen, haben immer einen 
sehr beschränkten Ideenkreis, und auch nur wenige Geberden 
zur Bezeichnung ihrer wenigen und einfachen Gedanken. Bei 
gehörigem Unterricht können sie dagegen eben so gut, wie 
jeder Hörende, geistig ausgebildet werden, und Mehrere ha- 
ben eine solche Bildungsstufe erreicht, dass sie sich als Taub- 
stummenlehrer ausgezeichnet haben. 

Nicht bloss das Auge, sondern auch die Fingerspitzen 
können in Beziehung auf das Erlernen der Sprache die Stelle 
des Ohres vertreten. Für den denkenden Geist des Men- 

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sehen ist es gleichgültig, auf welchem Wege die Worte zu 
ihm gelangen, wenn sie ihm nur überhaupt zugeführt werden. 
Das interessanteste Beispiel einer mit Hülfe des Tastsinnes 
allem erreichten bedeutenden geistigen Ausbildung ist Laura 
Brigdman in Nordamerika, deren Entwicklungsgeschichte 
ihr Lehrer, der Vorsteher des Blindeninstitutes in Boston, 
Dr. Ilowe, in mehreren Berichten veröffentlicht hat, und von 
welcher Dr. Julius (Zeitschrift für die gesummte Medicin 
von Fricke und Oppenheim, Bd. 13. 1840. S. 1), Combe 
(Froriep’s neue Notizen, Bd. 21. 1842. S. 273), Dickens 
(Reisenotizen über Amerika. Aus dem Englischen von Kolb. 
Stuttgart 1842. S. 66), und Burdach (Blicke in’s Leben. 
Leipzig 1844. Bd.3) ausführliche Nachrichten mitgctheilt haben. 

Laura Bridgnian, die Tochter achtbarer und gebildeter 
Eltern, geboren 1829 zu Hannover in New-Hampshire (Bur- 
dach 1. c. S. 22), war bald nach ihrer Geburt von schmerz- 
haften Krämpfen befallen worden, und bis zum 20sten Monate 
ihres Lebens äusserst schwächlich gewesen, hatte alsdann 
aber angefangen, sich geistig zu entwickeln, und am Ende 
des 2ten Lebensjahres etwas gesprochen. Da war sie wieder 
in eine schwere Krankheit mit Entzündung der Augen und 
und Ohren verfallen, die mit Zerstörung dieser Organe durch 
Eiterung endete. In diesem Zustande hatte sie anfangs die 
früher erlernten Worte noch ausgesprochen, aber da sie ihre 
Stimme nicht hörte, die Sprache bald verloren; zugleich hatte 
man bemerkt, dass ihr Geruchssinn fast gänzlich erloschen 
und ihr Geschmack sehr stumpf geworden war. Erst als sie 
4 Jahre alt war, gelangte sie zu einer dauernden Gesund- 
heit, und*^on nun an entwickelte sie eine ungemeine Reg- 
samkeit und Wissbegierde. Sie fing au, im Hause umher- 
zugehen und Beschäftigung zu suchen, wobei sic immer tliä- 
tiger und fröhlicher wurde; sie folgte der Mutter auf ihren 
Wegen, befühlte, wenn diese beschäftigt war, deren Hände 
und Arme und machte Alles nach; sie lernte etwas stricken 
und nähen, und fand ihre grösste Freude dar an, etwas Neues 
erlernt, oder die Anwendungsart eines Gegenstandes entdeckt 
zu haben. Als sie auf Veranlassung des Dr. Howe 1837 


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in das Blinden-lDstitut zu Boston aufgenommen wurde, war 
sie ein schönes, lebhaftes, geistvolles und liebenswürdiges 
Mädchen. Eine Zeitlang war sie über die Versetzung in 
ganz fremde Verhältnisse, deren Bedeutung sie nicht zu fas- 
sen vermochte, sehr bestürzt, doch befreundete sie sich bald 
mit ihren neuen Umgebungen, fand sich im Hause zurecht, 
lief munter Treppe auf Treppe ab, betrug sich bei Tische 
und sonst ganz anständig, kleidete sich ohne fremde Hülfe 
schnell und ganz gehörig an und aus, und bewies im Stricken, 
Nähen und Sticken ebenso viel Pleiss und Geschick, als ihre 
blinden aber hörenden Mitschülerinnen. Sie lernte jeden der 
vierzig Hausgenossen durch Berührung kennen, war freund- 
lich gegen die übrigen Mädchen, in deren Gesellschaft sie 
sich mit ihrem Spielzeug lebhaft unterhielt, und knüpfte mit 
Einigen derselben eine nähere Freundschaft an. Gleich schnell 
fasste sie auch Vertrauen zu den Lehrern, so dass diese schon 
zwei Monate nach ihrer Ankunft den Unterricht in der Wort- 
sprache mit ihr beginnen konnten. Stets bemüht, ihre Kennt- 
nisse zu erweitern, machte sie darin glückliche Fortschritte 
und fühlte sich besonders glücklich, dadurch in einen geisti- 
geren Verkehr mit den Menschen zu treten, und ein Mittel 
zur Befriedigung ihrer Wissbegierde, so wie zur Mittheilung 
ihrer Gedanken gewonnen zu haben. Ihr Antlitz, sagt Howe 
in seinem Berichte von 1839, strahlt von Geist, ihre Bewe- 
gungen sind anmuthig; sanft, wie ein Lamm, jauchzt sie vor 
Freude, wenn sie mit ihren blinden Gefährten spielt. In sei- 
sem Berichte von 1842 meldet er, dass sie für ihr Alter von 
13 Jahren gross, gut gewachsen und kräftig sei, und reissende 
Fortschritte in ihrer geistigen Bildung gemacht habe, sich 
vom Morgen bis zum Abend mit Lernen beschäftige, und 
dabei so vergnügt aussehe, als ob ihr dies die angenehmste 
Beschäftigung in der Welt wäre. 

Der Sprachunterricht begann damit, dass man täglich be- 
nutzte Gegenstände von kurzen Namen, Messer, Gabel, Löffel, 
Tasse, Schlüssel, Buch u. s. w. mit Zetteln beklebte, worauf 
die Namen mit erhabener Schrift geschlagen waren. Nach- 
dem sie durch sorgfältiges Betasten die Formverschiedenheit 

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der Lettern kennen gelernt, legte man ihr kleine Zettel mit 
denselben Worten in die Hand. Sie erfasste bald die Aehn- 
lichlieit, und legte z. B. den Zettel Schlüssel auf den Schlüs- 
sel, den Zettel Löffel auf den Löffel u. s. f., wozu man sie 
durch Klopfen auf den Kopf als das natürlichste Zeichen des 
Beifalls ermunterte. Auf dieselbe Weise lernte sie später die 
einzelnen Buchstaben zu bestimmten Wörtern zusammensetzen ; 
sie that dies aber einige Zeit hindurch augenscheinlich ohne 
irgend einen Begriff über die Wechselbeziehung der Worte 
und der dadurch bezeichneten Dinge, und wurde blos durch 
Nachahmungstrieb und Gedächtniss, und durch den Wunsch, 
Beifall zu erlangen, geleitet. Mit einem Male entdeckte sie, 
dass sie in den Besitz eines Mittels gekommen sei, Vorstel- 
lungen von Gegenständen anderen Menschen mitzutheilen, 
und sogleich strahlte auf ihrem Antlitz der Wiederschein 
menschlicher Vernunft. Ich könnte, sagt Howe, fast den 
Augenblick angeben, wo diese Wahrheit in ihrem Geiste auf- 
dämmerte und Licht über ilir Antlitz goss. Von diesem 
Augenblicke an machte ihre geistige Entwicklung rasche Fort- 
schritte. Am Ende des Jahres hatte sie es in der Wort- 
sprache bereits so weit gebracht, dass sie kurze Sätze ver- 
stand, und durch solche sich Andern mittheilen konnte; dabei 
war sie im Gebrauche des Fingeralphabets so geschickt und 
behende, dass ein ungewohntes Auge ihren Bewegungen nicht 
zu folgen vermochte; eben so leicht las sie die Worte, die 
ein Anderer auf ähnliche Weise in die Luft schrieb, indem 
sie dessen Hand fasste und jeder Bewegung seiner Finger 
mit grosser Aufmerksamkeit folgte. Im Jahre 1842 konnte 
sie verständige und ganz zusammenhängende Briefe deutlich 
und leserlich schreiben, und hatte nach dem Berichte von 
Howe alle Theile der Sprache inne, kannte zwar noch nicht 
sehr viele Worte, gebrauchte sie aber mit Leichtigkeit. 

Bemerkenswerth ist eff, dass Laura Bridgman, wie 
Howe nachgewiesen hat, in der Fingersprache denkt, wie 
wir es bei unseren innerlichen Selbstgesprächen in Worten 
thun. Man hat beobachtet, dass sie in lebhaften Träumen 
ihre Finger bewegte, und als sie erzählte, was sie zu spre- 


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chen geträumt habe, antwortete sie auf die Frage, ob sie mit 
dem Munde gesprochen: „nein, mit den Fingern.“ Taubstumme, 
welche die Tonsprache eingeübt haben, verbinden dagegen 
mit jeder Vorstellung das Gefühl der Bewegungen, welche 
zum Aussprechen der dazu gehörigen Worte erforderlich sind. 
Der taubstumme Tauscher sagt darüber: die Articulation 
ist meinem Denken auf das Innigste einverleibt, ich kann 
nicht anders als in mir sprechend denken, ich empfinde die 
Laute, die ich beim Sprechen hervorbringe, und sie schwe- 
ben mir vor, auch wenn ich still denke; es gesellt sich eine 
Art Zuckung in den Sprachorganen bei (Burdach 1. c. S. 98). 

Aus dem Einflüsse, welchen das Erlernen der Zeichen-, 
Geberden- und Wortsprache auf die geistige Entwicklung der 
Taubstummen ausübt, erkennen wir, dass die Sprache eino 
nothwendige. Bedingung der Gedankenentwicklung ist, und 
dasselbe lehrt uns die Beobachtung der geistigen Entwicklung 
jedes Kindes. Die Sprache wird erlernt durch die Thätigkeit 
des Gehirns und die daran geknüpfte Thätigkeit des Ver- 
standes; das Verstehen der gehörten, oder auf anderen Wegen 
dem Gehirne zugefuhrten Worte geht dem eigenen Nachden- 
den voraus und ist die Grundlage desselben. Der Mensch 
kann nicht zuerst denken: ich will diesen Gegenstand so 
nennen, und jenen so; sondern er muss die Sprache haben, 
ehe er so denken kann. Die Sprache gehört nicht in das 
Gebiet der menschlichen Erfindungen, sondern sie entwickelt 
sich in ihm instinctartig und bewusstlos, wie bei jedem Vogel 
der ihm eigenthümliche Gesang, als eine Wirkung der dem 
Menschen inwohnenden göttlichen Macht des Denkens. So- 
bald das Gehirn und Nervensystem dazu fähig geworden sind, 
fängt das Kind an zu sprechen, nachdem es vorher die ver- 
nommenen Worte verstehen gelernt hat, und nur solche Ge- 
genstände, die es kennen und unterscheiden gelernt hat, be- 
zeichnet es durch bestimmte Laute oder Worte. So wie das 
Kind das Bedürfniss der leiblichen Nahrung empfindet, eben 
so empfindet es in etwas späterem Alter das Bedürfhiss der 
geistigen Nahrung. Instinctartig erwacht in ihm der geistige 
Bildungstrieb, der Trieb zu lernen und zu wissen; vermittelst 


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desselben wird es dazu getrieben, seine Aufmerksamkeit auf 
die sichtbaren und hörbaren Dinge zu richten , und darauf 
beschränkt sich die ganze Selbstthätigkeit des Kindes beim 
Erlernen der Sprache. Fast eben so instinctartig entwickelt 
sich bei dem weiblichen Geschlechte, bei Müttern, Ammen 
und Kindermägden der Trieb, die Kinder sprechen zu lehren; 
sie sind unermüdlich darin, mit den Kindern zu plaudern und 
tragen dadurch viel dazu bei, dass die Kinder ihre Mutter- 
sprache spielend erlernen. Kinder können sogar ohne alle Mühe 
und Schwierigkeit mehrere Sprachen zugleich sprechen lernen. 

Das Kind lernt zuerst die Gegenstände benennen, dann 
ihre Eigenschaften und Verhältnisse, zuletzt die Zustände und 
Veränderungen und deren Zusammenhang. Es ist ein wesent- 
licher Fortschritt, wenn es z. B, anstatt „Feuer heiss“ sagen 
kann „das Feuer ist heiss“, oder anstatt „Finger weh“, „der 
Finger thut mir weh“; es ist ein abermaliger, das Erwachen 
des Selbstbewusstseins bezeichnender Fortschritt, wenn es sich 
selbst als Ich zu bezeichnen anfängt. Vor aller Befähigung 
zum Nachdenken erlernt es aber die ganze Sprache mit allen 
Declinationen, Conjugationen , Constructionen und grammati- 
schen Regeln. Es lernt die Bedeutung der Wörter und 
Sprachformen verstehen und richtig gebrauchen, und erst 
wenn es darin ziemlich weit fortgeschritten ist, wird es zu 
eigenem Nachdenken befähigt. Es lernt die Sprache um so 
vollkommener, je gebildeter seine Eltern und Umgebungen 
sind, indem der menschliche Geist auf eine wunderbare Weise 
im kindlichen Alter die Gedanken auffassen und verstehen 
lernt, welche sich ihm in Worten darbieten. Eben dadurch 
wird eine allgemeine Fortbildung der Volkssprache möglich, 
welche weniger das Werk einzelner Individuen ist, als das 
Resultat der gemeinsamen geistigen Thätigkeit des ganzen 
Volkes. Je gebildeter ein Volk ist, desto gebildeter ist seine 
Sprache, und je bestimmter die Begriffe in der Sprache aus- 
gedrückt sind, desto bestimmter werden sie mit den Worten 
auf das Kind übertragen. Jeder Fortschritt pflanzt sich auf 
diese Weise fort, wird erhalten und bleibt das geistige Eigen- 
thum des ganzen Volks. Allerdings wird die Ausbildung der 


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Sprache durch einzelne hochbegabte Männer besonders geför- 
dert, namentlich durch Dichter und Philosophen, aber Dicht- 
kunst, Weisheit und Wissenschaft können nur blühen in einem 
gebildeten Volke, und was der Einzelne leistet, hat er mehr 
oder weniger der geistigen Thätigkeit seiner Vorfahren zu 
verdanken. Klopstock, Bürger, Voss, Schiller, Göthe 
haben zu der Ausbildung der deutschen Sprache wesentlich 
beigetragen, uud viele von Kant, Schelling, Fichte und 
Hegel bestimmte Begriffe sind unvermerkt in die Sprache 
aller Gebildeten übergegangen. Wir meinen gegenwärtig in 
dem Besitz einer sehr ausgebildeten Sprache zu sein, allein 
wie veraltet und unvollkommen dieselbe vielleicht nach Jahr- 
hunderten unseren Nachkommen erscheinen möge, sind wir 
nicht im Stande zu beurtheilen. 

Die Sprache besteht aus Wörtern und das Wort aus Buch- 
staben, aber der Mensch hat die Wörter nicht aus Buchsta- 
ben zusammengesetzt, sondern diese erst nachher in den von 
ihm gebrauchten Wörtern entdeckt. Jede Sprache hat sich 
wahrscheinlich ans schwachen Anfängen im Laufe von Jahr- 
hunderten und Jahrtausenden von einer Generation zur andern 
fortgebildet. Wir können freilich keine Sprache bis auf ihren 
ersten Ursprung verfolgen, dürfen aber wohl annehmen, dass 
Adam und Eva keine sehr wortreiche Conversation mit ein- 
ander geführt haben. Wahrscheinlich haben die verschiedenen 
Buchstaben eine besondere geistige Bedeutung; es ist aber viel- 
leicht unmöglich, diese zu ermitteln, und wenn es möglich wäre, 
so müsste sie aus den ursprünglichen Stammwörtern erkannt 
werden. Eher Hesse sich die Bedeutung verschiedener jäylben 
ermitteln, z. B. heit, keit, ung, er, ver, zer, lieh u. s. w., aber auch 
dies ist schon eine schwierige Aufgabe. Jedes Wort dagegen 
hat seinen erkennbaren Sinn und Inhalt; es ist der Träger eines 
bestimmten Begriffes, oder gleichsam ein verkörperter Gedanke. 
Es ist von dem ihm inwohnenden Gedanken ebenso unzertrenn- 
lich, wie der Leib von der Seele, oder die ponderable Materie 
von der ihr inwohnenden Anziehungskraft: ein blosses Aggre- 
gat von Buchstaben ohne Sinn ist kein Wort, wenn es auch 
ausgesprochen und geschrieben werden kann. 


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Man pflegt alle Wörter in 10 Klassen zu theilen: Haupt- 
wörter, Eigenschafts- oder Beschaffenheitswörter, Geschlechts- 
wörter, Vorwörter, Zahlwörter, Fürwörter, Bindewörter, Ne- 
benwörter, Zeitwörter und Ausrufungs Wörter. Schliessen wir 
die Letzten aus, welche augenscheinlich nur zum Ausdruck 
von Gefühlen dienen, z. B. der Freude, des Leides, des Er- 
staunens, des Erschreckens u. s. w., so haben alle übrigen 
Wörter bestimmte Gedanken zu ihrem Inhalte. Sie bezeich- 
nen entweder wirkliche, theils ausser uns, theils in uns seiende 
Gegenstände (Objecte des Denkens), oder deren Eigenschaf- 
ten, Verhältnisse, Beziehungen, Zusammenhang, Zustände und 
Veränderungen, ihr Thun und Leiden. Die Hauptwörter, 
wodurch die Gegenstände bezeichnet werden, nennt man auch 
Substantiva, und sie machen das für sich Bestehende, die 
eigentliche Grundlage oder die Substanz der Sprache aus; 
in so ferne aber jedes Wort ein Gegenstand für unser Den- 
ken sein kann, lässt sich auch jedes Wort als ein Substan- 
tivum gebrauchen. Die Zeitwörter bezeichnen insbesondere 
die Zustände und ihre Veränderungen, sowohl die thätigen 
als die leidenden; die Bindewörter den Zusammenhang, die 
Aufeinanderfolge und Causalverbindung, z. B. und, denn, weil, 
aber u. s. w. ; die Eigenschaftswörter die verschiedene Be- 
schaffenheit der Dinge, entweder schlechthin, oder in ihren 
Steigerungen (Comparativ und Superlativ) vergleichungsweise 
zu einander. Alle übrigen Wörter drücken Verhältnisse und 
Beziehungen aus, z. B. die Pronomina Beziehungen auf ver- 
schiedene Personen oder Subjecte, die Zahlwörter das Ver- 
hältnis^ der Theile zum Ganzen, oder der Vielheit zur Ein- 
heit. Man pflegte sonst auch nur drei Klassen von Wörtern 
zu unterscheiden; Nennwörter, nomina, Bestimmungswörter, 
particulae, und Zeitwörter, verba, und diese Unterscheidung 
dürfte den Unterschieden der Geistesthätigkeit entsprechen, 
so dass durch sie die sinnlichen, verständigen und vernünfti- 
gen Elemente der Sprache bezeichnet werden. 

Bestimmte Gedanken lassen sich aber meistens nicht durch 
einzelne Wörter ausdrücken; sondern nur durch Verbindung 
mehrerer W' r örter zu einem Satze, oder mehrerer Sätze zu 


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201 


einer Periode. Der Satz enthält ein Subject und ein Prä- 
dicat, mit einander verbunden durch eine Copula, am häu- 
figsten durch das Wörtlein ist, oder durch ein Zeitwort, z. B. 
ich gehe, ich thue, anstatt ich bin gehend, thuend (J am doing 
der Engländer). Ausgedrückt wird dadurch im Allgemeinen, 
dass das Prädicat dem Subjecte angehöre, dass es in ihm 
enthalten, ein Theil oder ein Zustand desselben sei. Dieser 
Theil wird aus dem Inhalte des Subjects hervorgehoben und 
herausgesetzt durch ein Urtheil, und in jedem Satze wird 
ein Urtheil, eine Meinung, eine Satzung ausgesprochen. Die 
Periode besteht immer aus mehreren, zu einem Ganzen mit 
einander verbundenen Sätzen: sie ist der Ausdruck einer 
Verknüpfung von Gedanken zu einem Schlüsse, eines mehr 
oder weniger vollständig entwickelten und in dem Zusammen- 
hänge seiner Theile dargestellten Gedankens. Es gicbt in 
der Sprache nur diese drei Formen der Gedankenausdrücke: 
Wort, Satz und Periode; und sie entsprechen vollkommmen 
den drei verschiedenen Sphären der Geistesthätigkeit : Sinn, 
Verstand und Vernunft. Was der Sinn in seiner Anschauung 
an dem Gegenstände wahrnimmt, das ist enthalten in dem 
ihn bezeichnenden Worte; was der überlegende Verstand in 
seinen Urtheilen von diesem Inhalte hervorhebt, wird in der 
Form eines Satzes ausgesprochen und vorgestellt, und was 
die nachdenkende Vernunft folgerichtig entwickelt und in einem 
Schlüsse zusammenfasst, kann nur in einer Periode vollstän- 
dig ausgedrückt und dargestellt werden. 

Den eigentlichen Ursprung der Gedanken können wir eben 
so wenig nachweisen, als den Ursprung der Worte und der 
Sprache. Auf welche Weise der menschliche Geist Gedan- 
ken und Worte innerlich bildet oder nachbildet, ist uns durch- 
aus räthselbaft, und wir dürfen um so weniger hoffen, es zu 
entdecken, da die Gedanken und Worte nicht bei ihrem in- 
nerlichen Entstehen von uns beobachtet werden können, son- 
dern erst nachdem sie in uns entstanden oder von andern 
ausgesprochen worden sind. Wohl aber können wir unter- 
scheiden, dass unsere Gedähken nicht immer auf dieselbe 
Weise in unserem Bewusstsein entstehen, vielmehr auf ver- 


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202 


schiedenen Wegen demselben zugeführt werden. In unserem 
Bewusstsein concentrirt sieh aber Alles, was wir von unseren 
Gedanken erfahren, und Alles, was im Bewusstsein hervor- 
tritt, erscheint in der Form von Gedanken, in so ferne nichts 
in demselben entsteht, ohne Mitwirkung der denkenden Gei- 
stesthätigkeit. Durch Beobachtung dessen, was in unserem 
Bewusstsein vor sich geht, werden wir in den Stand gesetzt, 
das Entstehen aller Gedanken auf einen fünffachen Ursprung 
zurückzuführen. Sie entstehen nämlich: 

1) Durch sinnliche Wahrnehmung äusserer Gegenstände 
und Vorgänge; 

2) Durch sinnliche Wahrnehmung eigener körperlicher Zu- 
stände und Veränderungen, namentlich der eigenen Muskel- 
thätigkeit. 

3) Durch Gefühle und Gemütsbewegungen , indem da- 
durch z. B. durch Freude, Schmerz, Zorn, Furcht, Liebe, 
Hass, Mitleid, Reue u. s. w. stets verwandte und entsprechende 
Vorstellungen angeregt werden. 

4) Durch die Thätigkeit unseres Gehirnes selber, der wir 
alle diejenigen Gedanken zuschreiben müssen , welche ohne 
unser eigenes Zuthun in uns entstehen, und zugleich weder 
durch sinnliche Wahrnehmungen, noch durch Gefühle ange- 
regt werden. Bei genauer Selbstbeobachtung und durchaus 
passivem Verhalten unserer denkenden Selbstthätigkeit finden 
wir, dass eine grosse Menge von Gedanken, theils in unge- 
ordneter Aufeinanderfolge, theils nach den sogenannten Ge- 
setzen der Ideenassociation auf diese Weise in uns entstehen. 

5) Durch selbsttätiges Nachdenken, vermöge der dem 
menschlichen Geiste inwohnenden Macht, in dem eigenen Ge- 
hirne bestimmte Gedanken hervorzurufen, festzuhalten und zu 
entwickeln. Auf dieser geistigen Einwirkung beruht haupt- 
sächlich die strenge logische Ordnung und folgerichtige Ent- 
wicklung der Gedanken, die um so bestimmter hervortritt, 
je ernster und angestrengter wir über eine Sache nachdenken. 
Das sich selbst überlassene Gehirn verhält sich gleichgültig 
gegen die in ihm entstehenden Gedanken, ihre Ordnung und 
Aufeinanderfolge. 


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203 


Von besonderem psychologischen Interesse ist es, die 
Wege zu verfolgen, auf denen sich die Ideen im Gehirn und 
Nervensystem fortbewegen. Wenn dies auch grösstentheils 
nur hypothetisch geschehen kann, so gewinnt doch die Ein- 
sicht in die Vorgänge des geistigen Lebens dadurch sehr an 
Deutlichkeit. Geht man von den äusseren Sinneseindrücken 
aus, so kann man in der Fortbewegung der Gedanken fünf 
Momente unterscheiden: Bewegungen zwischen den Nerven 
und dem Rückenmarke, zwischen diesem und dem grossen 
Gehirne, zwischen dem grossen Gehirne und dem denkenden 
Ich, zwischen dem grossen und kleinen Gehirne, und endlich 
zwischen dem Gehirne und den Bewegungsnerven. 

1) Alle Sinneseindrücke, namentlich auch die gehörten oder 
gelesenen Worte, pflanzen sich zunächst durch die sensiblen 
Nerven fort zu den Centraltheilen des Rückenmarks, und er- 
zeugen dadurch sinnliche Wahrnehmungen oder Anschauun- 
gen. Diese sind, wenn sie von keiner activen Thätigkeit be- 
gleitet werden, zuerst undeutlich, sie erzeugen aber sogleich 
eine Reflexbewegung durch Anregung centrifugaler Thätigkeit 
in den correspondirenden Nerven. Das Sinnesorgan wird 
dadurch in eine solche Stellung gebracht und so bewegt, wie 
es zu einer deutlichen Wahrnehmung nöthig ist. Deutliches 
Sehen erfordert innere Accomodation des Auges in Verhält- 
niss zur Entfernung des Gegenstandes, und ein der Oberfläche 
desselben parallel laufendes Hin- und Herbewegen, in dersel- 
ben Weise, wie deutliches Tasten ein Hin- und Herbewegen 
der Finger. Deutliches Hören erfordert Spannung des Trom- 
melfelles und Bewegungen der Ohren und des Kopfes; deut- 
liches Schmecken Bewegungen der Zunge und Speichelaus- 
sonderung; deutliches Riechen Bewegungen der Nasenflügel 
und kurze rasche Inspirationen. Alle diese Bewegungen kön- 
nen durch äussere Anregung instinctartig und als blosse Re- 
flexbewegungen hervorgerufen werden, und wenn die deut- 
liche Wahrnehmung es erfordert, kann der ganze Körper an 
diesen Reflexbewegungen instinctartig Theil nehmen, wie es 
beim Sehen, Hören und Betasten häufig geschieht. Die Rich- 
tung des Sinnesorganes auf den Gegenstand genügt allein zur 


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deutlichen Wahrnehmung nicht, sie muss durch verstärkte 
centrifugale Thätigkeit hervorgebracht werden, wenn die W ahr- 
nehmung deutlich werden soll, d. h. durch diejenige Thätig- 
keit, welche wir gewöhnlich als Aufmerksamkeit zu be- 
zeichnen pflegen. Der Act des sinnlichen Anschauens kann 
von innen her mit einer absichtlichen und willkührlichen Auf- 
merksamkeit beginnen; alle dabei Statt findenden Bewegungen 
können aber auch von aussen her ohne Absicht und Willkühr 
angeregt werden: die Deutlichkeit und Vollständigkeit der 
Wahrnehmung steht immer mit der Intensität und Dauer der 
Aufmerksamkeit in directem Verhältnisse. Wo es an aller 
Aufmerksamkeit fehlt, wird gar nicht, oder höchstens sehr 
undeutlich wahrgenommen. 

Grössere Aufmerksamkeit schärft nicht nur im Allgemei- 
nen jede Wahrnehmung; sondern bewirkt, wenn sie vorzugs- 
weise oder ausschliesslich auf einen Theil dessen gerichtet ist, 
was sich gleichzeitig den Sinnen darbietet, dass vorzugsweise 
oder ausschliesslich nur dieser Theil zur deutlichen Wahr- 
nehmung gelangt. Namentlich findet dies Statt bei dem Ge- 
sicht und Gehör (den activen oder objectiven Sinnen), weni- 
ger bei dem Tastsinn, in sehr geringem Grade bei dem Geruch 
und Geschmack (den passiven oder subjectiven Sinnen). Bei 
dem Auge wird dies freilich hauptsächlich dadurch bedingt, 
dass wir dasselbe auf den Punct fixiren, den wir besonders 
sehen wolleu, allein von den bei fixirtem Auge in dem Ge- 
sichtsfelde erscheinenden Dingen wird am deutlichsten wahr- 
genommen, was wir sehen wollen, oder was unsere Aufmerk- 
samkeit auf sich gezogen hat. Wenn mehrere Personen zu- 
gleich sprechen, so hören wir oft nur, was Einer sagt, und 
in einem Concerte können wir die Töne eines einzelnen In- 
strumentes heraushören und verfolgen, wenn wir unsere Auf- 
merksamkeit darauf richten. Je mehr wir dies thun, desto 
weniger werden alle übrigen Töne wahrgenommen. Nacht- 
wandler hören und sehen oft nur, was mit ihren Traumbildern 
in Beziehung steht, und nehmen viel stärkere gleichzeitige 
Einwirkungen auf ihr Auge und Ohr gar nicht wähl - . 

Auf eigentümliche Weise wird die Bestimmtheit und 


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205 


Deutlichkeit der Wahrnehmung gefordert und erleichtert, wenn 
wir vorher wissen, was sich derselben darbieten wird. Wir 
können uns z. B. lange vergebens bemühen, die einzelnen 
Buchstaben einer entfernten oder undeutlichen Inschrift zu 
lesen, sobald wir aber den Sinn der Inschrift entziffert haben, 
sehen wir auch diejenigen Buchstaben vollkommen deutlich, 
welche wir vorher nicht zu unterscheiden vermochten. Wahr- 
scheinlich hat dies seinen Grund darin, dass wir alsdann die 
einzelnen Buchstaben in vorausbestimmter Richtung des Blickes 
verfolgen, während derselbe vorher, so lange wir nicht wuss- 
ten, welche Buchstaben wir vor uns hatten, in unbestimmten 
Richtungen abschweifte. Mit dem Entziffern unleserlicher 
Handschriften geht es ebenso, und eine weit entfernte Kirche 
oder Mühle erkennen wir manchmal erst in dem Augenblicke 
deutlich, wo wir erfahren, dass es eine Kirche oder Mühle 
ist. Einen verlorenen kleinen Gegenstand finden wir nicht 
leicht, wenn wir nicht wissen, was gesucht werden soll, und 
eine in einiger Entfernung oder in einer fremden Sprache 
geführte Unterredung verstehen wir um so leichter, je be- 
stimmter wir wissen, wovon die Rede ist. 

Die durch Sinneseindrücke hervorgerufenen Reflexbewe- 
gungen beschränken sich nicht allein auf die zur deutlichen 
Wahrnehmung erforderliche centrifugale Nerventhätigkeit, son- 
dern erstrecken sich viel weiter. Gehörte oder gelesene 
Worte können sich vom Rückenmarke aus unwillkührlieh und 
instinctartig auf die motorischen Nerven der Sprachwerkzeuge 
fortpflanzen: dieser Reflex begründet die Neigung der Kin- 
der, gehörte Worte nachzusprechen , so wie die Möglichkeit, 
Papageien und Raben zum Sprechen, Dompfaffen und andere 
Singvögel zum Nachsingen bestimmter Melodien abzurichten. 
Aus demselben Grunde begegnet es uns beim Lesen zuwei- 
len, dass wir, ohne daran zu denken oder es zu wollen, ge- 
lesene Worte laut oder halblaut aussprechen. Diese und 
ähnliche Verhältnisse zwischen den centripetalen und centri- 
fugalen Nerven liegen allen durch Uebung zu erwerbenden 
Fertigkeiten zu Grunde, der Fertigkeit des Sprechens und 
Schreibens, des Spielens musikalischer Instrumente, equilibri- 


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206 


stischer Künste u. s. w. Erworben werden diese Fertigkeiten 
freilich nicht ohne Mitwirkung des Gehirns, des Verstandes 
und willkührlichen Bestrebens ; sind sie aber einmal erworben, 
so reicht die Thätigkeit des Rückenmarks und der Nerven 
zu ihrer Ausübung hin. Bei lautem Vorlesen, Abschreiben 
oder Spielen von Instrumenten reicht ein Blick auf die ge- 
druckten und geschriebenen Worte oder Noten hin, um durch 
unmittelbare Reflexion die erforderlichen Bewegungen der 
Sprachwerkzeuge oder der Finger hervorzurufen. Man kann 
fortfahren richtig vorzulesen, abzuschreiben oder zu spielen, 
wenn man auch zu derselben Zeit an ganz andere Dinge 
denkt, und sich des Gelesenen, Geschriebenen oder Gespiel- 
ten gar nicht bewusst wird. Es sind sogar Fälle beobachtet 
worden, wo lautes Vorlesen nach dem Einschlafen noch eine 
Zeitlang fortgesetzt wurde, und Musikstücke in traumähnli- 
chen Zuständen besser und geläufiger gespielt wurden, als sie 
von derselben Person im Wachen gespielt werden konnten. 
Balanciren, Seiltanzen und andere equilibristische Künste wer- 
den ebenfalls grossentheils durch Reflexbewegungen ausgefiihrt, 
welche durch das Auge vermittelt und geleitet werden. 

Das Auge ist überhaupt auf eine wunderbare Weise der 
Regulator einer grossen Menge von combinirten Muskelbewe- 
gungen, welche zur Erhaltung des Gleichgewichtes, zur Ab- 
wendung drohender Gefahren und zur Ausführung bestimmter 
Ortsbewegungen dienen, und als einfache Reflexbewegungen, 
ohne vorhergehende Ueberlegung imd ohne Vermittlung des 
Gehirns zu Stande kommen. Gegen einen drohenden Schlag 
schützt uns das Auge durch eine rasche Seitenbewegung oder 
unwillkürliches Vorhalten des Armes; es sichert unsern Gang 
auf schlüpfrigen oder gefährlichen Pfaden; es misst die Höhe 
oder Weite eines erforderlichen Sprunges u. s. w. Wenn man 
über einen ziemlich breiten Graben springt, so bestimmt das 
Auge den dazu erforderlichen Grad von Muskelanstrengung, 
und es ist alsdann nicht leicht, weiter zu springen, als bis 
auf den entgegengesetzten Rand des Grabens, wenn man auch 
auf ebener Erde einen weiteren Sprung zu machen im Stande 


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207 


ist: die instinctartige Macht des Auges über die Muskeln ist 
in solchen Fällen grösser, als die Macht des Willens. 

Alle Körperbewegungen, welche zu den eben angeführten 
und ähnlichen Zwecken dienen, geschehen mit grösserer Sicher- 
heit und Bestimmtheit, wenn sie blos durch das Auge gelei- 
tet werden; jedes directe Eingreifen des Willens ist störend 
und hinderlich für den regelmässigen Fortgang der Bewegung. 
Maulthiere, Pferde, Esel und andere Tliiere gehen aus diesem 
Grunde auf gefährlichen Pfaden sicherer, als der Mensch, wel- 
cher eben so sicher gehen würde, wenn er sich jeder Ein- 
wirkung der Willkühr auf seine Bewegungen enthalten könnte. 
Auch die durch bewusste Absicht und Willkühr hervorgeru- 
fenen Bewegungen werden regelmässiger, besser und vollkom- 
mener ausgeführt, wenn der bewusste Wille nur den Impuls 
giebt, die Ausführung aber ganz und gar dem Rückenmark 
anheim gestellt bleibt. Beim Vorlesen z. B. oder beim Tan- 
zen hat ein absichtliches und bewusstes Hervorrufen gewisser 
Bewegungen sehr leicht ein Stocken und Stottern, oder eine 
merkliche Unregelmässigkeit in den Bewegungen der Füsse 
zur Folge. Wer bei beginnender Lähmung der unteren Ex- 
tremitäten noch ziemlich gut gehen kann, sobald sein Gang 
nur durch die instinctartige Thätigkeit des Rückenmarks ge- 
leitet wird, der stolpert und fallt sogleich, sobald er seine 
Schwäche durch besondere Anstrengung und bewusstes Ein- 
wirken auf seine Muskeln verbergen will. 

In gleicher Weise, wie die Aufmerksamkeit sinnliche Wahr- 
nehmungen hervorruft, hat jede centrifugale Nerventhätigkeit 
eine entsprechende centripetale zur unmittelbaren Folge, und 
alle Körperbewegungen werden stets von einer Wahrnehmung 
der geschehenden oder vollzogenen Bewegung begleitet. Diese 
Wahrnehmungen und das daraus resultirende Wissen von den 
eigenen Körperbewegungen finden auch dann Statt, wenn der 
Mensch sich dessen nicht bewusst wird. Wir erkennen dies 
tlieils aus der Regelmässigkeit und Ordnung der instinctarti- 
gen Bewegungen, welche ohne ein Wissen von den vollzoge- 
nen Bewegungen nicht Statt finden könnte; theils daraus, dass 
wir uns der eigenen Bewegungen nachher erinnern können, 


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208 


wenn sie auch in dem Augenblicke ihrer Vollziehung nicht 
zum Bewusstsein kommen. Man kann z. B. beim Gehen einem 
Gegenstände ausweichen, oder durch einen Seitensprung einer 
drohenden Gefahr sich entziehen, ohne in dem Augenblicke, 
wo man dies thut, sich der eignen Bewegungen bewusst zu 
werden, obgleich man sie nachher deutlich erinnert, sobald 
man daran denkt, was vorgefallen ist. Durch dies bewusst- 
lose Wissen des Rückenmarkes von seinem eigenen Thun 
wird auch der Nachtwandler in den Stand gesetzt, dieselben 
Körperbewegungen und Handlungen zu vollziehen, die er im 
Wachen zu vollziehen pflegt, und die Vollziehung derselben 
geschieht bisweilen in Traumzuständen mit grösserer Sicher- 
heit und Leichtigkeit, als im Wachen, weil das Rückenmark 
in der instinctartigen Ausführung seiner Zwecke und in dem 
bewusstlosen Wissen von seinem eigenen Thun durch keine 
anderen Einflüsse gestört wird, welche im Wachen theils durch 
gleichzeitige Sinneseindrücke, theils durch das Denken und 
durch Gemüthsbewegungen hervorgerufen zu werden pflegen. 

2) Die Wahrnehmungen des Rückenmarkes, oder die in 
ihm entwickelten Ideen pflanzen sich vom oberen Ende des- 
selben, den grossen Hirnganglien, weiter nach innen fort, und 
gelangen durch den Reil’schen Stabkranz zur Peripherie des 
grossen Gehirnes. Auf diesem Wege werden sie in Vor- 
stellungen umgewandelt, und gelangen zum Bewusstsein. 
Eben so, wie zu einer deutlichen Wahrnehmung die centri- 
petale Bewegung des Wahrnehmens mit der centrifugalen der 
Aufmerksamkeit sich verbinden muss, ist auch hier die Ver- 
einigung entgegengesetzter Bewegungen erforderlich, wenn 
eine deutliche Vorstellung entstehen soll. Der auf die Peri- 
pherie des grossen Gehirnes gemachte Eindruck ruft sogleich 
eine Reflexbewegung hervor, eine innerliche Aufmerksamkeit, 
welche wir mit dem Namen des Ueberle<rens bezeichnen. 
Das Ueberlegen besteht in einem innerlichen Hinwenden der 
geistigen Thätigkeit auf ein wahrgenommenes oder im Be- 
wusstsein erscheinendes Object, und in einem Vergleichen 
desselben mit anderen gleichzeitig wahrgenommenen oder er- 
innerten Objecten, welche successive geistig betrachtet werden. 


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209 


Das Resultat ist das Hervortreten einer deutlichen Vorstellung 
in der Form eines Urtheils, wodurch wir die Verhältnisse 
und Beziehungen der Dinge zu einander einsehen lernen, 
wodurch wir erfahren, was ein Gegenstand ist, oder wie er 
ist. Jede deutliche Vorstellung erscheint in uns in der Form 
eines Satzes oder Urtheiles, und wir können uns keine deut- 
liche Vorstellung von einer Sache machen, ohne uns zu sagen, 
und gesagt zu haben, was und wie sie ist. Wenn wir z. B. 
einen Baum oder ein Haus wahrnehinen, und diese Wahr- 
nehmung im Bewusstsein hervortritt, so sagen wir uns auf 
der Stelle, dass der Gegenstand unsrer Wahrnehmung ein 
Baum oder ein Haus sei, und bei aufmerksamer Betrachtung 
verbinden sich damit sogleich andere, durch überlegende Ver- 
gleichung gewonnene Urtheile, ob der Baum oder das Haus 
gross oder klein, schön oder hässlich sei u. s. w. Diese Ueber- 
legung und die daraus resultirenden Urtheile können absicht- 
lich durch die denkende und wollende Selbstthätigkeit her- 
vorgerufen, aber auch von aussen her angeregt werden ohne 
unser Zuthun. Im ersteren Falle wird die überlegende Thä- 
tigkeit des Gehirns von innen her geistig angeregt, in letz- 
terem Falle ist sie eine von aussen her angeregte Reflexbe- 
wegung des Gehirns. Das Resultat ist in beiden Fällen 
dasselbe, und die Deutlichkeit der resultirenden Vorstellung 
oder die Bestimmtheit des gebildeten Urtheiles steht immer 
in directem Verhältniss zu der Intensität und Dauer der Ueber- 
legung, in derselben Weise, wie die Deutlichkeit der sinn- 
lichen Wahrnehmung in directem Verhältnisse steht zu dem 
Grade und der Dauer der sinnlichen Aufmerksamkeit. 

Was wir uns deutlich vorstellen können, verstehen wir, 
und was wir verstehen, das müssen wir uns deutlich vorstel- 
len d. h. uns sagen können, was es ist und bedeutet: deut- 
liche Vorstellungen zu erzeugen ist die eigentliche Function 
des Verstandes oder des grossen Gehirns. Es bedarf nicht 
immer der Worte zum Verständniss; der Mensch kann auch, 
wie das Thier, Bilder, Zeichen und Geberden verstehen, und 
ohne Worte urtheilen; in der Regel geschieht aber bei ihm 
das Verstehen und Urtheilen in Worten, und wo die Wort- 

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spräche fehlt, wie bei den Taubstummen, wird sie nach Maass- 
gabe der Entwicklung des Verstandes durch eine stellver- 
tretende Zeichen- oder Geberdensprache ersetzt. Auch ge- 
hörte oder gelesene Worte werden nur bei gleichzeitiger 
Ueberlegung verstanden; man versteht sie nur, wenn man 
weiss, was sie bedeuten, und dies erfährt man nicht, wenn 
sie bei ganz passivem Verhalten zum Bewusstsein gelangen. 
Was nicht in Worten zum Bewusstsein gelangt, muss in der 
Regel erst in Worte übersetzt werden, ehe es deutlich vor- 
gestellt und verstanden wird: von allen Sinneswahrnehmungen 
und allen Gefühlen, deren wir uns bewusst werden, sagen 
wir uns in bestimmten Worten, was sie sind, welchen Inhalt 
und welche Bedeutung sie haben. Es scheint, als ob jeder 
zu der Peripherie des menschlichen grossen Gehirns gelan- 
gende Eindruck durclx reflectirte Bewegung in Worten aus- 
gedrückt werde, oder als ob die Erzeugung von Worten und 
das innerliche Sprechen des Menschen durch die Wechsel- 
wirkung zwischen der Peripherie des grossen Gehüus und 
den grossen Ilirnganglien vermittelt werde. 

Die grossen Hirnganglien, oder das obere Ende des Rücken- 
markes würden demnach die eigentliche Werkstätte der Worte 
sein, der Ort, an welchem sic zuerst hervorgerufen werden, 
um von dort aus zur Peripherie des grossen Gehirns fortge- 
pflanzt zum Bewusstsein zu gelangen. Diese hypothetische 
Voraussetzung gewinnt dadurch an Wahrscheinlichkeit, dass 
dieser Theil des Rückenmarkes das Centralorgan ist für das 
Aussprechen der Worte und die Regulirung aller dazu erfor- 
derlichen Muskelbewegungeu. Es wird dadurch begreiflich, 
warum sich mit der innerlichen Erzeugung von Worten stets 
die Neigung zum iiusserlichen Aussprechen verbindet. Auf- 
merksame Selbstbeobachtung lehrt uns, dass jedes in uns ent- 
stehende Wort eine zwiefache Bewegungsrichtung hat, nach 
innen und nach aussen, dass zwar eine oder die andere Rich- 
tung gewöhnlich vorherrscht, dass aber mit dem innerlichen 
Vorstcllen oder Bewusstwerden der Worte stets die Neigung 
oder der Trieb zum wirklichen Aussprechen derselben sich 
verbindet. In unserem Bewusstsein erscheinen die Worte oft 


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nur als innerliche Vorbilder oder als Umrisse von Worten, 
ohne besimmte Färbung oder Schattirung; je bestimmter und 
deutlicher wir sie aber innerlich vernehmen, je bestimmter wir 
wissen, dass wir sie innerlich aussprechen ohne Mitwirkung 
der Sprachorgane : desto bestimmter entsteht auch in diesen 
der Trieb, an dem Geschäfte der Wortbildung Theil zu neh- 
men. Zu derselben Zeit, in welcher die Worte in uns deut- 
lich hervortreten, empfinden wir in unseren Spraehwerkzeu- 
gen, in der Gegend des Kehlkopfes, der Zunge und Lippen, 
eine eigentümliche innerliche Spannung oder Bewegung, 
welche mit einer innerlichen Strömung verglichen werden 
könnte. Der Trieb zur Mitbewegung wird alsdann in diesen 
Organen so gross, dass sie unwillkührlich zur Ausführung 
kommt, wenn wir sie nicht absichtlich zurückhalten und un- 
terdrücken. Ohne es zu wollen und ohne die Worte wirk- 
lich auszusprechen, bewegen wir oft Zunge und Lippen grade 
so, als ob wir sie leise aussprächen, so dass wir selbst die 
Bewegungen empfinden, und dass sie auch für Andre wahr- 
nehmbar werden. Nicht selten sprechen wir die Worte ganz 
leise und nur für uns selbst hörbar aus; ja bei recht lebhaf- 
ter Gedankenentwicklung führen wir wohl gar laute Selbst- 
gespräche, ohne es selbst zu wollen. Bei den die innere 
Wortbildung begleitenden lautlosen Bewegungen der Sprach- 
werkzeuge werden die Worte als lautlos gesprochen vermit- 
telst der sensiblen Nerven der Sprachwerkzeuge und des 
Rückenmarkes wahrgenommen; bei ganz leisem Sprechen hö- 
ren wir die gesprochenen Worte zugleich vermittelst der 
Eustachischen Röhre; bei lauterem Sprechen auch mit dem 
äusseren Ohre. Die vorgestellten Worte können also auf 
mehrfachen Wegen zugleich zur Peripherie des grossen Ge- 
hirnes gelangen, und es mag vielleicht die Deutlichkeit, mit 
welcher die Vorstellungen in dem Bewusstsein hervortreten, 
dadurch auf ähnliche Weise gefordert werden, wie das Auf- 
fassen, Verstehen und Behalten von Gelesenem durch lautes 
Lesen von Gehörtem und durch Niederschreiben desselben 
gefordert werden kann. 

Von der zwiefachen Fortbewegung der im Gehirne ent- 

14 * 


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•212 


stehenden Worte ist die Bewegung nach der Peripherie des 
Gehirns, das Vorstellen, gleich allen centripetalen Bewegun- 
gen, unserer Willkühr nicht unterworfen, wir können sie direct 
weder fordern noch hemmen. Ob aber die gedachten Worte 
auch ausgesprochen werden sollen, ist mehr oder weniger von 
unserem Willen abhängig: wir können das Aussprechen der- 
selben direct veranlassen, fördern und hemmen nach Belieben. 
Auf die Richtung der Fortbewegung hat jedoch auch das 
Gemüth einen ausserordentlich grossen Einfluss. Jede leb- 
haftere Erregung des Gemüths macht geneigt zu lauten Aus- 
rufungen, zu lebhaftem Sprechen und lauten Selbstgesprächen. 
Im Allgemeinen treibt jeder exaltirte Gemütkszustand , z. B. 
Zorn und Freude, die Gedanken und Worte nach aussen; 
jeder deprimirte Gemüthszustand , z. B. Furcht und Leid, 
drängt sie nach innen zurück. In Gemüthskranklieiten kann 
diese Wirkung so stark sein, dass die eine Bewegung ganz 
vorherrschend wird auf Kosten der andern. Melancholische 
sprechen bisweilen kein Wort, ungeachtet sich bestimmte Vor- 
stellungen unaufhörlich und gewaltsam ihrem Bewusstsein 
aufdrängen, und Tobsüchtige sprechen bisweilen unaufhörlich, 
ohne eine Vorstellung von dem zu erhalten, was sie sagen. 
Aehnliches kommt auch sonst vor, und eine zu lebhafte Fort- 
bewegung der Worte in einer Richtung scheint die gleich- 
zeitige Fortbewegung in der anderen zu stören und zu hemmen. 
Wer eifrig disputirt oder mit Begeisterung redet, weiss nicht 
immer, was er sagt, und verläugnet manchmal mit der gröss- 
ten Bestimmtheit seine eigenen, von Andern deutlich gehörten 
Worte. Wenn wir beim Sprechen heftig oder zornig wer- 
den, so kann es uns begegnen, dass wir über unsre eigenen 
Worte erschrecken, indem sie nicht bei ihrem Entstehen, son- 
dern erst auf einem Umwege vermittelst des Ohres zum Be- 
wusstsein gelangen. Bei jeder Aufgeregtheit, Heftigkeit und 
Leidenschaftlichkeit findet sich die Neigung, alle Gedanken 
auf der Stelle und ohne Berücksichtigung der Umstände aus- 
zusprechen ; jede trübe Stimmung, Traurigkeit, Gram, Schwer- 
mutli macht einsylbig und verschlossen. Der krankhaft Ex- 
altirte oder Ueberspannte muss bisweilen jeden in ihm ent- 


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213 


stehenden Gedanken aussprechen, und kann ihn, wenn er es 
auch gerne möchte, nicht zurückhalten; der krankhaft Depri- 
mirte oder Verstimmte ist oft wider seinen eigenen Wunsch 
und Willen dazu genöthigt, seine Gedanken in sich zu ver- 
schliessen, er grübelt und brütet unaufhörlich darüber, aber 
wpnn er sie aussprechen will, fühlt er sich gehemmt, und das 
Wort erstirbt auf der Lippe. 

Eben so bewundernswürdig, als unerklärlich ist für uns 
die Leichtigkeit, Schnelligkeit und Sicherheit, womit die im 
Gehirn erzeugten Worte auf die motorischen Nerven der 
Sprachwerkzeuge übertragen, und durch Reihenfolgen compli- 
cirter Muskelbewegungen ausgesprochen werden. Verstände 
unser Rückenmark nicht, diese mannichfaltigen combinirten 
Muskelbewegungen zu reguliren und zu leiten, so würden wir 
uns die Fertigkeit des Sprechens niemals aneignen können. 
Jede absichtliche Einwirkung auf die speciellen Bewegungen 
beim Sprechen wirkt nur störend; Stottern wird durch jedes 
absichtliche Bemühen, es zu verhindern, nur verschlimmert. 
Die Geläufigkeit des Sprechens hat jedoch ihre Gränze, und 
die innerliche Gedankenbildung kann so rasch geschehen, dass 
die Sprachwerkzeuge nicht im Stande sind, die Eindrücke 
mit gleicher Schnelligkeit aufzunehmen: es tritt alsdann eine 
vorübergehende Stockung ein, bisweilen ein Stottern oder 
Stammeln, bisweilen ein Aussprechen unzusammenhängender 
Worte oder ein Ausstossen unarticulirter Laute. Wir beob- 
achten dies öfter bei Rednern, die mit grosser Lebhaftigkeit 
sprechen , und denen die Gedanken sehr rasch Zuströmen. 
Wir sehen dasselbe auch bei manchen Gemütbskranken, deren 
Reden bisweilen nur deshalb ganz verworren und widersinnig 
erscheinen, weil sich ihre Gedanken mit so grosser Rapidität 
entwickeln, dass von jedem Gedanken nur einzelne Worte 
zum Vorschein kommen, und die in einem Satze ausgespro- 
chenen Wörter im Grunde ganz verschiedenen Sätzen ange- 
hören. Eben so giebt es auch in umgekehrter Richtung eine 
Gränze für die Schnelligkeit, mit welcher gehörte, gelesene 
oder in uns selber entstehende Gedanken vorgestellt werden 
können. So wie das Auge nicht sieht, was sich mit grosser 


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Schnelligkeit vor ihm vorüberbewegt, eben so sieht auch der 
Geist die Worte und Gedanken nicht, welche zu schnell vor 
dem Bewusstsein vorübereilen. In Fieberphantasien und bei 
Verstandesverwirrung, bei sogenannter Ideenjagd, können Bil- 
der und Worte so schnell und in so raschem Wechsel im 
Gehirn entstehen, dass kein Einziges deutlich vorgestellt wird 
und im Gedächtniss zurückbleibt. Möglicher Weise könnte 
etwas Aehnliches Statt finden bei sehr ernstem und tiefem 
Nachdenken, wenn dabei, wie es manchmal der Fall ist, nur 
das Resultat zum Bewusstsein gelangt, und man sich verge- 
bens bemüht, die Art und Weise zu erinnern, wie man dazu 
gekommen ist. 

Aus diesen Vorgängen ergiebt sich, dass die Worte sich 
in zwei in einander greifenden Kreisen bewegen, deren einer 
durch die Sprachnerven und den Centraltheil des Rücken- 
marks, der Andere durch diesen und die Peripherie des gros- 
sen Gehirnes gebildet wird. Sie können sich in jedem Kreise 
für sich bewegen, haben aber stets die Neigung, aus einem 
Kreise in den andern überzugehen, und die grossen Hiin- 
ganglien sind der Kuotenpunct, in welchem beide Kreise sich 
kreuzen, und durch welchen die Uebergänge vermittelt wer- 
den. Wenn ein Kind gehörte Worte nachspricht, so geschieht 
dies durch einfache Reflexbewegung in dem äussern Kreise; 
wenn eine W ahrnehmung durch ein einfaches Urtheil in eine 
deutliche Vorstellung verwandelt wird, wenn ich z. B. von 
einem gesehenen Gegenstände sage, es ist ein Baum, so ge- 
schieht dies durch eine einfache Reflexbewegung in dem in- 
neren Kreise. Wenn ich eine einfache Frage auf der Stelle 
und ohne vorhergehende Ueberlegung beantworte, so geschieht 
dies durch eine beide Kreise durchlaufende Reflexbewegung; 
überlege ich vor dem Antworten, so bewegen sich die Ge- 
danken, so lange ich dies thue, in dem inneren Kreise, und 
gehen erst in dem Augenblick, in welchem die Antwort er- 
folgt, in den äusseren über. 

3) Von der Peripherie des grossen Gehirns gehen die 
Worte auf einem noch unbekannten Wege weiter fort zum 
Selbstbewusstsein, und es verwandelt sich dabei die Vorstel- 


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•215 


Jung in einen Begriff. Der Begriff ist seinem Inhalte nach 
mit der Vorstellung identisch, und in dem Worte enthalten; 
ich habe ihn aber erst dann, wenn ich diesen Inhalt erkannt 
habe. In den durch Urtheile gebildeten Vorstellungen wird 
dieser Inhalt theilweise zum Bewusstsein gebracht, in dem 
Begriffe werden diese einzelnen Theile mit einander vereinigt 
und zu einem Ganzen verbunden. Die Begriffe werden ver- 
mittelst der Urtheile des Verstandes erworben, aber durch 
Vernunftschlüsse werden die besonderen Urtheile mit einan- 
der verknüpft. Das Wort Begriff ist offenbar sinnverwandt 
und wahrscheinlich hergeleitet von dem tastenden Begreifen 
mit der Hand, wodurch wir eine vollständige sinnliche Kennt- 
niss von der Form des Gegenstandes und von der Beschaf- 
fenheit seiner Oberfläche und seines Inhalts (Härte, Festigkeit, 
Schwere u. s. w.) erhalten. Das vernünftige Nachdenken be- 
tastet auf analoge Weise die zu begreifende Sache von allen 
Seiten, ruft im Gehirn in allen Beziehungen besondere Ur- 
theile hervor, und vereinigt sie mit einander in dem Selbst- 
bewusstsein: wenn Ich eine Sache vollständig begriffen habe, 
so ist mir der Inhalt derselben in allen ihren Theilen und 
Beziehungen bekannt. 

Jede zum Selbstbewusstsein gelangende Vorstellung ruft 
wiederum eine Reflexbewegung hervor, ein Hinwenden der 
geistigen Aufmerksamkeit auf das im Bewusstsein hervortre- 
tende Object, einen Trieb zum Nachdenken über dessen 
Inhalt und Bedeutung. Das Nachdenken ist die centriftigale, 
das Begreifen die centripetale Thätigkeit der Vernunft oder 
des eigentlichen geistigen Ichs: beide Thätigkeiten stehen in 
demselben Verhältniss zu einander, wie das Ueberlegen und 
Vorstellen des Verstandes, die Aufmerksamkeit und das Wahr- 
nehmen der Sinne. Bei aufmerksamer Selbstbeobachtung kön- 
nen wir diese doppelte Bewegung bisweilen in unserem Selbst- 
bewusstsein eben so deutlich unterscheiden, wie die Momente 
des Aufmerkens und Wahrnehmens in unserer Sinnesthätig- 
keit. Auch hier kann die Bewegung von beiden Endpuncten 
beginnen, von dem denkenden Geiste oder von der Peripherie 
des Gehirnes. Ich kann den Gegenstand des Nachdenkens 


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selbst wählen, oder er kann sich mir aufdringen. Durch die 
erstere Bewegung werden Gedanken im Gehirne hervorgeru- 
fen, durch die letztere die hervorgerufenen Gedanken dem 
Selbstbewusstsein zugefuhrt und in ihm vereinigt: der Inhalt 
dessen, worüber man nachdenkt, wird dadurch auseinander 
gelegt, entwickelt und wieder in einen Begriff zusammenge- 
fasst. Auch hier steht die Deutlichkeit und Vollständigkeit 
der Begriffe in directem Verhältnisse zu der Intensität und 
Dauer des Nachdenkens, und ohne eigenes Nachdenken kann 
der Mensch eben so wenig zu einem vollständigen Begriffe 
gelangen, wie ohne eigenes Ueberlegen zu einer deutlichen 
Vorstellung, oder ohne Aufmerksamkeit zu einer klaren Wahr- 
nehmung. Fehlt es an eigenem Nachdenken, so gelangt die 
Vorstellung unverändert zum Selbstbewusstsein, und es ent- 
steht die Täuschung, dass man begriffen zu haben glaubt, 
was man sich nur einseitig vorstellt; fehlt es an eigenem 
Ueberlegen, so tritt ebenfalls die sinnliche Wahrnehmung an 
die Stelle der bestimmten Vorstellung, und man hat nur die 
Erstere, während man im Besitz der Letzteren zu sein glaubt. 
Vollständige Begriffe sind sehr schwer zu erwerben, und in 
vielen Dingen ist es dem menschlichen Geiste unmöglich, sie 
zu erhängen, weil der Inhalt und die Beziehungen der zu 
begreifenden Sache unendlich mannichfaltig sind, so dass jedes 
erneuerte Nachdenken sie von einer neuen Seite erscheinen 
lässt, ihren Inhalt erweitert und die Erkenntniss desselben 
bereichert. 

Ausser den Sphären der Sinnlichkeit und des Verstandes 
existirt also noch ein dritter Kreis, die Sphäre der Vernunft, 
in welchem sich unsre denkende Geistesthätigkeit und die 
von ihr erzeugten oder aufgenommenen Ideen und Worte be- 
wegen können, um bald eine Zeitlang darin zu beharren, bald 
ununterbrochen in jene anderen Kreise überzugehen, mit wel- 
chen er durch die Peripherie des grossen Gehirnes und die 
Gehirnganglien verbunden ist, und eben so continuirlich aus 
ihnen zurückkehren. Wenn das Erste der Fall ist, so den- 
ken wir zwar ebenfalls in Worten; aber diese erscheinen uns 
nicht so, als ob sie innerlich ausgesprochen würden, sie sind 


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gleichsam von sinnlichem Stoffe befreit, wir erinnern die wäh- 
rend des Nachdenkens entstandenen Gedanken und Worte 
nicht, und nur das Resultat tritt deutlich im Bewusstsein 
hervor. Je mehr, wie es gewöhnlich der Fall ist, das grosse 
Gehirn an dem Denken Theil nimmt, und die Ideen zwei 
Kreise durchlaufen, desto mehr erscheint uns unser Denken 
als ein innerliches Sprechen, und desto deutlicher erinnern 
wir die während desselben successive hervorgetretenen Ideen 
und Worte. Geht endlich die Bewegung auch in den drit- 
ten, äusseren Nervenkreis über, so verbindet sich mit der 
innern Bildung von Ideen und Worten zugleich ein leises 
oder lautes Aussprechen derselben. Wir könnten demnach ein 
reines Denken ohne deutliche Worte, ein Denken mit gleich- 
zeitigem Vorstellen der Worte und ein Denken mit gleich- 
zeitigem Aussprechen derselben von einander unterscheiden. 

4) Die von aussen aufgenommenen oder in dem Gehirne 
erzeugten Ideen äussern mehr oder weniger eine Einwirkung 
auf das Gemüth, indem sie Gefühle erregen oder vorhandene 
Gefühle verändern. Dies geschieht, wie ich glaube, durch 
Wechselwirkung zwischen dem grossen und kleinen Gehirn, 
welches Letztere ich als das specielle Centralorgan des Ge- 
müthes und als den Ilauptsitz der Gefühle betrachte. Ein 
eigentlicher Uebergang der Ideen und Worte zu dem klei- 
nen Gehirn scheint dabei nicht Statt zu finden, sondern nur 
eine Anregung: das Gemüth ist nicht im Stande, Gedanken 
in ihrer eigentlichen Gestalt, in Worten, in sich aufzuneh- 
men, oder seinen eigenen Gefühlen Worte zu geben. Umge- 
kehrt scheinen dagegen die Gefühle von dem kleinen Gehirn • 
in das grosse überzugehen: sie regen nicht bloss Gedanken 
an, sondern sie werden selbst in Gedanken umgewandelt, 
und in Worten im Bewusstsein vorgestellt, welche neben dem 
gedachten Inhalte ein Unsagbares und Unaussprechliches in 
sich schliessen, indem sie als Gefühle in dem Bewusstsein her- 
vortreten. 

Hiermit stimmt überein, dass die Einwirkung des grossen 
Gehirnes auf das kleine viel geringer ist, als die Einwirkung 
des kleinen Gehirnes auf das grosse: die Macht der Gefühle 


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über die Gedanken ist viel grösser, als die Macht der Ge- 
danken über die Gefühle. Es giebt eine Menge sogenannter 
gleichgültiger Gedanken, welche keinen merklichen Einfluss 
auf das Gemüth haben, während jedes in uns entstehende 
Gefühl einen Einfluss auf unsere Gedanken geltend macht. 
Wir können unsere Gefühle nur in sehr beschränktem Maasse 
durch unser Denken oder durch ein gedachtes Wollen direct 
beherrschen, und sie weder anregen noch hemmen nach un- 
serem Belieben. Auf der anderen Seite wirkt jedes Gefühl 
so auf das Denken ein, dass es den Gedanken eine ihm 
entsprechende Richtung und Färbung giebt, und bei stärke- 
rer Erregung der Gefühle dringen sich die durch dieselben 
erzeugten Gedanken mit fast unwiderstehlicher Gewalt dem 
Bewusstsein auf. Dabei findet noch das eigenthümliche Ver- 
hältniss Statt, dass oft nur die durch das Gefühl angeregten 
Gedanken im Bewusstsein hervortreten, das Gefühl selbst 
aber nicht: der Zornige, der Verliebte u. s. w. ist sich oft 
des in ihm vorhandenen Gefühles des Zornes, der Liebe u. s. w. 
nicht bewusst, und verleugnet dessen Vorhandensein aufs Be- 
stimmteste, obgleich er die Wirkungen desselben in vollem 
Maasse erfahrt. Auf die Wechselwirkung der Gedanken und 
Gefühle werden wir später zurückkommen. 

5) Endlich bewegen sich die Ideen, insofern sie sich auf 
eine auszuführende Handlung beziehen, von dem grossen Ge- 
hirne aus durch die motorischen Stränge des Rückenmarks 
fort zu den verschiedenen Bewegungsnerven des Körpers, 
durch deren Thätigkeit die Vollziehung der Handlung ge- 
schieht. Die in bestimmten Worten gedachten Vorsätze, die 
innerlichen Vorbilder der auszuführenden Handlungen, wer- 
den in analoger Weise auf die verschiedenen motorischen 
Nerven übertragen, wie die Worte auf die motorischen Ner- 
ven der Sprachwerkzeuge. Wenn ich die Hand schliessen 
will, so bewegen sich die Flexoren der Hand, und wenn ich 
gehen oder laufen will, so enthält dieser Gedanke den Vor- 
satz, alle diejenigen Muskelbewegungen successive auszufüh- 
ren, welche zum Gehen oder Laufen erforderlich sind. 

Das grosse Gehirn steht in sehr verschiedenen Beziehun- 


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gen zu den verschiedenen motorischen Nerven: über die 
Bewegungen der Extremitäten übt es einen fast unbe- 
schränkten, anregenden oder hemmenden Einfluss ; die Bewe- 
gungen des Herzens und der Eingeweide sind seiner direc- 
ten Herrschaft ganz und gar entzogen. Die geistige Thä- 
tigkeit steht in der innigsten Verbindung mit den Bewegun- 
gen der Sprachwerkzeuge, dann mit denen der Sinnesorgane, 
namentlich des Auges, und der Gliedmaassen , und diese 
psychischen Verhältnisse stimmen überein mit dem anatomi- 
schen Zusammenhang zwischen dem grossen Gehirn und den 
betreffenden motorischen Nerven. Zur Hervorbringung einer 
Handlung ist jedoch nicht immer die Mitwirkung des Gehir- 
nes oder eines bestimmten Vorsatzes nöthig. Wie alles in- 
stinctartigc Thun der wirbellosen Thiere durch das Rücken- 
mark und dessen motorische Nerven bewirkt wird, so kom- 
men auch bei den höheren Thieren und bei dem Menschen 
viele Handlungen auf diesem Wege zu Stande, ohne dass 
die zum Grunde liegenden Ideen über die Grenzen des äus- 
seren Nervenkreises hinausgingen und zimi Gehirn gelangten. 

Die im Gehirn erzeugten Vorsätze kommen nicht immer 
zur Ausführung, eben so, wie die gedachten Worte nicht 
immer ausgesprochen werden. Sie kommen, wie jeder an- 
dere Gedanke, in Folge von innerlichem Ueberlegen und Ur- 
theilen durch die Wechselwirkung zwischen der Peripherie 
des grossen Gehirnes und den Hirnganglien zu Stande, und 
kehren bei ihrem Entstehen zunächst in der Form von Vor- 
stellungen zum Bewusstsein zurück. Sehr oft folgt alsdann erst 
eine weitere Ueberlegung, ob der Vorsatz auszufühlen sei, 
und von dem Resultate dieser Ueberlegung hängt es ab, ob 
er gleich, oder später, oder gar nicht zur Ausführung kommt. 
Wir fassen sehr oft Vorsätze, die erst in einer späteren Zeit 
zur Ausführung gebracht werden sollen, und bis dahin als 
Vorstellungen im Bewusstsein aufgehoben bleiben, wie sich 
überhaupt Vorstellungen und Vorsätze nur durch ihre ver- 
schiedene Richtung nach innen und nach aussen von einan- 
der unterscheiden; beide sind Urtheile des Verstandes. 

Wenn die Vorsätze ganz allein in Folge verständiger 


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Ueberlegung gefasst werden, so verbindet sich mit ihnen 
wohl eine gewisse Neigung, in die entsprechende Handlung 
überzugelien; jedoch ist diese nur sehr unbedeutend in Ver- 
gleich mit der Neigung zum Aussprechen der innerlich ge- 
bildeten Worte. Die Ausführung solcher Vorsätze erscheint 
uns oft vollkommen gleichgültig, und es kostet uns keine 
Mühe, sie zu verschieben oder ganz aufzugeben, wenn uns 
dies bei weiterer Ueberlegung aus irgend einem Grunde an- 
gemessen erscheint. Ganz anders verhält sich die Sache, 
wenn das Gemüth dabei betheiligt ist, wenn ein besonderes 
Interesse oder eine Leidenschaft zu dem Entstehen des Vor- 
satzes mitgewirkt oder ihn hervorgerufen hat. Das Gemüth 
hat auf die Vollziehung der Vorsätze und die Ausführung 
der Handlungen denselben Einfluss, wie auf das Aussprechen 
der Gedanken. Jeder exaltirte Gemiithszustand giebt den 
Gedanken die vorherrschende Richtung nach aussen, ruft 
Vorsätze hervor und treibt zu ihrer Ausführung; jeder de- 
primirte Gemüthszustand erschwert oder verhindert das Fas- 
sen von Vorsätzen und drängt die vorhandenen nach innen 
zurück, so dass sie blosse Vorstellungen bleiben und ihre 
Ausführung gehemmt wird. Unschlüssigkeit verbindet sich 
stets mit jedem deprimirten Gemüthszustande , und in höhe- 
ren Graden der Melancholie zeigt sich oft eine völlige Un- 
thätigkeit und Unbeweglichkeit, während der Tobsüchtige in 
rastloser Thätigkeit und Beweglichkeit immer etwas vor hat, 
und jeden Vorsatz auf der Stelle auszuführen oft mit unwi- 
derstehlicher Gewalt gezwungen wird: der Trieb zur That 
geht immer aus dem Gemüthe hervor. 

In einer eigentümlichen Beziehung zum Denken und zum 
Gehirne stehen die Zeichen- oder Geberden-Sprachen und 
das Schreiben, indem sie einerseits mit den Handlungen, an- 
drerseits mit dem Sprechen näher verwandt sind. Die Fer- 
tigkeit des Schreibens wird nur durch viele Mühe und Ue- 
bung erworben, haben wir sie uns aber angeeignet, so wer- 
den die gedachten Worte beim Schreiben in ähnlicher Weise 
auf die motorischen Nerven der Hand und Finger übertra- 
gen, wie beim Sprechen auf die Bewegungsnerven der Spracli- 


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Werkzeuge. Die Bewegungen erfolgen langsamer, aber eben 
so sicher; wir können die gedachten Worte richtig hinschrei- 
ben, ohne unsere Aufmerksamkeit auf den Aet des Schrei- 
bens zu richten, und die geschriebenen Worte werden in re- 
flectirter Bewegung vermittelst der sensiblen Nerven der 
Hand wahrgenommen : wir wissen , was wir schreiben , ohne 
dass wir nötliig haben, einen Blick darauf zu werfen. Schrift- 
liche Darstellung der Gedanken kann nie mit derselben 
Schnelligkeit und Geläufigkeit geschehen, wie das Ausspre- 
chen derselben; selbst der geübteste Schnellschreiber muss 
Abkürzungen und mancherlei Kunstgriffe zu Hülfe nehmen, 
um eine gehaltene Rede wörtlich niederzuschreiben, obgleich 
kein Redner auch nur halb so schnell spricht, als er sprechen 
könnte. Aus diesem Grunde können wir uns des Schreibens 
als eines Hülfsmittels bedienen, «um uns selbst zu einer lang- 
sameren Gedankenbildung zu zwingen, das Denken gleich- 
sam zu zügeln, und zu bewirken, dass die Gedanken be- 
stimmter und in besserer Ordnung hervorkommen. Die 
Schnelligkeit der Gedankenentwicklung ist bei den einzelnen 
Individuen eben so verschieden, wie die logische Aufeinan- 
derfolge derselben. Sehr rasche Gedankenentwicklung er- 
schwert die schriftliche Darstellung, langsame Gedankenent- 
wicklung erschwert das Reden. Daher finden wir, dass einige 
Menschen vortrefflich reden, aber schlecht schreiben, Andre 
sehr gute Schriftsteller, aber sehr schlechte Redner sind. Bei 
Geisteskrsuiken kommt es bisweilen vor, dass die Verwirrung 
der Gedanken nur beim Sprechen oder nuf beim Schreiben 
zum Vorschein kommt: der Eine schreibt ganz verständige 
Briefe und spricht verworren, der Andre spricht zusammen- 
hängend und folgerichtig, kann aber vielleicht keine drei Zei- 
len schreiben, ohne seine geistige Verwirrung zur Schau zu 
stellen. 

Geschriebene oder gedruckte Worte kommen bestimmter 
und deutlicher zu unserem Bewusstsein, wenn wir sie zu- 
gleich sehen, als wenn wir sie blos vorlesen hören; und wir 
fassen den Inhalt eines vorgelesenen Buches leichter auf, 
wenn wir mit hineinsehen, und die gehörten Worte mit dem 


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Auge begleiten. Zum Theil hat dies wohl darin seinen Grund, 
dass das Auge unter allen Sinnen am innigsten mit dem Den- 
ken verbunden ist, und die Augennerven mit dem grossen 
Gehirne in näherem Zusammenhänge stehen, als die zum Hö- 
ren dienenden Nerven; indem wir deshalb viel leichter unsere 
Aufmerksamkeit andauernd auf sichtbare Dinge fixiren kön- 
nen, als auf hörbare Töne und Worte. Wir können viel 
leichter eine Stunde lang mit ununterbrochen gespannter Auf- 
merksamkeit in einem Buche lesen, als einem Redner zuhö- 
ren, und Letzteres ist überhaupt nur dann möglich, wenn uns 
das Gehörte sehr interessirt; in diesem Falle wird aber die 
Aufmerksamkeit nicht durch die Geistestliätigkeit allein, son- 
dern vorzugsweise durch die Einwirkung des Gemüthes an- 
geregt: beharrliche Aufmerksamkeit beim Lesen ist auch bei 
gleichgültigem Inhalte möglich. 

Grossentheils hat aber die grössere Deutlichkeit des V or- 
stellens bei gleichzeitigem Hören und Sehen darin ilireu 
Grund, dass die Wahrnehmungen dabei auf zwiefachem Wege 
zum Bewusstsein gelangen. Aus demselben Grunde ist lau- 
tes Lesen ein Hülfsmittel, sowohl zum leichteren Verstehen, 
als zum Behalten des Gelesenen, und lautes Aussprechen der 
eigenen Gedanken ein Hülfsmittel zum Verstehen und Be- 
urtheilen derselben. Wenn wir zweifelhaft sind, ob wir einen 
Gedanken gehörig gefasst und entwickelt haben, so können 
wir uns davon am Besten dadurch überzeugen, dass wir ihn 
zu Papier bringen, und uns selbst das Geschriebene laut und 
langsam vorlesen. Die Gedanken müssen mit einer gewissen 
Langsamkeit vorgestellt werden, wenn sie sich dem Bewusst- 
sein bestimmt einprägen sollen, und je mehr sie sich zu glei- 
cher Zeit auf verschiedenen Wegen nach innen fortbewegen, 
desto klarer und deutlicher treten sie im Bewusstsein her- 
vor. Bei innerlichem Denken ohne alle Theilnahme der 
Sprachwerkzeuge geschieht dies nur auf einem Wege, inner- 
halb des Gehirnes ; bei unhörbarem Aussprechen des Ge- 
dachten auf zwiefachem Wege, indem die Gedanken zugleich 
vermittelst der sensiblen Nerven der Sprachwerkzeuge zum 
Gehirn zurückkehren, und als gesprochene Worte vorgestellt 


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werden. Bei lautem Aussprechen der Worte kehren sie zu- 
gleich vermittelst des Ohres zum Gehirn zurück, bei gleich- 
zeitigem Lesen endlich auch noch vermittelst des Auges, so 
dass die Fortbewegung der Gedanken nach innen, wodurch 
sie dem Bewusstsein zugeführt werden, zu einer und dersel- 
ben Zeit auf vier verschiedenen Wegen vor sich geht. 

Die Gedanken durchlaufen also auf ihrem Wege von und 
zu dem Selbstbewusstsein drei verschiedene, aber ineinander 
greifende Sphären; jede entstandene Bewegung hat die Nei- 
gung, in die benachbarte Sphäre überzugehen, und in jeder 
Sphäre werden die Bewegungen zugleich sowohl im Cen- 
trum als in der Peripherie reflectirt, so dass centrifugale und 
centripetale Bewegungen stets aufeinander folgen und mit 
einander abwechseln. Die beiden äussersten Endpuncte die- 
ser verschiedenen Bewegungen sind einerseits die Aussen- 
welt, andrerseits das Selbstbewusstsein, oder das geistige 
Ich des Menschen. Das Denken im engeren Sinne des Wor- 
tes hat seine Endpuncte in dem Ich und in den grossen 
Hirnganglien; es bewegt sich in einem zwiefachen Kreise, des- 
sen Knotenpunct in der Peripherie des grossen Gehirns zu 
suchen ist, indem die Gedanken und Worte sich einerseits 
zwischen ihr und den grossen Hirnganglien, andrerseits zwi- 
schen ihr und dem geistigen Ich hin und her bewegen. Da- 
durch erhält das menschliche Denken die Form eines Selbst- 
gespräches , oder einer Unterredung des Ichs init dem eige- 
nen Gehirn, in welcher das Ich der Fragende ist, welcher 
das Gehirn so lange zum Antworten auffordert und nöthigt, 
bis er eine genügende Antwort und befriegende Auskunft er- 
halten hat. 

Es folgt aus diesen Verhältnissen, dass das menschliche 
Denken im Allgemeinen von zwei verschiedenen Seiten her 
angeregt und unterhalten werden kann, einerseits von dom 
Ich, andrerseits vom Gehirne, und wir können demnach ein 
actives und ein passives Denken von einander unter- 
scheiden. Bei dem passiven Denken geht die Anregung von 
dem Gehirn aus: die demselben von aussen her zugeführten 
oder im Gehirn selbst erzeugten Gedanken werden dem Ich 


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vorgestellt, und dieses folgt der gegebenen Anregung, indem 
es sich von den ihm vorgefuhrten Gedanken bestimmen und 
leiten lässt. Dies geschieht z. B. wenn wir in Träumerei ver- 
sunken, uns dem Spiele unserer Gedanken, dem sogenannten 
Spiele der Phantasie überlassen. Es geschieht ebenfalls in 
der gewöhnlichen Conversation, die imvermerkt von einem 
Gegenstände zum andern übergeht; es geschieht in halbwachem 
Träumen und in denjenigen Zuständen von Delirium, in wel- 
chen das Selbstbewusstsein nicht aufgehoben ist, und eine 
passive Theilnahme des Ichs an den verworrenen Gedanken 
Statt findet. Bei dem aetiven Denken, dem eigentlichen Nach- 
denken, geht die Anregung von dem Ich aus, welches selb- 
ständig den Gegenstand des Denkens bestimmt und festhält, 
die entstehenden Gedanken leitet und ordnet, das Gehirn zur 
Beantwortung seiner Fragen nöthigt, und solche Gedanken 
in ihm hervorruft, die seinen Zwecken entsprechen. 

Ohne Mitwirkung des Gehirns ist kein Nachdenken mög- 
lich, weil die Gedanken in dem Bewusstsein oder in der Pe- 
ripherie des grossen Gehirns hervortreten müssen, um zum 
Selbstbewusstsein zu gelangen, weil das Nachdenken und die 
selbständige Erzeugung von Gedanken ganz und gar auf der 
Wechselwirkung zwischen dem Ich und dem Gehirne beruht. 
Wohl aber kann das grosse Gehirn allein Gedanken erzeugen, 
ohne dass sie zum Selbstbewusstsein gelangen oder das Ich 
daran Theil nimmt, indem die Ideen sich in dem zwischen 
der Peripherie des grossen Gehirns und den Hirnganglien 
existirenden Nervenkreise hin und her bewegen und in dieser 
Sphäre verweilen. Dies ist z. B. der Fall in allen mit gänz- 
lichem Verluste des Selbstbewusstseins verbundenen Delirien 
und Fieberphantasien. Das Gehirn kann aber seinerseits keine 
Gedanken erzeugen ohne Mitwirkung der grossen Ilirngan- 
glien ; sind diese paralysirt, so hört die Bewegung der Ideen 
im Gehirn auf, und es entsteht völlige Bewusstlosigkeit mit 
gänzlichem Erlöschen der Gedankenbildung. Ist aber nur die 
Peripherie des grossen Gehirns gelähmt, so kann die Bewe- 
gung der Ideen zwischen den Nervenenden und den Him- 
ganglien fortbestchen, und ungeachtet einer völligen Bewusst- 


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losigkeit und Gedankenlosigkeit ist dennoch Besonnenheit da, 
d. h. das Vermögen, sinnenfallige Gegenstände wahrzunehmen 
und zu unterscheiden, und sich gegen äussere Einwirkungen 
zweckmässig zu verhalten. Beispiele dieser Art finden sich 
bei blödsinnigen Individuen und Cretinen häufig; sie kommen 
aber auch vor bei verschiedenen Affectionen des Gehirnes, 
wo die Kranken bei völliger Bewusstlosigkeit, z. B. noch nach 
Gegenständen greifen, welche sie sehen, eine Tasse zum Munde 
fuhren, um zu trinken, eine unbequeme Lage verändern, dar- 
gebotene Arzneien abwehren u. s. w. 

Es ist von grossem Interesse für die Psychologie, zu er- 
mitteln, welchen Antheil das Gehirn und welchen das geistige 
Ich an den Resultaten des Denkens habe, aber es ist schwie- 
rig, dies zu unterscheiden, weil in der Regel nur die Resul- 
tate ihres gemeinsamen Wirkens zum Vorschein kommen. 
Wir können jedoch einigen Aufschluss darüber erhalten durch 
Beobachtung derjenigen Zustände, in welchen gedacht und 
gesprochen wird ohne Nachdenken und ohne Selbstbewusst- 
sein, indem alsdann Alles, was von Gedanken und Worten 
zum Vorschein kommt, von dem Gehirn allein erzeugt wer- 
den muss. Dahin gehören namentlich die Träume und traum- 
ähnlichen Zustände, Delirien, Nachtwandeln, Traum wachen 
u. s. w. Auch im wachenden Zustande kommt Aelmliches 
vor, so oft wir uns in einer Conversation oder in einer Träu- 
merei dem Spiele unserer Gedanken überlassen. Sehen wir 
zu, was in allen diesen Fällen geschieht, so finden wir durch- 
gehende einen raschen Wechsel und eine grosse Manniehfal- 
tigkeit der entstehenden Gedanken, vermissen aber sehr oft 
die gehörige Ordnung und den logischen Zusammenhang in 
ihrer Aufeinanderfolge. Je ernster und tiefer wir hingegen 
nachdenken, desto mehr finden wir einzelne bestimmte Ge- 
danken in uns vorherrschen, und desto mehr finden wir, dass 
alle entstehenden Gedanken in logischer Ordnung sich aus 
einander entwickeln und auf einander folgen. Wir müssen 
hieraus schliessen, dass die Vielheit, die Mannicbfaltigkeit und 
der Wechsel der Gedanken vorzugsweise durch die Thätig- 
keit des Gehirns hervorgerufen werde; die Einheit, die Ord- 

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nung und der Zusammenhang derselben durch die Thätigkeit 
des Ielis, welches in seinem Nachdenken immer bestimmte 
Gedanken festzuhalten, zu verfolgen und zu entwickeln sucht. 
Manche Beobachtungen scheinen dieser Annahme zu wider- 
sprechen. Es findet sich nämlich nicht selten, dass Deliri- 
rende oder Somnambüle, bei denen keine Spur von vernünf- 
tigem Nachdenken und Selbstbewusstsein zu bemerken ist, 
dessen ungeachtet anscheinend vernünftig sprechen, bestimmte 
Gedanken verfolgen und wenigstens in einem gewissen Grade 
logisch richtig entwickeln; und bei partiell gestörter Geistes- 
thätigkeit, sogenannten Monomanien, finden wir einzelne Ideen 
vorherrschend, oft bis zu einem gewissen Grade logisch rich- 
tig entwickelt und in einer fast stereotypen Form sich dem 
Bewusstsein unaufhörlich aufdringend. Dass sie nicht aus 
dem Ich hervorgehen, zeigt sich dadurch, dass der Kranke 
gar nicht davon loskommen kann, dass er oft das Thörichte 
und Widersinnige derselben vollkommen erkennt, und sich 
dessen ungeachtet trotz aller geistigen Anstrengung ihres un- 
aufhörlichen Aufdringens nicht erwehren kann. In den mei- 
sten Fällen dieser Art ist abe augenscheinlich zugleich eine 
bedeutende Aufregung des Gemüthes vorhanden, und wir 
können kein Bedenken tragen, die beobachtete Beharrlichkeit 
und folgerichtige Entwicklung der Gedanken der Einwirkung 
des Gemüthes zuzuschreiben, wenn wir erwägen, dass das- 
selbe immer bestimmte Gedanken im Bewusstsein hervorzu- 
rufen und demselben aufzudringen strebt. Jedes hervortre- 
tende Gefühl und jede Gemüthsstimmung erzeugt und unter- 
hält bestimmte Gedanken, und bei jeder stärkeren Gemüths- 
bewegung drängen sich diese beharrlich und mit fast unwi- 
derstehlicher Gewalt dem Bewusstsein auf. Das Gemüth kann 
also auf das grosse Gehirn eben so einwirken, wie das Nach- 
denken, es kann dasselbe nöthigen zu beharrlichem Verfolgen 
und logischem Entwickeln bestimmter Gedanken, und es kann 
bei unterdrücktem Selbstbewusstsein und Nachdenken dessen 
Stelle vertreten. Dieser Einfluss des Gemüths zeigt sich auch 
dadurch, dass wir über jede Sache desto leichter und besser 
denken und sprechen können, je mehr sie uns interessirt, und 


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die glänzende Beredsamkeit des begeisterten Redners, in wel- 
cher sich die folgerichtigste Gedankenentwicklung mit der 
lebendigsten und tliessendsteu Darstellung derselben verbindet, 
ist die Wirkung des in seinem Gemüthe erregten Enthusias- 
mus, das vernünftige Nachdenken hat daran wenig oder gar 
keinen Antheil. Die fixen Ideen haben ihre Quelle entweder 
ebenfalls in einer krankhaften Stimmung des Gcmüths oder 
sie sind die Folge andauernder Sinnestäuschungen, die das 
grosse Gehirn zum beharrlichen Vorstellen und Verfolgen 
derselben Ideen nöthigen. Bei längerer Fortdauer können 
sie, wie es scheint, in permanente Gehirntäuschungen über- 
gehen, d. li. in dem Gehirne selbst ganz auf dieselbe Weise 
entstehen und fortdauern, wie die Sinnestäuschungen in den 
betreffenden Sinnesorganen. 

Es scheint demnach der Annahme nichts entgegen zu 
stehen, dass die Einheit der Gedanken vorzugsweise dem Ich, 
die Vielheit dem Gehirne beizumessen sei, und diese Theorie 
macht es erklärlich, warum uns bei dem Nachdenken über 
eine Sache so oft und so leicht etwas nicht zur Sache gehö- 
rendes einfallt, und warum es immer mehr oder weniger 
schwierig ist, den Gegenstand des Nachdenkens festzuhalten, 
und jede Ableitung auf heterogene Gedanken zu vermeiden. 
Dem grossen Gehirn scheint dieselbe unruhige Beweglichkeit 
eigen zu sein, welche dem Auge inwohnt. Das sich selbst 
überlassene Auge steht fast keinen Augenblick still, sondern 
wendet sich stets nach momentanem Verweilen von einem 
Puncte zum andern und von einem Gegenstände zum andern, 
und so leicht es auch ist, einen und denselben Gegenstand 
anhaltend zu betrachten, so schwer ist es doch, das Auge 
anhaltend und unverrückt auf einen einzelnen Punct zu fixiren. 
Ganz in derselben Weise kostet es dem an Nachdenken Ge- 
wöhnten keine Mühe, seine Gedanken anhaltend auf eine Sache 
zu richten, aber fast unmöglich ist es, sie auf einen einzelnen 
Punct längere Zeit zu fixiren, und momentane Abschweifun- 
gen nach einer oder der anderen Seite zu vermeiden. Wenn 
wir darauf achten, was gewöhnlich in unserem Bewusstsein 
vorgeht, so finden wir einen continuirliclien Wechsel zwischen 

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einem momentanen Hervortreten und Verweilen einzelner Ge- 
danken und Uebergängen zu andern, welche bald rascher, 
bald langsamer erfolgen, und bald mehr, bald weniger, bald 
gar nicht mit den vorhergehenden zusammen zu hängen schei- 
nen. Wenn wir zu einer Zeit, wo wir gerade nicht ernsthaft 
über etwas nachdenken und das Gemüth ruhig ist, den Fort- 
gang unserer Gedanken verfolgen, so finden wir gewöhnlich 
schon nach sehr kurzer Zeit Gedanken in uns, welche mit 
denjenigen, womit wir uns zuerst beschäftigten, in gar keiner 
Beziehung zu stehen scheinen, obgleich wir in der Regel den 
indireeten Zusammenhang erkennen können, sobald wir im 
Stande sind, alle successiv entstandenen Gedanken in ihrer 
ganzen Reihenfolge uns zu vergegenwärtigen. Wir finden 
dasselbe in Träumen und in Delirien, und auch in den ge- 
wöhnlichen gesellschaftlichen Conversationen, wo es sich wohl 
ereignet, dass Dieser oder Jener die Frage aufwirft, wie man 
wohl auf den augenblicklichen Gegenstand des Gesprächs ge- 
kommen sei, und sich dann manchmal die ganze Gesellschaft 
lange bemühen muss, ehe es gelingt, den Faden aufzufinden, 
welcher das Gespräch von seinem Anfänge an bis zu dem 
jetzt vorliegenden Gegenstände hinleitete. 

Der Faden, an welchem die durch kein absichtliches Nach- 
denken festgehaltenen, sondern mehr oder weniger der Thä- 
tigkeit des Gehirnes überlassenen Gedanken fortlaufen, ist 
das, was man in der Psychologie die natürliche Ideen- 
association zu nennen pflegt, und auf bestimmte Regeln 
oder Gesetze zurückzuführen sucht. Man hat nämlich längst 
bemerkt, dass die Aufeinanderfolge der Gedanken während 
des Denkens grossentheils unserer Willkühr nicht unterworfen 
sei, dass sich auch ohne unser Zuthun ein Gedanken an den 
andern reihe, und man hat gewisse Regeln aufgefunden, nach 
welchen die Gedanken in natürlicher Ordnung auf einander 
folgten oder sich mit einander associirten. Wenn man an 
etwas denkt, was zu einer gewissen Zeit oder an einem ge- 
wissen Orte geschah, so reiht sich Alles darau, was man zu 
derselben Zeif und an demselben Orte erlebt und erfahren; 
Gedanken, welche man oft zusammen vorgestellt hat, verbin- 


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den sich nachher unwillkührlich mit einander; ein Gedanke 
erzeugt sehr leicht ähnliche, verwandte, oder entgegengesetzte 
und contrastirende Gedanken: von dem Grossen kommt man 
auf das Kleine, von dem Schönen auf das Hässliche, von dem 
Vater auf den Sohn, von dem Acker auf den Pflug, von der 
Wirkung auf die Ursache, von der Ursache auf die Wirkung 
u. s. w. Im Allgemeinen kann man das Gesetz der Ideen- 
association in dem Satze ausdrücken, dass die Gedanken sich 
nach ihrem natürlichen Zusammenhänge unwillkührlich an ein- 
ander reihen, oder dass solche Gedanken auf einander folgen, 
welche in bestimmten Verhältnissen und Beziehungen zu ein- 
ander stehen. Diese Verhältnisse und Beziehungen, welche 
den Ideenassociationen zu Grunde liegen, lassen sich nament- 
lich auf folgende Puncte reduciren: 

1) Verhältnis des Ganzen und seiner Theile. 

2) Verhältnis der Ursache und Wirkung. 

3) Verhältnis der Aehnlichkeit und des Contrastes. 

4) Verhältniss der Gleichzeitigkeit oder des gleichen Ortes. 

5) Verknüpfung durch Gewohnheit. 

Alle diese Kategorien lassen sich auf die erste, das Ver- 
hältniss des Ganzen und seiner Theile zurückführen ; denn 
was in irgend einen Zusammenhänge steht, macht ein Ganzes 
aus, und in jedem Verhältnisse lässt sich das Eine als ein 
Theil des Andern betrachten ; a : b ist nicht bloss in der Ma- 
thematik, sondern ganz allgemein der Ausdruck für jedes 
Verhältniss. Wenn das Gehirn in seinen Ideenassociationen 
successive die einzelnen Theile eines Ganzen betrachtet, so 
verfahrt es darin wieder ebenso, wie das Auge, wenn es den 
Blick successive über die ganze Oberfläche des Gegenstandes 
hingleiten lässt. Die Vereinigung aller einzelnen, von der 
Netzhatit successive aufgenommenen Eindrücke zu einem Ge- 
sammtbilde geschieht wahrscheinlich in den grossen Hirn- 
ganglien, allein die Vereinigung aller successive betrachteten 
Theile eines Gedankens zu einem Begriff scheint nicht unmit- 
telbar in der Peripherie des grossen Gehirnes zu geschehen, 
sondern in ihrem weiteren Fortgange zum Selbstbewusstsein. 
Das Gehirn an und für sich scheint bei der successiven Betrach- 


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tung der einzelnen Theile des Gedankens stehen zu bleiben, 
und in seiner isolirten Thätigkeit nur eine gewisse Reihen- 
folge von einzelnen Vorstellungen und Urtheilen zu erzeugen: 
seine Function ist identisch mit der des überlegenden, urthei- 
lenden und vorstellenden Verstandes. 

In den Ideenassoeiationen macht sich aber beim gewöhn- 
lichen Denken stets noch (abgesehen von dem Einflüsse des 
Gemüthes) der Einfluss der vernünftigen Geistesthätigkeit 
geltend, und dies ist um so mehr der Fall, je bestimmter 
sich eine logische Ordnung in der Aufeinanderfolge der Ge- 
danken zeigt. Je weniger ein eigentliches Nachdenken Statt 
findet, je mehr das Gehirn sich selbst überlassen bleibt, desto 
schwieriger wird es, die Association der auf einander folgen- 
den Ideen zu erkennen, und desto mehr scheint sich anstatt 
der innerlichen Verwandtschaft (Aehnlichkeit-, Contrast, Cau- 
salverhältniss) ein blos äusserlicher, durch Zeit, Ort und Ge- 
wohnheit bestimmter Zusammenhang geltend zu machen. Ist 
zu gleicher Zeit, wie es z. B. bei Delirien der Fall zu sein 
pflegt, die Thätigkeit des Gehirns krankhaft gesteigert, so 
können (bei sogenannter Ideenjagd oder Ideenflucht) die Ge- 
danken mit einer solchen Schnelligkeit entstehen, in so raschem 
Wechsel und in so plötzlichen Uebergängen auf einander fol- 
gen, dass sie uns durchaus verworren erscheinen, ünd wir 
in ihrer Aufeinanderfolge- gar keinen Zusammenhang zu ent- 
decken vermögen. 

Diese Verwirrung der Gedanken ist in manchen Fällen 
mehr scheinbar, als wirklich vorhanden. So wie das zu 
schnelle Vorübereilen der Gedanken auf der einen Seite ein 
deutliches Vorstellen und Erinnern derselben verhindert, eben 
so macht es auf der andern Seite ein vollständiges Ausspre- 
chen derselben unmöglich. Ehe der Phantasirende einen Satz 
aussprechen kann, ist schon ein anderer innerlich hervorge- 
treten, und so kann es kommen, dass der Kranke nur die 
Anfänge von Sätzen ausspricht, oder einzelne Worte aus meh- 
reren Sätzen unmittelbar mit einander verbindet. Sehr oft 
beobachtet man dabei auch ganz äusserliche, nur durch ein- 
zelne Wörter, Reime, ja durch einzelne Buchstaben und Al- 


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litterationen vermittelte Ideenassociationen. Auch im gesun- 
den Zustande ist nicht selten ein einzelnes, in einem gedach- 
ten oder ausgesprochenen Satze enthaltenes Wort die Brücke, 
über welche wir zu anderen Gedanken fortschreiten. Bei 
Delirirenden geschieht dies viel häufiger: sie kommen z. B. 
nicht bloss von einem Baum auf einen Strauch und eine Erd- 
beere, oder auf einen Garten und ein Landgut, von diesem 
auf das Getreide und das Brodbacken, von dem Backofen 
auf die Sommerhitze oder eine Feuersbrunst; sondern von 
dem Haus auf die Hand oder den Hund; von dem Baum auf 
den Schaum, so dass sie von schäumendem Biere und Cham- 
pagner, oder von Schiffen und von den Fischen im schäu- 
menden Meere sprechen, ohne dass mau bemerkt, wie sie 
darauf gekommen sind. 

Dazu kommt, dass die Gedanken sich im Gehirne zu be- 
stimmten Worten nur gestalten durch Wechselwirkung zwi- 
schen der Peripherie desselben und den Hirnganglien, und 
dass Letztere zugleich den Zusammenhang des Gehirnes mit 
der Aussenwelt, mit dem eignen Leibe und mit dem Gemütbe 
vermitteln. Alles, was wahrgenommen und empfunden wird, 
geht durch sie hindurch zum grossen Gehirn, und die natür- 
liche Folge davon ist, dass die innerlich erzeugten Gedanken 
und Ideenassociationen, sowohl bei dem gewöhnlichen Den- 
ken, als im Delirium, jeden Augenblick durch die von aussen 
zugeftihrten, wahrgenommenen oder empfundenen Ideen un- 
terbrochen, und ganz andre und heterogene an ihrer Stelle 
hervorgerufen werden können und müssen. 

Dass die. Worte zuerst in den Hirnganglien entstehen 
müssen, wenn sie im Bewusstsein als solche vorgestellt wer- 
den sollen, scheint auch daraus hervorzugehen, dass wir uns 
oft lange vergebens bemühen, wohlbekannte Wörter in un- 
serem Bewusstsein hervorzurufen, und dass bei dem Ver- 
suche, sie zu finden, sich ganz andre Wörter an deren Stelle 
darbieten. Bekanntlich ist dies sehr häufig der Fall bei den 
Namen bestimmter Personen oder anderer Gegenstände. 
Wenn wir den Namen einer Person auch noch so gut ken- 
nen, und ihn noch so oft genannt haben, so kann es doch 


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Vorkommen, dass wir in dem Augenblick, wo wir ihn ge- 
brauchen wollen, nicht im Stande sind, ihn zu finden. Ich 
habe z. B. noch kürzlich für den mir wohl bekannten Namen 
eines Hundes, der Bombardier heisst, eine geraume Zeit hin- 
durch nie ein anderes Wort finden können, als Barnabas, und 
ich weiss von einem Andern, dass sich ihm eine Zeitlang, 
wenn er von einem Advocaten sprechen wollte, anstatt des 
Wortes Advocat jedes Mal das Wort Elephant im Bewusst- 
sein präsentirte. Man hat in solchen Fällen den Namen nicht 
vergessen; denn man weiss, dass der sich präsentirende Name 
falsch ist, und man erkennt den richtigen Namen auf der 
Stelle, sobald man ihn aussprechen hört; es ist nur für den 
Augenblick ein Unvermögen da, für den Namen, den man 
innerlieh vollkommen weiss, das bezeichnende Wort im Be- 
wusstsein herzustellen, und dies nöthigt zu der Voraus- 
setzung, dass das Wort nicht unmittelbar in dem Bewusstsein 
oder an dem Orte desselben, sondern an einem anderen Orte 
zuerst entstehen und von dort aus dem Bewusstsein zugeführt 
werden müsse. 

Berücksichtigen wir alle Umstände, durch welche die Suc- 
cession und Association unserer Ideen bedingt wird, so werden 
wir dadurch in der Regel in den Stand gesetzt, den Zusammen- 
hang in ihrer Aufeinanderfolge oder die Ursachen von Unter- 
brechungen und anscheinenden Ideensprüngen nachzuweisen; 
es bleibt aber dabei immer manches Unerklärliche übrig, indem 
wir bei aufmerksamer Selbstbeobachtung nicht selten ganz 
disparate Gedanken unmittelbar auf einander folgen sehen, 
ohne im Stande zu sein, den nachfolgenden auf irgend eine 
Weise aus dem vorhergehenden oder aus gleichzeitigen äusse- 
ren Einwirkungen abzuleiten. Dasselbe finden wir ebenfalls 
nicht selten bei Delirien. Wenn wir, wie ich öfter versucht 
habe, uns dem passiven Denken hingeben, uns so viel mög- 
lich jedes absichtlichen Einwirkens auf die Gedankenbildung 
enthalten, und die alsdann in uns zum Vorschein kommenden 
Worte oder Sätze gleich bei ihrem Entstehen zu Papier brin- 
gen, so ergiebt sich, dass wir bei einer grossen Zahl der 
niedergeschriebenen Wörter oder Sätze den Zusammenhang 


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nachweisen und deutlich erkennen können, dass aber stets 
eine kleinere oder grössere Anzahl vorkommt, bei denen dies 
nicht möglich ist, und es uns unbegreiflich bleibt, wie wir 
darauf gekommen sind. Es scheint demnach, als ob das Ge- 
hirn nicht immer die Gesetze der Ideenassociation befolge, 
als ob es ein Vergnügen daran finde, sich ungebunden in 
ausgelassenen Sprüngen zu ergehen, und es geht darin so 
weit, dass man in Versuchung kommen könnte, die Gesetz- 
losigkeit in der Aufeinanderfolge der' Gedanken für ein Ge- 
setz der Gehirnthätigkeit zu halten. 

Jedenfalls müssen wir die Vielheit der Gedanken , die 
Mannichfaltigkeit und den Wechsel derselben während des 
Denkens als ein Product der Gehirnthätigkeit betrachten, und 
wir haben auch hier wieder Gelegenheit, die Weisheit zu be- 
wundern, mit welcher die Functionen des grossen Gehirns 
von dem Schöpfer so eingerichtet sind, dass der denkende 
Geist des Menschen dadurch in den Stand gesetzt wird, sich 
vor Einseitigkeit und Irrthum zu bewahren. Eben durch die 
Mannichfaltigkeit der Gedanken, welche das Gehirn selbstän- 
dig producirt, werden wir dazu veranlasst und aufgefordertj 
den Gegenstand unseres Nachdenkens von allen Seiten und 
in allen Beziehungen gehörig zu betrachten und zu prüfen. 
Wir kommen dadurch oft zu ganz anderen Resultaten, als 
wir erwarteten, zu richtigeren Ansichten und zu Fortschritten 
in der Erkenntniss, wozu wir sonst nicht gelangen würden. 
Käme beim Nachdenken überhaupt nur der gesuchte Gedanke 
allein und unmittelbar zum Vorschein, so würden wir nur 
durch Mittheilung von aussen in der Erkenntniss fortschreiten 
können: die Mannichfaltigkeit der im Gehirn entstehenden 
Gedanken allein setzt uns in den Stand, durch eigenes Nach- 
denken auf neue Gedanken zu kommen. 

Das passive Denken des Gehirns ist im gesunden Zu- 
stande dem activen Denken des Ich’s untergeordnet: das Ich 
hat die Macht, das Object seines Denkens nach eigener Wahl 
im Gehirn hervorzurufen, festzuhalten und zu verfolgen, bis 
es dasselbe hinreichend begriffen, d. h. den Inhalt in einer 
Reihe von Folgerungen und Schlüssen entwickelt und im 


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Selbstbewusstsein wieder zusammengefasst, gleichsam in seine 
eigene Substanz verwandelt hat. Der denkende Geist leitet 
und ordnet die im Gehirn entstehenden Gedanken nach seinen 
Zwecken, und weiss immer voraus, welches Ziel er zu er- 
reichen beabsichtigt; er weiss auf der Stelle, ob die im Ge- 
hirn entstehenden Worte seinem Zweck entsprechen, und den 
Gedanken so darstellen, wie er ihn dargestellt und ausge- 
sprochen haben will. Er kann aber sein Ziel nicht auf ein- 
mal und direct erreichen; er hat wohl die Macht, das Gehirn 
zur Entwicklung von Gedanken in bestimmten Richtungen 
anzuregen und zu nöthigen; aber das Gehirn folgt in ihrer 
Entwicklung seinen eigenen Gesetzen: sie entstehen nach den 
Regeln der Ideenassociation, aber mit häutigen Unterbrechun- 
gen durch Ideensprünge und durch das Auftreten heterogener, 
von aussen zugeführter, durch sinnliche Wahrnehmungen oder 
Gemüthsbewegungen angeregter Gedanken. Er erkennt so- 
gleich, ob die hervortretenden Gedanken diejenigen sind, welche 
er suchte; wenn sie seinen Zwecken aber nicht entsprechen, 
so bleibt ihm nichts übrig, als das Gehirn zur Erzeugung 
anderer Gedanken zu nöthigen. Er kann es dabei gleichsam 
zwingen, bei der Stange zu bleiben; er kann es von jeder 
Abschweifung immer wieder auf den Gegenstand zurückfüh- 
ren ; allein er kann den gesuchten Gedanken nicht direct her- 
vorrufen, und vielfältige Kreuz- und Quersprünge des Gehirns 
nicht verhindern. Ob es überhaupt gelingt, den gesuchten 
Gedanken in befriedigender Weise zum Vorschein zu bringen^ 
ist mehr oder weniger von dem Gehirn und von dem natür- 
lichen Gedankenspiele abhängig, zum Theil von Uebung und 
Gewöhnung des Gehirns an folgerichtige Gedankenentwick- 
lung, zum Theil von der augenblicklichen Gemüthsstimmung 
und dem körperlichen Befinden; weshalb zu einer Zeit mit 
Leichtigkeit gelingt, was zu einer andern gar nicht zu Stande 
gebracht werden kann. Gelingt es nicht, so scheint das Ge- 
hirn bei längerer Anstrengung zuletzt zu ermüden, die Ge- 
danken wollen nicht mehr fliessen, und der denkende Geist 
richtet seine Thätigkeit auf andere Gegenstände, indem er 
es vorläufig aufgiebt, die Sache weiter zu verfolgen. Bemer- 


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235 


kenswerth ist dabei, dass die Thätigkeit des Gehirns durch 
fortgesetzte Anstrengung in einer bestimmten Richtung nur 
in Beziehung auf diese Richtung der Gedanken ermüdet und 
erschöpft zu werden scheint, während es zu derselben Zeit 
mit der grössten Leichtigkeit und Lebhaftigkeit in anderen 
Beziehungen thätig sein und mit anderen Gedanken sich be- 
schäftigen kann. Dies stimmt überein mit der bereits erwähn- 
ten natürlichen Neigung des Gehirns, von einem Gedanken 
zum andern überzugehen, und nie lange und ununterbrochen 
bei einer und derselben Sache zu verweilen. Das Gehirn 
ist in dieser Beziehung bildungsfähig, und kann zu längerem 
Beharren bei einer und derselben Sache gewöhnt und erzo- 
gen werden; allein ganz ohne Unterbrechung bleibt es nie- 
mals lange bei einer Sache; auch bei dem ernsthaftesten 
Nachdenken mischen sich heterogene Ideen ein, oder es kom- 
men momentane Pausen, in welchen die Aufmerksamkeit sich 
äusseren Dingen zuwendet. Jeder Versuch, einen einzelnen 
Gedanken ununterbrochen im Bewusstsein festzuhalten, kann 
uns davon überzeugen, dass dies immer nur für eine sehr 
kurze Zeit möglich ist r und dass jeden Augenblick andere 
Gedanken unwillkührlich dazwischen treten. 

Indem der menschliche Geist das Ziel des eigenen Den- 
kens voraussetzt, und das Resultat voraus weiss, was durch 
das Denken erst gefunden werden soll, steht er augenschein- 
lich über dem in Worten sich offenbarenden Denken und be- 
urkundet seine höhere göttliche Natur. Wir können aber diese 
über dem gewöhnlichen Denken schwebende Geistesthätigkeit 
nur aus ihrem Erscheinen in Worten und Werken erkennen, 
wie wir überhaupt das Geistige nur in so weit erkennen kön- 
nen, als es sich verkörpert und in der Wirklichkeit darstellt. 
Wenn wir mit der ganzen Kraft des Geistes über etwas nach- 
denken, so können wir dabei in einen Zustand von Bewusst- 
losigkeit versinken, in welchem wir nicht nur die Aussenwelt 
vergessen, sondern auch von uns selber und den in uns sich 
bewegenden Gedanken gar nichts wissen. Nach kürzerer oder 
längerer Zeit erwachen wir dann plötzlich, wie aus einem 
Traume, und in demselben Augenblicke tritt gewöhnlich das 


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236 


Resultat unseres Nachdenkens klar und deutlich im Bewusst- 
sein hervor, ohne dass wir wissen, wie wir dazu gekommen 
sind. Auch bei einem weniger angestrengten Nachdenken 
kommen Momente vor, in welchem sich mit dem Bewusst- 
sein der eigenen Geistesanstrengung eine völlige Gedan- 
kenleere verbindet, worauf alsdann in dem nächsten Augen- 
blicke ein lebhafteres Zuströmen von Gedanken nachfolgt. Es 
gehört freilich einige Uebung dazu, um ein ernsthaftes Nach- 
denken mit gleichzeitiger Selbstbeobachtung zu vereinigen, 
indem das Bestreben, die Gedanken bei ihrem Entstehen und 
in ihrer Aufeinanderfolge zu beobachten, sehr leicht Störun- 
gen des Denkens und Stockungen in der Gedankenentwick- 
lung hervorbringt; fortgesetzte Versuche setzen uns aber in 
den Stand, deutlich wahrzunehmen, dass eigentlich bei jedem 
angestrengten Nachdenken gleichsam ein stetiges innerliches 
Pulsiren oder eine wechselnde Ebbe und Fluth der Gedanken 
Statt findet: ein Moment, in welchem alle Gedanken aus dem 
Bewusstsein verschwinden, und nur das Bewusstsein einer 
innerlichen geistigen Spannung bleibt, und ein Moment, in 
welchem die Gedanken in grösserer Fülle Zuströmen und 
deutlich im Bewusstsein hervortreten. Je tiefer die Ebbe 
war, desto stärker pflegt die nachfolgende Fluth zu sein; je 
stärker die vorhergehende innere Spannung, desto stärker 
und lebhafter die Fülle der hervortretenden Gedanken. 

Diese Vorgänge lassen sich auf verschiedene Weise er- 
klären. Man könnte annehmen, dass bei ernsterem Nachden- 
ken eine Spannung zwischen der centrifugalen und centripe- 
talen Nerventhätigkeit einträte, welche momentan aufgehoben 
würde und wieder zurückkehrte; dagegen spricht aber, dass 
wir eine solche Spannung sonst nicht beobachten, namentlich 
nicht in der Sphäre der Sinnlichkeit, wo sie am leichtesten 
wahrzunehmen sein, und wahrscheinlich ebenfalls Vorkommen 
würde, wenn sie im Gehirn Statt fände. Man köimte auch 
annehmen, dass in den Momenten der anscheinenden Leere 
im Bewusstsein die Schnelligkeit der Gedankenausbildung zu 
gross sei, um wahrgenommen werden zu können. Dieser 
Annahme widerspricht aber die Bestimmtheit und Deutlieh- 


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keit, mit welcher die völlige Leere in unserem Bewusstsein 
wahrgenommen wird. Es bleibt daher keine andere Erklä- 
rung übrig, als die Voraussetzung einer bei angestrengtem 
Nachdenken eintretender Spannung zwischen der Sphäre des 
vernünftigen und verständigen Denkens. Die geistige Thä- 
ti srkeit zieht sich dabei eine Zeitlang in ihre innerste oder 
höchste Sphäre zurück, es findet nur eine Wechselwirkung 
Statt zwischen dem Ich und der Peripherie des grossen Ge- 
hirnes, und die dabei entstehenden oder gebrauchten Worte 
kommen nicht zum Bewusstsein, weil nur die in den Hirn- 
ganglien entstehenden sich demselben präsentiren. Auf ähn- 
liche Weise, wie der Sitz der Empfindung für unmittelbare 
äussere Einwirkungen unempfindlich ist, dürften auch nur 
diejenigen Gedanken und Worte im Selbstbewusstsein er- 
scheinen, welche, von den nirnganglien ausgehend, vorher 
im Bewusstsein sich dargestellt haben. Das plötzliche Her- 
vortreten eines Resultates wäre alsdann die Folge eines Ueber- 
gehens der geistigen Thätigkeit in die Sphäre des Gehirns 
oder des Verstandes. Das Hervortreten der Gedanken nach 
vorhergegangenem Verschwinden erfolgt manchmal plötzlich, 
blitzähnlich, und es kann ein plötzliches Erwachen oder Er- 
wecktwerden aus tiefem bewusstlosen Denken von dem Ge- 
fühle begleitet werden, als ob eine gleichsam electrische 
Erschütterung den ganzen Körper durchzuckte. Aelmliche 
Vorgänge wiederholen sich bei plötzlicher Rückkehr des Be- 
wusstseins, wenn wir uns sinnlichen Eindrücken, z. B. der 
Musik, ganz und gar hingegeben hatten, und es scheint in 
der That, als ob ein ruckweises ober stossweises Ueber- 
springen der Geistesthätigkeit aus einer Sphäre in die andere 
öfter geschehe, wenn vorher eine isolirte Thätigkeit in einer 
Sphäre Statt gefunden hat. An dem gewöhnlichen ruhigen 
Denken nehmen alle Sphären der Geistesthätigkeit, oder we- 
nigstens die Sphäre des Verstandes und der Vernunft gleich- 
mässig Theil, und die Uebergänge aus einer Sphäre in die 
andere geschehen continuirlich und unmerklich. 

Aus diesen Voraussetungen scheint zu folgen, dass der 
menschliche Geist über Vieles nachdenken könne, ohne sich 


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dessen bewusst zu werden ; allein bei einem solchen ganz in- 
nerlichen Nachdenken wissen wir wenigstens nachher, dass 
es Statt gefunden hat; wenn wir uns dessen nicht bewusst 
werden, haben wir wahrscheinlich auch nicht nachgedacht, 
und es giebt ohne Zweifel auch Augenblicke im Leben, bei 
dem Einen mehr als bei dem Anderen, wo wir selbst im 
Wachen über gar nichts nachdenken und an nichts denken, 
und aus diesem Grunde keine Gedanken haben. Blödsinnige 
denken oft gar nichts, aber auch bei Gesunden möchte es 
häufiger Vorkommen, wie Diejenigen glauben, welche den 
Menschengeist für zu erhaben halten, als dass er sich auch 
nur einen Augenblick dem dolce far niente hingeben könnte. 
Es giebt aber Menschen, die bei scheinbarem Wachen geistig 
schlafen können, sowie es Zustände giebt, in welchen der 
Mensch bei wirklichem Schlafe anscheinend wacht, und die 
Beantwortung der Frage, woran man denke, mit den so häu- 
fig zum Vorschein kommenden Worten „ich denke an nichts“ 
ist gewiss nicht immer eine Unwahrheit. 

Eine andere aus obigen Voraussetzungen abzuleitende 
Folgerung wäre die, dass das ganze Bestreben des denken- 
den Geistes eigentlich nur darin bestehe, seine eigenen Ge- 
danken in Worte zu übersetzen, um sich selbst ihrer be- 
wusst zu werden; weil Alles, was in dem Selbstbewusstsein 
hervortreten solle, vorher oder gleichzeitig in bestimmten 
Worten vorgestellt werden müsse. Diese Folgerung möchte 
vielleicht der Wahrheit näher kommen, da aber die Voraus- 
setzungen aus denen sie herzuleiten wäre, ungewiss und zwei- 
felhaft sind, so wollen wir sie mit allen ihren Consequenzen 
lieber einstweilen dahin gestellt sein lassen. 

So wie der Verstand die Thätigkeit der Sinne erregt, be- 
herrscht und leitet, sie aber nicht entbehren kann für sein 
eigenes Thun; eben so wird der Verstand zur Thätigkeit an- 
geregt, geleitet und gezügelt durch die Vernunft und ist ihr 
eben so unentbehrlich: die Sinne müssen das Material her- 
beischaffen für die Thätigkeit des Verstandes, und dieser das 
Material für die Vernunft. Der Verstand erfasst und versteht 
nur das Einzelne in seinen verschiedenen Verhältnissen und 


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Beziehungen (die Besonderheit), und spricht dies aus in sei- 
nen Vorstellungen und Urtheilen, seinen Meinungen und sei- 
nem Raisonnement. Was er verstanden hat, weiss er auch 
in bestimmte Worte zu fassen, die Sprache lässt ihn nie in 
Stich, und er geräth nie in die Verlegenheit, aus Mangel an 
angemessenen W orten seine Meinung nicht sagen zu können : 
er bedarf keiner anderen Worte, als die Sprache ihm darbie- 
tet. Die Vernunft hingegen findet nicht immer vollkommen 
entsprechende Worte für ihre Gedanken und sie ist in dieser 
Hinsicht von der Entwicklung der Muttersprache abhängig. 
Vernünftiges Nachdenken führt nicht in jeder Sprache zu glei- 
chen Resultaten, und diese lassen sich in einer Sprache besser 
und vollkommener darstellen, als in einer anderen: jede Sprache 
enthält Wörter für Begriffe, die sich in anderen Sprachen 
nicht wiederfinden und unübersetzbar sind. Die Vernunft 
bleibt in ihrem Nachdenken nie bei dem Einzelnen stehen, 
sondern verbindet das von dem Verstände dargebotene Beson- 
dere zu einem Allgemeinen; ihre denkende Thätigkeit um- 
fasst Alles, und sucht den Zusammenhang aller Dinge zu er- 
kennen. Weil aber in der ganzen Schöpfung alles mit ein- 
ander in Zusammenhang steht, lässt sich bei vernünftiger 
Betrachtung über jedes Einzelne unendlich viel sagen, und 
eben deshalb hat jeder Begriff einen unerschöpflichen Inhalt, 
der sich niemals so vollständig aussprechen lässt, dass gar 
nichts mehr zu sagen übrig bliebe. Denselben Reichthum 
tragen auch die Wörter in sich, als Träger oder Zeichen der 
Begriffe, welche der Menschengeist oder die allgemeine gött- 
liche Vernunft erzeugt hat, um in ihnen oder durch sie zu 
eigenem und selbständigem Dasein zu gelangen, um, wie 
Hegel cs ausdrückt, aus dem An-sich-sein und Für-sich-sein 
zum Bei-sich-sein zu gelangen. 

Der menschliche Geist bedarf der Worte, um zur eigenen 
Existenz zu kommen, wie die Pflanze der Materie, um in’s 
Dasein zu treten. Der dem Leibe inwolmende oder Fleisch 
gewordene Geist kann nur vermittelst des Leibes seine eigene 
Thätigkeit vollziehen, die Vernunft nur vermittelst des Ver- 
standes und der Worte ihren eigenen Gedanken eine sich 


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selbst und Andern wahrnehmbare Form verleihen. Der In- 
halt des Selbstbewusstseins stellt sich nur in Worten dar, 
und die vernünftige Erkenntniss besteht in nichts Anderem, 
als in einer Vereinigung verständiger Vorstellungen und Ur- 
theile zu Begriffen und Schlüssen, wodurch sie in ihrem na- 
türlichen und nothwendigen Zusammenhänge dargestellt wer- 
den. Die Vernunft bedient sich des Gehirns als eines Instru- 
mentes für ihre Thätigkeit und die Erfüllung ihrer Zwecke; 
sie selbst erscheint aber keinesweges als ein Product der Ge- 
hirnthätigkeit oder als eine Function des Gehirnes. Was das 
Gehirn für sich hervorbringen kann, geht nicht über die 
Grenzen des Verstandes hinaus, und selbst darin leistet es, 
wie wir bei den höheren Thieren sahen, nicht gar viel, wenn 
Gehirn und Verstand nicht erfüllt und durchdrungen werden 
von einer über ihnen schwebenden höheren und freieren, sie 
erziehenden und leitenden vernünftigen Geistesthätigkeit. 

Das menschliche Denken in engerem Sinne besteht also 
in einer Wechselwirkung zwischen Vernunft und Verstand, 
zwischen dem denkenden Ich und dem Gehirne. Im weiteren 
Sinne des Wortes offenbart sich aber das Denken oder die 
geistige Thätigkeit des Menschen in den drei verschiedenen 
Sphären der Sinne, des Verstandes und der Vernunft, welche 
in relativer Selbständigkeit fungiren, obgleich sie in den ge- 
wöhnlichen Zuständen des Seelenlebens stets in einander grei- 
fen und gemeinschaftlich wirken. Wir können, wie schon 
früher erwähnt, zu derselben Zeit sinnliche Gegenstände wahr- 
nehmen, an andere Dinge denken und über unser eigenes 
Denken nachdenken, so dass wir in demselben Momente uns 
dieser dreifachen Geistesthätigkeit bewusst sind. Auf einem 
Spaziergange z. B., den wir mit einem Freunde machen, 
können wir Alles sehen, was sich dem Auge darbietet, ein 
Gespräch mit dem Freunde fortführen und zu derselben Zeit 
noch über andere Dinge nachdenken. Wir können in einer 
Gesellschaft in unseren eigenen Gedanken vertieft sein, und 
doch auf Fragen verständige, wenngleich kurze Antworten 
geben, obgleich wir uns dessen vielleicht nicht einmal bewusst 
werden, dass wir antworten. Ist der menschliche Geist gleich- 


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zeitig in allen drei Sphären thätig, so kann er freilich in kei- 
ner von ihnen seine ganze Energie entfalten. Soll dies ge- 
schehen, so muss er seine ganze Thätigkeit einer Sphäre zu- 
wenden, sich ganz der sinnlichen Anschauung hingeben, ohne 
in demselben Augenblicke darüber zu reflectiren; oder nur 
überlegen, ohne die äusseren Dinge zu beachten und ohne 
an sich zu denken; oder endlich im Nachdenken sich ganz 
und gar in sich vertiefen, ohne den äusseren Eindrücken den 
Zugang zu gestatten. In jedem Augenblicke kann nur ein 
Gedanke vollkommen klar und deutlich im Bewusstsein her- 
vortreten, und die scheinbare Gleichzeitigkeit der Thätigkeit 
in allen Sphären beruht oft nur auf einem raschen und fast 
unmerklichen Ueberspringen derselben aus einer Sphäre in 
die andere. Sinnesthätigkeit und Nachdenken können jedoch 
ziemlich lange und ungestört neben einander fortgehen ; wir 
können z. B. lesen, laut vorlesen, nach Noten spielen, ab- 
schreiben, uns aus- und ankleiden, spazieren gehen, eine 
Menge Strassen durchwandern, ohne zu irren, während wir 
zu derselben Zeit fast ungestört und ununterbrochen über 
ganz andere Dinge innerlich nachdenken. 

Ein fast isolirtes Vorherrschen einer Sphäre der Geistes- 
thätigkeit kommt in denjenigen Zuständen vor, die man Zer- 
streutheit, Träumerei und Vertieftheit nennt, auch 
wohl mit dem gemeinschaftlichen Namen der Geistesabwe- 
senheit belegt, weil der Geist während ihrer Dauer gleich- 
sam der Wirklichkeit entrückt ist, und nicht in der gewöhn- 
lichen Wechselwirkung mit der Aussenwelt steht. 

Zerstreutheit besteht eigentlich in einer isolirten Thä- 
tigkeit der Sinne, bei gleichzeitiger Unthätigkeit der Ver- 
nunft und des Verstandes. Die ganze Geistesthätigkeit ist 
dabei der Betrachtung der den Sinnen sich darbietenden Ge- 
genstände zugewendet. Was man gewöhnlich Zerstreutheit 
nennt ist eigentlich ihr Gegentheil, eine Vertiefung der Gei- 
stesthätigkeit in sich selber bei gleichzeitigem Mangel an 
Aufmerksamkeit auf die Aussenwelt. Bei wirklicher Zer- 
streutheit verbreitet sich die Aufmerksamkeit auf äussere 
Dinge bei gleichzeitiger Selbstvcrgessenheit. Vorübergehend 

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tritt eine solche Zerstreutheit sehr oft ein, namentlich bei 
Kindern und im jugendlichen Alter, wo der Anblick von Ge- 
genständen oder das Hören von Worten und Tönen sehr 
leicht von jeder anderen Geistesthätigkeit ableitet. Länger 
dauernde Zerstreutheit kommt seltener vor, kann aber ein- 
treten, wo sich eine Menge neuer, wechselnder, interessanter 
und überraschender Gegenstände den Sinnen darbietet, z. B. 
im Theater, in Concerten, bei öffentlichen Aufzügen, militai- 
rischen Manövern u. dgl. Man kann sich absichtlich in einen 
solchen Zustand versetzen, wenn man veränderliche, rasch 
sich bewegende Gegenstände mit dem bestimmten Vorsatze 
betrachtet, sich ihrer Anschauung ganz hinzugeben, ohne an 
etwas Anderes zu denken. Auf solche Weise kann man eine 
Zeitlang dem Wellenschläge des Meeres, den Strömungen 
eines Flusses, dem Vorübereilen der Wolken zuschauen, dem 
Murmehi eines Baches oder den Tönen einer Musik zuhören, 
ohne andere Gedanken zu haben. Zerstreuung wird gewöhn- 
lich empfohlen als das beste Mittel zur Erholung nach an- 
gestrengter Geistesarbeit, zur Erheiterung bei Gemüthsver- 
stimmung und zur Beseitigung deprimirter Gemüthszustände. 
Wirkliche Zerstreuungen, wobei man sich den sinnlichen Ein- 
drücken hingiebt, sind in der That unter solchen Umständen 
die besten Erholungs- und Erleichterungsmittel; allein bei 
bedeutender Gemüthsverstimmung verfehlen sie fast immer 
ihre Wirkung, weil keine Empfänglichkeit für sinnliche Ein- 
drücke da ist. Im gewöhnlichen Leben nimmt man es mit 
dem Gebrauche des Wortes Zerstreutheit nicht so genau, und 
giebt auch der Träumerei oder Vertieftheit denselben Namen ; 
mau nennt überhaupt jeden Menschen zerstreut, der die ihn 
umgebenden Dinge und Vorgänge nicht gehörig beachtet, 
der durch irgend eine Ursache daran verhindert wird, seine 
Aufmerksamkeit gehörig zu beherrschen, oder sie anhaltend 
auf diejenigen Gegenstände oder Gedanken zu richten, mit 
denen er sich beschäftigen will oder sollte. 

Träumerei ist ein dem wirklichen Träumen verwandter 
Zustand, worin, wie bei diesem, das Gehirn oder der Ver- 
stand allein thätig sind, bei gleichzeitiger Unthätigkeit der 


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Sinne und der Vernunft. Im Wachen steht die Thätigkeit 
des Verstandes unter der Herrschaft und Leitung des selbst- 
bewussten vernünftige» Denkens ; wir können aber, wenn wir 
es wollen, uns der selbstthätigen Einwirkung auf unsere Ge- 
danken enthalten, und das im Gehirn vor sich gehende Spiel 
derselben gleichsam als ruhige Zuschauer betrachten: wir 
überlassen uns alsdann, wie man zu sagen pflegt, dem Spiele 
unserer Einbildungskraft oder Phantasie. Die Gedanken ent- 
stehen und folgen alsdann im Bewusstsein auf einander wie 
im Traume oder im Delirium, bald ungeordnet, abspringend, 
verworren, bald nach den Regeln der Ideenassociation, bald 
in consequenter und logischer Aufeinanderfolge. Die aufstei- 
genden Bilder und Vorstellungen stimmen bald mit der Wirk- 
lichkeit überein, bald erscheinen sie in übertriebenen, phan- 
tastischen, abentheuerlichen Gestalten. Unwillkührlich ent- 
stehen solche Träumereien besonders in Folge von starken 
Gemüthsbewegungen , Leidenschaften oder Gemüthsverstim- 
mung, und alsdann erscheinen die Gedanken gewöhnlich in 
bestimmterer Ordnung und Aufeinanderfolge: ihre Richtung 
und ihr Inhalt werden durch die Art der Gemüthsbewegung, 
z. B. durch Zorn, Furcht, Angst, leidenschaftliche Liebe, 
Sehnsucht, mit einer gewissen Beharrlichkeit bestimmt. Jede 
Gemüthsstimmung hat das Bestreben, entsprechende Reihen 
von Ideen im Bewusstsein hervorzurufen und festzuhalten, 
und auch in den gewöhnlichen Träumen dürfte die bestimmte 
und consequente Entwicklung einzelner Traumbilder vorzugs- 
weise von den gleichzeitigen oder durch sie erregten Gefüh- 
len bedingt werden. Wo das Gemüth unbetheiligt bleibt, 
scheint ein ungeordneter und rascher Wechsel von Bildern 
und Vorstellungen Statt zu finden, indem sich dieselben zwar 
im Allgemeinen nach den Regeln der Ideenassociation an ein- 
ander reihen, aber mit häufigeren oder selteneren, zum Theil 
durch sinnliche Eindrücke veranlassten Unterbrechungen und 
Ideensprüngen. 

Vorübergehend und in geringeren Graden kommen solche 
Träumereien bei den meisten Menschen tagtäglich vor. Wo 
sie andauernder und in höheren Graden eintreten, sind sie von 

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wirklichen Träumen wenig verschieden, mit Unempfindlichkeit 
der Sinne und Mangel an deutlichem Selbstbewusstsein ver- 
bunden. Auch das Erwachen aus einer solchen Träumerei 
ist alsdann mit ähnlichen Erscheinungen verbunden, wie das 
Erwachen aus einem tiefen Schlafe, mit Unbesinnlichkeit, 
momentaner Verwirrung der Sinne und der Gedanken, und 
undeutlicher Erinnerung der Täumereien. Was man gewöhn- 
lich Einbildungskraft nennt, ist nichts Anderes, als eine solche 
Träumerei, die Wirkung einer isolirten, der Herrschaft der 
Vernunft und der Sinne entzogenen, aber dem vollen und 
unbeschränkten Einflüsse der Gefühle und Leidenschaften un- 
terworfenen Gehirn- oder Verstandesthätigkeit. 

In psychischen Krankheiten kommen solche Träumereien 
in höheren Graden und andauernd ausserordentlich häufig vor, 
sowohl bei Exaltationen des Gemöths (Manie), als bei De- 
pressionen desselben (Melancholie). In den ersteren Fällen 
spricht der Kranke unaufhörlich, laut und verworren, und 
bemerkt wenig oder gar nicht, was um ihn vorgeht. In der 
Regel kann man ihn durch ein lautes und bestimmtes Anre- 
den momentan erwecken, er erwacht wie aus einem Traume 
und ist alsdann im Stande, die ihm vorgelegten Fragen ge- 
hörig und richtig zu beantworten; gewöhnlich sinkt er aber 
sehr bald wieder in seine Träumereien zurück. Melancholische 
versinken ebenfalls sehr häufig in Träumerei , sie sitzen oder 
stehen imbeweglich, starren vor sich hin, bemerken nicht was 
um sie vorgeht, während sich in ihrem Bewusstsein dieselben 
traurigen und quälenden Gedanken unaufhörlich wiederholen. 
Durch ein stärkeres Anreden kann man sie ebenfalls erwecken, 
und kürzer oder länger wach erhalten, so dass sie ihre Auf- 
merksamkeit auf die Aussenwelt richten, die vorgelegten Fra- 
gen richtig beantworten und ganz verständig und besonnen 
erscheinen. In den höchsten Graden beider Krankheitsformen 
ist die Unempfindlichkeit für äussere Eindrücke so gross, 
dass auch ein momentanes Erwecken aus dem krankhaften 
Traumzustande nicht möglich ist. 

Vertieftheit oder Vertiefung des Geistes besteht 
in einer ausschliesslich vorherrschenden Thätigkeit des ver- 


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nünfligen Nachdenkens bei gleichzeitiger Unthätigkeit der 
Sinne und des Verstandes. Jedes ernste und vernünftige 
Nachdenken ist wenigstens mit vorübergehenden Vertiefungen 
des Geistes verbunden, und bei den grössten Denkern, Ma- 
thematikern und Philosophen pflegt sie, als sogenannte Zer- 
streutheit der Gelehrten, in höherem Grade und andauernder 
vorzukommen. In den Momenten der höchsten Vertiefung 
ist der Geist nur mit der Sache beschäftigt, welche er zum 
Gegenstände seines Nachdenkens gemacht hat. Der Denkende 
geräth dabei in einen, der Catalepsis (Starrsucht) ähnlichen 
Zustand: er sitzt oder steht ganz unbeweglich, ohne ein Glied 
zu rühren oder eine Miene zu verziehen, mit starrem Blick 
und bisweilen halbgeöffnetem Munde, er antwortet nicht, wenn 
man ihn anredet, er sieht und hört nicht, was um ihn vor- 
geht, er fühlt vielleicht sogar schmerzhafte Berührungen nicht, 
und empfindet keine körperlichen Leiden oder Bedürfnisse. 
Auch aus seinem Bewusstsein verschwinden alle Gedanken, 
und dieser Zustand dauert fort, bis das Nachdenken zu einem 
Resultate gekommen ist. Dies Resultat tritt dann plötzlich 
mit einer Fluth von Gedanken im Bewusstsein hervor, und 
in demselben Augenblicke erwacht der Denkende aus seiner 
Vertieftheit, ohne zu erinnern, was während derselben in ihm 
vorgegangen sein möge, und ohne zu wissen, auf welche 
Weise er zu dem gefundenen Residtate gekommen sei: er er- 
innert nur, dass er tief und ernsthaft über die Sache nach- 
gedacht hat. Wird bei höheren Graden von Vertieftheit die 
Sinnesthätigkeit durch starke äussere Eindrücke erregt, so 
erwacht der Vertiefte wie aus einem Traume, er schreckt 
manchmal zusammen, er fühlt eine Erschütterung durch den 
ganzen Körper, und die Rückkehr der Geistesthätigkeit zu 
den Sinnesnerven und der Aussenwelt wird von ähnlichen 
Erscheinungen begleitet, wie ein plötzliches Erwecktwerden 
aus tiefem Schlafe, namentlich von momentaner Verwirrung 
der Sinne und des Verstandes. 

Der berühmte Newton bereitete, nach Biot, sein un- 
sterbliches Werk, philosophiae naturalis principia mathematica, 
zwei Jahre lang vor, und lebte bei der Ausarbeitung nur im 


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246 


Rechnen und Nachdenken. Oft vertiefte er sich so in die 
Betrachtung dieser Gegenstände, dass er ganz ohne Bewusst- 
sein handelte. Seine Gedanken schienen mit den gewöhn- 
lichen Lebensereignissen gar keinen Zusammenhang zu haben. 
Oft, behauptet man, stand er des Morgens auf und setzte 
sich auf die Bettstelle, weil ihm eine neue Idee beikam, und 
blieb stundenlang so, um sie zu verfolgen, ohne sich anzu- 
kleiden. Es fragte ihn Jemand bei einer Gelegenheit, auf 
welche Art er denn zu seinen Entdeckungen gekommen sei. 
„ Indem ich immer darüber nachdachte “ , war die Antwort. 
Ein anderes Mal erklärte er sich über sein Verfahren: „Ich 
halte mir den Gegenstand immer vor, und warte, bis die erste 
Dämmerung sich nach und nach zu immer hellerem Lichte 
gestaltet.“ In einem Briefe an Bentley sagt er: „Wenn ich 
dem Publicum irgend nützlich geworden bin, so verdanke ich 
es nur dem fleissigen und anhaltenden Denken.“ Biot er- 
zählt ferner, dass sein Nachdenken weit genug ging, um seine 
Aufmerksamkeit von allen anderen Gegenständen abzuschnei- 
den und ausschliesslich auf einen Punct zu richten- Nie war 
er zu gleicher Zeit mit zwei verschiedenen wissenschaftlichen 
Forschungen beschäftigt. (Rob. Macuish, der Schlaf in 
allen seinen Gestalten. A. d. Engl. Leipzig 1835. S. 208.) 

Die vorstehenden Auseinandersetzungen dürften genügen, 
die Unterschiede der verschiedenen Sphären der Geistesthä- 
tigkeit und ihre Verhältnisse zu einander zu erläutern. Ich 
lasse daher, um nicht zu weitschweifig zu werden, nur eine 
kurze Darstellung ihrer besonderen Functionen nachfolgen. 

1. Sinnesthätigkeit. 

Die Sinnesthätigkeit besteht in dem Authehmen der ver- 
mittelst der Sinnesnerven dem Gehirn zugefuhrten Eindrücke 
von äusseren Gegenständen, in dem Wahrnehmen dieser 
Gegenstände oder ihrer Eigenschaften. Mit dieser passiven, 
von aussen nach innen gerichteten oder centripetalen Bewe- 
gung muss sich aber eine active, von innen nach aussen ge- 
richtete oder centrifugale geistige Bewegung, die Aufmerk- 
samkeit, verbinden, wenn eine klare und bestimmte Wahr- 


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nehmung zu Stande kommen soll. Ohne Aufmerksamkeit hat 
man entweder gar keine, oder höehstens sehr unbestimmte 
Wahrnehmungen. Durch die Aufmerksamkeit wird das Sin- 
nesorgan, Auge, Ohr, Hand u. s. w., zu dem äusseren Objecte 
in eine Stellung gebracht, wie es zur Aufnahme des Ein- 
druckes erforderlich ist. Zugleich wird das Organ selbst 
wahrscheinlich dadurch zur Aufnahme von Eindrücken vor- 
bereitet, dass eine sogenannte Innervation, eine verstärkte 
Strömung vom Gehirn aus vermittelst der centrifugalen Ner- 
venfasern sich zu dem betreffenden Sinnesorgane fortpflanzt, 
und in diesem eine umgekehrte zurückgehende Strömung ent- 
weder hervorruft oder wenigstens begünstigt. Wahrscheinlich 
enthalten auch die rein sensiblen Sinnesnerven, z. B. der Seh- 
nerv, centrifugale Nervenfasern. Ob diese sogenannten Strö- 
mungen wirkliche Fortbewegungen von Lebensgeistern sind, 
oder in electrischen Processen bestehen, ist hier für die 
Theorie gleichgültig. 

Wie überhaupt die Reizung sensibler Nerven vermittelst 
des Rückenmarks Reflexbewegungen hervorruft, so hat auch 
die Reizung der Sinnesnerven entsprechende, durch die gros- 
sen Hirnganglien vermittelte Reflexbewegungen zur unmittel- 
baren Folge: die Aufmerksamkeit wird dadurch angeregt, das 
Organ durch Muskelbewegungen auf den Gegenstand gerich- 
tet, und durch innere Veränderungen (Accomodation des Auges 
und Ohres) zur Aufnahme der Eindrücke vorbereitet, ohne 
dass wir es wissen und wollen. Das absichtliche und will- 
kürliche, wiederholte und anhaltende Richten der Aufmerk- 
samkeit auf den Gegenstand folgt erst später nach. Auf der 
anderen Seite kann auch die Richtung der Aufmerksamkeit 
zuerst von innen heraus absichtlich bestimmt werden. Als- 
dann wird das Sinnesorgan dadurch entweder im Allgemeinen 
zur Thätigkeit angeregt und zum deutlichen Wahrnehmen 
aller sich darbietenden Objecte befähigt, oder es wird nur für 
einen besonderen Zweck angeregt, und alsdann wird nur ein 
einzelnes Object oder ein Theil desselben deutlich wahrge- 
nommen, alles Uebrige entweder undeutlich oder gar nicht. 
Wenn uns daran gelegen ist, irgend etwas genau zu sehen, 


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248 


so übersehen wir oft alles Uebrige, was sich unseren Blicken 
darbietet. Wir sehen z. B. von einer grossen Zahl von Men- 
schen nur einen Einzigen deutlich und bemerken die Uebri- 
gen kaum; wir hören von mehreren zugleich redenden Per- 
sonen nur Eine, von vielem Gesagten nur Einzelnes, von 
mehreren Instrumenten nur Eines u. s. w. Unendlich Vieles, 
was sich unseren Sinnen darbietet, sehen und hören wir aus 
dieser Ursache gar nicht: Naturforscher täuschen sich oft in 
ihren Beobachtungen, weil sie nur Dasjenige sehen, was ihren 
Ideen und Erwartungen entspricht, das Widersprechende gar 
nicht bemerken. Nachtwandler sehen und hören, wie es 
scheint, nur, was mit ihren Traumideen in Beziehung steht, 
während sie zugleich ein helles Licht und lautes Geräusch 
nicht gewahr werden. Somnambule vernehmen nur die Stimme 
bestimmter Personen und geben nur ihnen Antwort, was An- 
dere sprechen, und was sonst um sie vorgeht, hören und 
bemerken sie nicht. Tief Betrübte hören bisweilen nicht, 
was ihnen gesagt wird, aber die Stimme einer geliebten Per- 
son regt ihre Aufmerksamkeit an, und vermag sie aus ihrem 
dumpfen Hinbrüten zu erwecken. Schlafende Mütter erwa- 
chen oft nicht bei dem stärksten Geräusch, während die lei- 
seste Stimme und jede Bewegung des Kindes sie auf der 
Stelle erweckt. 

Die Sinnesthätigkeit kann also sowohl von innen, als von 
aussen her zuerst angeregt werden, zum deutlichen Wahr- 
nehmen ist aber stets eine Verbindung dieser beiden entge- 
gengesetzten Bewegungen erforderlich, und ihre Vereinigung 
zur kreisförmigen Bewegung bezeichnen wir mit dem Worte 
Anschauen, und betrachten dies als die eigentliche Func- 
tion der Sinne. Das Anschauen besteht folglich in einer von 
den grossen Ilimganglien aus auf die Objecte gerichteten, und 
von diesen zu den Hirnganglien zuriikkehrenden Bewegung, 
welche sowohl von innen, als von aussen angeregt werden 
kann. Auf diesem Wege wird von den Objecten mitgenom- 
men, was geistig an ihnen zu erfassen ist, und in der Form 
eines geistigen Umrisses, eines Bildes oder einer Idee dem 
Gehirne zugelührt. Wir erlangen durch diese Anschauungen 


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ein Wissen, eine Kenntniss (Ansicht) von den Dingen, in 
grösserer oder geringerer Klarheit, und wir bezeichnen 
diesen Inhalt durch Worte, die wir mittheilen, indem wir 
sagen, was wir erfahren haben. Was wir an den Dingen 
wahrnehmen und von’ihnen in uns aufnehmen, ist ihre Wahr- 
heit; es ist Dasjenige, was an und in den Dingen wirklich 
vorhanden ist. Der Inbegriff der durch die Sinne uns zuge- 
fuhrten Wahrheit, die Erfahrung, ist die Grundlage alles 
W issens, und jede Wissenschaft ist nur eine Entwicklung 
dessen, was wir vermittelst der Sinne unmittelbar und unent- 
wickelt in uns aufgenommen haben: nihil est in intellectu, 
quod non fuerit in sensu. 

2. Verstandest hätigkeit. 

Die Function des Verstandes ist das Verstehen der sinn- 
lichen Auschauungen, und das Verständniss wird vermittelt 
durch Vorstellungen , deren Deutlichkeit von dem eigenen 
Urtheile abhängt. Man pflegt deshalb den Verstand auch 
als Urtheilskraft zu bezeichnen. 

Das Urt heilen ist, wie das Anschauen der Sinne, eine 
Vereinigung zweier entgegengesetzter Bewegungen, des pas- 
siven, centripetalen, von den Ilimganglien zu der Peripherie 
des grossen Gehirns fortgehenden Vorstellens und des 
activen, centrifiigalen, von der Gehirnperipherie zu den Hirn- 
ganglien sich bewegenden Ueberlegens. An ihren End- 
puncten gehen diese Bewegungen theils durch Reflexion in 
einander über, theils pflanzen sie 8ich weiter fort, entweder 
zum Selbstbewusstsein oder zum Gemüthe, oder zu den Be- 
wegungsorganen, oder gleichzeitig in allen diesen verschiede- 
nen Richtungen. Vorstellungen, welche die Neigung haben, 
nach aussen auf die Bewegungsnerven überzugehen, nennen 
wir Vorsätze: sie sind innerliche Vorbilder auszuführen- 
der Handlungen. 

Durch das Vorstellen wird das äusserliche Wissen von 
den Dingen zu einem innerlichen Wissen von dem Angeschau- 
ten, und dieses Wissen macht den Inhalt des Bewusstseins 
aus. In dem Bewusstsein tritt zu jeder Zeit nur eine Vor- 


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Stellung oder ein Urtheil deutlich hervor, und es ist dem 
Verstände oder dem grossen Gehirn eigenthümlich, in seiner 
Thätigkeit unaufhörlich von einer Vorstellung zur anderen, 
oder von einem Urtheile zum anderen überzugehen. Diese 
Uebergänge werden in der Regel durch den natürlichen Zu- t 

sammenhang der Dinge, durch sogenannte Ideenassociationen 
vermittelt. Indem die auf einen Gegenstand bezüglichen, nach 
einander im Bewusstsein hervortretenden Urtheile in dem 
Selbstbewusstsein sich mit einander vereinigen, entsteht aus 
den Vorstellungen der Begriff. Die Thätigkeit des Verstan- 
des für sich allein bleibt stets bei Einzelheiten stehen, und 
kann die successive entstehenden Vorstellpngen wohl an ein- 
ander reihen, aber nicht zu einem Begriffe verschmelzen ; da- 
her fehlen den höheren Thieren sowohl die Begriffe, als die 
sie bezeichnenden Worte. 

Jede deutliche Vorstellung ist ein Urtheil; zu ihrem Ent- 
stehen ist eine Verbindung der beiden entgegengesetzten Be- 
wegungen erforderlich: je energischer das Ueberlegen ist, 
desto deutlicher wird die Vorstellung, je öfter die Ueberle- 
gung sich wiederholt, desto bestimmter das gebildete Urtheil. 

Die Bewegung kann dabei, wie in der Sphäre der Sinnes- 
thätigkeit, von beiden Endpuncten ausgehen: das Ueberlegen 
geht entweder dem Vörstellen voran, oder folgt ihm nach. 

Bei einer zu flüchtigen Thätigkeit des Verstandes oder einem 
Mangel an gehöriger Energie des Ueberlegens treten die Vor- 
stellungen nicht als eigene Urtheile ins Bewusstsein, sondern 
nur als Wahrnehmungen, mit dem täuschenden Scheine, als 
seien sie durch eigenes Urtheilen gebildet. Ein unüberlegtes 
Aufhehmen ausgesprochener Meinungen ist eben so häufig, 
als die damit verbundene Täuschung, dass man durch eignes 
Ueberlegen gefunden habe, was man nur sinnlich wahrge- 
nommen hat. "■ 4 

Der Process des Urtheilens oder der Verstandesthätigkeit ist 
dem der Sinnesthätigkeit ganz analog nnd erscheint als eine 
innerliche Wiederholung desselben; allein in ihren Resultaten 
sind beide einander fast entgegengesetzt. Die Sinne vereini- 
gen in ihren Anschauungen alle Einzelheiten der Wahrneh- 


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mung zu einem Gesammtbilde, so dass in der sinnlichen Idee 
zwar alle diese Einzelheiten enthalten sind, aber nicht als 
solche in dem Wissen hervortreten. Die Sinne verfahren syn- 
thetisch, der Verstand dagegen analytisch. Er zergliedert 
die ihm zugeführten Ideen, und zerlegt sie in ihre Bestand- 
theile; er nimmt eine Ur-Theilung vor, indem er urtheilt 
Er wendet seinen Blick von einem Pnncte zum andern, und 
vergleicht stets zwei Theile eines Dinges oder zwei Dinge 
mit einander, um ihre Verhältnisse und Beziehungen zu ein- 
ander kennen zu lernen. Das Resultat dieser vergleichen- 
den Betrachtungen des Verstandes ist ein geistiges Auffassen 
der Beziehungen und Verhältnisse der Dinge, welches in der 
Form von Urtheilen, Reflexionen (Raisonnement) oder Vor- 
stellungen im Bewusstsein hervortritt. Wir erhalten dadurch 
eine Einsicht in die Verhältnisse der Dinge mit grösserer 
oder geringerer Deutlichkeit, und die gewonnene Einsicht 
sprechen wir als unsere Meinung aus in Sätzen, die wir 
behaupten. Die objective Wahrheit der Anschauung ist hier 
umgewaudelt in ein subjectives Meinen und Dafürhalten, 
was nur für die subjective Ueberzcugung Gewissheit hat, 
für Andere aber des Beweises bedarf, wenn sie sich nicht 
durch das bestimmte Behaupten überreden lassen. Der Ver- 
stand verfährt, indem er immer nur Einzelnes beurtheilt und 
einzelne Urtheile an einander reiht, stets einseitig, und ist 
eben deshalb dem Irrt hum unterworfen. Täuschungen der 
Sinne sind ausserordentlich selten in Vergleich mit der Häu- 
figkeit der Irrthümer des Verstandes; das Irren und alle Ver- 
irrungen des menschlichen Geistes gehören wesentlich dieser 
Sphäre seiner Thätigkeit an. 

Der Satz ist die allgemeine Form des verständigen Den- 
kens und in jedem Satze ist ein Urtheil ausgesprochen. Im 
Allgemeinen wird dadurch der Inhalt eines Wortes oder eines 
Gedankens entfaltet und in zwei Theile zerlegt, ein Subject 
und ein Prädicat, welche einander entgegengestellt und auf 
einander bezogen , gewöhnlich durch die Copula „ ist “ mit 
einander verbunden werden. Man kann so viele Arten von 
Urtheilen unterscheiden, als Verhältnisse und Beziehungen 


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252 


der Dinge zu einander existiren. Das einfachste, fast mit dem 
Inhalte der Anschauungen zusammenfallende Urtheil ist das- 
jenige, wodurch gesagt wird, was Etwas ist. Wenn ich sage, 
dies ist ein Haus, ein Mensch, ein Baum, so bedarf es dazu 
keiner langen Ueberlegung; was der Verstand dabei thut, ist „ 

nur ein Umwandeln dessen, was die Sinne unterschieden und 
wahrgenommen haben, in eine Vorstellung, und ein Ausspre- 
chen derselben. Unter Umständen kann jedoch vieles Ueber- 
legen und sorgfältiges Vergleichen nöthig sein, ehe ich sagen 
kann, was Etwas ist, welcher Gattung und Art, z. B. eine 
Pflanze oder ein Insekt angehört. Einfache Beziehungen sind 
auch ausgedrückt in den qualitativen und quantitativen Ur- 
theilen. Wenn ich z. B. sage, die Rose ist roth, so trenne 
ich nur die in der sinnlichen Wahrnehmung enthaltene Wahr- 
nehmung des Rothen von dem Ganzen, und behaupte, dass 
es als ein besonderer Theil in demselben enthalten sei. Schwie- 
riger sind schon die Urtheile, ob etwas gut oder schlecht, 
brauchbar oder unbrauchbar, schön oder hässlich sei u. s. w., 
weil dabei viele Beziehungen in Betracht kommen können. 

Eine Vergleichung mehrerer Gegenstände enthalten die com- 
parativen Urtheile mit ihren Vergleichungsstufen, ob Etwas 
gross sei, oder grösser als Anderes, oder das Grösseste von 
Allen. Andere Arten von Urtheilen beziehen sich auf die 
Causalverhältnisse, ob Etwas die Ursache oder die Wirkung 
ist von Anderem, ob es nothwendig oder zufällig ist u. s. w. 

In der älteren Logik legte man einen grossen Werth auf die 
Unterscheidung aller möglichen Arten des Urtheiles ; in neuerer 
Zeit wird sie mit Recht als ziemlich überflüssig betrachtet. 

3. Vernunftthätigkeit. 

Die eigenthümliche Thätigkeit der Vernunft ist das Folgern 
und Schliessen, welches hervorgeht aus der unmittelbar < 

von dem geistigen Ich ausgehenden, centrifugal und activ 
thätigen innerlichen Aufmerksamkeit, dem Nachdenken, und 
dem in umgekehrter Richtung centripetal und passiv thätigen 
Begreifen. Auch hier kann die Bewegung von beiden End- 
puncten ausgehen, auch hier gehen die entgegengesetzten 


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•253 


Bewegungen durch Reflex in einander über, auch hier ist ihre 
Vereinigung zur Erzeugung des Resultates noth wendig, und 
wird die Bestimmtheit und Vollständigkeit des Begriffs durch 
die Energie und Dauer des Nachdenkens bedingt. Es wie- 
derholen sich hier dieselben Formen der Thätigkeit, welche 
wir in der Thätigkeit der Sinne und des Verstandes erkannt 
haben; in ihren Resultaten erscheint aber die Vernunft als 
das Gegentheil des Verstandes. Alle einzelnen Beziehungen, 
welche der Verstand in seinen Urtheilen auseinanderlegt und 
successive vorstellt, vereinigt die vernünftige Geistesthätigkeit 
wieder in einen Begriff, welcher seinem Inhalte nach nicht 
von der ursprünglichen Wahrnehmung verschieden ist, aber 
diesen Inhalt als einen mehr oder weniger vollständig ent- 
wickelten in sieh schliesst. Wenn wir eine Sache gehörig 
begriffen haben, so kennen wir sie nicht nur iin Ganzen, son- 
dern zugleich in allen ihren Theilen, in ihren Beziehungen 
und Verhältnissen. Die sinnliche Kenntniss ist durch das 
Zusammenflüssen der gewonnenen Einsicht in eine Erkennt- 
niss verwandelt worden, in welcher der innere Zusammen- 
hang der Sache mit grösserer oder geringerer Vollstän- 
digkeit gewusst wird. 

Das vernünftige Wissen ist ein höheres, als das verstän- 
dige Bewusstsein, und es ist unzertrennlich verbunden mit 
dem Wissen, dass wir es sind, die dies Bewusstsein haben; 
es ist ein Wissen von dem Inhalte des verständigen Bewusst- 
seins — ein Selbstbewusstsein. Ob es in dem Gehirn 
einen bestimmten Ort giebt, in welchem das Selbstbewusst- 
sein oder das eigentliche Ich des Menschen residirt, das wis- 
sen wir nicht. Möglich ist es, ja sogar nicht ganz unwahr- 
scheinlich, nothwendig aber nicht; die Wechselwirkung zwi- 
schen dein Ich und dem Gehirn kann in letzter Instanz eben 
so gut durch die ganze Oberfläche des grossen Gehirns ver- 
mittelt werden, als durch einen einzelnen Punkt desselben, 
und wie diese Wechselwirkung zu Stande kommt, wird uns 
wohl immer verborgen bleiben. 

Das vernünftige Nachdenken ist gleichsam ein innerliches 
Anschaucn der vermittelst unseres Verstandes in unserem 


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254 


i 


Gehirne entwickelten Gedanken, welche in Reihen von Sätzen, 
als Vorstellungen oder Urtheile, im Bewusstsein hervortre- 
ten und innerlich ausgesprochen werden. Auf die Entwick- 
lung und Aufeinanderfolge der Gedanken hat das Nachden- 
ken einen bedeutenden, aber doch nur indirecten, und daher « 

bedingten und beschränkten Einfluss. Die innerlich ange- 
schauten Ideen werden aber beim Nachdenken nicht als ein- 
zelne und isolirte Gedanken, sondern in ihrem natürlichen und 
nothwendigen Zusammenhänge in das Selbstbewusstsein auf- 
genommen, und eben dadurch begriffen oder in Begriffe um- 
gewandelt. Dies geschieht um so vollständiger, je tiefer und 
ernster das Nachdenken ist. Bei oberflächlichem Nachdenken 
ereignet es sich häufig, dass einzelne und einseitige Vorstel- 
lungen oder Urtheile unverändert in das Selbstbewusstsein 
übergehen und den Schein von Begriffen annehmen; in ähn- 
licher Weise, wie auch unverdaute Substanzen in das Blut 
übergehen können. Wir meinen alsdann, die Sache begriffen 
zu haben, und haben in der That nur ein einseitiges Urtheil 
darüber. 

Die Begriffe und Schlüsse, wodurch wir zur Erkenntniss 
der Dinge gelangen, sind die Vollendung des Wissens, und 
lassen sich in der Regel nicht mehr durch einzelne Wörter 
oder Sätze aussprechen, sondern nur durch eine bestimmte 
Aufeinanderfolge von Sätzen, in nothwendiger Folgerung, 
in Perioden, welche stets einen Schluss enthalten, indem ein 
Allgemeines, Besonderes und Einzelnes sich in ihnen als An- 
fang, Mitte und Ende zusammenschliessen. Je vollkommener 
und abgerundeter die Perioden, je nothwendiger die Folge- 
rungen sind, desto vollendeter ist unsere Rede, die eigent- 
liche Form des vernünftigen Sprechens, welche zu dem Sa- 
gen des Wortes und dem Behaupten des Satzes sich eben 
so verhält, wie die vernünftige Erkenntniss der Sache zu * 

der sinnlichen Kenntniss der Dinge, und der verständigen 
Einsicht in ihre Verhältnisse. 

Betrachten wir die gesammte Geistesthätigkeit in ihrem 
Zusammenhänge, so erscheint sie als eine continuirliche, von 
dem Ich zur Aussenwelt hinausgehende und von der Aussen- 


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weit zu dem Ich zurüekkehrende Bewegung, deren Haupt- 
zweck darin besteht, die Aussenwelt zu sich zu bringen oder 
zu erkennen. Die active Geistesthätigkeit ist im Grunde auf 
allen Stufen dieselbe und führt nur die verschiedenen Namen 
des Nachdenkens, Ueberlegens und Aufinerkens, je nachdem 
sie mehr innerlich bleibt oder mehr nach aussen hervortritt. 
Eben so ist auch die passive Geistesthätigkeit in dem Wahr- 
nehmen, Vorstellen und Begreifen wesentlich dieselbe, ob- 
gleich sie die Gedanken in verschiedenen Formen nach innen 
führt. Die entgegengesetzten, durch centrifugale und centri- 
petale Thätigkeit der Nervenfasern vermittelten Bewegungen 
kommen überein mit den Bewegungen des Blutes in den Ar- 
terien und Venen. Auch das Anschauen, Urtheilen und 
Schliessen sind verwandte Processe, so dass man das Urthei- 
len ein Anschauen des Verstandes, das Anschauen ein Ur- 
theilen der Sinne, das Schliessen ein Anschauen oder Urthei- 
len der Vernunft nennen kann. Die Unterschiede kommen 
dadurch zu Stande, dass die ganze Thätigkeit des Denkens 
nicht in einem einfachen Kreise vor sich geht, sondern dass 
dieser Kreis zweimal in sich selber gebrochen ist, dass die 
entgegengesetzten Bewegungen sich in zwei Puncten kreuzen 
und durchschneiden, und in diesen Puncten nicht blos eine 
fortschreitende, sondern auch eine reflectirte Bewegung ge- 
schehen kann. So zerfällt der grosse Kreis, in welchem sich 
die Ideen während des Denkens bewegen, in drei kleinere 
Kreise, so von einander getrennt und so mit einander ver- 
bunden, dass die Ideen einerseits in demselben Kreise einige 
Zeit verweilen können, ohne ihn zu verlassen, andererseits 
aber jeden Augenblick aus einem Kreise in den anderen über- 
gehen. Bei diesen Uebergängen ist der in der Mitte liegende 
Verstand das vermittelnde und verbindende Glied zwischen 
den einander entgegengesetzten Sphären der Vernunft und 
der Sinnesthätigkeit. 

Zweck dieser Anordnung ist die Vorbereitung der Ideen 
zur Aufnahme in das Selbstbewusstsein, Verdauung und As- 
similirung der dem Geiste zugeführten Nahrung, der ideellen 
Substanz, deren der Geist zu seiner Existenz und Entwick- 


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lung bedarf. Der menschliche Geist kann der Nahrung eben 
so wenig entbehren, wie der menschliche Körper; schlechte 
Beschaffenheit oder Mangel derselben hemmt seine Entwick- 
lung, macht ihn erkranken und absterben. Die leibliche Nah- 
rung wird zuerst im Munde zerkleinert, mit Speichel ver- 
mengt und so vorbereitet dem Magen zugeführt; in diesem 
und im Darmkanal wird sie verdaut, d. h. so verändert, dass 
sie in’s Blut aufgenommen, und in letzter Instanz durch die 
Thätigkeit der Lungen vollkommen in Blut umgewandelt wer- 
den kann. In analoger Weise werden die von den Sinnen 
aufgenommenen Eindrücke, die geistige Nahrung, in der Form 
von Ideen dem Gehirne zugeführt und von diesem verdaut, 
d. h. so verarbeitet und verändert, dass sie in letzter Instanz 
von der Vernunft völlig assimilirt in das Ich aufgenommen 
werden können und einen integrirenden Theil desselben aus- 
machen. So wie die leibliche Nahrung nicht in das Blut ge- 
langen kann, ohne durch den Magen hindurch zu gehen, eben 
so gelangt keine Idee zu dem Selbstbewusstsein, ohne die 
Sphäre des Verstandes zu passiren. Mit anderen Worten: 
sie kann nur in der Form einer Vorstellung zum Selbstbe- 
wusstsein kommen, und deshalb pflegt man das menschliche 
Denken auch wohl ein vorstellendes Denken oder den- 
kendes Vorstellen zu nennen, und die denkende Thätig- 
keit überhaupt als ein Vorstellungsvermögen zu be- 
trachten. 

So wie aber in dem Magen die Verdauung bald besser, 
bald schlechter von Statten geht, und der Nahrungsstoff bes- 
ser oder schlechter vorbereitet in’s Blut übergeht: eben so 
geschieht es mit der Verarbeitung der Ideen im Gehirn vor 
ihrer Aufnahme in das Selbstbewusstsein. In der Sphäre des 
Verstandes werden die sinnlichen Wahrnehmungen in Vor- 
stellungen umgewandelt, und je mehr der Verstand diese 
Umwandlung durch Ueberlegen selbstthätig bewirkt, desto 
mein- nehmen die Vorstellungen die Gestalt bestimmter Ur- 
theile an; denn das Urtheil ist nichts Anderes, als eine durch 
Ueberlegung bestimmte Vorstellung: die als unbestimmte 
Vorstellung in die Sphäre des Verstandes übergehende Wahr- 


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nehmung oder Anschauung wird erst vermittelst der reflec- 
tirten Bewegung des Ueberlegens zu einer bestimmten Vor- 
stellung oder einem Urtheile. Das Urtheil bezeichnet immer 
ein Verhältniss, es sagt aus, was und wie etwas ist in Be- 
ziehung auf Anderes, und es wird gebildet durch Verglei- 
chung einer oder mehrerer vorhergehender Vorstellungen mit 
einer nachfolgenden, wobei die verglichenen Dinge entweder 
wirklich vorhanden sein oder in der Erinnerung reproducirt 
werden können. Jede dem Gehirn zugefuhrte Idee sollte 
eigentlich immer so lange in der Sphäre des Verstandes cir- 
culiren, bis sie in ein völlig bestimmtes Urtheil umgewandelt 
wäre; denn bei jeder abermaligen Reflexion bieten sich in 
Folge von Ideenassociationen neue, verwandte oder contra- 
stirende Ideen zur Vergleichung dar, und erst dann, wenn 
beim Ueberlegen keine neuen Ideen zum Vorschein kommen, 
ist das Urtheil vollendet, d. h. wir haben alsdann eine so 
bestimmte und deutliche Vorstellung von der Sache, wie wir 
sie überhaupt in dem gegenwärtigen Zeitpuncte erlangen kön- 
nen. Findet nun gar keine Ueberlegung Statt, oder wird sie 
nicht lange genug fortgesetzt, verhält sich der Verstand nur 
passiv, ist das Gehirn nicht disponirt zu gehöriger Vollzie- 
hung seiner Functionen, oder ist es mit krankhafter Schwäche 
behaftet: so gelangt die Vorstellung in einem zur Ernährung 
und Ausbildung des Geistes unbrauchbaren, gleichsam rohen 
oder halbverdauten Zustande zum Selbstbewusstsein ; es wer- 
den alsdann keine bestimmten und deutlichen Vorstellungen, 
sondern nur unverdaute Wahrnehmungen oder Anschauungen 
aufgenommen. Dies ist z. B. der Fall bei dem blossen Aus- 
wendiglernen und bei jedem Lernen ohne eigenes Ueberlegen 
und Urtheilen. Die so erworbenen, unverarbeiteten Kennt- 
nisse dienen nicht zu weiterer geistiger Fortbildung ; sie kön- 
nen sogar den Geist belästigen, wie unverdaute Nahrungs- 
stoffe den Magen; sie können die freie Bewegung des Geistes 
in dem Processe des Denkens stören und hemmen, und als 
eine rohe und unverdauliche Masse eine geistige Indigestion 
erzeugen. 

Sind unsere Vorstellungen durch die Thätigkeit des Ver- 

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Standes zu hinreichender Bestimmtheit und Deutlichkeit ver- 
arbeitet, so ist dennoch eine weitere Veränderung derselben 
in der Sphäre der Vernunft erforderlich, um sie völlig zu 
a8similiren und in Begriffe zu verwandeln. Dies geschieht 
wiederum durch die reflectirte Thätigkeit des Nachdenkens, 
wodurch .die einzelnen Vorstellungen zu Begriffen und Schlüs- 
sen verschmolzen werden: der Schluss ist nichts Anderes? 
als ein durch Nachdenken entwickelter Begriff. Fehlt es an 
gehörigem Nachdenken, so erfolgt keine gehörige Assimila- 
tion der Ideen, es werden keine vollständige Begriffe gebil- 
det, sondern an ihrer Stelle nur Vorstellungen und einseitige 
Urtheile in das Selbstbewusstsein aufgenommen. 

Obgleich das vernünftige Nachdenken über dem Verstände 
steht, kann es doch nur vermittelst desselben zur Wirksam- 
keit kommen. Alles, was wir gedacht, erlernt, erlebt und 
erfahren, vereinigt sich in unserem Selbstbewusstsein zu einem 
zusammenhängenden Ganzen; aber sobald wir einen beson- 
deren Theil dieses Inhalts zu irgend einem Zwecke benutzen 
und gebrauchen wollen, müssen wir ihn mit Hülfe des Ver- 
standes und des Gehirnes in der Form einer Vorstellung im 
Bewusstsein reproduciren ; denn nur im Bewusstsein Vorhan- 
denes und Hervortretendes existirt für das Selbstbewusstsein 
als ein Gegenwärtiges. So wie das Auge nur sieht, was ihm 
gegenüber steht und sich ausser ihm befindet, eben so kann 
auch das geistige Auge, das denkende Ich keinen Gegenstand 
betrachten, der nicht ausser ihm wäre und ihm gegenüber 
stände. Es ist deshalb das menschliche Gehirn oder Be- 
wusstsein einem Spiegel zu vergleichen, in welchem sich von 
der einen Seite vermittelst der durch die Sinne zugeführten 
Ideen das ganze Weltall abspiegelt, von der anderen Seite 
das Ich hineinschaut, die vorhandenen Bilder betrachtend, 
ihrer Fülle und Mannichfaltigkeit sich erfreuend, und ihre Be- 
deutung erforschend. Nur verschwinden die erzeugten Bil- 
der nicht, wie in einem gewöhnlichen Spiegel, sondern hin- 
terlassen bleibende Eindrücke, welche das denkende Ich wie- 
der aufzufrischen vermag, so dass die früher vorhandenen 
Bilder in deutlichen Farben und Umrissen wiederkehren. 


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259 


Auch im Auge und in den verschiedenen Sinnesorganen hin- 
terlässt das wahrgenommene Object einen bleibenden Ein- 
druck, vermöge dessen die wiederholte Wahrnehmung dasselbe 
Object als ein schon früher dagewesenes erkennen lässt und 
ein wiilkührliches Auffrischen und Zurückrufen früherer Bil- 
der möglich wird. Dies willkührliche Reproduciren von Bil- 
dern in den Sinnesorganen geschieht wahrscheinlich vom 
grossen Gehirne aus, indem die in diesem reproducirte Vor- 
stellung sich zunächst auf die Hirnganglien reflectirt, und von 
da aus durch centrifugale Nervenfasern zu dem Sinnesorgane 
sich fortpflanzend in diesem das der Vorstellung adäquate 
Bild wieder hervorruft. Hierdurch erklärt sich das Entste- 
hen von Sinnestäuschungen in Folge fixer Ideen oder krank- 
hafter Gehimthätigkeit , und wenn Vorstellungen von abwe- 
senden Personen oder Gegenständen bald mit sichtbaren Bil- 
dern verbunden sind und bald nicht, wenn einige Menschen 
sich abwesende Personen sehr leicht in deutlichen Bildern 
vergegenwärtigen können, während Andere dies nicht ver- 
mögen, wenn dies Manchem zu einer Zeit gelingt, und zu 
einer anderen umsonst versucht wird, so werden uns diese 
Vorgänge hierdurch ebenfalls einigermassen erklärlich. 

Wird der Process des Denkens durch äussere Objecte 
angeregt, so schreitet er von aussen nach innen fort, von 
dem sinnlichen Anschauen vermittelst des verständigen Ur- 
theilens zu dem vernünftigen Nachdenken und Schliessen; 
geht er von dem Ich aus, so wirkt er, von innen nach aussen 
fortschreitend, vermittelst der Verstandesthätigkeit auf die 
Sinnesorgane ein. In seiner steten Wechselwirkung mit dem 
Gehirne lässt sich das Nachdenken, wie schon früher erwähnt, 
als eine Unterredung zwischen dem Geiste und dem Gehirne 
betrachten, wobei in der Regel der Geist sich verhält wie 
ein Fragender, das Gehirn wie ein Antwortender, und Er- 
sterer seine Fragen so lange fortsetzt, bis er mit der Ant- 
wort zufrieden ist. So oft es erforderlich ist, werden auch 
die Sinnesorgane von dem Gehirne aus dazu genöthigt, die 
verlangte Auskunft zu ertheilen. So wie eine Unterredung 
zwischen zwei Personen aber nur dann zu befriedigenden Re- 

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260 


sultaten, zur Berichtigung der Ansichten, zur Förderung der 
Erkenntniss führen kann, wenn Beide zum Sprechen aufge- 
legt sind: eben so müssen Geist und Gehirn zum Denken 
bereit und willig sein, wenn befriedigende Resultate dadurch 
erreicht werden sollen. Geht der Geist unwillig oder wider- 
strebend daran, möchte er lieber etwas Anderes vornehmen, 
so kommt nicht viel dabei heraus, und ist das Gehirn nicht 
zur Thätigkeit disponirt, so wollen die Gedanken nicht fliessen, 
sie kommen träge und verdrossen, unklar und unordentlich 
zum Vorschein, sie 6tocken bisweilen ganz, und wenn wir 
uns auch noch so sehr bemühen, es will nichts Gescheutes 
zum Vorschein kommen. Was uns zu anderen Zeiten leicht 
und schnell und fast ohne Mühe gelingt, das können wir in 
solchen Augenblicken oft mit der grössten Anstrengung nicht 
zu Stande bringen. 

Das Gehirn ist durch seine Lage in der Schädelhöhle 
gegen äussere Einwirkungen sehr geschützt, und auch sonst 
dem Einflüsse des Körpers so weit entzogen , als es gesche- 
hen konnte, namentlich ist ein zu starker Blutandrang durch 
eine besondere Anordnung und Vertheilung der Blutgefässe 
möglichst verhütet. Es steht aber doch durch das Rücken- 
mark und Nervensystem mit allen leiblichen Organen in nä- 
herer oder entfernterer Verbindung, so dass es bei jeder er- 
heblichen Krankheit wichtiger Organe mitleidet, wie man zu 
sagen pflegt, consensuell oder sympathisch afficirt und in der 
Vollziehung seiner Functionen gestört wird. Es kann aber 
auch an und für sich, selbständig oder idiopathisch in ab- 
norme Thätigkeit versetzt werden und erkranken, und nicht 
selten bewirkt eine Veränderung der Blutmasse oder ein zu 
starker Blutandrang zum Gehirn eine Störung oder Unter- 
drückung seiner Functionen. Auf die denkende Thätigkeit 
des grossen Gehirnes hat insbesondere noch der Zustand des 
kleinen Gehirnes und die dadurch bedingte Gemüthsstimmung 
einen ausserordentlich grossen Einfluss, und dieser ist wie- 
der in hohem Grade abhängig von dem Zustande anderer 
Organe, namentlich des Herzens und der Unterleibseingeweide. 

Jede Krankheit des menschlichen Organismus, wobei eine 


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261 


Störung der Functionen des Gehirnes die wesentlichste und 
hervorstechendste Erscheinung ausmacht, ist eine psychische 
Krankheit, und jede psychische Krankheit besteht in einer 
sympathisch oder idiopathisch, primair oder secundair gestör- 
ten und krankhaft veränderten Thätigkeit des Gehirnes. Je 
nachdem das grosse oder kleine Gehirn vorzugsweise afficirt 
ist, herrscht in der psychischen Krankheit die krankhafte Ver- 
änderung der Gefühle oder der Gedanken vor, so dass sie 
entweder als Gemüthskrankheit oder als Geisteskrank- 
heit erscheint. Sie beginnt in der Regel mit krankhafter 
Veränderung der Gefühle, als eine durch gestörte Thätigkeit 
des kleinen Gehirnes bedingte Gemüthskrankheit, verbreitet 
sich aber wegen des innigen Zusammenhanges zwischen dem 
kleinen und grossen Gehirn immer mehr oder weniger auf 
dieses, so dass die ursprüngliche Gemüthskrankheit eine Stö- 
rung in der Thätigkeit des grossen Gehirnes und der Intel- 
ligenz nach sich zieht. Im weiteren Verlaufe der Krankheit 
kann diese Letztere die vorherrschende werden, und die ganze 
Krankheit alsdann als eine Geisteskrankheit erscheinen. 

Das kleine Gehirn steht aber nicht unmittelbar mit der 
vernünftigen Geistesthätigkeit in Verbindung, sondern nur 
mit dem grossen Gehirne und mit der Sphäre des Verstan- 
des. Alle Gefühle gelangen nicht unmittelbar zum Selbst- 
bewusstsein, sondern nur, in so ferne sie vorgestellt werden, 
d. h. in so ferne sie auf das grosse Gehirn übertragen, die 
Form der Gedanken annehmen, und als Vorstellungen im Be- 
wusstsein hervortreten. Gefühle, die wir uns nicht vorstel- 
len, existiren für unser Selbstbewusstsein nicht, und wenn sie 
in uns vorhanden sind, so erfahren wir nichts von ihrem Da- 
sein. Eine Gemüthskrankheit afficirt ebenfalls nicht unmit- 
telbar das vernünftige Nachdenken und Selbstbewusstsein; 
sie thut dies nur indirect, indem sie eine Störung der Ver- 
standesthätigkeit hervorruft, und die dadurch erzeugten fal- 
schen Vorstellungen und Urtheile sich dem Selbstbewusstsein 
aufdrängen. Gemüthsverstimmung wird dadurch zur Ge- 
müthskrankheit, dass sie sich der Herrschaft über den Ver- 
stand bemeistert und ihn zu verkehrten, den krankhaften 


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Gefühlen entsprechenden Urtheilen nöthigt. Eigentliche Ge- 
müthskrankheit oder Geisteskrankheit kann daher nicht existi- 
ren ohne Störung in den Functionen des Gehirnes und des 
Verstandes, die Störung braucht aber nicht so gross zu sein, 
dass die Sphäre der vernünftigen Geistesthätigkeit dadurch 
wesentlich afficirt, dass das Selbstbewusstsein krankhaft ver- 
ändert, unterdrückt oder aufgehoben würde. Erreicht die 
krankhafte Affection des grossen Gehirnes oder des Verstan- 
des einen hohen Grad, so kann dies allerdings nicht ausblei- 
ben, weil das Selbstbewusstsein von dem Bewusstsein und 
der Verstandesthätigkeit bedingt wird. Ist aber der V erstand 
in minder hohem Grade afficirt, so kann das Selbstbewusst- 
sein mehr oder weniger ungestört bleiben, und es kommen 
viele Fälle von psychischer Krankheit vor, in denen der 
Kranke während des ganzen Verlaufes seiner Krankheit sich 
derselben bestimmt und deutlich bewusst bleibt, und sie zu 
jeder Zeit vollkommen anerkennt. Er weiss, dass er mit 
einer krankhaften Melancholie behaftet ist, aber er kann keine 
andere Gemüthsstimmung in sich hervorrufen; er weiss, dass 
widersinnige krankhafte Ideen in ihm vorherrschen, aber er 
vermag sich ihrer nicht zu erwehren; er weiss, dass seine 
Gedanken ausschweifen und sich verwirren, aber er ist nicht 
im Stande , sie zu zügeln oder zu ordnen. Die Erfahrung 
bestätigt auch hier, dass die vernünftige Geistesthätigkeit und 
das Selbstbewusstsein eine von dem Verstände und Bewusst- 
sein verschiedene Sphäre des geistigen Lebens ausmachen 
müssen ; wäre dies nicht der Fall , so würden jene Erschei- 
nungen durchaus unerklärlich und unbegreiflich bleiben. 

Im gesunden sowohl, wie im kranken Seelenleben erscheint 
also die Sphäre des Verstandes als der Mittelpunct der Gei- 
stesthätigkeit, indem durch sie der Zusammenhang der Ver- 
nunft und des Selbstbewusstseins sowohl mit der Sinnesthä- 
tigkeit, als mit den Gefühlen vermittelt wird. Der sinnliche 
Anfang der Geistesthätigkeit muss durch die verständige 
Mitte hindurchgehen, um zur vernünftigen Vollendung zu ge- 
langen: nur vermittelst der Vorstellung wird die Wahrneh- 
mung in einen Begriff, nur vermittelst des Urtheiles die sinn- 


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liehe Anschauung in einen Schluss verwandelt. Jeder Schluss 
enthält die Momente seiner Bildung in sich: eine allgemeine, 
unmittelbar vorausgesetzte Wahrheit (eine Anschauung) als 
Vordersatz, eine besondere vermittelnde Reflexion (ein Urtheil) 
als Mittelsatz, und eine einzelne, den Gedanken vollendende, 
Anfang und Mitte verknüpfende Folgerung (einen Schluss) 
als Schlusssatz. Die Vernunft hebt also gleichsam Sinn und 
Verstand in sich auf, uud erscheint an und für sich schon 
als eine Vereinigung sinnlicher, verständiger und vernünftiger 
Thätigkeit. In analoger Weise schliessen aber auch Sinn und 
Verstand die Vernunft in sich: das Anschauen des Sinnes ist 
eben so wenig unvernünftig oder unverständig, wie das Ur- 
theilen des Verstandes unvernünftig und sinnlos. Jedes ist 
vielmehr dasselbe, was die Anderen sind, obgleich sie, ein- 
ander untergeordnet, sich als Erstes, Zweites und Drittes zu 
einander verhalten. Was nicht zuvor sinnlich wahrgenommen 
und verständig vorgestellt worden ist, kann nicht vernünftig 
erkannt und begriffen werden; aber die sinnliche Kenntniss 
schliesst schon die vernünftige Erkenntniss in sich. Aus dem 
die Erstere bezeichnenden Worte lässt sich die I.etzere als 
dessen Inhalt entwickeln, den wir vergebens suchen würden, 
wäre er nicht schon in der Anschauung und mit dem Worte 
in uns aufgenommen. 

Es ist daher ein grosser Irrthum, wenn die Philosophie, 
Sinn und Verstand herabsetzend und verachtend, den Urquell 
ihrer eigenen Wissenschaft verläugnet und durch reines Den- 
ken allein, ohne Mitwirkung von Sinn und Verstand, zu un- 
trüglichen Resultaten zu gelangen wähnt. Es ist ein grosser 
Irrthum, wenn man sich die verschiedenen Sphären der Gei- 
stesthätigkeit so getrennt von einander vorstellt, als ob jede 
ganz isolirt für sich existire und gleichsam in einem eigenen 
Schubfache des Gehirns stecke, so dass nach Belieben bald 
dies, bald jenes hervorgezogen werden könne. Eine isolirte 
Thätigkeit einer Sphäre kommt nur in ungewöhnlichen und 
krankhaften Seelenzuständen vor; im gewöhnlichen und ge- 
sunden Seelenleben kann zwar die Thätigkeit bald der einen, 
bald der anderen Sphäre vorherrschen ; allein sie wirken 


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dessen ungeachtet stets vereint, einander gegenseitig ergän- 
zend, unterstützend und berichtigend. Ein vernünftiges Nach- 
denken, welches das Zeugniss der Sinne verschmäht, beraubt 
sich selbst seiner festen Stütze, des ächten Probirsteines sei- 
ner Erkenntniss, und setzt sich der Gefahr aus, handgreifliche 
und augenscheinliche Unwahrheiten fiir Wahrheit und Ge- 
wissheit zu halten. Der auf die Gewissheit seiner Anschauun- 
gen unbedingt sich verlassende Sinn ist jeder Täuschung Preis 
gegeben, sobald er die Bestätigung oder Berichtigung seiner 
Wahrnehmungen durch das Urtheil des Verstandes, und ihre 
vernünftige Beglaubigung weder sucht, noch beachtet. Nicht 
minder verfällt der auf sein eigenes Urtheil trotzende Ver- 
stand, gegen Sinn und Vernunft sich empörend, in die wider- 
sinnigsten und aberwitzigsten Irrthümer. Wohl kann in dem 
einen oder dem anderen Menschen eine oder die andere Sphäre 
der Geistesthätigkeit vorherrschend entwickelt sein, der Eine 
sich vorzugsweise durch Besonnenheit, der Andere durch 
Klugheit, der Dritte durch Weisheit auszeichnen, allein nur 
durch besonnenen, klugen und weisen Gebrauch aller ihm 
verliehenen Geisteskräfte, durch gerechte Anerkennung und 
Würdigung dessen, was- eine Jede in ihrer Sphäre zu leisten 
im Stande ist, kann der Mensch zur Erkenntniss der Wahr- 
heit gelangen und gegen Täuschung, Irrthum und Trugschlüsse 
sieh möglichst sicher stellen. 


II. Von den Functionen des Gemüthes. 

Wir haben das Gemüth als diejenige Kraft der Seele 
bezeichnet, welche sich innerlich durch Gefühle, äusserlich 
durch Geb er den manifestirt, und deren eigenthümliche Thä- 
tigkeit in dem Fühlen besteht. Ausserdem gehören ihm aber 
auch die Triebe an, welche den wesentlichsten Antheil an 
der Erzeugung der Handlungen haben, und deshalb vorläufig 
als iimere Ursachen von Handlungen zu den Aeusserungen 


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der Willensthätigkeit gerechnet werden müssen, so dass von 
ihnen erst später die Rede sein wird. 

Die Erkenntniss des Gemüthes ist bei weitem schwieriger 
als die Erkenntniss des Geistes, und dies dürfte zum Theil 
darin seinen Grund haben, dass das Gemüth auf einer niedri- 
geren Entwicklungsstufe steht. Uebereinstimmend mit dem 
Bau des grossen und kleinen Gehirns finden wir die verschie- 
denen Formen und Stufen in der Thätigkeit des Gemüthes 
mehr in einander fliessend, und viel weniger scharf und be- 
stimmt unterschieden, als dies bei der Thätigkeit des Geistes 
der Fall ist. Auch die Wörter, welche die verschiedenen Zu- 
stände des Gemüthes und die verschiedenen Aeusserungen 
seiner Thätigkeit bezeichnen, sind in unserer Sprache weniger 
bestimmt, so dass es schwerer ist, ihre eigentliche Bedeutung 
zu erkennen, und fiir die verschiedenen Unterschiede ganz 
angemessene und unzweideutige Ausdrücke zu finden. 

Die Hauptschwierigkeit für die Erkenntniss des Gemüthes 
liegt aber darin, dass wir von Allem, was in unserem Ge- 
müthe vor sich geht, unmittelbar nichts erfahren, sondern erst 
auf einem Umwege davon Kunde erhalten. Wissen, Bewusst- 
sein und Selbstbewusstsein gehören dem geistigen Leben an, 
Alles, was in diesem vorgeht, tritt in dem eigenen Bewusst- 
sein hervor; das Gemüth hingegen weiss von seinen eigenen 
Empfindungen und von seinem ganzen Thun und Treiben gar 
nichts, und wir erfahren davon nur so viel, als wir geistig 
wahrnehmen. Diese Wahrnehmungen werden, wie ich glaube, 
eben so wie die Sinneswahrnehmungen durch die grossen 
Hirnganglien vermittelt, zu denen die Gemütlisbewegungen 
vom kleinen Gehirn aus (durch die sogenannten crura cere- 
belli ad Corpora quadrigemina) sich fortpflanzen. Vieles, was 
in dem Gemüthe vorgeht, scheint sich unserer Beobachtung 
ganz zu entziehen, und Manches, was wir zu einer Zeit wahr- 
nehmen, bleibt uns zu einer andern verborgen. Dies ist na- 
mentlich der Fall, wenn der Geist mit anderen Dingen sehr 
beschäftigt ist, und wenn in den Gemüthsbewegungen die 
Richtung nach aussen vorherrscht. Wir nehmen einen vor- 
handenen Schmerz nicht wahr, wenn wir in ein ernstes Nach- 


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denken vertieft sind, und die heftigsten Gefühle, z. B. der 
Zorn, entziehen sich unserem Bewusstsein, während sie zu 
gewaltsamen Handlungen treiben. Der Zornige, der Ver- 
liebte, der Eifersüchtige, der Verdriessliche, der Verstimmte 
weiss oft nichts von seinen eigenen Gefühlen und seiner 
Gemüthsstimmung und läugnet ihr Dasein auf’s Entschie- 
denste ab. Ueberhaupt ist es eine bekannte Sache, wie sehr 
und wie leicht der Mensch sich täuscht über die Beschaffen- 
heit und den Zustand seines eigenen Gcmüths. Eben so 
schwer ist es, die Gefühle eines Anderen aus -seinen Aeusse- 
rungen, seinem Benehmen und seinen Handlungen mit Sicher- 
heit zu erkennen, auch wenn keine absichtliche Verstellung 
dabei Statt findet. 

Die Gefühle gelangen allerdings, indem sie von den Hirn- 
ganglien aus zur Peripherie des grossen Gehirnes fortgehen, 
als solche zum Bewusstsein; aber erst durch die reflectirte 
Bewegung des Ueberlegens und durch ein erzeugtes Urtheil 
erhalten sie die Form deutlicher Vorstellungen, wobei sie zu- 
gleich in Worte übersetzt und innerlich ausgesprochen wer- 
den. Eben deshalb, weil das Ich nur durch ein eigenes Ur- 
theil zu einer deutlichen Vorstellung von seinen eigenen 
Gefühlen gelangt, kann es sich über die Natur seiner Gefühle 
leicht irren, und sich falsche Vorstellungen davon machen. 
Wir wissen nie mit Bestimmtheit, was wir fühlen, so lange 
wir es uns nicht in ausdrücklichen Worten gesagt haben. 
Wenn wir einen Schmerz deutlich empfinden, so sagen wir 
es uns, dass wir es thun, und erst, wenn wir uns sagen kön- 
nen, dass der Schmerz stechend, brennend, bohrend u. s. w., 
sei, wissen wir bestimmt, an welcher Art von Schmerz wir 
leiden. Oft ist es aber schwer, die vorhandenen Gefühle rich- 
tig zu übersetzen, für manche Gefühle z. B., sogar für ver- 
schiedene Arten körperlicher Schmerzen, scheint es unserer 
Spräche an genau bezeichnenden Wörtern zu fehlen, und sehr 
oft finden wir, dass in unseren Gefühlen etwas Unsagbares zu- 
rückbleibt, was wir in Worten nicht auszusprechen vermögen. 

In so ferne aber die Gefühle in Worte übersetzt werden 
können, müssen sie Gedanken in sich enthalten; denn was in 


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Worten ausgedrüekt wird, und ausgesprochen werden kann, 
ist stets ein Gedanke. Die Gefühle erscheinen uns demnach 
als eine andere Form der Gedanken, als eine Sprache des 
Gemüthes, wie die Worte die Sprache des Geistes sind, und 
die Thätigkeit des Geistes und des Gemüthes erscheinen uns 
als identisch, in so ferne sie ein dem Inhalte nach Gleiches 
in verschiedener Form erzeugen. Mit dieser Identität des 
Denkens und Fuhlens ist aber zugleich eine Entgegensetzung 
derselben verbunden, welcher sich als Gegensatz einer objec- 
tiven und subjectiven Seelenthätigkeit bezeichnen lässt. Der 
menschliche Geist ist vorzugsweise objectiv thätig; sein Wis- 
sen ist ein Wissen von Dingen, die ausser ihm sind, er be- 
schäftigt sich stets mit äusserlichen Dingen, und wenn er sein 
eigenes Ich zum Gegenstände seines Denkens macht, so be- 
handelt er dasselbe, wie ein ausser ihm befindliches und ihm 
gegenüber stehendes Object: nur so weit ihm dies möglich 
ist, kann der Mensch über sich selbst nachdenken und sich 
selber erkennen. In seinen Gefühlen beschäftigt sich der 
Mensch dagegen nur mit sich und seinen eigenen Zuständen, 
ohne im Stande zu sein, diese von sich selber zu unterschei- 
den, oder als ein ihm Aeusseres zu betrachten. Was der 
Geist als ein ihm Aeusseres wahrnimmt, das findet das 
Gemüth in seinem Innern — es empfindet, und das Em- 
pfundene bleibt ganz subjectiv, wenn es nicht geistig wahr- 
genommen und durch das Denken in eine objective Vorstel- 
lung verwandelt wird. Der Hauptzweck der geistigen Thä- 
tigkeit besteht darin, die Aussenwelt in sich aufzunehmen, sie 
zu verstehen, zu begreifen und zu erkennen; die Thätigkeit 
des Gemüths hingegen ist darauf gerichtet, die eigene Sub- 
jectivität in der Aussenwelt geltend zu machen, die eigenen 
Bedürfnisse zu befriedigen, die eigenen Wünsche zu realisiren. 

Erwägen wir, dass das Gemüth den grössten Einfluss auf 
die menschlichen Handlungen ausübt, und in seinen Trieben 
die eigentliche Triebfeder unseres ganzen Thuns und Treibens 
ist, so erscheint uns diese Wirkung viel bedeutender, als die 
Erzeugung von Gefühlen, und es dürfte das Verhältniss von 
Geist und Gemüth dem Gegensätze zwischen Wissen und 


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Thun entsprechen. Es ist daher sehr die Frage, ob das 
Fühlen in der That die wesentlichste Function des Gemüthes 
sei, und nicht vielleicht nur eine Nebensache. Die Gefühle 
kündigen uns an, was im Gemüthe vor sich geht, aber sie 
sagen uns nicht alles, und von vielen inneren Vorgängen im 
Gemüthe geben sie uns gar keine Nachricht, so dass wir 
nur aus anderweitigen Wirkungen auf ihr Dasein schliessen 
können.- Jedenfalls ist die Thätigkeit des Gemüthes eben so 
sehr nach aussen gerichtet, als nach innen, und nur diese 
Letztere ist es, die in der Form von Gefühlen zum Bewusst- 
sein gelangt. Die bewussten] Gefühle können nicht immer 
als Ursache der aus Gemüthsbewegungen entspringenden 
Handlungen angesehen werden, da sie z. B. beim Zorn und 
in anderen leidenschaftlichen Zuständen nicht den Handlungen 
vorhergehen, sondern gleichzeitig oder gar erst nachher im 
Bewusstsein sich bemerklich machen. Wir können überhaupt 
nicht selten gewahr werden, dass ausser den gleichzeitig in 
uns hervortretenden Gefühlen noch etwas Anderes da sein 
muss, was uns zu bestimmten Handlungen antreibt, und be- 
schränkte sich die Thätigkeit des Gemüthes nur auf die Er- 
zeugung von Gefühlen, so möchte es wohl nicht so schwer 
sein, dem Drängen des Gemüthes zu widerstehen, und wür- 
den wir demselben nicht so oft unterliegen. 

Wenn das Gemüth von der Natur dazu bestimmt ist, die 
eigentliche Triebfeder für die menschlichen Handlungen zu 
sein, so muss es auch zu der Aussenwelt in einem diesem 
Zwecke entsprechenden Verhältnisse stehen. Dies Verhältniss 
wird dadurch begründet, dass Alles, was das Gemüth berührt, 
auf eine zur Zeit noch unerklärliche Weise anziehend oder 
abstossend auf dasselbe wirkt, Neigung oder Abneigung, 
Liebe oder Hass, Verlangen oder Abscheu, ein Suchen oder 
Fliehen (Sucht oder Flucht) hervorruft. Demgemäss sind 
auch unsere Gefühle stets entweder angenehme oder un- 
angenehme, sie sind uns niemals vollkommen gleichgültig, 
wie es bei den Gedanken so oft der Fall ist. Unsere Ge- 
danken sind überhaupt an und für sich weder angenehm noch 
unangenehm, und sie erscheinen nur so, wenn sie in Folge 


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der steten Wechselwirkung zwischen Geist und Gemüth ent- 
sprechende Gefühle hervorrufen , welche sich alsdann als an- 
genehme oder unangenehme Gefühle auf das Bewusstsein re- 
flectiren. In dem Gebiete des geistigen Lebens selbst findet 
sich nur der correspondirende Gegensatz des Wahren und 
Falschen, des Richtigen und Unrichtigen, des Weisen und 
Thörichten, welchen wir im Allgemeinen als den Gegensatz 
von Wahrheit und Irrthum bezeichnen können. Angenehm 
ist der Wortbedeutung nach, was wir gerne annehmen; un- 
angenehm, was wir nicht gerne annehmen, sondern lieber 
zurückweisen möchten. Was der Geist aber gerne annimmt 
und sucht, ist die Wahrheit, was er zurückweist und flieht, 
ist der Irrthum. Für den Geist ist in der That die Wahr- 
heit das Angenehme, der Irrthum das Unangenehme, aber ' 
empfinden kann er weder das Eine noch das Andere durch 
sich selber, sondern nur vermittelst des angenehmen oder 
unangenehmen Gefühles, welches die Erkenntniss einer Wahr- 
heit oder eines Irrthums in seinem Gemüthe hervorruft. 

Stellen wir alles für uns Angenehme oder Unangenehme 
zusammen und vergleichen es mit einander, so finden wir die 
Grundlage dieses Unterschiedes darin, dass Alles, was den 
Zwecken unseres Daseins angemessen und forderlich ist, ein 
angenehmes, was ihnen störend und hinderlich ist, ein unan- 
genehmes Gefühl erweckt. Zu diesen Zwecken gehören aber 
nicht blos die allgemeinen Zwecke unserer Existenz, körper- 
liche und geistige Entwicklung, Selbsterhaltung und Fort- 
pflanzung; sondern auch alle besonderen Zwecke, welche wir 
zxi verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen Umständen 
verfolgen, und deshalb kann eine und dieselbe Sache zu ver- 
schiedenen Zeiten bald einen angenehmen, bald einen unan- 
genehmen Eindruck machen. Auch die Gewohnheit hat hier, 
wie überall im Leben, einen bedeutenden Einfluss. Wenn 
wir hungrig sind , ist uns der Geruch von Speisen sehr an- 
genehm, nach erfolgter Sättigung wird er uns zuwider; ein- 
tretendes Regenwetter nach anhaltender Dürre ist für den 
Landmann sehr angenehm, unangenehm für Denjenigen, der 
grade eine Spazierfahrt machen wollte; ein zu Zeiten der 


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Müsse sehr angenehmer Besuch kann uns höchst unangenehm 
werden, wenn wir gerade mit einer wichtigen Arbeit beschäf- 
tigt, oder wenn wir unwohl sind und der Buhe bedürfen. 
Jede körperliche Verletzung, jede Störung oder Hinderung 
einer leiblichen Function, des Athmens, des Blutumlaufes, der 
Ausleerungen u, s. w. , ruft unangenehme und schmerzliche 
Gefühle hervor ; das Wohlbefinden und die Wiederherstellung 
der Gesundheit angenehme Gefühle. Angenehm ist es, wenn 
wir lernen und verstehen, was wir gerne wissen möchten, 
unangenehm, wenn wir es nicht lernen oder nicht verstehen 
können. Angenehm ist die Erfüllung unserer Wünsche oder 
die Befriedigung unserer Leidenschaften, unangenehm jede 
Nichterfüllung oder Nichtbefriedigung derselben. Angenehm 
ist das Bewusstsein der Pflichterfüllung, unangenehm die Er- 
kenntniss einer Pflichtverletzung. Ein der leiblichen Gesund- 
heit zuträglicher Grad von Wärme, eine reine frische Luft, 
eine dem Auge wohlthätige Beleuchtung sind uns angenehm, 
grelle Beleuchtung oder Färbung, grosse Hitze oder Kälte, 
eine mit Dünsten erfüllte Luft, scharfe kreischende Töne 
machen einen unangenehmen Eindruck. Dem Geizigen oder 
Habsüchtigen macht ein Gewinn an Geld und Gut, dem Ehr- 
geizigen ein Titel oder Ordensband, dem Botaniker eine sel- 
tene Pflanze, dem Sammler ein neues Cabinetsstück , dem 
Philosophen ein neuer Gedanke die grösste Freude, kurz — 
überall finden wir den Satz bestätigt, dass das Angenehme 
oder Unangenehme einer Sache davon abhängt, ob sie unse- 
ren allgemeinen und besonderen Lebenszwecken angemessen 
ist, oder nicht. 

Man pflegt die angenehmen oder unangenehmen Gefühle 
ziemlich allgemein auch Gefühle von Lust und Unlust zu 
nennen. Spinoza erklärt ihren Ursprung auf eine ähnliche 
Weise, wie es so eben geschehen ist. Er schickt den Satz 
voraus (Spinoza* s sämmtliche Werke herausgegeben von 
Auerbach, Bd. 3. S. 188.): „Alles, was die Thätigkeit un- 
seres Körpers vermehrt oder vermindert, erweitert oder be- 
„ schränkt, dessen Idee vermehrt oder vermindert, erweitert 
„oder beschränkt das Denkvermögen unseres Geistes.“ Dann 


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fahrt er fort: „Wir sehen daher, dass der Geist grosse Ver- 
änderungen erleiden, und bald zu grösserer, bald zu gerin- 
gerer Vollkommenheit übergehen kann, und diese Leiden- 
schaften erklären uns die Seelenbewegungen der Lust und 
„Unlust. Unter Lust verstehe ich also im Folgenden die 
„Leidenschaft, wodurch der Geist zu grösserer Vollkommen- 
heit übergeht, unter Unlust aber die Leidenschaft, wodurch 
„er zu geringerer Vollkommenheit übergeht.“ Abgesehen 
davon, dass die Gefühle von Lust und Unlust eigentlich nicht 
zu den Leidenschaften gerechnet werden können, ist es im 
Allgemeinen richtig, dass Lust verursacht, was die Thätig- 
keit des Körpers und Geistes vermehrt, erweitert und ver- 
vollkommt, Unlust, was sie vermindert, beschränkt und un- 
vollkommener macht. Die Definition ist aber zu eingeschränkt, 
indem sie sich nur bezieht auf die allgemeinen Zwecke des 
menschlichen Daseins, während in der Wirklichkeit auch alles 
Dasjenige, was irgend einen besonderen und nur für den Au- 
genblick vorhandenen Zweck fordert oder hindert, ein Gefühl 
von Lust oder Unlust hervorruft, gleichviel, ob der Geist 
durch die Erfüllung des besonderen Zweckes zu einer grös- 
seren oder geringeren Vollkommenheit übergeht: auch die 
Erfüllung schädlicher, für Geist und Körper verderblicher 
Wünsche ist für den Augenblick mit einem Gefühle von Lust 
verbunden. 

Nicht ohne Bedeutung ist es, dass unsere Sprache das 
Unangenehme als eine Negation des Angenehmen, die Unlust 
als eine Negation der Lust bezeichnet. In der That verhal- 
ten sich die angenehmen und unangenehmen Gefühle zu ein- 
ander wie positive und negative: alle angenehmen Ge- 
fühle wirken positiv ein, indem sie unsere Seelenthätigkeit 
fordern und anregen, alle unangenehmen Gefühle wirken 
negativ, indem sie die Thätigkeit der Seele stören und hem- 
men. Eine frohe und heitere Gemüthsstimmung fordert und 
erleichtert das Denken und Thun, jeder Schmerz und jedes 
Leiden erschwert Beides. Das Angenehme oder Unange- 
nehme unserer Gefühle ist bedingt durch die Anziehung oder 
Abstossung, welche jeder äussere Eindruck auf unser Ge- 


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müth macht; für das Gemüth ist aber nicht blos die Äus- 
senwelt, sondern auch der eigene Leib, und jedes Product 
der eigenen Geistesthätigkeit ein Aeusseres. Mit jedem ange- 
nehmen Gefühle verbindet sich ein Bestreben, dasselbe zu 
erlangen und sich zu erhalten; mit jedem unangenehmen Ge- 
fühle ein Bestreben, dasselbe zu vermeiden und abzuwehren. 
Die angenehmen und unangenehmen Gefühle verbinden sich 
daher mit Verlangen oder Abscheu, oder gehen über in 
diese Triebe, wodurch der Mensch zu Handlungen an getrie- 
ben und sein Gemüth die Triebfeder derselben wird. 

Es giebt eine unendliche Menge verschiedenartiger ange- 
nehmer und unangenehmer Gefühle; vergleichen wir sie aber 
unter einander, so können wir ohne Mühe drei Ilauptarten 
oder Gattungen derselben unterscheiden, welche den verschie- 
denen Stufen oder Sphären des Gemüthslebens entsprechen: 
dem Gemeingefühle, dem Selbstgefühle und dem Gewissen. 
Zu der ersten Gattung gehören alle sinnlichen oder leiblichen 
Gemüthseindrücke: das angenehme Gefühl, welches uns der 
Genuss einer wohlschmeckenden Speise verursacht, und das 
unangenehme des Ekels; das angenehme Gefühl der Sätti- 
gung, und das unangenehme des Hungers; das angenehme 
Gefühl gehörter harmonischer Töne, und das unangenehme 
der Dissonanz; das angenehme Gefühl der Wollust, und das 
unangenehme des Schmerzes; das angenehme Gefühl des 
Wohlbefindens, und das unangenehme des Unwohlseins u. s. w. 
Ganz anderer Art ist das Angenehme oder Unangenehme der 
zweiten Gattung von Gefühlen, welche nicht in einer blos 
äusseren Reizung, sondern in einer inneren Erregung oder 
Bewegung des Gemüthes bestehen, in der verschiedenen Art 
und Weise, wie wir uns selber fühlen. Dahin gehören die 
angenehmen Gefühle, welche durch Erfüllung eines Wunsches, 
den Erwerb eines Besitzes, die Vollendung einer Arbeit, den 
Besuch eines Freundes, das Lesen eines interessanten Buches 
oder den Anblick einer schönen Gegend in uns erweckt wer- 
den, so wie die unangenehmen Gefühle, welche mit der Ver- 
sagung eines Wunsches, der Nichterfüllung einer gehegten 
Erwartung, dem Misslingen einer Arbeit, einer langweiligen 


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Lectüre, einer uns widerfahrenen Kränkung oder dem An- 
blicke feindlicher Personen verbunden sind. Von ganz an- 
derer Art ist wiederum das Angenehme oder Unangenehme 
der dritten Gattung von Gefühlen, welche in einer Erhebung 
des Gemüthes über Sinnlichkeit und Egoismus bestehen, und 
uns in unmittelbare Beziehung setzen zu dem Ewigen, Hei- 
ligen und Göttlichen. Dahin gehören die angenehmen Ge- 
fühle, welche in uns entstehen durch Pflichterfüllung, durch 
Ausübung guter Werke, durch das Hören oder Lesen erhe- 
bender und begeisterter Worte, durch das Fassen eines gross- 
artigen und tugendhaften Entschlusses , durch inbrünstiges 
Gebet, durch Beweise von Liebe, die wir von Anderen 
empfangen; so wie die unangenehmen Gefühle, welche in uns 
hervorgerufeu werden durch Pflichtversäumniss , durch Reue 
über eine begangene Sünde, durch das Hören und Sehen 
schlechter, roher und grausamer Handlungen, durch den An- 
blick von Kranken und Leidenden, denen wir nicht zu helfen 
vermögen, oder durch die Sehnsucht nach einer vergebens 
erstrebten Vollkommenheit des eigenen Seins. 

Die Verschiedenheit dieser drei Gattungen des Angeneh- 
men und Unangenehmen ist unverkennbar, und es fehlt auch 
unserer Sprache nicht an Wörtern zu ihrer Bezeichnung. Die 
Wörter Lust und Unlust beziehen sich eigentlich zunächst 
auf das Angenehme und Unangenehme der sinnlichen und 
leiblichen Gefühle, wollen wir sie aber, wie es zu geschehen 
pflegt, als allgemeine Ausdrücke zur Bezeichnung des Ange- 
nehmen und Unangenehmen gelten lassen, so können wir das 
mit den leiblichen Gefühlen oder dem Gemeingefühle verbun- 
dene Angenehme und Unangenehme bezeichnen als Genuss 
und Schmerz, Wohlbehagen oder Missbehagen; das mit 
den Gemüthsbewcgungen oder dem Selbstgefühle verbundene 
als Freude und Leid, Heiterkeit und Traurigkeit; und das 
mit den Gemüthserhebungen oder den moralischen Gefühlen 
verbundene als Zufriedenheit und Unzufriedenheit, 
inneren Frieden oder inneren Zwiespalt, Seligkeit oder Un- 
seligkeit. Vergleichen wir die Bedeutung der Wörter Ge- 
nuss und Schmerz, Freude und Leid, Zufriedenheit und Unzu- 

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friedenheit mit einander, so finden wir darin eben so sehr 
ihre Verwandtschaft ausgesprochen , als den Unterschied der 
drei verschiedenen Stufen oder Sphären des Gemüthslebens, 
denen sie angehören. 

Unterwerfen wir den Ursprung unserer Gefühle einer 
näheren Untersuchung, so können wir sie auf folgende Quel- 
len zurückführen: 

1) Eine Menge von Gefühlen wird durch die äusseren 
Sinne angeregt, welche zu der Seele in einer solchen Bezie- 
hung stehen, dass einige mit dem Geiste, andere mit dem 
Gemüthe näher verbunden sind. Auge und Ohr sind vor- 
zugsweise ohjective oder wahrnehmende, Geruch und Ge- 
schmack vorzugsweise subjective oder empfindende Sinne. 
Die Sinnesnerven der Haut stehen in der Mitte zwischen Bei- 
den, und der durch ihre Thätigkeit bedingte Sinn führt in 
unserer Sprache den doppelten Namen des Tastsinnes und 
des Gefühlssinnes. Die objectiven Wahrnehmungen des Tast- 
sinnes sind stets mit subjectiven Empfindungen oder Gefüh- 
len verbunden, und deshalb sagen wir z. B. , dass wir die 
Härte, die Schwere, die Schärfe, die runde oder eckige Ge- 
stalt eines Körpers fühlen, obgleich wir dies Alles eigentlich 
nicht fühlen, sondern durch Betasten wahrnehmen. Der Tast- 
sinn ist am meisten entwickelt in den beweglichsten Theilen 
des Körpers, den Fingerspitzen, den Zehen und der Zungen- 
spitze, und zum deutlichen Betasten ist Muskelbewegung eben 
so sehr erforderlich, wie die Bewegung des Auges zum deut- 
lichen Sehen. Für Gefühlseindrücke ist die Haut an ver- 
schiedenen Stellen des Körpers mehr oder weniger empfind- 
lich. Von den beiden subjectiven Sinnen ist der Geschmack 
der subjectivste, indem wir durch ihn wenig erfahren von 
den Gegenständen und ihrer Beschaffenheit, sondern fast nur 
die Art und Weise, wie sie uns aflficiren. Beim Riechen ist 
auch der angenehme oder unangenehme Eindruck des Ge- 
ruchs das Vorherrschende, wir erfahren jedoch dabei verhält- 
nissmässig mehr von den Eigenschaften der Dinge, und bei 
den Säugethieren , namentlich bei den Hunden, ist der Ge- 
ruchssinn zu einer bedeutenden Objeetivität entwickelt. Von 


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den beiden objectiven Sinnen ist das Auge der objectivste; 
es ist der Hauptsinn für die Intelligenz und für das Urtheil: 
was wir mit eigenen Augen sehen, wissen wir am sichersten 
und erkennen wir am deutlichsten. Das Gerafith wird da- 
gegen von dem Gesehenen verhältnissmässig weniger afficirt, 
und oft nur indirect vermittelst der Vorstellung, die wir uns 
von dem Gesehenen machen. Durch das Ohr wird das Ge- 
hörte nicht nur wahrgenommen, sondern zugleich das Gemüth 
direct und unmittelbar afficirt. Töne des Jammers afficiren 
das Gemüth ungleich mehr, wie der Anblick des Leidens, 
und taubstumme Kinder erscheinen oft grausam gegen Thiere, 
weil sie die Töne des Schmerzes nicht hören , welchen sie 
ihnen verursachen. Alle Sinnesnerven stehen durch die hin- 
teren Stränge des Rückenmarkes und ihre Fortsetzungen in 
die Ganglien des grossen und kleinen Gehirnes mit Beiden 
in Verbindung, und es erklärt sich dadurch, warum die Sin- 
neseindrücke in der Regel zugleich wahrgenommen und 
empfunden werden. Sie stehen aber bald mehr mit dem 
grossen, bald mehr mit dem kleinen Gehirne in unmittelbarem 
Zusammenhänge, der Sehnerv und Riechnerv mehr mit je- 
nem, die Geschmack- und Ilörnerven mehr mit diesem, und 
hieraus erklärt sich, warum die Thätigkeit der Ersteren ver- 
hältnissmässig mehr ein Wahrnehmen, die der Letzteren mehr 
ein Empfinden zur Folge hat. Selbst individuelle Verschie- 
denheiten der Wirkung dürften darin ihren Grund haben, 
dass bei dem Einen eine grössere, bei dem Anderen eine 
kleinere Anzahl von Fäden desselben Nerven sich dem gros- 
sen oder kleinen Gehirn zuwendet. Die Empfindlichkeit der 
Haut ist z. B. bei den einzelnen Individuen ausserordentlich 
verschieden, namentlich bei dem weiblichen Geschlechte im 
Allgemeinen weit grösser, so dass unbedeutende Verletzun- 
gen oder Verbrennungen bei Manchen einen heftigen Schmerz 
erzeugen, während Andere ihn kaum empfinden würden. 

2) Eine nicht unbedeutende Anzahl von Empfindungen 
entsteht durch den sogenannteu inneren Sinn oder durch Ein- 
drücke, welche von den in allen Organen des Leibes ver- 
breiteten Empfindungsnerven aufgenommen und dem kleinen 

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Gehirne zugeführt werden. So entsteht durch die sensiblen 
Muskelnerven wahrscheinlich nicht blos die Wahrnehmung 
der vollzogenen Muskelbewegungen, sondern zugleich das 
Gefühl von Kraft oder Schwäche, von Müdigkeit und Er- 
schöpfung. Gehindertes Athmen bewirkt ein Gefühl von 
Beängstigung und Beklemmung. Von dem Zustande unserer 
Verdauungswerkzeuge hängt das Gefühl von Wohlsein oder 
Krankheit hauptsächlich ab, und mannichfaltige Gefühle und 
Triebe gehen von den Geschlechtsorganen aus. Auf das Ent- 
stehen der Triebe und Begierden haben die Unterleibseinge- 
weide einen so grossen Einfluss, dass manche Psychologen 
sie als den Sitz des sogenannten Begehrungsvermögens be- 
trachtet haben. 

3) Fast alle Gemüthsbewegungen werden im Herzen 
empfunden, und die dabei entstehenden Gefühle scheinen von 
dem Herzen auszugehen, weshalb das Herz sehr oft als der 
eigentliche Sitz des Gemüthes angesehen worden ist und die 
Wörter Herz und Gemiith in vielen Sprachen als gleich- 
bedeutend gebraucht worden. Grösstentheils sind aber die 
vom Herzen ausgehenden Gefühle nicht ursprünglich in ihm 
entstandene, sondern, wie später nachgewiesen werden wird, 
durch Reflexion erzeugte. Ursprünglich werden vom Herzen 
aus gewiss manche Gefühle angeregt durch die auf die Ner- 
ven desselben einwirkende Beschaffenheit des Blutes. Na- 
mentlich scheint die heitere oder trübe Gemüthsstimmung des 
Menschen mehr oder weniger durch vorherrschende soge- 
nannte Arteriellität oder Venosität des Blutes bedingt zu wer- 
den: sauerstoflreiches , lebhaft geröthetes Blut disponirt zu 
Heiterkeit und Leichtsinn, kohlenstoftreiclies schwarzes Blut 
zu Traurigkeit und Schwermuth. Ohne Zweifel hat das Blut 
einen sehr grossen, zur Zeit aber noch unbekannten Einfluss 
auf das Seelenleben, und es ist vielleicht die Frage, ob das 
eigentlich belebende oder beseelende Princip nicht eher in 
dem Blute zu suchen sein möchte, als in den Nerven. Was 
wir davon wissen, beschränkt sich auf eine sehr unvollkom- 
mene Kenntniss der Wirkungen quantitativer Vermehrung 
oder Verminderung, grösserer oder geringerer Anhäufung, 


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stärkerer oder schwächerer Bewegung des Blutes in gewissen 
Organen. Wir kennen aber weder die im Leben vorkom- 
menden qualitativen Veränderungen des Blutes, noch deren 
Einfluss auf die Thätigkeit der Nerven und des Seelenlebens. 
Die Psychologen des künftigen Jahrhunderts werden vielleicht 
schon im Stande sein, etwas mehr darüber zu sagen. 

4) Vermöge der continuirlichen Wechselwirkung zwischen 
dem grossen und kleinen Gehirn werden unzählige Gefühle 
durch das Denken hervorgerufen. Es gieht freilich viele so- 
genannte gleichgültige Gedanken, welche keinen merklichen 
Einfluss auf das Geinüth ausüben, und bei einem tiefen Nach- 
denken , so wie bei einer Beschäftigung mit rein objectiven 
Gedanken bleibt das Genuith anscheinend unbetheiligt, oder 
es wird höchstens das Fortschreiten oder Gelingen des Den- 
kens von einem angenehmen, eine Hemmung oder ein Miss- 
lingen desselben von einem unangenehmen Gefühle begleitet. 
Sobald aber die Gedanken eine subjective Bedeutung haben 
oder zu der Person und den persönlichen Verhältnissen des 
Denkenden in irgend einer Beziehung stehen, erzeugen sie 
sogleich verwandte und entsprechende Gefühle. Jeder ge- 
fasste Vorsatz wirkt ebenfalls auf das Gemüth ein und regt 
dasselbe an zur Mitwirkung bei seiner Ausführung. Nur die- 
jenigen Gedanken scheinen aber auf das Gemüth einzuwir- 
ken, welche in dem Bewusstsein als Vorstellungen oder Vor- 
sätze hervortreten, indem sie, wie es scheint, bei der Reflexion 
von der Peripherie des grossen Gehirnes zugleich nach dem 
kleinen Gehirn sich fortpflanzen. Der Grad des Schmerzes, 
den wir empfinden, ist sehr oft von der ihn begleitenden 
Vorstellung abhängig; derselbe Schmerz und dasselbe Leiden 
kann bald sehr wenig, bald sehr tief und schwer empfunden 
werden, je nachdem sie in unserer Vorstellung als geringfügig 
oder als bedeutend erscheinen. Die Steigerung leiblicher 
schmerzhafter Empfindungen durch übertriebene Vorstellun- 
gen scheint theils durch deren directe Einwirkung auf das 
Gemüth zu geschehen, theils dadurch, dass die Aufmerksam- 
keit auf den schmerzhaften Punct gerichtet wird, indem da- 
bei ohne Zweifel eine verstärkte eentrifugale Bewegung in 


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den betreffenden Nerven erzeugt wird, welche durch periphe- 
rische Reflexion in eine verstärkte centripetale Bewegung 
übergeht, und dadurch tlieils eine deutlichere Wahrnehmung, 
theils ein verstärktes Gefühl des Schmerzes hervorbringt. 
Umgekehrt empfinden wir Schmerzen und Leiden um so we- 
niger, je mehr es uns gelingt, unsere Aufmerksamkeit davon 
abzuwenden und auf andere Dinge zu richten. 

5) Endlich entstehen auch viele Gefühle in dem Gemüthe 
selber, oder, meiner Theorie zufolge, in dem kleinen Gehirne, 
in welchem theils die von. aussen zugeführten Gefühle ver- 
ändert, tlieils andere Gefühle producirt werden. Auf diese 
Weise entstehen namentlich die inneren Gcmüthsbewegungen, 
Affecte und Leidenschaften. Mit ihnen, und zum Theil we- 
nigstens durch sie angeregt, entstehen auch die höheren mo- 
ralischen und religiösen Gefühle des Gewissens, welche ihrer- 
seits wiederum andere Gefühle hervorrufen, und die vorhan- 
denen mehr oder weniger beherrschen, verändern oder unter- 
drücken können. Diese Einwirkung der höheren Gefühle 
scheint jedoch sehr oft sich unserer Beobachtung zu entziehen. 

Die Fortbewegung der Gefühle ist schwieriger zu 
ermitteln, als die Fortbewegung der Gedanken, weil die in- 
nerlichen Vorgänge des Gemüthes sich nicht unmittelbar, und 
oft gar nicht im Bewusstsein darstellen. Wir beobachten 
jedoch auch bei den Gefühlen die Neigung, sich nach innen 
fortzupflanzen und nach aussen zu reflectiren. Namentlich 
können wir folgende Bewegungen unterscheiden: 

1) Jeder von den sensiblen Nerven zu den hinteren Strän- 
gen des Rückenmarkes fortgeleitete Reiz oder Eindruck kann 
daselbst (und vielleicht schon früher in den Spinalganglien) 
eine Reflexbewegung erzeugen, welche sich entweder auf die 
an demselben Orte entspringenden motorischen Nerven be- 
schränkt, oder bei stärkerer Reizung einen grösseren Theil 
der Bewegungsnerven in Anspruch nimmt, und sich über das 
ganze Rückenmark verbreiten kann. Wenn wir z. B. bei der 
Berührung eines heissen oder stechenden Gegenstandes auf 
der Stelle und unwillkührlich die Hand zurückziehen, wenn 
ein plötzlich entstehender Schmerz eine Zuckung oder eineu 


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Krampf in den betreffenden Muskeln hervorruft, wenn wir 
unwillkübrlieh oder vielleicht im Schlafe eine unbequeme 
Stellung verändern , wenn wir bei einem heftigen Schmerze 
plötzlich aufspringen u. s. w. , so sind dies solche von dem 
Rückenmarke vermittelte Reflexbewegungen. Man kann dar- 
über streiten, ob das Rückenmark dabei empfindet, oder nicht, 
und die Entscheidung hängt grossentheils von der Definition 
des Empfindens ab. Jedenfalls ist hier von keinen bewussten 
Empfindungen die Rede, denn wenn sie auch zum Bewusst- 
sein gelangen, so ist die nachfolgende Reflexbewewegung da- 
von ganz unabhängig. Jemehr der Eindruck sieh bis zu dem 
oberen Ende des Rückenmarks und bis zu dem Ganglion des 
kleinen Gehirnes (corpus rhomboideum) fortsetzt, oder direct 
dahin geleitet wird, desto deutlicher können wir das Ent- 
stehen einer bestimmten Empfindung oder eines bewusstlosen 
Gefühles an den eintretenden Reflexbewegungen erkennen, 
indem dieselben den Character des Ausdruckes eines Ge- 
fühls, oder einer Geb er de annehmen. Dieser Ausdruck 
zeigt sieh besonders in einer Veränderung des Blickes und 
der Mienen, in einer Spannung oder Erschlaffung und in 
C'ontractionen derjenigen Gesichtsmuskeln, welche durch eine 
auf den Antlitznerven oder facialis reflectirte Bewegung ent- 
stehen. So oft z. B. der Ausdruck des Schmerzes sieh in 
den Gesichtszügen offenbart, können wir das Dasein dieses 
Gefühles mit Sicherheit voraussetzen, und wir können das 
Vorhandensein desselben sogar in völlig bewusstlosen Zustän- 
den daran erkennen. Wenn aber dieser Ausdruck durch be- 
wusstlose Reflexion entstehen soll, so muss der vorhergegan- 
gene Eindruck das obere Ende des Rückenmarks erreicht 
haben, d. h. die Gegend, in welcher die Wurzeln des facialis 
ihren Ursprung nehmen. Sie stehen mit dem kleinen Gehirn 
in unmittelbarer Verbindung, und dadurch wird das Gesicht 
gleichsam ein Spiegel, in welchem wir die Gefühle eines An- 
deren oft selbst dann erblicken können, wenn er sich bemüht, 
sie zu verbergen. Die durch Gefühle veranlassten Reflexbe- 
wegungen oder die Geberden beschränken sich jedoch nicht 
auf die Gesichtsmuskeln, sondern es können fast alle Muskeln 


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•280 


des Körpers daran Theil nehmen, und insbesondere erstrecken 
sie sich auf die Muskeln der Stimme, auf Betonung und De- 
clamation, Seufzen und Schreien, Ausstossen unarticulirter 
Laute und den Ausdruck heim Sprechen und Singen. 

2) In den Ganglien des kleinen Gehirns treffen die durch 
äussere Eindrücke entstandenen Reizungen mit denjenigen zu- 
sammen, welche vom grossen Gehirn aus durch Vorstellungen 
angeregt werden. Von hier aus pflanzen sie sich fort zu der 
Peripherie des kleinen Gehirns, wo wahrscheinlich eine Re- 
flexion derselben geschieht. Die äusserlichen Reizungen wer- 
den dadurch in innerliche Gemüthsbewegungen oder Erre- 
gungen umgewandelt, welche durch wiederholte Reflexion sich 
zu Affecten steigern, und die äusserliche Neigung wird zu 
einem sehr leicht zur Leidenschaft heranwachsendem Interesse. 
Wir haben nicht selten Gelegenheit, den Uebergang äusser- 
licher Reizung in innerliche Erregung au uns selbst und an 
Andern zu beobachten. Wenn Kinder z. B., oder sogar Er-’ 
wachsene sich an einen Gegenstand stossen, so können sie 
dadurch so erregt und zornig werden, dass sie ihren Zorn 
an dem leblosen Gegenstände auslassen : der Stich einer Mücke 
kann einen augenblicklichen Zorn in uns hervorrufen. In wie 
ferne die inneren Erregungen des Gemiiths sich noch weiter 
nach innen fortbewegen, und dadurch höhere Gefühle er- 
wecken, wollen wir dahin gestellt sein lassen: das Entstehen 
der moralischen und religiösen Gefühle ist so dunkel, dass 
es ausserordentlich schwer ist, ihren Ursprung nachzuweisen. 
Gewiss ist es übrigens, dass die sinnlichen und leiblichen 
Gefühle auf unsere Moralität und Gewissenhaftigkeit einen 
sehr bedeutenden Einfluss haben, und dass es schwer ist, 
diesem Einfluss zu widerstehen. Die moralischen Gefühle 
eines Hungrigen sind ganz anders, als die des Gesättigten, 
Störungen der Verdauung, Ueberladung des Magens, Uebel- 
keit, Anhäufung des Blutes im Unterleibe, Leberkrankheit 
u. s. w. können einen sehr störenden Einfluss ausüben auf die 
Gewissenhaftigkeit und Religiosität des Menschen ; es ist z. B. 
eine allgemein bekannte Thatsache, dass die Seekrankheit den 
Menschen gegen alle höheren Interessen in hohem Maasse 


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gleichgültig macht, und eine Abstumpfung des moralischen 
und religiösen Gefühles zur Folge hat. Dasselbe beobachten 
wir in zahlreichen Fällen von Gemüthskrankheit, wo entwe- 
der das krankhafte Vorherrschen eines Gefühles (eine fixe 
Idee des Gemüthes) das Entstehen anderer Gefühle verhin- 
dert,, oder eine Steigerung und ein häufiger Wechsel derselben 
(V erwirrung des Gemüthes) eine Unterdrückung aller höheren 
Gefühle zur Folge hat. 

3) Auf eine ganz eigenthümliehe Weise reflectiren sich 
alle inneren Gemütsbewegungen und sogar stärkere leibliche 
Empfindungen auf das Ilerz, indem sie dessen Bewegungen 
verändern und örtliche Gefühle erzeugen, die von dem Her- 
zen auszugehen scheinen, obgleich sie in der Thnt nur in 
Folge von Reflexbewegungen entstehen. Auf diese besondere 
Beziehung des Gemüthes zum Herzen werden wir später zu- 
rückkommen. 

4) Mehr oder weniger pflanzen sich die Gefühle fort zur 
Intelligenz, werden wahrgenommen und erzeugen ihnen ent- 
sprechende Vorstellungen. Diese Bewegung geht von dem 
Ganglion des kleinen Gehirns aus, und setzt sich durch die 
sogenannten Bindearme oder crura cerebelli ad corpora qua- 
drigemina fort bis zu den Ganglien des grossen Gehirns, von 
wo aus sie einerseits zu den Bewegungsnerven der Sprach- 
werkzeuge und anderer Muskeln fortgehen kann, andrerseits, 
adäquate Vorstellungen erzeugend, zur Peripherie des grossen 
Gehirnes gelangt. Von der Wechselwirkung zwischen Geist 
und Gemüth, Gedanken und Gefühlen, wird später die 
Rede sein. 

5) Die in dem Gemiithe entstehenden Gefühle pflanzen 
sich endlich direct fort zu den Bewegungsnerven des ganzen 
Körpers vermittelst der sogenannten Kleinhirnsehenkel oder 
crura cerebelli ad medullam oblongatam und der Seitenstränge 
des Rückenmarks. Je mehr die Neigung zu dieser reflectir- 
ten Bewegung sich mit den vorhandenen Gefühlen verbindet, 
desto mehr erscheinen sie als Triebe, und desto leichter 
erzeugen sie die entsprechenden Handlungen. Nur bei star- 
kem und plötzlichem Auftreten von Gefühlen, bei heftigen 


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Gemüthsbewegungen, gebt der Trieb unmittelbar in die That 
über; in der Kegel geht eine Wechselwirkung der Gefühle 
und Gedanken vorher, und sowohl das Entstehen der Triebe 
als ihre Ausführung wird durch die Resultate dieser Wech- 
selwirkung bedingt. 

Im Allgemeinen finden wir in der Thätigkeit des Gemü- 
thes denselben Gegensatz centripetaler und zentrifugaler Be- 
wegungen, und dieselben Uebergänge der einen in die andere 
durch reflectirte Bewegung, welche wir in der Geistesthätig- 
keit erkannt haben. Jede Reizung erzeugt eine Neigung, 
jede Erregung ein Interesse, jeder Afl'ect eine Leidenschaft, 
und umgekehrt geschieht dasselbe. Alle passiven Gefühle 
des Gemüthes erzeugen, je nachdem sie angenehmer oder un- 
angenehmer Art sind, die activen Triebe des Verlangens oder 
Abscheues, welche sich in verschiedenen Formen darstellen 
und ein Suchen oder Fliehen zur Folge haben. 

Lassen wir die Triebe nebst den aus ihnen entspringenden 
Handlungen, als der Willensthätigkeit angehöreud, einstweilen 
unberücksichtigt, so beschränkt sich die sichtbare Darstellung 
der Gefühle des Menschen auf die Geberden, welche als 
unmittelbare Reflexbewegungen des Gemüthes zum Vorschein 
kommen. Das Wort Geberde kann in einem engeren und 
weiteren Sinne genommen werden und ich gebrauche dasselbe 
hier (in Ermangelung eines anderen Wortes) im weitesten 
Sinne zur Bezeichnung jedes unmittelbaren Ausdruckes 
eines Gefühles, so dass nicht blos einzelne Muskelbewegun- 
gen, sondern auch die Verbindung mehrerer in dem Beneh- 
men oder Verhalten und in den Sitten des Menschen dazu 
gehören: man kann auch in Beziehung auf das Benehmen 
oder das sittliche Verhalten des Menschen sprachrichtig sagen, 
dass er sich so oder anders geberde. Die Geberden bestehen 
in Muskel- und Körperbewegungen, wodurch ein innerliches 
Gefühl äusserlich dargestellt wird, und unterscheiden sich von 
den aus Trieben oder Zwecken hervorgehenden Handlungen 
dadurch, dass der Mensch bei Letzteren immer eine Verän- 
derung in der Aussenwelt hervorzubringen sucht, welche bei 
den Geberden als blossen Darstellungen innerer Zustände 


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nicht bewirkt oder wenigstens nicht bezweckt wird. Die Ge- 
berden sind die Sprache des Gemüthes, nach aussen reflee- 
tirte Gebilde, wie die Worte nach aussen reflectirte Gedan- 
ken, und die Unterschiede des einfachen Ausdruckes einer 
Empfindung von dem Benehmen und der Sitte gestatten 
sehr wohl eine Vergleichung mit den Unterschieden des 
Wortes, des Satzes und der Periode. Es fehlt uns lei- 
der noch an einer wissenschaftlichen Unterscheidung und 
Deutung der Geberden , wodurch die Erkenntniss der Unter- 
schiede unserer Gefühle wahrscheinlich sehr gefordert werden 
könnte. 

Zu den Geberden gehören: der verschiedene Ausdruck 
des Gesichtes, des Blicks und der Mienen, die Gesticulation, 
die Art des Ganges, die Stellung und Haltung des ganzen 
Körpers und der einzelnen Glieder, das zornige Runzeln der 
Stirn, das freundliche Lächeln des Mundes, das verächtliche 
Nasenrümpfen, das höhnische Ausstrecken der Zunge, das 
ingrimmige Knirschen mit den Zähnen, das drohende Ballen 
der Faust, das übermüthige Aufwerfen der Lippen, das stolze 
Erheben und demüthige Senken des Hauptes, das furchtsame 
Zittern der Glieder, das schreckhafte Sträuben der Haare 
oder Erstarren der Glieder mit geöffnetem Munde, das be- 
dauernde Achselzucken, das verlangende Ausstrecken und das 
abwehrende Zurückziehen der Arme, das liebevolle Umarmen, 
das verächtliche Ausspucken, das bittende Falten und das 
verzweiflungsvolle Ringen der Hände, das verschämte Senken 
der Augenlieder und das trotzige Erheben derselben, das 
schmerzliche Hinabziehen der Mundwinkel, der Stirnbaut und 
Nasenflügel und das freudige Emporziehen derselben u. s. w. 
Ferner gehören dahin alle Modifieationen der Stimme, die 
Betonung der Worte und die Declamation beim Sprechen und 
Singen, das Lachen und Weinen, Seufzen, Stöhnen, Schreien, 
Jammern und Wehklagen, so wie jedes Ausstossen unarticu- 
lirter Laute, das Oh der Verwunderung, das Ach des Schmer- 
zes, das Ha des Erstaunens oder Zornes u. s. w. 

Wenn dergleichen Geberden absichtlich und in Folge eines 
bestimmten Vorsatzes hervorgerufen werden, so sind sie nur 


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Nachahmungen derjenigen Muskelbewegungen, welche unwill- 
kührlieh und bewusstlos aus der Thätigkeit des Gemüthes 
hervorgehen. Es zeigt sieh darin , dass dieselben Muskelbe- 
wegungen sowohl von dem Verstände als von dem Gemüthe 
angeregt, willkührlich und unwillkül irlich vollzogen werden 
können. Die Nachahmung bleibt aber gewöhnlich unvollkom- 
men und mangelhaft, wenn nicht zuvor vermittelst bestimmter 
Vorstellungen dasjenige Gefühl erregt worden ist, dessen un- 
mittelbarer Ausdruck die darzustellende Geberde ist. 

Jede einzelne Geberde ist der Ausdruck eines auf das 
Gemüth gemachten Eindruckes, und das zum Grunde lie- 
gende Gefühl macht den Inhalt der Geberde aus, in analoger 
Weise, wie jedes Wort einen bestimmten Gedanken zum In- 
halte hat. In ihrer Verbindung und Aufeinanderfolge, und 
in ihren Beziehungen oder ihrem Verhältnisse zu den äusseren 
Umständen und Einwirkungen machen die Geberden das B e- 
nehmen oder Verhalten des Menschen aus, welches aus sei- 
nen inneren Gefühlen, seiner Gemüthsstimmung, seinem Muthe, 
seinen Affecten und Leidenschaften hervorgeht. Das Beneh- 
men ist in analoger Weise eine Verbindung von Geberden, wie 
der Satz oder das Urtheil eine Verbindung von Worten und 
wie das Urtheil ein Verhältnis von Dingen zu einander aus- 
spricht, so ist das Benehmen der Ausdruck des subjectiven 
Verhältnisses, in welchem wir zu den Dingen stehen, und des 
Eindruckes, welchen sie auf uns machen. Unser Benehmen 
ist freundlich, zuvorkommend, geduldig, furchtsam, ängstlich, 
verlegen, blöde, schüchtern, kleinmüthig, oder unfreundlich, 
zurückstossend , ungeduldig, verdriesslich , mürrisch, muthig, 
keck, dreist, zudringlich, heftig, ungestüm, trotzig, drohend 
u. 8. w. ; im Allgemeinen offenbart sich darin eine grössere 
oder geringere Erregung des Gemüths von entgegengesetztem 
Character: Interesse oder Gleichgültigkeit, Liebe oder Hass, 
Zorn oder Furcht, Spannung oder Abspannung, Exaltation 
oder Depression. Es ist auch besonders das veränderte Be- 
nehmen des Individuums, sein verändertes Verhalten gegen 
äussere Einwirkungen, eine übermässige Empfänglichkeit für 
äussere Eindrücke und übertriebene Reaction dagegen, oder 


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ein ungewöhnlicher Mangel derselben , Gleichgültigkeit und 
anscheinende Abstumpfung, woran wir das Dasein eines krank- 
haften Gemiithszustandes erkennen. ' 

Das durch moralische oder sittliche Gefühle geleitete Be- 
nehmen nennen wir das sittliche Verhalten oder die 
Sitte, und es offenbart sich darin die höhere Entwicklung 
des Gemüthes, oder die Gesinnung des Menschen. Der 
Gesittete vermeidet insbesondere in seinem Benehmen Alles, 
was Anstoss erregen, die Gefühle Anderer kränken und ver- 
letzen könnte. Er unterwirft daher auch sein eigenes Be- 
nehmen den in seinem Volke und in seiner Zeit herrschenden 
Regeln und Gebräuchen; er wird aber immer um so weniger 
sich irgend eine Unsittlichkeit zu Schulden kommen lassen, 
je mehr die höheren Gefühle seines Gcmüths, Religiosität und 
Gewissenhaftigkeit in ihm ausgebildet sind. Die Sitten eines 
Volkes bestehen in einer gewissen Ordnung des Benehmens 
nach allgemein verbreiteten moralischen Gefühlen und daraus 
hervorgegangenen Gesetzen. Sie sind der Maassstab für die 
moralische Ausbildung desselben, und je niedriger die Stufe 
ist, auf“ welcher ein Volk in dieser Beziehung steht, desto 
mehr ist Unsittlichkeit in ihm vorherrschend. 

Wir sehen also, dass die Geberden im weiteren Sinne des 
Wortes eben so der unmittelbare Ausdruck der Gefühle sind, 
wie die Worte der unmittelbare Ausdruck der Gedanken; 
wir sehen auch hier eentrifugale und eentripetalc Bewegungen, 
einen Eindruck und einen Ausdruck, auf einander folgen und 
sich mit einander verbinden; wir finden in den Gefühlen den 
dreifachen Unterschied der sinnlichen oder leiblichen Gefühle, 
der innerlichen Gefühle oder Gemüthsbewegungen , und der 
höheren oder moralischen Gefühle, welchem in ihrer äusser- 
lichen Darstellung der Unterschied der Geberden im engeren 
Sinne des Wortes, des Benehmens und der Sitte entspricht. 
Das Leben des Gemüthes bietet uns demnach Unterschiede 
und Verhältnisse dar, welche mit denen des geistigen Lebens 
übereinstimmen, und wir müssen in ihm ebenfalls drei ver- 
schiedene Sphären der Thätigkeit unterscheiden, welche sich 
wie drei Entwicklungsstufen der Gefühle zu einander verbal* 


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ten, und als Gemeingefühl, Selbstgefühl und mora- 
lisches Gefühl oder Gewissen bezeichnet werden können. 

1. Gemeingefühl. 

Die von den sensiblen Nerven aufgenommenen Eindrücke 
gelangen in ihrem weiteren Verlaufe zu dem oberen Ende 
des Rückenmarkes und von dort aus verbreiten sie sich ent- 
weder zu den Ganglien des grossen oder zu denen des klei- 
nen Gehirnes, oder nach beiden Seiten zugleich. Demgemäss 
werden sie entweder nur wahrgenommen oder nur empfun- 
den, oder die objective Wahrnehmung verbindet sich mit 
einer gleichzeitigen subjectiven Empfindung. Alle so entste- 
henden Empfindungen gehören dem Gemeingefühle an und 
erscheinen als Vereinigungen einer passiven, centripetalen 
Reizung mit einer activen, centrifugalen Neigung, welche 
letztere bei angenehmen Empfindungen als Zuneigung, bei 
unangenehmen als Abneigung hervortritt. Reizung und 
Neigung zum Essen, zum Trinken, zur Ruhe, zum Schlafen 
z. B. sind in den Empfindungen des Hungers, des Durstes, 
der Müdigkeit und Schläfrigkeit mit einander verbunden. 
Der Complex aller zu derselben Zeit in uns vorhandenen 
Empfindungen macht unser Befinden aus, welches ein Wohl- 
befinden oder Uebelbefinden ist, je nachdem angenehme oder 
unangenehme Empfindungen vorherrschen. 

Dem Gemeingefühle gehören alle leiblichen und sinnlichen 
Empfindungen an, und alle Gefühle, welche sich auf die Be- 
friedigung leiblicher Bedürfnisse beziehen: das von den Ma- 
genncrveu ausgehende Gefühl des Hungers oder der Sätti- 
gung; das von den Schlundnerven ausgehende Gefühl des 
Durstes; das von den sensiblen Nerven der Genitalien aus- 
gehende Gefühl der Wollust; die von den sensiblen Muskel- 
nerven ausgehenden Gefühle der Kraft oder Schwäche, der 
Ermüdung oder Erschöpfung, der Leichtigkeit oder Schwere 
der Glieder; das vielleicht durch den trigeminus vermittelte 
Gefühl von Schläfrigkeit oder Munterkeit; die von den Ge- 
schmacksncrven ausgehenden Geschmacksempfindungen ; die 
von dem Hörnerven und Riechnerven ausgehenden, das Iiö- 


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ren und Riechen begleitenden Gefühle; das wahrscheinlich 
durch das Gangliensystcm vermittelte Gefühl des Wohlseins 
oder Unwohlseins; die von den sensiblen Hautnerven aus- 
gehenden Gefühle der Wärme und Kälte, des Kitzelns, Krib- 
belns, Sehauderns u. s. w. Schmerzen mancherlei Art, Druck, 
Stechen, Brennen, Klopfen, Reissen, Schneiden, Bohren u. s. w. 
können, wie es scheint, mehr oder weniger in allen sensiblen 
Nerven des Körpers empfunden werden. Alle Eindrücke, 
welche durch diese Empfindungen in uns aufgenommen wer- 
den, sind entweder angenehm oder unangenehm, und erzeu- 
gen demnach Lust oder Unlust, Genuss oder Schmerz, 
Wohlbehagen oder Missbehagen, Wohlbefinden oder Uebel- 
befinden; und indem sie sich auf verschiedene motorische 
Nerven reflectiren, werden sie äusserlich dargestellt durch 
Geberden (im engeren Sinne des Wortes), welche als der 
unmittelbare Ausdruck der entsprechenden Empfindungen 
erscheinen. 

In der Regel werden die in uns vorhandenen Empfindun- 
gen von uns wahrgenommen und im Bewusstsein vorgestellt. 
Ausnahmen von dieser Regel sind jedoch nicht selten, und 
es können sich nicht blos unbedeutende leibliche Gefühle, 
sondern erhebliche Krankheitszustände und schmerzhafte Uebel 
der Wahrnehmung entziehen, z. B. Verwundungen während 
eines heftigen Kampfes nicht gefühlt werden. Hier, wie 
überall, wo etwas wahrgenommen werden soll, ist Aufmerk- 
samkeit eine unerlässliche Bedingung des Wahrnehmens, und 
wenn diese fehlt oder ganz und gar auf andere Dinge con- 
centrirt ist, so erfährt der Mensch nichts von seinen eigenen 
Empfindungen. Es ist z. B. von mehreren Gelehrten be- 
kannt, dass sie, in ihre Studien vertieft, die Stunde des Mit- 
tagsessens sehr leicht vergessen konnten: das Gefühl des 
Hungers wird sich ohne Zweifel zur gewohnten Zeit einge- 
stellt haben; die ausschliessliche Richtung der Aufmerksam- 
keit auf die Objecte des Nachdenkens verhinderte seine Wahr- 
nehmung. In anderen Fällen wird diese Wahrnehmung ver- 
hindert durch stärkere Gemüthsbewegungen oder Genniths- 
krankheit. Körperliche Ermüdung, schmerzliche Berührungen 


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und Verletzungen, Hunger und Durst u. 8. w. werden bei 
heftigem Zorn, bei tiefen» Gram und anderen leidenschaftli- 
chen Gemüthsbe wegungen nicht wahrgenommen. In Gemüths- 
krankheiten, sowohl in Fällen von Manie als von Melancholie, 
macht sich oft eine grosse Unempfindlichkeit gegen leibliche 
Eindrücke bemerklick, und was sonst heftigen Schmerz ver- 
ursacht, wird oft gar nicht wahrgenommen (Analgesie der 
Gemüthskranken). Ich will in dieser Beziehung nur das Bei- 
spiel eines Landmannes anfuhren, bei welchem in Folge eines 
sehr langwierigen und hartnäckigen Wechselfiebers ein Ma- 
genkrebs sich ausgebildet hatte, welcher heftige Schmerzen 
und häufiges Erbrechen bewirkte, so dass der Kranke nur 
Milchspeisen vertragen und bei sich behalten konnte. Nach- 
dem dies Unterleibsleideu Jahr und Tag gedauert hatte, ge- 
sellten sich periodische Anfälle von Melancholie hinzu, in 
welchen der Kranke nur mit seinen trüben und schwermüthi- 
gen Gedanken sich beschäftigte, .aber von allen körperlichen 
Schmerzen völlig befreit war, und alle Speisen ohne Unter- 
schied vertragen konnte. Sobald die Melancholie vorüber 
war, kehrten die körperlichen Leiden, Schmerzen und Erbre- 
chen, auf der Stelle zurück. 

Zur Erklärung solcher Vorgänge kann man allerdings eine 
vorübergehend eintretende und wieder verschwindende Un- 
empfindlichkeit der Nerven oder der Nervenenden voraus- 
setzen, so dass gar kein Eindruck aufgenonnnen würde und 
keine Empfindung entstände. Man kann aber auch, und wie 
es mir scheint, mit grösserer Wahrscheinlichkeit annehmen, 
dass die Wirksamkeit des äusseren Nervenkreises durch in- 
nerliche Concentration der Gemüthsbewegungen in derselben 
Weise unterdrückt werde, wie es in Beziehung auf die Sin- 
neswahrnehmungen bei geistiger Vertieftheit der Fall ist. Es 
finden dabei, wie ich glaube, continuirliche ceutripetale und 
centrifugale Bewegungen sowohl innerhalb des kleinen Ge- 
hirnes als zwischen diesem und dem grossen Gehirne in ver- 
stärktem Maasse Statt, und eben dadurch wird das Eindrin- 
gen äusserer Eindrücke in das kleine Gehirn verhindert, so 
dass die in dem äusseren Nervenkreise entstehenden bewusst- 


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losen Empfindungen weder innerlich aufgenommen werden, 
noch ziun Bewusstsein gelangen. 

2. Selbstgefühl. 

Das Selbstgefühl besteht in einem innerlichen Aufnehmen 
der uns zugeführten Empfindungen, oder in der Art und 
Weise, wie wir von den auf uns gemachten Eindrücken affi- 
cirt werden. Seine Thiitigkeit erzeugt den Muth, welcher 
hervorgeht aus der Vereinigung einer passiven, von aussen 
nach innen gerichteten oder centripetalen Erregung, und 
eines activen, nach aussen gerichteten, centrifugalen In- 
teresses, welches, je nachdem die Gefühle angenehmer oder 
unangenehmer Art sind, als eine besondere Vorliebe für 
Etwas oder als ein Widerwille gegen Etwas erscheint. 
Einen höheren Grad der Erregung des Gemüthes nennen wir 
Affect, einen höheren Grad des Interesses Leidenschaft, 
und die dieser Sphäre der Gemüthsthätigkeit angehörenden 
Affecte und Leidenschaften stehen in besonderer Beziehung 
zu dem Herzen, so dass sie sich immer auf dasselbe reflecti- 
ren, veränderte Bewegungen desselben veranlassen und in dem 
Herzen empfunden zu werden scheinen. 

Die Erregungen des Gemüthes oder Gemüthsbewegun- 
gen hängen zunächst von den äusseren Einwirkungen ab, 
indem z. B. schon jeder heftigere körperliche Schmerz eine 
Gemüthsbewegung hervorruft ; grossentheils sind sie aber mehr 
subjectiv als objectiv bedingt und von der individuellen Be- 
schaffenheit oder dem augenblicklichen Zustande des Gemü- 
thes abhängig. Dieselben äusseren Umstände machen einen 
ganz verschiedenen Eindruck, nicht nur auf verschiedene Men- 
schen, sondern auch auf denselben Menschen zu verschiede- 
nen Zeiten, nach- Maassgabe seines augenblicklichen Gemüths- 
zustandes. Man fühlt sich selbst von derselben Sache ganz 
anders affieirt am Morgen als am Abend, und die Gemüths- 
bewegung ist nichts Anderes, als die Art und Weise, wie 
man selbst von irgend etwas affieirt wird. Wie der Mensch 
sich selbst fühlt, so ist ihm zu Muthe, und diesem seinem 

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290 


Selbstgefühle oder Mutlie gemäss verhält er sieh gegen die 
Aussenwelt. 

Der Muth ist gleichsam das Urthcil des Gemüthes über 
seine eigenen Zustände, die Beurtheilung des Verhältnisses 
der eigenen Empfindung zu den äusseren Umständen. Je 
nachdem der Mensch fühlt, dass er den äusseren Umständen 
gewachsen ist oder nicht, dass er ihnen widerstehen kann 
oder von ihnen überwältigt werden wird, ist ihm in Bezie- 
hung auf* die vorhandenen Umstände gut oder schlecht zu 
Muthe, so dass er ihnen muthvoll oder muthlos entgegentritt. 
Durch das eigene Urtheil über sich selbst wird das Gemüth 
ermuthigt oder entmuthigt, und in ähnlicher Weise sind alle 
Gemüthsbewegungen erhebend oder herabstimmend, exaltirend 
oder deprimirend. 

Lust und Unlust erscheinen in dieser Sphäre nicht als 
sinnlicher Genuss und Schmerz, sondern als Freude lind 
Leid, als Heiterkeit oder Traurigkeit, Fröhlichkeit oder Be- 
trübniss, womit sich ein Wohlgefallen oder Missfallen verbin- 
det, welches sowohl die äusseren Dinge als die eigenen Zu- 
stände in uns hervorrufen. Der Coinplex dieser Gefühle oder 
das zu jeder Zeit in uns vorhandene Selbstgefühl gelangt in 
seiner Fortbewegung zum grossen Gehirn als unsere Stim- 
mung oder Gemüthsstimmung zum Bewusstsein. Wir 
sind bald fröhlich und heiter, bald traurig und trübe ge- 
stimmt, vergnügt oder missvergnügt und verdriesslich , aus- 
gelassen oder niedergeschlagen, übermüthig oder kleinmüthig, 
leichtmüthig oder schwermüthig u. s. w. Dabei kommen 
Selbsttäuschungen sehr oft vor, indem wir uns der in uns 
vorhandenen Stimmung gar nicht oder nur undeutlich bewusst 
werden. Solche Täuschungen entstehen gewöhnlich entweder 
durch einen Mangel an Aufmerksamkeit auf die eigene Ge- 
müthsstimmung, woran es namentlich bei exaltirten Zuständen 
oft fehlt, weil sie der Geistcsthätigkeit die Richtung nach 
aussen geben, oder durch eine, mit deprimirten Gemüthszu- 
ständen stets verbundene zu grosse Aufmerksamkeit auf das 
eigene Ich, welche ein unbefangenes Wahrnehmen und Ur- 
theilen verhindert, und die Folgen des inneren Zustandes als 


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Wirkungen äusserer Ursachen erscheinen lässt. Exaltation 
des Geunithes ist der Selbsterkenntnis hinderlich, weil sie 
die ganze Seelenthätigkeit zu sehr nach aussen, Depression 
des Gemiithes, weil sie dieselbe zu sehr nach innen richtet: 
in beiden Fällen wird das natürliche Verhältnis des Ichs zur 
Aussenwelt gestört und dadurch eine Bedingung richtiger 
Selbsterkenntnis aufgehoben. Manchmal schämen wir uns 
auch, uns selbst und Anderen einzugesteheu, dass wir klein- 
müthig, missmüthig, verdriesslich u. s. w. sind, und werden 
dadurch unwillkührlich dazu veranlasst, den in uns selber 
w r ahrgenommenen Zeichen solcher Verstimmungen eine falsche 
Deutung zu geben. 

Nach Maassgabe der vorhandenen Stimmung geben wil- 
den inneren Zustand oder die innere Spannung unseres Ge- 
müthes durch unser Benehmen zu erkennen, wodurch wir 
gleichsam die Meinung unseres Geinüthes aussprechen oder 
ausdrücken, wie uns selber zu Muthe ist. Das Benehmen 
ist eine Reflexbewegung des Selbstgefühles, es besteht in einer 
gewissen Combination und Succession von Geberden, welche 
ein bestimmtes Gefühl oder eine vorhandene Gemüthsstim- 
mung als ihre Bedeutung enthalten. Es steht, wie schon er- 
wähnt worden ist, zu den einzelnen Geberden in einem ana- 
logen Verhältnisse, wie der Satz zu dem Worte; es ist der 
Ausdruck unseres subjectiven Verhältnisses zu der Aussen- 
welt. Wenn wir durch einen Satz aussprechen, wie wir uns 
eine Sache vorstellen, und in demselben behaupten, dass sie 
gut oder schlecht, gross oder klein, wichtig oder unbedeutend 
sei u. s. w., so drücken wir durch unser Benehmen aus, wie 
eine Sache uns afficirt, ob sie für uns wichtig oder unbedeu- 
tend sei, ob sie uns gefallt oder missfällt, ob wir sie billigen 
oder missbilligen, ob sie angenehme oder unangenehme Ge- 
fühle in uns erweckt. In unserem Urtheile und in den Sätzen, 
worin wir es aussprechen, behaupten wir immer etwas von 
irgend einer Sache; in unserem Benehmen suchen wir die 
eigene Stimmung zu behaupten gegen etwas , welches Un- 
freundlich oder feindlich entgegentritt. 

19 * 


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Die Affecte und Leidenschaften, welche dieser 
Sphäre des Gemüthes angehören, werden nicht immer von 
einander unterschieden, und der Sprachgebrauch begünstigt 
ihre Vermengung, insofern jede stärkere Gemüthsbewegung, 
z. B. der Zorn, eine leidenschaftliche Erregung genannt zu 
werden pflegt. Manche Psychologen rechnen die Leidenschaf- 
ten zu den Trieben oder dem Begehrungsvermögen, und sie 
sind allerdings die mächtigsten Triebfedern unseres Thuns. 
Allein alle Triebe haben in den Gefühlen ihre Wurzeln und 
stammen aus dem Gemüthe her ; sie können nur dadurch von 
verwandten Gefühlen unterschieden und als Willensäusserun- 
gen betrachtet werden, dass sie in der Regel erst nach vor- 
hergegangener Wechselwirkung mit dem Denken in der Form 
von bestimmten Trieben auftreten. Wenn ich z. B. eine Nei- 
gung empfinde, zu essen, so fühle ich mich deshalb noch 
nicht dazu getrieben, dieser Neigung zu folgen; ich kann sie 
vielleicht ohne alle Mühe zurückhalten oder unterdrücken. 
Bin ich gerade mit anderen Dingen ernsthaft beschäftigt, so 
kann eine geraume Zeit vergehen, ehe ein Anwachsen der 
Neigung sich bemerklieh macht; je mehr ich dagegen denke, 
dass ich essen müsste, desto stärker tritt die Neigung her- 
vor. Durch wiederholte Reflexion drängt sich das bestimmte 
Gefühl immer stärker dem Bewusstsein auf; es wird immer 
schwerer, dasselbe zu unterdrücken, und die ursprüngliche 
Neigung geht allmählig in einen Trieb über ; sie erscheint als 
ein Bedürfniss, welches gebieterisch seine Befriedigung 
fordert. Die Neigung kann da sein, ohne dass ich es weiss ; 
der Trieb ist immer mit einem Wissen von der Bedeutung 
des Gefühles verbunden. Auf dieselbe Weise, wie die Nei- 
gung ein Bedürfniss wird, geht jede Leidenschaft in eine ver- 
wandte Begierde über, so dass man beide wolil unterscheiden, 
aber keine bestimmte Grenzlinie zwischen ihnen ziehen kann. 
Angeborner Ehrgeiz z. B. , welcher sich durch ein vorherr- 
schendes Interesse für äussere Anerkennung und Ruhm cha- 
racterisirt, geht, wenn ihr nachgegeben wird und der Mensch 
sich in Gedanken viel damit beschäftigt, in Ruhmsucht über, 


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uud diese kann sieh so steigern, dass sie, wie es u. A. bei 
Napoleon der Fall war, den ganzen Menschen beherrscht, alle 
anderen Gefühle unterdrückt und sein ganzes Thun und Trei- 
ben einseitig bestimmt. ,„•**••• 

Jede Leidenschaft enthält das Bestreben, sich geltend zu . 
machen, sich weiter auszubreiten, und sich der Herrschaft zu 
bemeistern über den ganzen Menschen, und wenn ihr nicht im 
Anfänge ernsthaft widerstanden wird, so tritt dieser Erfolg 
häufig ein, wie wir dies in den zahlreichen Fällen sehen, wo 
der Mensch ein Opfer seiner Leidenschaft wird, und .alles 
Bessere und Edlere dadurch zu Grunde geht, z. B. bei Gei- 
zigen, Habsüchtigen, Spiel- oder Trunksüchtigen. In diesen 
Verhältnissen ist jedoch ein doppelter weiser Zweck der Na- 
tur nicht zu verkennen. Einerseits wird der Geist durch die 
Einwirkung der Gefühle dazu aufgefordert und veranlasst, 
mitzuwirken zur Erfüllung der Lebenszwecke und zur Ab- 
wendung alles Dasjenigen, was ihnen störend und hindernd 
in den Weg tritt; andrerseits wird er aber auch durch die 
Kunde, welche er von den Bestrebungen des Gemüthes er- 
hält, in den Stand gesetzt, sie zu beurtheilen und ihnen ent- 
gegen zu wirken, so oft sie im Uebermaass und in fehler- 
hafter Richtung sich geltend machen wollen. Wenn die Triebe 
zur Erfüllung der Lebenszwecke aus dem Gemüthe hervor- 
gehen, so ist der Geist gleichsam als Wächter darüber ein- 
gesetzt, und wenn er sein Amt gehörig verwaltet, sein Urtheil 
unbefangen hält und die ihm verliehene Macht benutzt: so 
ist er im Stande, die Herrschaft über das Gemüth in so weit 
zu behaupten, als es erforderlich ist zur Abwendung aller 
nachtheiligen Folgen, welche aus einer verkehrten Richtung 
der Gefühle hervorgehen könnten. 

Affecte und Leidenschaften verhalten sich so zu einander, 
dass erstere in einem höheren Grade äusserlicher Erregung 
des Gemüthes bestehen, letztere in einem höheren Grade eines 
innerlichen Interesses. Die Affecte sind passive, die Leiden- 
schaften active Steigerungen dar Gemüthsthätigkeit : der Mensch 
wird in Affect gesetzt durch irgend etwas, die Leiden- 
für irgend etwas trägt er in sich selber. Die äusseren 


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•294 


Ursachen, wodurch wir in Affect versetzt werden können, 
sind unendlich mannichfaltig , die Affecte selbst lassen sich 
aber auf sehr wenige Klassen oder Gattungen zurückfuhren, 
da sie nur in gewissen, durch äussere Einwirkung erzeugten 
Veränderungen des Selbstgefühles bestehen, die nur in be- 
stimmten Richtungen erfolgen können, und da sehr verschie- 
dene Einwirkungen dieselben Veränderungen hervorbringen. 
Der Affect des Zornes z. B. kann durch die verschiedenartig- 
sten Ursachen hervorgerufen werden, der Gemüthszustand des 
Zornigen ist aber immer derselbe. Die Leidenschaften hin- 
gegen, denen der Mensch unterworfen ist, sind unendlich 
mannichfaltig, weil jedes Interesse für irgend etwas zur Lei- 
denschaft werden kann. Der Mensch kann eine Leidenschaft 
haben für sinnliche Genüsse aller Art, für Essen und Trin- 
ken, für Spiel und Tanz, für Jagd und Reisen, für Geld und 
Gut, Erwerb und Besitz, Ehre und Ruhm, für jede Wissen- 
schaft und jede Kunst, für jedes Geschäft und jeden Betrieb, 
für Religion und Politik u. s. w. Es giebt aber nicht blos 
Leidenschaften für etwas, sondern auch Leidenschaften wi- 
der etwas: ein gesteigerter Widerwille gegen etwas ist eben 
so gut eine Leidenschaft, als eine gesteigerte Vorliebe für 
etwas. Die bei einigen Menschen vorkommenden Antipathien 
gegen Spinnen, Frösche, Katzen, Mäuse, Kröten u. s. w. sind 
ähnliche Erscheinungen in der Sphäre des Gemeingefühles. 
Sie werden allerdings manchmal affectirt und übertrieben, sind 
aber oft in einer Eigenthümlichkeit der Nerven begründet, 
wie z. B. auch das Heulen der Hunde beim Hören von Musik 
darin begründet ist. Leidenschaftlicher Widerwille gegen ge- 
wisse Beschäftigungen und gegen manche andere Dinge kommt 
häufig vor, und jede leidenschaftliche Vorliebe für etwas, ver- 
bindet sich mit einem entsprechenden Widerwillen gegen Alles, 
was die Befriedigung der Leidenschaft stört, z. B. leiden- 
schaftliche Verliebtheit mit Eifersucht. 

Alle Affecte lassen sich auf zwei Gattungen und vier Arten 
zurückführen: Freude und Leid, Zorn und Furcht; sie 
erscheinen aber in sehr verschiedenen Graden und Modifica- 
tionen, und äussern sich nach Maassgabe der Individualität 


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und der Umstände auf verschiedene Weise. So erscheint die 
Freude als Heiterkeit, Fröhlichkeit, Lustigkeit, Muthwille, 
Ausgelassenheit, Entzücken; das Leiden als Traurigkeit, Nie- 
dergeschlagenheit, Sorge, Kummer, Gram, Verzweiflung; der 
Zorn als Unwille, Verdruss, Aerger (ein unterdrückter, oder 
im Augenblicke des Entstehens in den entgegengesetzten Zu- 
stand der Furcht umschlagender Zorn), Heftigkeit, Wuth, 
Raserei; die Furcht als Verlegenheit, Scheu, Angst, Schrecken, 
Entsetzen. Andere Aflfeete, z. 13. Schaam, Reue, Mitleid, 
Ehrfurcht, Bewunderung, Erstaunen u. s. w. gehören einer 
höheren Sphäre der Gemüthsthätigkeit an, weil sie, obgleich 
das Selbstgefühl dabei in Anspruch genommen wird, doch 
aus höheren oder moralischen Gefühlen entspringen. Die 
innige Verbindung und Wechselwirkung der verschiedenen 
Sphären der Gemüthsthätigkeit macht es ausserordentlich 
schwer, die Unterschiede in den Gefühlen festzustellen und 
festzuhalten, und auch der Sprachgebrauch, ich möchte sagen, 
die mangelhafte Entwicklung der Sprache in dieser Beziehung, 
ist dabei sehr hinderlich. So ist z. B. die Liebe des Guten 
und der Hass des Bösen ein ganz anderes Gefühl, als die 
leidenschaftliche Liebe oder der leidenschaftliche Hass, den 
ein Mensch gegen den anderen empfindet. Die Liebe zum 
Guten, die Liebe zu Gott, die in der Freundschaft zum Vor- 
schein kommende Liebe für einen anderen Menschen sind an- 
derer und höherer Art, als die leidenschaftliche Liebe für 
Personen anderen Geschlechtes oder für andere Dinge, ob- 
gleich der Name derselbe ist. Jedoch vermischt sich die lei- 
denschaftliche Liebe leicht und oft mit jenem höheren und 
reineren, erhebenden und begeisternden Gefühle: der leiden- 
schaftlich Verliebte erblickt nicht nur in dem Gegenstände 
seiner Liebe ein schöneres, höheres und vollkommneres We- 
sen, sondern er wird zugleich durch seine Leidenschaft gleich- 
sam über die gewöhnliche Sphäre der Gefühle erhoben; er 
wird empfänglicher für alles Gute und Schöne, es erwachen 
in ihm höhere moralische Gefühle, er fühlt sich selbst zu 
grossartigen Entschlüssen und zu einem Streben nach höherer 
Vollkommenheit aufgefordert und befähigt. Im Allgemeinen 


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regt jeder Affeet und jede Leidenschaft die höhere Sphäre 
der Gemüthsthätigkeit an, und hat einen merklichen Einfluss 
auf die Moralität des Menschen, so wie auf der anderen Seite 
auch jede Thätigkeit der höheren Sphäre nothwendig auf das 
Selbstgefühl einwirkt, und bald diese, bald jene Veränderung 
desselben hervorruft. 

Das Selbstgefühl oder der davon abhängige Muth zeigt 
sich in zwiefacher Richtung thätig, und man kann diese bei- 
den Richtungen vielleicht am besten als eine subjective 
und objective unterscheiden, indem das Selbstgefühl sich 
einerseits dem Bewusstsein mittheilt, andrerseits das Verhält- 
niss gegen die Aussenwelt bestimmt. So wie wir uns selbst 
fühlen, so ist uns zu Muthe, und so wie unser Muth ist, ver- 
halten wir uns gegen Aeusseres. Es kann demnach auch eine 
Steigerung des Selbstgefühles in beiden Richtungen Statt 
finden, und auf diese Weise entstehen die subjectiven Af- 
fecte der Freude oder des Leides, und die objeetiven 
Affecte des Zornes oder der Furcht. In allen Affecten 
ist das Gemüth nach beiden Richtungen thätig; allein in den 
subjectiven Affecten ist die Beziehung auf sich selber die vor- 
herrschende, in den objeetiven Affecten die Beziehung auf An- 
deres. Freude und Leid haben einen nicht unbedeutenden Ein- 
fluss auf das V erhalten gegen die Aussenwelt, allein die Haupt- 
sache ist dabei, dass der Mensch selbst sich angenehm oder 
unangenehm afficirt fühlt; werden diese Affecte nicht empfun- 
den, so existiren sie gar nicht: ein Leiden, welches der Lei- 
dende nicht empfindet, ist für ihn nicht vorhanden. Zorn und 
Furcht werden zwar ebenfalls empfunden, aber sie verschwin- 
den nicht, wenn sie auch nicht empfunden werden. Der 
Mensch kann in hohem Grade zornig sein, ohne selbst zu 
fühlen, dass er es ist. Dagegen zeigen sich Zorn und Furcht 
stets in dem Verhalten des Menschen, und wenn er bei einer 
Anregung dieser Affecte im Stande ist, jede Aeusserung der- 
selben vollständig zu unterdrücken', so hört er auf, zornig 
oder furchtsam zu sein. Wer ein in ihm entstehendes Ge- 
fühl von Furcht so weit beherrscht, dass er der Gefahr mu- 
thig entgegengeht, von dem wird Niemand sagen, dass er 


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furchtsam sei ; wer hingegen jede Aeusserung eines Leidens 
unterdrücken kann, der hört deshalb nicht auf zu leiden; er 
thut dies aber in demselben Augenblicke, in welchem er sein 
Leiden nicht mehr empfindet: bei den subjectiven Affeeten ist 
die Empfindung, bei den objectiven Affeeten die Aeusserung 
derselben die Hauptsache. 

Ein anderer Unterschied, welchen die Affecte darbieten, 
besteht darin, dass sie auf die gesammte Seelenthätigkeit for- 
dernd oder zurückhaltend, anregend oder hemmend einwir- 
ken. Alle angenehmen Gefühle wirken, wie schon früher er- 
wähnt worden ist, anregend, alle unangenehmen Gefühle hem- 
mend ein, und man kann jene deshalb positive, diese ne- 
gative nennen. Was von allen angenehmen und unangenehmen 
Gefühlen gilt, muss natürlich auch gelten für die subjectiven 
Affecte,! Freude und Leid; allein auch in den Affeeten des 
Zornes und der Furcht finden wir dasselbe Verhältniss und 
denselben Gegensatz. Es giebt demnach zwei positive oder 
anregende Affecte, die subjectiv anregende Freude und der 
objectiv anregende Zorn, und zwei negative oder hemmende 
Affecte, das subjectiv hemmende Leid und die objectiv hem- 
mende Furcht. Alle angenehmen oder unangenehmen Gefühle, 
und eben so Freude und Leid, regen ein Bestreben an, das 
Angenehme zu erhalten oder das Unangenehme abzuwehren, 
und sie gehen über in die Triebe des Verlangens oder 
Ab scheues; Zorn und Furcht veranlassen ein Bestreben, 
entweder sich selbst' zu behaupten gegen Anderes und den 
eigenen Willen durchzusetzen, oder einer äusseren Einwirkung 
und einer drohenden Gefahr sich zu entziehen: sie gehen über 
in die Triebe des Suchens oder Fliehe ns. Der Zornige 
bemüht sich nicht, die Gefahr zu vermeiden, sondern er tritt 
ihr kühn entgegen, er sucht sie auf, er verfolgt seinen Feind, 
er sucht ihn und jedes ihm entgegenstehende Hinderniss zu 
vernichten: der Furchtsame bemüht sich, dtfr Gefahr zu ent- 
gehen, sich vor ihr zurückzuziehen, sich zu verbergen und zu 
verstecken oder dem Feinde zu entfliehen. Vergleichen wir 
diese Wirkungen der Affecte mit einander, so finden wir darin 
dasselbe Verhältniss, wie in den Affeeten selbst: das Verlan- 


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gen ist ein subjectiver, (bis Suchen (die Sucht) ein objectiver 
Trieb, und eben so ist das Verabscheuen eine subjective, das 
Fliehen eine objeetive Erscheinung desselben Triebes: Ver- 
langen und Sucht sind positive oder anregende, Verabscheuen 
und Flucht negative oder hemmende Triebe. 

Die Freude bewirkt ein lebhafteres Zuströmen der Ideen 
und eine grosse Geneigtheit, dieselben auszusprechen und An- 
deren mitzutheilen : der Fröhliche sucht die Gesellschaft, und 
der Mensch kann sich kaum recht freuen über irgend etwas, 
wenn er allein ist. Die Freude bewirkt ferner eine raschere 
Circulation des Blutes, Wärme und Turgescenz der Haut, 
Röthung der Wangen; sie macht die Ideen oder Lebensgei- 
ster oder die electrischen Strömungen rascher in den Nerven 
circuliren, sie erhöht die Leichtigkeit und Beweglichkeit der 
Glieder; sie steigert das Gefühl der Kraft und fördert in jeder 
Beziehung die Thätigkeit ; sie befördert sogar die Verdauung, 
die natürlichen Ausleerungen und die Blutbereitung. Der Zorn 
hat* ähnliche, nur theils stärkere , thcils stürmischere und un- 
regelmässigere Wirkungen. Er ruft heftige und ungestüme 
Bewegungen des Herzens hervor und einen starken Andrang 
des Blutes zum Kopfe; er bewirkt eine grosse Spannung und 
unwillkührliche , fast krampfhafte Bewegungen der Muskeln, 
Ballen der Faust, Runzeln der Stirn, Knirschen mit den Zäh- 
nen, Zittern der Glieder, und zugleich ist das Gefühl der 
eigenen Kraft so gesteigert, dass der Zornige jeden Wider- 
stand überwinden zu können glaubt, und auch den überle- 
gensten, ihm entgegen8tebenden Kräften Trotz bietet. 

Ganz entgegengesetzter Art sind die Wirkungen der ne- 
gativen Affecte. Der Leidende sucht die Einsamkeit und ver- 
meidet die menschliche Gesellschaft; er ist wohl geneigt, 
einem Freunde sein Leid zu klagen, theilt sich aber im All- 
gemeinen ungern mit, und wird im höheren Grade des Lei- 
dens stumm, einsilbig und verschlossen. Es entsteht in ihm 
keine Fülle und Mannichfaltigkeit von Ideen, sondern diesel- 
ben auf das eigene Leiden sich beziehenden Gedanken drän- 
gen sich ihm stets von Neuem auf in grosser Einförmigkeit, 
und er liebt es, sie in sich zu wiederholen und darüber zu 


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brüten. Die Blutcirculation wird unterdrückt oder unregel- 
mässig, der Puls langsam, oder beschleunigt und klein, die 
Extremitäten sind oft kalt, das Gesicht blass und eingefallen. 
Alle Bewegungen geschehen langsamer, schwerfälliger und 
träger, das Gefühl der Kraft ist vermindert, und der Leidende 
fühlt sich oft unfähig zu jeder Arbeit; in den höheren Graden 
ist er geneigt, in völliger Unthätigkeit und Unbeweglichkeit 
seinen schmerzlichen Gefühlen und den damit verbundenen 
Gedanken sich zu überlassen. Auch die Verdauung, die na- 
türlichen Ausleerungen, das Athmen und die Blutbereitung 
werden gestört. Verwandt sind die Wirkungen der Furcht, 
und sie treten, wie die des Zornes, plötzlicher und unregel- 
mässiger hervor ; insbesondere wird die Furcht häufig beglei- 
tet von Kälte und Blässe, von Anhäufung des Blutes im Her- 
zen und in den Lungen, von Zittern der Glieder, Unschlüs- 
sigkeit, innerlicher und äusserlicher Unruhe und von Unsicher- 
heit der Bewegungen. 

Vergleichen wir diese verschiedenen Wirkungen mit ein- 
ander, so ergiebt sich, dass die positiven Affecte der Freude 
und des Zornes alle Bewegungen beschleunigen, die Thätig- 
keit fordern und ihr die Richtung nach aussen geben, wäh- 
rend die negativen Affecte des Leidens und der Furcht die 
Bewegungen hemmen, die Thätigkeit zurückhalten und sie 
nach innen richten: man könnte sie daher auch als active 
und passive Affecte bezeichnen. Wenn die Furcht zu rascher 
Flucht antreibt, so erfolgt diese erst nach vorhergegangener, 
vielleicht schnell vorübergehender, Hemmung der Bewegun- 
gen, und während des schnellen Fliehens wird die Furcht 
weniger oder gar nicht empfunden. Treibt sie gar zu ver- 
zweifeltem Widerstande, so hat sie nicht nur aufgehört, son- 
dern ist in den entgegengesetzten Zustand des Zornes über- 
gegangen. Die positiven Affecte scheinen im Allgemeinen 
expandirend, die negativen contrahirend zu wirken, ana- 
log der Wärme und Kälte, und wie das Thermometer in der 
Wärme steigt und in der Kälte sinkt, so nennt man auch 
das Hinaus- und Ilineindrängen der Affecte eine Erhebung 
oder Senkung, eine Steigerung oder Niederschlagung der 


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300 


Gefühle, eine Exaltation oder Depression des Gcmüths; 
oder man vergleicht die Gefühle mit den Tönen einer höher 
oder niedriger gestimmten Saite und unterscheidet eine Span- 
nung oder Erschlaffung, Uebcrspannung oder Abspannung 
derselben, eine Hinaufstimmung und Herabstimmung oder Ver- 
stimmung des Gemüthes. 

Freude und Zorn sind also exaltirende, die Seelenthä- 
tigkeit vermehrende, Leid und Furcht deprimirende, die 
Seelenthätigkeit vermindernde Affeete, und dass durch sie die 
Hauptrichtungen der Gemütsbewegungen bestimmt werden, 
finden wir auch in den Gemüthskrankheiten bestätigt. Mit 
Ausnahme des angeborenen Blödsinnes und der durch directe 
krankhafte Affection des grossen Gehirns entstehenden Gei- 
stesstörungen sind alle psychischen Krankheiten ursprünglich 
Gemüthskrankheiten, und die dabei auftretenden mannichfal- 
tigen Störungen des geistigen Lebens sind grösstentheils oder 
ausschliesslich Folgen und Wirkungen der zum Grunde lie- 
genden krankhaften Affection der Gemüths. Jede Gemüths- 
krankheit beruht aber auf einer Exaltation oder auf einer 
Depression des Gemüths: im ersteren Falle erscheint sie als 
Manie, verbunden mit allgemeiner Aufregung, Uebermuth 
und übermässiger Thätigkeit; im letzteren Falle erscheint sie 
als Melancholie, verbunden mit Mangel an Thätigkeit, 
Muthlosigkeit und Verstimmung; die Manie ist ein Ausser- 
sich-sein, die Melancholie ein In-sich-gekehrtsein des Seelen- 
lebens; in beiden Fällen ist durch einseitige Richtung des 
Seelenlebens das natürliche Verhältnis des Ichs zur Ausscn- 
welt aufgehoben. In ihren höheren Graden erscheint die 
Manie als eine rastlose, mit unaufhörlichem lauten Sprechen, 
Singen und Schreien und mit Zerstörungstrieb verbimdene 
Tobsucht; die Melancholie als Starrsucht mit völliger 
Unthätigkeit, Sprachlosigkeit und Unbeweglichkeit. In min- 
der hohen Graden, wo die krankhaften Gefühle den Verstand 
und Willen nicht so stark afficirt und überwältigt haben, tre- 
ten sowohl in der Manie, als in der Melancholie zwei, den 
zum Grunde liegenden Affecten entsprechende Hauptformen 
auf. In der Manie herrscht entweder die Freude vor oder 


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301 


der Zorn; der Kranke ist entweder übermässig selbstzufrie- 
den und heiter, fröhlich, lustig, übermüthig und ausgelassen, 
oder er ist heftig und zu übermässigen, kurzer oder länger 
dauernden, häufiger oder seltner wiederkehrenden Zornaus- 
brüchen geneigt. In der Melancholie dagegen ist entweder 
das Leiden vorherrschend oder die Furcht: der Kranke ist 
entweder traurig, niedergeschlagen, muthlos und hofihungslos, 
oder er ist erfüllt von Furcht, von innerer Unruhe und Angst, 
die bis zu völliger Verzweiflung steigen kann. Ungeachtet 
der grossen Mannichfaltigkeit der Krankheitserscheinungen, 
welche theils durch die individuelle Persönlichkeit, theils durch 
vielfache Modifieationen und Niiancirungen der Aflecte, theils 
durch ein häufiges Abwechseln verschiedenartiger Aflecte her- 
vorgebracht werden, kann man doch zu jeder Zeit bei allen 
Gemüthskranken das Vorherrschen eines oder des anderen 
Afleetes leicht erkennen: nur darf man dabei nicht unberück- 
sichtigt lassen, dass einerseits die entgegengesetzten Aflecte, 
Zorn und Furcht, Freude und Leid nicht selten alterniren 
und momentan in einander übergehen, andrerseits ein sub- 
jectiver und ein objectiver Affect gleichzeitig vorherrschen 
können. 

In den verschiedenen Geinüthern entstehen die Aflecte 
mehr oder weniger leicht oder schwer, und der Eine ist zu 
dieser, der Andere zu jener Art von Erregung besonders 
disponirt. Dieser geräth über jede Kleinigkeit in Zorn, Jenen 
kann man auf keine Weise zornig machen; der Eine kennt 
keine Furcht, der Andere fürchtet sich vor Allem; der Eine 
geräth jeden Augenblick ausser sich vor Freude, der Andere 
weiss kaum, was Freude heisst, und wird fast von Allem 
schmerzlich berührt. Auf diese Verschiedenheit des mensch- 
lichen Gemüthes ist, wie mir scheint, die natürliche Ver- 
schiedenheit des Temperaments zurückzuführen, wovon 
in den Lehrbüchern der Psychologie so viel die Rede ist, 
und worüber ihan sich nicht recht einig werden kann. Her- 
kömmlich werden seit den ältesten Zeiten vier Temperamente 
unterschieden, das sanguinische, cholerische, melancholische 
und phlegmatische ; und nach der Galenischen Humoralpatho- 


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302 


logie brachte man diese vier Temperamente mit den vier Ele- 
menten und den, der Voraussetzung nach, damit correspon- 
direnden vier Cardinalsäften des menschlichen Körpers in Zu- 
sammenhang, so dass bei dem sanguinischen Temperamente 
das Blut, bei dem cholerischen die gelbe Galle, bei dem me- 
lancholischen die schwarze Galle, bei dem phlegmatischen der 
Schleim im Körper vorwalten sollte. An diese vier Cardinal- 
säfte und ihre Wirkungen glaubt freilich Niemand mehr, aber 
•auf jene vier Temperamente kommt man immer wieder zurück, 
ohne sich über ihre eigentliche Bedeutung und ihren wesent- 
lichen Unterschied verständigen zu können. 

Wenn man überhaupt auf die Feststellung der verschiede- 
nen Temperamente einen Werth legt, so muss man, wie mich 
dünkt, zwei Gattungen und vier Arten unterscheiden, welche 
letztere in jeder Gattung Vorkommen können. Die beiden 
Gattungen sind das leichtbewegliche reizbare oder irri- 
table, und das schwerbewegliche träge oder phlegma- 
tische Temperament. Bei Beiden ist eine vorherrschende 
Neigung zu einem besonderen Affecte nicht noth wendig; wer 
ein reizbares Gemüth besitzt, kann bisweilen durch gering- 
fügige Veranlassungen eben so leicht in Freude, als in Leid, 
in Zorn oder in Furcht versetzt werden. In den meisten 
Fällen wird das Gemüth aber nicht in allen Richtungen gleich 
leicht oder schwer afficirt, sondern vorzugsweise nur in einer 
oder in zwei Richtungen. Hieraus entstehen dann die vier 
Arten des Temperamentes: das fröhliche oder sanguinische 
Temperament, das leidende oder melancholische, das zor- 
nige oder cholerische, und das ängstliche oder furcht- 
same. Von jener alten Eintheilung der Temperamente weicht 
diese darin ab, dass das phlegmatische Temperament als eine 
besondere Gattung dem irritablen Temperamente gegenüber 
gestellt, und das ängstliche Temperament als eine besondere 
Art hinzugefugt wird. Nach der herkömmlichen Eintheilung 
wird Letzteres zu dem melancholischen Temperamente ge- 
rechnet; Leiden und Furcht, Schwermuth und Angst sind 
aber ganz verschiedenartige Elemente. 

Entgegengesetzte Affecte, Freude und Leid, Zorn und 


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Furcht können mit einander alterniren, aber nicht gleichzeitig 
in demselben Individuum vorherrschen: ein sanguinisch -me- 
lancholisches oder ein cholerisch-ängstliches Temperament kann 
nur in so ferne existiren, als bei einzelnen Individuen die 
Neigung vorhanden sein kann, von einem Extreme zum an- 
dern überzugehen. Wolil aber kann vorherrschende Neigung 
zur Freude und eben so vorherrschende Neigung zum Leiden 
gleichzeitig verbunden sein, sowohl mit Neigung zum Zorne, 
als mit Neigung zur Furcht. Ein sanguinisch - cholerisches 
Temperament kann eben so wohl Vorkommen, als ein sangui- 
nisch-ängstliches; ein melancholisch-cholerisches eben so wohl, 
als ein melancholisch-ängstliches; und alle diese Combinatio- 
nen können sich eben so w’ohl mit einem phlegmatischen Tem- 
peramente verbinden, als mit einem irritablen, wenn sie gleich 
bei ersterem weniger lebhaft und deutlich ausgeprägt er- 
scheinen. 

Affecte und Leidenschaften verhalten sich zu einander, wie 
centripetale und centrifugale Bewegungen; sie stehen in Wech- 
selwirkung mit einander, erregen einander gegenseitig und 
gehen in einander über. Der Affect ruft eine Leidenschaft 
hervor, und diese einen Zustand von Affect, weshalb man 
auch jede stärkere Gemüthsbewegung eine leidenschaftliche 
zu nennen pflegt. Freude und Leid erwecken Verlangen oder 
Abscheu, Triebe, die aus einer leidenschaftlichen Vorliebe für 
etwas, oder aus einem leidenschaftlichen Widerwillen gegen 
etwas hervorgehen. Der Zorn erweckt die Rachsucht, eine 
Leidenschaft, welche sich nach aussen geltend zu machen 
sucht, dazu drängt und treibt, die erlittene Beleidigung zu 
rächen. Die Furcht erweckt ein so leidenschaftliches Verlan- 
gen, sich der wirklichen oder vermeintlichen Gefahr zu ent- 
ziehen, dass dies eine Interesse die ganze Seele beherrscht, 
so dass der von Furcht und Angst Getriebene, um der Ge- 
fahr zu entrinnen, vielleicht einer grösseren Gefahr entgegen- 
eilt und blindlings in sein Verderben rennt. Auf der anderen 
Seite disponirt jede Leidenschaft zu stärkerer Erregung des 
Gemüths, und durch Alles, was mit einer vorhandenen Lei- 
denschaft in Beziehung steht, wird das Gemüth ungewöhnlich 


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afficirt, z. B. bei dem Verliebten durch den Anblick des Ge- 
genstandes seiner Liebe, bei dem Trunksüchtigen durch den 
Anblick geistiger Getränke, bei dem leidenschaftlichen Tänzer 
durch das Hören einer Tanzmusik, bei dem Geizigen und 
Habsüchtigen durch den Anblick des Geldes, oder die Aus- 
sicht auf Gewinn u. s. w. 

Wenn Affecte oder Leidenschaften unbefriedigt bleiben, 
oder die Umstände dazu nöthigen, sie zu unterdrücken, so 
wird dadurch oft eine Steigerung derselben hervorgerufen. 
Diese Steigerung ist wohl grossentheils eine Folge der Wech- 
selwirkung zwischen dem Gemüthe und der Intelligenz ; jedoch 
dürfte vielleicht auch innerhalb der Sphäre des Gemüthes 
selbst eine solche wechselseitige Steigerung Statt finden kön- 
nen, und auf diese Weise z. B. 'der Zorn eine desto stärkere 
Rachsucht erzeugen, je mehr er unterdrückt werden muss, 
oder eine leidenschaftliche Liebe desto schwärmerischer und 
überspannter werden, je mehr jede Aeusserung derselben durch 
die Umstünde verhindert wird. Wenn, wie ich hypothetisch 
voraussetze, alternirende centripetale und centrifugale Bewe- 
gungen innerhalb des kleinen Gehirnes dem Entstehen von 
Affecten und Leidenschaften zum Grunde liegen, und wenn 
diese Bewegungen eine Verwandtschaft mit electrischen Pro- 
cessen hat: so würde der Affect das negative, die Leiden- 
schaft das positive Element repräsentiren, und ihre Wechsel- 
wirkung könnte wohl eine Spannung hervorrufen, welche eine 
ähnliche Spannung in dem Nervensysteme nach sich zöge, 
aber durch Ableitung nach aussen, durch Erzeugung von 
Muskelbewegungen und Handlungen ausgeglichen würde. 
Durch die Vollziehung der entsprechenden Muskelbewegun- 
gen und Handlungen würde gleichsam eine Entladung der 
vorhergehenden Spannung geschehen, das durch diese hervor- 
gerufene Verlangen verschwinden, und das Aufheben der 
Spannung als eine Befriedigung der Leidenschaft empfunden 
werden. Stellt man sich den lebendigen Process der Seelen- 
thätigkeit vor als eine, in verschiedenen relativ selbständigen 
Kreisen vor sich gehende Bewegung von dem Ich zur Aussen- 
welt und von dieser zu dem Ich: so kann man sich denken, 


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dass bei dem Uebergange einer Leidenschaft in entsprechende 
Handlungen die vom kleinen Gehirne ausgehende Strömung 
ganz oder grösstentheils in die Muskeln abgeleitet werde, und 
nur eine schwache Strömung in reflectirter Bewegung zum Ge- 
hirn zurückkehre, oder dass die auf die sensiblen Muskelnerven 
reflectirte Strömung durch diese grösstentheils zum grossen Ge- 
hirn fortgeleitet werde, und die Wahrnehmung der vollzogenen 
Bewegungen bewirke, ohne gleichzeitige stärkere Erregung des 
kleinen Gehirnes und des Gemüthes. Findet hingegen keine Ab- 
leitung auf die Muskeln Statt, so kehrt, der ganze Strom in unge- 
schwächter Stärke zum kleinen Gehirn zurück; er regt die Lei- 
denschaft von Neuem an, es erfolgt eine verstärkte reflectirte 
Bewegung, und auf diese Weise kann die innere Spannung kür- 
zer oder länger fortdauern mit immer wachsender Intensität, bis 
sie vielleicht am Ende wie ein Blitzstrahl nach aussen hervor- 
bricht, und sich in die Muskeln entladet in einer gewaltsamen 
That. Geht die Bewegung von einem Afieete aus, so wäre 
nur der Ausgangspunct ein anderer, der ganze Process bliebe 
derselbe. In beiden Fällen würden die Gefühle um so mehr 
gesteigert werden, je weniger eine Ableitung oder Unter- 
brechung „der vorherrschenden inneren Bewegung Statt fände. 
Eine Aufhebung dieser Bewegung kann aber geschehen theils 
durch die bezeichnete Ableitung des Stromes in die Muskeln, 
theils durch das Entstehen von Gefühlen anderer Art, welche 
entweder direct durch äussere Einwirkungen, oder indirect 
vermittelst des Verstandes und durch Vorstellungen hervor- 
gerufen werden; denn aueh auf diesem Wege lassen sich ange- 
regte Aflecte und Leidenschaften aufheben oder beschwichtigen. 

Die Voraussetzung eines solchen physiologischen Processes 
macht es begreiflich, warum jede Spannung des Gemüthes 
am sichersten und leichtesten durch eine That aufgehoben 
wird ; warum bei jeder stärkeren Gemüthsbcwegung ein in- 
stinctartiger Trieb zu stärkerer Muskelbewegung entsteht, ein 
plötzliches Aufspringen, ein hastiges Auf- und Abgehen im 
Zimmer, Ausstossen von lauten Worten, lebhaften Gesticula- 
tionen, Umherlaufen im Freien u. s. w. ; warum körperliche 
Thätigkeit und Arbeit ein so wichtiges Heilmittel ist gegen 

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Gemüthsverstimmung und Gemüthskrankheit ; warum eine 
lange unterdrückte Gemütsbewegung so oft zidetzt hervor- 
bricht in gewaltsamer That, warum endlich Unterdrückung 
von Zorn, Verdruss und Aerger so oft der Gesundheit scha- 
det, während dieselben Affecte, wenn sie in Scheltworten 
oder Thätlichkeiten sich, wie man zu sagen pflegt, Luft machen, 
eher wohlthätige, als nachtheilige Folgen haben. Bei Melan- 
cholischen führt lange Unterdrückung des inneren Leidens 
oder der inneren Angst, so wie der damit verbundenen und 
stets wiederkehrenden trüben Vorstellungen am Ende nicht 
selten zum Selbstmord oder zur Ermordung anderer Perso- 
nen, am häufigsten der eigenen Kinder. Dergleichen Hand- 
lungen würden seltner verübt werden, wenn solche Kranke 
dazu kämen, die innere Angst und Qual ihres Herzens in 
Worten auszusprechen; denn schon das Sprechen ist ein er- 
leichterndes und ableitendes Thun : bei Melancholischen, welche 
immer davon sprechen, dass sie sich das Leben nehmen wol- 
len, hat man die That selbst in der Regel nicht zu besorgen. 

Der Einfluss der Affecte und Leidenschaften auf die In- 
telligenz ist so bedeutend, dass sic sehr leicht eine grosse 
Herrschaft über die im Bewusstsein entstehenden Vorstellun- 
gen gewinne. Uebermaass oder Unterdrückung starker Ge- 
müthsbewegungen ist nicht selten die Ursache von Gemüths- 
krankheiten, und der dabei andauernd Statt findende exaltirte 
oder deprimirte Gemüthszustand erzeugt durch seine Herr- 
schaft über die Intelligenz entweder Verwirrung der Gedan- 
ken oder fixen Wahn, welche im Anfänge mit dem Aufhören 
der Gemüthserregung verschwinden, bei längerer Dauer jener 
Einwirkung aber auch nach wiederhergestellter Ruhe des Ge- 
miithes als selbständig gewordene Geisteskrankheit fortbeste- 
hen können. Jeder heftige und plötzlich eintretende Affect, 
sei es Freude oder Leid, Zorn oder Furcht, Angst und 
Schrecken, hat eine vorübergehende Verwirrung der Ideen 
zur Folge, welche ihrer kurzen Dauer halber oft nicht beach- 
tet wird, bei sehr heftigen Affecten aber so deutlich hervor- 
tritt und so lange dauert, dass sie nicht unbemerkt bleiben 
kann. Auch in ihren geringeren Graden erzeugen die Affecte 


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stets verwandte, fröhliche, traurige, zornige oder ängstliche 
Vorstellungen, denen der menschliche Geist auch bei deutli- 
cher Anerkennung ihres Ursprunges schwer widersteht. Die 
Leidenschaften scheinen dagegen nur indirect und vermittelst 
der von ilmen erzeugten Affecte eine solche Wirkung auf die 
Geistesthätigkeit auszuüben. Sie können, wie die Meinun- 
gen, Urtheile und Vorsätze, innerlich vorhanden sein, ohne 
zu allen Zeiten äusserlieh liervorzutreten , und der Mensch 
kann manche Leidenschaften in sich tragen, ohne selbst ihr 
Dasein wahrzunehmen und ohne dass sie auf die Geistesthä- 
tigkeit oder die Richtung der Gedanken einen bemerkbaren 
Einfluss äussern. Die Leidenschaften können, wie man zu 
sagen pflegt, in dem Menschen ruhen und schlummern, und 
nur, wenn sie erwachen, wenn sie durch irgend etwas angeregt 
werden und ihrerseits das Gemütli erregen, machen sie ihren 
Einfluss sowohl auf das Denken, als auf das Handeln geltend. 

Nehmen wir an, dass die Affecte und Leidenschaften in 
der Sphäre des kleinen Gehirnes entstehen, so müssen wir 
den Ursprung der Leidenschaften in der Peripherie, den Ur- 
sprung der Affecte in dem Centrum oder in dem Ganglion 
desselben suchen. Letzteres vermittelt die Verbindung des 
kleinen Gehirnes sowohl mit dem grossen Gehirne, als mit 
dem Rückenmark. Aus diesen anatomischen Verhältnissen 
würde sich ergeben, dass Affecte einerseits sowohl von aussen 
her als durch Vorstellungen unmittelbar angeregt werden, 
andererseits sowohl nach aussen , als auf die Vorstellungen 
unmittelbar einwirken könnten. Die Leidenschaften hingegen 
würden weder mit der Aussenwelt, noch mit der Intelligenz 
in unmittelbare Wechselwirkung treten , sondern mir unter 
Mitwirkung des Ganglions oder vermittelst der Erzeugung 
von Erregungen des Gemüthes. 

Durch die von ihr erzeugte Gemüthsbewegung wirkt die 
Leidenschaft sowohl auf den Verstand und die Vorstellungen, 
als auf die motorischen Nerven des Rückenmarkes und die 
Handlungen ein; in welcher Richtung aber die Bewegung 
vorzugsweise fortschreitet, wird durch die Art der Erregung 
bedingt; es hängt davon ab, ob die entstehenden Gefühle ob- 

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jectiv oder subjectiv, positiv oder negativ, activ oder passiv 
sind. Die Leidenschaften selbst sind ebenfalls anregende oder 
hemmende, positive oder negative, anziehende oder abstossende 
Gefühle, und so zeigen sie sich auch in ihren Wirkungen. 
Alle exaltirenden Leidenschaften wirken vorzugsweise nach 
aussen und treiben zur That, alle deprimirendcn Leidenschaf- 
ten wirken vorzugsweise nach innen und treiben zur steten 
Wiederholung einzelner oder verwandter Gedanken. Eine 
exaltirende Leidenschaft kann daher zu einer That führen, 
deren der Mensch erst nach ihrer Vollziehung sich bewusst 
wird, und die er alsdann vielleicht schmerzlich beklagt und 
bitter bereut, z. B. Hass oder Rachsucht zur Verübung eines 
Todschlages. Eine deprimircnde, traurige und niederschla- 
gende Gefühle erweckende Leidenschaft, wie z. B. das Heim- 
weh, kann hingegen unaufhörlich dieselben traurigen und quä- 
lenden Gedanken hervorrufen und zugleich jede andere Tliä- 
tigkeit hemmen und fast unmöglich machen. 

Die Leidenschaften sind mit einem Verlangen oder Abscheu 
verbunden und demzufolge mit dem Suchen oder Fliehen von 
irgend etwas. Sie gehen stets in verwandte Triebe über, und 
sind eigentlich schon der Anfang oder die Grundlage dersel- 
ben. Weil der Mensch in jeder Leidenschaft entweder etwas 
zu erreichen oder zu bewirken, oder etwas zu vermeiden und 
abzuwehren sucht, und weil sie in Begierden übergehen, 
pflegt unsere Sprache sowohl die Leidenschaften selbst, als 
die aus ihnen hervorgehenden Triebe, namentlich die positi- 
ven, zum Suchen von etwas anregenden, als Suchten oder 
Gier den zu bezeichnen, z. B. Habsucht und Habgier, Ehr- 
sucht und Ehrgier, Ruhmsucht und Ruhmgier, Rachsucht oder 
Rachgier, Vergnügungssucht, Neugier, Eifersucht, Zanksucht, 
Streitsucht, Tadelsucht, Sprechsucht, Schreibsucht, Tobsucht, 
Trunksucht, Spielsucht, Spottsucht, Lachsucht u. s. w. In 
der That gehören auch die Leidenschaften zu den Haupttrieb- 
federn der menschlichen Handlungen, obgleich es dem Han- 
delnden selber oft verborgen bleibt, dass er von einer Lei- 
denschaft dazu getrieben worden ist. 

Teleologisch könnte man behaupten, dass die Weisheit des 


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Schöpfers gerade deshalb die Affecte und Leidenschaften dem 
menschlichen Gemüthe eingepflanzt und ihnen eine so grosse 
antreibende und hemmende Macht über den Menschen gege- 
ben habe, weil das Denken allein zu beharrlichem und ener- 
gischem Thun oder zu schleuniger Vermeidung drohender Ge- 
fahr nicht hinreichen würde, wenn es nicht in jenen eine so 
mächtige Stütze fände. Der Mensch soll sich allerdings nicht 
ganz von ihnen beherrschen lassen, sondern er soll und kann 
sie beherrschen durch Vernunft und Gewissen; aber er soll 
sie auch nicht aus sich verbannen, sondern sie benutzen für 
die Zwecke seines Daseins, d. h. zur Selbsterhaltung und 
Vervollkommnung, und zur Erfüllung aller besonderen und 
individuellen vernünftigen Lebenszwecke. Wäre der Mensch 
für Freude und Leid nicht empfänglich, so würde das ganze 
Leben wenig Werth behalten; er würde alsdann auch der 
Mitfreude und des Mitleidens beraubt, und das Band zerris- 
sen sein, was die ganze Menschheit an einander knüpft. Aber 
auch des Zornes und der Furcht kann der Mensch nicht ent- 
behren. Die Furcht bereitet ihn durch Hemmung und Zu- 
rückziehen der Thätigkeit vor zu nachfolgendem raschen Ent- 
fliehen; der Zorn steigert seine Kraft zur Ueberwindung des 
Widerstandes. Ueberlegung und Urtheil würden den Men- 
schen von vielen Gefahren, von vielem Uebel, von vielfacher 
Verlockung zum Bösen nicht zurückhalten, wenn die Furcht 
vor den Folgen nicht zu Hülfe käme, und wenig grosse Tha- 
ten würden vollbracht, wenig Selbstüberwindung ausgeübt 
werden, wenn der Zorn das geistige Wollen nicht unter- 
stützte. So wie irgend eine Schwierigkeit oder irgend ein 
Hinderniss, besonders ein unerwartetes, dem eigenen Wollen 
entgegentritt, gleich regt sich das Gefühl des Zornes, steigert 
das Selbstgefühl, erhöht den Muth und das Vertrauen zu der 
eigenen Kraft, so dass der Mensch mit viel grösserer Ener- 
gie und Ausdauer an’s Werk geht und die grössten Schwie- 
rigkeiten zu überwinden vermag. Insbesondere kann der 
Zorn auch die Selbstvervollkommnung wesentlich fordern; 
denn wenn unser Vorsatz, die an uns wahrgenommenen Män- 
gel und Fehler zu bekämpfen, nicht zu ihrer Beseitigung hin- 


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reicht, dann setzt der Unwille über die eigene Schwäche uns 
oft allein in den Stand, den Sieg über sie davon zu tragen. 
Nicht minder bedeutend ist der wohlthätige Einfluss vieler 
Leidenschaften: unendlich Vieles würde der Mensch weder 
erreichen, noch leisten, wenn nicht der Ehrgeiz ihn dazu 
triebe, und gäbe es keine Neugier, so würde es auch keine 
Begierde zum Wissen geben, und die Wissenschaften würden 
nur sehr langsame Fortschritte machen. 

So wie der Verstand in der Mitte steht zwischen der 
sinnlichen und vernünftigen Geistesthätigkeit, eben so bildet 
die Sphäre des Selbstgefühles mit ihren Aflecten und Leiden- 
schaften den Mittelpunct der Gemüthsthätigkeit. Sinnliche 
und leibliche Empfindungen müssen erst das Gemüth affici- 
ren, und eine innere Bewegung hervorrufen, wenn sie auf 
die Vorstellungen oder auf die moralischen Gefühle einen Ein- 
fluss ausüben sollen. Körperliche Schmerzen stören die Ver- 
standesthätigkeit nicht, wenn sie von keiner Gemüthsverstim- 
mung begleitet werden; Uebelkeit oder Schmerzen in den 
Eingeweiden, welche das Gemüth afficiren und verstimmen, 
verändern sowohl unsere Gedanken, als unsere moralischen 
Gefühle. So wie die Vernunft nur vermittelst des Verstan- 
des Gedanken producirt; wie in deitl Selbstbewusstsein nur 
erscheint, was vermittelst des Verstandes im Bewusstsein 
vorgestellt wird: eben so erzeugt das Gewissen die ihm eigen- 
tümlichen Gefühle nur vermittelst des Selbstgefühles; alle 
moralischen Gefühle erscheinen als Veränderungen desselben, 
in der Form von Aflecten, z. B. als Mitfreude oder Mitleid, 
als Reue, als religiöse Erhebung oder Enthusiasmus, und nur 
durch die Erregung solcher Gefühle ist das Gewissen im 
Stande, auf die Intelligenz einzuwirken, die Vorstellungen und 
Urtheile des Verstandes zu verändern und zu bestimmen. 

3. Moralisches Gefühl oder Gewissen. 

Das moralische Gefühl beruht auf dem Glauben (Fröm- 
migkeit, Religiosität), in welchem sich die passive, centripe- 
tale Rührung (Ergreifung des Gemüthes, Mitgefühl, Mit- 
leiden) mit der activen, centrifugalen Liebe vereinigt. Die 


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Rührung des Gemüthes erweckt Theilnahme und Liebe, und 
zwar in desto grösserem Maasse, je mehr das Gcmüth von 
Rührung ergriffen wurde. Gelingt es uns, einen Anderen zu 
rühren, so können wir seine Liebe leicht erwerben. Dem 
Leidenden wendet sich unsere ganze Liebe vorzugsweise zu; 
hülfsbedürftige Geschöpfe, neugeborene Thiere, zarte Pflanzen 
und Blumen, die der Pflege bedürfen, betrachten wir mit einem 
Gefühl von Liebe, und ein krankes und leidendes Kind wird 
von der Mutter fast immer am meisten geliebt. Auf der an- 
aleren Seite wird die Rührung erweckt durch Liebe; an dem 
Schicksale derer, die wir mit Liebe umfassen, nehmen wir 
den innigsten Antheil; durch Alles, was sie erfahren, was sie 
sagen, thun oder leiden, werden wir auf ganz andere Weise 
gerührt und ergriffen, zur Mitfreude oder zum Mitleiden auf- 
gefordert, als durch das Schicksal, das Thun und Leiden frem- 
der, uns gleichgültiger Personen. Mit der Liebe verbindet sich 
aber der Glaube und das Vertrauen, und wir sind stets geneigt, 
Demjenigen zu glauben, dem es gelingt, unser Herz zu rühren. 

Die Rührung ist eine durch äussere Einwirkungen oder 
durch bestimmte Vorstellungen erweckte Gemüthsbewegung; 
sie ist eine Reizung oder Erregung des Gemüthes, aber offen- 
bar von anderer und höherer Art, tiefe^ eindringend in das 
Innerste des menschlichen Gemüthes. Sie ist in ihren höhe- 
ren Graden ein innerlicher Affect, aber doch etwas ganz 
Anderes, als die eigentlichen Affecte des Selbstgefühls. Wer 
leicht gerührt wird, der wird auch auf andere Weise leicht 
afficirt, aber es wird nicht umgekehrt auch Jeder leicht ge- 
rührt, der leicht in Affect geräth; die Entwicklung des Selbst- 
gefühles ist Bedingung und Grundlage für die Entwicklung 
des moralischen Gefühles, aber die letztere nicht nothwendig 
an die Entwicklung des Selbstgefühles geknüpft. Auf der 
anderen Seite ist die Liebe von der Neigung und dem In- 
teresse oder der Leidenschaft wesentlich verschieden, aber 
doch dasselbe, was diese sind. Sie ist eine Neigung und ein 
Interesse höherer Art, aber doch nur eine andere Form des- 
selben Gefühles; und wie jene Gefühle in den Gegensätzen 
der Zuneigung oder der Abneigung, des Interesses oder Wider- 


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willens erscheinen, so erscheint sie in den Gegensätzen von 
Liebe und Hass (Sympathie und Antipathie). Das Interesse 
ist die Grundlage der Liebe; wir lieben nicht, was uns nicht 
interessirt, und das Interesse für Andere, z. B. für Landsleute, 
für Verwandte, für Unglücksgefährten geht sehr leicht in 
Liebe über; allein wir können uns für viele Personen und 
für viele Dinge interessiren, ohne sie zu lieben, und es muss 
auch hier das Interesse gleichsam tiefer hineindringen in das 
Innerste des Gemüthes, wenn es sich in Liebe verwandeln soll. 

Die Liebe ist die höchste und freieste, aus der innersten 
Tiefe hervorgebende Selbstthätigkeit des Gemüthes, wie das 
Nachdenken die freie Selbstthätigkeit des Geistes. Sie erweckt 
die Sehnsucht nach ihrer Befriedigung, und sie wird nur da- 
durch befriedigt, dass sie das Wohl und das Glück Derjeni- 
gen fordert, welchen sie sich zuwendet. In ihrer freien und 
vollendeten Gestalt will sie nichts für sich, aber sie ist eine 
unerschöpfliche und unversiegbare Quelle einer unermüdlichen 
Thätigkeit für das Wohl Andrer. Die Anerkennung dieser 
Wahrheit wird auch ausgesprochen in dem Satze: Gott ist 
die Liebe, welcher eine der wesentlichsten Satzungen des 
christlichen Glaubens ausmacht. Das Gewissen ist die Ver- 
nunft des Gemüths,.der Glaube sein Schliessen, die Rührung 
sein Begreifen. Nur ist bei diesem Vergleichen zu berück- 
sichtigen, dass Geist und Gemüth sich wie ein Actives und 
Passives zu einander verhalten, dass der Glaube nicht, wie 
der Schluss, durch ein eigenes Thun hervorgebracht wird, 
sondern auf umgekehrtem Wege in dem Gemüthe hervorge- 
rufen wird, dass die Vernunft begreift, das Gewissen hinge- 
gen ergriffen wird. Wenn die Vernunft in die Tiefe der 
Sache eindringt, sie erforscht, ergründet und begreifend er- 
schliesst, so erschliesst das Gewissen dagegen dem Menschen 
seine eigene höhere Natur, und in eine höhere, übersinnliche 
Welt ihn erhebend, verwandelt es das egoistische Selbstgefühl 
in Detnuth, in das Gefühl der Abhängigkeit von Gott, dessen 
Heiligkeit und Liebe er in seinem eigenen Herzen wiederfin- 
det, imd dessen Allmacht und Weisheit er mit freudiger Zu- 
versicht seine eigenen Gedanken und Gefühle unterordnet. 


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In der Sphäre des Gewissens erhalten alle Gefühle einen 
anderen Charaeter; die Lust und Unlust, welche in der Sphäre 
des Gemeingefühls als Genuss und Schmerz, in der Sphäre 
des Selbstgefühles als Freude und Leid auftritt, erscheint 
hier als Gefühl von Zufriedenheit oder Unzufrieden- 
heit, von innerer Ruhe oder Unruhe, Seligkeit oder Unselig- 
keit, innerem Frieden oder innerem Zwiespalt und Reue. 
Hoffnung oder Besorgniss, Vertrauen oder Misstrauen erfül- 
len die Brust, Mitleid und Mitfreude schliessen den Einzelnen 
mit der ganzen Menschheit zusammen. Die Gewissenhaftig- 
keit des Menschen offenbart sich innerlich in seiner Gesin- 
nung, dem Inbegriff der individuellen menschlichen Gefühle, 
dem eigentlichen Ich des menschlichen Gemüthes; äusserlich 
stellt sie sich dar in dem sittlichen Verhalten, in der Sitte, 
worin sowohl die individuelle Gewissenhaftigkeit, als die mo- 
ralische Ausbildung eines ganzen Volks zum Vorschein kommt. 

Diejenigen Veränderungen der Gefühle, welche wir in der 
Sphäre des Selbstgefühles als eine Exaltation oder Depression 
des Gemüthes bezeichnen, wiederholen sich in dieser Sphäre 
als eine Erhebung oder ein Ilinabsinken, eine Vernich- 
tung desselben. Das Bewusstsein der unter schwierigen Um- 
ständen erfüllten Pflicht, das Ueberwinden einer schweren 
Versuchung, ein inbrünstiges Gebet und ein das Gemüth er- 
greifender Gottesdienst, grosse und unerwartete Beweise von 
Liebe, die wir erfahren, die Einwirkung der Poesie oder einer 
anderen Kunst und überhaupt alles Schönen und Guten kann 
unser Gemüth in einen solchen Zustand versetzen, dass wir 
uns erhoben fühlen über das irdische Dasein und die irdische 
Bedürftigkeit, dass wir uns gleichsam vereint fühlen mit Gott 
und von seinem heiligen Geiste erfüllt und durchdrungen. 
Das Gcgentheil dieses erhebenden und beseligenden Gefühles 
ist das Gefühl der Vernichtung, welches nach schwerer Ver- 
sündigigung eintritt, und worin der Mensch sich so tief ge- 
sunken wähnt, dass ein Wiedererheben ihm unmöglich er- 
scheint. Er möchte alsdann vergehen vor Sehaam, oder in 
dem tiefsten Abgrunde sich verbergen vor den Augen An- 
derer; es ist ihm, als sei er verlassen von Gott, ausgestossen 


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aus der menschlichen Gesellschaft, unfähig geworden für immer 
zur Theilnahme an dem Guten und Schönen, an der Liebe 
Gottes und der Menschen. Ein ähnliches vernichtendes Ge- 
fühl kann entstehen durch schweres, die innerste Tiefe des 
Gemüthes treffendes Missgeschick, insbesondere durch den 
Tod oder die Untreue einer geliebten Person, an welcher der 
Mensch so sehr mit ganzer Seele hing, dass er nur in ihrem 
Sein sein ganzes Dasein hatte; denn so ist das Wesen der 
Liebe, dass sie sich selber ganz und gar hingiebt, dass sie 
hinausgeht aus sich und in einem Anderen lebt, dass sie das 
eigne Ich und allen Egoismus aufopfernd sich selber wieder- 
findet in einem Anderen. Wer so liebt mit der höchsten und 
innigsten Liebe, deren der Mensch fähig ist, und nun des 
Gegenstandes seiner Liebe plötzlich sich beraubt sieht, der 
fühlt sein eigenes Dasein vernichtet; er fühlt eine Leere in 
seinem Innern, die nicht wieder ausgefüllt werden kann : freu- 
denleer und hoffnungslos liegt die Zukunft vor ihm, wie eine 
öde Wüste, in welcher er einsam und verlassen sein Leben 
zubringen müsse. Es sind manche Beispiele vorgekommen, 
dass Menschen unter solchen Umständen hingeschwunden 
sind, wie ein Schatten, dass sie ohne Hinzukommen einer 
besonderen Krankheit gestorben sind, wie man zu sagen pflegt, 
an einem gebrochenen Herzen. 

Mit den Affecten der Freude und des Zornes, des Lei- 
dens und der Angst lassen sich die in dieser Sphäre vor- 
kommenden erhebenden Gefühle der Freudigkeit und Zuver- 
sicht, und die vernichtenden Gefühle der Hoffnungslosigkeit 
und Reue vergleichen; mit den Leidenschaften der Enthu- 
siasmus, der wie die Leidenschaft immer eine besondere 
Richtung hat, und nur existirt als ein Enthusiasmus für irgend 
etwas. Einen Enthusiasmus für sinnliche Genüsse, für Spiel 
und Tanz und Jagd, für Erwerb und Besitz, für Ehre und 
Ruhm u. dgl. giebt es nicht, aber für alles Höhere kann er 
bei dem Menschen Vorkommen, namentlich für jede Kunst 
und Wissenschaft, für die Religion, für das Wohl Anderer 
und alles Gute, für jede Verschönerung, für jede weitere Ent- 
wicklung und Vervollkommnung, sowohl seiner selbst, als der 


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315 


ganzen Menschheit in irgend einer Beziehung. So wie die 
Leidenschaft zu Affecten disponirt, eben so disponirt der 
Enthusiasmus zur Erhebung des Gemüthes: er erfüllt den 
Menschen mit Freudigkeit und Zuversicht; er belebt die Gei- 
stesthätigkeit und erweckt Begeisterung; er treibt zu den 
kühnsten und grossartigsten Entschlüssen, und befähigt durch 
erhöhte Thatkraft zu ihrer Ausführung. Vieles Grosse, was 
geschehen ist in Kunst und Wissenschaft und im Leben, wäre 
nicht geschehen ohne Enthusiasmus und durch ihn erweckte 
Begeisterung. Der Enthusiasmus hat auch das mit der Lei- 
denschaft gemein, dass er der Herrschaft und Leitung der 
Vernunft bedarf, indem er, sich selbst überlassen, leicht auf 
Abwege geräth, und namentlich durch einseitige Uebertrei- 
bung eben so nachtheilige Folgen herbeifuhren kann, wie er, 
gehörig geleitet und in Schranken gehalten, dem Wohle des 
Einzelnen und dem Gemeinwohle nützlich und forderlich ist. 

Nur vermittelst des Selbstgefühles erhebt sich die sinn- 
liche und leibliche Empfindung zu höheren und übersinnlichen 
Gefühlen: wo kein Muth ist, da ist auch kein Vertrauen und 
kein lebendiger Glaube; ohne vorhergehendes Interesse ent- 
steht keine Liebe; ohne Erregung des Gemüthes keine Rüh- 
rung. Das Selbstgefühl ist immer das Vermittelnde zwischen 
dem Gemeingefühle und dem Gewissen. Sinnliche und leib- 
liche Empfindungen können in grosser Zahl entstehen, auch 
der Muth kann vielfach angeregt werden, ohne das Gewissen 
zu berühren; aber keine Rührung des Gewissens kommt zu 
Stande ohne Erregung des Selbstgefühles und ohne sich zu- 
gleich auf das Herz zu reflectiren.» Das moralische Gefühl 
enthält also gleichsam die leiblichen Gefühle und das Selbst- 
gefühl in sich aufgehoben, und in allen Sphären des Gemiiths- 
lebens erscheinen dieselben Gefühle nur in verschiedenen 
Graden der Entwicklung. Aechte Gewissenhaftigkeit lässt 
auch untergeordneten Gefühlen ihr Recht widerfahren, und 
eine ascetische Moral, welche alle Lust und Fröhlichkeit aus 
der Welt verbannen möchte, ist eben so unnatürlich, wie die 
Vernunft selber unverständig und widersinnig wird, wenn sie 
Verstand und Sinn verachtet. 


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316 


Zusammenhang des Gemüthes mit den verschie- 
denen Organen des Körpers. 

Die Verbindung des Gemüthes mit den verschiedenen leib- 
lichen Organen ist so eigentümlich , dass sie nicht ganz 
übergangen werden kann. Geist und Gemüth stehen durch- 
aus nicht in gleiehmässiger Beziehung zu den verschiedenen 
Organen des Körpers. Im Allgemeinen steheu die Sinnes- 
organe und die äusseren Gliedmassen in einer weit näheren 
Beziehung zur Intelligenz ; die Eingeweide der Brust und des 
Unterleibes und die Gesichtsmuskeln in einer näheren Bezie- 
hung zu dem Gemüthe. Was in den Gliedmassen vor sich 
geht, wird deutlich wahrgenommen, aber das Gemüth nicht 
besonders davon afticirt; was in den Eingeweiden vor sich 
geht, äussert eine grosse Einwirkung auf das Gemüth, wird 
aber undeutlich oder gar nicht wahrgenommen. Vieles, was 
in den Eingeweiden vorgeht, empfinden wir, ohne etwas da- 
von zu wissen, und ohne mit Bestimmtheit den Ort angeben 
zu können, von welchem die Empfindung ausgeht. Wir ha- 
ben oft ein Gefühl von Unwohlsein, sogar ein bestimmtes 
Krankheitsgefühl, ohne zu wissen, was uns fehlt oder woher 
die vorhandenen Gefühle stammen. Viele innerliche leibliche 
Vorgänge gelangen nur vermittelst der Gefühle zum Bewusst- 
sein, und von innerlichen Krankheitszuständen erfahren wir 
oft gar nichts, so lange sie keine schmerzlichen Gefühle er- 
wecken. Auf der anderen Seite kommt fast kein erheblicher 
Krankheitszustand vor, der sich nicht durch unangenehme, 
schmerzliche und beunruhigende Gefühle ankündigte, während 
manche und zum Theil sehr ernste und bedeutende Krank- 
heiten die Intelligenz direct nicht im mindesten afficiren. Die 
bei körperlichen Krankheiten vorkommenden Störungen des 
Denkens entstehen meistentheils durch vorhergehende Störun- 
gen des Gemüthes und Einwirkung der Gefühle auf die In- 
telligenz : selbst Fieberkranke deliriren nicht leicht bei ruhigem 
Gemüthe, und grossentheils haben die Fieberdelirien in der 
mit dem Fieber verbundenen Störung des Gemüthes ihren 
eigentlichen Ursprung. 


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Die heftigsten Schmerzen in den Extremitäten sind nicht 
so unerträglich, als ein unserem Bewusstsein geringfügig er- 
scheinender Schmerz in den Eingeweiden es sein kann ; krank- 
hafte Zustände und Desorganisationen äusserlicher Theile, 
Wunden, Abscesse, Geschwüre u. s. w. bringen selten eine 
bedeutende Gemüthsverstimmung hervor; geringfügige und 
vorübergehende Affectionen der Eingeweide, Indigestion, 
Uebelkeit, Flatulenz, Magendrücken, leichte Kolikanfalle wer- 
den fast immer davon begleitet. Die motorischen Nerven der 
Glieder sind dem grossen Gehirne und dem Verstände so 
untergeordnet, dass sie dem leisesten Winke desselben gehor- 
chen; auf die Bewegungen des Herzens und der Eingeweide 
hat das Denken und der bewusste Vorsatz direct nicht den 
mindesten Einfluss. Dagegen entsteht bei jeder Gemüths- 
bewegung eine Mitbewegung des Herzens, und auf die Ver- 
dauung, auf die Bewegungen des Darmkanals und der Geni- 
talien, auf die Secretion der Leber, Nieren und Haut äussern 
die Gemüthsbewegungen ebenfalls eine sehr bedeutende Ein- 
wirkung. 

Das Gemüth steht in einer eigenthümlichen Beziehung zu 
den Gesichtsmuskeln, deren Spiel bei lebhaften Gemüthern 
auch die leiseste Gemüthsbewegung begleitet, so dass wir 
jede momentane Veränderung der Gemüthsstimmung an einer 
gleichzeitigen Veränderung des Blickes und der Mienen er- 
kennen können. An einer wissenschaftlichen Physiognomik 
fehlt es uns noch ganz; die Physiognomik von La vater ent- 
hält manche geistreiche Deutungen einzelner Physiognomien, 
aber nicht einmal einen Versuch einer wissenschaftlichen Be- 
gründung derselben. In einer Abhandlung über die Bedeu- 
tung der Muskelbewegungen von Sarlandiere (Behrend 
Journalistik des Auslandes Jahrg. 1. Heft 10. Oct. 1830. 
S. 72) findet sich die richtige Bemerkung, dass alle freudigen 
und erhebenden Gefühle ein Ilinaufziehen zur Folge hätten: 
ein Erheben des Kopfes, Emporziehen und Glätten der Stirn- 
haut, Hinaufziehen der Mundwinkel und Nasenflügel, Erheben 
der Augen und Augenlieder; während alle traurigen und nie- 
derschlagenden Gefühle das Gegentheil bewirken: Senken des 


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Kopfes, der Augen und Augenlieder, Hinabziehen und Run- 
zeln der Stirnhaut, Hinabziehen der Mundwinkel und Nasen- 
flügel. Der Ausdruck des Auges hängt, wie Wollaston 
gezeigt hat, viel weniger, als man gewöhnlich glaubt, von 
dem Glanze und der Wölbung des Augapfels oder von in- 
neren Veränderungen des Auges ab, wie von der Stellung 
und Bewegung der Augenlieder und Gesichtsmuskeln: des 
corrugator supercil., frontalis, levator palpebrae sup., orbicu- 
laris u. s. w. Fast alle Bewegungen der Muskeln, welche den 
Gesichtsausdruck bestimmen, werden vermittelst des siebenten 
Nervenpaares , des Antlitznerven oder facialis (dem Nerven 
des Ausdrucks nach C. Bell) vollzogen, welcher auch die 
Bewegungen der Lippen bei der Articulation der Worte und 
beim Singen leitet. Er scheint hauptsächlich von dem klei- 
nen Gehirn oder dem crus cerebelli ad medullam oblongatam 
zu entspringen. Die reflectirten Bewegungen kehren wahr- 
scheinlich durch Aeste des 5ten Nervenpaares zurück, mit 
denen der Antlitznerv sich im Gesichte in zahlreichen Plexus 
verbindet, und welcher sich ebenfalls grossentheils mit dem 
kleinen Gehirn vereinigt. 

Von den Veränderungen unserer Gesichtszüge wissen wir 
verliältnissmässig wenig; sie gelangen nicht so, wie die Be- 
wegungen der Glieder zum Bewusstsein. Die eigene Wahr- 
nehmung des Gesichtsausdruckes ist so unvollständig, dass 
wir uns keine ganz deutliche Vorstellung davon machen kön- 
nen und uns sehr leicht darüber täuschen, dass wir z. B. 
traurig oder verdriesslich ausschen, ohne es selbst zu glau- 
ben. In Beziehung auf die Stellung und die Bewegungen 
der Glieder kommen solche Täuschungen gar nicht vor. Wir 
können auch nicht diesen oder jenen Gesichtsausdruck durch 
den blossen Vorsatz direct hervorbringen, sondern wir müs- 
sen, wenn wir dies wollen, zuerst vermittelst der Vorstellun- 
gen das entsprechende Gefühl in uns hervorrufen, dann folgt 
der gewollte Ausdruck von selbst. Wollen wir z. B. zornig 
oder lustig erscheinen, ohne es zu sein, so können wir An- 
dere nur täuschen, wenn wir durch den Vorsatz oder durch 
bestimmte Vorstellungen das Getuhl des Zornes oder der 


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Freude in uns selbst anregen; gelingt dies nicht, oder wol- 
len wir blos vermittelst des Verstandes die Geberden nach- 
ahmen, so sieht Jeder sogleich die Verstellung. Die Kunst 
des Schauspielers beruht deshalb nicht blos auf der richtigen 
Auffassung seiner Rolle und der Herrschaft über seine Stimme 
und Bewegungen; sondern darauf, dass er sich ganz in die 
Rolle hineinversetzen kann, und dass jedes Gefühl, was er 
ausdrücken soll, in ihm selber entsteht. Fehlt seinem Ge- 
miitke die dazu nöthige Empfänglichkeit und Beweglichkeit, 
kann er nur mit dem Verstände den Ausdruck der Gefühle 
nachahmen, so wird sein Spiel unbeholfen, unnatürlich, rnani- 
rirt, und in der Regel kommen alsdann Uebertreibungen zum 
Vorschein, wodurch der Verstand den Mangel des leitenden 
Gefühles zu verstecken sucht. 

Auf der anderen Seite reflcetiren sich der Gesichtsaus- 
druck und die Geberden auf das Gemütk, und regen ent- 
sprechende Gefühle an. Wenn wir uns z. B. zornig stellen, 
so entsteht um so leichter ein wirkliches Gefühl von Zorn in 
uns, je länger wir es thun. Unterdrückt man bei einem in- 
nerlich entstehenden Zorn sogleich jede Auesserung dessel- 
ben, so pflegt auch das Gefühl des Zornes bald zu verschwin- 
den; giebt man ihm nach, so steigert sich der Zorn durch 
seine Aeusserungen mehr und mehr, und kann am Ende viel- 
leicht nur durch gewaltsame Handlungen ausgeglichen werden. 
Wenn wir es versuchen, die uns bekannten Geberden des 
Zornes direct durch unsern Willen nachzuahmen, wenn wir 
die Stirn runzeln, die Zähne fest zusammen beissen, die Faust 
ballen, so dass diese Bewegungen ohne ein vorhergehendes 
Gefühl von Zorn ausgeführt werden: so können wir deutlich 
bemerken, dass ein innerliches Gefühl von Zorn nachfolgt 
und durch jene Bewegungen in uns hervorgerufen wird. 
Wenn ein Trauriger und Leidender in einer fröhlichen Ge- 
sellschaft heiter zu erscheinen sucht, so wird er oft allmählig 
heiter und fröhlich, ehe er sich dessen versieht, und man kann 
sich von manchen unangenehmen und schmerzlichen Gefühlen 
dadurch befreien, dass man sich beharrlich so geberdet, als 
seien sie nicht vorhanden. Wer sich so in seiner Gewalt hat, 


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dass er dies consequent durchführen kann, der kann sich da- 
durch in manchen Fällen von krankhafter Hypochondrie und 
Melancholie befreien; es giebt aber nur wenige Menschen, 
welche eine solche Herrschaft über sich besitzen, und je mehr 
man seinen Gefühlen nachgiebt, desto mehr pflegen sie sich 
zu steigern. So wie also jedes Gefühl eine bestimmte Ge- 
berde hervorruft, eben so regt diese ihrerseits das ihr ent- 
sprechende Gefühl an; auch hier folgen die correspondirenden 
centrifugalen und centripetalen Bewegungen auf einander, re- 
gen sich gegenseitig an, und schliessen in einem untergeord- 
neten Kreise zusammen, indem sie wahrscheinlich von dem 
Ganglion des kleinen Gehirnes aus durch die Kleinhirnschen- 
kel zu den motorischen Nerven hinausgehen, und durch die 
correspondirenden sensiblen Nerven nach demselben Orte zu- 
rückkehren. 

Die Sprach- und Stimmwerkzeuge stehen in einem solchen 
Verhältnisse zu der Seelenthätigkeit , dass die Stimme vor- 
zugsweise mit dem Gemüthe in directer Beziehung steht, die 
Sprache mit der Intelligenz. Die Articulation der Stimme, 
wodurch der Laut in ein bestimmtes Wort verwandelt wird, 
ist ein Werk des Gedankens, und alle dabei geschehenden 
Bewegungen der Zunge und Lippen gelangen zum Bewusst- 
sein, ohne direct das Gemüth zu afficiren. Wenn die von 
uns gesprochnen Worte Gefühle in uns anregen, so wird deren 
Entstehen entweder durch Vorstellungen, oder bei lautem 
Sprechen durch das Ohr vermittelt, und wenn wir ein Gefühl 
aussprechen wollen, so kann das ebenfalls nur auf einem Um- 
wege vermittelst der Vorstellung geschehen. Von dem Ge- 
müthe hängt es dagegen ab, ob wir geneigt sind zu sprechen, 
und wie wir das Gesprochene betonen. Wir können nur dann 
gut vorlesen, reden und declamiren, oder mit dem gehörigen 
Ausdrucke singen, wenn die in den Worten oder Melodien 
niedergelegten Gefühle während des Vortrages in uns ent- 
stehen. Allein die Betonung, die wir hineinlegen, kehrt auch 
zu unserem Gemüthe zurück; was wir mit rührender oder 
zorniger Stimme vortragen, erweckt in uns selber das Gefühl 
der Rührung oder des Zornes, gleichviel, welche Worte dabei 


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ausgesprochen werden. Von allen dabei Statt findenden Mus- 
kelbewegungen, welche auf unser Gefühl zurückwirken, wis- 
sen wir aber weiter nichts, wir bemerken gar nicht, welche 
Bewegungen geschehen, ob wir den Kehlkopf hinauf oder 
herunterziehen, die Stimmritze verengern oder erweitern. Wir 
sind auch nicht im Stande, diese Bewegungen absichtlich oder 
willkührlich hervorzubringen, wenn wir nicht indirect die 
Mitwirkung unseres Gemüthes durch absichtliches Hervorru- 
fen von Gefühlen in Anspruch nehmen. Was wir sagen, 
wissen wir sehr wohl, wie wir es sagen, wie wir eine Rede 
gehalten oder ein Musikstück vorgetragen haben, müssen 
wir von Andern erfahren, nicht einmal, ob wir zu laut oder 
zu leise, zu hastig oder zu langsam sprechen, können wir mit 
Sicherheit selbst beurtheilen. 

Aehnlich ist das Verhältniss des Gemüthes zu den Respi- 
rationsorganen. Der Verstand oder der bewusste Wille kann 
ihre Bewegungen zwar ebenfalls verändern, verstärken und 
innerhalb gewisser Grenzen hemmen, allein mit dem Gemüthe 
stehen sie in einer näheren und innigeren Verbindung. Jede 
Gemüthsbewegung macht das Atlnnen rascher oder langsamer, 
ungestümer oder träger, schwerer oder leichter, vollständiger 
oder unvollständiger, und oft bewirkt sie momentane Hem- 
mungen und Störungen, Seufzen, Schnauben u. s. w. Auf 
der anderen Seite wirken auch veränderte Respirationsbewe- 
gungen auf das Gemüth ein. Angst verursacht auf der Stelle 
eine Störung des Athmens und ein Gefühl von Beklemmung 
in der Brust, und jede Brustbeklemmung ruft ein Gefühl von 
Angst hervor, weshalb wir auch oft von einem ängstlichen 
Athemholen sprechen, und die Wörter Angst und Beklem- 
mung nicht selten als gleichbedeutend gebrauchen. Der Ein- 
fluss des Gemüthes und des verständigen Vorsatzes auf das 
Athmen scheint durch verschiedene Nerven oder Nervenfäden 
vermittelt zu werden, welche verschiedenen Nervenkreisen 
angehören. Dies wird dadurch wahrscheinlich, dass die ab- 
sichtlich veränderte Respiration durch reflectirte Bewegung 
wahrgenommen wird, ohne auf das Gemüth einzuwirken, wäh- 
rend die durch Gemüthsbewegungen veränderte Respiration 

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nicht immer wahrgenommen wird, aber stets auf das Gemüth 
zurückwirkt. Nach C. Bell geschieht die unwillkührliche 
Verstärkung der Respiration, bei lautem Sprechen, Singen, 
Schreien u. s. w. durch den Muskelast des nerv, accessorius, 
dessen Zweige sich in den musc. sternocleido-mastoideus und 
trapezius verbreiten. Durch Letzteren wird der Kopf zurück- 
gezogen und fixirt, durch Ersteren das Brustbein und Schlüs- 
selbein erhoben und dadurch eine Erhebung und Erweiterung 
des Thorax, ein stärkeres und tieferes Einathmen bewerkstel- 
ligt. Dieselben Muskeln dienen sonst auch zu Bewegungen 
des Kopfes, des Schlüsselbeines und der Schultern, die auf 
das Athmen keinen Bezug haben; allein wenn sie für diese 
Zwecke thätig sind, werden sie nicht durch den accessorius 
in Bewegung gesetzt, sondern durch andere, den Cervical- 
nerven angehörende, motorische Nervenfäden. Bell hat bei 
Lähmungen nach apoplectischen Anfällen beobachtet, dass 
diese Muskeln eben so wenig willkührlich bewegt werden 
konnten, wie die übrigen willkührlichen Muskeln, dass sie 
aber dessen ungeachtet bei Gemüthsbewegungen und Veran- 
lassungen zu verstärkter Respiration in Thätigkcit versetzt 
wurden und ihre Functionen gehörig vollzogen. 

Dass die Unterleibseingeweide in viel näherer Verbindung 
stehen mit dem Gemüthe, als mit der Intelligenz, ist bereits er- 
wähnt worden. Wie die Verdauungs Werkzeuge fungiren, welche 
Operationen bei der Verdauung vorgenommen werden, welche 
Bewegungen dabei geschehen, davon wissen und erfahren wir 
auf directem Wege nichts, und auch in krankhaften Zustän- 
den gelangen die Eindrücke von diesen Organen aus nicht 
als dirccte Walirnehmungen, sondern als durch krankhafte 
Gefühle bedingte Vorstellungen zum Bewusstsein. Eben so 
wenig hat der Process des Denkens einen directen Einfluss 
auf die Verdauungsorgane, , und in so weit derselbe Statt 
findet, wird er durch das Gemüth vermittelt. Wenn der An- 
blick ekelhafter Dinge Uebelkeit oder Erbrechen hervorruft, 
so geschieht dies nur vermittelst der durch Vorstellungen er- 
zeugten Gefühle; es geschieht leicht bei hysterischen, mit 
einer grossen Reizbarkeit des Gemüthes behafteten Frauen- 


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zimmern, nicht leicht bei kräftigen Männern. Wenn Anfül- 
lung des Magens das Denken stört, so fühlen wir uns dazu 
nicht aufgelegt, es fehlt der Impuls, welchen die Theilnahme 
des Gemiithes dem Denken zu geben pflegt, oder die vor- 
handenen Gefühle wirken ihm entgegen. Auch die Willkühr 
oder das denkend bestimmte Wollen hat nur auf die Anfangs- 
und Endpuncte des Darmkanals einen direeten Einfluss, von 
denen ebenfalls directe Wahrnehmungen zum Bewusstsein ge- 
langen: nur die Aufnahme von Speisen und Getränken und 
die Ausleerungen der Verdauungsreste stehen unter dem Ein- 
flüsse der Willkühr, der Process der Verdauung ist demsel- 
ben gänzlich entzogen. Dagegen afficirt jede Veränderung 
in dem Zustande der Digestionsorgane unmittelbar das Ge- 
müth, und jede Gemüthsbewegung wirkt auf die Verdauungs- 
organe ein. Unsere Gefühle sind bei leerem Magen ganz 
anders, als bei vollem; unser Muth und unsere Gewissenhaf- 
tigkeit sind anders bei nüchternem und hungrigen Magen, 
als nach einer gehaltenen Mahlzeit. Uebelkeit, Magendrücken, 
Flatulenz, Kolik, träger und gehemmter Stuhlgang, Anhäu- 
fung von Blut im Unterleibe afficireu immer mehr oder we- 
niger das Gemüth; jede Indigestion bewirkt eine Gemüths- 
verstimmung und jede Gemüthsverstimmung stört die Ver- 
dauung und verändert den Appetit. Verdruss und Aerger 
unmittelbar nach einer reichlichen Mahlzeit können die Ver- 
, dauung völlig hemmen, die stärkste Indigestion und sogar 
einen Anfall von Schlagfluss bewirken. Ich habe einen jun- 
gen Mann gekannt und ärztlich behandelt, bei welchem auf 
der Stelle eine Gemüthskrankheit ausbrach, als er unmittelbar 
nach einem heftigen Aerger mehrere Gläser Wein hastig hin- 
unterstürzte. Die Veränderungen der Milch und der Gallen- 
secretion durch Zorn, Verdruss und Aerger sind bekannte 
Thatsachen; der Neid macht gelb durch seine Einwirkung 
auf die Leber, Furcht und Angst vermehren die Absonderun- 
gen des Darmkanales, bewirken Durchfall und unwillkührliche 
Ausleerungen des Urins. Wahrscheinlich wird die Verbin- 
dung des Gemiithes mit allen diesen Organen vermittelt durch 
Nervenfaden, die vom Rückenmarke zu dem sympathisch«* 

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Nervensysteme gehen und sich in den Spinalganglien mit 
ihnen verbinden. 

Die Wechselwirkung zwischen dem Gemüthe und den 
Geschlechtsorganen ist so bekannt, dass kaum daran erinnert 
zu werden braucht. Mit dem Eintreten der Pubertät wird 
das Gemütli des Menschen ein ganz anderes, und während 
seines ganzen Lebens haben die geschlechtlichen Functionen 
auf seine Gemüthsstimmung den bedeutendsten Einfluss. Zur 
Zeit der Menstruation ist die Gemüthsstimmung der Frauen 
in der Regel verändert, Einige sind alsdann reizbar, empfind- 
lich, heftig, jähzornig, Andere mürrisch und verdriesslich, 
noch Andere traurig und niedergeschlagen. Störungen und 
Unterdrückung der Menstruation sind oft die Ursachen von 
Gemüthskrankheit , und wenn diese aus anderen Ursachen 
entsteht, zieht sie sehr häufig Störungen der Menstruation 
nach sich. Dauert sie während einer Gemüthskrankheit fort, 
so ist ihr Eintreten fast immer mit einer Exacerbation der 
Krankheit verbunden. 

Von dem grössten psychologischen Interesse sind endlich 
die besonderen Beziehungen des Gemüthes zu dem Herzen, 
so wie zu der Bewegung und Beschaffenheit des Blutes. 
Lebhaft geröthetes Blut, blühende und geröthete Wangen 
pflegen mit einem heiteren, sanguinischen Temperamente; 
dunkles Blut, erdfahle und gelblichte Gesichtsfarbe mit einem 
düsteren, melancholischen Temperamente verbunden zu sein. 
Lungenschwindsüchtige, bei denen durch krankhaft gesteigerte 
Thätigkeit der Lungen die Oxydation des Blutes rascher von 
Statten geht, pflegen in einer relativ heiteren Gemüthsstim- 
mung zu beharren und selbst bei berannahendem Tode die 
Hoffnung auf Genesung nicht zu verlieren. Bei sogenannten 
Stockungen im Pfortadersysteme oder pletliora abdominalis, 
wo die Venosität des Blutes überwiegt, finden wir immer 
eine trübe und schwermüthige Stimmung, Muthlosigkeit und 
Niedergeschlagenheit, und wenn der Schwindsüchtige bei der 
grössten Erschöpfung noch Kräfte zu besitzen glaubt und vol- 
ler Hoffnung ist, so wähnt der Hypochondrist, seiner Kräfte 
beraubt zu sein und verzweifelt vielleicht bei geringfügigem 


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Leiden an der Möglichkeit seiner Besserung oder Wieder- 
herstellung. 

Jedes innere Gefühl und jede Gemüthsbewegung wird so 
im Herzen empfunden, als ob sie von diesem ausginge. So 
viel ich weiss, hat Bell zuerst gelehrt, was jetzt ziemlich 
allgemein angenommen wird, dass diese Empfindungen nicht 
ursprünglich im Herzen entstehen, sondern vom Gehirn aus 
auf dasselbe rcflectirt werden, folglich Reflexempfindungen 
sind, oder zu den sogenannten excentrischen Erscheinungen 
der Sensibilität gehören, wobei ein auf den Nervenstamm ge- 
machter Eindruck so empfunden wird, als wären seine peri- 
pherischen Enden davon betroffen worden, Erscheinungen, 
welche wahrscheinlich wenigstens zum Theil durch centrifu- 
gale Bewegungen in den sensiblen Nerven selbst vermittelt 
werden. Derjenige Theil der inedulla oblongata, welcher nach 
neueren physiologischen Untersuchungen das leitende Cen- 
tralorgan für die Herz- und Respirationsbewegungen ist, 
scheint mit dem kleinen Gehirne in dem innigsten Zusammen- 
hänge zu stehen, und dasselbe ist der Fall bei den Wurzeln 
des vagus und accessorius. W ahrscheinlich werden demnach 
die Gefühle von dem kleinen Gehirne aus vermittelst des va- 
gus imd accessorius auf die Herznerven rcflectirt und indem 
sie von dort aus zum kleinen Gehirn zurückkehren, werden 
sie so empfunden, als ob sie in dem Herzen ihren Ursprung 
hätten. Dass ein solcher Process Statt findet, können wir 
bei manchen Gelegenheiten an uns selbst beobachten. Wenn 
wir z. B, durch ein plötzliches Geräusch erschreckt oder 
durch ein Geschrei unangenehm afficirt werden, so bemerken 
wir, dass der Eindruck wie ein Blitz von dem Kopfe zum 
Herzen hinunterfährt und sich in diesem als ein Gefühl fixirt, 
d. h. in umgekehrter Richtung zum Gehirn zurückkehrt. Auf 
dieselbe Weise geht jede Gemüthsbewegung auf der Stelle 
zu dem Herzen fort, bewirkt eine Veränderung in den Be- 
wegungen desselben und erzeugt, indem die Bewegung in 
reflectirter Richtung zurückkehrt, ein anscheinend im Herzen 
entspringendes Gefühl, wobei das ursprüngliche Gefühl ent- 
weder gar nicht wahrgenommen oder nicht beachtet wird. 


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Bei Krankheiten der Herzens, Anhäufung des Blutes in dem- 
selben, veränderter Blutmischung oder krankhaften Affectionen 
des Magens und anderer Eingeweide, deren Nervenplexus 
mit denen des Herzens in näherer Verbindung stehen, kann 
das Gefühl auch ursprünglich im Herzen entstehen, und der 
ganze Process in umgekehrter Ordnung sich wiederholen. 
Bemerkenswerth ist in dieser Beziehung jedoch, dass die durch 
Herzkrankheit erzeugten Gefühle oft nur einen unbedeuten- 
den Einfluss auf die Gemüthsstimmung haben, während die- 
ser Einfluss stets sehr bedeutend erscheint, sobald die an- 
scheinend vom Herzen ausgehenden Gefühle aus Reflexbewe- 
gungen hervorgegangen sind. 

Durch diese Wechselwirkung zwischen dem Gemüthe und 
dem Herzen oder durch die besondere Thätigkeit des sie ver- 
bindenden Nervenkreises wird jedes Gefühl kürzere oder län- 
gere Zeit erhalten und oft gesteigert, bisweilen bis zu einer 
enormen Höhe. Die durch den Zorn hervorgerufene unge- 
stüme Bewegung des Herzens unterhält und steigert den 
Zorn, und eine entstandene Angst vergeht nicht leicht, so 
lange das von ihr hervorgerufene Herzklopfen fortdauert. 
Viele psychologische Thatsachen und psychische Krankheits- 
erscheinungen beruhen auf diesen und ähnlichen Verhältnis- 
sen und lassen sich theils aus der Existenz untergeordneter, 
relativ selbständiger Nervenkreise erklären, theils aus dem 
Haften der Eindrücke in den Nerven und aus der dadurch 
bedingten Macht der Gewohnheit. 

Gemüthskrankheiten entstehen öfter in Folge dieser Wech- 
selwirkung, in seltneren Fällen durch plötzliche Gemüths- 
erschütterungen, häufiger durch andauernde oder oft wieder- 
kehrende Gemüthserregungen. Der von dem Herzen aus fort- 
während reflectirte Eindruck kann dieselbe Wirkung haben, 
wie eine stete Erneuerung eines bestimmten Gefühles durch 
äussere Einwirkimgen. Zeitige Ableitung einer vorhandenen 
Gemüthsverstimmung ist deshalb manchmal ausserordentlich 
wichtig zur Verhütung einer Gemüthskrankheit; je länger es 
dem Gemüthe gestattet wird, sich in einem beschränkten 
Kreise zu bewegen, desto schwerer kann eine Ableitung oder 


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eine Hemmung der ferneren Fortbewegung in demselben Kreise 
werden. Namentlich Melancholie mit vorherrschender Angst 
habe ich öfter auf diesem Wege entstehen sehen, und die Pa- 
roxysmen der Angst können nachher bald von der einen, 
bald von der anderen Seite her zunächst angeregt werden. 
Manchmal kommt zuerst ein eigenthümliches Gefühl im Her- 
zen und Herzklopfen, und gleich darauf folgt die Angst nebst 
den damit verbundenen krankhaften Ideen, oder diese Ideen 
werden zuerst durch äussere Umstände erweckt und im näch- 
sten Augenblicke stellt sich die Angst und das Herzklopfen 
ein. Beides habe ich in einer gewissen Periode meines Le- 
bens bestimmt und deutlich an mir selber wahrgenommen, 
und ich habe einmal eine junge Dame sehr in Verwunderung 
gesetzt, als ich ihr nachweisen konnte, dass ihre Gemüths- 
krankheit auf die angedeutete Weise entstanden sei. Sie war 
mit einem etwas jüngeren und einem gebildeteren Stande an- 
gehörenden Manne verlobt worden und hatte sich in diesem 
neuen Verhältnisse ausserordentlich glücklich gefühlt, so lange 
der Bräutigam anwesend war. Als er sich aber von ihr tren- 
nen musste, um ein Amt anzutreten, überfiel sie bald nachher 
plötzlich der Gedanke, dass sie nicht jung und nicht gebil- 
det genug sei, um ihm zu genügen, und mit diesem Gedan- 
ken verband sich auf der Stelle ein eigenthümliches beäng- 
stigendes Gefühl im Herzen, dessen Fortdauer jenen Gedan- 
ken unaufhörlich reproducirte und bis zu der fixen Idee 
steigerte, dass die Verlobung aufgehoben werden müsse. 
Weder die Gegenwart des Bräutigams, noch seine Betheuerun- 
gen vermochten sie nachher von diesem fixen Wahn zu be- 
freien, vielmehr entwickelte sich die Gemüthskrankheit unter 
Hinzutreten von Visionen furchtbarer Art immer mein - , und 
erst nach einigen Jahren genas die Kranke, welche jetzt die 
glückliche Gattin ihres früheren Verlobten ist. 

Von solchen Beispielen könnte ich mehrere anführen, will 
aber nur noch einen Fall erwähnen. Ein Schmidt auf dem 
Lande, ein robuster, kräftiger Mann in seinen besten Jahren, 
fand unerwartet seinen Vater erhängt, und wurde auf der 
Stelle von einem heftigen Angstgefühle befallen, welches sich 


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bei ihm mehr auf die Herzgrube oder den Magen, als auf das 
Herz reflectirte. Von diesem Augenblicke an stellten sich 
bei ihm vorübergehende Paroxysmen von Angst ein, welche 
einen oder mehrere Tage lang jedai Augenblick wiederkehr- 
ten und dann auf unbestimmte Zeit verschwanden. Die Pa- 
roxysmen waren constant mit demselben localen körperlichen 
Gefühle und mit der vorherrschenden fixen Idee verbunden, 
dass er sich das Leben nehmen müsse, wozu er sonst weder 
Veranlassung, noch Neigung hatte. Sie schienen nur durch 
äussere Einwirkungen herbeigefiihrt zu werden; sie entstan- 
den entweder durch Diätfehler und zufällige Störungen der 
Verdauung oder durch psychische Eindrücke, denn so wie 
der Kranke nur von einem plötzlichen Todesfälle oder von 
irgend etwas sprechen hörte, was ihn an jenes Ereigniss er- 
innern konnte, trat auf der Stelle ein solcher Paroxysmus ein. 

Manches, was in dem Gemüthe vorgeht, kann man sich 
anschaulicher machen durch Vergleichung mit den verschie- 
denen Spannungen einer Saite, wodurch eine verschiedene 
Stimmung derselben, ein höherer oder tieferer Ton beim An- 
schlägen hervorgebracht wird. Die Erregungen des Gemü- 
thes verklingen gewöhnlich in ähnlicher Weise, wie der Ton 
einer angeschlagenen Saite unter allmählig abnehmenden Vi- 
brationen verhallt. In älteren Zeiten nahm man an, dass diö 
Nerven wirklich und im eigentlichen Sinne des Wortes in den 
verschiedenen Scelenzuständen mehr oder weniger gespannt 
würden, und diese Ansicht ist in unsere Sprache übergegan- 
gen, indem die Veränderungen in den Zuständen der Nerven 
und des Gemüthes mit den Namen einer verschiedenen Stim- 
mung oder Spannung, Ueberspannung, Abspannung, Herab- 
stimmung, Verstimmung u. s. w. belegt, und die Ausdrücke 
überspanntes Gemüth und überspannte Nerven als gleichbe- 
deutend gebraucht werden. Wenn wir eine Darmsaite von 
hinreichender Länge, welche längere Zeit in einer gewissen 
Stimmung gewesen ist, auf einmal so anspannen, dass der 
Ton beträchtlich höher wird, und sic dann in Ruhe lassen, 
so wird der Ton durch Nachlassen der Spannung allmählig 
wieder tiefer, bis die Saite ganz oder beinahe zu der ge- 


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wohnten Stimmung zurückgekehlt int. Wiederholen wir aber 
die Anspannung in kurz auf einander folgenden Zeiten, wie 
es bei dem Einstimmen neu aufgezogener Saiten immer ge- 
schieht, so bleibt die Saite in der ihr gegebenen höheren 
Stimmung. Spannt man die Saite mit einem Male sehr stark 
an, so kehrt sie nicht ganz zu der früheren Stimmung zu- 
rück, sondern der Ton bleibt höher, und war die Anspannung 
gar zu stark, so reisst die Saite auch wohl den haltenden 
Wirbel los, und es erfolgt eine solche Abspannung, dass die 
Saite auf einmal anstatt eines hohen Tones einen ganz tiefen 
angiebt. 

Die Veränderungen in den Nerven bei Gemüthsbewegun- 
gen verhalten sich analog. Werden sie durch eine nicht gar 
zu heftige Erregung des Gemüthes angespannt und hinauf- 
gestimmt, so lässt, wenn keine weiteren Einwirkungen Statt 
finden, die exaltirte Gemüthsstimmung allmählig nach und 
die gewöhnliche Stimmung tritt wieder ein. Wird dieselbe 
Gemüthsbewegung in kurzen Zwischenräumen häufig von 
Neuem angeregt, oder war sie übermässig stark, so dauert 
die dadurch hervorgerufene exaltirte Gemüthsstimmung län- 
ger fort und kann in eine andauernde krankhafte Stimmung 
übergehen. So oft alsdann das Gemüth von irgend einem 
Eindrücke berührt wird, erklingt es gleichsam in einem fal- 
schen Tone. War die Spannung sehr gross, so geht sie nicht 
selten in eine Abspannung über, die manchmal plötzlich ein- 
tritt , so dass die Exaltation mit einem Male in einen depri- 
mirten Zustand umschlägt, ausgelassene Freude in Traurig- 
keit, Manie in Melancholie. Auf dieselbe Weise kann auch 
ein deprimirter Gemüthszustand in einen exaltirten überge- 
hen, Furcht und Angst in Zorn, Melancholie in Manie. In 
psychischen Krankheiten kommen diese Uebergänge sehr 
häufig vor, theils momentan, theils so, dass die ganze Krank- 
heit aus alternirenden Paroxysmen von Manie und Melancho- 
lie besteht. 


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III. Von den Functionen des Willens. 

Wenn der Wille als eine dritte, dem Geiste und Gemüthe 
coordinirte Seelenkraft betrachtet wird, so gilt er als der 
innere Grund oder als die Ursache der menschlichen Hand- 
lungen, und wenn über den menschlischen Willen etwas aus- 
gesagt werden soll, so ist es nothwendig, diese Begriffsbe- 
stimmung festzuhalten, weil das Wort Wille vieldeutig ist 
und bald in einem weitern, bald in einem engeren Sinne ge- 
braucht wird. Im weitesten Sinne des Wortes wird jede 
Selbstthätigkeit der Seele, jede active oder centrifugale Be- 
wegung derselben ein Wollen genannt, so dass nicht blos die 
Handlungen, sondern auch die Aufmerksamkeit, das Ueber- 
legen und Nachdenken des Geistes, so Wie die Neigung, dass 
Interesse und die Liebe des Gemüthes als Acte der Willens- 
thätigkeit angesehen werden. In diesem Sinne des Wortes 
kann man sagen, dass jede Aeusserung der Seelenthätigkeit 
durch ein Wollen veranlasst werde. In einem engeren Sinne 
des Wortes werden nur die mit Bewusstsein und Absicht 
ausgeführten, also denkend bestimmten Handlungen dem Wil- 
len zugeschrieben, alle aus blossen Trieben entspringende, 
bewusstlos und absichtslos vollzogene Handlungen als unwill- 
kührliche und willenlose betrachtet. In diesem Sinne des 
Wortes ist der Wille die der Aussenwelt zugekehrte Seite 
der Geistesthätigkeit, so dass in dieser ein Erkennen und 
Wollen, in ihren Resultaten ein Wissen und Thun unterschie- 
den werden. In einem noch engeren Sinne werden nur die 
aus der Selbstthätigkeit des eigentlichen Ichs hervorgehenden, 
durch Nachdenken bestimmten und geleiteten Handlungen 
als durch den eigenen Willen erzeugte angesehen; so dass 
auch die aus verständiger Ueberlegung entsprungenen Vor- 
sätze, in so fern der Mensch durch Affecte und Leidenschaf- 
ten dazu getrieben wird, als unfreiwillige Vorsätze, und die 
aus ihnen hervorgehenden Handlungen als wider den eigenen 
Willen geschehend erscheinen. Von solchen Handlungen, 
welche der Mensch, durch Leidenschaft überwältigt, nach 


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einem inneren Kampfe ungeachtet des Widerstreben« seiner 
Vernunft verübt, kann man, je nachdem man die Bedeutung 
des Wortes Wille auffässt, eben so wohl sagen, dass er sie 
gewollt, als dass er sie nicht gewollt, dass er sie mit seinem 
Willen oder wider seinen Willen begangen habe. 

Die Annahme, dass der Wille, d. h. der innere Grund der 
Handlungen eine für sich bestehende, neben Geist und Ge- 
müth existirende Kraft der Seele sei, steht mit den Erschei- 
nungen des Seelenlebens in Widerspruch, und findet nament- 
lich in folgenden Umständen ihre Widerlegung. 

1) Sprache und Geberden sind ungeachtet ihrer Verwandt- 
schaft aufs Bestimmteste von einander unterschieden, so dass 
ein ausgesprochenes Wort niemals für eine Geberde, oder 
diese für ein gesagtes Wort gehalten werden, oder ein Zwei- 
fel darüber obwalten kann, ob irgend ein innerer Vorgang 
sich durch Worte oder durch Geberden kund gebe. Ein so 
bestimmter Unterschied existirt aber weder zwischen den 
Worten und den Handlungen, noch zwischen den Geberden 
und Handlungen, und es ist oft schwer zu sagen, ob Worte 
und Geberden Handlungen sind oder nicht. Sobald sie als 
Folgen oder Wirkungen eines innerlichen Vorsatzes erschei- 
nen, sind sie wirkliche Handlungen, und die grössten Thaten 
des Menschen bestehen oft nur in gesprochenen Worten. 
Wenn ich mir selber sage, dass ich einem Anderen etwas 
schenken will, so sind diese Worte ein blosser Gedanke; so- 
bald ich es aber dem Anderen sage, dass ich ihm etwas 
schenken will, habe ich in dem Aussprechen derselben Worte 
eine Handlung begangen. Wenn ein Zorniger gegen seinen 
Beleidiger die geballte Faust drohend erhebt, so kann dies 
eben so wohl eine blosse Geberde, als eine bestimmte Hand- 
lung sein, obgleich die Erscheinung in beiden Fällen ganz 
und gar dieselbe ist. 

2) In vielen Fällen sehen wir deutlich, dass Gedanken 
und Gefühle Handlungen erzeugen, indem sie direct in die 
dazu erforderlichen combinirten Muskelbewegungen übergehen. 
Wenn wir uns aus- oder ankleiden, wenn wir ausgehen, einem 
Anderen ausweichen, Dies oder Jenes vornehmen, so geht 


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dabei nicht immer ein besonderer Vorsatz oder Entschluss 
vorher, sondern die Gedanken können, so wie sie entstehen, 
sogleich die entsprechenden Muskelbewegungen nach sich zie- 
hen. Unser Wollen ist in solchen Fällen nicht von dem Den- 
ken verschieden, und unsere Gedanken gehen dabei eben so 
unmittelbar und auf dieselbe Weise in verschiedene motorische 
Nerven über, wie sie beim Sprechen in die motorischen Ner- 
ven der Sprachwerkzeugo übergehen. Auch starke und plötz- 
liche Gemüthsbewcgungen können eben so unmittelbar in 
Handlungen übergehen: die Freude über das unerwartete 
Wiedersehen eines Freundes kann bewirken, dass wir, ledig- 
lich durch unser Gefühl getrieben, ihm entgegeneilen und ihn 
umarmen; plötzliche Furcht oder sogenanntes panisches Er- 
schrecken kann eben so ein Zurückweichen oder Entfliehen 
veranlassen, plötzlicher Zorn ein Ausstosscn von Scheltwor- 
ten, ohne dass dabei irgend ein anderes Princip mitwirkte, 
als das erregte und unmittelbar auf die betreffenden Muskeln 
sich reflectirende Gefühl. Die Handlungen entstehen in sol- 
chen Fällen ganz ebenso, wie bei minder starken Gemiiths- 
erregungen die Geberden. 

3) Die sorgfältigste Untersuchung unserer Vorsätze lässt 
keinen wesentlichen Unterschied derselben von anderen Ge- 
danken erkennen. Der Vorsatz z. B., dass ich morgen einen 
Besuch machen will, und der Gedanke, dass ich gestern 
einen Besuch gemacht habe, sind nicht wesentlich von ein- 
ander verschieden, Beide sind Resultate einer einfachen Gei- 
stesthätigkeit. Jeder Vorsatz erscheint zunächst als eine Vor- 
stellung im Bewusstsein und unterscheidet sich von anderen 
Vorstellungen nur durch seine Richtung und Beziehung auf 
eine zu vollziehende Handlung. Allerdings muss zu dem 
blossen Vorsatze noch ein Impuls hinzukommen, wenn er zur 
Ausführung kommen soll ; aber dieser Impuls wird nicht durch 
eine besondere Seelenkraft gegeben, sondern theils durch die 
Macht des Geistes selber, theils durch die Einwirkung des 
Gemüthes, welches in der Regel mitwirken muss, wenn ein 
Vorsatz gefasst, oder ein gefasster Vorsatz zur Ausführung 
gebracht werden soll. 


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4) Wenn wir den Inhalt unseres Bewusstseins einer nä- 
heren Untersuchung unterwerfen, so finden wir stets nur Ge- 
danken und Gefühle als die Elemente desselben. Wäre der 
Wille in gleicher Weise, wie Geist und Gemüth, eine beson- 
dere Kraft der Seele, so würde das, was wir als den inneren 
Grund unserer Handlungen in uns finden, ein von den Ge- 
danken und Gefühlen Verschiedenes sein, und sich als ein 
solches im Bewusstsein zeigen müssen. Dies ist aber durch- 
aus nicht der Fall, vielmehr erkennen wir diesen inneren 
Grund stets als einen Gedanken, oder als ein Gefühl, oder 
als eine Vereinigung von Beiden. Jedes bestimmte Wollen, 
das innerliche Vorbild einer auszuführenden Handlung, ist 
entweder ein gedachter Zweck, eine Absicht, ein Vorsatz, 
oder ein empfundener Trieb, ein Verlangen, eine Be- 
gierde, oder es ist, und zwar in der Regel, eine Vereinigung 
von Beiden. 

5) Wollen wir eine menschliche Handlung beurtheilen, so 
genügt es uns nicht, zu wissen, dass der Mensch sie gewollt 
hat, sondern wir bemühen uns, die Zwecke, welche er dabei 
vor Augen gehabt hat, oder die Motive der Handlung zu er- 
forschen. Wir setzen also voraus, dass der die Handlung 
begründende Wille sich nicht selber bestimme, sondern durch 
etwas Anderes bestimmt werde, und bei weiterer Untersuchung 
ergiebt sich, dass dieses Andere stets entweder ein bestimm- 
tes Gefühl oder ein Gedanke ist. Alle Motive unserer Hand- 
lungen, alle Zwecke, die wir verfolgen, reduciren sich zuletzt 
entweder auf einen Gedanken, welchen wir ausführen wollen, 
oder auf ein Gefühl, welches wir zu befriedigen suchen. 
Haben wir den leitenden Gedanken oder das zum Grunde 
liegende Gefühl ermittelt, wissen wir z. B., dass der Mensch 
durch die Handlung Dies oder Jenes zu erreichen suchte, 
oder dass ihn eine Begierde, ein Affeet, eine Leidenschaft 
dazu angetrieben hatte, so ist uns die Handlung vollkommen 
klar und verständlich. Wir können alsdann freilich noch 
weiter gehen, wir können untersuchen, woher das Gefühl oder 
der Gedanke stammt, ob aus einer äusseren Einwirkung, oder 
aus anderen vorhergegangenen Gedanken oder Gefühlen; im- 


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mer aber bleiben wir in letzter Instanz stehen bei einem be- 
stimmten Gedanken oder einem bestimmten Gefühle, als dem 
eigentlichen Motiv der Handlung. Es zeigt sich hierin deut- 
lich, dass wir den Willen nicht für selbständig halten, son- 
dern seine Unterordnung unter die Thätigkeit des Geistes 
und des Gemüthes , und seinen Ursprung aus derselben an- 
erkennen. 

Jede Handlung ist eine nach einem innerlich verausge- 
gesetztem Zwecke ausgeführte combinirte Muskelbewegung: 
das Wort ist von der willkührlichen Bewegung der Hand 
hergenommen, weil wir uns vorzugsweise der Hände zur 
Ausführung unserer Zwecke bedienen. Bewegungen des Kör- 
pers und der Glieder, in denen wir keinen Zweck entdecken 
können, betrachten wir nicht als Handlungen; ausgesprochene 
Worte und Geberden sind dagegen Handlungen, sobald da- 
durch irgend etwas bezweckt wird. Weil bei dem Menschen 
die innerlich vorausgesetzten Zwecke im Bewusstsein zum 
Vorschein kommen, pflegt man vorzugsweise nur dem Men- 
schen, und etwa auch den höheren Thier en das Vermögen 
zuzuschreiben, Handlungen zu vollziehen, und bezeichnet die 
instinctartige Muskelthätigkeit der niederen Tbiere als ein 
blosses Thun. In so ferne jedoch das instinctartige Thun der 
Thiere das Gepräge der Zweckmässigkeit an sich trägt, und 
die bestimmten Zwecke, welche wir in der Regel als Motive 
desselben deutlich erkennen, vor ihrer Ausführung innerlich 
vorhanden sein müssen, können wir dasselbe ebenfalls ein 
Handeln nennen. Es zeigt sich also, dass das Wort Hand- 
lung eben so, wie das Wort Wille, vieldeutig ist, und dass 
im engeren und eigentlichen Sinne des Wortes nur diejenigen 
Muskelbewegungen so genannt werden, wodurch ein im Be- 
wusstsein vorausgesetzter Zweck zur Ausführung gebracht 
wird. Dagegen ist es für den Begriff des Handelns nicht 
nothwendig, dass der Handelnde selber sich des Zweckes sei- 
ner Handlung bewusst sei, oder dass der im Bewusstsein 
vorausgesetzte Zweck zum Selbstbewusstsein gelange. Bei 
vielen menschlichen Handlungen geschieht dies entweder gar 
nicht, oder erst nach der Vollziehung der Handlung, ins- 


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besondere in denjenigen Fällen, wo ein plötzlich entstandener 
Affect oder eine heftige Leidenschaft das Motiv der Handlung ist. 

Die Zwecke, welche wir in unserem Bewusstsein vorfin- 
den, sind von zwiefacher Natur, und man kann sie als ob- 
jective und subjective unterscheiden und bezeichnen. 
Objective Zwecke sind solche, wodurch eine Veränderung in 
der Aussenwelt hervorgebracht, wodurch etwas erreicht und 
bewirkt werden soll; die subjectiven Zwecke sind auf die 
Befriedigung der eigenen Wünsche und Bedürfnisse gerichtet. 
In beiden Fällen geschieht allerdings eine Veränderung in 
der Aussenwelt, welche mit der Person des Handelnden in 
Beziehung steht, Objectives und Subjectives ist hier, wie 
überall, mit einander verbunden; allein bei den objectiven 
Handlungen ist die zu bewirkende Veränderung, bei den sub- 
jectiven Handlungen die Selbstbefriedigung das nächste Ziel, 
welches dem Handelnden vorschwebt, und das leitende Prin- 
cip seines Thuns. Die objectiven Handlungen sind Resultate 
der Geistesthätigkeit, ausgeführte Gedanken, welche in der 
Form von Absichten, Vorsätzen oder Entschlüssen im Be- 
wusstsein hervortreten ; die subjectiven Handlungen gehen aus 
der Gemüthsthätigkeit hervor, aus Gefühlen, Affeeten und 
Leidenschaften, welche in der Form von Bedürfnissen, Be- 
gierden oder Pflichten in uns hervortreten, und uns zu ihrer 
Realisirung oder Befriedigung antreiben. Je mehr nur objec- 
tive Zwecke der Handlung zu Grunde liegen, mit desto grös- 
serer Freiheit wird sie vollzogen, desto leichter wird es uns, 
sie auszuführen oder die Ausführung zu unterlassen, je nach- 
dem wir das Eine oder das Andere für angemessener halten ; 
je mehr hingegen subjective Zwecke vorwalten, desto mehr 
wird unsere Freiheit in Beziehung auf die Ausführung der 
Handlung beschränkt, und desto schwerer wird es, sie zu 
unterlassen. 

Aus rein objectiven Zwecken vollziehen wir tagtäglich 
vom Morgen bis zum Abend eine Menge von Handlungen, 
die wir gleichgültige nennen, weil unser Gernüth wenig 
oder gar keinen Theil daran nimmt, und deshalb kein beson- 
deres Interesse dafür oder dawider in uns entsteht. Wir 


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stehen des Morgens auf, wir kleiden uns an, wir gehen aus 
und verrichten im Laufe des Tages mancherlei Geschäfte, blos 
weil wir denken, dass es angemessen oder nöthig sei, oder 
weil dieselben Gedanken durch Gewohnheit täglich wieder- 
kehren. Die dabei zum Grunde liegenden Gedanken sind, 
wenn die Handlungen nicht ganz instinctartig zu Stande kom- 
men, von anderen Vorstellungen nicht wesentlich verschieden, 
und sie reflectiren sich entweder sogleich auf die betreffenden 
Muskelnerven, so dass die entsprechende Handlung auf der 
Stelle erfolgt, oder die Ausführung geschieht erst später, zu 
einer vorher bedachten und festgesetzten Zeit, indem sich 
auf eine oft merkwürdige und fast unerklärliche Weise der- 
selbe Gedanke zu der vorausbestimmten Zeit in unserem Be- 
wusstsein ohne unser Zuthun reproducirt. Die durch rein 
subjective Zwecke bewirkten Handlungen sind ebenfalls ein- 
fache, aus irgend einem Gefühle hervorgehende Reflexbewe- 
gungen, z. B. Veränderungen einer unbequemen Stellung, 
Umhergehen oder Reiben der Hände bei einem Gefühle von 
Kälte, Räuspern oder Husten bei Reizung der Luftröhre, 
Befriedigung einfacher Bedürfnisse, das Nehmen einer Prise 
bei Tabackschnupfern u. dergl. Auch Gemüthsbewegungen, 
Freude, Furcht, Zorn können, wie oben erwähnt, durch un- 
mittelbare Reflexion ohne Mitwirkung der Intelligenz gewisse 
Handlungen erzeugen. In den höheren Graden des Affectes 
und der Leidenschaft sehen wir den Menschen ebenfalls dem 
blinden Antriebe seiner Gefühle folgen, ohne dass er daran 
denkt oder weiss, was er thut. Jedoch erfolgen solche aus einem 
scheinbar blinden Antriebe in Folge heftiger Gemüthsbewegun 
gen entstehende Handlungen eigentlich nicht ohne Mitwirkung 
des Verstandes, welcher durch den übermächtigen Einfluss des 
Gemüthes überwältigt und zur passiven Theilnahme an der 
Handlung fortgerissen wird, ohne dass ihm Zeit gelassen würde 
zu vorhergehender Ueberlegung. Die Vorstellungen, welche 
durch die erregten Gefühle hervorgerufen werden, gehen so 
schnell in Vorsätze über und diese werden so schnell ausgeführt, 
dass keine weitere Fortbewegung nach innen Statt findet, dass 
sie nicht zum Selbstbewusstsein gelangen und kein eigentliches 


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Nachdenken geschehen kann. Wer aber in leidenschaftlicher 
Aufregung handelt, ohne selbst zu wissen, was er thut, der han- 
delt allerdings ohne Selbstbewusstsein und Nachdenken, aber 
doch nicht ohne Bewusstsein und ohne alle Ueberlegung: die 
Ausführung der Handlung zeigt ein vorhergehendes Ueber- 
legen und Urtheilen, und nach vollbrachter That weiss der 
Handelnde sehr wohl, was er gethan, und bereut es oft sein: 
bitter. Wer z. B. in heftigem Zorn den Beleidiger erschlägt, 
der vergreift sich nicht an Anderen, wenn sie ihm nicht in 
den Weg treten und seinen Zorn auf sich lenken; er hat 
manchmal in dem Augenblicke der That, ohne sich selbst 
dessen bewusst zu sein, den bestimmten Vorsatz seinen Gegner 
zu tödten, und er zeigt durch die Wahl der Waffe und durch 
die Art des Angriffes, dass er nicht ohne Ueberlegung zu 
Werke geht. Je heftiger die Erregung des Gemüthes ist, 
desto unüberlegter wird die Ausführung der Handlung er- 
scheinen, aber ein gänzlicher Mangel an Ueberlegung, ein 
Verüben von Gewalttätigkeit ohne irgend einen gedachten 
Zweck kommt nur bei krankhafter Wuth und Tobsucht vor, 
und auch da nur in seltenen Fällen. 

Solche Handlungen, die als einfache Reflexbewegungen 
eines Gedankens oder Gefühles erscheinen, pflegt man un- 
willkürliche zu nennen und von dem Begriff der eigentlichen 
Handlungen auszuschliessen. Wenn Jemand eine einfache Frage 
auf der Stelle und ohne alle Ueberlegung mit Ja oder Nein 
beantwortet, so kann man in dieser Bejahung oder Verneinung 
kaum einen Willensact erkennen. Wenn er sich aber viel- 
leicht scheut, die Frage der Wahrheit gemäss zu beantwor- 
ten, wenn er überlegt, was er thun soll und erst nach ge- 
fasstem Entschlüsse antwortet, so ist die Antwort ohne Zweifel 
eine durch ein Wollen bestimmte Handlung. Im ersten Falle 
war es eine einfache Reflexbewegung, im zweiten Falle ging 
eine innere Reflexion vorher, und zwar eine Wechselwirkung 
zwischen Geist und Gemüth, zwischen dem Gedanken, die 
Wahrheit zu sagen, und einem Gefühle, welches davon zu- 
rückhielt. Eine genauere Untersuchung der inneren Vorgänge, 
welche das Fassen von Vorsätzen und Entschlüssen begleiten, 

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lässt uns erkennen, dass eine ähnliche Wechselwirkung zwi- 
schen Gedanken und Gefühlen stets dabei Statt findet, und 
dass der bestimmte Wille, d. h. die nächste Ursache un- 
serer Handlungen, nichts Anderes ist, als das, früher oder 
später zu Stande gekommene Resultat derselben. 

Der Process dieser Wechselwirkung wird durch das na- 
türliche Verhältnis zwischen Geist und Gemüth begründet 
und, wie ich glaube, durch die Verbindungen zwischen dem 
grossen und kleinen Gehirne vermittelt. Die in dem Men- 
schen entstehenden Gedanken und Gefühle wirken stets an- 
regend oder hemmend auf einander, indem von beiden Seiten 
dahin gestrebt wird, Uebereinstimmung und Gleichgewicht 
hervorzubringen. Stimmen die Richtungen der Geistes- und 
Gemüthsthätigkeit mit einander überein, so findet nur eine 
gegenseitige Anregung Statt, indem bald der Gedanke das 
Gefühl zur Theilnahme an der Handlung sollicitirt, bald das 
Gefühl die Intelligenz zur Mitwirkung anregt. Stehen die 
Richtungen mit einander in Widerspruch, so entsteht ein 
Kampf zwischen den Gedanken und Gefühlen, indem Beide 
die Oberhand zu gewinnen und die entgegengesetzte Thätig- 
keit sich dienstbar zu machen suchen. Aus diesem Kampfe 
geht nach kürzerer oder längerer Zeit bald der Geist, bald 
das Gemüth als Sieger hervor; sie können sich aber auch so 
die Wage halten, dass es weder zu einer Handlung, noch zu 
einem Entschlüsse kommt, dass der Mensch vielmehr stehen 
bleibt bei einem unschlüssigen Schwanken zwischen Sollen 
und Nichtsohen und es zu keiner Entscheidung bringen kann. 
Erreicht wird durch diese Wechselwirkung, dass die ganze 
Seelenthätigkeit an der Vollziehung der Handlung Theil 
nimmt und dass ein Erwägen der Folgen sowohl in objeeti- 
yer als in subjectiver Beziehung vorhergeht. Wenn irgend 
ein Gefühl uns zu einer Handlung antreibt, so werden wir 
dadurch zu einer vorhergehenden Ueberlegung der objectiven 
Folgen veranlasst, und wenn der Gedanke zuerst entsteht, 
dass es gut oder zweckmässig sei, Dies oder Jenes zu thun, 
so erinnert uns das durch denselben erweckte Gefühl daran, 
ob es auch für uns selber zuträglich sei und ob wir dazu 


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befähigt sein weiden, das Vorhaben gehörig auszuführen. 
Auf diese Weise werden wir bei jeder zu vollziehenden Hand- 
lung dazu veranlasst, das Für und Wider nach beiden Seiten 
zu erwägen. 

Je bedeutender und wichtiger die in Frage stehende Hand- 
lung ist, desto länger und ernster pflegt der vorhergehende 
innere Kampf zu seiu; je unbedeutender und geringfügiger 
sie ist, desto schneller und unbemerkter geht er vorüber: bei 
gleichgültigen Handlungen findet er gar nicht Statt, obgleich 
eine gewisse Wechselwirkung zwischen Gedanken und Ge- 
fühlen auch bei ihnen oft zu bemerken ist. Die schwersten 
und ernstesten Kämpfe entstehen aus der Macht der Affecte 
und Leidenschaften (der sündlichen Natur des Menschen) und 
aus dem Bestreben der Vernunft, sie zu beherrschen und zu 
zügeln. Bei einem vollkommen guten oder vollkommen 
schlechten Menschen würden diese Kämpfe gar nicht Vor- 
kommen. Bei Ersterein müssten die Affecte und Leidenschaf- 
ten vollkommen unter der Herrschaft der Vernunft und des 
Gewissens stehen, und Gefühle, die mit der Vernunft in Wi- 
derspruch ständen, dürften gar nicht Vorkommen. Bei einem 
durchaus schlechten Menschen würden Vernunft und Gewis- 
sen durch die vorherrschenden Affecte und Leidenschaften 
ganz unterdrückt sein und das Denken so sohr unter der 
Herrschaft des verderbten Gemüthes stehen, dass die Gedan- 
ken den egoistischen Gefühlen keinen Widerstand entgegen- 
setzen könnten. Da aber kein Mensch vollkommen gut oder 
böse ist, so haben Alle während ihres Lebens mehr oder we- 
niger häufige und schwere Kämpfe zu bestehen, welche um 
so öfter und heftiger eintreten, je mehr eine angeborene oder 
anerzogene Reizbarkeit des Gemüthes (irritables Temperament) 
oder eine krankhafte Verstimmung desselben Statt findet. 
Je nachdem in solchem Widerstreit der Geist oder das Ge- 
müth die Oberhand behält, und je nachdem überhaupt objec- 
tive oder subjective Zwecke vorwalteu, erscheint das Wollen 
entweder als ein durch Gedanken bestimmter Zweck (Ab- 
sicht, Vorsatz, Entschluss) oder als ein durch Gefühle be- 
stimmter Trieb (Bedürfniss, Begierde, Pflicht). 

22 * 


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In der gegenseitigen Einwirkung der Gedanken und Ge- 
fühle auf einander zeigt das Gemüth in der Regel eine grös- 
sere Macht und Herrschaft über den Geist, als dieser über 
das Gemüth ausübt. Die Gedanken werden sehr leicht durch 
vorherrschende Gefühle, durch Affecte und Leidenschaften 
fortgerissen und irre geleitet, während es ausserordentlich 
schwer ist, erregte Gefühle durch die Macht des Geistes 
direct zu verändern oder zu unterdrücken. Wir mögen uns 
noch so oft sagen und noch so deutlich vorstellen, dass un- 
sere Gefühle verkehrt, übertrieben oder unvernünftig sind: 
sie verschwinden deshalb nicht. Wer z. B. ohne genügende 
Ursache traurig oder verdriesslich ist, der kann sich noch so 
oft sagen, dass er keine Ursache habe, es zu sein und dass 
er es nicht sein solle und dürfe: er bleibt dennoch vielleicht 
in demselben Grade traurig oder verdriesslich, wie er es war. 
Der feste Vorsatz, es nicht zu sein, vermag wohl für den 
Augenblick die Traurigkeit oder Verdriesslichkeit zu ver- 
scheuchen, allein im nächsten Augenblicke kehrt dasselbe Ge- 
fühl wieder zurück, und nur in verhältnissmässig seltenen 
Fällen gelingt es, ein vorhandenes Gefühl durch ein denkend 
bestimmtes Wollen direct und auf die Dauer zu beseitigen. 
Dagegen haben die Gedanken eine grössere Macht über das 
Thun, und die Macht der Intelligenz ist in dieser Beziehung 
vorzugsweise eine hemmende. Es ist oft unmöglich, ein Ge- 
fühl und einen daraus entsprungenen Trieb innerlich zu un- 
terdrücken, wohl aber können wir die Handlung unterdrücken, 
wozu er uns verleiten möchte, und auch den mächtigsten 
Trieben vermag die Vernunft hemmend und das Thun be- 
schränkend entgegen zu wirken. Hierauf beruht die Fähig- 
keit der Selbstbeherrschung, und durch diese geistige Herr- 
schaft über unser Thun sind wir im Stande, indirect und auf 
einem Umwege die nöthige Herrschaft über unsere Gefühle 
zu erwerben und auszuüben. 

Aus der Erkenntniss dieser Verhältnisse folgt eine sehr 
wichtige praktische Regel in Beziehung auf Selbstbeherr- 
schung. Wenn Jemand zur Traurigkeit und Schwermuth ge- 
neigt oder von Natur reizbar und empfindlich ist, wenn er 


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leicht in Zorn geräth oder einer tadelnswerthen Leidenschaft 
unterworfen ist, so giebt man ihm gewöhnlich den guten 
Rath, dass er sich zusammennehmen und seine Gefühle be- 
herrschen solle, in der falschen Voraussetzung, dass die ver- 
nünftige Erkenntniss und der daraus hervorgehende Wille zur 
direeten Beseitigung der verkehrten oder fehlerhaften Gefühle 
hinreiche. Mir sind Beispiele bekannt, wo Menschen durch 
solchen guten Rath und solche Forderungen zur Verzweiflung 
getrieben wurden, weil sie, die Unmöglichkeit dieser Forde- 
rungen nicht erkennend, durch das vergebliche Bestreben, 
sich auf diesem Wege von vorherrschenden Gefühlen zu be- 
freien, dahin gebracht wurden, sich selbst für durchaus sünd- 
haft und verworfen zu halten. Was man in dieser Beziehung 
von sich und von Andern fordern kann, beschränkt sich dar- 
auf, • den zu bekämpfenden Gefühlen keinen Einfluss auf die 
Handlungen zu verstatten. Wer keine sündlichen Handlun- 
gen begeht, der braucht sich um die wider seinen Willen in 
ihm entstehenden sündlichen Gefühle nicht zu kümmern, und 
wenn man solche Gefühle nie zur That werden lässt, so ver- 
schwinden sie allmählig von selbst. Wer jede Aeusserung 
von Traurigkeit, Schwermutb, Empfindlichkeit, Zorn, Furcht 
u. s. w. beharrlich und vollständig zurückhält, der wird am 
Ende von jenen Aflecten ganz befreit, deren directe Beseiti- 
gung durch die Macht des Denkens und Wollens unmöglich 
war, und jede Leidenschaft verschwindet, wenn der damit 
Behaftete im Stande ist, sich hinreichend lange jede Befriedi- 
gung derselben zu versagen. 

Der Wille in gewöhnlichem Sinne des Wortes erscheint 
uns also als ein Resultat der Geistes- und Gemüthsthätigkeit, 
und das Wollen als hervorgehend aus Gedanken oder Ge- 
fühlen. Wir bemerken aber dennoch einen Unterschied zwi- 
schen dem Wollen und unseren sonstigen Gedanken und Ge- 
fühlen; wir finden, dass diese gleichsam eine Umwandlung 
erfahren müssen, ehe sie in ein Wollen übergehen, und wir 
werden dadurch zu einer näheren Untersuchung der Verän- 
derungen veranlasst, welche sie dabei erleiden. Wenn auf 
irgend eine Weise die Vorstellung in uns entsteht, dass es 


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angemessen, nützlich oder vernünftig sei, Dies oder Jenes zu 
thun, und wenn wir bei weiterem Ueberlegen und Nachden- 
ken immer deutlicher erkennen, dass sich die Sache in der 
That so verhalte: so können wir zu der klarsten und deut- 
lichsten Vorstellung von der Zweckmässigkeit und Nothwen- 
digkeit einer bestimmten Handlung gelangen, und doch haben 
wir deshalb noch nicht immer den Willen, sie auszufüh- 
ren. Es muss erst noch etwas hinzukommen, oder ein Hin- 
derniss beseitigt werden, ehe jener Gedanke in ein Wollen, 
die Vorstellung in einen Vorsatz übergeht. Ist der Vorsatz 
entstanden, so erkennen wir, dass er nichts enthält, was nicht 
auch in der Vorstellung enthalten gewesen wäre; aber die 
Form, in welcher dieser identische Inhalt im Bewusstsein 
hervortritt, ist eine andere geworden. Untersuchen wir diese 
Formänderung weiter, so finden wir zunächst eine Umkehrung 
in der Richtung des Gedankens: in dem Vorsatze herrscht 
die Neigung vor, sich nach aussen fortzubewegen, in der Vor- 
stellung die Neigung zur Fortbewegung nach innen; jene hat 
eine vorherrschend centrifugale, diese eine vorherrschend cen- 
tripetale Richtung. Ausserdem aber empfinden wir in der 
Regel den Vorsatz anders, als die Vorstellung; sein Entste- 
hen ist mit einem eigenthümlichen Gefühle verbunden, welches 
sich gewöhnlich auch auf das Herz reflectirt, und sobald ein 
gefasster Vorsatz als solcher, d. h. nicht als eine blosse Vor- 
stellung, sondern als Vorsatz im Bewusstsein reproducirt wird, 
erneuert sich auch dasselbe Gefühl, welches sein unsprüng- 
liches Entstehen begleitete. 

Diese Vereinigung oder Verschmelzung eines Gedankens 
mit einem Gefühle, scheint mir gerade Dasjenige zu sein, was 
den Vorsatz cliaracterisirt, und ihn von der Vorstellung we- 
sentlich unterscheidet. Bei den gleichgültigen Handlungen 
fehlt allerdings dies begleitende Gefühl entweder ganz, oder 
es ist kaum merklich; allein diese Handlungen erscheinen uns 
auch nicht als eigentliche Willensacte. Die Vorsätze, welche 
ihrer Ausführung vorhergehen, entstehen auf der Stelle, so- 
bald dieselbe als zweckmässig oder noth wendig erscheint; sie 
gehen ganz lind gar oder wenigstens fast ganz allein aus der 


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Geistesthätigkeit hervor, und weder bei dem Fussen derselben, 
noch bei der Vollziehung oder Unterlassung der entsprechen- 
den Handlungen bieten sich Schwierigkeiten dar. Bei allen 
übrigen, nicht gleichgültigen Handlungen treten mehr oder 
weniger Schwierigkeiten dem Fassen des Vorsatzes und sei- 
ner Ausführung entgegen. Diese Schwierigkeiten entstehen 
theils aus anderen Gedanken, welche die Folgen der Hand- 
lung bedenklich erscheinen lassen, theils aus widerstrebenden 
Gefühlen, wenn die Vollziehung der Handlung mit unseren 
Neigungen und Gewohnheiten in Widerspruch steht, wenn 
die Lust oder der Math dazu fehlt u. s. w. In allen diesen 
Fällen geht dem Fassen des Vorsatzes eine kürzere oder län- 
gere Wechselwirkung zwischen den Gedanken und Gefühlen 
vorher, welche uns als ein Hin- und Iler - Schwanken der 
Seelenthätigkeit erscheint und als solche bezeichnet wird. In 
demselben Augenblicke, in welchem nach einem vorhergegwi- 
genen Schwanken oder nach längerer Erwägung der Vorsatz 
gefasst wird, in demselben Augenblicke, in welchem man zu 
sich selbst sagt „ich will es“, fühlt man zugleich in sich 
eine merkliche Bewegung des Gemüthes, welche bei ernsten 
und wichtigen Vorsätzen als eine mächtige Erschütterung 
desselben empfunden wird, und wenn diese gleichzeitige Ge- 
müthsbewegung nicht eintritt, hat man auch keinen ernsten 
Vorsatz gefasst und kann ihn nicht fassen. Man bemüht sich 
oft vergebens, es zu thun, weil man wohl die erforderliche 
Vorstellung in sich hervorrufen, aber die erforderliche Theil- 
nahme des Gemüthes nicht erwirken kann. Wollen wir einen 
Anderen zu irgend einem bestimmten Vorsatze bringen, so 
begnügen wir uns nicht blos damit, ihm die Sache vorzu- 
stellen und seinen Verstand zu überzeugen, sondern wir su- 
chen vorzugsweise auf sein Gemüth einzuwirken, weil wir 
wohl wissen, dass- es darauf hauptsächlich ankommt: Eltern, 
Lehrer und Prediger bemühen sich fast immer, auf diesem 
Wege gute Vorsätze bei ihren Kindern, ihren Schülern und 
ihrer Gemeinde zu erwecken und zu befestigen. Je tiefer 
das Gemüth bei dem Fassen des Vorsatzes ergriffen war, 
desto fester und kräftiger ist er; je weniger das Gemüth sich 


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dabei betheiligte; desto schwächer und vergänglicher. Ein 
unter heftiger Rührung gefasster Entschluss kann für die 
ganze Lebenszeit des Menschen fortbestehen. Nimmt das 
Gemüth gar keinen Tbeil daran, so ist der Vorsatz nur schein- 
bar vorhanden, der Mensch ist stehen geblieben bei der blos- 
sen Vorstellung, etwas'thun zu wollen, und täuscht sich selbst, 
wenn er einen fruchtbringenden Vorsatz gefasst zu haben 
glaubt. In demselben Maasse, in welchem der Mensch tiefer 
und dauernder Gefühle fähig ist, ist auch sein Wille kräftig 
und energisch; bei schwachen) Gemüthern suchen wir ein 
energisches Wollen und feste Vorsätze vergebens. 

Das Denken wird also hauptsächlich durch die Einwirkung 
des Gemüthes zu einem Wollen; an und für sich bleibt es 
mehr oder weniger gleichgültig gegen die Ausführung seiner 
eigenen Gedanken; nur in ihrer Vereinigung mit einem be- 
wegenden Gefühle wird die Vorstellung zu einem wirksamen 
Vorsatze. Wir lernen hieraus einsehen, warum unsere Sprache 
jede Erregung des Gemüthes eine Gemüthsbewegung 
nennt, und erkennen das Gemüth vorzugsweise als das zum 
Wollen und Handeln antreibende, bewegende Princip der See- 
lenthätigkeit. Daher fühlen wir uns auch zur Thätigkeit an- 
getrieben oder in unserem Thun gehemmt, je nachdem positive 
oder negative, anregende oder hemmende Gefühle in uns vor- 
herrschen; daher geht jede geistige und körperliche Arbeit 
leicht von Statten, wenn sie mit Lust, und schwer, wenn sie 
mit Unlust vollzogen wird; daher besteht auch die Willens- 
thätigkeit entweder in einem positiven Wollen oder in einem 
negativen Nicht-Wollen, und sind unsere Vorsätze ebenfalls 
positive oder negative, anregende oder hemmende, suchende 
oder fliehende. In isolirter Thätigkeit beschränkt sich der 
Geist auf das Erkennen; er will nur wissen, alles übrige 
Thun und Treiben ist ihm gleichgültig, und nur der Einfluss 
des Gemüthes erweckt in ihm den Trieb zu eigener Thätig- 
keit und das Verlangen, sein eigenes Wissen und Erkennen 
auch in der Aussenwelt geltend zu machen und durch die 
That zu realisiren. Je mehr das Gemüth an dem Fassen 
eines Vorsatzes Theil genommen hat, desto mehr fühlen wir 


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uns zur Ausführung desselben angetrieben, desto mehr nimmt 
der Vorsatz selbst die Gestalt eines Triebes an und existirt 
als solcher in unserem Bewusstsein ; je weniger dies der Fall 
ist, desto mehr behält er den Character einer blossen Vor- 
stellung und ist mit keinem Antriebe zur That verbunden. 

Diese Verhältnisse machen es begreiflich, dass ein Vorsatz 
oft lange in uns bleiben kann, ohne ausgeführt zu werden, 
dass wir ihn fassen können für eine künftige Zeit, und dass 
er erst dann, wenn die Zeit zur Ausführung gekommen ist, 
zu einem Triebe wird. Haben wir durch unsere denkende 
Thätigkeit unter Mitwirkung von Gefühlen einen Vorsatz ge- 
fasst, der erst später ausgeführt werden kann und soll, so 
tritt das Gefühl in den Hintergrund, und der Vorsatz bleibt 
in der Form einer Vorstellung im Bewusstsein; aber wenn 
der Augenblick der Ausführung herannaht, wenn der Gedanke 
kommt, jetzt ist der Zeitpunkt da, wo geschehen muss, was 
wir uns vorgenommen haben, so reproducirt dieser Gedanke 
das bei dem ersten Fassen des Vorsatzes da gewesene Ge- 
fühl, und die Vorstellung erhält dadurch wieder den Charac- 
ter des Vorsatzes oder Triebes. 

Der Gedanke allein treibt nicht, er kann lange im Be- 
wusstsein bleiben, ohne zur That zu werden; ja unendlich 
Vieles, was wir gerne ausführen möchten, was uns als zweck- 
mässig oder noth wendig erscheint, bleibt unausgeführt, weil 
das Gemüth nicht zur Theilnahme zu bewegen ist. An dem 
Mangel dieser Theilnahme, an dem Mangel treibender Gefühle, 
und an dem Unvermögen sie hervorzurufen und den Gedan- 
in einen Trieb zu verwandeln, scheitern nicht selten unsere 
besten Vorsätze. Wir erkennen z. B. die dringende Noth- 
wendigkeit, eine Arbeit auszuführen, aber die Lust fehlt und 
wir bemühen uns vergebens, den Trieb zur Arbeit in uns 
hervorzurufen: er will nicht kommen, und die Arbeit wird 
gar nicht oder schlecht vollendet. Können wir es jedoch in 
solchen Fällen nur über uns gewinnen, die Arbeit zu begin- 
nen und beharrlich fortzusetzen, so pflegt sich der Einfluss 
der Gedanken auf das Gemüth allmählig geltend zu machen; 
die Unlust und das widerstrebende Gefühl, womit die Arbeit 


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begonnen wurde, verlieren sich mehr und mehr, und zuletzt 
können wir sie mit Lust und Liebe fortsetzen und beendigen. 
Die Wahrheit des bekannten Sprichwortes „ aller Anfang ist 
schwer“ beruht grösstentheils auf dieser psychologischen That- 
sache. Den Anfang macht gewöhnlich ein gedachter Vorsatz, 
und so lange der Geist allein arbeiten, vielleicht gar ein wi- 
derstrebendes Gefühl überwinden soll, hat er immer eine 
schwere Arbeit; wenn Geist und Gemüth Hand in Hand ge- 
hen und mit vereinten Kräften arbeiten, so ist sogar der An- 
fang leicht, und der Fortgang geschieht ohne alle Schwierig- 
keit. Stimmt der gedachte Vorsatz mit einer vorherrschenden 
Neigung oder Leidenschaft überein, so erwacht der Trieb zur 
Thätigkeit sogleich mit solcher Lebhaftigkeit und Energie, 
dass die erforderliche Arbeit mit der grössten Leichtigkeit, 
Kraft und Beharrlichkeit ausgefiihrt wird. 

So wie die Gedanken durch den Einfluss des Gemüthes 
in ein Wollen übergehen, eben so scheinen auf der andern 
Seite die Gefühle durch die Einwirkung des Denkens zu be- 
stimmten Trieben zu werden. Alle activen Gefühle, die Nei- 
gung, das Interesse, die Liebe, haben zwar an und für 
sich schon eine centrifugale Bewegungsrichtung; sie können 
aber dessen ungeachtet in uns vorhanden sein, ohne dass wir 
uns durch sie zu den entsprechenden Handlungen getrieben 
fühlen; so leicht sie auch in die verwandten Triebe überge- 
hen, es muss doch noch etwas hinzukommen oder etwas an 
ihnen verändert werden, ehe sie als bestimmte Triebe erschei- 
nen. Was aber hinzukommen muss, ist nichts Anderes, als 
der entsprechende Gedanke, mit dem sie sich verbinden. Die 
höheren Grade des Interesses , die Leidenschaften , sind den 
Trieben so nahe verwandt, dass man sie fast dafür halten 
möchte; allein sie können in uns existiren, ohne dass wir 
durch sie zu irgend einer Handlung angetrieben werden. Sie 
können in uns schlummern, ohne dass wir ihr Dasein bemer- 
ken; um sie zu erwecken und in Triebe umzuwandeln, ist 
alsdann nicht weiter nöthig, als dass wir an sie erinnert wer- 
den. Jede zufällig entstehende Vorstellung, welche zu einer 
vorhandenen Leidenschaft in irgend einer Beziehung steht, 


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kann sie erweeken und durch ihr Ilinzutreten zu einem Triebe 
oder einer Leidenschaft umgestalten. Herrschende Leiden- 
schaften rufen aber auch durch ihre Einwirkung auf die Gei- 
stesthätigkeit verwandte Gedanken hervor, und gehen dadurch 
in Triebe oder Begierden über: je mehr man an den Gegen- 
stand der Leidenschaft denkt, desto mehr erscheint ihre Be- 
friedigung als ein unabweisbares Bedürfniss. Wir können 
hungrig sein, ohne es zu wissen und ohne einen Trieb zum 
Essen zu verspüren; wir fühlen uns unbehaglich und bemer- 
ken, dass uns etwas fehlt, aber wir wissen nicht was; sobald 
aber, vielleicht in Folge des zufälligen Anblickes von Spei- 
sen, der Gedanke in uns entsteht, dass wir hungrig sein 
könnten, macht sich auf der Stelle der Trieb zum Essen in 
-uns geltend. Wenn sich mit dem Gefühle des Mitleids, wel- 
chen der Anblick eines Leidenden anregt, die Vorstellung 
verbindet, dass dem Leiden abgeholfcn werden könne, so ent- 
steht in uns der Trieb, zu helfen, und wenn mit dem Gefühle 
einer erlittenen Kränkung der Gedanke sich verbindet, dass 
wir sie nicht dulden dürfen, sondern Vergeltung ausüben 
müssten, so erwacht in uns der Trieb, die erlittene Beleidi- 
gung zu rächen. Alle leiblichen und geistigen Bedürfnisse 
kündigen sich in der Regel zunächst in dem Geinüthe an, in 
unbestimmten Gefühlen, welche eine gewisse Unruhe, Unbe- 
haglichkeit, Langeweile, Unzufriedenheit, eine innere Span- 
nung oder eine, unbestimmte Sehnsucht erzeugen; aber erst 
von dem Augenblicke an, wo die Bedeutung dieser Gefühle 
im Bewusstsein vorgestellt und erkannt wird, gehen sie in 
bestimmte Triebe über. Eins der auffallendsten und bekann- 
testen Beispiele davon giebt das Erwachen des Geschlechts- 
triebes zur Zeit der Pubertät. 

Bei einer genauen Untersuchung des Inhaltes unseres Be- 
wusstseins erkennen wir Gedanken und Gefühle als einfache 
Elemente, welche keine weitere Analyse gestatten; jeden Trieb 
können wir aber in ein treibendes Gefühl und einen leitenden 
Gedanken zerlegen: die Triebe unterscheiden sich eben da- 
durch von anderen Gefühlen, dass sie einen bestimmten Ge- 
danken in sich schliessen, und uns zu dessen Vollziehung, 


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d. h. zur Erfüllung eines bestimmten Zweckes auffordern. 
Dieser Zweck, das in dem Triebe enthaltene und mit ihm 
gegebene Ziel des Strebens und Wollens, ist aber stets ein 
Gedachtes, ein Gedanke, eine uns innerlich vorschwebende 
Vorstellung von Demjenigen, was durch die Handlung be- 
wirkt werden soll. Jeder Trieb enthält eben so, wie jeder 
Vorsatz, ein Vorbild der auszuführenden Handlung in sich, 
und wenn wir uns dessen auch nicht bewusst sind, so offen- 
bart sich sein Dasein doch durch die Zweckmässigkeit des 
Thuns. In dem aus dem Denken entsprungenen Vorsatze ist 
der leitende Gedanke, die deutliche Vorstellung der auszu- 
führenden Handlung die Hauptsache, in dem aus dem Ge- 
müthe entsprungenen Triebe das treibende Gefühl; allein so 
wenig der Vorsatz ohne gleichzeitiges treibendes Gefühl zur 
That wird, eben so wenig wird die durch einen Trieb be- 
wirkte Handlung ausgeführt ohne leitenden Gedanken. In- 
dem alle durch einen Trieb erzeugten Handlungen auf die 
Erfüllung eines Zweckes gerichtet sind, und mehr oder we- 
niger zweckmässig ausgeführt werden, geben sie deutlich den 
in dem Triebe enthaltenen Gedanken zu erkennen. Dies 
zeigt sich schon in dem Saugen des neugeborenen Kindes in 
Folge des in ihm vorhandenen Nahrungstriebes, und bei 
Allem, was wir in Folge eines Triebes thun, bei jeder Arbeit, 
beim Essen, Laufen, Sprechen, Singen u. s. w. Nur bei ganz 
enormen und krankhaften Steigerungen der Affecte und Lei- 
denschaften vermissen wir in dem Thun des Menschen den 
Zweck und in der Ausführung die Zweckmässigkeit: der 
Mensch handelt alsdann aus einem blinden Antriebe. Die 
enorme Erregung des Gemüths geht auf der Stelle und ohne 
vorhergehende Wechselwirkung mit der Intelligenz auf die 
motorischen Nerven über, und bewirkt ein ungestümes und 
gewaltsames, aber gedankenloses und zweckloses Thun, z. B. 
die Angst ein Umherlaufen, die Wuth ein Umsichschlagen 
ohne Zweck und Ziel. Der Mensch weiss alsdann gar nicht, 
was er thut, er hat aber auch keine bestimmten Triebe und 
vollzieht keine eigentlichen Handlungen, sondern nur stür- 
mische Muskelbewegungen. Zustände dieser Art sind auch 


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ohne Ausnahme mit einer temporairen Verwirrung des Ver- 
standes verbunden. 

Wir sehen also, dass das bestimmte Wollen keine für sich 
bestehende Seelenthätigkeit ist, sondern aus der Wechselwir- 
kung und Vereinigung von Gedanken und Gefühlen resultirt. 
Gedanken und Gefühle sind theils identisch, theils einander 
entgegengesetzt, und stehen in einem analogen Verhältnisse 
zu einander, wie Säuren und Basen, positive und negative 
Electricität, Licht und Wärme. Sie wirken nicht nur anre- 
gend und hemmend, anziehend und abstossend auf einander; 
sondern sie treten auch in Spannung mit einander und stre- 
ben nach Vereinigung und Verschmelzung. In ihrer Vereini- 
gung erzeugen sie alsdann ein Drittes, von Beiden Verschie- 
denes, das bestimmte Wollen, den Trieb oder Vorsatz. Das 
Wollen ist daher einem Salze zu vergleichen, welches aus 
der Auflösung einer Säure und Basis krystallisirt, oder dem 
zündenden Blitze, in welchen die positive und negative Elec- 
tricität zusammenschlagen, oder der lodernden Flamme, zu 
welcher Licht und Wärme sich verbinden. So wie aber das 
Kind die Eigentümlichkeit beider Eltern an sich tragen, 
und doch bald dem Vater, bald der Mutter ähnlicher sein 
kann; so wie in dem Salze bald die Säure, bald die Basis 
prävalirt, oder die Flamme bald mehr leuchtet, bald mehr 
wärmt; eben so trägt auch das Wollen bald mehr das Ge- 
präge des Einen, bald des Anderen seiner Erzeuger: in dem 
Vorsatze ist das Licht des Geistes das vorherrschende Ele- 
ment, in dem Triebe die Wärme des Gemüthes. In so ferne 
nun das Gemüth die Haupttriebfeder der Handlungen und 
aller Seelenthätigkeit ist, und alle Vorsätze, wenn sie die 
wirkende Ursache von Handlungen werden, mehr oder we- 
niger in einen Trieb übergehen, kann man die Triebe als 
die nächste innere Ursache der Handlungen bezeichnen, wenn 
es darum zu thun ist, einen allgemeinen Ausdruck dafür zu 
haben. Man darf alsdann aber nicht vergessen, dass die 
Triebe in engerem und ursprünglichen Sinne des Wortes 
eigentlich nur dem Gemüthe angehören. 

Je mehr in dem Triebe, in jenem weiteren Sinne des 


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Wortes, der Gedanke vorwaltet, mit desto grösserer Ruhe 
und Ordnung, Besonnenheit, Kaltblütigkeit und Ueberlegung 
wird die Handlung vollzogen; je mehr das Gefühl vorherrscht, 
desto rascher, plötzlicher, ungestümer und energischer ge- 
schieht sie, desto mehr vermisst man aber dabei die gehörige 
Regelmässigkeit und Ordnung, und desto leichter wird Maaes 
und Ziel überschritten. Je mehr der Gedanke vorherrscht, 
desto leichter kann der Mensch den Trieb beherrschen oder un- 
terdrücken, je mehr das Gefühl vorherrscht, desto schwerer wird 
es, ihm zu widerstehen. Stärkere Affecte und Leidenschaften 
üben eine solche Wirkung auf die Intelligenz, dass sie den Men- 
schen des Lichtes derselben berauben, ihn blenden oder verblen- 
den. Der Gedanke, mit welchem sich das aufgeregte Gefühl 
zum leidenschaftlichen Triebe verbindet, ist eine trügerische, 
von der Leidenschaft aufgedrungene Vorstellung. Der Mensch 
weiss in solchen Fällen wohl, was er thut, aber erst nachdem 
die leidenschaftliche Aufregung und Spannung durch die voll- 
zogene That ausgeglichen ist, wird er von seiner Verblendung 
befreit und in den Stand gesetzt, die wahre Bedeutung seiner 
Handlung und ihre wirklichen Folgen zu erkennen. 

Das Gemüth ist in dem Wollen das Treibende, der Geist 
das Leitende und Zügelnde; das quantitative Moment 
der Handlung, Kraftanstrengung, Energie und Ausdauer, ist 
vorzugsweise von dem Gefühle abhängig, das qualitative 
Moment, die Art und Weise der Ausführung, die Regel- 
mässigkeit und Ordnung derselben, vorzugsweise von den 
Gedanken. Wenn wir z. B. aus irgend einer Absicht oder 
zu irgend einem Zwecke einen Gegenstand ergreifen wollen, 
so bewegen wir die Hand ruhig und langsam nach dem Ge- 
genstände hin, fassen ihn, wie es am bequemsten ist, und 
verwenden zu seinem Festhalten nicht mehr, als die erforder- 
liche Kraft. Ist aber das Gemüth dabei sehr betheiligt, so 
greifen wir rasch und hastig zu, fassen den Gegenstand ohne 
Rücksicht darauf, wie er am bequemsten zu halten sei, und 
packen ihn mit einem viel grösserem Kraftaufwande, als zmn 
Festbalten nöthig wäre. Wenn Furcht zum Entfliehen treibt, 
so wird dio Schnelligkeit der Flucht durch den Afl'ect be- 
stimmt, der Ort, wobin geflohen wird, von der Intelligenz, 


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und ist die Furcht so gross, dass sie allein den Trieb erzeugt, 
so wird die Flucht blindlings und ohne Ziel fortgesetzt, bis 
sie durch irgend ein äusseres Ilinderniss oder Erschöpfung 
der Kräfte gehemmt wird. Auch bei dem gewöhnlichen Ge- 
hen wird die Schnelligkeit oder Langsamkeit unseres Ganges 
zunächst durch das Gefühl bestimmt; denn selbst, wenn der 
Gedanke, dass wir zu spät kommen möchten, unsere Schritte 
beschleunigt, ja wenn wir ohne besonderen Grund absichtlich 
rascher vorwärts schreiten, so entsteht dabei immer in uns 
ein Gefühl von Unruhe, welches zunächst und unmittelbar 
die Beschleunigung unterer Schritte veranlasst. Auf ähnliche 
Weise können wir durch Aualysiren unserer Handlungen den 
Antheil, welchen Geist und Gemüth daran nehmen, in der 
Regel ohne Mühe ausfindig machen. 

Jede Handlung wird vollzogen vermittelst einer Aufein- 
anderfolge von combinirten Muskelbewegungen. Die Succes- 
sion derselben wird vorzugsweise von der Intelligenz bestimmt, 
ihre Combination und Intensität von dem Gemüthe. Mit Aus- 
nahme der Sprache scheint die Intelligenz auf die Combina- 
tionen der Muskelthätigkeit bei allen Körperbewegungen, z. B. 
beim Gehen, Laufen, Springen, Tanzen, Singen u. s. w. einen 
verhältnissmässig sehr geringen Einfluss zu haben, das Ge- 
müth hingegen einen sein - entschiedenen und bedeutenden. 
Alle dazu erforderlichen combinirten Muskelbewegungen ge- 
schehen mit einer desto grösseren Leichtigkeit, Präcision und 
Sicherheit, je mehr das Gemüth sich dabei betheiligt, und 
jede Verstörung des Gemüthes zieht eine Unregelmässigkeit 
und Unsicherheit derselben nach sich. Melancholische kön- 
nen z. B. aus diesem Grunde manchmal die einfachsten Ar- 
beiten nicht gehörig verrichten, sie können nicht ordentlich 
sticken, nähen, Clavier spielen, wenn sie auch noch so geübt 
darin waren. In allen exaltirten Gemüthszuständen gesche- 
hen alle solche combinirte Muskelbewegungen mit einer un- 
gewöhnlich grossen Leichtigkeit und Sicherheit. Diese That- 
snehe ist für die Physiologie des Nervensystems nicht ohne 
Bedeutung, und wenn durch die Experimental-Physiologie, 
namentlich dnreh Vivisectioneu, ermittelt worden ist, dass das 


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kleine Gehirn gleichsam ein Regulator für die combinirten 
Muskelbewegungen sei, so dient dies zur Bestätigung der 
Hypothese, dass es als das eigentliche Centralorgan des Ge- 
mäthes betrachtet werden müsse. 

So wie der Gedanke bei der Vollziehung der Handlungen 
das leitende und regelnde, die Zweckmässigkeit des Thuns 
bestimmende Princip ausmacht, so kann und soll im gesunden 
Seelenleben der Trieb dem Zwecke untergeordnet bleiben: 
das verständige und vernünftige Denken soll durch seine Vor- 
sätze und Entschlüsse die Handlungen beherrschen, die Triebe 
lenken, die Begierden zügeln. In der Regel geht der Aus- 
führung von Handlungen ein innerliches Ueberlegen vorher, 
wobei der Verstand die Zweckmässigkeit und die Folgen der 
Handlung erwägt, dabei aber in steter Wechsel wiekung mit 
dem Gemüihe bleibt, so dass die ganze Seelenthätigkeit wäh- 
rend dieser Zeit sich auf innere Bewegungen zwischen Geist 
und Gemüth beschränkt. Erst nachdem dieser innerliche 
Process durch das Hervortreten eirifes bestimmten Vorsatzes 
beendigt worden ist, wendet sich die vereinte Thätigkeit des 
Geistes und Gemüthes nach aussen, um den gefassten Vor- 
satz mit vereinten Kräften auszuführen. Ist das Gemüth in 
einem ruhigen Zustande, so bleibt die Herrschaft des Geistes 
bei der Bestimmung des Vorsatzes unbestritten; ist es in 
einem leidenschaftlichen Zustande, so erscheint jener innerliche 
Process als ein Kampf des Geistes mit dem Gemüthe, oder 
der Vernunft mit der Leidenschaft (des Geistes mit dem 
Fleische). In diesem Kampfe kann die Wage oft lange 
schwanken, in dem einem Augenblicke scheint die Vernunft, 
in dem andern die Leidenschaft die Oberhand zu gewinnen, 
und bisweilen kann ein geringfügiger und ganz zufälliger 
Umstand nach der einen oder der anderen Seite hin den Aus- 
schlag geben. Befindet sich das Gemüth in einem übermässig 
und krankhaft erregten Zustande, so macht es mit unwider- 
stehlicher Gewalt seine Herrschaft geltend, und reisst den 
Verstand mit sich fort zu einem der krankhaften Gemüths- 
stimmung entsprechenden Thun. Auf diesen Unterschieden 
beruht das Vorhandensein oder der Mangel der Willkühr oder 


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der Zurechnungsfähigkeit und Freiheit in dem gewöhnlichen 
und criminalistischen Sinne des Wortes. Bei ruhigem Ge- 
müthszustande ist der Mensch in diesem Sinne ein Freier, 
bei leidenschaftlicher Gemüthsbewegung ein Halb freier, bei 
vorhandener Gemiithskrankheit ein Unfreier, auch in den- 
jenigen Fällen, wo keine krankhafte Geistesschwäche und 
keine Verstandes Verwirrung gleichzeitig Statt findet. Die 
Juristen und Criminalisten behaupten freilich grösstentheils, 
der Mensch könne nur entweder frei und zurechnungsfähig, 
oder unfrei und unzurechnungsfähig sein, und wollen zwischen 
Freiheit und Unfreiheit schwebende Mittelzustände ungern 
anerkennen; sie tliäten aber besser, anzuerkennen, was in der 
Wirklichkeit existirt, und was sich auch bei ihnen fast wider 
ihren Willen geltend macht, in so ferne sie nicht umhin kön- 
nen, heftige Gemüthsbewegungen, z. B. Reizung zum Zorn, 
als einen Milderungsgrund bei der Bestrafung begangener 
Verbrechen gelten zu lassen. 

In allen denjenigen Fällen, in welchen ein innerer Kampf 
der Vernunft und des Verstandes mit Sinnlichkeit und Lei- 
denschaft Statt findet, zeigt es sich recht deutlich, dass unser 
eigentliches Ich wesentlich ein Denkendes ist, indem Sinnlich- 
keit und Leidenschaft und alle dem Denken und denkend be- 
stimmten Wollen entgegenwirkenden Gefühle uns als etwas 
Fremdartiges, ausser uns Befindliches und von aussen her 
sich Aufdrängendes erscheinen. Es zeigt sich ferner in der 
Wechselwirkung des Geistes und Gemiithes, aus welcher der 
bestimmte Wille als Resultat hervorgeht, derselbe Wechsel 
und dieselbe Vereinigung centripetaler und centrifugaler Be- 
wegungen, welche bei der besonderen Thätigkeit des Geistes 
und des Gemiithes in ihren verschiedenen Sphären stets zum 
Vorschein kommen. In dieser Wechselwirkung verhält sich 
das Gemüth centripetal oder passiv, der Geist centrifugal 
oder activ: Triebe und Begierden drängen sich von aussen 
her dem Geiste auf, Vorsätze und Entschlüsse wirken von 
innen heraus. Die Triebe und Vorsätze regen sich ferner 
gegenseitig an und gehen in einander über, so dass der ur- 
sprüngliche Trieb zu einem Vorsatze wird und dieser zu 

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einem Triebe. Diese reflectirten Bewegungen werden, wie 
ich glaube, durch einen besonderen Nervenkreis vermittelt, 
welcher das grosse und kleine Gehirn mit einander verbindet, 
durch die von Burdach so genannten Bindearme oder crura 
cerebelli ad Corpora quadrigemina. Wenn aber der Wille nur 
aus der Wechselwirkung und Vereinigung von Gedanken und 
Gefühlen hervorgeht, so müssen die drei Entwicklungsstufen, 
welche wir in der Thätigkeit des Geistes und des Gemüthes 
erkannt haben, auch in den Aeusserungen des Willens zum 
Vorschein kommen, und diese drei Sphären der Willensthä- 
tigkeit sind: der Instinct, die Willkühr und die Frei- 
heit oder das freie Wollen. 

1. Instinct. 

Die Thätigkeit des Instinctes besteht in einem Suchen 
nach Befriedigung eines passiven, von aussen her sich auf- 
drängenden Bedürfnisses, und einer activen, von innen 
nach aussen gerichteten Absicht. Das Bedürfniss ist ein 
aus unmittelbarer Empfindung hervorgegangener Trieb, die 
Absicht ein aus unmittelbarer Anschauung hervorgegangener 
gedachter Zweck: jenes ist das gemüthliche, diese das gei- 
stige Element der instinctartigen Willenstliätigkeit. 

Im Bewusstsein erscheint der Trieb in dieser Sphäre als 
ein Verlangen, z. B. nach Obdach, Nahrung, Wärme, Thä- 
tigkeit oder Ruhe u. s. w., und das dieses Verlangen befrie- 
digende Thun ist ein unmittelbares Schaffen (Beschäftigung), 
Arbeiten und Wirken mit dem Zwecke, das zum eige- 
nen Bedarf und Gebrauch Erforderliche sich zu verschaffen 
und zu erwerben. Der Mensch muss arbeiten um zu 
leben, um sich körperlich und geistig zu erhalten und aus- 
zubilden, und er empfindet den Trieb zu diesem Thun als 
eine Naturnotwendigkeit, als ein Müssen. Der Instinct 
treibt die Menschen wie das Thier zur Befriedigung seiner 
Bedürfnisse, zur Uebung und Ausbildung der ihm iuwolmen- 
den Kräfte und Fähigkeiten. Instinctartig sucht das Kind 
die Mutterbrust und verkündet seine Bedürfnisse durch Ge- 
schrei; instinctartig bewegt es seine Glieder und versucht 


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später zu kriechen, zu gehen und zu sprechen; instinctartig 
wie der Nahrungstrieb, erwachen in ihm alle zur Erreichung 
der Lebenszwecke dienenden Triebe, der Spieltrieb, der Nach- 
ahmungstrieb, der Lerntrieb, und in reiferem Alter der Ge- 
schlechtstrieb. Der Instinct lässt sich mit dem organischen 
Bild ungs triebe vergleichen; denn wie die Pflanze Zweige 
und Blätter hervortreibt, um die künftige Blüthe und Frucht 
vorzubereiten, eben so bereitet das Kind durch Erfüllung 
seiner Triebe sich für das spätere Leben vor, und eben so 
wird der Erwachsene durch seine Bedürfnisse zur Arbeit ge- 
trieben, wodurch er sich zu verschaffen sucht, was er zur 
Selbsterhaltung, Selbstentwicklung und Fortpflanzung bedarf. 
Auf die Erfüllung dieser Zwecke sind alle instinctartigen 
Triebe berechnet, und in ihrer Zweckmässigkeit offenbart sich 
die in ihnen waltende göttliche Vernunft, in ihrem selbstän- 
digen Erwachen bei dem Kinde ohne äussere Anregung die 
Spontaneität der menschlichen Seelenthätigkeit. 

Dass der Instinct in dem Kückenmarke (mit Einschluss 
der medulla oblongata und des Ilirnstammes) seinen Sitz habe, 
ist um so weniger zu bezweifeln, wenn man erwägt, wie aus- 
serordentlich gross die Entwicklung desselben bei vielen wir- 
bellosen Thieren ist, namentlich bei vielen Insecten, den Bie- 
nen, Ameisen, Wespen, Schlupfwespen, Spinnen u. s. w. Die 
falsche Vorstellung, dass diese Thiere neben dem Rücken- 
marke auch ein Gehirn besitzen, welche so manche physio- 
logische und psychologische Irrtliümer zur Folge gehabt hat, 
wird hoffentlich bald ganz aus der vergleichenden Anatomie 
und Physiologie verschwinden. 

Ausser den ursprünglich aus dem Instincte hervorgehen- 
den Handlungen vollzieht der Mensch noch eine Menge an- 
derer instinctartig, welche zuerst durch die Thätigkeit des 
Verstandes und der Willkiihr zu Stande kamen. Jede durch 
Uebung und Gewöhnung erworbene Fertigkeit, z. B. Lesen, 
Schreiben, Tanzen, Spielen musikalischer Instrumente, Ba- 
lanciren u. s. f. kann, wenn sie erst erworben ist, instinctartig 
ausgeübt werden, und es ist schon früher darauf aufmerksam 
gemacht worden, dass die Thätigkeit der Sinnesorgane und 

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des Rückenmarkes allein dazu liinreiclit. Man kann richtig 
nach Noten spielen, lesen, vorlesen, abschreiben, gehörte 
Worte nachsprechen, ohne daran zu denken, und ohne dass 
die bewusste Verstandes- und Willensthätigkeit sich dabei 
betheiligt. Aus dieser Thatsache lassen sich wichtige Folge- 
rungen herleiten. _ Zuerst geht daraus hervor, dass das Rücken- 
mark alle diese Handlungen selbständig vollzieht, und wenn 
dieselben Handlungen vom Gehirn ausgehen, wird dasselbe 
der Fall sein, d. h. die durch den Vorsatz im Gehirne ange- 
regte Bewegung pflanzt sich nicht direct zu den Muskeln 
fort durch motorische Nervenfäden, welche continuirlich von 
dem Gehirne au den Muskeln verlaufen; sondern sie gehen 
unmittelbar nur fort bis zum Rückenmarke, und werden von 
diesem aus wiederum auf die betreffenden Muskelnerven über- 
tragen. Ferner folgt daraus, dass in dem Rückenmarke ver- 
schiedene Centralpuncte existiren müssen, von welchen aus 
die zu der Ausführung der verschiedenen Handlungen erfor- 
derlichen Combinationen von Muskelbewegungen regulirt wer- 
den, und wenn wir erwägen, dass das Rückenmark der wir- 
bellosen Gliederthiere aus einer Kette mit einander verbun- 
dener Ganglien besteht, von welchen jedes vermittelst der 
aus ihm entspringenden Nerven die Bewegungen eines Fuss- 
paares regulirt: so wird es wahrscheinlich, dass auch das 
menschliche Rückenmark aus einer Kette an einander gerück- 
ter und mit einander verschmolzener Ganglien bestehe, deren 
jedes seine besonderen Functionen zu vollziehen habe, und 
einerseits mit den unter seiner Herrschaft stehenden Organen, 
andrerseits mit dem Gehirn durch mehr oder minder zahl- 
reiche Nervenfäden in Verbindung stehe. Endlich können 
wir daraus schliessen, dass das Gehirn sich wohl gegen die 
vernünftige Geistesthätigkeit eben so verhalten werde, wie 
das Rückenmark gegen den Verstand und das Gehirn, d. h. 
dass das Gehirn durch Uebung und Gewöhnung Fertigkeiten 
erlangen könne, die ihm nicht ursprünglich inwohnen, dass 
es aber die erworbene Fertigkeit selbständig ausüben kann, 
ohne dass das vernünftige Nachdenken und das Selbstbewusst- 
sein dabei auf irgend eine Weise betheiligt zu sein brauchen. 


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2. W i 1 1 k ü h r. 

Die oigenthiimliche Thätigkeit der Willkühr ist das Be- 
streben, welches einerseits aus dem zur Begierde gewor- 
denen Bedürfhiss hervorgeht, andrerseits aus der zum be- 
stimmten Vorsatze entwickelten Absicht. Die Begierde ist 
ein passiver, von aussen her sich aufdrängender Trieb, ein 
innerlich gewordenes Bedürfniss, der Vorsatz ein activer, von 
innen heraus wirkender Trieb, eine innerliche Absicht: die 
Begierde entspringt aus Gemüthsbewegungen , Affecten und 
Leidenschaften, der Vorsatz aus verständiger Ueberlegung. 
In der Begierde macht sich das Selbstgeiuhl , der Mutl» und 
die Gemüthsstimmung geltend, in dem Vorsatze das bestimmte 
Urtheil des Verstandes. So wie wir in einem Satze unsre 
Meinung aussprechen und behaupten, ebenso ist der Vor- 
satz die Meinung des Verstandes, und die Begierde die Mei- 
nung des Selbstgefühles in Beziehung auf eine auszuführende 
Handlung. In seinen Begierden und Vorsätzen verhält sich 
der Mensch mehr oder weniger selbstsüchtig oder egoistisch, 
indem sein willkührliehes Bestreben stets darauf gerichtet ist, 
sich selbst, seine eigene Einsicht, seine Stimmung, seine Af- 
fecte und Leidenschaften geltend zu machen. Die Rücksicht 
auf Andere und auf das Allgemeine tritt dabei sehr leicht 
in den Hintergrund; ein rücksichtsloses Verfahren wird 
daher sehr oft ein willkührliehes genannt, und nur zu oft 
wird der Mensch durch Ehrgeiz, Habsucht, Ruhmsucht und 
andere Leidenschaften zu einem rücksichtslosen, willkiihrlichen 
und despotischen Verfahren gegen Andere verleitet. 

Im Bewusstsein erseheint der willkührliche Trieb als ein 
Wunsch, der erfüllt werden kann oder nicht. An die Stelle 
des instinctartigen Müssen tritt hier das Können, und die 
dem eigenen Ermessen überlassene W T ahl, das Thun- und 
Unterlassen-Können begründet die Willkülir, welche wesent- 
lich auf der Selbstbestimmungsfähigkeit beruht. Das 
Vermögen sich selbst zu bestimmen oder zu wählen wird da- 
durch bedingt, dass der entstehende Trieb nicht unmittelbar 
zur That wird, sondern eine Wechselwirkung von Gedanken 


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358 


und Gefühlen, oder eine innere Ueberlegung vorhergeht, deren 
Resultat den Vorsatz und die Handlung bestimmt. Handlun- 
gen, welche ohne alle vorhergehende Ueberlegung geschehen, 
erscheinen uns als unwillkiihrliehe, sowohl wenn sie durch 
einen übermässigen Affect veranlasst werden, als wenn sie, 
wie das gleichgiiltge Thun, in einfachen Reflexbewegungen 
von Vorstellungen bestehen. In der aus der Ueberlegung 
resultirenden Selbstbestimmung können bald die Gedanken, bald 
die Gefühle vorherrschen; in beiden Fällen ist aber die nach- 
folgende Handlung eine willkührliche, und in beiden Fällen 
ist das Denken oder der Verstand mehr oder weniger activ 
oder passiv dabei betheiligt. 

Für alle willkührliehen Handlungen erscheint uns der 
Mensch als verantwortlich, und alles Böse, was er vorsätzlich 
begeht als seine Schuld. Wenn er seinen Begierden dabei 
nachgegeben, und sich durch sie gleichsam zu einer schlech- 
ten Handlung hat überreden lassen, so entschuldigt ihn dies 
in unseren Augen nicht mehr, als wenn die Ueberredung 
durch einen Anderen ihn dazu verleitet hätte. Wir setzen 
dabei voraus, dass der Mensch die Fähigkeit habe, theils 
durch seinen Verstand, theils durch Vernunft und Gewissen 
seine Leidenschaften zu beherrschen und zu zügeln, jedenfalls 
wenigstens ihrem Uebergange in Handlungen hemmend ent- 
gegen zu treten. Je mehr der Mensch seinen Leidenschaften 
und Begierden nachgiebt, desto mehr verliert er freilich die 
Fähigkeit des Widerstandes; allein wenn er auch am Ende 
alle Freiheit dabei eingebiisst hat und ein Sclave seiner Lei- 
denschaften geworden ist, so handelt er dennoch willkührlich, 
und erscheint uns als zurechnungsfähig. Nur wo die Will- 
kühr aufgehoben ist, hört auch die Zurechnungsfähigkeit auf. 
Sie wird vermindert in allen denjenigen Fällen, wo eine hef- 
tige und unverschuldete Gemüthsbewegung die Handlung 
bewirkte, völlig aufgehoben aber nur durch vorübergehende 
oder andauernde psychische Krankheitszustände. Der nach 
allgemeiner Uebereinkunft dabei Statt findende Mangel an 
Zurechnungsfähigkeit beruht wesentlich auf einem Unvermö- 
gen des Ueberlegens, welches auf dreifachen Wege entstehen 


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kann, entweder durch Geistesschwäche (Blödsinn, Stumpfsinn), 
oder durch Verwirrung der Ideen (allgemeines Delirium, Ver- 
staudcsverwirrung, Manie), oder endlich durch das unaufhör- 
liche Aufdrängen einzelner Ideen (fixer Wahn, Melancholie). 

Wenn wir aber auch theoretisch von jedem gesunden 
Menschen fordern, dass er sich selbst beherrschen, und seine 
Begierden im Zaume halten solle, so können wir doch prac- 
tisch nicht leicht zu milde über Andere urtheilen. Niemals 
ist es erlaubt, einen Anderen zu verdammen, sei er auch noch 
so tief gesunken. Ja wir sollten uns eigentlich nie tur besser 
halten, als Andere; denn wenn wir es sind, so sind wir es 
selten durch eigenes Verdienst; Mancher, den wir verdammen 
möchten, wird in dem gerechten Urtheile Gottes gerechtfer- 
tigt erscheinen, und Mancher, den wir für vortrefflich halten, 
ist dennoch vielleicht ein fauler Knecht gewesen, der mit dem 
ihm verliehenen Pfunde schlecht gewuchert hat. Verfolgen 
wir den Lebenslauf und die Entwicklung anderer Menschen 
von früher Jugend an, erwägen wir die unendliche Verschie- 
denheit der angeborenen Eigenschaften des Geistes und Ge- 
müthes, die Wirkungen der Erziehung, der Umgebungen, des 
Beispieles Anderer und aller Lebensverhältnisse: so kommen 
wir immer zu dem Resultate, dass sie vielleicht nicht anders 
werden konnten, wie sie geworden sind; dass wir wenigstens 
durchaus unfähig sind, dies zu beurtheilen, und ein solches 
Urtheil einem höheren Richter anheim stellen müssen, vor 
dessen Augen schwerlich ein so grosser Unterschied zwischen 
dem Gerechten und Ungerechten bestehen wird, wie er un- 
serem kurzsichtigen Blicke erscheint. 

In der Sphäre des Instinctes herrscht die Nothwendigkeit 
vor, in der Sphäre der höheren Willensthätigkeit die Frei- 
heit, in der Sphäre der Willkühr ist dem Zufall ein grosser 
Spielraum gestattet. Jede einzelne, von der Wechselwirkung 
zwischen Geist und Gemüth abhängige willkührliche Hand- 
lung wird durch die augenblicklich vorhandenen oder entste- 
henden Gedanken und Gefühle bedingt, welche den Vorsatz 
bestimmen. Unsere jedesmaligen Gedanken und Gefühle wer- 
den aber wiederum bedingt und verändert durch eine Menge 


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360 


von Umständen, durch unser eigenes Befinden und unsere 
Gemüthsstimmung, durch vorhergegangene und gleichzeitige 
Einwirkungen mancherlei Art. So kommt es, dass wir bis- 
weilen eine am Abend begangene Handlung am nächsten 
Morgen nicht begangen haben würden, dass uns ein gefasster 
und gebilligter Vorsatz nach wenigen Augenblicken unange- 
messen und tadelnswerth erscheint, dass manchmal die gering- 
fügigsten und zufälligsten Umstände über unsere Vorsätze 
und Handlungen entscheiden können. Nicht selten tritt auch 
in dem Menschen die Neigung hervor, die eigene Unentschlos- 
senheit durch ein Appelliren an den Zufall zu beseitigen. In 
alten Zeiten liebte man es, vermeintlich göttliche Orakel zu 
befragen, in neuerer Zeit befragt man selbstgeschaffene Ora- 
kel, indem man den zu fassenden Vorsatz an irgend ein zu- 
fälliges Ereigniss knüpft oder das Loos entscheiden lässt. 
Die Macht und das Spiel des Zufalls erschweren die Beur- 
theilung, sowohl der eigenen, als fremder Handlungen in ho- 
hem Grade. Wir wissen oft selbst nicht, was uns zu einem 
Vorsatze bestimmt hat, und täuschen uns ausserordentlich 
leicht über die eigentlichen Motive unserer Handlungen. Wir 
können sie bei Anderen, deren Gesinnung und Denkungsart 
uns bekannt sind, manchmal sicherer erkennen, als bei uns 
selber; aber auch dann ist es oft schwer, Irrthümcr zu 
vermeiden. 

Wenn wir an irgend eine, in vergangener Zeit von uns 
begangene und jetzt gemissbilligte Handlung zurückdenken, 
und uns die Frage vorlegen, ob wir auch wohl zum zwei- 
ten und dritten Male unter denselben Umständen dasselbe 
gethan haben würden, so finden wir uns stets genöthigt, diese 
Frage zu bejahen. Derselbe Mensch würde in demselben 
Momente seines Lebens unter denselben Umständen und bei 
demselben inneren Zustande immer so handeln, wie er ein- 
mal gehandelt hat, d. h. mit anderen Worten, jede einzelne 
menschliche Handlung wird durch die zur Zeit vorhandenen 
innerlichen und äusserlichen Bedingungen mit Nothwendigkeit 
bestimmt; in Folge seiner eigenen Natur, seiner Geistesbil- 
dung und Gesinnung, seiner augenblicklichen Gemüthsstim- 


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mung, seiner Neigungen und Angewöhnungen muss der 
Mensch unter den vorhandenen Umständen in dem besonde- 
ren Falle immer so handeln, wie er es thut. Seine Verant- 
wortlichkeit für die einzelne Handlung liegt nicht darin, dass 
er sie in dem Augenblicke hätte unterlassen können, in wel- 
chem er sie verübte, sondern darin, dass er sich während 
seines ganzen Lebens nicht hinreichend bemüht hat, die Liebe 
zum Guten in sich zu befestigen, und die Herrschaft über 
seine Leidenschaften zu gewinnen. Ob es uns selbst oder 
einem Anderen möglich gewesen wäre, eine bestimmte Hand- 
lung zu einer bestimmten Zeit zu unterlassen, können wir we- 
nigstens nie mit Sicherheit wissen; wohl aber wissen wir mit 
Gewissheit, dass wir durch ernstes imd fortgesetztes Bestre- 
ben im Guten und in der Selbstbeherrschung allmählig fort- 
geh reiten können. Darum ist auch Derjenige weniger straf- 
bar, der durch eine augenblickliche Stimmung und äussere 
Anreizung zu einer schlechten That verleitet wird, als Der- 
jenige, welcher sie kaltblütig und mit Vorbedacht verübt. 
Wer sich der Sünde und dem Laster so ergeben hat, dass 
er ein Sclave derselben geworden ist, der ist nur desto 
schuldiger und strafbarer; denn wenn er auch seine morali- 
sche Freiheit ganz verloren hat, so ist ihm doch die Willkühr 
geblieben: er bestimmt selbst sein eigenes Thun und wählt 
selbst, obgleich er seiner schlechten Natur gemäss nur das 
Schlechte wählen kann. In wie weit er aber ein Anderer 
hätte werden können, vermögen wir nie zu beurtheilen, und 
sollten deshalb immer nur die Sünde verdammen, und nicht 
den Sünder. Wenn das Christenthum ein solches Urtheil 
und eine demselben entsprechende Gesinnung gegen unsere 
Mitmenschen von uns fordert, so zeigt sich auch darin die 
tiefe und wahre Erkenntniss der menschlichen Natur, welche 
wir bei dem erhabenen Stifter unserer Religion überall wieder- 
finden. 

So wie der Verstand der Mittelpunct der Geistesthätigkeit 
ist, und das Selbstgefühl der Mittelpunct der Gemüthsthätig- 
keit; eben so ist auch die aus ihnen hervorgehende Willkühr 
der Mittelpunct der menschlichen Willensthätigkeit, und die 


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Bedingung der Erhebung des Instinctes zur Freiheit. Das 
willkührliche Thun nennen wir vorzugsweise uud im eigent- 
lichen Sinne des Wortes ein Handeln, und alle Handlun- 
gen werden durch willkührliche Bewegungen der Hände und 
Glieder zu Stande gebracht. Der eigene Vortheil, das Haben 
und Besitzen ist der vorwaltende Zweck der menschlichen 
Handlungen. Jeder Mensch hat den natürlichen Trieb, sich 
in den Besitz eines Eigenthums zu setzen, dasselbe zu er- 
halten und zu vermehren, und dieser Trieb lässt sich mit dem 
organischen Selbsterhaltungs- und Selbstentwicklungs-Triebe 
vergleichen. Ob nach dem Besitz von Vermögen und Reich- 
thum, nach Macht und Herrschaft, nach Ehre und Ruhm, 
nach Kenntnissen und Fertigkeiten, nach Bequemliclikeit und 
Wohlleben u. s. w. gestrebt wird, hängt von der Individuali- 
tät des Menschen und von zufälligen Umständen ab, irgend 
etwas wird aber immer von dem Menschen erstrebt. Das 
Bestreben selbst ist aber nur dann naturgemäss und vernünf- 
tig, wenn es sich nicht auf das Haben und Besitzen beschränkt, 
sondern dieses Ziel nur erreichen will, um sich des errunge- 
nen Besitzes als eines Mittels zu künftiger Benutzung zu be- 
dienen. Ueberhaupt soll das willkührliche Handeln höheren 
Zwecken untergeordnet bleiben und das Sich-gcltend-machen 
der Willkühr die vollendete That des freien Willens vermit- 
teln und vorbereiten. 

3. Freier Wille. 

Die eigenthümliche Thätigkeit des freien Willens ist das 
Entschliessen, welches aus dem passiven, gleichsam von 
aussen her sich aufdrängenden Gefühle der Pflicht und dem 
activen, von innen heraus wirkenden vernünftigen Grund- 
sätze hervorgeht. Aus der Rührung des Gewissens, aus 
der Liebe und dem Glauben stammt das Pflichtgefühl; aus 
dem Nachdenken, den Begriffen und der Erkenntniss entsprin- 
gen die uns leitenden und unser Thun bestimmenden Grund- 
sätze. Wer nach Pflicht und Grundsätzen handelt, der han- 
delt mit Freiheit. Dem Schlüsse der Vernunft und dem 
Glauben des Gewissens entspricht der Entschluss des Willens: 


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er ist das wahrhaft freie und frei Bethätigende in dem Men- 
schen. Vermöge des freien Entschlusses erhebt sich der 
menschliche Wille über alle sinnlichen unti. selbstsüchtigen 
Zwecke, über die Gegenwart und Vergangenheit, und in der 
auf die Zukunft gerichteten freien Willensthätigkeit tritt das 
Sollen an die Stelle des instinctartigen Müssens und des 
• willkührlichen Könnens. 

In dem Bewusstsein erscheint der freie Trieb als Sehn- 
sucht nach dem Höheren, Unendlichen und Ewigen, nach 
eigener Vervollkommnung und thätigem Wirken für das Wohl 
Anderer. Nach aussen erzeugt er die freie, vollendete That, 
in welcher, als dem lebendigen Zeugen der eigenen Entschlos- 
senheit, das innerste Wesen des Menschen sich erschliesst 
und fortpflanzt. Nicht der eigene Vortheil, sondern der Nutzen 
für Andere und für das Allgemeine ist der Zweck des freien 
Willens und Thuns. Die Sehnsucht des Menschen nach Tha- 
ten, deren Wirkungen sich in die ferne Zukunft fbrtpflanzen, 
ist eine geistige Wiederholung des leiblichen Fortpflanzungs- 
triebes, welcher als die Vollendung des organischen Lebens 
erscheint. Auch die eigene geistige Vervollkommnung, wie 
die geistige Fortdauer und irdische Unsterblichkeit des Men- 
schen sind die Frucht der eigenen Thateo; nur durch sie 
wird er ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft, 
und pflanzt sein eigenes Leben fort auf kommende Geschlech- 
ter; nur auf ihnen, nicht auf seinen Gedanken und Gefühlen, 
beruht der Werth des Menschen: seine Thaten sind es, die 
für ihn zeugen, und nur durch die That kann er die eigene 
Freiheit erringen. 

Man pflegt den Menschen gewöhnlich als ein von Natur 
freies W esen zu betrachten, mit dieser Ansicht steht aber die 
Erfahrung in augenscheinlichem Widerspruch. Der Mensch 
ist allerdings freier, als das Thier, aber die Freiheit scheint 
ihm nur als eine künftige Verhcissung, mehr der Möglichkeit 
als der Wirklichkeit nach, mein - potentia, als aetu verliehen 
zu sein. Unter den zahlreichen Individuen, mit denen ich 
im Leben in nähere Berührung gekommen bin, habe ich bis- 
her keinen einzigen gefunden, den ich fiir frei hätte halten 


« 


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können. Auch die Freiesten haben fortwährend schwere 
Kämpfe zu bestehen mit den eigenen Schwächen, mit Sinn- 
lichkeit und Leidenschaften, aus welchen sie nicht immer sieg- 
reich hervorgehen. Bei Vielen kommt es gar nicht einmal 
zu einem recht ernsten Kampfe oder zu einem ernsten Er- 
streben der Freiheit, und bei der grossen Mehrzahl ist in 
den meisten Beziehungen die Unfreiheit offenbar vorherrschend. 
Mit der menschlichen Freiheit verhält es sich in der That 
so, wie die christliche Religion es lehrt: jeder Mensch ist 
mehr oder weniger unfrei und mit der Sünde behaftet; er 
kann lind soll dahin streben, sich von ihr zu befreien; aber 
auch der Vollkommenste erreicht das Ziel in diesem Leben 
nicht, er kann sich demselben nur mehr oder weniger annä- 
hern. Die Freiheit existirt in dem Menschen nur als ein von 
Vernunft und Gewissen bedingtes Sollen, und je mehr er 
wird, was er werden soll, desto mehr wird sein Können 
in ein Müssen verwandelt: er muss der Willkühr entsagen, 
um frei zu werden. Der vollkommen Tugendhafte verliert 
die "Willkühr, er verzichtet auf die eigene Wahl und handelt, 
wie Vernunft und Gewissen es gebieten; allein sein Müssen 
ist kein instinctartiges , sondern ein vernünftiges und freies, 
wie das des Lasterhaften ein unvernünftiges und unfreies. 

Der Begriff der Freiheit wird fälsch bestimmt, wenn man 
dieselbe, wie es wohl zu geschehen pflegt, als der Nothwen- 
digkeit entgegengesetzt oder widersprechend betrachtet. Nur 
das Zufällige steht mit dem Nothwendigen in einem Gegen- 
sätze, die Freiheit ist eine höhere Entwicklungsstufe der Noth- 
wendigkeit selber ; sie ist, wie Hegel sagt, die Negation der 
Negation, d. h. die Aufhebung alles Zwanges, und der voll- 
kommen Freie würde von jedem Zwange und von jedem 
Gefühle des Zwanges befreit sein, obgleich er nothwendig so 
handeln müsste, wie er handelt. In dem menschlichen Willen 
ist, wie bereits erwähnt, in der Sphäre des Instinctes die 
(zwingende) Nothwendigkeit vorherrschend, in der Sphäre 
der Willkühr der Zufall, in der Sphäre des vernünftigen und 
gewissenhaften Wollens die Freiheit (freie Nothwendigkeit). 
Die Willkühr ist die vermittelnde Uebergangsstufe, welche 




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den Menschen von dem Zwange zur Freiheit fuhren kann; 
ohne sie würde er aus dem instinetartigen Müssen gar nicht 
herauskommen und nie zu irgend einer Freiheit gelangen. 
Will er aber dahin gelangen, so muss er auf die eigene Will- 
kühr verzichten und dem Egoismus entsagen ; er muss sich 
selbst d. h. das eigentlich Menschliche in ihm, in seinem Un- 
terschiede von dem Göttlichen aufgeben und dem Höheren 
nachfolgen. Er darf nichts mehr wollen für sich selbst und 
um seines Selbst willen; sondern er muss in vollkommener 
Demuth nnd Ergebung den eigenen Willen dem göttlichen 
Gebote unterordnen, welches sich in der Stimme der Vernunft 
und des Gewissens in ihm verkündet. Was sich darin ver- 
kündet, ist die Gegenwart Gottes in dem Menschen, und wer 
es dahin bringen könnte, dass er nur von ihr geleitet würde 
und ihr unbedingt gehorchte, der würde, alles Zwanges und 
aller inneren Kampfe entledigt, einer vollkommenen Freiheit 
und einer göttlichen Natur theilhaftig geworden sein. Der 
einzige Mensch, von dem wir wissen und glauben, dass er 
dieses Ziel erreichte, ist Christus, und wohl dürfen wir des- 
halb von ihm sagen, dass er der Sohn Gottes sei oder eine 
göttliche Natur gehabt habe. Je mehr wir seinem Beispiele 
nachfolgen, desto mehr können auch wir Kinder Gottes wer- 
den, und durch seinen heiligen Geist schon in diesem Leben 
in das Reich der Freiheit emporgehoben werden. 


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Zweites Kapitel. 

Von den VerliftltniMHen der Seelenkräfte zn 

einander. • 

I. Entgegensetzung von Geist und Gemüth. 

Das Verhältniss zwischen Geist und Gemüth dürfte einer 
polaren Entgegensetzung am nächsten kommen, und lässt sich 
mit den Gegensätzen von Innerem und Aeusserem, Inhalt 
und Form, Subjectivem und Objectivem, Allgemeinen und 
Besonderen, Activem und Passivem vergleichen. Bei einer 
solchen Vergleichung darf jedoch nicht vergessen werden, 
dass dabei nur von dem Verhältnisse Beider zu einander die 
Rede ist. Für sich betrachtet enthalten sowohl der Geist 
als das Gemüth dieselben Gegensätze in sich selber, und zei- 
gen in ihrer Thätigkeit eine objective und subjective, eine 
active und passive Seite. 

Der Geist erscheint als die objective, das Gemüth als die 
subjective Thätigkeit der Seele: der Geist sucht die Aussen- 
welt sich anzueignen, das Gemüth sich selber in der Aussen- 
welt geltend zu machen. Der Geist beschäftigt sich vorzugs- 
weise mit der Erkenntniss des ausser ihm Seienden, und 
wenn er sich mit sich selber beschäftigt, so behandelt er sich 
dabei wie einen ausser ihm selber befindlichen Gegenstand. 

Beim Nachdenken über sich sich selbst werden die Gedanken 
auf dieselbe Weise, wie beim Nachdenken über jeden ande- 
ren Gegenstand in Worten vorgestellt, und jedes Nachdenken 
ist ein innerliches Anschauen dieser Vorstellungen, wobei die 
inneren Vorgänge wie äussere Objecte behandelt werden. Die c 

Thätigkeit des Gcmüthes ist vorzugsweise dem eigenen Ich 
zugewendet; das Gemüth fasst zunächst nur innerliche Vor- 
gänge als innerliche auf, und selbst die äusserlichen Ein- 
drücke, welche es aufnimmt, erscheinen ihm als innerliche 
Veränderungen seiner selbst. Jedes Gefühl ist durchaus sub- 


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jectiver Natur; wir können es von dem eigenen Ick nickt 
trennen und als ein Aeusserlickes ketrackten ; es ersckeint uns 
nie als ein äusserlickes Okject, sondern stets als ein inner- 
licker Vorgang. Nur in einem Acte des Denkens können 
wir unsere Gefühle okjectiv ketrackten, so dass die Objecti- 
virung der Gefukle lediglick der Geistestkätigkeit angekört. 
Bei dem Nackdenken über unsere Gefühle sind auch nicht 
diese unmittelbar das Object des Denkens, sondern die Vor- 
stellungen von ihnen, welche im Bewusstsein entstehen, und 
eben deshalb täuschen wir uns viel leichter über die Natur 
unserer eigenen Gefühle, als über die Beschaffenheit eines 
unmittelbar angeschauten äusseren Objectes. 

Das subjective Leben des Gemiithes macht gleichsam den 
Inhalt des persönlichen Seelenlebens aus, welcher durch die 
objective Geistestkätigkeit zur bestimmten Form sich gestal- 
tet. Was das Gemiith fühlt, muss der Geist in Gedanken 
übersetzen und dem Inhalte den bestimmten Ausdruck geben, 
wenu wir selbst uns dessen bewusst werden und ihn Ande- 
ren mittheilen sollen. Von Gefühlen, die sich nicht in Worte 
fassen lassen, haben wir weder selbst eine deutliche Vorstel- 
lung, noch können wir sie Anderen anschaulich machen. Die 
Gefühle werden zwar durch die Geberden ausgedrückt; allein 
zum Theil so unbestimmt, dass dasselbe Gefühl bei verschie- 
denen Menschen verschiedene Geberden hervorrufen, oder die- 
selbe Geberde von verschiedenen Gefühlen herstammen kann. 
Die Freude z. B. kann den Einen zum Lachen, den Anderen 
zum Weinen bringen; Blinzeln mit den Augen, Rümpfen der 
Nase, Runzeln der Stirne kann bei verschiedenen Personen 
und unter verschiedenen Umständen eine verschiedene Be- 
deutung haben. Oft ist es daher, namentlich bei unbekann- 
ten Personen, schwierig und misslich, aus den Geberden auf 
die vorhandenen Gefühle zu schliessen. Durch Geberden- 
sprachen, deren man sich bei dem Unterrichte der Taubstum- 
men bedient, werden nicht Gefühle, sondern Gedanken aus- 
gedrückt, und die Geberden sind dabei nur stellvertretende 
Zeichen für die mangelnden Worte. 

Das Gemütli enthält in seinen Gefühlen wie in einem 


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Keime oder Brennpunct concentrirt, was der Geist entwickelt 
und entfaltet, und dadurch zur deutlichen Erscheinung bringt. 
In dem Gemüthe des Menschen liegt der Keim zu grossen 
Gedanken und Tbaten; es ist die Quelle, aus welcher die 
unsterblichen Werke von Dichtern und Künstlern ihren Ur- 
sprung nehmen; aber was in dem begeisterten Gemüthe er- 
zeugt und vorbereitet ist, das muss der Geist entwickeln und 
gestalten, wenn es ins wirkliche Dasein treten soll. Zu allem 
menschlichen Thun, zu allen Arbeiten, Handlungen und Tha- 
ten giebt das Gemüth vorzugsweise den Impuls, indem der 
Trieb aus ihm hervorgeht; aber der Geist giebt der Thätig- 
keit die bestimmte Form, er leitet und regelt die Ausführung. 
Gefühle ohne Gedanken sind ein unbestimmter Inhalt, ein 
formloser Stoff; Gedanken, von denen das Gemüth nicht er- 
griffen wird, eine leere Form, ein todtes Wissen, das keine 
Frucht bringt für das Leben. Wenn die Philosophie z. B. 
ein todtes Wissen bleibt, und nicht die ganze Seele durch- 
dringt, so besteht sie entweder nur in leeren Formen, oder 
sie ist wenigstens in dem Individuum nur als ein Formel- 
wesen und todte Gelehrsamkeit vorhanden. 

Geist und Gemüth verhalten sich auch wie Allgemeines 
und Besonderes. So wie der Geist überhaupt Alles durch- 
dringt, erfüllt und entwickelt, und in Allem derselbe ist, so 
erscheint er auch als derselbe in allen Menschen. Jeder 
Mensch sieht und hört, wie der Andere ; alle sinnlichen Wahr- 
nehmungen sind, so viel wir wissen, bei allen Menschen gleich, 
und nur in krankhaften Zuständen kommen verhältnissmässig 
seltene Abweichungen vor. Verstand und Vernunft wirken 
ebenfalls in ihren Urtheiien und Schlüssen bei allen Menschen 
in derselben Weise, und die in dieser Beziehung vorkommen- 
den Unterschiede erscheinen uns nur als quantitative, so dass 
wir dem Einen einen helleren, klareren, schärferen Verstand, 
ein tieferes und gründlicheres Nachdenken zuschreiben, als 
dem Anderen, kein qualitativ verschiedenes Denken. Was 
der Eine verstanden hat, kann er dem Anderen verständlich 
machen, vernünftige Gründe und Schlüsse sind für Alle gleich 


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bündig und gültig, und was der Einzelne geistig schafft, 
wird durch Rede und Schrift ein Gemeingut für Alle. 

Was hingegen das Geniüth empfindet und fühlt, wird von 
jedem Individuum .auf eine besondere und eigentümliche 
Weise empfunden. In dieser Hinsicht findet keine Gleichheit 
Statt, vielmehr giebt die Verschiedenheit des Gemüthes jedem 
einzelnen Menschen ein besonderes Gepräge, einen individuel- 
len Cliaracter, eine ihm ausschliesslich eigenthümliche Persön- 
lichkeit. Liebe und Hass, Freude und Leid, Zorn und Furcht 
äussern sich bei den einzelnen Menschen auf sehr verschie- 
dene Weise, und eben deshalb, weil die Gefühle bei Jedem 
etwas Eigentümliches haben, lassen sie sich nie vollständig 
mittheilen, und werden sie so häufig von Anderen verkannt 
und missverstanden. Nur die verwandten Gefühle eines An- 
deren kann man verstehen, und unter vielen Menschen, die 
mit einander leben, ist wegen der Verschiedenheit ihrer Ge- 
fühle ein gegenseitiges Verständniss unmöglich: ein Hypo- 
chondrist z. B. wird nur von Ilypochondristen verstanden, 
wer solche Gefühle nie gehabt, kann sie auch nicht begrei- 
fen. Die Worte, wodurch die Gefühle ausgedrückt werden 
sollen, geben uns nur ihren allgemeinen Inhalt, sie sind Ueber- 
setzungen derselben in Gedanken, so dass wir uns zur Mit- 
theilung unserer Gefühle gleichsam einer fremden Sprache 
bedienen müssen. Oft suchen wir vergebens das passende 
Wort, und unsere Gefühle erscheinen uns alsdann als ein Un- 
sagbares und Unaussprechliches (unsäglich). Aus demselben 
Grunde täuschen wir uns so oft über den Zustand unseres 
Gemüthes und die Natur der in uns vorhandenen Gefühle. 
Nur ihrem allgemeinen geistigen Inhalte nach, in der Form 
von Gedanken und Vorstellungen gelangen sie zu unserem 
Bewusstsein; aber die Vorstellung erschöpft ihren Inhalt nicht 
vollkommen, und wenn wir uns bemühen, uns unserer eigenen 
Gefühle recht klar und deutlich bewusst zu werden, so be- 
merken wir, dass immer etwas zurückbleibt, wovon wir uns 
keine vollständige Rechenschaft geben können. Wenn wir in 
dieser Beziehung z. B. die sinnlichen Wahrnehmungen und 
die leiblichen Empfindungen mit einander vergleichen, so 

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springt der Unterschied in die Augen: die sinnlichen Wahr- 
nehmungen gelangen so klar und deutlich zum Bewusstsein, 
dass wir in unseren Vorstellungen nichts vermissen, dass da- 
bei nichts unklar und unverständlich bleibt; alle leiblichen 
Empfindungen dagegen, z. B. Hunger, Durst, Schmerz, behal- 
ten bei jedem Versuche, sie recht deutlich zu erkennen, etwas 
Unklares und Unverständliches, was wir weder deutlich zu 
erkennen, noch zu begreifen vermögen. 

In der Geistesthätigkeit erscheint endlich die active oder 
centriftigale Bewegung als die vorherrschende, in der Ge- 
müthsthätigkeit die passive oder centripetale. Die Klarheit 
der Wahrnehmung hängt von der Aufmerksamkeit ab, die 
Deutlichkeit der Vorstellung von dem Ueberlegen, die Voll- 
ständigkeit des Begriffes von dem Nachdenken, und keine 
Kenntniss, Einsicht oder Erkenntniss wird ohne active Selbst- 
thätigkeit des denkenden Geistes gewonnen. Dagegen er- 
scheint in dem Gemüthe die passive Reizung, Erregung und 
Rührung als die ursprüngliche und bestimmende Thätigkeit, 
Neigung, Interesse und Liebe als nachfolgend und durch jene 
hervorgerufen. Das Denken ist überhaupt ein actives Thun, 
welches in dem Wissen und Erkennen eiu passives Aufneh- 
men oder Erinnern des Aeusseren zur Folge hat; das Fühlen 
ist ein passives Aufnehmen von Eindrücken, aus welchem in 
den daraus entspringenden Trieben und Begierden ein actives 
Thun oder eine Aeusserung des Innern resultirt. Mit diesem 
Gegensätze stimmt überein, dass das Denken nie gerne bei 
einem Gegenstände lange verweilt, sondern, sich selbst über- 
lassen, immer von einem zum anderen übergeht. Sobald es 
zu einem Urtheile oder Schlüsse gekommen ist, verlässt es 
den Gegenstand und richtet seine rastlose Thätigkeit auf an- 
dere Dinge. Das Gemüth hingegen sucht jedes in ihm er- 
regte Gefühl festzuhalten, und liebt den Wechsel nicht. So- 
gar für schmerzliche Gefühle und Leiden gewinnt der Lei- 
dende eine gewisse Vorliebe; er überlässt sich gerne seinem 
Schmerze, seiner Sorge, seinem Kummer, er sucht geflissent- 
lich darin zu verharren, und vermeidet, was ihn davon ab- 
zielien könnte. Bei gleichgültigen Gedanken bleiben wir nic- 


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mals lange stehen; aber wenn (las Gemüth seinen Einfluss 
geltend inacht, dauern dieselben Gedanken anhaltend fort 
oder kehren jeden Augenblick zurück. Eben darum ist auch 
die Beharrlichkeit und Ausdauer, sowohl beim Denken als beim 
Handeln grösstentheils von der Theilnabme und Mitwirkung 
des Gemüthes abhängig. Mit einer Sache, die uns iuteressirt, 
können wir uns lange beschäftigen, ohne zu ermüden, gleich- 
gültige geistige Arbeiten kann man nur mit Anstrengung 
anhaltend fortsetzen. 


II. Identität von Geist und Gemüth. 

Alles Entgegengesetzte ist stets zugleich identisch, so dass 
das Eine umgekehrt Dasselbe ist, was das Andere ist. So 
verhalten sich Positives und Negatives, Schwarz und Weiss, 
Licht und Finsterniss, Wärme und Kälte, Gutes und Böses : 
das Eine kann nicht sein ohne das Andere und hat sein eige- 
nes Bestehen nur durch das Andere. Nur in Homogenem 
und Gleichartigem ist ein wirklicher Gegensatz möglich, ganz 
Heterogenes, iu keiner Verwandtschaft und Beziehung zu ein- 
ander Stehendes kann nicht in ein solches Verhältniss zu 
einander treten. Geist und Gemüth stehen aber in einem 
solchen Verhältnisse. Die Thätigkeit des Geistes ist vor- 
zugsweise darauf gerichtet, die Aussenwclt in sich aufzuneh- 
men und zum eigenen Bewusstsein zu bringen, in dem Ge- 
müthe ist das Bestreben vorherrschend, sich selber in der 
Aussenwelt geltend zu machen; der Geist wirkt nach aussen, 
um in sieh aufzunehmen, das Gemüth nimmt in sich auf, um 
nach aussen zu wirken; der Geist verwandelt die Objectivi- 
tät in subjcctive Erkenutniss, das Gemüth verwandelt die 
Subjectivität in objective That: die eine Thätigkeit ist umge- 
kehrt Dasselbe, was die andere ist. 

Die Identität von Geist und Gemüth giebt sich ganz all- 
gemein dadurch zu erkennen, dass jedem bestimmten Gedan- 
ken ein Gefühl, und jedem bestimmten Gefühle ein Gedanke 

24 * 


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entspricht; dass verwandte Gedanken und Gefühle einander 
wechselseitig hervorrufen, und dass jedes Gefühl, zum Be- 
wusstsein gelangend, sich in eine Vorstellung verwandelt, so 
dass cs durch Worte bezeichnet und ausgedrückt werden 
kann. Dadurch, dass jedes Gefühl sich mehr oder weniger 
in einen Gedanken übersetzen lässt, zeigt sich, dass es nur 
eine andere Form und Erscheinungsweise des Gedankens ist. 
Was nicht gedacht werden kann, lässt sich auch nicht sagen, 
und wäre das Gefühl nicht an sich ein denkend Erzeugtes, 
so würde es sich auch gar nicht in Worte fassen lassen. 

Vermöge der Identität der Gedanken und Gefühle glaubt 
der Mensch oft, etwas zu fühlen, was er nur denkt, oder 
etwas zu denken, was er nur fühlt. Viele Menschen glauben 
sich sehr für die Kunst zu interessiren , die Schönheit eines 
Gemäldes, eines Gedichtes oder eines Musikstückes tief zu 
empfinden, obgleich sie wenig oder gar nichts dabei fühlen, 
sondern sich nur vorstellen, dass sie es thäten. Andere über- 
reden sich, eine grosse Liebe für Verwandte oder Freunde 
zu fühlen, welche in der Wirklichkeit gar nicht in ihnen 
existirt. Ueberhaupt sind die Menschen durcligehends geneigt, 
sich selbst zu überreden, dass sie diejenigen Empfindungen 
wirklich hätten, welche ihnen wünschenswerth oder lobens- 
werth erscheinen. Auf der anderen Seite kommt es ebenfalls 
und besonders in krankhaften Zuständen häufig vor, dass 
der Mensch zu fühlen versichert, was er nur denken kann, 
llypochondristen und Melancholische behaupten mit der grös- 
sten Bestimmtheit, sic fühlten, dass sie nie wieder gesund, 
nie wieder heiter und glücklich werden könnten, obgleich sie 
dies augenscheinlich nur denken, und ein solches Wissen ganz 
ausserhalb der Sphäre Desjenigen liegt, was der Mensch über- 
haupt zu fühlen vermag. Eben so oft behaupten Gemüts- 
kranke, welche mit einem fixen Wahn behaftet sind, etwas 
zu fühlen, war gar nicht gefühlt werden kann, z. B. dass sie 
von Anderen verfolgt werden, dass Andere sie quälen und 
martern, dass durch Maschinen, durch Electricität oder Magne- 
tismus eine verderbliche Einwirkung auf sie ausgeübt werde 
u. dgl. m. Auch bei Gesunden, namentlich bei Frauenzim- 


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mern bemerkt inan, wenn man darauf achtet, nicht selten ähn- 
liche Verwechselungen. Ueberhaupt ist es oft schwer, Das- 
jenige, was man denkt und was man fühlt, bestimmt von 
einander zu unterscheiden und aus einander zu halten , und 
unsere Sprache bedient sich vielfach derselben Ausdrücke zur 
Bezeichnung von Gedanken und Gefühlen. Es giebt grosse 
und kleinliche, erhabene und niedrige, angenehme und unan- 
genehme, freudige und schmerzliche, tiefe und oberflächliche, 
schöne und hässliche, gute und schlechte Gedanken und Ge- 
fühle; sogar das Wahrnehmen des Geistes und das Empfin- 
den des Gemüthes sind so übereinstimmende Vorgänge, dass 
beide Wörter oft mit einander vertauscht werden, und iu der 
That ist auch das Wahrnehmen ein In -sich -finden und das 
Empfinden ein innerliches Wahrnehmen. Dieselbe Identität 
zeigt sich auch in dem Einflüsse der Gedanken und Gefühle 
auf die Handlungen , indem dieselbe Handlung aus einem 
Vorsatze oder einem Triebe hervorgehen, durch eiuen Ge- 
danken oder durch ein Gefühl veranlasst werden kann. Triebe 
und Vorsätze haben überhaupt oft denselben Inhalt und sind 
auf die Erfüllung desselben Zweckes gerichtet, welcher in dem 
Vorsatze deutlich ausgesprochen ist, in dem Triebe aber nur 
unbestimmt und undeutlich vorgestellt wird. 

Vergleichen wir die verschiedenen Sphären der Geistes- 
und Gemüthsthätigkeit mit einander, so zeigt sich ebenfalls, 
wie schon wiederholt angedeutet worden ist, ihre Identität 
augenscheinlich. Das Gemeingefühl ist die Sinnlichkeit des 
Gemüthes, die Neigung eine innere Aufmerksamkeit, die Rei- 
zung ein subjectives Wahrnehmen, die Empfindung eine in- 
nerliche Anschauung, und die Geberde ist eben so der Aus- 
druck einer sinnlichen Empfindung, wie das Wort der Aus- 
druck einer sinnlichen Anschauung. Das Selbstgefühl ist der 
Verstand des Gemüthes, es wird von äusseren Umständen 
und Eindrücken so afficirt, wie diese von dem Gemüthe ver- 
standen werden, und die Gemüthsbewegungen entsprechen 
den A'orstellungen , welche das Gemüth sich von den Ein- 
drücken macht. Das Literesse ist die Ueberlegung des Ge- 
müthes und der Muth sein Urtheil über sich selber. Wie 


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das Urtheil durch eine bestimmte Verbindung von Worten 
zu einem Satze ausgesprochen wird, eben so spricht sich 
durch eine bestimmte Verbindung von Geberden aus, wie uns 
zu Muthe ist und in welcher Gemüthsstiinmung wir uns be- 
finden. Endlich lässt sich die Vernunft als das Gewissen des 
Geistes betrachten, und das Gewissen als die Vernunft des 
Gemiithes. Durch Vernunftschlüsse gelangen wir eben so 
zur objectiven, wie durch Glauben zur subjectiven Gewiss- 
heit; die Rührung des Gewissens ist sein vernünftiges Be- 
greifen, und die Liebe ist eben so wohl ein Nachbilden gött- 
licher Empfindungen, als das Nachdenken der Vernunft ein 
Nachbilden göttlicher Gedanken. 


III. Wechselwirkung von Geist und Gemüth. 

Wir erfahren durch Selbstbeobachtung und Beobachtung 
Anderer, dass die Gedanken und Gefühle des Menschen stets 
anregend oder hemmend, anziehend oder abstossend auf ein- 
ander einwirken, dass sie häufig in eine Spannung zu einan- 
der treten, welche mit einem Streben nach Vereinigung ver- 
bunden ist, und dass diese Vereinigung einerseits eine Auf- 
hebung der vorhergegangenen Spannung zur Folge hat, 
andererseits eine Erzeugung neuer Erscheinungen, thcils ein 
innerliches Entstehen von Trieben oder Vorsätzen, tlieils ein 
äusserliches Entladen durch Handlungen. In diesen Vorgän- 
gen zeigt sich eine grosse Uebereinstimmung mit den in der 
ganzen Natur herrschenden Polaritätserscheinungen, welche 
in den Verhältnissen und der Wechselwirkung der positiven 
und negativen Eleetricitiit am bestimmtesten und deutlichsten 
ausgesprochen sind. Alles polarisch Entgegengesetzte lässt 
sich betrachten als die unterscheidende (in sich den Unter- 
schied setzende) Entfaltung eines ursprünglich Einfachen in 
zwei entgegengesetzten Richtungen, und steht mit einander 
in nothwendiger Beziehung und Wechselwirkung. Das Eine 
hat in dem Anderen, das Positive in dem Negativen sein 


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eigenes Bestehen, das Eine ist umgekehrt dasselbe, was das 
Andere ist, und Beide existiren nur in ihrer gegenseitigen 
Spannung, so dass sie mit einander auftreten und verschwin- 
den. Grosses und Kleines, viel und wenig, oben und unten, 
vorn und hinten, rechts und links, Schönes und Hässliches, 
Gutes und Böses, Licht und Finsterniss, Wärme und Kälte 
existiren nur in ähnlicherWeise; an der Magnetnadel existirt 
kein Nordpol ohne einen an der anderen Seite befindlichen 
Südpol, und wo die positive Electricität auf einer Seite zum 
Vorschein kommt, da tritt auf der anderen Seite die negative 
Electricität ihr gegenüber hervor. Dasselbe gleichzeitige 
Hervortreten verwandter Gedanken und Gefühle finden wir 
in uns selber: jeder in uns entstehende Gedanke sucht ein 
entsprechendes Gefühl hervorzurufen und jedes Gefühl einen 
entsprechenden Gedanken. Beide verschwinden auch stets 
mit einander, und dies tliun nicht nur einzelne bestimmte Ge- 
danken und Gefühle, sondern die Gedanken und Gefühle über- 
haupt. Mit einem raschen Wechsel der Gedanken ist auch 
ein rascher Wechsel der Gefühle verbunden, und so oft die 
Gefühle sich verändern, kommen auch andere Gedanken zum 
Vorschein. Beide entwickeln sich gleichmässig in dem Kinde, 
und mit einer im höheren Alter eintretenden Verwirrung und 
Schwäche der Gedanken verbindet sich eine ähnliche Verwirrung 
und Schwäche der Gefühle. Wenn in krankhaften Seelenzu- 
ständen die Gedanken verschwinden, so hören auch die Gefühle 
auf, und wenn diese absterben, erlöschen auch die Gedanken: 
bei einem allmählig fortschreitenden Blödsinn sehen wir Beide 
gleichmässig abnehmen und endlich ganz erlöschen. Die Ge- 
fühle des Kindes sind ebenso lebhaft, flüchtig und wechselnd, 
wie dessen Gedanken, und während der Pubertätsentwicklung 
erleiden Beide eine übereinstimmende Veränderung. Tiefe, 
das Gemüth ergreifende und erschütternde Gefühle erzeugen 
kräftige und energische Gedanken, flüchtige und oberflächliche 
Gedanken werden von eben so flüchtigen und unbedeutenden 
Gemüthsbewegungen begleitet: Erhabenheit des Geistes existirt 
nicht ohne Tiefe des Gemüthes. Je grösser unser Interesse 
für eine Sache ist, desto ernster und anhaltender werden unsere 


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Gedanken darauf gerichtet, und jemehr wir uns in Gedanken 
mit einer Sache beschäftigen, desto lebhafter wird unser In- 
teresse für dieselbe. 

So wie der Nordpol eines Magneten nicht verstärkt wer- 
den kann ohne gleichzeitige Verstärkung des Südpoles, oder 
wie bei dem Laden einer Leidener Flasche mit dem Anhäu- 
fen positiver Electricität in dem inneren Belege eine gleich- 
mässige Anhäufung negativer Electricität in dem äusseren 
Belege verbunden ist: eben so zieht eine grössere Intensität 
der Gefühle eine gleichmässige Intensität der Gedanken nach 
sich, und je lebhafter diese hervortreten, desto intensiver wer- 
den die sie begleitenden Gefühle. Durch diese Wechselwir- 
kung kann, wenn keine Ableitung Statt findet, eine enorme 
gegenseitige Steigerung von Beiden hervorgebracht werden, 
und diese Steigerung kann von beiden Seiten ausgehen. Ein 
ursprünglich entstehendes Gefühl regt ihm entsprechende Ge- 
danken an, welche, indem sie sich auf das Gemüth reflectiren, 
wie ein äusserer Reiz auf dasselbe ein wirken, und das cor- 
respondirende Gefühl verstärken. Dies verstärkte Gefühl re- 
flectirt sich wieder auf die Intelligenz, und reproducirt den- 
selben Gedanken mit vermehrter Intensität u. s. f. Die so 
erzeugte Spannung der Gedanken und Gefühle kann bis zu 
einem solchen Grade sich steigern, dass sie am Ende in eine 
plötzliche und gewaltsame Handlung sich entladet (nicht prä- 
meditirter Selbstmord); oft bleibt sie auf einem gewissen 
Grade stehen und dauert kürzere oder längere Zeit mit klei- 
nen Schwankungen der Intensität fort (Hypochondrie) ; in den 
meisten Fällen wird sie durch äussere Einwirkungen oder 
durch ein absichtliches Hervorrufen anderer Gedanken und 
Beschäftigung mit anderen Dingen abgeleitet und aufgehoben. 
Die Ableitung kann von beiden Seiten ausgehen; werden 
andere Gefühle angeregt, so nimmt die Intensität der Gedan- 
ken ab, und wird die Aufmerksamkeit auf andere Gedanken 
gerichtet, so verschwindet das vorherrschende Gefühl allrnäh- 
lig in Folge des Hervortrctens anderer Gedanken. 

Dieser Process trägt zur weiteren' Entwicklung und Aus- 
bildung unserer Gefühle und Gedanken wesentlich bei; er ist 


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aber auch die Ursache, weshalb wir so oft aus einem be- 
stimmten Kreise von Gedanken und Gefühlen nicht heraus 
kommen können, und weshalb in krankhaften Zuständen die- 
selben Gedanken und Gefühle sich mit unveränderter Beharr- 
lichkeit und Gleichförmigkeit in der Form von fixen Ideen 
wiederholen. Von den zahlreichen Beispielen, welche sich 
zur Erläuterung- dieses Vorganges darbieten, will ich einige 
anführen. Es ist eine bekannte Thatsache, dass durch das 
Verweilen am Rande eines Abgrundes nicht selten der Trieb 
erweckt wird, sich hinabzustürzen. Hier erweckt zuerst der 
Anblick des Abgrundes den Gedanken an die Möglichkeit 
und Leichtigkeit des Hinabstürzens, mit welchem sich so- 
gleich ein eigentümliches beunruhigendes Gefühl verbindet. 
Dies Gefühl bewirkt ein lebhafteres Ilervortreten jenes Ge- 
dankens und wird seinerseits durch reflectirte Bewegungen 
gesteigert. Es entsteht der Gedanke, welche Folgen es haben 
würde, wenn man hinabstürzte, die Unruhe wird dadurch ver- 
mehrt, und so geht es fort, bis der Trieb zum llinabstiirzen 
erwacht und sich so steigert, dass man sich am Ende schleu- 
nig entfernen muss, um die Ausführung desselben zu vermei- 
den. In derselben Weise entstand vor vielen Jahren einmal, 
als ich Eins meiner Kinder auf den Armen schaukelte, in 
mir der Gedanke, dass ich es fallen lassen könnte. Sogleich 
folgte ein beunruhigendes Gefühl, und obgleich ich mir sel- 
ber sagte, dass es gewiss nicht geschehen werde, konnte ich 
doch den immer stärker wiederkehrenden Gedanken nicht ab- 
wehren, und er verwandelte sich bald in einen so bestimmten 
Trieb, das Kind hinzuwerfen, dass ich es schleunig in seine 
Wiege legte, weil ich befürchtete, dem Triebe nicht wider- 
stehen zu können. 

In krankhaften Zuständen können durch diesen Process 
fixe Ideen eben so erzeugt und unterhalten werden, wie es 
in anderen Fällen durch die besondere Wechselwirkung zwi- 
schen dem Gemüthe und dem Herzen geschieht, und gewöhn- 
lich verbinden sich die Bewegungen in diesen beiden Kreisen 
mit einander. Die Bewegung kann dabei, wie ich glaube, 
bald vom grossen Gehirne, bald vom kleinen Gehirne, bald 


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vom Herzen ausgehen, und erhält sieh durch stete Reflexio- 
nen in denselben Bahnen. Geht sie z. B. vom kleinen Gehirn 
aus, so pflanzt sie sich einerseits zum grossen Gehirne, an- 
drerseits zum Herzen fort, und wird von beiden Seiten auf 
das kleine Gehirn reflectirt, so dass durch stete Wiederholung 
derselben Bewegungen dieselbe Idee unterhalten und gestei- 
gert wird. Wer an Anfällen von Präeordialangst leidet, kann 
diesen Verlauf an sich selber beobachten. Eine damit behaf- 
tete Frau von mittlerem Alter, welche, wie es häufig der Fall 
ist, besonders des Morgens beim Erwachen denselben unter- 
worfen war, wurde dabei stets von dem Gedanken gequält, 
dass sie Einem ihrer Kinder ein Leid zufugen werde. Bis- 
weilen erwachte sie des Morgens ganz ruhig; sobald sie dann 
aber nur daran dachte, ob sie heute wohl von jenem quälen- 
den Gedanken frei bleiben werde, stellte er sich ein, juid 
sogleich folgte das Angstgefühl nach. An anderen Tagen er- 
wachte sie mit einem unruhigen und beängstigenden Gefühle, 
und bemerkte deutlich, dass der correspondircndo Gedanke 
erst nach einer kurzen Zwischenzeit nachfolgte. Eine andere 
Dame von vortrefflichem Character und ausgezeichneter Gei- 
stesbildung wurde bei dem Aufhören der Menstruation von 
dem fixen Wahn befallen, dass sie auf eine unnatürliche Weise 
geschwängert sei und durch die zu erwartende Geburt eines 
Kindes ihre ganze Familie beschimpfen werde. Dieser Wahn 
war bei ihr permanent vorherrschend und nur selten mit bedeu- 
tender Präeordialangst verbunden. Der krankhafte Process be- 
schränkte sich bei ihr grösstcntheils auf die Wechselwirkung 
zwischen Gedanken und Gefühlen (grossem und kleinem Ge- 
hirn); es fanden aber bedeutende Exacerbationen und Remissio- 
nen Statt, und während der Letzteren sprach sie sich öfter über 
die inneren Vorgänge in ihrer Seele bestimmt und deutlich aus. 
Sie versicherte, dass sie dazu genöthigt sei, unaufhörlich an ihre 
fixe Idee zu denken; sie dächte auch eigentlich gar nicht dar- 
über nach, sondern ohne ihr Zuthun geschähe in ihr eine unauf- 
hörliche Wiederholung derselben Gedanken und Empfindungen, 
welche sich wie ein Rad in ihrem Kopfe herumdrehten, so 
dass sie aus diesem Kreise gar nicht herauskommen könne. 


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Der Einfluss des Gemüthes auf den Geist zeigt sich im 
Allgemeinen durch die anregende oder hemmende Einwirkung 
desselben auf die Geistesthätigkeit. Ob das Denken leicht 
oder schwer von Statten geht, ob wir uns dazu aufgelegt 
fühlen oder nicht, hängt hauptsächlich von unserem Befinden 
und unserer Gemiithsstimmung ab und unsere Aufmerksam- 
keit wird durch das Interesse bedingt, welches unser Ge- 
mütli an der Sache nimmt. Ist sie uns gleichgültig oder 
zuwider, so mögen wir nicht daran denken; interessiren wir 
uns dafür, so können wir das Nachdenken darüber ohne Mühe 
und Anstrengung lange fortsetzen. Gleichgültigkeit oder Wi- 
derwille erschweren und hemmen die Gedankenentwicklung, 
Begeisterung und Enthusiasmus fordern sie auf ausserordent- 
liche Weise, und alle exaltirenden und deprimirenden Gefühle 
äussern dieselbe Einwirkung in Beziehung auf die Lebhaftig- 
keit, Leichtigkeit und Schnelligkeit, womit die Gedanken 
entstehen und auf einander folgen. Der Einfluss, welchen die 
Geistesthätigkeit im Allgemeinen auf das Gemüth äussert, 
ist weniger gross. Bestimmte Vorstellungen, namentlich solche, 
die sich auf unsere persönlichen Verhältnisse beziehen, haben 
allerdings eine bedeutende anregende oder hemmende Ein- 
wirkung auf unsere Gefühle; allein im Allgemeinen zeigt das 
Denken eine solche Wirkung nur in geringerem Grade. Ein 
ernstes und angestrengtes Nachdenken, welches nicht ur- 
sprünglich von dem Gemüthe ausging, ruft keine lebhaften 
Gefühle hervor; im Gegentheil dient es zur Beruhigung des 
Gemüthes, und zur Beseitigung vorherrschender Gefühle oder 
Gemüthsbewegungen. Erst nach beendigtem Nachdenken kann 
die Vorstellung von dem Gelingen oder Misslingen desselben 
eine lebhafte Freude oder Verdruss und Unzufriedenheit her- 
vorrufen. Dies Verhältnis stimmt mit der Ansicht überein, 
dass bei ernsthaftem Nachdenken die innere Bewegung der 
Ideen vorzugsweise oder ausschliesslich in dem das Ich mit 
dem grossen Gehirn verbindenden Kreise vor sich geht, so 
dass während desselben die Fortbewegung derselben zum 
kleinen Gehirne nur in sehr geringem Maasse oder gar nicht 
geschieht, aber gleich wieder eintritt, sobald das Nachdenken 


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aufhört. Ob nicht auch in dem Gemüthe Manches vorgeht, 
ohne den Geist zu berühren, ist schwer zu entscheiden, weil 
wir nichts davon erfahren, wenigstens nicht auf directem 
Wege. Es scheint aber, als ob das Gemüth im Allgemeinen 
einen viel grösseren directen Einfluss auf die Thätigkeit des 
Geistes ausübt, wie dieser auf die Thätigkeit des Gemüthes: 
der Mensch wird im Allgemeinen in seinem Denken, so wie 
in seinem ganzen Thun und Treiben weit mehr durch sein 
Gemüth bestimmt, als durch Erkenntniss, und bei den mei- 
sten Menschen ist die Macht der Leidenschaft grösser, als 
die Herrschaft des Geistes. Das Gemüth erscheint demnach 
vorzugsweise als das Princip der Seelenthätigkeit, und man 
könnte versucht werden, cs als das eigentlich und ursprüng- 
lich Bewegende in dem Seelenleben, gleichsam als das Herz 
der Seele zu betrachten. 

Ausser der allgemeinen gegenseitigen Einwirkung, welche 
Geist und Gemüth auf einander haben, wird auch die beson- 
dere Richtung der Gedanken und Gefühle dadurch bestimmt, 
dass jedes besondere Gefühl verwandte Gedanken und jeder 
Gedanke verwandte Gefühle hervorzurufen und widerstreitende 
zu unterdrücken sucht. Auch in dieser Beziehung erscheint 
der Einfluss der Gefühle bei weitem stärker, als der der 
Gedanken. Die Art und Weise, wie wir uns eine Sache 
vorstellen und sie beurtheilen, wird so sehr durch unsere Ge- 
fühle bedingt, dass es bei irgend erheblicher Gemüthsbewe- 
gung und Gemüthsvcrstimmung fast unmöglich ist, sich die- 
sem Einflüsse zu entziehen und das Urtheil unbefangen zu 
erhalten. Der Fröhliche erblickt Alles in einem heiteren, der 
Traurige in einem trüben Lichte, dem Zornigen kann die 
unschuldigste Aeusserung als eine neue Beleidigung erschei- 
nen, dem Geängstigten macht Alles Furcht, und der Leiden- 
schaftliche beurtheilt Alles auf eine seiner Leidenschaft ent- 
sprechende Weise. Umgekehrt kann auch der Gedanke, dass 
eine Gefahr vorhanden sei, Furcht erwecken, und die Vor- 
stellung, eine Kränkung erfahren zu haben, das Gefühl des 
Zornes hervorrufen u. s. w. ; allein diese Wirkungen treten 
nur dann in merklichem Grade ein, wenn das Gemüth zu den 


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entsprechenden Gefühlen prädisponirt ist. In anderen Fällen 
beschränkt sich die Wirkung der Gedanken auf eine Steige- 
rung oder Verminderung der vorhandenen Gefühle: Schmerzen 
und Leiden werden mehr oder weniger tief empfunden, je nach- 
dem wir sie uns als bedeutend oder als unbedeutend vorstellen. 

Die Wirkung, welche die Gefühle in dieser Beziehung 
haben, ist zwiefacher Art, indem sie einerseits unser Urtheil 
über äussere Dinge und Einwirkungen bestimmen, anderer- 
seits für sich allein correspondirende Gedanken hervorrufen. 
Der Fröhliche erblickt nicht nur Alles in einem heiteren, der 
Traurige Alles in einem trüben Lichte, sondern dem Ersterem 
fallen nur heitere, dem Letzteren nur traurige Gedanken und 
Erinnerungen ein; Furcht und Angst lassen nicht nur Alles 
furchtbar erscheinen , sondern rufen auch unabhängig von 
äusseren Dingen beängstigende Gedanken hervor, und der 
Leidenschaftliche wird bisweilen so von Gedanken erfüllt, die 
sich auf seine Leidenschaft und deren Befriedigung beziehen, 
dass er kaum an etwas Anderes denken kann. Der Fröhliche 
vergisst und übersieht sehr leicht, was ihn betrübte; dem 
Melancholischen erscheint oft sein ganzes bisheriges Leben 
als eine ununterbrochene Kette von schweren und trüben Er- 
eignissen. Nur diese reproduciren sich in ihm beim Nach- 
denken über die Vergangenheit, die erfreulichen Vorfälle sei- 
nes Lebens beachtet er nicht, oder sie erscheinen ihm als 
verschwindende Momente, so dass er mit der grössten Be- 
stimmtheit behaupten kann, er habe sich nie in seinem ganzen 
Leben über etwas gefreut und niemals einen frohen Augen- 
blick gehabt. So wie man in der Sommerhitze sich kaum 
vorstellen kann, wie die Kälte jemals lästig werden könne 
oder umgekehrt, eben so kann der Fröhliche sich manchmal 
kaum vorstellen, dass ihn irgend etwas betrüben, und der 
Traurige, dass ihn irgend etwas erfreuen könne. Ich erinnere 
mich, irgendwo die Aeusserung eines Melancholischen gelesen 
zu haben, dass bei ihm Augenblicke eingetreten seien, in * 
denen sich alle Leiden und Schmerzen seines ganzen Lebens 
in seiner Erinnerung so zusammengedrängt hätten, als ob sie 
in einen Gedanken zusammenschmelzend sein Bewusstsein 


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erfüllten. Er schilderte diese Momente als die furchtbarsten, 
welche der Mensch erleben könne, und es mag in der That 
nicht leicht einen furchtbareren Seelenzustand geben. 

In jeder bedeutenden Gemüthsverstimmung oder Gemüths- 
krankheit erscheinen alle Dinge so, wie die krankhafte Ver- 
änderung der Gefühle sic erblicken lässt. Auf ähnliche Weise, 
wie alle Gegenstände uns gelb, grün, roth oder blau erschei- 
nen, wenn wir sie durch verschieden gefärbte Gläser betrach- 
ten, erblickt Derjenige, dessen Gemüth auf eine besondere 
Weise afficirt ist, die ganze Aussenwelt in einer der eigenen 
Gemüthsstimmung entsprechenden Färbung. Zum Theil hängt 
dies wohl davon ab, dass die Richtung unserer Aufmerksam- 
keit durch unsere Gefühle bestimmt wird. So wie wir vor- 
zugsweise nur Dasjenige sehen und hören, worauf unsere 
Aufmersamkeit gerichtet ist, und nicht gewahr werden, was 
wir nicht beachten: eben so richtet sich die unter dem Ein- 
flüsse von Gefühlen thütige Aufmerksamkeit des Geistes nur 
auf diejenigen Gegenstände, welche mit dem vorherrschenden 
Gefühle in Beziehung und Verwandtschaft stehen; alles An- 
dere wird nicht beachtet und nicht wahrgenommen. Wenn 
wir, um dies Verhältniss durch ein Gleichniss anschaulicher 
zu machen, die vor dem geistigen Auge des Menschen sich 
ausbreitende Aussenwelt nebst allen sich im eigenen Bewusst- 
sein reproducircnden Vorstellungen mit einem Wiesenteppich 
vergleichen, voll von grünem Rasen und bunten Blumen, aber 
vermischt mit vertrocknetem Grase und verdorrten Kräutern: 
so erblickt der Mensch bei ruhigem Gemüthe Beides zugleich 
und so, wie es in der Wirklichkeit ist. Bei vorherrschender 
Fröhlichkeit sieht er dagegen vorzugsweise nur die Blumen 
und den grünen Rasen; bei vorherrschender Traurigkeit nur 
die verwelkten und verdorrten Pflanzen. Ist Letztere in ho- 
hem Grade vorherrschend, so sieht er die zahlreichen Blüthen 
gar nicht, weil er sie nicht beachtet; sie sind für ihn gar 
* nicht vorhanden, und wird er darauf aufmerksam gemacht, 
so verschwinden sie gleich wieder, weil der Blick nicht da- 
rauf haftet. In den höheren Graden der Traurigkeit nehmen 
alle Vorstellungen eine solche Färbung an, dass selbst die 


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eben aufgeblähte Blume wie in dem Moment des Verwelkens 
begriffen erscheint. 

Es kommen hierbei aber noch andere Umstände in Be- 
tracht, indem die Sinneswahrnehmungen durch krankhafte 
Gemütlisstimmung auch unabhängig von ihrem Einflüsse auf 
die Aufmerksamkeit verändert zu werden scheinen. Jeder 
Hypochondrist hat Gelegenheit zu erfahren, dass ihm manche 
Gegenstände anders erscheinen, als sonst, sobald seine Ge- 
müthsverstimmung stärker in ihm hervortritt. Melancholische, 
deren Krankheit, wie es bisweilen geschieht, ziemlich plötz- 
lich eintritt, klagen nicht selten darüber, dass ihnen Alles, 
was sie sehen, verändert erscheint. Sogar die Mobilien in 
ihren Zimmern kommen ihnen ganz anders vor, als sonst, 
obgleich sie wissen, dass es dieselben Dinge sind, welche 
vorher da waren, und sie die Subjectivität der wahrgenom- 
menen Veränderungen vollkommen anerkennen. Sie können 
zugleich bestimmt unterscheiden, dass nicht bloss der Ein- 
druck, welchen das Gesehene auf sie macht, ein anderer ge- 
worden ist, sondern dass sie auch mit dem Auge die Gegen- 
stände anders sehen, wie sie dieselben sonst zu sehen ge- 
wohnt sind. Wahrscheinlich ist dies eine Folge des Einflusses, 
welchen die Gemüthsstimmung auf die Bewegungen des Auges 
beim Sehen ansübt. So wie alle Körperbewegungen bei ex- 
altirtem Gemüthszustande rascher, leichter und regelmässiger 
von Statten gehen, bei deprimirtem Gemüthszugtande lang- 
samer, schwerfälliger und unregelmässiger, eben so dürfte es 
sich auch mit den Bewegungen des Auges verhalten, und 
ein Gegenstand, worüber der Blick rasch hingleitet, muss 
anders gesehen werden, als es bei einer langsamen und zö- 
gernden Fortbewegung des Auges geschehen wird. Hieraus 
erklärt sich, warum bei einem deprimirten Gemüthszustande 
fast an allen betrachteten Gegenständen Fehler und Mängel 
deutlich wahrgenommen werden, welche man sonst zu über- 
sehen pflegte. Auch in anderen Beziehungen bringen exal- 
tirte und deprimirte Gemüthszustande ähnliche Wirkungen 
hervor. Furcht und Leiden wirken mikroskopisch, sie ver- 
grös8ern die wirklich vorhandenen Ursachen der Furcht und 


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des Leidens, und machen zu übertriebenen Darstellungen ge- 
neigt; Zorn und Freude haben in mancher Beziehung eine 
entgegengesetzte Wirkung, indem sie manches übersehen oder 
geringfügiger erscheinen lassen, wie es in der Wirklichkeit ist. 
Der Melancholische haftet an Kleinigkeiten, und die unbedeu- 
tendsten Schwierigkeiten erscheinen ihm als unüberwindliche 
Hindernisse ; der krankhaft Exaltirte behandelt oft die wichtig- 
sten Dinge als Kleinigkeiten, und glaubt selbst unüberwindliche 
Hindernisse leicht überwältigen zu können: der Eine macht 
aus der Mücke einen Elephanten, der Andere aus dem Ele- 
phanten eine Mücke. 

Endlich werden auch durch einzelne bestimmte Gedanken 
entsprechende bestimmte Gefühle, und durch bestimmte Ge- 
fühle entsprechende Gedanken hervorgerufen. Die Vorstel- 
lung, dass irgend etwas gefährlich sei, erweckt ein bestimm- 
tes Gefühl von Furcht in dieser besonderen Beziehung; die 
Vorstellung, dass ein Anderer unglücklich sei, macht, dass 
wir ihn bemitleiden, und die Vorstellung, dass wir Unrecht 
gethan haben, veranlasst ein Gefühl von Reue über die ein- 
zelne Handlung. Eine bestimmte Furcht vor etwas erweckt 
entsprechende Vorstellungen in Beziehung auf den besonderen 
Gegenstand derselben, und jede besondere Leidenschaft erweckt 
und unterhält bestimmte, auf diese Leidenschaft sich beziehende 
Vorstellungen. Hierbei scheint es oft, als hätten bestimmte 
Gedanken eine grössere Macht über die Gefühle, als wir sonst 
dem Denken zuschreiben, indem manche Gefühle durch Ver- 
änderung und Berichtigung der begleitenden Vorstellungen zum 
Verschwinden gebracht werden können. W T enn wir uns z. B. 
vor etwas fürchten, so kann das Gefühl von Furcht verschwin- 
den, sobald wir einsehen, dass keine Ursache zur Furcht vor- 
handen ist, und wenn wir uns über etwas freuen oder betrü- 
ben, so kann dasselbe sich ereignen. Diese Wirkung scheint 
aber nur in denjenigen Fällen einzutreten, wo das Gefühl 
hauptsächlich durch eine solche Vorstellung erzeugt und un- 
terhalten wurde. Wo dasselbe ursprünglich aus einer Prä- 
disposition des Gemüthes oder einer äusseren Einwirkung auf 
dasselbe hervorging, wird es durch Berichtigung der beglei- 


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tenden Vorstellungen nicht leicht beseitigt und pflegt den 
Wirkungen des Denkens einen hartnäckigen Widerstand ent- 
gegen zu setzen. 

In der Vereinigung von Gedanken und Gefühlen zu Vor- 
sätzen und Trieben, so wie in dem Uebergange derselben in 
Handlungen tritt die Analogie mit electrischen Erscheinungen 
deutlich hervor. Gleichnamige electrische Pole stossen ein- 
ander ab, ungleichartige ziehen sich an, und suchen sich mit 
einander zu verbinden. Die Anziehung und das Streben nach 
Vereinigung sind um so stärker, je grösser die Spannung 
ist, und die Vereinigung geschieht unter dem Hervortreten 
von besonderen Wirkungen und Erscheinungen, von Funken 
und Blitzen. Je grösser die vorhergehende Spannung war, 
desto heftiger und gewaltsamer sind die hervortretenden Wir- 
kungen. Durch die Vereinigung wird die Spannung aufge- 
hoben, Ruhe und Gleichgewicht hergestellt, und weder positive, 
noch negative Electricität kommen zum Vorschein, bis durch 
eine neue Anregung abermals eine Entzweiung des electri- 
schen Principes und eine neue Spannung hervorgerufen wird. 
Eine vorhandene electrische Spannung kann jedoch ohne ge- 
waltsame Entladung aufgehoben werden durch Ableitung, die 
um so eher gelingt, je allmähliger und vorsichtiger sie ge- 
schieht z. B. durch langsame Näherung metallischer Spitzen. 
Für sich allein bringt jede Electricität dieselben Wirkungen 
hervor, z. B. dieselben Anziehungserscheinungen. In allen 
diesen Beziehungen verhalten sich Geist und Gemiith auf ana- 
loge Weise zu einander. 

Ein Gedanke stösst den anderen ab und sucht ihn zu 
verdrängen; ein vorhandenes Gefühl lässt kein anderes auf- 
kommen, und ein neu entstehendes Gefühl vertreibt die frü- 
her vorhandenen. Wo bestimmte Gedanken und Gefühle 
vorherrschen, und wir andere hervorrufen wollen, da erscheint 
uns dies Abstossen als ein innerer Widerstreit derselben, als 
ein Kampf eines Gedankens mit einem anderen Gedanken, 
oder eines Gefühles mit einem anderen Gefühle. Gedanken 
und Gefühle können ferner für sich allein ganz gleiche Wir- 
kungen, Bewegungen und Handlungen erzeugen: wenn z. B. 

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das Gefühl der Hitze oder der Gedanke, dass ich mich bren- 
nen könne, mich zu einem sclmellen Zurückziehen der Hand 
veranlasst, so ist die Bewegung in beiden Fällen dieselbe. 
Gedanken und Gefühle ziehen sich wechselseitig an, treten 
in Spannung zu einander, und streben nach Vereinigung zu 
einem Dritten, einem bestimmten Wollen, damit sie gemein- 
schaftlich die Ausführung der Handlung bewirken. Je grös- 
ser die vorhergehende Spannung war, desto mächtiger und 
heftiger wirkt der aus ihrem Zusammenschlagen erzeugte 
Trieb, desto energischer und gewaltsamer ist die darauf fol- 
gende That. Diese kann aber durch vorsichtige Ableitung 
verhütet werden, und die Ableitung kann von beiden Seiten 
her geschehen, sowohl durch Ableitung der Gedanken, als 
der Gefühle. Man kann z. B. einen sehr gereizten und zor- 
nigen Menschen beruhigen und den gewaltsamen Ausbruch 
seines Zornes abwenden, wenn man ihn unvermerkt auf an- 
dere Gedanken bringt, oder andere Gefühle in ihm erregt. 
Merkt er die Absicht, so kann durch die versuchte Ableitung 
die Explosion beschleunigt werden. 

Durch die That wird die Spannung der Seele aufgehoben, 
Ruhe und Gleichgewicht wieder hergestellt. Sogar Verbre- 
cher, welche nach vorhergehendem inneren Kampfe zwischen 
Vernunft und Leidenschaft zur Verübung von Mord oder 
Todtschlag fortgerissen wurden, können sich nach verübter 
That beruhigt und von der vorhergegangenen inneren Angst 
befreit fühlen. Wenn sie auch die That bereuen, und sie 
noch so gerne ungeschehen machen möchten, so ist doch die 
tiefste Reue nicht mit solcher Qual verbunden, wie die vor- 
hergegangene innere Beängstigung. Aus demselben Grunde 
erträgt der Mensch das grösste Unglück in der Regel leich- 
ter, als die andauernde Befürchtung desselben; aus demselben 
Grunde erwählt er manchmal freiwillig das Schlimmste und 
greift zu den verzweifeltsten Mitteln, um sich nur dem pein- 
lichen Zustande der Ungewissheit zu entziehen. Dasselbe 
Naturgesetz treibt den Menschen so oft zum Selbstmord und 
ist die Ursache, weshalb bei melancholischen, mit innerer 
Spannung, Angst und Unruhe behafteten Gcmüthskranken 


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der Trieb zur Ermordung Anderer so oft erwacht und aus- 
geführt wird, und weshalb grade die geliebtesten Personen, 
die eigenen Kinder, die Braut oder die Gattin die häufigsten 
Opfer dieses krankhaften Triebes sind. Es entsteht in sol- 
chen Fällen ein Vorgefühl oder ein dunkles Bewusstsein, dass 
die innere Spannung durch eine gewaltsame That ausgeglichen 
werden könne, und je grösser die Spannung ist, desto leich- 
ter kommt der Gedanke, dass nur die furchtbarste That sie 
aufzuheben vermöge. Daher kommt cs nicht ganz selten vor, 
dass krankhaft verstimmte Gcmüther sich mit dem Gedanken 
quälen, dass sie zu einer solchen That, z. B. zur Tödtung 
der eigenen Kinder, genöthigt werden könnten, und dieser 
Gedanke kann durch Reflexion auf Geuiüth und Herz zu 
einer andauernden fixen Idee werden. Wird eine solche That 
von einem Gemüthskraukep verübt, so pflegt die Besonnen- 
heit gleich darauf zurückzukehren, aber mit relativer oder 
absoluter Seelenruhe verbunden zu sein: der Kranke beweint 
und verabscheut seine That, aber er fühlt sich ruhig, und 
empfindet keine eigentliche Reue, weil er sich dessen bewusst 
ist, dass er nicht anders handeln konnte. Ihn erfüllt manch- 
mal ein schmerzliches wehmüthiges Gefühl, womit er das er- 
littene Unglück betrauert, welches aber keinen inneren Zwie- 
spalt und keine neue Spannung iu seiner Seele hervorruft. 

In anderen Fällen kann allerdings die Reue über ein be- 
gangenes Verbrechen eine innere Spannung hervorrufen, und 
die Seele mit solcher Angst und Qual erfüllen, dass der Ver- 
brecher sich freiwillig den Gerichten überliefert, um durch 
die Strafe sein Vergehen zu sühnen, und selbst die Todes- 
strafe kann ihm als ein germgeres Uebcl in Vergleich mit 
den inneren Qualen erscheinen, welche er erduldet hat. Eine 
solche Spannung entsteht in manchen Fällen, wo sie dem 
Verbrechen nicht vorherging, wo dasselbe ohne inneren Kampf 
mit kaltblütiger Ueberlegung und aus egoistischen Zwecken 
verübt wurde. Hier wird das vorher schlummernde Gewissen 
durch die That geweckt; wo aber das Gewissen abgestorben 
ist, da findet kein Erwachen desselben Statt, und es giebt so 
gewissenlose, dem Laster ergebene Verbrecher, dass ihnen 

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aueli die furchtbarste That weder Reue, noch innere Span- 
nung oder Seelenqual bereitet. 

Oft bedarf es zur Aufhebung der inneren Spannung gar 
keiner Handlung, sondern nur einer Vereinigung der Gedan- 
ken und Gefühle zu einem bestimmten Wollen, zu einem Vor- 
sätze oder Entschlüsse. In demselben Augenblicke, in wel- 
chem der bestimmte Vorsatz gefasst ist, so oder so zu handeln^ 
hört der innere Kampf auf, Spannung und Unruhe verschwin- 
den, und kehren selbst dann nicht zurück, wenn der Vorsatz 
unausgeführt bleibt. Es kommt auch nicht so sehr darauf 
an, wie der Vorsatz ist, ob das Gute oder Böse, Vernunft 
oder Leidenschaft die Oberhand behält; sondern darauf, dass 
wirklich ein bestimmter Vorsatz gefasst werde: der Entschluss 
zum Bösen kann die Seele eben so wohl beruhigen, als der 
Entschluss zum Guten. Wenn nach einer krankhaften inne- 
ren Angst und Spannung der Vorsatz zur Verübung einer 
gewaltsamen That, zum Selbstmorde oder zur Ermordung 
Anderer gefasst und * vorherrschend geworden ist, so kann die 
That selbst mit Ruhe, Kaltblütigkeit und Ueberlegung voll- 
zogen werden: der Kranke kann die Gelegenheit zu ihrer 
Ausführung abwarten, und den in ihm vorhandenen Trieb 
verheimlichen, bis sie sich darbietet. 

Triebe und Vorsätze, die aus einer Spannung und Wech- 
selwirkung von Gedanken und Gefühlen entsprungen sind, 
können lange in dem Menschen ruhen, ohne zur That zu 
werden. Sie können allmählig erlöschen, oder verdrängt wer- 
den von anderen Trieben und Vorsätzen, welche in Folge von 
äusseren Einwirkungen in der Zwischenzeit entstehen. Je 
weniger ein Trieb durch inneren Widerspruch in der Seele 
selber genährt und gesteigert wird, desto leichter kann er 
verschwinden, ohne zur That zu werden. Unendlich viele 
mit grosser Lebhaftigkeit und Leidenschaftlichkeit gefasste 
Vorsätze bleiben unausgeführt , wenn eine längere Zwischen- 
zeit vergeht, ehe sie ausgeführt werden können oder sollen. 

Die Analogie zwischen dem Geiste und dem Lichte, dem 
Gemiithe und der Wärme, dem Willen und dem Feuer wird 
in allen Sprachen anerkannt. Die menschlichen Gedanken 


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werden bezeichnet als klar und trübe, hell und heiter, oder 
dunkel und düster, sie erleuchten oder verfinstern und ver- 
blenden, sic dienen zur Erklärung und Aufklärung, sie kön- 
nen verschiedene Farben und Schattirungen annehmen, schwarz, 
grell, schimmernd, glänzend, blendend sein u. s. w. Das Ge- 
müth hingegen ist kalt oder warm, lau oder heiss, die Ge- 
fühle sind abkühlend und erkältend bis zum Erstarren, oder 
erhitzend bis zum Sieden und Schmelzen. Der Wille ent- 
zündet und befeuert zur That, die Flammen der Leidenschaft 
lodern und flackern in uns auf, wir glühen vor Verlangen, 
und die brennende, brünstige, unauslöschliche Begierde kann 
uns aufreiben wie verzehrendes Feuer. Fände keine wirkliche 
Analogie Statt, so würde der menschliche Geist sich wohl 
nicht dieser bildlichen Ausdrücke bedienen, um die verschie- 
denen Seelenzustände zu bezeichnen. Licht und Wärme ent- 
stehen hauptsächlich durch Spannung und Wechselwirkung 
zwischen den Weltkörpern und das Feuer ist ihre Vereinigung 
und Verschmelzung; das Licht ist himmlischen, die Wärme 
irdischen Ursprungs; das Licht dringt von oben hinab und 
von aussen hinein, die Wärme von unten hinauf ur.d von 
innen hinaus; das Licht wirkt anziehend und contrahirend, 
die Wärme abstossend und expandirend. In allen diesen Be- 
ziehungen ist die Analogie mit den verwandten Seelenkräften 
unverkennbar, und wie das Auge die Hauptquelle unserer 
geistigen Erkenntniss ist, so ist das Herz und die Wärme 
des Blutes eine Hauptquelle unserer Gefühle. 

So wie in allem polarisch Entgegengesetzten Eins das 
Positive, Active und Herrschende, das Andere das Nega- 
tive, Passive und Untergeordnete ist; eben so ist auch in 
dem gesunden menschlichen Seelenleben der Geist das posi- 
tive, active, herrschende und bestimmende Element, das Ge- 
müth das negative, passive, untergeordnete und bestimmte. 
Der Impuls zur Thätigkeit der Seele geht zwar, wie cs 
scheint, hauptsächlich von dem Gemüthe aus , und das Gc- 
müth ist vielleicht zu ununterbrochener Thätigkeit befähigt, 
während der Geist abwechselnd der Ruhe und des Schlafes 
bedarf; allein im wachen Seelenleben sind die Gefühle und 


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Triebe der Leitung und Herrschaft des Geistes unterworfen. 
Die Gefühle haben allerdings einen grösseren Einfluss auf die 
Gedanken und Vorstellungen, wie diese auf die Gefühle aus- 
üben; allein die Macht des Geistes über das Gemüth beruht 
nicht auf den von ihm erzeugten Vorstellungen, sondern auf 
den Vorsätzen und Entschlüssen, die von ihm ausgehen. 
Durch unsere Vorsätze und Entschlüsse können und sollen 
wir die Triebe, Affecte und Leidenschaften unseres Gemüthes 
beschränken und zügeln, und auch Gewissenhaftigkeit und 
Glaube sollen der Erkenntniss untergeordnet sein und blei- 
ben. Je mehr das Gemüth sich in einem erregten Zustande 
befindet, desto schwieriger wird es für den Geist, die ihm 
gebührende Herrschaft zu behaupten, und wie in allen Pola- 
ritätsverhältnissen eine Umkehrung der Pole Statt finden kann, 
so können sich auch im Seelenleben die Verhältnisse umkeh- 
ren. Eine solche Umkehrung findet schon in den höheren 
Graden von Affecten und Leidenschaften Statt, namentlich 
liegt sie aber allen Gemüthskrankheiten zu Grunde, in wel- 
chen nicht nur die Vorstellungen ganz und gar durch die 
vorherrschenden Gefühle bestimmt werden, sondern auch der 
Wille ihrer Uebermacht erliegt und die in dem Gemüthe 
entstehenden Triebe ihn mit unwiderstehlicher Gewalt be- 
stimmen. 

Der Geist beurkundet seine Herrschaft über das Cfemüth 
durch die ihm verliehene Macht, den Einwirkungen des Ge- 
miiths zu widerstehen, und die vorhandenen Gefühle zu be- 
schränken, zu mässigen und zu unterdrücken. Durch blosse 
Vorstellungen richtet er in dieser Beziehung wenig aus; denn 
wenn man sich auch noch so oft sagt, dass ein vorhandenes 
Gefühl imbegründet, unangemessen, falsch und unrecht sei, 
wenn man sich in Gedanken deutlich auseinander setzt, dass 
es der vernünftigen Erkenntniss widerstreite, so wird es da- 
durch in der Regel wenig verändert und verschwindet nicht, 
sondern beharrt gewöhnlich in derselben Stärke. Durch den 
festen und bestimmten Entschluss, ein verkehrtes und unbe- 
rechtigtes Gefühl nicht in sich dulden zu wollen, kann man 
es dagegen manchmal auf der Stelle zum Verschwinden brin- 


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gen oder wenigstens für den Augenblick unterdrücken und 
seinen Einfluss hemmen. Diese Wirkung beruht, wie ich 
glaube, auf einer besonderen Verbindung des grossen Gehir- 
nes mit dem kleinen, worauf ich später zurükkommen werde. 
Sie reicht aber selten hin zur völligen Beseitigung eines vor- 
herrschenden Gefühles, namentlich nicht in denjenigen Fällen, 
wo das Gefühl nicht zufällig entstanden ist, sondern aus der 
individuellen Prädisposition des Gemüthes hervorgeht. Das 
durch den Entschluss momentan unterdrückte oder zurückge- 
drängte Gefühl macht sich alsdann sehr bald wieder geltend, 
und dies wiederholt sich so oft und so lange, dass der Geist 
in der Regel in diesem Kampfe zuerst ermattet, und endlich 
nicht mehr im Stande ist, einen so kräftigen Entschluss zu 
fassen, wie es zur directen Unterdrückung des Gefühles er- 
forderlich ist. In manchen Fällen kann sogar der Versuch 
einer directen Unterdrückung eines vorhandenen Gefühls das 
Gegentheil von dem bewirken, was beabsichtigt wird, indem 
der Vorsatz einen Process der Wechselwirkung zwischen dem 
Gedanken und dem Gefühle einleitet, welcher eine Steigerung 
des Letzteren zur Folge hat. Krankhafte Gefühle und die 
von ihnen ausgehenden Gedanken können durch solche frucht- 
lose Versuche in fixe Ideen umgewandelt werden. 

Völlig beseitigen lässt sich ein vorherrschendes Gefühl in 
der Regel nur auf zwiefachem Wege, durch Ableitung oder 
durch beharrliche Verhinderung seiner Aeusserung. Das Ge- 
fühl erhält in seiner Aeusserung durch reflectirte Bewegungen 
gleichsam neue Nahrung, z. B. die Heftigkeit durch eifriges 
Disputiren, das Leiden durch unaufhörliches Klagen, die 
Furcht durch ängstliche Vorsicht, jede Leidenschaft durch 
häufige Befriedigung. Wird jede Aeusserung desselben ver- 
hindert, so wird es seiner Nahrung beraubt, nimmt allmählig 
an Intensität ab, erstirbt und verschwindet. Wer lange genug 
jede Aeusserung von Furcht, von Trauer oder Zorn vollstän- 
dig zu unterdrücken vermag, der hört am Ende auf, furcht- 
sam, traurig oder jähzornig zu sein; der leidenschaftliche 
Spieler kann sich von seiner Leidenschaft befreien, wenn er 
es über sich gewinnen kann, Jahre lang keine Karte anzu- 


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rühren u. s. w. Vermöge seiner grösseren Gewalt über die 
Muskeln hat der Geist diese Macht; er kann die Bewegungen 
hemmen, wozu die Gefühle antreiben, und auf diesem indi- 
recten Wege kann er eine vollständige Herrschaft über das 
Gemüth sich erwerben und behaupten. Der zweite Weg, 
auf welchem dasselbe Ziel erreicht werden kann, besteht in 
einer Ableitung durch absichtliche Richtung der Aufmerksam- 
keit auf andere Dinge, durch willkührliches Hervorrufen an- 
derer Gefühle, durch angestrengte geistige Beschäftigung und 
körperliche Arbeit. Ernstes Nachdenken bringt die erregten 
Gefühle zum Schweigen, die ganze Seelenthätigkeit wird da- 
bei in eine andere Bahn gelenkt, und die Wechsel wirkuug 
der Gefühle und Gedanken aufgehoben, wodurch erstere sonst 
unterhalten und gesteigert werden. Körperliche Arbeit lenkt 
die Seelenthätigkeit ebenfalls in eine andere Bahn und leitet 
sie vom Gehirne ab auf die Sphäre des Rückenmarks und 
der Nerven. Nach der Theorie der Alten würde man sagen, 
dass die Anhäufung der Lebensgeister im Gehirn durch ein 
stärkeres Ilinleiteu derselben zu den Nerven und Muskeln 
verhindert oder aufgehoben würde. 

Bei der Wechselwirkung von Geist und Gemüth scheinen 
die correspondirenden Sphären ihrer Thätigkeit in besonderer 
Beziehung zu einander zu stehen, d. h. Sinnlichkeit und Ge- 
meingefühl, Verstand und Selbstgefühl, Vernunft und Gewis- 
sen. Alle sinnlichen Wahrnehmungen werden von angeneh- 
men oder unangenehmen Gefühlen begleitet, erwecken ein 
Gefühl von Lust oder Unlust, Wohlbehagen oder Missbehagen. 
Auf der anderen Seite hat unser Befinden, der Zustand un- 
seres Gemeingefühles, eine vorhandene Neigung oder Abnei- 
gung einen grossen Einfluss auf die Sinnesthätigkeit: die 
Aufmerksamkeit oder Unaufmerksamkeit auf äussere Gegen- 
stände, die Klarheit und Deutlichkeit der Anschauungen und 
das Maass der Besonnenheit werden dadurch bedingt, und 
die Empfänglichkeit der Sinne für äussere Eindrücke wird 
dadurch manchmal bedeutend gesteigert oder abgestumpft. 
Wie wir uns hingegen eine Sache vorstellen, wird vorzugs- 
weise durch unsere Gemüthsstimmung, durch unser Selbst- 


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gefühl und vorhandene Gemüthsbewegungen bedingt ; die 
Furcht z. B. macht fürchten und lässt äussere Umstände ge- 
fahrdrohend und furchtbar erscheinen; Muth, Kühnheit und 
Zorn bewirken das Gegentheil. Auf der anderen Seite bleibt 
das Gemüth gleichgültig gegen einen Schmerz oder Verlust, 
den wir uns als geringfügig vorstellen, während der unbe- 
deutendste Vorfall einen tiefen Eindruck macht, sobald wir 
ihn in unserer Vorstellung für bedeutend und wichtig halten. 
Endlich werden die Rührungen unseres Gewissens mehr oder 
weniger bestimmt durch unsere Begriffe von recht und un- 
recht, gut und böse, so wie umgekehrt diese Begriffe in den 
einzelnen Individuen durch ihre individuelle Gewissenhaftig- 
keit. Eine nach unseren Begriffen gleichgültige Handlung 
lässt unser Gewissen unberührt, und dem Lasterhaften fehlt 
es nicht leicht an Trugschlüssen zur Beschönigung der eige- 
nen Immoralität. So wie aber Verstand und Selbstgefühl in 
dem Leben des Geistes und Geniüthes der Mittelpunct sind, 
wodurch die höheren Sphären mit den untergeordneten ver- 
bunden werden: eben so wird auch die Verbindung und 
Wechselwirkung von Geist und Gemüth vorzugsweise durch 
sie vermittelt. Unser Denken ist ein vorstehendes und auch 
unsere Gefühle sind, so weit wir von ihnen wissen, vorge- 
stellte Empfindungen. Durch seine Vorstellungen und Vor- 
sätze wirkt der Geist auf das Gemüth ein, und der Einfluss 
der Gefühle auf die Intelligenz wird hauptsächlich durch die 
Vorstellungen vermittelt, welche sie erzeugen. Von allen 
Seiten fliessen die Resultate der Seelenthätigkeit in die Vor- 
stellung oder in das Bewusstsein wie in ihren Brennpunct 
zusammen, um aus ihm zum Selbstbewusstsein fortzugehen 
und in diesem zur Einheit des Ichs mit einander zu ver- 
schmelzen. 


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Drittes Kapitel. 

Von dem ZiiMaiumenhnnge der Seeleiikrttfle. 


I. Von dem Kreisläufe der Ideen und der Nerven- 

thätigkeit. 

Der Zusammenhang in allen Erscheinungen und Wirkun- 
gen des Seelenlebens beruht, wie ich glaube, auf einem eigen- 
thümlichen Kreisläufe der Seelenthätigkeit, welcher durch die 
Organisation des Gehirnes und Nervensystems und ihre leben- 
dige Thiitigkcit bedingt und vermittelt wird, und welchen ich 
als einen Ideenkrcislauf bezeichnet habe. Diese Theorie er- 
fordert einerseits eine nähere Begründung, andrerseits eine 
besondere Erläuterung in Beziehung auf die Eigentümlich- 
keit des vorausgesetzten Kreislaufs, welcher zwar einige Aehn- . 
lichkcit mit dem Kreisläufe des Blutes darbietet, aber zugleich 
wesentlich von ihm verschieden ist, und sich insbesondere 
durch eine relative Selbständigkeit und Freiheit der Bewe- 
gungen in den einzelnen Nervenkreisen auszeichnet, die in 
ihrem Zusammenhänge den allgemeinen Kreislauf der Seelen- 
thätigkeit darstellen. 

Wenn ich diesen Kreislauf als einen Ideenkreislauf be- 
zeichne, so ist zuerst eine Erklärung und Rechtfertigung die- 
ser Benennung erforderlich. Sic soll vorläufig nichts weiter 
sein, als ein Name zur Bezeichnung eines lebendigen Proces- 
ses von unbekannter Natur, indem bis jetzt nur dargethan 
werden kann, dass alle Bewegungen des Seeleplebens kreis- 
förmig zusammenschliessen, ohne dass es möglich zu sein 
scheint, über das diesen Kreislauf begründende Princip etwas 
Bestimmtes auszusagen. Die Meinung der Alten, dass aus 
dem Blute abgesonderte Lebensgeister in den Nerven circu- 
lirten, erscheint allgemein als veraltet, und von der Idee eines 
circulirenden Nervensaftes ist man ebenfalls zurückgekommen. 


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In Folge der Untersuchungen von Du Bois-Reymond sind 
dagegen manche Physiologen dazu geneigt, alle Bewegungen 
innerhalb des Nervensystems als Wirkungen electrischer Strö- 
mungen oder Molecnlarbewcgungen zu betrachten. Wenn 
aber auch alle centripetalen und centrifugalen Fortbewegun- 
gen in dem Nervensysteme durch electrische Processe ver- 
mittelt werden sollten, so würde doch weder das Entstehen 
noch die Ausführung von Ideen daraus sich erklären oder 
ableiten lassen. Wird in Folge eines äusseren Eindruckes 
eine Idee in dem Rückenmarke oder Gehirne angeregt, so 
muss sie irgend einem Theile des Nervensystems inwobnen 
oder aus demselben hervorgehen ; entstehen beim Nachdenken 
unsere Gedanken im Gehirne, worüber man allgemein einver- 
standen ist, so müssen sie sich in den Gehirnfasern fortbe- 
wegen; und wird irgend eine Bewegung in Folge einer Idee 
vollzogen, so muss sich diese in dem Nervensysteme wenig- 
stens bis zu dem Ursprünge der in Anspruch genommenen 
motorischen Nerven fortpflanzen. Nimmt man an, dass die 
graue Substanz in der Peripherie des Gehirns der eigentliche 
Sitz der bewussten Gedanken sei, und dass die motorischen 
Nervenfasern sich von ihr aus eontinuirlicli bis in die Mus- 
keln fortsetzen, so muss z. B. bei abwechselndem willkühr- 
liehen Oeffnen und Schliessen der Iland der leitende Gedanke 
stets von der Ursprungsstelle der Extensoren zu der Ur- 
sprungsstelle der Flexoren der Hand überspringen, käme die 
Wirkung auch nur durch einen von der Idee an diesen bei- 
den Orten angeregten electrischen Process zu Stande. Wenn 
wir aber den Ursprung von Ideen aus der Nervensubstanz 
und ihre Einwirkung auf die Nervensubstanz weder abläug- 
nen, noch auf einen blos electrischen Process zurückführen 
können: so erscheint mir die hypothetische Voraussetzung 
einer weiteren Fortbewegung von Ideen innerhalb des Ner- 
vensystems so lauge als gerechtfertigt, bis etwa das Gegen- 
theil oder die Unmöglichkeit derselben nachgewiesen würde. 

In dem Seelenleben kommen viele Erscheinungen vor, 
welche fast dazu zwingen, ein wirkliches Fortbewegen von 
Ideen im Nervensysteme anzunchmen. Die Selbstbeobachtung 


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der in dem Acte des Nachdenkens Statt findenden innerlichen 
Vorgänge fuhrt, wie ich früher nachgewiesen zu haben glaube, 
zu der Voraussetzung, dass die Worte oder Gedanken, welche 
dabei im Gehirne hervortreten, an einem Orte entstehen und 
an einem anderen Orte zum Bewusstsein kommen, so dass 
sie vermittelst der Nervenfasern von dem einem Orte zum 
anderen fortgeleitet werden müssten. Manche Thatsachen 
machen es wahrscheinlich, dass die sinnlichen Bilder oder 
Ideen nicht erst im Gehirne gebildet werden, sondern von 
den peripherischen Enden der Sinnesnerven entstehen, und 
von dort aus zum Gehirne sich fortbewegen. Dafür spricht 
namentlich, dass wir oft nur sehen oder hören, was wir sehen 
und hören wollen, während andere, gleichzeitig den Sinnen 
sich darbietende sichtbare und hörbare Dinge nicht wahrge- 
nommen werden, und dass bei vielen durch krankhafte Ideen 
hervorgerufonen Sinnestäuschungen die täuschenden Bilder 
und Worte nicht im Gehirn, sondern in den Sinnesorganen 
selbst zu entstehen scheinen, so dass die Ideen sich von dem 
Gehirne aus auf die peripherischen Endungen der Sinnesner- 
ven projiciren müssten. Man kann diese Vorgänge allerdings 
als ein sogenanntes excentrisches Hervortreten der Empfin- 
dungen betrachten, allein dieses wird, wie ich weiterhin dar- 
thun werde, wahrscheinlich überall, wo es vorkommt, durch 
centrifugale Bewegungen innerhalb der sensiblen Nerven ver- 
mittelt. Nimmt man aber auch an, dass die Sinnesnerven 
alle besonderen Eindrücke als solche aufhähmen und zum 
Gehirn fortleiteten, ohne sie zu Bildern oder Ideen zu ver- 
einigen, so müsste diese Vereinigung doch an den Ursprungs- 
stätten der Sinnesnerven geschehen, um sie zum Bewusstsein 
zu bringen. Die Annahme, dass die beim Sehen und Hören 
entstehenden Bilder und Töne in dem Auge und Ohre und 
nicht erst im Gehirne gebildet werden, scheint mir jedenfalls 
viel einfacher und natürlicher zu sein, und ich möchte glau- 
ben, dass nur das eingewurzelte Vorurtheil, wodurch jede 
Aeusserung der Seelcnthätigkeit ausschliesslich auf das Gehirn 
beschränkt worden ist, die entgegengesetzte Ansicht hervor- 
gerufen hat. 


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Die Gegenwart von Ideen in dem Nervensysteme zeigt 
sich besonders deutlich bei allen willkührlichen Muskelbewe- 
gungen, sowohl in der Ausführung, als in der Wahrnehmung 
derselben. Wir können nicht die einzelnen Muskeln willkühr- 
lich bewegen, sondern nur solche Bewegungen ausfiihren, 
welche zur Erreichung eines Zweckes dienen oder wenigstens 
dienen können. Wir können die Glieder beugen und strecken, 
drehen, adduciren und abduciren, einzelne Muskeln aber nur 
dann für sich allein in Thätigkeit setzen, wenn durch ihre 
isolirte Contraction eine zweckmässige Bewegung entsteht, 
z. B. einzelne Muskeln der Finger, den Schliessmuskel des 
Auges, den Aufheber des oberen Augenliedes. Wo dies nicht 
der Fall ist, können wir nur mehrere Muskeln zugleich be- 
wegen, und die meisten willkührlichen Bewegungen kommen 
nur durch zweckmässige Combination und Succession von 
Contractioneu mehrerer oder vieler Muskeln zu Stande, na- 
mentlich das Gehen, Springen, Laufen, Tanzen, Stossen, 
Schlagen, Athmen, Kauen, Schlucken, Sprechen, Singen u. s. w. 
Wenn diese Bewegungen ausgeführt werden sollen, so muss 
zuerst die sie veranlassende Idee oder der Vorsatz entweder 
in dem Gehirn entstehen oder von dem Geiste auf dasselbe 
übertragen werden; wir können aber nicht annehmen, dass 
die Vollziehung unmittelbar durch das Gehirn geschehe, weil 
die einzelnen Muskelbewegungen nicht von einem bewussten 
Willen geleitet werden, und eigentlich nur der geistige Im- 
puls ein will kühr lieh er, die Ausführung selbst ein unwill- 
kürlicher Act ist. Letztere geschieht, wie man sagen könnte, 
durch eine Art von prästabilirter Harmonie, und man scheint 
nicht mit Unrecht vorauszusetzen, dass sie durch bestimmte 
Verbindungen der Nervenwurzeln im Rückenmarke oder eine 
gewisse geometrische Anordnung derselben vermittelt werde. 
Die betätigende Idee oder der bestimmte Vorsatz muss also 
von ihrem Ursprungsorte im Gehirn zu demjenigen Puncte 
des Rückenmarkes fortgeleitet werden, an welchem sich die 
bei Vollziehung der combinirten Muskelbewegnng tätigen 
Nervenfasern mit einander verbinden. Es kann auch nicht 
angenommen werden, dass die auf einander folgenden Bewe- 


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gungen durch successive besondere Impulse vom Gehirn aus 
an verschiedenen Orten des Rücbenmarks erzeugt würden, 
sondern man wird zu der Voraussetzung genöthigt, dass die 
Idee der Gesammtbewegung selber in dem Rüekcnmarke ent- 
stehen und sich bethätigen müsse, weil alle zur Vollziehung 
erforderlichen Muskelbewegungen in steter Abwechselung und 
in der grössten Ordnung und Regelmässigkeit der Aufeinan- 
derfolge geschehen und fortdauern, sobald nur ein einziges 
Mal der willkührliehe Impuls dazu gegeben ist. Wenn wir 
in Folge eines momentanen willkührlichen Impulses angefan- 
gen haben, zu gehen, zu sprechen, vorzulesen u. s. w., so 
werden alle dazu erforderlichen Bewegungen auf eine der 
Idee oder dem Zwecke völlig entsprechende Weise ohne unser 
Zuthun so lange fortgesetzt, bis wir sie durch einen anderen 
Impuls oder einen anderen Vorsatz willkührlich sistiren. Man 
pflegt solche, ohne Einwirkung des bewussten Wollens ent- 
stehende, oder ohne dessen Fortwirkung fortdauernde Bewe- 
gungen als automatische zu bezeichnen, aber die ganze 
automatische Thätigkeit des Rückenmarkes beruht auf der 
Erzeugung und selbständigen bewusstlosen Thätigkeit von 
Ideen in demselben, und wird sich schwerlich aus irgend 
einer mechanischen oder geometrischen Anordnung und Ver- 
bindung der Nervenwurzeln ableiten lassen. 

Die Augenmuskeln zeichnen sich durch die Leichtigkeit, 
Schnelligkeit und Genauigkeit ihrer Bewegungen aus, sie 
gehorchen der Willkühr aber nur dann, wenn sie zu einem 
bestimmten Zwecke in Thätigkeit gesetzt werden. Dasselbe 
Auge, welches sich mit der grössten Leichtigkeit und Präci- 
sion nach jedem bestimmten Orte und jedem besonderen Ge- 
genstände richten lässt, können wir ohne eine solche leitende 
Idee nicht nach oben oder nach unten u. s. w. bewegen, es 
gehorcht alsdann unserem Willen nicht. Will man daher bei 
der Untersuchung eines kranken Auges dasselbe in verschie- 
denen Stellungen betrachten, so heisst man den Kranken nach 
einem vorgehaltenen Finger sehen. Das Auge folgt alsdann 
durch einfache Reflexbewegung dem fortgerückten Finger; 
sagt man dagegen dem Kranken, er solle das Auge rechts 


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oder links, nach oben oder nach unten bewegen, so erfolgen 
gewöhnlich nur unstäte Verdrehungen des Augapfels, verbun- 
den mit Verzerrung des Aufhebers und Schliessers des Au- 
genliedes und anderer Gesichtsmuskeln. Dasselbe Auge, 
welches mit der grössten Präcision gehorcht, sobald ihm ge- 
boten wird, sich nach einem bestimmten Orte oder auf einen 
bestimmten Gegenstand zu richten, bleibt unbeweglich, wenn 
man ihm blos gebietet, sich rechts oder links, aufwärts oder 
abwärts zu bewegen. Giebt man ilim den Auftrag, einen 
Gegenstand zu suchen, von dem man nicht genau weiss, wo 
er sich befindet, so bewegt es sich ohne weiteren Einfluss 
des bewussten Wollcns so lange hin und her, bis es ihn ge- 
funden hat, und wenn die Bewegungen des Auges allein nicht 
dazu hinreichen, den gesuchten Gegenstand in das Gesichts- 
feld zu bringen , so werden die Muskeln des Kopfes und des 
ganzen Körpers, je nachdem es erforderlich ist, ohne unser 
Zuthun zu Hülfe gezogen. Man sieht, wie mich dünkt, an 
solchen Beispielen recht deutlich, dass der denkende und wol- 
lende Geist vermittelst des Gehirnes dem Rückenmark gleich- 
sam den Befehl crtheilt, diese oder jene Idee auszuführen, 
diesen oder jenen Zweck zu erfüllen, und sich nachher um 
die Ausführung oft gar nicht bekümmert. Das Rückenmark 
versteht sogleich den ihm ertheilten Auftrag, und vollzieht 
ihn auf eine verständige Weise, indem es den Auftrag auf 
diejenigen Nervenfasern überträgt, deren Thätigkeit zur ge- 
hörigen Vollziehung erforderlich ist. Es handelt dabei mit 
Willkühr, indem es nach Befinden der Umstände bald diese 
bald jene Nervenfasern in Thätigkeit setzt, aber es bedarf 
keiner vorhergehenden Ueberlegung, um die richtige Wahl 
zu treffen, und cs irrt sich nicht leicht, weil es unmittelbar 
durch die ihm inwohnende Vernunft in seinem Thun gelei- 
tet wird. 

So wie auf der einen Seite die Muskelbewcgungen über- 
all durch bestimmte Ideen und Zwecke geleitet und geregelt 
werden, ebenso erfahren wir auf der anderen Seite durch 
die centripctalen Bewegungen in den Muskelnerven nur den 
ideellen Inhalt der vollzogenen Bewegungen. Von den ein- 


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400 


z einen Muskeln und ihrem Thun erfahren wir so wenig, dass 
die meisten Menschen gar nicht wissen, dass sie Muskeln 
haben, und dass es sogar den Anatomen bisweilen schwer 
wird, zu ermitteln, durch welche Muskeln gewisse Bewegun- 
gen vollzogen werden. Von den Resultaten der geschehenen 
Muskelcontractionen werden wir dagegen auf der Stelle un- 
terrichtet. Die centripetalen Bewegungen in den Nerven der 
Glieder bringen uns fortwährend Kunde von ihrer Stellung 
und Haltung und von jeder Veränderung derselben; weil jede 
Bewegung und Richtung der Glieder an und für sich einem 
Zwecke entspricht. Von der Stellung und den Bewegungen 
des Auges erfahren wir dagegen nichts, weil diese an und 
für sieh gleichgültig sind, und nur zur Erreichung anderer 
Zwecke dienen sollen. Vermittelst der Richtung und der Be- 
wegungen des Auges werden wir von der Lage, der Grösse, 
der Bewegung oder Ruhe der gesehenen Gegenstände unter- 
richtet, weil dies der Zweck der Sehbewegungen ist. Beim 
Sprechen oder Singen erfahren wir auch nicht viel von den 
Bewegungen und Stellungen der Sprach- und Stimmorgane; 
allein wenn wir auch durchaus unhörbar sprechen, so erfahren 
wir sogleich durch die Nerven der Sprachwerkzeuge jedes 
gesprochene Wort, und wir wissen auf’s Bestimmteste, dass 
wir die Worte nicht blos gedacht, sondern dass wir sie mit 
unseren Sprachwerkzeugen unhörbar ausgesprochen haben. 

Wie sehr alle sinnlichen Wahrnehmungen durch Zwecke 
bedingt werden, zeigt sich auch darin, dass wir stets vor- 
zugsweise Dasjenige sehen oder hören, was wir sehen und 
hören wollen, oder worauf unsere Aufmerksamkeit gerichtet 
wird. Wollen wir beim Betasten von Gegenständen ihre 
Form kennen lernen, so wird die Idee oder das Bild dersel- 
ben uns durch reflectirte centripetale Bewegungen zugeführt, 
und die Beschaffenheit der berührten Oberfläche bemerken 
wir vielleicht kaum. Ist es uns dagegen darum zu thim, die 
Letztere kennen zu lernen, so geschieht das Umgekehrte. 
Machen wir mit den Fingern dieselben Bewegungen , um die 
Form eines Körpers kennen zu lernen oder eine Distanz zu 
messen, so entsteht das Resultat der vorausgegangenen Ab- 


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401 


sicht. Die Muskelbewegungen, welche bei dem Gcberden- 
spiele Statt finden, haben keinen weiteren Zweck, als die 
Darstellung innerer Gefühle. Wir erhalten deshalb auch 
von ihnen, namentlich von dem Gesichtsausdrucke, nur un- 
deutliche Wahrnehmungen; dagegen reflectiren sie sieh, wie 
ich früher nachgewiesen habe, auf das Gemüth, aus dein sie 
herstammen, und regen dieselben Gefühle an, welche sie Aus- 
drücken. Suchen wir eine bestimmte Gebeide absichtlich 
hervorzurufen, so nehmen wir die geschehenden Bewegungen 
viel deutlicher wahr. Dasselbe gilt von den Bewegungen, 
welche die verschiedene Betonung und den Ausdruck der 
Stimme beim Sprechen, Singen, Yorlesen und Declamiren 
bewirken. 

Die denkende Thätigkeit des Rückenmarks und das Wir- 
ken und Bewegen von Ideen in demselben zeigt sich fast 
nirgends deutlicher, als in der Art und Weise, wie das Auge 
die Körperbewegungen regulirt, wenn man nur, wie es nach 
den anatomischen Verhältnissen geschehen muss, die Fort- 
setzungen des Rückenmarkes bis zu den Gehirnganglien als 
ihm angehörig betrachtet. Das Centralorgan, wodurch der 
Einfluss des Auges auf die Bewegungen des Körpers ver- 
mittelt wird, sind höchst wahrscheinlich entweder die Strei- 
fenhügel und Linsenkerne, in welchen sich zahlreiche Fäden 
des Sehnerven vom Sehhügel aus mit motorischen Fäden der 
unteren Schicht des Hirnschenkels zu verbinden scheinen, 
oder die Vierhügel, aus welchen nicht nur ein Theil der Wur- 
zelfasern des opticus, oculomotorius und patheticus entspringt, 
sondern womit auch die vordem und Seitenstränge des Rük- 
kenmarkes durch die Reil’sche Schleife sich verbinden. Auch 
die vergleichende Anatomie scheint diese Ansicht von der 
physiologischen Bedeutung der Vierhügel zu bestätigen. Dass 
wenigstens die Bewegungen der Augen beim Sehen von den 
Vierhügeln aus regulirt werden , ist physiologisch constatirt. 
Das Auge ist, wie schon früher nachgewiesen, das Maassge- 
bende für eine grosse Menge der verschiedensten Körperbe- 
wegungen, und in der Art und Weise, wie es unter den ver- 
schiedensten Umständen das Gleichgewicht des Körpers zu 

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erhalten und dessen Bewegungen zu leiten weiss, offenbart 
sich eine denkende und überlegende Thätigkeit und eine Lei- 
tung der Bewegungen nach Ideen und Zwecken. Wenn man 
Lesen und Clavier spielen lernt, so wird das Lernen zuerst 
durch die Thätigkeit des Verstandes und durch ein bewuss- 
tes Wollen vermittelt. Man muss sich eine deutliche Vor- 
stellung von den einzelnen Buchstaben, Wörtern und Noten 
erwerben , und sie mit den zum Sprechen oder Spielen er- 
forderlichen Bewegungen in Verbindung bringen. Man muss, 
wenn man eine Note sieht, erst überlegen, welche Note es 
ist, und dann wieder, wo der entsprechende Ton auf dem 
Instrumente zu finden sei. Hat man eine gewisse Fertigkeit 
erreicht, so übernimmt das Rückenmark die Function des 
Verstandes und wir können vorlesen oder Clavier spielen, 
ohne daran zu denken. Fast Jeder, der oft vorliest oder 
spielt, wird die Erfahrung gemacht haben, dass er das Eine 
oder das Andere bisweilen ungestört fortsetzt, während er an 
andere Dinge denkt, und dabei so sehr in andere Gedanken 
vertieft sein kann, dass er gar nicht bemerkt und weiss, was 
er gelesen oder gespielt hat. Was in dem einen Falle durch 
die lebendige Thätigkeit des Gehirns vermittelt wird, geschieht 
in dem anderen Falle bloss durch die lebendige Thätigkeit 
des Rückenmarkes. Der ganze Process ist in beiden Fällen 
derselbe, in beiden Fällen werden dieselben Ideen gebildet 
und ausgeführt, in beiden Fällen liegt wesentlich dieselbe 
denkende Geistesthätigkeit zum Grunde; der Unterschied liegt 
nur darin, dass in dem einem Falle mit Bewusstsein geschieht, 
was in dem anderen ohne Bewusstsein vollzogen wird ; in dem 
letzteren Falle bleibt die Thätigkeit auf die untere Sphäre 
des geistigen Wirkens beschränkt (Rückenmark und Nerven, 
Anschauung und instinctartiges Thun), im ersteren nimmt 
auch die höhere Sphäre des Verstandes daran Theil (Gehirn 
und Rückenmark, Urtheil und Willkiihr). 

Dass die Physiologen sich so schwer dazu entsehliesserr, 
dem Rückenmarke eine selbständige Function und eine den- 
kende Thätigkeit zuzuschreiben, ist zum Theil die Folge der 
öfter erwälmten anatomisch falschen Ansicht, dass das Rüeken- 


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mark am grossen Ilinterliauptsloehe oder am unteren Rande 
der Varolsbrücke zu Ende sei, ist zum Theil aber auch ein 
Beweis davon, wie schwer es dem Menschen wird, sich von 
eingewurzelten Vorurtheilen zu befreien. Obgleich die Struc- 
tur des Gehirns und Rückenmarkes für identisch gehalten 
wird, will man doch eine Uebereinstimmung der Functionen 
nicht anerkennen: das Gehirn allein soll denken, Ideen auf- 
fassen und ausführen, das Rückenmark nur physikalischen 
Gesetzen gehorchen, oder nach geometrischen Anordnungen 
seiner Zellen und Fasern Eindrücke fortleiten. So findeu 
sich in der neuesten Schrift von Rud. Wagner (Neurolo- 
gische Untersuchungen. Göttingen 1854. S. 109, 202, 209) 
wiederholte Angriffe gegen die von Ed. Pflüger behauptete 
seelische Thätigkcit des Rückenmarks. Die Experimente, 
worauf Pflüger in seinem Werke (Die sensorischen Func- 
tionen des Rückenmarks der Wirbelthiere nebst einer neuen 
Lehre über die Leitungsgesetze der Reflexionen. Berlin 1853.) 
sich stützt, mögen vielleicht zur Beweisführung nicht genü- 
gen, in seiner theoretischen Behauptung hat Pflüger gewiss 
vollkommen Recht, und die Richtigkeit derselben wird auch 
ohne Zweifel bald allgemeine Anerkennung finden müssen. 
Wenn man nur erst allgemein eingesehen hat, dass die In- 
sekten kein Gehirn haben, sondern nur das Analogon des 
Rückenmarkes, so wird man nicht umhin können, diesem auch 
bei den Wirbelthiercn und dem Menschen selbständige Func- 
tionen und eine höhere physiologische und psychologische 
Bedeutung zuzuschreiben, und es als ein relativ selbständig 
denkendes, fühlendes und wollendes Organ der Seele anzu- 
erkenuen, ungeachtet es diese Functionen nur bewusstlos und 
instinctartig vollzieht. 

Die in neuester Zeit bei manchen ausgezeichneten Physio- 
logen vorherrschend gewordene materielle Weltanschauung 
möchte dagegen die denkende Thätigkcit aus der Physiologie 
ganz verbannen und alle Vorgänge in dem Nervensysteme 
auf physikalische Processe zurückführen. Diese Bestrebungen 
verdienen allerdings in manchen Beziehungen die grösste und 
dankbarste Anerkennung; sie dürfen uns aber nicht dazu 

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verleiten, das Wirken geistiger Kräfte in der ganzen Natur 
und insbesondere in den lebendigen Geschöpfen zu übersehen 
oder zu verkennen. Das Denken und alles aus ihm Her- 
vorgehende ist in seinen Wirkungen und Erscheinungen zu 
verschieden von den Wirkungen aller bekannten physikalischen 
Kräfte, um aus ihnen abgeleitet oder mit ihnen identificirt 
werden zu können. Ein consequenter Materialismus müsste 
wenigstens das Denken als eine besondere, der Materie in- 
wohnende Kraft betrachten, und wenn dies in angemessener 
Weise geschähe, wäre vielleicht nicht viel dagegen einzuwen- 
den. Sollte man nicht die Wirkungen des Denkens mit dem- 
selben Rechte aus einer denkenden Materie herleiten können, 
als die Wirkungen der Electricität aus einer electrischen ; 
und sollte das Denken nicht eben so wohl der Materie iu- 
wohnen können, als eine bis in unermessliche Entfernungen 
wirkende Anziehungskraft? In allen lebendigen Organismen 
erscheint das Denken oder die geistige Macht in der That 
als eine der Materie inwohnende Kraft, und wer sich einmal 
keine Kraft vorstellen kann ohne ein ihr zum Grunde liegen- 
des materielles Subject, der könnte vielleicht eben so gut eine 
imponderable denkende Materie oder eine denkende ätherische 
Substanz annehmen, und aus ihren Bewegungen die betref- 
fenden Erscheinungen abzuleiten versuchen, wie dies bei den 
Erscheinungen des Lichtes, der Wärme und der Electricität 
zu geschehen pflegt. Wer an die Allgegenwart Gottes in 
seiner ganzen Schöpfung glaubt, und sich deutlich vorstellt, 
was diese Worte bedeuten, der sollte sich am wenigsten ge- 
gen die Ansicht sträuben, dass der Materie eine denkende 
und nach vernünftigen Zwecken thätige Kraft inwohnen könne. 
In allen lebendigen Organismen und insbesondere in den Er- 
scheinungen des Nervenlebens offenbaren sich aber die Wir- 
kungen einer solchen Kraft in so vielfacher Weise, dass man 
dazu genöthigt wird, die Centralorgane des Nervensystems 
als selbständig denkend, Ideen aufnehmend, producirend und 
ausführend vorzustellen. 

So viel zur Rechtfertigung des Namens Ideenkreislauf. 
Ob übrigens Ideen oder Lebensgeister oder electrische Ströme 


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in den Nerven kreisen, ob überhaupt irgend etwas in ihnen 
cireulirt, oder nur die an einem Ende gegebenen Impulse sich 
bis zum anderen Ende fortpflanzen, ist hier gleichgültig, weil 
es nicht meine Absicht ist, darüber eine besondere Hypothese 
aufzustellen. Die theoretische Ansicht, die ich aufstelle, be- 
schränkt sich vielmehr auf die Behauptung, dass man durch 
alle Erscheinungen in dem Gebiete des Seelenlebens dazu 
genöthigt werde, überall einen Wechsel von centripetalen 
und centrifugalen Bewegungen, und sowohl peripherische als 
centrale Uebergünge einer Bewegung in die andere anzuneh- 
men, nicht nur in den Nerven, sondern auch im Rückenmark, 
im Gehirn und in jeder lebendigen Thätigkeit des Geistes 
und des Gemüthes. Diese Theorie ist nur eine Auffassung 
und Darstellung der Erscheinungen des Seelenlebens aus 
einem allgemeinen Gesichtspuncte; die hypothetischen Vor- 
aussetzungen, welche ich damit verbinde, namentlich in Be- 
ziehung auf die Functionen des kleinen Gehirns, werde ich 
besonders zu begründen und zu rechtfertigen versuchen. 

Die Frage, wie die entgegengesetzten Bewegungen in dem 
Nervensysteme zu Stande kommen, und wie die centralen 
und peripherischen Uebergünge geschehen, gehört dem Ge- 
biete der Nervenpliysiologie an, und muss hier unentschieden 
gelassen werden, von so grosser Wichtigkeit sie auch ist, 
weil die Anatomen und Physiologen über ihre Beantwortung 
noch nicht einverstanden sind. Noch vor wenigen Jahren 
wurde allgemein angenommen, dass die Primitivfasern der 
Nerven sich nirgends verästelten, sondern an ihren periphe- 
rischen Enden sich schlingenförmig mit einander vereinigten, 
und selbst in den Central Organen glaubte man solche End- 
schlingen mikroskopisch beobachtet zu haben. Rud. Wag- 
ner hat zuerst die dichotomisehen und büschelförmigen peri- 
pherischen Verästelungen von Primitivfasern entdeckt, und in 
neuester Zeit die Existenz von Endschlingen auf’s Entschie- 
denste in Abrede gestellt. Er sagt darüber: (Neurologische 
Untersuchungen. S. 145) „gestützt auf neue zahlreiche An- 
schauungen wage ich jetzt den Ausspruch, dass nicht blos 
die motorischen, sondern auch die sensiblen und sogenannten 


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trophischen Primitivfasern sich vielfach theilen, niemals End- 
schlingen bilden und dass die freie Endigung der Nervenfi- 
brillen ein allgemeines Gesetz ist, wobei die letzten Ausläufer 
entweder an Elemente des Gewebes, oder, wie es scheint, 
in manchen Fällen an Ganglicnkörper oder sonstige End- 
knospen (Stäbchen, Tastkörperchen, Endknöspchen in den 
Pacinischen Körpern u. s. w.) sich ansetzen.“ 

In älteren Zeiten setzte man voraus, dass die Lebensgei- 
ster in demselben Nerven von und zu dem Gehirne sich be- 
wegen könnten; nach den Entdeckungen von Bell wurde 
das Gesetz einer isolirten Leitung in jeder Primitivfaser all- 
gemein anerkannt und zugleich angenommen, dass in den rein 
sensiblen Nerven nur centripetal leitende, in den rein moto- 
rischen Nerven nur ccntrifugal leitende Primitivfasern existir- 
ten. In der neuesten Zeit haben die Untersuchungen von 
Du Bois-Reymond es wieder wahrscheinlich gemacht, dass 
eine jede Primitivfaser in beiden entgegengesetzten Richtun- 
gen fortleiten könne, und dass die Richtung der Leitung und 
das Resultat von den Organen oder Organtheilen abhänge, 
mit denen die Endpuncte sich verbinden. C. Eckhard 
(Grundzüge der Physiologie des Nervensystems. Giessen. 
1834. S. 93) sagt in dieser Beziehung: „dem experimentiren- 
den Physiologen steht daher das Recht zu , -die Nervenerre- 
gung stets als zu all denjenigen Stellen der Nerven vorge- 
schritten zu betrachten, an welchen er noch Electrotonus und 
negative Schwankung nachweist. Schaltet man nun in den 
Multiplicator ein Nervenstück ein, so kann man sich, gleich- 
viel ob jenes einem motorischen oder sensiblen Nerven ent- 
nommen ist, immer überzeugen,, dass Electrotonus und nega- % 
tive Schwankung in jedem Nerven sich nach beiden Rich- 
tungen hin und zwar mit gleicher Leichtigkeit fortpflanzen. 

Wir müssen daher die Lehre von der einsinnigen Leitung 
der Nervenfaser nicht nur als unerwiesen, sondern sogar als 
unrichtig ansehen. “ 

Bei den Untersuchungen über das Leitungsvermögen der 
Nerven haben die Physiologen, wie es scheint, eine geraume 
Zeit hindurch ohne genügende Berechtigung vorausgesetzt, 


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dass in in den motorischen Nerven nur centrifugale, in den 
sensiblen Nerven nur centripetale Bewegungen vorkämen. 
Wenn aber auch durch Reizung der Centralenden von Haut- 
und Siimesnerven keine sichtbaren Bewegungen hervorge- 
bracht werden können, so wird dadurch die Abwesenheit 
centrifugaler Bewegungen nicht erwiesen; und wenn durch 
Reizung der peripherischen Enden von Muskelnerven keine 
Reflexbewegungen und keine Zeichen schmerzhafter Empfin- 
dungen hervorgerufen werden , wenn Durchschneidung von 
Muskeln wenig Schmerz verursacht und die Muskelsubstanz 
äussere Wärme oder Kälte nicht empfindet, so folgt daraus 
nicht die Abwesenheit solcher centripetaler Bewegungen, wo- 
durch das Wissen von den vollzogenen Bewegungen vermit- 
telt wird. Manche Thatsachen deuten entschieden auf das 
Vorhandensein centrifugaler Bewegungen in rein sensiblen 
Nerven, und namentlich findet dies Statt in Beziehung auf 
den Sehnerven. Untersucht man den Faserverlauf von dem 
tractus opticus bis jenseits des chiasma, so findet man, ab- 
gesehen von einigen Fasern, welche am vordem Rande des 
chiasma von einem Sehnerven zum andern kreisförmig fort- 
gehen, dass der äussere Theil der Fasern in den Sehnerven 
derselben Seite übergeht, der mittlere Theil kreuzweise durch 
das chiasma sich zu dem Sehnerven der anderen Körperhälfte 
begiebt; dass aber eine nicht unbedeutende Partie der inner- 
sten Fasern bogenförmig an dem hinteren Rande des chiasma 
verläuft', und in den tractus opticus der entgegengesetzten 
Seite übergeht, ohne sich mit dem Sehnerven selbst zu ver- 
einigen. Nimmt man nun an, dass in dem Sehnerven nur 
centripetale Bewegungen von der Retina zum Gehirn vorkä- 
men, so würde es unbegreiflich erscheinen, welche physiolo- 
gische Bedeutung diese innersten bogenförmig verlaufenden 
Fasern möglicher Weise haben möchten. Finden hingegen 
auch centrifugale Bewegungen vom Gehirne zu der Retina 
Statt, so folgt von selbst, dass die gedachten Fasern dazu die- 
nen werden, centrifugale Bewegungen von einem thalamus zum 
andern fortzuleiten, um eine gleichmässige und übereinstim- 
mende Thätigkeit beider Sehnerven bei jedem Acte des Sehens 


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zu bewirken. Aehnliche Anordnungen von Nervenfasern kom- 
men auch anderswo vor, namentlich in der hufeisenförmigen 
Verbindung der beiden Bindearme (crura cerebelli ad corpora 
quadrigemina) unterhalb der Vierhügel, wo die bogenförmig 
von einer Seite zur andern verlaufenden Nervenfasern wahr- 
scheinlich dieselbe Bedeutung haben. 

Was hier aus dem anatomischen Faserverlauf gefolgert 
werden muss, wird auch durch manche psychologische Vor- 
gänge höchst wahrscheinlich gemacht. Dahin gehört nament- 
lich die Abhängigkeit des deutlichen Sehens von dem Grade 
der Aufmerksamkeit, welche durch directen centrifugalen Ein- 
fluss die Retina nicht nur im Allgemeinen zur Aufnahme von 
Eindrücken vorzubereiten, sondern sogar sie zu befähigen 
scheint, diejenigen Gegenstände besonders leicht und deutlich 
wahrzunehmen, welche wir sehen wollen. Das deutlichere 
oder ausschliessliche Sehen solcher Gegenstände, worauf un- 
sere Aufmerksamkeit besonders gerichtet ist, kann hier davon 
hergeleitet werden, dass derjenige Theil der Retina, welcher 
zur Aufnahme von Eindrücken am meisten befähigt ist, dem 
Gegenstände zugewendet werde; allein diese Erklärung ist 
auf den Hörnerven nicht anwendbar, und doch ist das deutliche 
oder ausschliessliche Hören eben so sehr von der Aufmerk- 
samkeit abhängig. Wahrscheinlich wird in allen Sinnesnerven 
durch die Aufmerksamkeit vermittelst centrifugaler Bewegun- 
gen eine sogenannte Innervation hervorgerufen, welche zur 
Aufnahme von Eindrücken vorbereitet. Es scheint, als ob 
die Retina dadurch theils im Allgemeinen zur Aufnahme jedes 
Eindrucks befähigt werden könne, theils aber auch nur zur 
Aufnahme besonderer Eindrücke, so dass wir aus diesem 
Grunde vorzugsweise oder ausschliesslich sehen und hören, 
was wir sehen und hören wollen, und dass Nachtwandler 
und Somnambüle deshalb nur gewahr werden, was mit ihren 
Traumideen in Beziehung steht. In analoger Weise können wir 
unserer Hand und den Fingern eine zum Fassen oder Auf- 
fangen jedes sich darbietenden Gegenstandes geeignete Stel- 
lung und Richtung geben; wir können diese aber auch so 


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einrichten, dass sie nur zum Fassen eines besonderen Gegen- 
standes vorbereitet ist. 

Die nähere Betrachtung der in Geisteskrankheiten so häu- 
fig vorkommenden Sinnestäuschungen fuhrt zu demselben Re- 
sultate. Wenn die täuschenden Bilder, Töne und Worte dem 
Kranken so deutlich erscheinen, als ob er sie, wie ausser ihm 
befindlich, mit den Sinnen wahrnähme, so entstehen sie wahr- 
scheinlich auch in dem Auge und Ohre, und wenn sie, wie 
sich oft mit Bestimmtheit erkennen lässt, durch krankhafte 
Ideen hervorgerufen werden, wenn die eigenen Gedanken dem 
Kranken in sichtbarer und hörbarer Gestalt entgegentreten, 
so werden diese höchst wahrscheinlich vom Gehirne aus durch 
centrifugalc Bewegungen auf die peripherischen Enden der 
Seh- und Hörnerven reflectirt und kehren von dort aus in 
der Form von sinnlichen Wahrnehmungen zum Gehirn zurück. 
Es ist dies eine Wiederholung desselben Processes, wodurch 
der menschliche Geist beim Nachdenken seine eigenen Ge- 
danken auf das Gehirn reflectirt, um sie in der Form von 
Worten zu vernehmen. In Träumen scheint dasselbe zu ge- 
schehen, wenn die Traumbilder, wie es nicht selten der Fall 
ist, sich in einem gewissen logischen Zusammenhänge an ein- 
ander reihen. Sie sind alsdann wahrscheinlich Reflexe be- 
stimmter Tranmideen auf die Sinnesorgane, während sie in 
anderen Fällen, wo sie ungeordnet, abspringend, in verwor- 
rener Aufeinanderfolge erscheinen, wahrscheinlich eben so in 
den Sinnesorganen selbst entstehen, wie die Gedanken in dem 
sich selbst überlassenen Gehirn. Wer sich Bilder abwesender 
Personen so deutlich vergegenwärtigen kann, als ob er sie 
vor sich sähe, der producirt diese Bilder wahrscheinlich eben- 
falls durch eentrifugale Bewegungen in seinen Sehnerven. 
Ich selbst bin dazu nicht im Stande, und habe zugleich ein 
so auffallend schlechtes Personengedächtnis?, dass ich manch- 
mal bekannte Personen nicht wieder erkenne, wenn ich sie 
auch vor nicht langer Zeit gesehen habe. Auch von An- 
deren, welchen das Personengedächtniss mangelt, habe ich 
erfahren, dass sie ebenfalls nicht im Stande sind, sich von 
Abwesenden ein deutliches Bild zu machen. Mehrere durch 


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ein gutes Personengedächtnis ausgezeichnete Individuen haben 
mir dagegen versichert, dass sie jeden Abwesenden sich so 
deutlich vorstellen könnten, als ob er vor ihnen stände. Ich 
suche den Sitz des Personengedächtnisses in der Retina, und 
wenn mir in seltenen Fällen ein Abwesender, meistens unge- 
rufen, in einem deutlichen Bilde erschienen ist, so ist es mir 
zugleich immer so vorgekommen, als ob dieses Bild im Auge 
entstände. Zwischen einem blos in der Vorstellung (im Ge- 
hirn) und einem in dem Auge entstehenden Bilde finde ich 
denselben Unterschied, wie zwischen einem blos innerlich 
vorgestellten und einem unhörbar ausgesprochenen oder mit 
dem Ohre gehörten Worte. 

Auch in der lebendigen Thätigkeit anderer nicht motori- 
scher Nerven, namentlich in den Nerven der Haut und der 
Secretionsorgane kommen zahlreiche Erscheinungen vor, welche 
die Existenz centrifugaler Bewegungen in ihnen darthun. Es 
gehören dahin die Erscheinungen des turgor vitalis, der Ein- 
fluss von Gemiithsbewegungen auf die Secretionen der Thrä- 
nen-, Milch- und Speicheldrüsen, des Darmkanals, der Leber 
und der Haut, das Ergrauen der Haare durch Schrecken und 
Aerger, die Verschlimmerung von Hautgeschwüren durch de- 
primirende Gemüthsaffecte u. s. w. Das Gefühl von Schau- 
dern, welches sich bei Gemüthsbewegungen über die ganze 
Oberfläche des Körpers verbreitet, und die sogenannte Gän- 
sehaut, die bei localer Einwirkung der Kälte allgemein oder 
an entfernten Orten eintretenden Zusammenziehungen des 
contractilen Zellgewebes müssen durch centrifugale Bewegun- 
gen in den Ilautnerven vermittelt werden. Wenn der Stamm 
eines sensiblen Nerven durch einen Druck oder Stoss stetrof- 
fen wird, so wird dadurch eine kribbelnde oder schmerzhafte 
Empfindung in dem peripherischen Ende des getroffenen 
Nerven hervorgerufen; aber wir empfinden dabei bisweilen 
deutlich ein vorhergehendes blitzähnliches Fortschreiten des 
Eindruckes von dem Stamme zu den peripherischen Enden, 
und überhaupt dürfte sich jedes excentrische Hervortreten 
von Empfindungen durch die Annahme centrifugaler Bewe- 
gungen in den sensiblen Nerven am einfachsten erklären las- 


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sen. Wenn wir auf einzelne Theile unseres Körpers z. B. 
auf die Fingerspitzen, unsere Aufmerksamkeit richten, so ent- 
steht in denselben ein eigenthiimliches Gefühl und zugleich 
ein deutliches Wahrnehmen ihrer Stellung, welches ebenfalls 
auf eine Statt findende vom Gehirn aus zu den Fingerspitzen 
fortgehende centrifugale Bewegung schliessen lässt. Auf die- 
selbe Weise erkläre ich mir die Zunahme von schmerzhaften 
Empfindungen und die Verschlimmerung von krankhaften Zu- 
ständen, welche namentlich bei Hypochondristen so oft in 
Folge einer andauernden Richtung der Aufmerksamkeit auf 
den Ort des Schmerzes oder auf den vorhandenen Krank- 
heitszustand entstehen. An mir selber habe ich oft erfahren, 
in welchem Maasse die Zunahme oder Abnahme unangeneh- 
mer Empfindungen in den Hypochondrien durch den Grad 
der Aufmerksamkeit bedingt werden kann, und ich erinnere 
mich deutlich einer vor vielen Jahren an mir selber gemach- 
ten, und mir schon damals sehr auffallenden Beobachtung, wo 
ich durch anhaltende Aufmerksamkeit eine sehr unangenehme 
und eigenthümliche Empfindung in einem Gliede hervorrief. 
Ich bemühte mich während meiner Studienzeit eines Tages, 
mir die verschiedenen Amputationsmethoden recht deutlich 
zu machen, und vollzog die Operationen in Gedanken an 
meinem eigenen Unterschenkel. Nachdem ich einige Zeit in 
diese Beschäftigung ganz vertieft gewesen war, empfand ich 
auf einmal an der Stelle des Beines, wo ich in Gedanken 
operirt hatte, ein ganz sonderbares und eigenthündiches Ge- 
fühl, mit welchem sich die Vorstellung verband, dass ich nicht 
im Stande sei, das Bein zu bewegen. Diese Vorstellung trat 
so plötzlich und lebhaft hervor, dass ich zögerte, den Versuch 
zu machen, und dies erst that, nachdem ich durch vorherge- 
gangene Ueberlegung eingesehen hatte, dass eine Lähmung 
des Beines unmöglich eingetreten sein könne. 

Die Art und Weise, in welcher centrifugale Bewegungen 
in der Peripherie in centripetale übergehen, ist noch zwei- 
felhaft, und die Physiologen sind durchgehende nicht ge- 
neigt, die Wirklichkeit und Allgemeinheit solcher Uebergänge 
anzuerkennen. Ehe darüber etwas Bestimmtes ausgesagt 


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werden kann, müsste man vor allen Dingen über die letzten 
Endungen der Nerven zu völliger Gewissheit gekommen sein. 
Die Uebergänge können im Allgemeinen auf dreifachem Wege 
geschehen, und es ist nicht unmöglich, dass sie in einem 
Organe auf andere Weise zu Stande kämen, als in andern, 
z. B. in den Sinnesorganen anders, als in den Muskeln. Es 
könnten Nervenenden von entgegengesetzter Function unmit- 
telbar in einander übergehen, wie Arterien und Venen; oder 
Primitivfasern beiderlei Art könnten durch freie Enden sich 
mit der Substanz der Organe verbinden, und diese den Ueber- 
gang vermitteln; oder endlich könnte auf eine centrifugale 
Bewegung in einer Primitivfaser eine centripetale rückgängige 
Bewegung in derselben Primitivfaser naehfolgen. Das Erste 
würde nicht Statt finden können, wenn die früher angenom- 
menen Endschlingen der Nerven in der That nicht existiren, 
und es kommen auch Erscheinungen vor, welche einen sol- 
chen unmittelbaren Uebzrgang unwahrscheinlich machen, in- 
dem derselbe zwar in der Regel erfolgt, aber doch, wie es 
scheint, nicht mit einer so unabänderlichen Nothwendigkeit, 
wie der Uebergang des Blutes aus den Arterien in die Venen. 
Nerven von entgegengesetzter Function scheinen ungeachtet 
ihrer innigen Verbindung und wechselseitigen Abhängigkeit 
doch eine gewisse Selbständigkeit zu besitzen und bewahren 
zu können. Namentlich kommen bei unvollständigen Läh- 
mungen Fälle vor, in welchen die Vollziehung der Bewegun- 
gen und die Wahrnehmung der vollzogenen Bewegungen 
nicht gleichmässig geschwächt erscheinen: der Kranke kann 
bisweilen alle wiilkührlichen Bewegungen noch ziemlich gut 
vollziehen, wenn er auch nicht mehr im Stande ist, sich die 
vollzogene Bewegung deutlich vorzustellen. Ein hierher ge- 
hörendes Beispiel findet sich unter anderen bei Bell (Ch. 
Bell, thc nervous System of the human body. London 1830. 
S. 233). Eine Kranke hatte durch den Druck einer Ge- 
schwulst auf die Nerven der Orbita die Sensibilität des Auges 
und der Augenlieder verloren, aber das Vermögen behalten, 
die Augenlieder vermittelst des Antlitznerven zu bewegen. 
Sie konnte nicht sagen, ob die Augenlieder geöffnet oder ge- 


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schlossen waren, aber wenn man sie aufforderte, das bereits 
geschlossene Auge zu schliessen, so wirkte sie mit den Schliess- 
muskeln und runzelte die Augenlieder. In diesem Falle zeigt 
sich zugleich, dass die Bewegung der Augenlieder durch das 
7te, die Wahrnehmung der vollzogenen Bewegung derselben 
durch das 5te Nervenpaar vermittelt wird, und wenn hier, 
wie in anderen Fällen, die Vollziehung centrifugaler und een- 
tripetaler Bewegungen verschiedenen Nerven übertragen ist, 
so wird es dadurch wahrscheinlich, dass dasselbe allgemein 
Statt finden werde. Ob überhaupt in dem lebendigen Orga- 
nismus Bewegungen in entgegengesetztem Sinne in einer und 
derselben Primitivfaser Vorkommen, müssen wir dahin gestellt 
sein lassen. 

In Beziehung auf die centralen Uebergänge eentripetaler 
Bewegungen in centrifugale ist man darüber ziemlich einver- 
standen, dass sie durch Vermittelung grauer Nervensubstanz 
(Nervenzellen oder Ganglienzellen) zu' Stande kommt. Ueber 
die Art und Weise dieses Zustandekommens ist man jedoch 
noch nicht einig geworden, obgleich die Anhäufungen von 
grauer Substanz (Ganglien) ziemlich allgemein als Central- 
puncte oder Heerde gewisser Innervationsprocesse betrachtet 
werden. Die Ansicht von Rud. Wagner, dass alle Primi- 
tivfasern sich im Rückenmark und Gehirn in sogenannte mul- 
tipolare Ganglienzellen endigen, d. h. in Nervenzellen, aus 
denen mehrere Primitivfasern hervorgehen, scheint mir, theo- 
retisch angesehen, sehr viel für sich zu haben. Er sagt dar- 
über (Neurologische Untersuchungen S. 165): „Nach diesen 
Ergebnissen ausgedehnter Untersuchungen scheint mir Fol- 
gendes fest zu stehen: Gehirn und Rückenmark sind nichts 
anderes, als massenhafte Anhäufungen von Primitivfasern und 
multipolaren Ganglienzellen. Verbindungen von Primitivfasern 
kommen nicht vor, als unter Vermittelung von Ganglienzellen. 
Mithin geschehen alle Uebertragungen von einer Primitivfaser 
auf die andere auf nachweisbarem anatomischen Wege. Graue 
Substanz und deren Wirkung auf die Nervenfaser ist der 
unklare Ausdruck für den klaren: multipolare Ganglienzellen 
mit Primitivfasern verbunden. Alle Innervations-Erscheinun- 


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gen beruhen auf Verbindungen von einzelnen Ganglienzellen 
und grösser*» Ganglienzellenaggregaten , als eigentümlichen 
Innervationsprovinzen von verschiedener physiologischer Digni- 
tät, unter sich und mit centralen und peripherischen Nerven- 
bahnen.“ 

Kann nun auch physiologisch nicht mit Sicherheit nach- 
gewiesen werden, wie die centrifugalen und centripetalen Be- 
wegungen in einander übergehen, so ist es dessen ungeachtet 
psychologisch gewiss, dass diese Uebergänge nach beidejp 
Seiten Statt finden und ich glaube in den vorausgegangenen 
Auseinandersetzungen auf eine genügende Weise nachgewie- 
sen zu haben, dass sie bei jeder Seelenthätigkeit und in allen 
Sphären des Seelenlebens sich wiederholen. In der Sphäre 
der Sinnlichkeit, des Gemeingefnhles und des Instinctes sind 
die centralen Uebergänge der centripetalen Bewegungen in een- 
trifugale physiologisch und experimentell erwiesen durch die 
in neuerer Zeit so vielfach untersuchten und besprochenen 
Reflexbewegungen; die peripherischen Uebergänge der cen- 
trifugalen Bewegungen in centripetale ergeben sich deutlich 
aus dem Wahrnehmen jeder vollzogenen Bewegung und jedes 
gesprochenen Wortes, aus dem Einflüsse der Aufmerksamkeit 
auf die Bestimmtheit und Deutlichkeit der nachfolgenden 
Wahrnehmung, aus der Wechselwirkung zwischen Gefühlen 
und Geberden, zwischen den Gemüthsbewegungen und dem 
Herzen u. s. w. 

Um das Entstehen der Reflexbewegungen zu erklären, 
wurde von Marshai Hall neben den willkührlich bewegen- 
den und bewusst empfindenden Nerven ein besonderes excito- 
motorisches Nervensystem angenommen, und dieser Annahme 
sind Grainger, Spiess und noch in der neuesten Zeit 
Rud. Wagner beigetreten, obgleich andere Physiologen sie 
bestritten und widerlegt haben. Ausserdem streitet man 
darüber, ob die vorzugsweise durch Reizung der äusseren 
Haut und der Schleimhäute bei enthaupteten oder tetauisirten 
Thieren erzeugten Reflexbewegungen zweckmässige Be- 
wegungen seien oder nicht. Man scheint dabei aber ganz zu 
vergessen, dass man nicht an einem gesunden und uuverletz- 


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ten Rückenmarke experimentirt , sondern an einem krankhaft 
veränderten oder seiner wesentlichsten Theile beraubten. Das 
Rückenmark eines mit Strychnin behandelten Frosches wird 
auf Reize eben so wenig normal reagiren, wie das Rücken- 
mark eines Menschen während eines Anfalles von Epilepsie 
oder Tetanus, und wenn man den Kopf abschneidet, so ent- 
fernt man zugleich den oberen Theil des Rückenmarkes nebst 
den llirnganglien, welche aller Walirscheinlichkeit nach die 
eigentlichen Centraltheile des Rückenmarkes sind, d. h. die 
Vereinigungspunete des bewusstlosen Wahrnehmens und Wis- 
sens und die Ausgangspuncte des instinctartigen Wollens. 
Es ist daher kein Wunder, wenn die Bewegungen geköpfter 
Thiere und die Reactionen ihres zerschnittenen Rückenmarkes 
weniger geordnet, regelmässig und zweckmässig erscheinen, 
wie es bei gesunden und lebendigen Thieren der Fall zu sein 
pflegt. Dessen ungeachtet erscheinen die Reflexbewegungen 
mehr oder weniger als zweckmässig, und sie sind von den 
willkührlichen Bewegungen nur in ihren Combinationen und 
in ihrer Aufeinanderfolge verschieden, so dass es keiner be- 
sonderen excito-motorischen Nerven zu ihrem Entstehen be- 
darf. Sie bestehen in einem abwechselnden Beugen, Strecken, 
Drehen, Anziehen und Abstossen der Glieder, zuweilen sogar 
in regelmässigen Fortbewegungen. Schwächere Reizung be- 
wirkt nur eine locale, auf dieselbe Körperhälfte beschränkte 
Reaction, stärkere Reizung verbreitet ihre Wirkung auf das 
correspondirende Glied der anderen Körperhälfte, noch stär- 
kere Reizung über den ganzen Körper. Dasselbe geschieht 
auch bei uns, wenn wir unerwartet von einem schmerzhaften 
Reize getroffen werden. Ist der Schmerz unbedeutend, so 
ziehen wir unwillkührlich das davon getroffene Glied zurück 
oder stossen den berührenden Gegenstand fort; ist der 
Schmerz stärker, so macht das correspondirende Gied der 
anderen Körperhälfte oft dieselben Bewegungen, und bei sehr 
heftigem Schmerze spingen wir vielleicht auf und rennen im 
Zimmer umher, als wenn wir den Kopf verloren hätten. An 
allen solchen Bewegungen nimmt das Gehirn, die verständige 
Ucberlegung und die Willkühr keinen Theil, obgleich das 


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Geschehene theils sogleich, theils nachher zum Bewusstsein 
gelangt. 

Wer daran zweifelt, dass das Bückenmark für sich allein 
zweckmässige Bewegungen auszuführen vermöge, der mache 
nur das Experiment, eine Fliege zu köpfen. Er wird sehen, 
dass sie noch mehr als 24 Stunden nachher mit den Hinter- 
füssen ihre Flügel eben so putzt, wie sie es sonst zu thun 
pflegte, und dass sie bei äusserer Reizung nicht nur ihre 
Beine bewegt, sondern ganz regelmässig fortmarschiren kann, 
nur das Vermögen zu fliegen scheint sie nicht mehr zu be- 
sitzen. Was man durch mühsame Experimente in Beziehung 
auf Reflexbewegungen gelernt hat, hätte man viel leichter 
und bequemer durch aufmerksame Beobachtung und vernünf- 
tige Deutung der lebendigen Erscheinungen erfahren können, 
da wir an uns selber und an anderen Menschen und Thieren 
eine unendliche Menge von Reflexbewegungen tagtäglich zu 
beobachten Gelegenheit haben, welche unwillkührlich und in- 
stiuctartig, ohne alle Theilnahme des Gehirns, des verständi- 
gen Ueberlegens oder einer bewussten Willkühr zu Stande 
kommen. Dahin gehören nicht blos das Husten, Niesen, Da- 
chen u. dgl., sondern die Erregung der Aufmerksamkeit und 
der zum deutlichen Walirnehmen erforderlichen Bewegungen 
bei jedem Sinnesein drucke, das Zurückziehen der Hand bei 
schmerzhafter Berührung, das Verändern unbequemer Stellun- 
gen, das unwillkürliche Kratzen oder Reiben juckender oder 
schmerzender Stellen des Körpers, das In-den-Mund-stecken 
eines verbrannten Fingers, das Entfernen eines zwischen den 
Zähnen befindlichen fremden Körpers vermittelst der Zungen- 
spitze, die zur Erhaltung des Gleichgewichts auf schlüpfrigen 
und abschüssigen Wegen vorgenommenen Körperbewegungen, 
das Ausweichen vor begegnenden Personen oder im Wege 
liegenden Steinen, das Beantworten einfacher Fragen, alle 
durch irgend eine Empfindung hervorgerufenen Geberden, 
alle in unmittelbarer Folge von Gemüthserregung entstehen- 
den Körperbewegungen u. s. w. Selbst das Lesen, Abschrei- 
ben, Clavier spielen, Gehen, Laufen, Springen, Tanzen, Spre- 
chen und Singen können als blosse Reflexbewegungen zu 


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Stande kommen, und man würde gar kein Ende finden, wenn 
man alle im tagtäglichen Leben vorkommenden Reflexbewe- 
gungen vollständig aufzählen wollte. Alle, oder wenigstens 
die meisten dieser Bewegungen können allerdings auch will- 
kührlieh, mit Bewusstsein und in Folge eines bestimmten 
Vorsatzes ausgefiihrt werden; allein in beiden Fällen ist die 
Vollziehung lediglich Sache des Rückenmarkes. Der Unter- 
schied beruht nur darauf, dass derselbe Theil des Rücken- 
markes in dem einen Falle durch einen äusseren Impuls, in 
dem anderen Falle durch einen vom' Gehirn ausgehenden Im- 
puls zu derselben bestimmten Thätigkeit veranlasst wird. 
Geht die Bewegung von einem äusseren Reize aus, so wird 
der Eindruck zuerst zu einer bestimmten Stelle des Rücken- 
markes fortgepflanzt, erfolgt alsdann sogleich eine Reaction, 
so ist sie eine blose Reflexbewegung; geht aber derselbe 
Eindruck vorher weiter zu dem Gehirn, und wird er von 
dort aus wieder auf dieselbe Stelle des Rückenmarkes reflec- 
tirt, so ist dieselbe Bewegung eine willkührliclie. Wenn Rud. 
Wagner’s Ansichten über die Structur des Rückenmarkes 
richtig sind, so würde die bestimmte Bewegung durch einen 
gewissen Complex von multipolaren, durch Primitivfasern mit 
einander verbundenen Ganglienzellen vermittelt werden, von 
denen die zur Vollziehung der Bewegung dienenden motori- 
schen Primitivfasern ausgingen, und welche zugleich durch 
sensible Primitivfasern einerseits mit der äusseren Haut oder 
den Sinnesorganen, andererseits mit multipolaren Ganglien- 
zellen des Gehirnes in Verbindung ständen. 

Den peripherischen Uebergang centrifugaler Bewegungen 
in centripetale hat C. Bell zuerst und schon im Jahre 1826 
nachgewiesen, in einem Vortrage „über den Nervenkreis, wel- 
cher die willkührlichen Muskeln mit dem Gehirn verbindet.“ 
Dieser Vortrag ist zuerst in den Philosophical Transactions, 
nachher in dem oben angeführten Werke (On the nervous 
System. London 1830. S. 225) wieder abgedruckt worden. 
Es ist auffallend, dass das Aussprechen dieser einfachen und 
einleuchtenden Thatsache nicht hingereicht hat, die Physiolo- 
gen zu weiteren Nachforschungen über die Existenz von 

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Nervenkreisen zu veranlassen. Vielleicht hat ein gerechter 
Abscheu vor der Idee eines circulirenden Nervensaftcs sie 
davon zurückgehalten, zum Theil auch wohl die etwas zu 
einseitig vorherrschend gewordene Vorliebe für experimentelle 
und mikroskopische Untersuchungen. Auch die wichtigen 
Entdeckungen Bell’s über die Verschiedenheit der sensiblen 
und motorischen Nerven und Nerven wurzeln mögen dazu bei- 
getragen haben, indem sie zu der Ansicht führten, dass jede 
Primitivfaser eine besondere Function habe, und nur zu einer 
völlig isolirten Leitung in einer Richtung befähigt sei. Man 
dachte sich dabei die centrifugalen und centripetalen Bewe- 
gungen so vollständig von einander getrennt, dass ihre peri- 
pherische Vereinigung und Verbindung unmöglich erschien. 
Die Analogie der centrifugalen und centripetalen Bewegungen 
der Nerven mit den Bewegungen des Blutes in den Arterien 
und Venen war in die Augen springend, die Existenz eines 
Nervenkreises war augenscheinlich nachgewiesen, und dennoch, 
so gross ist die Macht des Vorurtheiles, fiel es Keinem ein, 
an die Möglichkeit und Wirklichkeit^ eines Kreislaufes der 
Nerventhätigkeit ernstlich zu denken, oder nähere Untersu- 
chungen darüber anzustellen. Vielmehr bestritt man die 
Existenz der von Bell angenommenen sensiblen Muskelner- 
ven, welche nach ihm ausschliesslich zur Wahrnehmung der 
vollzogenen Muskelbewegungen dienen, und mit den Haut- 
nerven vereint zu den hinteren Rückenmarkssträngen verlau- 
fen sollten (1. c. S. 236). 

Spiess (Physiologie des Nervensystemes. Braunschweig 
1844. S. 78) glaubte, das sogenannte Muskelgefühl, d. h. die 
Wahrnehmung vollzogener Muskelbewegungen aus der Sen- 
sibilität der Ilautnerven herleiten zu können, indem die Haut 
bei allen Muskelbewegungen mehr oder weniger gedrückt, 
ausgedehnt, gespannt oder erschlafft werde. Es ist aber kaum 
denkbar, dass so bestimmte und deutliche Wahrnehmungen, 
wie wir sic von den kleinsten Bewegungen der Glieder er- 
halten, durch die dabei Statt findenden fust unmerklichen 
mechanischen Einwirkungen auf die Haut vermittelt werden 
könnten, und die Deutlichkeit der Wahrnehmungen steht in 


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gar keinem Verhältnisse zu dem Grade des Druckes oder der 
Spanuung der Haut, welche sie begleitet. Auch wird eine 
auf andere Weise hervorgebrachte Spannung der Haut nie- 
mals mit einer vollzogenen Muskelbewegung verwechselt wer- 
den. Wir können sogar durch einen Willensact in jedem 
beliebigen Gliede eine innere Spannung der Muskeln ohne 
merkliche Bewegung und ohne gleichzeitige Spannung der 
Haut hervorrufen, und die Anspannung der Muskeln nehmen 
wir alsdanft bestimmt und deutlich wahr. Je beweglicher 
das Glied ist, und je zahlreicher die zu seinen Muskeln ver- 
laufenden Nervenfasern, desto leichter und stärker kommt die- 
ser Einfluss des Willens zum Vorschein. Bei einer starken 
und kräftigen Anspannung der Muskeln der Hand und Finger 
bemerkt man deutlich in diesen eine innere Bewegung. Man 
kann die Spannung nach Belieben verstärken und vermindern, 
und wenn man die Einwirkung plötzlich aufhören lässt, so 
bemerkt man, dass die Spannung erst allmählig nachlässt und 
verschwindet. In dem dabei Statt findenden Processe ist die 
Anregung einer centrifugalen Bewegung durch den Willen, 
und ihr augenblicklicher Uebergang in die centripetale Bewe- 
gung des Wahrnehmens unverkennbar. 

Was vermittelst der sensiblen oder centripetal leitenden 
Muskelnerven wahrgenommen wird, ist nicht die Bewegung 
der einzelnen Muskeln, sondern, wie schon früher erwähnt, 
die Ausführung der Idee oder des Zweckes, welcher der eom- 
binirten Muskelbewegung zum Grunde liegt. Wo dieser Zweck 
unmittelbar durch die vollzogene Bewegung erreicht wird, da 
wird die Bewegung selber wahrgenommen ; wo dies nicht der 
Fall ist, erfahren wir von den Bewegungen wenig oder gar 
nichts, und nehmen nur die Resultate derselben ^dir. Er- 
steres findet Statt bei den Bewegungen der Glieder, wo jede 
Beugung, Streckung, Drehung, Anziehung oder Abziehung 
deutlich wahrgenommen werden kann. Wenn sich aber eine 
grössere Anzahl solcher einzelner Bewegungen zu einer Ge- 
sammtbewegung vereinigen, z. B. beiin Gehen, Laufen, Sprin- 
gen , Heben und Tragen von Lasten u. s. w. , so entziehen 
sich die einzelnen Bewegungen mehr oder weniger der Wahr- 

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420 


nehmung und nur von der Art und Weise, wie die Gesarnmt- 
bewegung vollzogen wird, werden wir fortwährend unterrich- 
tet. Von den Bewegungen unserer Augen nehmen wir fast 
gar nichts wahr, erhalten aber dadurch deutliche Wahrneh- 
mungen von der Lage, der Grösse und den Verhältnissen 
der gesehenen Gegenstände. Dasselbe gilt in Beziehung auf 
die Sprach- und Stimmwerkzeuge: von ihren Bewegungen 
beim Sprechen und Singen erfahren wir nicht viel, aber jedes 
noch so leise und unhörbar ausgesprochene Wort wird ver- 
mittelst ihrer sensiblen Nerven deutlich wahrgenommen, und 
wenn ein Sänger die eigenen Töne auch nicht hört, so weiss 
er doch, ob er einen tieferen oder höheren Ton hervorge- 
bracht, er kann sogar die Intervalle auf einander folgender 
Töne durch innere Wahrnehmung unterscheiden. Wenn ich 
früher geäussert habe, dass die durch das Sehen und Hören 
erzeugten Bilder oder Ideen wahrscheinlich schon in dem 
Auge und Ohre entstehen möchten, so muss ich hier bemer- 
ken, dass es sich bei den durch Muskelbewegungen erzeug- 
ten Ideen nicht so zu verhalten scheint. Die Art und Weise, 
wie sich die Nerven in den Muskeln endigen, und die zur 
Erzeugung einer Idee nothwendige Vereinigung vieler an 
verschiedenen Orten geschehenden Eindrücke lässt vielmehr 
vermuthen, dass hier die Idee erst in den Ganglienzellen des 
Rückenmarkes gebildet werde, wenn es nicht etwa die Func- 
tion der Spinalganglien sein sollte, die von verschiedenen 
Orten zusammen kommenden Eindrücke zu einer Idee zu 
vereinigen. Letzteres würde um so eher zu vermuthen sein ? 
wenn die Spinalganglien in der That, wie R. Wagner be- 
hauptet, nur bipolare Ganglienzellen enthalten, in so ferne 
dadurch die Vermittelung von Reflexbewegungen durch diese 
Ganglien, die man sonst wohl voraussetzen könnte, ganz un- 
wahrscheinlich werden würde. 

Sowohl die peripherischen, als die centralen Uebergänge 
und die dadurch gebildeten Kreise der Nerventhätigkeit kom- 
men besonders deutlich zum Vorschein in der Thätigkeit der 
Sinnesorgane, wobei Wahrnehmen und Aufmerken sich gegen- 
seitig anregen und bedingen und stets in einander übergehen. 


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Die Klarheit und Deutlichkeit der sinnlichen Wahrnehmung 
steht immer in direetem Verhältniss zu der Aufmerksamkeit: 
fehlt diese ganz, so können Auge und Ohr leuchtenden und 
tönenden Objecte zugewandt sein, ohne dass wir etwas sehen 
und hören. Die Aufmerksamkeit ist aber nichts Anderes, als 
eine in centrifugaler Richtung von der Seele oder dem Ge- 
hirne aus zu den Sinnesorganen fortgehende Bewegung. Sie 
bewirkt beim Sehen die Richtung des Auges auf den sicht- 
baren Gegenstand, ein Hin- und Herbewegen desselben und 
die innere Accomodation nach der Entfernung; beim Hören 
eine Spannung des Trommelfells und die Wendung des Kop- 
fes nach der Richtung des Schalles; beim Riechen die Er- 
weiterung der Nasenlöcher und ein wiederholtes stärkeres 
Einziehen der Luft; beim Schmecken Bewegungen der Zunge 
und Kiefer und vermehrte Speichclaussonderung; beim Tasten 
Fortbewegungen der Hand und Finger von einem Puncte der 
Oberfläche zum anderen. Diese Bewegungen sind nothwen- 
dige Bedingungen des deutlichen Wahrnehmens. Ruht unsere 
Hand unbeweglich auf einem Gegenstände, so erfahren wir 
fast gar nichts, weder von seiner Form, noch von der Be- 
schaffenheit seiner Oberfläche; liegt eine bittere Substanz auf 
der unbewegten Zunge, so schmecken wir sie kaum u. s. w. 
Sobald auf der anderen Seite irgend ein undeutlicher Ein- 
druck auf einen Sinnesnerven gemacht wird, folgt auf der 
Stelle die Reflexbewegung der Aufmerksamkeit, und nur durch 
Vereinigung beider Bewegungen und wiederholte reflectirte 
Bewegung nach beiden Seiten kommt eine deutliche Wahr- 
nehmung zu Stande, zu deren Hervorbringung ein einmaliges 
flüchtiges Anschauen nicht genügt. 

Wir können unsere Aufmerksamkeit nach Belieben auf 
jeden Theil unseres Körpers richten, und erhalten dadurch 
sogleich eine deutlichere Wahrnehmung von der Form und dein 
Zustande desselben. Diese Wahrnehmungen werden bedingt 
durch die Anzahl und Vertheilung der Nerven, durch welche 
die Aufmerksamkeit sich zu dem Theile fortbewegen, und von 
welchen die Wahrnehmung in rückgängiger Bewegung zum 
Rückenmark gelangen kann. Von dem Zustande innerer 


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Theile, namentlich der Eingeweide, erhalten wir auf diese 
Weise fast gar keine Wahrnehmungen; sehr deutliche dage- 
gen von den Fingern, in deren Spitzen ich zugleich ein eigen- 
thümiiches durch die Ilautncrven vermitteltes Gefühl und gleich- 
sam eine oberflächliche innere Bewegung zu bemerken glaube, 
wenn ich meine Aufmerksamkeit anhaltend ihnen zu wende. 

Jedes im Gehirn hervorgerufene oder durch Auge und 
Ohr demselben zugeführte Wort hat bei seiner inneren Fort- 
bewegung zugleich die Neigung, sich auf die Sprachwerk- 
zeuge zu reflectiren und jedes unhörbar gesprochene Wort 
kehrt durch centripetale Bewegung sogleich zu den Hirn- 
ganglien und zum Gehirne zurück. Hörbar gesprochene 
Worte kehren zugleich durch das Ohr zurück, und der be- 
sondere Nervenkreis, welcher das Ohr mit den Sprachwerk- 
zeugen verbindet, macht zum Nachbilden gehörter Worte 
und Töne geneigt, bedingt das Sprechenlernen bei dem Kinde, 
und begründet die Möglichkeit, manche Vögel zum Nach- 
sprechen von Worten und zum Nachsingen von Melodien 
abzurichten. Die Einwirkungen und Rückwirkungen, welche 
zwischen dem Gemüthe und dem Mienenspiele Statt finden, 
werden durch einen besonderen Nervenkreis vermittelst des 
facialis und trigeminus vollzogen. Ueber den Nervenkreis, 
welcher das Gemüth mit dem Herzen verbindet, und die durch 
wiederholte Reflexion nach beiden Seiten entstehende Ver- 
stärkung von Gefühlen habe ich mich schon früher ausge- 
sprochen, so wie ebenfalls über die analogen Beziehungen 
zwischen dem Gemüthe und den Eingeweiden, namentlich 
den Verdauungsorganen und Geschlechtswerkzeugen. 

Dass das Denken, Fühlen und Wollen in den verschiede- 
nen Sphären ihrer Thätigkeit nur durch ein kreisförmiges 
Zusammenschlüssen entgegengesetzter, sich gegenseitig an- 
regender und in einander übergehender Bewegungen zu Stande 
komme, glaube ich genügend nachgewiesen zu haben. In so 
weit wir aber das Gehirn als Organ der Seelenthätigkeit an- 
erkennen und dessen Struetur uns bekannt ist, müssen wir 
voraussetzen, dass auch im Gehirne centrifugale und centri- 
petale Bewegungen in verschiedenen Schichten, Strängen und 


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Fasern seiner Nervenmasse vor sieh gehen, und dass die 
durch das Gehirn vermittelten Processe der Seelenthätigkeit 
durch Wechselwirkung und Verbindung verschiedener Ner- 
venschichten, durch Reflexionen, durch centrale und periphe- 
rische Uebergänge einer Bewegungrichtung in die andere 
vermittelt werden. Wer die erforderliche Zeit und Mühe 

darauf verwenden will, kann sich durch Selbstbeobachtung 
dessen, was in seinem eigenen Bewusstsein vorgeht, von den 
alternirenden Bewegungen seiner Seelenthätigkeit und ihrem 
Uebergehen in einander, wie ich glaube, ziemlich leicht über- 
zeugen. Es wäre jedoch möglich, dass mir dies leichter er- 
scheint, als es ist, weil ich mich während einer Reihe von 
Jahren unablässig damit beschäftigt habe, und zuletzt kaum 
an etwas denken konnte, ohne zugleich dem Ursprünge und 
Fortgange meiner Gedanken und etwaniger gleichzeitiger Em- 
pfindungen nachzuspüren. 

Wir sehen also, dass alle besonderen und einzelnen Er- 
scheinungen des Seelenlebens vermittelt werden durch Bewe- 
gungen in besonderen, mehr oder weniger selbständig wir- 
kenden Nervenkreisen, und dass durch diese Bewegungen 
Ideen erzeugt und ausgeführt werden. Ob sich wirklich Ideen 
in den Nerven fortbewegen, ob überhaupt wirkliche Strömun- 
gen in eigentlichem Sinne des Wortes in ihnen vor sich gehen, 
wollen wir dahin gestellt sein lassen, und nur um einen be- 
quemen Ausdruck für diese Bewegungen zu haben, sie als 
Strömungen bezeichnen. Wir werden aber schon durch das 
eigene Bewusstsein der Einheit unseres Seelenlebens dazu 
genöthigt, eine Vereinigung aller besonderen Strömungen zu 
einem allgemeinen Ideen- oder Nervenkreislaufc' voraus zu 
setzen. Wir werden fortwährend von dem Zustande des 
Körpers und seiner verschiedenen Theile, von der Stellung 
und Haltung aller Glieder unterrichtet, was nur dadurch ge- 
schehen kann, dass von allen Seiten her alle centripetale Strö- 
mungen zusammenfliessen. Auf der anderen Seite können 
wir unsere Aufmerksamkeit auf jeden Theil des Körpers rich- 
ten, durch unser Wollen jedes Glied bewegen, und wir müs- 
sen daraus schliessen, dass centrifugale Strömungen von einem 


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Orte aus durch den ganzen Körper und alle seine Theile 
nach allen Seiten hin verlaufen können. Wir bemerken fer- 
ner, dass zu verschiedenen Zeiten verschiedene Grade von 
Spannung oder Erschlaffung in dem ganzen Körper vorherr- 
schen, dass alle besonderen Thätigkeiten zu derselben Zeit 
gleichinässig bald leichter, bald schwerer, bald rascher, bald 
langsamer erfolgen und in abnormen Zuständen sehen wir die 
krankhaften Veränderungen sich über das ganze Nerven- 
system oder wenigstens über den grössten Theil desselben 
verbreiten. Namentlich ist dies der Fall bei den Erschei- 
nungen des turgor vitalis, den Wirkungen des Strychnins 
oder des Einathmens von Aether und Chloroform, bei allge- 
meinen epileptischen und hysterischen Krämpfen, in der Ma- 
nie und Melancholie, bei Ohnmächten und Scheintod. Am 
auffallendsten sind in dieser Beziehung die Erscheinungen der 
Katalepsis, wobei, wenn sie als selbständige Krankheit auf- 
tritt, in vorübergehenden Anfällen sich eine völlige, plötzlich 
eintretende Bewusstlosigkeit mit sogenannter wächserner Bieg- 
samkeit der Glieder verbindet, so dass der Kranke selbst 
sie nicht bewegt, dass sie aber ohne erheblichen Widerstand 
in jede beliebige Stellung gebracht werden können und in 
der gegebenen Stellung, wenn diese auch noch so ungewöhn- 
lich und seltsam ist, so lange beharren, bis durch äussere 
mechanische Einwirkung eine Veränderung derselben hervor- 
gebraebt wird. Aus allen diesen und anderen Vorgängen 
und Erscheinungen müssen wir schliessen: dass in dem Ge- 
hirne und Nervensysteme fortwährend ein allge- 
meiner Kreislauf centrifugaler und centripetaler 
Stömunge'n Statt findet, welcher theils im Allge- 
meinen, theils in den einzelnen ihn zusammenset- 
zenden Nervenkreisen veränderlich ist, verstärkt 
oder vermindert werden kann, und dass dadurch 
bald im ganzen Organismus, bald in einzelnen Or- 
ganen eine grössere oder geringere Spannung oder 
Innervation erzeugt wird, welche mehr oder we- 
niger zu lebendiger Thätigkeit befähigt und die- 
selbe hervorruft. 


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4-25 


So wie im Gefässsystcme alle Aufnahmen und Ausschei- 
dungen von Stoffen an den Uebergangsstellen der Arterien in 
die Venen, in den sogenannten Capillargeflissen geschehen, 
eben so geschieht das Aufnehmen von Eindrücken durch die 
Nerven und das Einwirken derselben auf die Muskeln und 
Secretionsorgane in den peripherischen Uebergangspuncten 
der centrifugalen und centripetalen Strömungen in einander. 
Eine gleichmässige , ruhige, weder zu schnelle und hastige, 
noch zu langsame und träge Fortbewegung des Blutes be- 
günstigt den Stoffwechsel, die Ernährung und Absonderung; 
dasselbe scheint auch in Beziehung auf die Strömungen im 
Nervensysteme zu gelten. Durch eine massige Verstärkung 
der Strömung in den Sinnesnerven scheint die Aufmerksam- 
keit sie geeigneter zu machen zur Aufnahme von Sinnesein- 
drücken; bei einer massigen Verstärkung der Innervation in 
den betreffenden motorischen Nerven scheinen die Muskelbe- 
wegungen am regelmässigsten und geordnetsten zu erfolgen, 
und von den deutlichsten Wahrnehmungen begleitet zu wer- 
den. Uebermässige Verstärkungen der Innervation, wie sie 
bei heftigen Gemüthsbewegungen und in krankhaft exaltir- 
ten Gemüthszuständen Vorkommen, können imregelmässige, 
hastige und gewaltsame Bewegungen und undeutliche, ver- 
worrene Wahrnehmungen zur Folge haben, so wie auf der 
anderen Seite in Folge verminderter Innervation bei depri- 
mirenden Gemüthsaffecten und in melancholischen Gemüths- 
krankheiten die Wahrnehmungen undeutlich und unvollstän- 
dig, die Bewegungen langsam, träge und schwerfällig werden. 
Wahrscheinlich wird eine allgemeine, ruhige und regelmässige 
Strömung durch das Rückenmark unterhalten, allgemeine oder 
partielle Steigerung oder Schwächung einerseits durch äussere 
Eindrücke, andrerseits durch Einwirkungen des grossen und 
kleinen Gehirnes hervorgerufen. Der allgemeine Nervenkreis- 
lauf geht daher auch im Schlafe ungestört von Statten: er 
bedarf zu seiner Fortdauer der Thätigkeit des Geistes und 
des grossen Gehirnes nicht. Ob das Gemüth am Schlafe 
Theil nimmt, und ob die Mitwirkung des kleinen Gehirnes 
zur ungestörten Fortdauer des Nervenkreislaufes entbehrt 


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426 


werden kann, erscheint zweifelhaft, und ist jedenfalls erst 
durch eine genauere Untersuchung festzustellen. 

Der centrale Uebergang centripetaler Strömungen in cen- 
trifugale wird, wie jetzt allgemein angenommen wird, vermit- 
telt durch Wechselwirkung von grauer und weisser Nerven- 
substanz, oder, nach R. Wagner, durch die centralen En- 
dungen aller Primitivfasern in multipolare Ganglienzellen und 
deren Verbindungen sowohl unter einander, als mit den aus 
ihnen hervorgehenden motorischen Primitivfasern. Im Rücken- 
marke finden wir die graue Substanz in continuirlichen, so- 
genannten grauen Strängen im Linern gelagert, im grossen 
und kleinen Gehirn kehren sich die Lagerungsverhältnisse 
um. Wenn wir die Hirnganglien, wie es geschehen muss, 
als die oberen Endungen des Rückenmarkes betrachten, so 
finden wir im Innern des Gehirns nur weisse Marksubstanz, 
äusserlich in der ganzen Peripherie von einer Schicht grauer 
Substanz überzogen. Die Bewegungen kehren sich aber im 
Gehirne in derselben Weise um, wie die Bewegungen des 
Blutes bei seinem Uebergange aus dem grossen Kreisläufe 
in den kleinen oder Lungenkreislauf. Bezeichnen wir die 
Bewegungen von innen nach aussen als active, die Bewe- 
gungen von aussen nach innen als passive: so sind in der 
Sphäre des Rückenmarkes die activen Bewegungen centrifu- 
gal, die passiven centripetal; im Gehirne hingegen sind die 
activen Bewegungen der Richtung nach centripetal, von der 
Peripherie zum Centrum fortgehend, die passiven Bewegun- 
gungen centrifugal, indem sie von der Mitte zur Peripherie 
sich fortpflanzen. Angemessener wäre es daher, die passiven 
Bewegungen aufnehmende, die activen ausführende zu 
nennen, da die Namen centrifugal und centripetal nicht allge- 
mein passen, und noch weniger die Benennungen motorisch 
und sensibel. Der Function oder der Wirkung nach ist die- 
selbe Bewegung, welche im Rückenmark und in den Nerven 
von innen nach aussen geht, im grossen und kleinen Gehirn 
von aussen nach innen gerichtet und durch die Namen cen- 
trifugal und centripetal werden nur dann gleiche Functionen 
bezeichnet, wenn man im Rückenmark das Innere, im grossen 


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427 


und kleinen Gehirn die äussere Oberfläche als das Centrum 
der Bewegung betrachtet. Bemerkens werth ist vielleicht in 
Beziehung auf diese Umkehrung der Verhältnisse, dass in 
der Verbindung der grossen Hirnganglien mit dem Gehirne 
an der Uebergangsstelle zugleich eine allgemeine Kreuzung 
der Nerval fasern Statt findet. 

Nimmt man an, dass die Nervenfasern nur im Stande 
sind, Eindrücke oder Ideen fortzuleiten, die Erzeugung oder 
Ausführung von Ideen aber bedingt werde durch Wechsel- 
wirkung zwischen grauer und weisser Substanz, oder Ver- 
bindungen von Primitivfasern mit Nerven- oder Ganglienzel- 
len: so lassen sich aus dieser einfachen Theorie die wichtigsten 
Folgerungen in Beziehung auf die Functionen des Gehirns 
und Rückenmarkes herleiten. Wenn z. B. die Fasern des 
Sehnerven hauptsächlich in der grauen Substanz der Sehhü- 
gel endigen, so muss in dieser die Aufnahme der sichtbaren 
Eindrücke vollendet werden und die in der Netzhaut begin- 
nende Wahrnehmung sich dort zu einem bestimmten und 
deutlichen Bilde oder zu einem unmittelbaren Wissen gestal- 
ten. Sehen wir nun zahlreiche Fasern der hinteren Rücken- 
marksstränge ebenfalls in den Sehhügel eingehen, so müssen 
wir vermuthen, dass die von ihnen fortgeleiteten Eindrücke 
dort ebenfalls zu einem bestimmten Wahrnehmen und bewusst- 
losem Wissen vollendet werden, und dies führt auf den Ge- 
danken, dass der Sehhügel oder die Ganglien des grossen 
Gehirnes Centralorgane für die sinnliche Wahrnehmung und 
das bewusstlose Wissen sein möchten. Finden wir ferner, 
dass in den Sehhügel, Streifenhügel und Linsenkerne einer- 
seits zahlreiche Fasern des Sehnerven und der hinteren sen- 
siblen Rückenmarksstränge hineingehen, andererseits zahlreiche 
Fasern des unteren Theiles der Schenkel des grossen Gehir- 
nes daraus hervorgehen und sich in die motorischen Seiten- 
stränge des Rückenmarkes fortsetzen: so kommen wir auf 
den Gedanken, dass die grossen Hirnganglien zugleich das 
Centralorgan sein werden, von welchem die allgemeinen Re- 
actionen auf Sinneseindrücke ausgehen, und von welchem aus 
diejenigen Reflexbewegungen entspringen, zu deren Vollzie- 


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hung das ganze Rückenmark in Anspruch genommen wird. 
Sehen wir zugleich einen Theil der Fasern des Sehnerven 
sich zu den Vierhügeln begeben, und die Fasern des oculo- 
motorius grösstentheils aus ihnen hervorgehen, so müssen wir 
schliessen, dass durch sie die unwillkührliche Richtung des 
Auges auf den gesehenen Gegenstand und das fJtewusstlose 
Verfolgen eines sich bewegenden Gegenstandes vermittelt 
werden dürfte u. s. w. Es ist ersichtlich, dass wir, wenn die 
obigen Prämissen richtig sind, aus einer vollständigen Kennt- 
niss der anatomischen Structur des Gehirns und Rückenmar- 
kes die Functionen, nicht nur im Allgemeinen, sondern auch 
im Besonderen und Einzelnen, abzuleiten im Stande sein 
würden. 

Wenn die grossen Hirnganglien das Centralorgan für die 
sinnlichen Wahrnehmungen sind, und von ihnen aus die Ner- 
venfasern continuirlich bis zu der peripherischen grauen 
Substanz des grossen Gehirnes verlaufen, so müssen für das 
Gehirn selbst die Anfangspuncte der Aufnahme und die End- 
punete der Ausführung in den Hirnganglien, die Endpuncte 
der Aufnahme und die Anfangspuncte der Ausführung in der 
Peripherie des grossen Gehirnes liegen; mit anderen Worten: 
die Peripherie des grossen Gehirnes muss das Centralorgan 
sein für die Vorstellungen, für das Bewusstsein, das Ueber- 
legen und die Ausführung bewusster Vorsätze. Gehen andere, 
von der Peripherie des grossen Gehirns ausgehende Nerven- 
fäden, die Hirnganglien durchsetzend, continuirlich fort bis 
zu verschiedenen Puncten der grauen Stränge des Rücken- 
markes, so können auch von diesen Puncten aus Ideen un- 
mittelbar bis zu ihnen sich fortpflanzen. Wahrscheinlich sind 
in solcher Weise die grauen Stränge des Rüekenmsrkes an 
verschiedenen Orten und vielfach, sowohl unter einander als 
mit der Peripherie des Gehirnes verbunden; ob eine conti- 
nuirliche und ununterbrochene Fortsetzung von Nervenfasern 
von den peripherischen Nervenenden bis zu der Peripherie 
des grossen Gehirnes Statt findet, ist noch zweifelhaft, wird 
jedoch dadurch wahrscheinlich, dass die Ausführung willkühr- 
licher Bewegungen bald dem Rückenmarke allein überlassen 


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bleibt, bald direct von dein bewussten Willen mehr oder 
weniger auch im Einzelnen geleitet wird. Es ist nicht un- 
wahrscheinlich, dass directe Einwirkungen des bewussten 
Willens auf die motorischen Nerven durch die vorderen 
Stränge, indirecte durch die Seitenstränge des Rückenmarkes 
vermittelt werden könnten. 

Diesen Voraussetzungen gemäss können viele Bewegun- 
gen, wie wir es auch in der Wirklichkeit geschehen sehen, 
bald willkührlich, bald instinctartig, hald als Reflexbewegun- 
gen ausgeffihrt werden. Auf die Ausführung der meisten 
Bewegungen der Glieder hat die Willkühr einen directen Ein- 
fluss, andere Bewegungen kann sie aber nur indirect anregen, 
und muss die Ausführung dem Rückenmarke ganz und gar 
anheimfallen. Dies Letzere ist z. B. der Fall in Beziehung 
auf die Respirationsbewegungen, auf das Sprechen und Sin- 
gen. Der in einem Satze dargestellte Gedanke wird in der 
Peripherie des grossen Gehirnes vorgestellt und der in der- 
selben entstehende Vorsatz zum lauten Aussprechen des Satzes 
wird bis zu demjenigen Orte des Rückenmarkes fortgeleitet, 
wo der Centralpunct für die Regulirung der Sprachbewegun- 
gen sich befindet (corpus olivare?), und damit, ist der Vor- 
satz, so weit das Gehirn dabei betheiiigt ist, vollständig aus- 
geführt. Die weitere Ausführung, d. h. das laute Aussprechen 
des Satzes, ist nicht Sache des Verstandes oder des grossen 
Gehirns, sondern es wird instinctartig und unwillkührlich 
durch das Rückenmark vollzogen, in ähnlicher Weise, wie 
das Verschlucken eines durch die Bewegungen des Mundes 
und der Zunge dem Schlunde zugeführten Bissens. Ist der 
Vorsatz auf den bestimmten Ort des Rückenmarkes übertragen, 
so muss er ausgeführt werden; Verstand und Willkühr sind 
nicht im Stande, die Sprachbewegungen zu regeln, es hängt 
nicht einmal von ihnen ab, ob die Ausführung gut oder schlecht 
geschieht. Sie können z. B. beim Sprechen das Stottern oder 
Stammeln nicht verhüten, und nicht einmal mit Sicherheit 
das Versprechen, d. h. das Aussprechen ungehöriger Wörter. 
Wenn in demselben Augenblicke, wo wir bestimmte Worte 
aussprechen wollen, dem dabei thätigen Orte des Rücken- 


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markes von anderen Seiten her andere Worte mit grösserer 
Lebhaftigkeit zugefiihrt werden, so sagen wir etwas Anderes, 
als was wir sagen wollten. Beim Vorlesen z. B. werden des- 
halb nicht selten einzelne in dem Buche stehende Wörter mit 
anderen verwechselt, und wenn wir auch den Fehler sogleich 
bemerken und verbessern, so können wir doch die Wieder- 
holung desselben nicht mit Sicherheit vermeiden. 

Jede mehr oder weniger abgegränzte Vereinigung von 
grauer und weisser Nervensubstanz nennen wir ein Ganglion, 
und jedes Ganglion wird als ein besonderer Innervationsheerd 
betrachtet, d. h. als ein relativ mehr oder weniger selbstän- 
diges Centrum für die Aufnahme und Ausführung von Ideen. 
Erwägen wir nun, dass bei den wirbellosen Thieren der ganze 
Rückenmarksstrang aus gesonderten, durch Nervenfäden mit 
einander verbundenen Ganglien besteht, in dem Rückenmarke 
der Wirbelthiere und des Menschen dagegen die grauen 
Stränge continuirlich verlaufen: so liegt der Gedanke sehr 
nahe, dass das Letztere gleichsam eine Aneinanderreihung 
und Verschmelzung einer gewissen Anzahl von Ganglien sein 
werde. Das Vorherrschen von Längsfasern in demselben 
würde dieser Ansicht gemäss darauf beruhen, dass alle be- 
sonderen Centralpuncte nicht blos untereinander, wie bei den 
wirbellosen Thieren, sondern zugleich mit dem grossen und 
kleinen Gehirn in Verbindung und Wechselwirkung gesetzt 
werden mussten. In dem grossen Gehirne finden wir, wenn 
wir die Structur desselben an gehärteten Gehirnen von aussen 
her untersuchen, unter der grauen Substanz zunächst Faser- 
schichten, die von einer Windung zu der zunächst daran 
gränzenden verlaufen, dann Fasern, die zu der zweiten be- 
nachbarten Windung sich begeben und so geht es fort, so 
dass auch die entferntesten Windungen durch Gehirnfasern 
mit einander verbunden sind, und auf diese Weise die ver- 
schiedenen sogenannten Längsbündel des grossen Gehirns zu- 
sammengesetzt werden. Eine ganz ähnliche Structur zeigt 
das kleine Gehirn, und auch im Rückenmark werden wahr- 
scheinlich viele benachbarte und entfernt von einander liegende 


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Puncte der grauen Substanz durch Längsfasern mit einander 
in Verbindung gesetzt. 

Das Rückenmark enthält also wahrscheinlich eine grosse 
Zahl mehr oder weniger selbständiger, unter einander und 
mit dem grossen und kleinen Gehirn verbundener Innerva- 
tionsheerde oder Centralpuncte für die Aufnahme und Aus- 
führung bestimmter Ideen, für besondere Sensationen und 
combinirte Bewegungen. Es müssen namentlich besondere 
Centralpuncte existiren für das Athmen, Sprechen, Singen, 
für die Bewegungen der Augen, der Zunge und der Glieder, 
für das Kauen und Schlucken, für das Mienen- und Geber- 
denspiel, für den Einfluss des Rückenmarkes auf die Herz- 
bewegung, die Verdauung und die verschiedenen Se- und Ex- 
cretionen u. s. w. Da, wo die Nerven der oberen und unteren 
Extremitäten hervortreten, zeigt das Rückenmark eine merk- 
liche Anschwellung; dass die Bewegungen des Herzens und 
der Respirationsmuskeln an einem bestimmten Orte der me- 
dulla oblongata regulirt werden, wird allgemein angenommen, 
und eben so erscheinen die Vierhügel als das Centrum für 
die reflectirten Sehbewegungen. Budge, Ludwig und 
Bernard haben in neuerer Zeit in dem Rückenmark beson- 
dere Centralpuncte für die Bewegungen der Iris, die Abson- 
derung des Speichels und Urins entdeckt, und mit Recht sind 
die gegenwärtigen Bestrebungen vieler Physiologen darauf 
gerichtet, die Innervationsheerde für besondere Functionen im 
Rückenmarke zu ermitteln. 

In jedem besonderen Centralpuncte kann hiernach eine 
Empfindung, eine Wahrnehmung oder ein unmittelbares be- 
wusstloses Wissen entstehen, und von jedem eine instinctartige, 
unwillkührliche, ideelle Bewegung ausgehen. Jede Empfin- 
dung kann sich aber fortpflanzen auf benachbarte Central- 
puncte, bis zu dem oberen Ende des Rückenmarkes hinauf 
und bis in das grosse und kleine Gehirn hinein. Jede Be- 
wegung kann hinabsteigen von einem Centralpuncte zum an- 
deren, und vom grossen oder kleinen Gehirne sich fortpflan- 
zen auf jeden besonderen Centralpunct des Rückenmarkes. 
Das in verschiedenen Anschwellungen und namentlich in den 


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Ganglien des grossen und kleinen Gehirnes am meisten ent- 
wickelte obere Ende des Rückenmarkes ist als das Haupt- 
centrum für alle bewusstlosen Wahrnehmungen, Empfindungen 
und Bewegungen zu betrachten, so wie für die Wechselwir- 
kung zwischen ihm und dem grossen und kleinen Gehirn. 

In Folge dieser Structur kann, wie schon früher erwähnt 
wurde, jede Reizung eines sensiblen Nerven, ohne sich zum 
Gehirn fortzupflanzen , im Rückenmarke eine unwillkürliche 
und instinctartige Reflexbewegung hervorrufen. Möglicher 
Weise könnte dies schon geschehen in den Spinalganglien, 
wenn von den an ihnen angehefteten motorischen Nerven Fäden 
in sie hineingehen. Sie könnten zum Schutze verschiedener 
Körpertheile dienen, indem z. B. das schnelle und augenblick- 
liche Zurückziehen eines Gliedes bei schmerzhafter Berührung 
durch sie vermittelt würde. In directem Verhältnisse zu der 
vorhandenen Reizbarkeit und zu der Stärke des Reizes be- 
schränkt sich dessen Einwirkung auf einen Centralpunet oder 
verbreitet sich weiter, wie auch die Reflexbewegungen bei 
decapitirten oder tetanisirten Thieren sich auf ein Glied be- 
schränken oder auf alle Glieder ausdehnen können. Im leben- 
digen und wachenden Zustande pflegt sich der Reiz zugleich 
zum grossen und kleinen Gehirne fortzusetzen, und er kann 
auch dort Reflexbewegungen hervorrufen; in der Regel be- 
wirkt er aber alsdann zunächst eine innere Reflexion und eine 
innere Kreisbewegung, ein innerliches Ueberlegen und Nach- 
denken, eine innere Wechselwirkung zwischen Geist und Ge- 
müth, und dann erst erfolgt die Reaction in der Form be- 
stimmter, bewusster und willkührlicher, aus Trieben und 
Vorsätzen hervorgehender Handlungen. 

Dass dieselben Bewegungen bald als einfache und unwill- 
kürliche Reflexbewegungen, bald als absichtliche, bewusste 
und willkührliche Handlungen zu Stande kommen, lässt sich 
an vielen Beispielen deutlich naehweisen. Jeder Eindruck 
auf den Sehnerven veranlasst uns, durch einfache Reflexbe- 
wegung das Auge auf den wahrgenominenen Gegenstand zu 
richten; geht er in eine Vorstellung über, und entsteht in 
uns der Vorsatz, den Gegenstand zu betrachten, so thun wir 


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dasselbe mit Bewusstsein und Willkühr. Wir ziehen die 
Hand unwillkührüch zurück, wenn wir einen heissen oder 
stechenden Körper berühren, wir vermeiden beim Gehen einen 
im Wege liegenden Stein, ohne es zu bemerken, wir verän- 
dern im Schlafe eine unbequeme Stellung, wir lesen und 
schreiben und beantworten Fragen, ohne daran zu denken, 
aber was wir in solchen Fällen unwillkührüch und bewusst- 
los thun, das vollziehen wir in völlig gleicher Weise, wenn 
wir es in Folge eines bewussten Vorsatzes ausfiihren. Von 
besonderem Interesse ist in dieser Beziehung der mehrfach er- 
wähnte Einfluss des Sehens auf die Regulirung der Körper- 
bewegungen. Wenn wir Lesen, Schreiben, Clavier spielen 
lernen, so müssen wir auf eine mühsame Weise jeden Buch- 
staben und jede Note durch unsere Verstandesthätigkeit ken- 
nen, auffinden, aussprechen, nachschreiben oder nachspielen 
lernen, und der Uebergang von dem Sehen zu der auszu- 
führenden Bewegung wird durch ein vorstellendes Ueberlegen 
vermittelt, d. h. die Bewegung geht von dem Sehnerven zu 
den Hirnganglien, von da zur Peripherie des grossen Gehir- 
nes und dann erst wieder zu den Hirnganglien zurück, um 
schliesslich zu demjenigen Centralpuncte des Rückenmarkes 
zu gelangen, durch dessen ideelle Thätigkeit die Bewegung 
ausgeführt wird. Haben wir uns die nöthige Fertigkeit an- 
geeignet, sp bedarf es dieses Umweges nicht mehr, Verstand 
und Gehirn können beim Lesen, Abschreiben oder Clavier 
spielen ganz unthätig bleiben, und sogar anderweitig beschäf- 
tigt sein, ohne dass der Fortgang der Sache dadurch gestört 
wird: die Bewegung gelangt direct von dem Sehnerven durch 
die Hirnganglien an den bestimmten Ort des Rückenmarkes. 
Die erforderlichen Muskelbewegungen erfolgen dabei mit einer 
Schnelligkeit und Präcision, welche niemals erreicht werden 
könnte, wenn die Thätigkeit des Verstandes fortwährend mit- 
wirken müsste. Gäbe es keine relativ selbständige, bestimmte 
complicirte Bewegungen vernünftig ordnende und leitende 
Centralpuncte im Rückenmarke , so würden wir schwerlich 
fertig sprechen, lesen und schreiben lernen, Virtuosen und 
Equilibristen würde es aber gewiss nicht geben. Bei man- 

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chen Thieren, namentlich bei den Hunden, hat der Geruch 
eine ähnliche Bedeutung und Function, wie das Sehen bei 
dem Menschen; wo aber der Geruch einen so bedeutenden 
Einfluss auf das ganze Seelenleben hat, da ist auch der Riech- 
nerv ausserordentlich stark entwickelt und steht wahrschein- 
lich ebenfalls mit verschiedenen motorischen Centralpuncten 
des Rückenmarkes in besonderer Verbindung. 

So wie das Rückenmark mit seinen Nerven die ursprüng- 
lich durch Mitwirkung des Gehirnes erworbenen Fertigkeiten 
nachher selbständig und ohne alle Theilnahme des Gehirnes 
ausübt: eben so vollzieht das Gehirn während des ganzen 
Lebens unendlich Vieles selbständig, wozu es ursprünglich 
nur durch Mitwirkung der selbstbewussten Geistesthätigkeit 
gelangen konnte. In demselben Lebensalter, in welchem das 
Kind anfängt, zu denken und zu sprechen, fängt auch die 
höhere Geistesthätigkeit zu wirken an, und ohne ihre Mitwir- 
kung würde der Mensch weder sprechen noch denken lernen, 
noch irgend eine Erkenntniss und Wissenschaft sich aneignen, 
er würde viehnehr in seiner Entwicklung auf der Stufe des 
Thieres stehen bleiben, und sein Gehirn nicht mehr leisten, 
als das der Thiere. Aber alle Gedanken und alle Kennt- 
nisse, welche unter Mitwirkung der höheren Geistesthätigkeit 
im Gehirn producirt oder aufgenommen und das Eigenthum 
des Menschen geworden sind, kann das Gehirn späterhin für 
sich allein reproduciren und auf mannichfache Weise anwen- 
den, ohne dass es alsdann noch jener Mitwirkung bedürfte, 
und ohne dass die Resultate zum Selbstbewusstsein zu ge- 
langen brauchen. Auf dieselbe Weise, wie wir vermittelst 
der Sehnerven und des Rückenmarkes lesen, vorlesen, ab- 
schreiben und Clavier spielen können ohne Mitwirkung des 
Gehirnes und Verstandes, können wir vermittelst des Gehir- 
nes allein denken, überlegen, urtheilen, sprechen und han- 
deln ohne Mitwirkung der selbstbewussten Geistesthätigkeit. 
Durch unser Nachdenken erziehen wir gleichsam unser Ge- 
hirn zum verständigen Denken, und je besser es